Die Arbeitszeit des Jahres 1877 wurde zum größten Teil durch

ein Illustrationswerk in Anspruch genommen. Zur hundertsten

Jahreswiederkehr der Geburt von Heinrich von Kleist veröffentlichte

die Verlagshandlung A. Hoffmann & Co. in Berlin eine Prachtausgabe

von dessen Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ mit Bildern von Menzel.

Die Holzschneidekunst hatte große Fortschritte gemacht in den letzten

Jahrzehnten, und Bücher mit Holzschnittbildern waren in unzählbarer

Menge entstanden. Da vielen Malern das Holzzeichnen zu unbequem,

auch das Arbeiten in größerem Maßstab geläufiger war, wurde es

sehr beliebt, die Illustrationen nicht mehr unmittelbar auf den

Stock zu zeichnen, sondern dieselben mit beliebigem Material und in

beliebiger Größe auf Papier auszuführen und dann photographisch auf

den Holzstock übertragen zu lassen. Auch Menzel machte bei seinen

Abbildungen zum „Zerbrochenen Krug“, die er dem Kronprinzen Friedrich

Wilhelm widmete, von dieser scheinbaren Erleichterung Gebrauch. In

humoristischer Weise deutet er in einer Vignette, welche er für das

Titelblatt des Buches zeichnete, auf dieses ihm neue Verfahren hin:

da sitzen auf den Ecken einer Kartusche, in der ein fallender Krug

und die Werkzeuge des Zeichners und des Holzschneiders abgebildet

sind, zwei Putten, von denen der eine einen photographischen Apparat

zurechtrückt, während der andere das Druckergerät erwartungsvoll bereit

hält. Menzel führte die Illustrationen, 34 an der Zahl, zum Teil in

größerem Maßstab als Tuschzeichnungen aus, zum Teil in kleinerem

Maßstab mit der Feder in derselben klaren Schärfe, als ob er auf den

Holzstock zeichnete. Den Anfang der Bilder macht ein geistreiches

Kopfstück zu der von Dingelstedt geschriebenen Einleitung. Da sieht man

eine Marmortafel, auf der zwischen der komischen und der tragischen

Maske die Jahreszahl 1777 und eine Wiege angebracht sind, als Hinweis

darauf, daß es sich um das Geburtsfest des Dichters handelt. Darüber

erblickt man Kleists Bildnis zwischen den Gestalten der ernsten

und der heiteren Muse, das enthüllt und von Putten bekränzt und

abgestäubt wird. Unten wirft ein fliegender kleiner Genius eine Schere

und ein Pfeifchen in das Feuer, das aus einem zerbrochenen Kruge

aufschlägt: das bezieht sich darauf, daß Dingelstedt berichtet, wie

dem Lustspiel bisher durch Auspfeifen und durch Beschneiden Unrecht

geschehen sei. Die Einleitung beginnt mit den Worten: „Er hat viel

Kopfzerbrechens verursacht, dieser zerbrochene Krug.“ Diese Worte

verbildlicht Menzel, indem er zum Tragen des zerbrochenen Kruges und

zur Aufnahme des Anfangs-E eine aus viereckigen Fliesen, wie sie in

Holland zur Wandbekleidung benutzt werden, zusammengefügte Figur

zeichnet, welche die Teile des Menzelschen Kopfes enthalten, aber

falsch zusammengesetzt sind, so daß die Teile nirgends aneinander

passen. Am Schluß der Einleitung, wo deren Verfasser die Hoffnung

ausspricht, daß das Stück zu seiner verdienten Würdigung auf der

Bühne kommen werde, zeichnet Menzel das Publikum, das sich vor dem

Theatereingang an der Kasse drängt. Das nächste Bild, ganzseitig,

bringt das Personenverzeichnis des Lustspiels, auf einen Theatervorhang

geschrieben, vor dem die Sitzreihen des Parketts sich füllen. Dann

beginnt die Illustration des Stückes selbst, die aus Bildern am Kopfe

und am Schluß eines jeden der dreizehn Auftritte und außerdem vier

größeren, ganzseitigen Bildern besteht. Menzel verlegt die Zeit der

Handlung in das letzte Viertel des XVIII. Jahrhunderts. Als Ort der

Handlung ist die Gerichtsstube, die zugleich vom Dorfrichter als

Wohnzimmer benutzt wird, vorgeschrieben. Aber der Zeichner beschränkt

sich nicht auf diesen Schauplatz; sondern er macht die Wirkung seiner

Verbildlichung der Begebenheit des Lustspieles sehr viel lebendiger

und eindrucksvoller dadurch, daß er auch dasjenige, was auf der Bühne

nicht gezeigt werden kann, dasjenige, was sich draußen zuträgt und was

man aus den Aussagen der Personen erfährt, vorführt. Sein Humor paßt

sich demjenigen des Dichters auf das köstlichste an. Ausgezeichnet ist

gleich das Anfangsbild, wo der Dorfrichter Adam in Gegenwart des ihn

durchschauenden Schreibers Licht sich mit den schmerzhaften Folgen

seines nächtlichen Abenteuers beschäftigt. Am Schluß der Scene naht

das Verhängnis in Gestalt eines durch den Schnee stapfenden Bedienten

des Herrn Gerichtsrates, der dessen unerwartete Ankunft dem Richter

melden soll. Nun tummeln sich die Mägde, draußen heimlich lachend, das

Eß- und Trinkgeschirr aus der Gerichtsstube zu schaffen, in der man

den Richter selbst einen verzweifelten Versuch machen sieht, in den

Aktenstößen aufzuräumen. Eine kleine Vignette illustriert scherzhaft

die Ausrede, welche der alte Sünder für das Abhandengekommensein

seiner Perücke vorbringt: die Hauskatze trägt die Perücke fort, an

der statt des Zopfes ein Fragezeichen hängt. Drei Bilder sind dem

Schlimmes bedeutenden Traum gewidmet, den der Richter seinem Schreiber

erzählt: ein reizend erdachtes, lustiges Kopfstück schildert das

Walten der Traumfee in der verhängnisvollen Nacht; dann sieht man

in einer großen wirkungsvollen Darstellung den Schuldbewußten sich

unter der beängstigenden Qual des Traumes im Bette winden; und das

Ende des Traumgesichts: „und mußten in den Fichten übernachten“ --

verbildlicht ein mitten im tiefverschneiten Walde stehendes leeres

Bettgestell. Der Herr Gerichtsrat, ein wohlwollend aussehender alter

Herr, erscheint in der Thüre, ehrerbietigst von dem perückenlosen

Richter und dem glatten Schreiber begrüßt. Der Büttel, der gerufen

wird, um die Parteien zum Gerichtstag zu laden, tritt mit beschneiten

Stiefeln von draußen herein. In dem Kopfstück zum nächsten Auftritt

sieht man, was der Leser oder der Zuschauer im Theater erst viel später

erfährt. Da hängt die Perücke des Richters in dem Weinstock unter dem

Fenster, durch das er in der Nacht gesprungen; und neugierig spürt Frau

Brigitte den Fußstapfen im Schnee nach. Während sich so die Entlarvung

des Schuldigen vorbereitet, muß dieser sich notgedrungen entschließen,

perückenlos die Amtsrobe anzuziehen (Abb. 83). Denn schon sieht man

Frau Marthe, der ihre Tochter Eva folgt, mit großen Schritten, die

Scherben des Kruges in den Händen, auf die Thür des Gerichtshauses

zugehen. Darauf sieht man die in der Gerichtsstube Erschienenen zuerst

noch untereinander zanken; im Hintergrund stehen, auf das Auftreten des

Richters wartend, der Gerichtsrat und der Schreiber -- Meisterwerke

des Ausdrucks. Der Richter versucht vor Beginn der Verhandlung,

der Zeugin Eva heimlich zuzureden, was von dieser ebenso mißfällig

aufgenommenen wird, wie von dem hohen Vorgesetzten. Dann versetzt ein

großes Bild uns mitten in die mit lautem Schreien geführte Verhandlung

mit der Klägerin Frau Marthe (Modellstudien hierzu in Abb. 81); und

ein weiteres prächtig malerisches und ausdrucksvolles Vollbild führt

uns den kritischen nächtlichen Vorgang in Evas Stube vor Augen,

durch den der Bräutigam Ruprecht in den Verdacht gekommen ist, den

wertvollen Krug zerbrochen zu haben. In der Verlegenheit, in welche

die strenge Beaufsichtigung von seiten des Vorgesetzten ihn bringt,

wird dem Richter schwül; er klingelt stürmisch nach der Bedienung.

Eine Magd fragt durch die Thüre nach seinen Wünschen. Die Magd bringt

mit gemessener Würde ein Glas Wasser ins Gerichtszimmer (Abb. 84). Nun

wird Eva als Zeugin vernommen; Ruprecht fällt ihr tobend ins Wort,

Richter Adam schreit diesen an, Schreiber Licht taucht die Feder

schreibbegierig ein; was der Gerichtsrat, dessen Gesichtsausdruck in

der allmählichen Umwandlung von dem ursprünglichen Wohlwollen durch die

verschiedenen Bilder zu verfolgen ein wahres Vergnügen ist, was der in

diesem Augenblick denkt, das sieht man nicht; er niest eben, nachdem

er auf dem vorigen Bild bedächtig eine Prise genommen. Am Schluß

dieses Auftritts, wo der Befehl des Gerichtsrates, Frau Brigitte als

Zeugin herbeizurufen, eine Unterbrechung in die Sitzung bringt, tritt

der Beschauer sozusagen mit dem Büttel und dem Schreiber hinaus ins

Freie, wo auf der Straße und auf dem Steg des Kanals neugierige Frauen

und nichtsnutzige Straßenjungen durch das Erscheinen jener beiden

Amtspersonen in Aufregung versetzt werden. Drinnen tragen die Mägde

schmunzelnd einen Imbiß auf; hastig und aufgeregt füllt der Richter die

Weingläser, während der Gerichtsrat in ruhigem Gespräch mit den Leuten

einen klaren Einblick in die verdächtige Sache zu gewinnen sucht. Und

dann sieht man wieder draußen den Schreiber Licht mit eiligen Schritten

zurückkommen und hinter ihm drein, unter staunendem Auflauf des Volkes,

Frau Brigitte mit der verräterischen Perücke in der Hand. Darauf treten

diese beiden in die Gerichtsstube, und die Augen des Gerichtsrates

sperren sich weit auf beim Anblick des den Richter ganz vernichtenden

Beweismittels; kostbar ist auch der Gesichtsausdruck des Schreibers,

dessen Aussichten, Herrn Adams Stelle zu bekommen, in dem Maße wachsen,

wie dieser in den Augen des hohen Vorgesetzten immer tiefer sinkt. Des

Richters ganzes falsches Spiel ist durchschaut; von den Faustschlägen

Ruprechts verfolgt, stolpert er zur Thüre hinaus. Der Gerichtsrat

sieht erschöpft auf die Uhr, der Schreiber macht sich am Aktengestell

zu schaffen, und die Parteien stehen befangen unter dem Druck der

plötzlich gewonnenen Überzeugung, daß alle Beschuldigungen unbegründet

waren; rührend ist der Ausdruck, mit welchem Eva ihrem nach der

schweren Verdächtigung um Verzeihung bittenden Ruprecht gegenübersteht.

Ein großes bewegtes Bild bringt dann die Lösung aller Mißverständnisse

durch die Entdeckung der vom Richter Adam begangenen Fälschung (Abb. 82

Studie zur Eva in diesem Bilde). Draußen läuft alles Volk dem in weiter

Ferne über das Feld flüchtenden Schuldigen nach, um ihn zurückzuholen

(Abb. 85). Nur eine ist bei der Wiederherstellung von Glück und

Frieden noch nicht ganz befriedigt; Frau Marthe hält immer noch die

Scherben des Kruges in den Händen und fragt den Gerichtsrat, wo sie

wegen der Sachbeschädigung nun ihr Recht finden wird. -- So zieht

sich durch die dramatische Dichtung die Bilderreihe wie eine munter

fließende Erzählung, deren glatter Lauf nur durch das Traumintermezzo

und durch die rückgreifende Darstellung des Vorganges, bei dem der

Krug in Scherben ging, unterbrochen wird. Das letzte Schlußstück führt

uns wieder ins Theater: die sämtlichen Personen des Stückes, ganz

humoristisch aufgefaßt, erscheinen an der Rampe, um dem Publikum ihre

Verbeugung zu machen.

[Illustration: Abb. 102. +Am Spinett+. Wasser- und Deckfarbengemälde

von 1881. Im Besitz Ihrer Majestät der Kaiserin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 103. Studie (Bleistiftzeichnung) aus Verona, 1882,

zu dem Bilde „die Piazza d’Erbe in Verona“.]

[Illustration: Abb. 104. +Vom Geflügelhof+. Wasser- und Deckfarbenbild

von 1883 (aus dem Kinder-Album).

In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 105. +Versüßte Knechtschaft+. Wasser- und

Deckfarbengemälde von 1883 (aus dem Kinder-Album).

In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 106. Italienische Studie (Bleistift) von 1883.]

[Illustration: Abb. 107. Italienische Studie (Bleistift) von 1883.]

Unter den anderweitigen Arbeiten des Jahres 1877 zeichnet sich eine

Tuschzeichnung durch ihren köstlichen Humor in der Lebenswahrheit

aus, die uns in ein Coupé zweiter Klasse im Schnellzug und in die

unbehaglich übernächtige Stimmung des Augenblicks versetzt, wo an

einer Station im frühen Morgengrauen die Waggonthüren aufgerissen

werden und ein Kellner mit verschlafenen Augen, Kaffee anbietend, den

Zug entlang eilt (Abb. 86).

[Illustration: Abb. 108. Italienische Studien (Bleistift) von 1883.]

Auch im Jahre 1878 führte Menzel wieder einige Blätter für den

Buchdruck aus. Johannes Scherrs „Germania“ enthält vier große

Holzschnitte nach mit Feder und Pinsel von ihm auf dem Stock

ausgeführten Zeichnungen, in welchen er noch einmal in den Kreis der

Friedrichsdarstellungen zurückgegriffen hat: das Titelblatt zu dem

Abschnitt „Die Hohenzollern“, das Tabakskollegium König Friedrich

Wilhelms I, die Abendtafel des jungen Friedrich II in Sanssouci und

eine prächtige Halbfigur des alten Fritz, der von der im Hintergrunde

sichtbaren bekannten Mühle von Sanssouci, nach der er hinübergeschaut

hat, den Blick seitwärts, wie zu einem neben ihm Stehenden, wendet,

so daß er dem Beschauer sein scharfes Profil und das leuchtende

Auge zeigt. Auch die Komposition, welche er zu dem großen Werke von

Stillfried und Kugler „Die Hohenzollern und das deutsche Vaterland“

beigetragen hat, hat Friedrich den Großen zum Helden. Sie zeigt die

Öffnung des Sarges des Großen Kurfürsten in Gegenwart Friedrichs und

mehrerer hohen Herrn; der König wendet sich zu seinen Begleitern um

und spricht, auf die zusammengesunkenen Reste im Sarge hinweisend,

die Worte: „Messieurs, der hat viel gethan!“ Das Vorbild zu diesem

Holzschnitt hat Menzel nicht als Zeichnung, sondern als Ölgemälde

grau in grau ausgeführt. Die Holzschneidekunst war ja inzwischen dazu

gelangt, unabhängig von vorgezeichneten Strichen jeder malerischen

Wirkung im sogenannten Tonschnitt gerecht werden zu können.

[Illustration: Abb. 109. +Aus Kissingen+. Deckfarbengemälde von 1884.

In Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 110. +In der Klosterruine Aura bei Kissingen+.

Wasser- und Deckfarbenmalerei, 1884.

In Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Als im Mai 1878 nach dem Mordanfall auf den Kaiser die ganze Nation

wetteiferte, ihrer Entrüstung über die fluchwürdige That Ausdruck

zu geben, übernahm Menzel die künstlerische Herstellung der Adresse,

welche die Berliner Akademie der Künste dem geliebten Herrscher aus

diesem Anlaß überreichte. Sonst nahm Menzel sich Zeit zu derartigen,

die feinste Pinselarbeit erfordernden Schriftbildern; dieses aber wurde

sofort entworfen und ausgeführt. Man sieht dem im Hohenzollernmuseum

aufbewahrten Blatt sozusagen die vor Empörung bebende Hand an, mit

der es gemacht ist. Das Plötzliche und Ungeahnte der Schandthat ist

wunderbar zum Ausdruck gebracht. Im tiefsten Frieden spielten Elfen

und Genien im Blumengezweig um den Thron der Germania. Da brechen aus

einer schwarzen Wolke, in der sich der feige Meuchelmörder verbirgt,

krachende Feuerblitze hervor; die holden Geister fahren jählings

zusammen, Germania springt von ihrem Sitze auf und richtet sich in

majestätischer Größe empor. Vor der Krone aber, gegen deren Träger

der frevelhafte Strahl gerichtet war, streckt sich schützend die Hand

Gottes aus. Weiter unter sammeln sich dann wieder die Genien, und

emsig, liebevoll und dienstbeflissen heben sie das Schriftband empor,

welches die Anrede der Adresse an den kaiserlichen Herrn enthält.

-- Als schon nach wenigen Wochen dem ersten Mordanschlag ein zweiter

folgte, war Menzel, der eben mit der geistreichen Improvisation

jener Adresse fertig geworden sein mochte, damit beschäftigt, nach

einem Afrikaner, dessen charakteristischer Kopf ihn interessierte,

Studien zu zeichnen; da traf ihn die ins Zimmer gerufene Nachricht,

und beim Abbrechen der Arbeit notierte er mit dem Zeichenstift die

Schreckensbotschaft in hastigen Worten auf das Blatt.

[Illustration: Abb. 111. +Kamelführer+. Deckfarbenbild von 1884. In

Privatbesitz in Halle a. d. Saale.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Im Jahre 1879 wurden zwei Ölgemälde fertig, welche wieder ihren Stoff

aus Berliner Hoffestlichkeiten schöpften. Beide sind von kleinem

Umfang, aber reich an Inhalt, sie gewähren dem Betrachtenden eine

unermeßliche Fülle von Genuß. „Cercle“ heißt das eine (Abb 90). Da

ist der Augenblick erfaßt, wie Kaiser Wilhelm I beim Umherwandeln

unter seinen Gästen an eine Dame ein paar freundliche Worte richtet.

Der greise Herrscher trägt die Galauniform der Garde-du-Corps. Seine

Haltung und seine Miene geben die ganze unendliche Liebenswürdigkeit

und Güte seines Wesens wieder, und wir fühlen mit der von ihm

Angeredeten das Beglückende seiner Ansprache. Diese Dame, jung, schlank

und überaus anmutig in ihrer ganzen Erscheinung, erlebt wohl zum

erstenmal eine solche Auszeichnung. Obgleich ganz Rückenfigur, ist

sie ein sprechendes Meisterwerk des Ausdrucks. Ihre lichte liebliche

Erscheinung hebt sich in den feinen Umrißlinien von Wange, Schulter und

Arm wirkungsvoll ab von den kräftigen Farben des roten Waffenrockes und

des großen Ordensbandes des Kaisers. Ringsum lauschen Herren und Damen,

voller Ehrerbietung, aber so nahe herantretend, wie es nur statthaft

erscheint, auf jedes der freundlichen Worte, die aus dem Munde des

geliebten Herrschers kommen. Alle diese Umstehenden sind bezeichnende

Gestalten der Hofgesellschaft, man möchte jeden und jede für eine

bestimmte Persönlichkeit halten; doch enthält das Bild kein einziges

Porträt außer demjenigen des Kaisers, das die vollendetste Naturtreue

in jeder Linie der ganzen Gestalt besitzt. Während dieses Gemälde nur

einen kleinen, aber um so fesselnderen Ausschnitt aus einem großen

Hoffest gibt, läßt uns das andere in das glänzende Gewoge der großen

Menschenflut blicken, welche die Prunksäle erfüllt. Das Ballsouper

ist dargestellt (Abb. 97). Man glaubt ein lebhafteres Schwirren der

Stimmen zu vernehmen, ein freieres Bewegen geht durch die Gesamtheit,

da der Augenblick, an leibliche Erquickung zu denken, gekommen ist,

während der Hof sich in den reservierten Speisesaal zurückgezogen hat.

Die Büffets werden umdrängt, die Damen setzen sich auf den Sofas und

Stühlen, soweit deren vorhanden sind, zusammen und verzehren lachend

und plaudernd die von Herren und Dienern dargebotenen Erfrischungen;

von den Herren kommen nur die wenigsten zum Sitzen, und für den minder

Erfahrenen ist die Lösung der Aufgabe, Helm oder Hut, Teller und

Besteck und Weinglas zu gleicher Zeit zu halten und dabei zu essen und

zu trinken, nicht ohne Schwierigkeiten. Menzel hat mit seiner scharfen

Beobachtung, die alles mit so sprechender Lebenswahrheit wiedergibt,

auch die komischen Situationen, die da vorkommen, sich nicht entgehen

lassen. Man möchte glauben, daß er mitten im Fest ein Skizzenbuch

heimlich hervorgezogen hätte, um sich dieses und jenes zu notieren.

[Illustration: Abb. 112. Bleistiftstudie aus Berchtesgaden, von 1884.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Ein ganz winziges Gemälde, das Brustbild eines Rokokoherrn enthaltend,

führte Menzel in dem nämlichen Jahr für einen Berliner Kunstfreund

aus, der sich eine merkwürdige Sammlung von Miniaturölgemälden

anlegte; für die Größe dieser Bilder war der Umstand bestimmend, daß

dieselben in oberbayerische Hutschnallen, reizvolle Gebilde bäuerlicher

Goldschmiedekunst, eingerahmt wurden. In derselben Sammlung befindet

sich von Menzel ein schon früher gemalter weiblicher Studienkopf.

[Illustration: Abb. 113. Italienische Studie (Bleistift) von 1884.]

Eine in die Tracht der Vergangenheit gekleidete köstliche Komposition

ist in einer 1879 für ein Album ausgeführten Tuschmalerei niedergelegt.

Ein Lebemann, dessen Kleidung die eines Kavaliers aus der Zeit des

Großen Kurfürsten ist, hat sich in der Schenke an Austern gütlich

gethan; behaglich lehnt er sich zurück, und mit den Fingern vor dem

geleerten Weinglas auf den Tisch trommelnd ruft er dem Wirte zu: „Noch

eins!“ (Abb. 98.)

[Illustration: Abb. 114. Italienische Studie (Bleistift) von 1884. Im

Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]

Eine Abschrift aus der Wirklichkeit der Gegenwart bringt dagegen ein

jetzt in der Nationalgalerie befindliches Deckfarbenbild, welches einen

Blick in eine Schmiede zu Hof-Gastein gibt. In dem malerischen Dunkel

des rußgeschwärzten Raumes stehen nur zwei größere Helligkeiten: ein

erblindetes Fenster unter dem Dach und der mit dem Hemde bekleidete

Oberkörper des nach vorn auf den Amboß zuschreitenden Schmiedes (Abb.

99).

[Illustration: Abb. 115. +Causerie+. Deckfarbengemälde von 1884. In

Privatbesitz in Köln.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Den in Gastein gesammelten Studien und Eindrücken verdanken die

Hauptwerke der beiden folgenden Jahre ihre Entstehung. Von 1880 ist

ein figurenreiches Ölbild, welches eine Prozession in Hof-Gastein

darstellt. Der fromme Zug biegt, aus einer engen Straße kommend, eben

um die Ecke eines Hauses. Der Geistliche mit der Monstranz schreitet

unter einem von vier Männern getragenen Baldachin; Chorknaben, Träger

von Lichtern und Fahnen gehen voran, auf den Eingang des die Kirche

umgebenden Kirchhofs zu; es folgt eine lange Schar von Landvolk in

Feierkleidung. Vorn sind Zuschauer, der Mehrzahl nach Fremde, Städter;

einige wenige, die der Prozession ihre Ehrfurcht bezeugen, andere

schaulustig und die meisten gleichgültig. Von 1881 ein gleichfalls

in Ölfarbe ausgeführtes Innenbild aus der Schmiede zu Gastein (Abb.

100). Der Schmied -- es scheint die nämliche Persönlichkeit zu sein,

die man auf dem Wasserfarbenbild von 1879 sieht -- ist an einem großen

Wetzrad damit beschäftigt, der lebhaften Nachfrage nach dem Schärfen

alter Klingen Genüge zu thun; im Vordergrund prüft eine Magd die

Schneide des Hackmessers, das sie eben in Empfang genommen hat, und ein

starkknochiger Alpenbewohner sieht mit Geduld und Ruhe, den Bergstock

in der Hand und die Pfeife im Munde, dem Schleifen seines langen

Messers zu. Im Mittelgrunde sind Gesell und Lehrling am Amboß thätig,

und draußen vor der Thür sieht man einen Schimmel des Beschlagens

harren. Das Ganze wieder ein lebensvolles Stück Wirklichkeit, ebenso

treffend in jeder Einzelheit gekennzeichnet, wie die Wiederspiegelungen

der Hofbälle. Daran reiht sich als ein ebenbürtiges Wasserfarbenbild

ein Blick in die Pfarrkirche zu Innsbruck während der Predigt. -- Die

Barockarchitektur, wie sie in einer solchen Kirche sich entfaltet,

übte einen nie aufhörenden Reiz auf Menzels Auge aus, und manches,

was er nicht malte, wurde in bloßer Zeichnung, die keinen anderen

Zweck hatte als den, solchem Reiz Genüge zu thun, zum abgeschlossenen

Kunstwerk; so ein Stück aus der großen Wallfahrtskirche zu Einsiedeln,

das er 1881 aufnahm, und als Früchte eines Aufenthalts in Dresden im

vorhergegangenen Jahre eine Ansicht der dortigen katholischen Kirche

von außen und ein groß gezeichnetes Stück von einer Ecke des Zwingers.

-- Zu den Werken des Jahres 1880 gehört noch der in Ölmalerei prächtig

ausgeführte lebensgroße Kopf eines Rabbiners. Zu den von 1881 ein

feines Wasserfarbenbildchen, welches eine Dame in der Tracht von

1670-1680 darstellt, die, im Begriff sich an das Spinett zu setzen, in

ihrem Notenheft liest (Abb. 102).

[Illustration: Abb. 116. +Kontribution+. Deckfarbengemälde von 1885. In

Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Eine Aufgabe besonderer Art brachte dem Meister das Jahr 1882. Da

malte er die Vorlagen für den Schmuck des Tafelgeschirrs, welches die

königliche Porzellanmanufaktur zu der im folgenden Jahre stattfindenden

silbernen Hochzeit des Kronprinzenpaares anfertigte. Mit Geschmack und

munterer Laune entwarf er im Anschluß an die besondere Bestimmung einer

jeden Schüssel farbenfrohe Bildchen von Putten, Blumen, Tieren und

Früchten.

[Illustration: Abb. 117. +Altarausschmückung+. Deckfarbengemälde von

1885. In Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Bei seiner sommerlichen Erholungsreise im Jahre 1881 verweilte Menzel

ein paar Tage in Verona, wohin er auch das Jahr zuvor einen kurzen

Ausflug gemacht hatte. Was ihn nach der italienischen Stadt wieder

hinzog, war das bunte lärmende Volksleben, das gerade hier seine

nationale Eigenart und unverfälschte Natürlichkeit so treu bewahrt

hat. Wie treffend er diese Eigenart erfaßte, bekunden schon die ersten

Studienzeichnungen, die er von dort heimbrachte (s. Abb. 103). Das

wogende Getriebe auf dem Gemüsemarkt von Verona, das den vom Norden

kommenden Wanderer so fremdartig und betäubend umfängt, setzte sich als

Bildgedanke in seinem Kopfe fest.

[Illustration: Abb. 118. Studie (Bleistift) aus Interlaken, von 1885.

Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]

Mit der Jahreszahl 1883 sind mehrere zu dem „Kinder-Album“ gehörige

Blätter bezeichnet. Diese Sammlung kostbarster Wasserfarbenbildchen

schloß Menzel in diesem Jahre ab. Manches ältere Blatt unterzog er

dabei einer Überarbeitung. Das Ganze war zu einer Reihe von 43 Bildern

angewachsen, die nachmals sämtlich in den Besitz der Nationalgalerie

übergegangen sind. Es befinden sich Werke darunter, die neben allen

anderen Eigenschaften einen wunderbaren Farbenreiz besitzen, der sie

in die Vorderreihe der glücklichsten malerischen Schöpfungen Menzels

stellt. Da ist vielleicht an erster Stelle ein Bild vom Hühnerhof

zu nennen, wo eine Truthenne mit ihren dunklen Farben sich von der

breiten Lichtmasse abhebt, die durch einen weißen Pfau und einen

gelben Cochinchinahahn gebildet wird (Abb. 104). Oder die beiden als

Gegenstücke gedachten Papageienbilder, von denen das eine die „süße

Freiheit“ eines blauen Ara, der im Baumwipfel sitzt, das andere

die „versüßte Knechtschaft“ eines Kakadu schildert, der unter den

Liebkosungen einer feinen Damenhand seinem Behagen durch Aufblähen

der Federn und possierliche Verdrehungen Ausdruck gibt; hier klingen

das Weiß und Schwefelgelb des Gefieders, der zarte Fleischton, die

Metalltöne des goldenen Armbandes und der Messingstäbe und Kette, das

Grün von Blattpflanzen und die prächtigen Farben eines Teppichs zu

einer bezaubernden Melodie zusammen (Abb. 105).

Im Sommer 1883 ging Menzel zum drittenmal nach Verona. Wiederum

bemaß er seinen Aufenthalt nur auf drei Tage. Aber mit seinem

unglaublichen Auffassungsvermögen hatte er jetzt Eindrücke genug

sich dort eingeprägt, um in einem figurenreichen Ölgemälde, das im

folgenden Jahre fertig wurde, die Piazza d’erbe mit einer Beredsamkeit

und Wahrheit zu schildern, wie sie kaum jemals ein berufsmäßiger

Schilderer italienischen Volkslebens erreicht hat. Jeder Beschreibung

in Worten entzieht sich dieses bunte, farbige Gewühl, auf das die

alten Steinhäuser des Marktplatzes und das marmorne Brunnenbild der

Stadtgöttin herabschauen; in das Stimmengewirr der Feilschenden an

den von großen Sonnenschirmen beschatteten Ständen der Marktfrauen

mischen sich die schrillen Rufe der wandelnden Verkäufer; ein

Maultierkarren, Hunde, Gassenbuben, die einer in dem Lärm und der

Bewegung ganz außer Fassung geratenden nordländischen Familie durch

Vorführung von Purzelbäumen ein paar Kupferstücke abzulocken suchen,

vermehren das Gedränge, das den daran Gewöhnten doch so kalt läßt,

wie die Straßenarbeiter, die im Vordergrund mit der Ausbesserung des

Trottoirs beschäftigt sind. -- In einem mit Wasserfarben ausgeführten

kleinen Bild brachte Menzel in dem nämlichen Jahr noch eine Erinnerung

an den Veroneser Gemüsemarkt: zwei junge Bäuerinnen, die an ihrem

Obststand mit einer in den landesüblichen schwarzen Spitzenschleier

gehüllten Bürgersfrau handeln, -- drei Halbfiguren von sprechendster

Lebenswahrheit und örtlicher Eigenart.

[Illustration: Abb. 119. Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1885. Im

Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]

[Illustration: Abb. 120. Studie (Bleistift) von 1886.]

[Illustration: Abb. 121. Studienkopf (Bleistift) von 1886. Im Besitz

der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]

[Illustration: Abb. 122. +Vom Markt zu Verona+. Tuschzeichnung von

1886. In Privatbesitz in New York.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Daneben entstanden im Jahre 1884 noch eine Menge Deckfarbenbildchen

verschiedenen Inhalts. Die meisten derselben enthalten

Reiseerinnerungen aus Süddeutschland. Da steht an der Spitze die

köstliche Darstellung des Wärmkessels zu Kissingen, um den sich in

früher Morgenstunde zahlreiche des heilkräftigen Wassers Bedürftige --

mannigfaltige Typen -- versammeln (Abb. 109). In der Burgruine Aura bei

Kissingen läßt der Künstler uns dem Treiben einer munteren Schar von

Touristen, Herren und Damen, zuschauen. Und ein anderes Mal erblickt

er in dem Spiel der einfallenden und zurückgeworfenen Lichtstrahlen

auf einem Stück Wendeltreppe im Gemäuer dieser Ruine die Anregung zu

einem malerisch in sich abgeschlossenen Bildchen (Abb. 110). Nach

Beendigung der Badezeit im Gebirge verweilend, wird der Meister in

Garmisch bei Partenkirchen durch den Anblick fremdartig aufgeputzten

fahrenden Volkes gefesselt, das durch die Vorführung von Kamelen und

Affen die Schaulust der Eingebornen sowohl wie diejenige der dort

Sommerfrische genießenden Großstädter reizt und bei diesen wie jenen

die Kinder in freudige Erregung versetzt; und es entsteht daraus ein

lebensprühendes Bild von prächtigster malerischer Wirkung (Abb. 111).

Welcher Gegensatz zwischen einer solchen Schilderung ländlichen Daseins

und dem gleichzeitig gemalten Ausschnitt aus einem Hoffest! „Causerie“

betitelt Menzel dieses prächtige kleine Meisterwerk. Nicht in die

großen glanzgefüllten Säle führt er uns dieses Mal, sondern in einen

Nebenraum, der aus der Reihe der eigentlichen Festräume heraustritt.

Da haben ein Kammerherr und ein Provinziallandstand eine stille Ecke

zu einem vertraulichen Gespräch gefunden; in dem anstoßenden Ballsaal

hebt eben die Musik wieder an, mehrere Paare durchschreiten, dorthin

eilend, das Nebenzimmer; die beiden Excellenzen aber werden wohl

noch eine geraume Weile durch das Thema ihrer mit gedämpfter Stimme

geführten Unterhaltung in den Polsterstühlen festgehalten werden (Abb.

115). -- Und wieder ein Bild im Gewande der Vorzeit dazwischen. Ein

schriftgelehrter Mann in holländischer Tracht des 17. Jahrhunderts

sitzt in seinem Gemach an einem runden Tisch und hat sich in einen

alten Pergamentkodex so sehr vertieft, daß er über dem Entziffern

der Handschrift sogar seine kurze Thonpfeife hat kalt werden lassen;

es erscheint fraglich, ob es dem verlockend aussehenden Frühstück,

mit dem eine Dienerin in der Thür erscheint, gelingen wird, ihn zum

Unterbrechen des Studiums zu veranlassen.

[Illustration: Abb. 123. Studienblatt (Bleistiftzeichnung) von 1887.]

[Illustration: Abb. 124. Modellstudie (Bleistift) von 1888.]

Auch unter den Gemälden des Jahres 1885, die sämtlich in

Deckfarbenmalerei und in kleinem Format ausgeführt sind, finden wir

eines, das uns in das 17. Jahrhundert versetzt; und zwar dieses Mal

in die schwere Zeit des dreißigjährigen Krieges. Bei einem Kaufmann

ist ein Feldhauptmann mit seinem Gefolge von Arkebusieren erschienen,

um die auferlegte Kriegssteuer einzukassieren. Der Kaufmann streicht

aus einem Lederbeutel die Gold- und Silbermünzen auf den Tisch; mit

spannender Angst und Sorge blickt er auf die Mienen des Hauptmanns,

der, vom Lehnstuhl sich erhebend, eines der Goldstücke prüfend auf

seine Vollgültigkeit hin betrachtet. Des Kaufmanns Magd bringt in

zinnernen Kannen einen Labetrunk herein, um die Brandschatzer milde

zu stimmen; sie erbebt unter dem glühenden Blick, den ein Arkebusier

auf sie heftet, während er den Deckel einer der Kannen aufklappt. In

den rohen Gesichtern der anderen Kriegsknechte glitzern Raubtieraugen

unter den Schirmen der Eisenhauben (Abb. 116). -- In einen vornehmen

Berliner Salon führt uns die „Matinee“, wo alles regungslos dem

Gesange eines Herrn lauscht, den die Tochter des Hauses auf dem Piano

begleitet. Den trüben Nachklang froher Feste schildert launig der in

der Nationalgalerie befindliche „Aschermittwochmorgen im Tiergarten“.

-- Dann wieder Reiseerinnerungen. Von einem Fenster zu Kissingen aus

gemalt ein Blick in den sonnigen Garten hinab. Eine japanische Näherin

während der Ausstellung zu München. Ein prickelndes Architekturstück --

dieses Mal aus dem von Menzel seltener aufgesuchten Westen Deutschlands

--, ein Seitenaltar in einer Trierer Kirche: der nicht sehr große, aber

in den üppigsten Barockformen sich bewegende, mit einer Darstellung

des Sieges Christi über den Tod in lebensgroßen Figuren ausgestattete

Altaraufbau wird eben für einen bevorstehenden Feiertag geschmückt;

unter der Aufsicht des Sakristans besorgen ein Meßjunge und ein

Kleriker das Anbringen des Schmuckes über dem Altartisch; die silbernen

Leuchter stehen blank geputzt in Bereitschaft, und ein junges Mädchen

ordnet frische Blumen zu Sträußen in die Vasen (Abb. 117).

[Illustration: Abb. 125. Modellstudie (Bleistift) zur „Ballepisode“.]

A. von Menzel · 第 6 / 7 段