ausgestatteten Schriftblätter, wie er deren in seiner Jugend manche
gezeichnet hatte, in dem „Diplom Ihrer Königlichen Hoheit der Frau
Kronprinzessin als Ehrenmitglied des Schießvereins der Offiziere der
Potsdamer Garnison.“ Aber während bei den früheren Blättern verwandter
Art der künstlerische Schmuck sich auf die Einfassung des geschriebenen
Textes beschränkt hatte, bemächtigt sich hier der Stift des Künstlers
der Schrift selbst, die auf einem aufgehängten Teppich, der einen
Blick freiläßt auf den Schießstand, wo der Kronprinzessin Viktoria der
Ehrensessel vom Vorstand dargeboten wird, angebracht ist. Der Wortlaut
der Urkunde ist scherzhaft gehalten, und Menzel begleitet diesen
Text mit scherzhaften Einfällen, die denselben in der Gestaltung der
Buchstaben oder in deren Ausschmückung fast Wort für Wort illustrieren.
So sitzt in dem ersten Buchstaben, dem D von „Diplom“, der von den
Kugeln stark mitgenommene, aber trotzdem als lebendiges Wesen
auftretende Zieladler, der mit seiner Klaue das Pünktchen auf das i
setzt; der Anfangsbuchstabe von „Ehrenmitglied“ ruht auf einem Kissen
und ist mit einem Lorbeerkranz geschmückt, die Buchstaben des Wortes
„Offizier“ sind auf einen Degen gereiht, diejenigen von „Schießverein“
verschwinden in Pulverdampf, die Worte „1. Garde-Regiments zu Fuß“
sind mit Gardelitzen geschmückt und das G trägt außerdem noch den
Gardehelm. Und so geht es weiter; mit sprühendem Mutwillen wird der
scherzhafte Ton des Diploms hervorgehoben, indem zum Beispiel die
Worte „hoher Vorstand“ sich stolz über die Zeile hinausrecken, oder
indem bei den Worten „weitberühmten Schießvereins“ der erste Buchstabe
mit Pfauenfedern geschmückt ist und vor und hinter diesen Worten die
Schützen fremder Völker tiefe Verbeugungen machen. Die Worte „Frau
Kronprinzessin“ treten durch die feine künstlerische Schönheit ihrer
Ausschmückung hervor: das Wort „Frau“ ist von einem liebenswürdigen
Völkchen reizender kleiner Puttchen umgaukelt, in dem K zeigen sich
unter der Krone vereinigt der preußische Adler und der Löwe und das
Einhorn des großbritannischen Wappens. Das künstlerische Spiel mit dem
Sinn der Worte ist durchgeführt bis zum Schluß, wo im Datum das P von
„Potsdam“ mit einer Ansicht des Neuen Palais geschmückt ist.
[Illustration: Abb. 70. +Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin für Fürst
Bismarck+. Wasserfarbenmalerei von 1872.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 71. +Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin für den
Grafen Moltke+. Wasserfarbenmalerei von 1872.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 72. +Erinnerung an den Luxembourggarten in Paris+.
Ölgemälde von 1872.
In Privatbesitz in Paris.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
Diese ganz neue Art von Zierkunst, die im Scherz geboren war, wendete
Menzel bald darauf auch in einem ernsthaften Blatte in meisterhafter,
unvergleichlich geistreicher Weise an. Das war die Adresse, welche
König Wilhelm vom Magistrat von Berlin zur Erinnerung an den
Siegeseinzug im Jahr 1866 überreicht wurde. Menzel malte in diesem
Blatt die Worte des Festgedichts von Scherenberg, mit welchem der
sieggekrönte König am Brandenburger Thor begrüßt wurde:
„Willkommen König! Deine Metropole
Grüßt jubelnd Dich und Deine Heldenschar!
Durchflog Borussia doch beschwingter Sohle
In sieben Tagen Friedrichs sieben Jahr’.
Nun reicht herab von ihrem Kapitole
Victoria den duft’gen Kranz Dir dar.
Gott ging mit Dir und wird auch mit Dir gehen,
Bis überm Lorbeerschatten Palmen wehen.“
[Illustration: Abb. 73. Bleistiftstudie von 1874. Im Besitz der
Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
Die beiden ersten Zeilen, als der eigentliche Gruß, nehmen den größten
Teil des Blattes ein. Sie sind eingebaut in ein reichgeschmücktes
Festgerüst von Kandelabern und Masten, die durch eine von der
Königskrone oben in der Mitte ausgehende Draperie von Purpursammet
und Hermelin miteinander verbunden sind, und zwischen denen auf
luftigen Tribünen die begrüßenden Zuschauer stehen, während unten die
siegreichen Truppen vorbeimarschieren. In diesem Rahmen bilden die drei
ersten Worte die erste gemalte Zeile: hinter dem aus Blumen gebildeten
„Willkommen“ treten die weißgekleideten Festjungfrauen an, die dann die
Buchstaben des Wortes „König“, die in sich wiederum sinnreich gestaltet
sind, mit Kranzgewinden schmücken, die Kränze schlingen sich wieder
zusammen zu den Schriftzügen des Wortes „Deine,“ hinter dem eine Schar
von Putten die Festmusik macht; der Putto _regens chori_ hat eine
Maske mit den Zügen des General-Direktors der Militärmusik Wieprecht
vorgebunden. Das Wort „Metropole“ zeigt sich darunter in einem
schwebenden Bilde des in prächtigem Festschmuck prangenden, damals noch
im Bau begriffenen Berliner Rathauses, dessen _status quo_ des Tages
nach der Wirklichkeit gegeben ist. Die Zuschauer werfen Blumen, Kränze
und Lorbeerzweige auf die einziehenden Soldaten herab, und aus diesen
Begrüßungsspenden bilden sich in der Luft die Worte „grüßt jubelnd
Dich und Deine“ --. Das Wort „Heldenschar“ steht in großen festen
Buchstaben auf dem Bodenstreifen und hebt sich hell von der dunklen
Truppenmasse ab, die es bezeichnet; an den einzelnen Buchstaben dieses
Wortes sind die Bildnisse der Führer des Krieges angebracht. Dieser
ganze obere Aufbau, der den Gruß an das siegreiche Preußenheer von 1866
darstellt, wird getragen von einem Unterbau aus Marmor und Erz, an
dessen lorbeergeschmückten Pfeilern die Helden Friedrichs des Großen zu
beiden Seiten von dessen Sarkophag stehen, -- ein sinnvoller Gedanke
Menzels, der nicht aus dem Gedicht hervorging. Die Textzeilen sind so
angeordnet, daß das Wort „Friedrichs“ für sich allein auf dem Sarkophag
steht, und daß das Wort „Victoria“ unter das Bild der Siegesgöttin
kommt, die auf dem Sockel dieses Sarkophags sitzt. Die beiden letzten
Zeilen sind auf ein mit goldenen Sternen besätes Band geschrieben,
das von einem Ziergebilde seinen Ausgang nimmt, in welchem sich eine
segnende Hand herabstreckt, und das in einer Gruppe von Palmzweigen,
worin Cherubim schweben, endet. Es würde unmöglich sein, mit Worten
auf alles hinzuweisen, was das Blatt an sinnreichen Beziehungen und an
künstlerischen Schönheiten enthält, von den Putten angefangen, welche
sich auf der Draperie über dem Festgerüst herumtreiben, und von den
Einzelheiten des Schmuckes bis zu dem Charakter der Schriftzüge hin,
die in ihrer Verschiedenartigkeit die fliegende Eile des Siegeslaufs,
das verzehrende Feuer der sieben heißen Tage und das sichere Mitgehen
des göttlichen Segensausdrücken, die bei den Worten „Kapitole“ und
„Victoria“ gleichsam unwillkürlich eine antik-klassische Gestalt
annehmen, um bei dem Worte „Kranz“ wieder in fröhliche Bewegung
überzugehen. -- Das in Wasserfarben mit Zuhilfenahme von Gold mit
wunderbarer Feinheit ausgeführte Blatt verdunkelt im Hohenzollernmuseum
des Schlosses Monbijou die sämtlichen künstlerisch ausgeführten
Adressen, welche dort in so großer Zahl aufbewahrt werden.
[Illustration: Abb. 74. +Eisenwalzwerk+. Ölgemälde von 1875. In der
Nationalgalerie zu Berlin. (Mit Genehmigung der Photographischen
Gesellschaft in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 75. +Auf dem Bau+. Deckfarbengemälde von 1875. In
Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 76. +Der Spaziergänger+. Deckfarbenbild von 1875.
In Privatbesitz in Paris.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
Im Jahre 1867 unternahm Menzel eine Reise nach Paris, bei Gelegenheit
der dortigen Weltausstellung. In den Pariser Kunstkreisen war sein
Name wohlbekannt. Er war der erste deutsche Maler, dessen Bedeutung
die Franzosen rückhaltlos anerkannten. Hier empfing Menzel eine Menge
neuer Eindrücke und Anregungen, denen eine Anzahl kostbarer Bilder ihr
Entstehen verdanken. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Berlin malte
er ein Ölbild von kleinem Maßstab, aber einer unermeßlichen Fülle des
Inhalts, in welchem er den Eindruck, den ein Sonntag im Tuileriengarten
in seinem Gedächtnis hinterlassen hatte, in einer Unzahl von Figuren
schilderte; jede von diesen Figuren lebt, jede ist in ihrem Aussehen
und ihrem Benehmen eine echt Pariser Erscheinung, man hört sie
sprechen, man möchte, als ob man selbst in sonntagnachmittäglicher Ruhe
dort säße, über jeden einzelnen seine müßigen Betrachtungen anstellen
(Abb. 56). -- Ein ebenfalls schon 1867 gemaltes Ölbild, in dem die
gleiche Schärfe der Beobachtung leuchtet, führt den Beschauer in das
dichtbesetzte amerikanische Restaurant der Weltausstellung. -- Als
Seitenstück zu dem „Sonntag im Tuileriengarten“ entstand zwei Jahre
später das sozusagen von betäubendem Lärm erfüllte Bild „Wochentag
in einer Straße von Paris“, das uns an den Kreuzungspunkt einer der
verhältnismäßig stilleren Nebenstraßen mit einer der Hauptverkehrsadern
der Weltstadt versetzt (Abb. 60). -- Auch der alte Elefant im _Jardin
des Plantes_, ein verwöhnter Liebling des Publikums, reizte Menzel
zu einem Bildchen, das er 1869 in Wasserfarben ausführte (Abb. 61).
-- Nur in einer Federzeichnung, die aber nicht weniger sprechend
und geistreich ist als die Gemälde, mit denen sie auch an malerischer
Wirkung wetteifert, schrieb Menzel 1870 die Erinnerung nieder an einen
Sommerabend auf dem Boulevard, wo man vor dem Café auf dem Bürgersteig
sitzend das Auf und Ab der Menschenwogen an sich vorüberfluten läßt
(Abb. 66).
[Illustration: Abb. 77. +Kirche zu Ettal+. Deckfarbenbild von 1875. In
Privatbesitz in Paris.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 78. +Richard Wagner in der Probe zu Bayreuth+.
Bleistiftzeichnung von 1875. Im Besitz des Künstlers.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
Zwischen den Erinnerungen an Paris steht ebenbürtig das Ölgemälde von
1868, welches einem Aufenthalt in Kösen seine Entstehung verdankt und
die Abhaltung eines Missionsgottesdienstes in der Buchenhalle bei Kösen
schildert. Auch hier eine große Menschenmenge, aber alle -- einige
wenige Kommende und Gehende abgerechnet -- in andächtige Ruhe gebannt
von den Worten des Predigers. Durch das grüne Laub flimmern die
Sonnenstrahlen und spielen mit zitterndem Reiz auf dem Boden und auf
der Versammlung (Abb. 58).
[Illustration: Abb. 79. „+Wer steckt da oben?+“ Deckfarbengemälde von
1876. In Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
Aus Eindrücken, welche Menzel während seines Aufenthaltes in dem Saal
des königlichen Schlosses, wo er das Krönungsbild malte, empfing,
ging eine Anzahl von Darstellungen hervor, welche er selbst als
„Rüstkammerphantasien“ bezeichnete. Seine Einbildungskraft dachte sich
in die Eisenharnische, welche dort standen, lebende Menschen hinein,
die ihm zu Helden launiger Bildchen wurden. So entstand eine Zeichnung
auf Stein, welche mit der Unterschrift: „Rate, wer es ist“ einen
Ritter zeigt, der in voller Rüstung vor eine junge Dame hintritt, die
ihn sicherlich, wie wir aus den lächelnden Mienen seiner Begleiter
ersehen, sehr genau kennt, ihn jetzt aber nicht erkennt und darum von
Neugier erfüllt ist, das Geheimnis des geschlossenen Visiers zu lüften.
Augenscheinlich ist der Künstler durch die Form des Visiers, die den
Eindruck eines verschmitzten Lächelns macht, zu dieser Phantasie
angeregt worden. Ein prächtiges Wasserfarbenbild von 1868 zeigt einen
Geharnischten als „Blindekuh“. Der in seinem schweren Eisenkleid
steckende Ritter wird von einer bekränzten jungen Schönen geneckt, die
von hinten an ihn herantritt und ihm schelmisch einen Blumenstrauß vor
die Luftlöcher des Visiers hält; von dem Gesicht des Ritters sieht
man fast nichts, als das durch die schmale Augenspalte des Helms
schimmernde Glanzlicht des einen Auges, und dieses eine Lichtchen
läßt uns in köstlicher Weise den ganzen Ausdruck des verborgenen
Männergesichts erraten.
[Illustration: Abb. 80. +Siesta+. Federzeichnung von 1876. In
Privatbesitz in Berlin.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
Dem „Kinder-Album“ gehört ein kostbares Blatt von 1868 an, dessen
Hauptfiguren Gold- und Silberfasanen sind; den farbenprächtigen Vögeln
hat der Künstler ein paar junge Chinesinnen zugesellt, von denen sie
auf der Gartenveranda ihr Futter empfangen (Abb. 59). -- Aus dem
nämlichen Vorstellungskreise ist zu derselben Zeit ein anderes kleines,
launiges Deckfarbengemälde hervorgegangen, welches unter dem Titel:
„_Confort chinois_“ einen Chinesen zeigt, der sich mit dem Ausdruck
höchsten Behagens von einem Silberfasan in der Nase picken läßt,
während ein Goldfasan, der wohl ebenso abgerichtet ist, auf seiner
Schulter sitzt.
Unter den Schöpfungen des Jahres 1869 nimmt auch eines jener
Schriftblätter einen bedeutsamen Platz ein, welche Menzel mit so
reicher Phantasie zu gestalten wußte. Es ist das „Gedenkblatt an
das fünfzigjährige Bestehen der Firma C. Heckmann in Berlin“.
Dasselbe zeigt einen architektonischen Aufbau, dessen Träger
Cyklopenhermen sind. Vor dem breiten Mittelpfeiler steht eine
geflügelte Frauengestalt, welche auf das Bildnismedaillon Heckmanns
hinweist. Auf dem oberen Abschluß der Architektur, der die Worte
trägt: „Tausend Jahre sind ein Tag, 50 aber ein halbes Jahrhundert“,
sind Putten damit beschäftigt, ein bekrönendes Gitter von reicher
Schmiedearbeit mit Kränzen und Blumengewinden zu schmücken. Am
Sockelstreifen halten Putten und Feuersalamander Ketten von ineinander
gehakten, in Schmiedearbeit hergestellt gedachten Buchstaben, welche
die Worte bilden: „Aller Anfang ist schwer.“ In den Zwischenräumen
der Architektur aber, zwischen den Cyklopenfiguren, sieht man in
die dampfgefüllten Kupferschmiedewerkstätten hinein, wo die rußigen
Kraftgestalten der „modernen Cyklopen“ mit dem glühenden Metall
hantieren.
[Illustration: Abb. 81. +Studien+ (Bleistift) zu einer Zeichnung zum
„Zerbrochenen Krug“. Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in
Berlin.]
[Illustration: Abb. 82. +Studie+ (Bleistift) zu einer Zeichnung zum
„Zerbrochenen Krug“.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]
Seit Menzel das Krönungsbild gemalt hatte, war er allezeit Gast
bei den Hoffestlichkeiten im königlichen Schlosse. Da weidete sich
sein Malerauge an dem Zusammenklange der prachtvoll ausgestatteten
Barockräume mit dem Farbengewoge der Uniformen und der Damenroben, an
dem Schein und Wiederschein der Kronleuchter und Girandolen, die ein
vielfältiges Lichterspiel durch die Räume ergossen und sich glitzernd
und funkelnd in Ordenssternen, Diamanten und Augen spiegelten. Einst
hatte seine staunenswürdige Einbildungskraft die Feste Friedrichs des
Großen lebendig zu machen gewußt; jetzt konnte er nach dem eigenen
Augenscheine die Feste Wilhelms I schildern, und er hat in solchen
Darstellungen unvergleichliche kulturgeschichtliche Bilder für die
Nachwelt aufbewahrt. Nachdem er im Jahre 1867 mit einem kleinen
Deckfarbengemälde „Ballgesellschaft“ dieses Gebiet zuerst betreten
hatte, eröffnete er mit einem 1870 vollendeten größeren Bilde,
„Tanzpause“ benannt, eine Reihe von prächtigen Ölgemälden solchen
Inhalts. Da befinden wir uns in einem der an den Ballsaal anstoßenden
Nebensäle. Eben ist ein Tanz beendet. Durch die Thüre des Ballsaals, in
den wir wie in ein Meer von Licht hineinblicken, strömen die Paare in
den zu einem behaglichen Augenblick zwangloser Plauderei einladenden
Raum. Eine Gruppe von Damen hat bereits an einem kleinen runden Tisch
Platz genommen, denen ein Diener in Galalivree mit Erfrischungen
naht. Herren vom Militär und Civil, in bunter Mannigfaltigkeit
der großen Galauniformen, treten zu den Damen heran oder erzählen
sich untereinander schnell ein Geschichtchen. Man meint, jede
Persönlichkeit müßte ein Porträt sein, so sprechend gibt sich eine
jede Gestalt in ihrer Eigenart. Doch ist das Ganze, das den Eindruck
einer Augenblicksaufnahme nach dem Leben macht, eine freie Komposition
Menzels, und die Personen, die in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der
Erscheinung eines jeden Einzelnen ein so treffend lebenswahres Abbild
der vornehmen Hofgesellschaft der Zeit geben, sind die Erzeugnisse
seiner Künstlerphantasie (Abb. 68).
[Illustration: Abb. 83. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists
Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).
Schlußstück zum 5. Auftritt.]
Als dann in dem nämlichen Jahre die französische Kriegserklärung jenen
Sturm von vaterländischer Begeisterung hervorrief, den keiner, der ihn
erlebt hat, je vergessen kann, da erfaßte Menzels scharfer Blick, der
treffsicherer arbeitete, als es ein photographischer Momentapparat
vermöchte, ein Augenblicksbild, in welchem er die ganze Stimmung jener
Tage zusammengefaßt festgehalten hat. „Die Abreise des Königs Wilhelm
zur Armee am 31. Juli 1870“ ist ein geschichtliches Denkmal aus der
Zeit des großen Krieges, dem sich kein anderes aus den Ereignissen
jener Jahre hervorgegangenes Erzeugnis der deutschen Kunst an die Seite
stellen läßt, denn in ihm ist der Herzschlag der Nation zum Ausdruck
gebracht (Abb. 69). Unter den Linden in Berlin steht Kopf an Kopf die
Menschenmenge, jede Hausthür, jedes Fenster, jeder Balkon ist dicht
besetzt. Der König fährt in der Richtung nach dem Brandenburger Thor
die Straße entlang. Eine wogende Erregung geht durch die Massen, an
denen der Wagen vorbeirollt; sie beginnt, wo man desselben eben erst
ansichtig wird und noch Zeit zu einem flüchtigen Blick in das eben
ausgegebene Extrablatt findet, und sie zittert noch lange weithin nach,
wo der Wagen vorbei ist. In strammer militärischer Haltung grüßen die
einen, mit Verneigungen andere, Hände, Tücher, Hüte bewegen sich in
der Luft, -- in all diesen verschiedenen Menschen lebt +ein+ Gefühl.
In dem Antlitz des greisen Königs, der die Grüße dankend erwidert,
liegt tiefe Ergriffenheit, die Königin an seiner Seite verbirgt
schluchzend ihr Gesicht im Taschentuch. Die Häuserreihe entlang wehen
Fahnen aus den Fenstern und von den Balkonen, und wie sie so lustig
im Sommerwinde flattern, ist es, als ob eine Siegesahnung sie bewegte.
-- Das wunderbare Bild, so riesengroß an Inhalt und Gehalt, ist ein
Ölgemälde von ganz geringem Umfang, dreiviertel Meter breit. Es befand
sich zuerst, wie die meisten kleinen Bilder Menzels, in Privatbesitz;
später aber wurde es vom Staate für die Nationalgalerie erworben,
um als ein einzigartiges Geschichtsbild kommenden Geschlechtern
das weltgeschichtliche Ereignis des deutsch-französischen Krieges
eindringlicher, als es die Verbildlichung großer Thaten vermöchte,
zu vergegenwärtigen durch die wahrheitsgetreue Schilderung von
dem Eindruck eines bedeutungsvollen Augenblickes auf die deutsche
Volksseele.
[Illustration: Abb. 84. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists
Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).
Schlußstück zum 8. Auftritt.]
[Illustration: Abb. 85. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists
Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).
„Fort, thut mir den Gefallen, holt ihn wieder!“ (Schluß des vorletzten
Auftritts.)]
[Illustration: Abb. 86. +Frühmorgens im Nachtschnellzug+.
Tuschzeichnung von 1877. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in
Berlin.]
[Illustration: Abb. 87. Bleistiftstudie von 1877 zum „Ballsouper“.]