großen Fest, zu dem von fern und nah die Freunde und Verehrer des
Meisters zusammenströmten. Den ersten Glückwunsch erhielt der Gefeierte
von Kaiser Wilhelm I in einem Handschreiben voll höchster Anerkennung
seiner von Vaterlandsliebe getragenen Kunst. „Mit Ihrem Namen verknüpft
bleiben dem Volke die Erinnerungen an die Thaten der erlauchten
Ahnen Meines Hauses; Sie haben durch Trübsal und Herrlichkeit den
Weg der Vorsehung im Bilde anschaulich gemacht, welcher dasselbe
aus kleinen Anfängen zu großen Endzielen geführt hat“, heißt es in
diesem königlichen Geburtstagsgruß. Eine weitere hohe Auszeichnung
empfing Menzel von seinem König durch die Ernennung zum Kanzler der
Friedensklasse des Ordens _pour le mérite_. Von der Berliner Universität
erhielt er den Doktortitel, von seiner Vaterstadt Breslau das Diplom
als Ehrenbürger.
[Illustration: Abb. 126. +Ballepisode+. Ölgemälde von 1888. In
Privatbesitz in Berlin. (Photographieverlag von Gustav Schauer in
Berlin.)]
Unter den Erzeugnissen des Jahres 1886 befinden sich zwei prächtige
kleine Deckfarbenbilder, von denen das eine einen würdevollen
Perückenträger aus der Endzeit des 17. Jahrhunderts darstellt,
der ungeachtet seines Selbstbewußtseins dem „häuslichen Einfluß“
seiner Gattin untersteht; das andere zeigt drei Köpfe aus einem
Konzertpublikum, die der Meister seinem Gedächtnis in dem Augenblick
einverleibt hat, wo sie sich neugierig nach einer Dame umsehen.
Daneben ist eine größere Tuschzeichnung hervorzuheben, in welcher
er die Erinnerung an die Piazza d’erbe zu Verona nochmals aufleben
ließ. Da sehen wir das ganze bunte Stillleben vor uns, das sich unter
dem Riesensonnenschirm eines dortigen Marktstandes aufbaut: Obst und
andere Gartenerzeugnisse, lebendes und totes Geflügel; ein zahmer Rabe
hockt als Freund der Verkäuferin, vielleicht als Wächter, dabei. Es
scheint noch früh am Vormittag zu sein, das wogende Marktgewühl hat
noch nicht begonnen. Eine Dame ist auf dem Weg von der Kirche an den
Stand herangetreten, um sich bei der Bäuerin nach den Preisen der
Eier oder der Früchte zu erkundigen. Der Bauersmann, eine prächtig
charakteristische Figur, mit der beißenden Regiecigarre zwischen den
Zähnen, schneidet von den im Schirmgestell aufgehängten Schnüren eine
Zwiebel herunter für eine hübsche junge Frau aus dem Volk, die ihre
dürftige Morgenkleidung unter einem fest umgezogenen schwarzen Tuch
verhüllt. Im Vordergrunde hat ein Bauer sich zu einem Schläfchen
ausgestreckt, wobei er ein paar Wassermelonen als Kopfkissen benutzt
(Abb. 122). -- Auch eine Radierung, eine Zeitungsleserin darstellend,
befindet sich unter den Schöpfungen dieses Jahres. Es hatte sich in
Berlin ein Verein für Originalradierung gebildet, und Menzel führte
das Blatt, in dem er zum erstenmal seit Jahrzehnten dieses auch in der
Jugend nur selten von ihm geübte Kunstverfahren wieder aufnahm, zur
Anspornung für jüngere Künstlerkräfte für die Mappe dieses Vereins
aus. Auch in den folgenden Jahren lieferte er Beiträge zu dessen
Veröffentlichungen.
[Illustration: Abb. 127. Italienischer Studienkopf (Bleistift) von
1888.]
[Illustration: Abb. 128. Studienblatt (Bleistift) von 1889. Im Besitz
der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
[Illustration: Abb. 129. Studien (Bleistift) von 1889. Im Besitz der
Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
Im Jahre 1887, das ein Bildchen von eigenartigem Reiz in der
Darstellung einer Scene aus der japanischen Ausstellung in Berlin
brachte, arbeitete Menzel an zwei Schriftblättern, in denen der
Reichtum seiner Erfindungsgabe für derartige Sachen sich ebenso
frisch offenbarte, wie je in jüngeren Jahren. Das eine dieser Blätter
war das Ehrenmitgliedsdiplom der königlichen Akademie der Künste zu
Berlin für den Minister _Dr._ von Goßler. Der künstlerische Schmuck
ist hier in zwei Seitenstreifen verteilt. Links steht unter einem
Architekturbogen, der die Namen Chodowiecki, Schlüter, Schadow und auf
seinem Scheitel den preußischen Adler trägt, eine majestätische Frau
mit klassischen Zügen, die Verbildlichung der Akademie, welche die Hand
zur Begrüßungsansprache erhebt. Zu ihren Füßen befinden sich Knaben,
welche Geräte des Malers, des Bildhauers und des Musikers führen; am
Grunde des konsolenartigen Sockels der Architektur sitzt der vierte
Genosse, den ein Säulenkapitell auf dem Kopfe als den Genius der
Baukunst kennzeichnet. Dieser letztere hält die Enden des Spruchbandes
zusammen, das, an den Seiten von Putten geleitet, den Sockel umschließt
und das den Sinnspruch trägt: „All’ Kunst himmlisch Ding, irdisch
Fundament; sonder Erz und Stein kein Gebild, kein Gebäud.“ Dieser
Spruch wird ergänzt durch die Worte, welche in dem Sockel zu den Seiten
des Pegasus, der denselben als Reliefbild schmückt, eingegraben sind:
„Ohn’ das kein Malen“ steht unter den Füßen des Knaben, der in der
einen Hand die Palette trägt, mit der anderen die Pinsel ausdrucksvoll
emporhält; „ohn’ die kein Musizieren“ unter dem anderen, der eine Geige
gefaßt hat. Und in launiger Weiterführung des Gedankens, daß es ohne
Technik keine Kunst gibt, stehen neben dem beschwingten Pegasus die
nützlichen Tiere, welche dem Maler die Borsten für die Pinsel und dem
Musiker die Saiten liefern, ein Eber und ein Widder. Sinnig wird der
Gedanke, daß zum Genie die fleißige Arbeit gehört, wiederholt durch die
Figuren eines Wappens, das als Gegenstück zu dem herkömmlichen, von der
alten Schilderzunft auf die Künstlerschaft übergegangenen Wappen oben
in der umrahmenden Architektur angebracht ist: im gespaltenen Schild
rechts eine Biene, links ein Fittich. Oberhalb der Schilde sitzen auf
dem Gesimse zwei Putten, die mit angestrengter Emsigkeit die Arbeit
der vervielfältigenden Künste üben. Der rechtsseitige Schmuckstreifen
der Urkunde enthält ein munteres Puttenspiel, das die Einstimmigkeit
der Wahl des Ehrenmitglieds andeutet; die Wahlurne, an der die mit
Würdenabzeichen geschmückten schelmischen Kinder beschäftigt sind,
steht am Fuß einer Säule, und oben hoch auf dem Kapitell dieser Säule
thront ein würdevoll gekleideter Genius mit einer Schreibfeder in
der Rechten und einer hochgehaltenen Lampe in der Linken. -- Die
andere Urkunde war der Ehrenbürgerbrief, durch welchen die Stadt
Hamburg dem in London lebenden Hamburger G. C. Schwabe ihren Dank
aussprach für die Schenkung einer Gemäldesammlung an seine Heimat. In
gleichem Gedanken- und Formenreichtum entworfen und ausgeführt wie
jenes, enthält dieses Blatt in der Hauptgruppe eine thronende Gestalt
der Hammonia und vor ihr einen Ratsherrn in seiner altertümlichen
Amtstracht, der, von Flügelknaben mit dem Schreibgerät bedient, die
beschlossene Auszeichnung in das Goldene Bürgerbuch der freien Stadt
einträgt.
[Illustration: Abb. 130. Studie (Bleistiftzeichnung) zu der Radierung
„Italienisch lernen“.
Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]
[Illustration: Abb. 131. Studie (Bleistiftzeichnung) zu der Radierung
„Italienisch lernen“.
Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]
[Illustration: Abb. 132. +Italienisch lernen+. Radierung von 1889.
(Aus dem 4. Jahresheft des Vereins für Original-Radierung zu Berlin.
Verlag von Paul Belte in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 133. Studien (Bleistift) von 1890.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
[Illustration: Abb. 134. Studie (Bleistift) von 1890.]
[Illustration: Abb. 135. Studie (Bleistiftzeichnung).]
Die Vollendung dieser beiden Blätter, die Menzel mit all der auf jede
Kleinigkeit sich erstreckenden Feinheit durchbildete, welche er von
jeher auf derartige Arbeiten verwendete, zog sich in das Jahr 1888
hinein. In dem nämlichen Jahr entstand ein Deckfarbenbildchen, welches
unter dem Titel „_Beati possidentes_“, eingekleidet in niederländische
Tracht des 17. Jahrhunderts, ein Ehepaar zeigt, das in vollem Behagen
an der Ausnutzung seiner Wohlhabenheit Künstler, Handwerker, Gärtner
bei der Herrichtung eines schmucken Landsitzes beschäftigt und dabei
auch auf deren reichliche Verpflegung sorglich bedacht ist. Daneben
wurde wieder eines jener kleinen Ölgemälde fertig, in welchen Eindrücke
von großen Hoffesten sich so köstlich wiederspiegeln. „Ballepisode“
heißt das Bild (Abb. 126). Wir befinden uns auf einer Galerie, wie
sie ähnlich -- nicht gerade so, denn auch in den Architekturen dieser
Art von Darstellungen gibt der Meister so wenig bestimmte Abbilder
von in der Wirklichkeit Vorhandenem wie in den Persönlichkeiten -- im
Weißen Saale des königlichen Schlosses vorhanden ist. Dahin hat sich
ein Teil der Gesellschaft, Damen und Herren der höchsten Aristokratie,
zurückgezogen, um mehr als Zuschauer wie als Teilnehmer dem Feste
beizuwohnen. Welche unglaubliche Charakteristik wieder in jeder dieser
Gestalten! Man kann es kaum für möglich halten, daß der Künstler diese
sprechenden Persönlichkeiten aus seiner Einbildungskraft geschaffen,
daß er die Studien dazu nach gewöhnlichen Modellen gezeichnet hat.
Dieser ältliche Herr in Marineuniform, der, die Hand mit dem Hut auf
den Rücken haltend, sich über die Brüstung beugt und in den Saal
hinabblickt; die schöne junge Dame, die mit dem Fächer ihre Augen
beschattet, um die unten wogende Menge besser mustern zu können; die
stattliche Dame, welche, der Aussicht den Rücken kehrend, mit dem
Fächer ihre große Schleppe ein wenig beiseite schiebt, um dem mit
verbindlichster Miene auf sie zutretenden Minister den Schritt
freizugeben; der vornehm kühle blondbärtige Husarenoffizier und der
freundliche General, die in so verschiedenartiger Weise sich mit
ihren Nachbarinnen unterhalten, und alle die anderen, die in weiterer
Entfernung noch deutlich erkennbar sind: man meint, man müßte ihnen
schon einmal in der Wirklichkeit begegnet und müßte sie genau so sich
benehmen gesehen haben. Und welcher ebenso naturgetreue flimmernde
Glanz des vielfältig hereinstrahlenden, die Schatten durchkreuzenden
Lichtes über dem Ganzen!
[Illustration: Abb. 136. Studienkopf. Bleistiftzeichnung von 1892. Im
Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in Berlin.]
[Illustration: Abb. 137. Italienischer Studienkopf (Bleistiftzeichnung)
von 1890.]
Ein Ölgemälde von 1889, „nach Schluß des Festes“, reiht sich ebenbürtig
den glänzenden Schilderungen aus der Mitte des bei Hofbällen sich
entfaltenden Lebens an.
Ein prächtiges Blatt schuf der Meister in der Radierung, welche er in
diesem Jahre zu dem Heft des Vereins für Originalradierung beisteuerte:
„Italienisch lernen!“ (Abb. 132; vgl. die Studien Abb. 114, 121, 130
und 131.) Ein deutscher Wanderer, der die Alpen überschritten hat,
ein untersetzter, vollbärtiger, schon etwas ältlicher Herr, hat in
einer ländlichen Osteria Halt gemacht; er sitzt im Freien an dem
langen Holztisch beim Wein, und in dem Bedürfnis, seine Kenntnis von
italienischer Sprache und Art zu vervollkommnen, ladet er einen armen
Mann, einen malerischen Greis, zur Teilnahme an dem erfrischenden
Trunk ein: „_favorisca!_“ Der Alte öffnet sein Taschenmesser, um von
den Zwiebeln, die er aus der Tasche geholt hat, eine zu zerschneiden,
da es gegen die Grundsätze seines langen Lebens geht, in den leeren
Magen hinein zu trinken; auch er wird mit höflichem Anbieten sagen:
„_favorisca_“, und die italienische Unterhaltung ist eröffnet. Die
Sprechübung kann eine Weile fortgesetzt werden; denn die Wirtin
bringt einen zweiten Fiaschetto herbei. -- Wenn man ein solches Blatt
betrachtet, wo die Radiernadel mit einer Sicherheit und Leichtigkeit
gehandhabt ist, die nur mit Rembrandt zu vergleichen ist, wo Köpfe,
Hände und Gestalten, Charakter von Haut und Haar und verschiedenen
Stoffen in einer scheinbar ganz mühelosen, skizzierenden Behandlung
so treffend gekennzeichnet sind, so erscheint es unbegreiflich, daß
das Werk aus den Händen eines in hohem Greisenalter stehenden Mannes
hervorgegangen ist. Auge und Hand sind der geistigen Frische des
Meisters treu geblieben.
[Illustration: Abb. 138. Studie (Bleistiftzeichnung) von 1893.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
So hat Menzel auch in den folgenden Jahren mit unverwüstlicher
Kraft immer weitergeschaffen. Überall ist das Skizzenbuch sein
treuer Begleiter geblieben. Jüngstgeschautes und im Gewahrsam des
erstaunlichen Gedächtnisses Aufgehobenes hat er in Bildern, mit Öl-
oder mit Wasserfarben gemalt, niedergelegt, und auch freie Erfindungen
hat er dazwischen wieder gestaltet. Sein Schaffensvermögen und seine
Schaffenslust erscheinen unerschöpflich. Nichts in seinen spätesten
Arbeiten erinnert an seine hohen Jahre. Einen wichtigen Bestandteil von
Menzels Lebenswerk bilden seine nach der Natur gezeichneten Studien.
Seine Studienblätter sind Kunstwerke; auch solche, bei denen er selbst
durch unwilliges Durchstreichen sich für nicht befriedigt erklärt oder
in denen er eine einzelne Stelle mit solchen Strichen durchfahren
hat, um sie als ungenau zu bezeichnen (s. Abb. 128 und 129, 101 und
120). Ein Fleiß und eine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen haben ihn
nie verlassen, und namentlich im Anblick von manchen bildnismäßig
ausgeführten Studienköpfen aus den letzten Jahren (s. Abb. 136) möchte
man fast sagen, daß sein Können immer noch gewachsen sei. Es ist, als
ob das stete Schöpfen aus dem Quell der ewig jungen Natur ihn selber
dauernd jung erhalten habe.
[Illustration: Abb. 139. Studie (Bleistiftzeichnung) von 1892.]
Dem im achtzigsten Lebensjahre mit straffer Rüstigkeit und ungetrübter
Arbeitsfreude wirkenden Künstler hat Seine Majestät Kaiser Wilhelm
II im Frühjahr 1895 ein einzigartiges Fest bereitet, um den
Schilderer des Zeitalters Friedrichs des Großen, den Schöpfer unserer
Vorstellungen von dieser Zeit, zu ehren. Der Schauplatz des Festes
war Sanssouci. Alle Geladenen trugen die Kleidung jener Zeit, in so
gewissenhafter Durchführung, als ob Menzel jedes Kostüm vorgezeichnet
hätte. Nur Menzel, vor dem die ihm zugedachte Überraschung streng
geheim gehalten worden war, kam im heutigen Frack. Da trat vor dem
Ahnungslosen eine Wache Fridericianischer Grenadiere ins Gewehr;
Kommandos und Bewegungen waren genau nach den Reglements von damals
einstudiert. So leitete das Fest sich ein, dessen Höhepunkt eine
Musikaufführung im Konzertsaal des Schlosses war, und das dem Künstler
die Gestalten und Vorgänge leibhaftig vor Augen führte, mit denen vor
einem halben Jahrhundert seine Einbildungskraft diese Räume bevölkert
hatte. Es ist erwähnenswert, daß dieses Fest dem Meister die erste
Gelegenheit gab, den Saal in jener Kerzenbeleuchtung zu sehen, die er
damals aus seinem Vorstellungsvermögen heraus so prächtig gemalt hatte.
[Illustration: Abb. 140. Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1893.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
Zu seinem achtzigsten Geburtstage, der unter allseitiger Teilnahme
noch glänzender als der siebzigste gefeiert wurde, empfing Menzel
eine Fülle von hohen Ehrungen. Kaiser Wilhelm II ernannte ihn zum
Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat „Excellenz“; außerdem verehrte
er ihm seine von Schott modellierte Bronzebüste, und er bereitete
dem Gefeierten eine besondere Herzensfreude dadurch, daß er zu der
in den Räumen der Berliner Akademie veranstalteten Festhandlung
eine Abteilung Fridericianischer Riesengrenadiere sandte. Die Stadt
Berlin ernannte Menzel zum Ehrenbürger. Die Akademie zu Paris, das
_Institut de France_, ernannte ihn zu ihrem Mitglied; dasselbe that die
königliche Akademie der Künste zu London. Bewunderungswürdig war die
Rüstigkeit, mit welcher der Gefeierte an diesem Ehrentage vom frühen
Morgen bis tief in die Nacht hinein all den mannigfaltigen festlichen
Veranstaltungen seine vollste Aufmerksamkeit schenkte.
Gegen Ende des Jahres 1895 schwebte Menzels Leben infolge eines
schweren Sturzes über eine Treppe in Gefahr. Aber seine zähe Natur
überwand schnell und vollständig die Folgen dieses Unfalls. Im
neunten Jahrzehnt seines Lebens fuhr Menzel fort, mit der Frische
eines Jünglings zu arbeiten. Jedes neue Werk, das unter seinen Händen
entstand, war ein neuer Beweis seiner nicht alternden Künstlerschaft.
Nur zum Ausscheiden aus dem Senat der Akademie der Künste zu Berlin sah
er sich durch sein hohes Alter im Jahre 1898 bewogen. Er wurde darauf
zum Ehrenmitglied dieses Senats ernannt.
In dem nämlichen Jahre gab Kaiser Wilhelm II seiner Verehrung und
Bewunderung für Menzel den höchsten Ausdruck durch eine ohne Vorbild
dastehende Auszeichnung. Im Dezember 1898 ernannte der Kaiser ihn zum
Ritter des Schwarzen Adlerordens; mit dieser Ernennung war die Erhebung
in den Adelstand verbunden. Wenn Tizian, Rubens, Velazquez von ihren
Fürsten in ähnlicher Weise geehrt worden sind, so hatte doch keine
der diesen Meistern verliehenen Auszeichnungen auch nur annähernd
einen so hohen Rang wie der preußische Orden vom Schwarzen Adler. Das
Benachrichtigungsschreiben des Kaisers an den Direktor der Hochschule
für die bildenden Künste zu Berlin, Anton von Werner, hat den schönen
Wortlaut: „Ich habe Seiner Excellenz dem Professor _Dr._ von Menzel
meinen hohen Orden vom Schwarzen Adler verliehen; es soll diese höchste
Ehrung, die einem Künstler je zu teil geworden, ein Zeichen meiner
Dankbarkeit sein für die durch seine Kunst meinem Hause geleisteten
Dienste, sowie ein Sporn werden für die Jünger der Kunst der Malerei,
auch auf den von Menzel so erfolgreich betretenen Bahnen zu folgen und
zu streben es ihm gleich zu thun.“
Der vielseitigen und doch in so ausgeprägte Eigenart gefaßten Kunst
Menzels steht die gesamte Kunstwelt ehrfurchtsvoll gegenüber. Und
mitten in dem gärenden Kampf zwischen alten und neuen und werdenden
Anschauungen versagt keiner dem Manne seine aufrichtige Bewunderung,
der früher als andere das Vorhandensein malerischer Schönheit überall
ringsum in der alltäglichen Wirklichkeit entdeckt und mit echter
Künstlerschaft verwendet hat.
[Illustration: Abb. 141. Vignette aus Kugler-Menzels Geschichte
Friedrichs des Großen.]