Im Jahre 1864 schuf Menzel wieder eines jener künstlerisch

ausgestatteten Schriftblätter, wie er deren in seiner Jugend manche

gezeichnet hatte, in dem „Diplom Ihrer Königlichen Hoheit der Frau

Kronprinzessin als Ehrenmitglied des Schießvereins der Offiziere der

Potsdamer Garnison.“ Aber während bei den früheren Blättern verwandter

Art der künstlerische Schmuck sich auf die Einfassung des geschriebenen

Textes beschränkt hatte, bemächtigt sich hier der Stift des Künstlers

der Schrift selbst, die auf einem aufgehängten Teppich, der einen

Blick freiläßt auf den Schießstand, wo der Kronprinzessin Viktoria der

Ehrensessel vom Vorstand dargeboten wird, angebracht ist. Der Wortlaut

der Urkunde ist scherzhaft gehalten, und Menzel begleitet diesen

Text mit scherzhaften Einfällen, die denselben in der Gestaltung der

Buchstaben oder in deren Ausschmückung fast Wort für Wort illustrieren.

So sitzt in dem ersten Buchstaben, dem D von „Diplom“, der von den

Kugeln stark mitgenommene, aber trotzdem als lebendiges Wesen

auftretende Zieladler, der mit seiner Klaue das Pünktchen auf das i

setzt; der Anfangsbuchstabe von „Ehrenmitglied“ ruht auf einem Kissen

und ist mit einem Lorbeerkranz geschmückt, die Buchstaben des Wortes

„Offizier“ sind auf einen Degen gereiht, diejenigen von „Schießverein“

verschwinden in Pulverdampf, die Worte „1. Garde-Regiments zu Fuß“

sind mit Gardelitzen geschmückt und das G trägt außerdem noch den

Gardehelm. Und so geht es weiter; mit sprühendem Mutwillen wird der

scherzhafte Ton des Diploms hervorgehoben, indem zum Beispiel die

Worte „hoher Vorstand“ sich stolz über die Zeile hinausrecken, oder

indem bei den Worten „weitberühmten Schießvereins“ der erste Buchstabe

mit Pfauenfedern geschmückt ist und vor und hinter diesen Worten die

Schützen fremder Völker tiefe Verbeugungen machen. Die Worte „Frau

Kronprinzessin“ treten durch die feine künstlerische Schönheit ihrer

Ausschmückung hervor: das Wort „Frau“ ist von einem liebenswürdigen

Völkchen reizender kleiner Puttchen umgaukelt, in dem K zeigen sich

unter der Krone vereinigt der preußische Adler und der Löwe und das

Einhorn des großbritannischen Wappens. Das künstlerische Spiel mit dem

Sinn der Worte ist durchgeführt bis zum Schluß, wo im Datum das P von

„Potsdam“ mit einer Ansicht des Neuen Palais geschmückt ist.

[Illustration: Abb. 70. +Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin für Fürst

Bismarck+. Wasserfarbenmalerei von 1872.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 71. +Ehrenbürgerbrief der Stadt Berlin für den

Grafen Moltke+. Wasserfarbenmalerei von 1872.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 72. +Erinnerung an den Luxembourggarten in Paris+.

Ölgemälde von 1872.

In Privatbesitz in Paris.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Diese ganz neue Art von Zierkunst, die im Scherz geboren war, wendete

Menzel bald darauf auch in einem ernsthaften Blatte in meisterhafter,

unvergleichlich geistreicher Weise an. Das war die Adresse, welche

König Wilhelm vom Magistrat von Berlin zur Erinnerung an den

Siegeseinzug im Jahr 1866 überreicht wurde. Menzel malte in diesem

Blatt die Worte des Festgedichts von Scherenberg, mit welchem der

sieggekrönte König am Brandenburger Thor begrüßt wurde:

„Willkommen König! Deine Metropole

Grüßt jubelnd Dich und Deine Heldenschar!

Durchflog Borussia doch beschwingter Sohle

In sieben Tagen Friedrichs sieben Jahr’.

Nun reicht herab von ihrem Kapitole

Victoria den duft’gen Kranz Dir dar.

Gott ging mit Dir und wird auch mit Dir gehen,

Bis überm Lorbeerschatten Palmen wehen.“

[Illustration: Abb. 73. Bleistiftstudie von 1874. Im Besitz der

Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]

Die beiden ersten Zeilen, als der eigentliche Gruß, nehmen den größten

Teil des Blattes ein. Sie sind eingebaut in ein reichgeschmücktes

Festgerüst von Kandelabern und Masten, die durch eine von der

Königskrone oben in der Mitte ausgehende Draperie von Purpursammet

und Hermelin miteinander verbunden sind, und zwischen denen auf

luftigen Tribünen die begrüßenden Zuschauer stehen, während unten die

siegreichen Truppen vorbeimarschieren. In diesem Rahmen bilden die drei

ersten Worte die erste gemalte Zeile: hinter dem aus Blumen gebildeten

„Willkommen“ treten die weißgekleideten Festjungfrauen an, die dann die

Buchstaben des Wortes „König“, die in sich wiederum sinnreich gestaltet

sind, mit Kranzgewinden schmücken, die Kränze schlingen sich wieder

zusammen zu den Schriftzügen des Wortes „Deine,“ hinter dem eine Schar

von Putten die Festmusik macht; der Putto _regens chori_ hat eine

Maske mit den Zügen des General-Direktors der Militärmusik Wieprecht

vorgebunden. Das Wort „Metropole“ zeigt sich darunter in einem

schwebenden Bilde des in prächtigem Festschmuck prangenden, damals noch

im Bau begriffenen Berliner Rathauses, dessen _status quo_ des Tages

nach der Wirklichkeit gegeben ist. Die Zuschauer werfen Blumen, Kränze

und Lorbeerzweige auf die einziehenden Soldaten herab, und aus diesen

Begrüßungsspenden bilden sich in der Luft die Worte „grüßt jubelnd

Dich und Deine“ --. Das Wort „Heldenschar“ steht in großen festen

Buchstaben auf dem Bodenstreifen und hebt sich hell von der dunklen

Truppenmasse ab, die es bezeichnet; an den einzelnen Buchstaben dieses

Wortes sind die Bildnisse der Führer des Krieges angebracht. Dieser

ganze obere Aufbau, der den Gruß an das siegreiche Preußenheer von 1866

darstellt, wird getragen von einem Unterbau aus Marmor und Erz, an

dessen lorbeergeschmückten Pfeilern die Helden Friedrichs des Großen zu

beiden Seiten von dessen Sarkophag stehen, -- ein sinnvoller Gedanke

Menzels, der nicht aus dem Gedicht hervorging. Die Textzeilen sind so

angeordnet, daß das Wort „Friedrichs“ für sich allein auf dem Sarkophag

steht, und daß das Wort „Victoria“ unter das Bild der Siegesgöttin

kommt, die auf dem Sockel dieses Sarkophags sitzt. Die beiden letzten

Zeilen sind auf ein mit goldenen Sternen besätes Band geschrieben,

das von einem Ziergebilde seinen Ausgang nimmt, in welchem sich eine

segnende Hand herabstreckt, und das in einer Gruppe von Palmzweigen,

worin Cherubim schweben, endet. Es würde unmöglich sein, mit Worten

auf alles hinzuweisen, was das Blatt an sinnreichen Beziehungen und an

künstlerischen Schönheiten enthält, von den Putten angefangen, welche

sich auf der Draperie über dem Festgerüst herumtreiben, und von den

Einzelheiten des Schmuckes bis zu dem Charakter der Schriftzüge hin,

die in ihrer Verschiedenartigkeit die fliegende Eile des Siegeslaufs,

das verzehrende Feuer der sieben heißen Tage und das sichere Mitgehen

des göttlichen Segensausdrücken, die bei den Worten „Kapitole“ und

„Victoria“ gleichsam unwillkürlich eine antik-klassische Gestalt

annehmen, um bei dem Worte „Kranz“ wieder in fröhliche Bewegung

überzugehen. -- Das in Wasserfarben mit Zuhilfenahme von Gold mit

wunderbarer Feinheit ausgeführte Blatt verdunkelt im Hohenzollernmuseum

des Schlosses Monbijou die sämtlichen künstlerisch ausgeführten

Adressen, welche dort in so großer Zahl aufbewahrt werden.

[Illustration: Abb. 74. +Eisenwalzwerk+. Ölgemälde von 1875. In der

Nationalgalerie zu Berlin. (Mit Genehmigung der Photographischen

Gesellschaft in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 75. +Auf dem Bau+. Deckfarbengemälde von 1875. In

Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 76. +Der Spaziergänger+. Deckfarbenbild von 1875.

In Privatbesitz in Paris.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Im Jahre 1867 unternahm Menzel eine Reise nach Paris, bei Gelegenheit

der dortigen Weltausstellung. In den Pariser Kunstkreisen war sein

Name wohlbekannt. Er war der erste deutsche Maler, dessen Bedeutung

die Franzosen rückhaltlos anerkannten. Hier empfing Menzel eine Menge

neuer Eindrücke und Anregungen, denen eine Anzahl kostbarer Bilder ihr

Entstehen verdanken. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Berlin malte

er ein Ölbild von kleinem Maßstab, aber einer unermeßlichen Fülle des

Inhalts, in welchem er den Eindruck, den ein Sonntag im Tuileriengarten

in seinem Gedächtnis hinterlassen hatte, in einer Unzahl von Figuren

schilderte; jede von diesen Figuren lebt, jede ist in ihrem Aussehen

und ihrem Benehmen eine echt Pariser Erscheinung, man hört sie

sprechen, man möchte, als ob man selbst in sonntagnachmittäglicher Ruhe

dort säße, über jeden einzelnen seine müßigen Betrachtungen anstellen

(Abb. 56). -- Ein ebenfalls schon 1867 gemaltes Ölbild, in dem die

gleiche Schärfe der Beobachtung leuchtet, führt den Beschauer in das

dichtbesetzte amerikanische Restaurant der Weltausstellung. -- Als

Seitenstück zu dem „Sonntag im Tuileriengarten“ entstand zwei Jahre

später das sozusagen von betäubendem Lärm erfüllte Bild „Wochentag

in einer Straße von Paris“, das uns an den Kreuzungspunkt einer der

verhältnismäßig stilleren Nebenstraßen mit einer der Hauptverkehrsadern

der Weltstadt versetzt (Abb. 60). -- Auch der alte Elefant im _Jardin

des Plantes_, ein verwöhnter Liebling des Publikums, reizte Menzel

zu einem Bildchen, das er 1869 in Wasserfarben ausführte (Abb. 61).

-- Nur in einer Federzeichnung, die aber nicht weniger sprechend

und geistreich ist als die Gemälde, mit denen sie auch an malerischer

Wirkung wetteifert, schrieb Menzel 1870 die Erinnerung nieder an einen

Sommerabend auf dem Boulevard, wo man vor dem Café auf dem Bürgersteig

sitzend das Auf und Ab der Menschenwogen an sich vorüberfluten läßt

(Abb. 66).

[Illustration: Abb. 77. +Kirche zu Ettal+. Deckfarbenbild von 1875. In

Privatbesitz in Paris.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 78. +Richard Wagner in der Probe zu Bayreuth+.

Bleistiftzeichnung von 1875. Im Besitz des Künstlers.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Zwischen den Erinnerungen an Paris steht ebenbürtig das Ölgemälde von

1868, welches einem Aufenthalt in Kösen seine Entstehung verdankt und

die Abhaltung eines Missionsgottesdienstes in der Buchenhalle bei Kösen

schildert. Auch hier eine große Menschenmenge, aber alle -- einige

wenige Kommende und Gehende abgerechnet -- in andächtige Ruhe gebannt

von den Worten des Predigers. Durch das grüne Laub flimmern die

Sonnenstrahlen und spielen mit zitterndem Reiz auf dem Boden und auf

der Versammlung (Abb. 58).

[Illustration: Abb. 79. „+Wer steckt da oben?+“ Deckfarbengemälde von

1876. In Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Aus Eindrücken, welche Menzel während seines Aufenthaltes in dem Saal

des königlichen Schlosses, wo er das Krönungsbild malte, empfing,

ging eine Anzahl von Darstellungen hervor, welche er selbst als

„Rüstkammerphantasien“ bezeichnete. Seine Einbildungskraft dachte sich

in die Eisenharnische, welche dort standen, lebende Menschen hinein,

die ihm zu Helden launiger Bildchen wurden. So entstand eine Zeichnung

auf Stein, welche mit der Unterschrift: „Rate, wer es ist“ einen

Ritter zeigt, der in voller Rüstung vor eine junge Dame hintritt, die

ihn sicherlich, wie wir aus den lächelnden Mienen seiner Begleiter

ersehen, sehr genau kennt, ihn jetzt aber nicht erkennt und darum von

Neugier erfüllt ist, das Geheimnis des geschlossenen Visiers zu lüften.

Augenscheinlich ist der Künstler durch die Form des Visiers, die den

Eindruck eines verschmitzten Lächelns macht, zu dieser Phantasie

angeregt worden. Ein prächtiges Wasserfarbenbild von 1868 zeigt einen

Geharnischten als „Blindekuh“. Der in seinem schweren Eisenkleid

steckende Ritter wird von einer bekränzten jungen Schönen geneckt, die

von hinten an ihn herantritt und ihm schelmisch einen Blumenstrauß vor

die Luftlöcher des Visiers hält; von dem Gesicht des Ritters sieht

man fast nichts, als das durch die schmale Augenspalte des Helms

schimmernde Glanzlicht des einen Auges, und dieses eine Lichtchen

läßt uns in köstlicher Weise den ganzen Ausdruck des verborgenen

Männergesichts erraten.

[Illustration: Abb. 80. +Siesta+. Federzeichnung von 1876. In

Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Dem „Kinder-Album“ gehört ein kostbares Blatt von 1868 an, dessen

Hauptfiguren Gold- und Silberfasanen sind; den farbenprächtigen Vögeln

hat der Künstler ein paar junge Chinesinnen zugesellt, von denen sie

auf der Gartenveranda ihr Futter empfangen (Abb. 59). -- Aus dem

nämlichen Vorstellungskreise ist zu derselben Zeit ein anderes kleines,

launiges Deckfarbengemälde hervorgegangen, welches unter dem Titel:

„_Confort chinois_“ einen Chinesen zeigt, der sich mit dem Ausdruck

höchsten Behagens von einem Silberfasan in der Nase picken läßt,

während ein Goldfasan, der wohl ebenso abgerichtet ist, auf seiner

Schulter sitzt.

Unter den Schöpfungen des Jahres 1869 nimmt auch eines jener

Schriftblätter einen bedeutsamen Platz ein, welche Menzel mit so

reicher Phantasie zu gestalten wußte. Es ist das „Gedenkblatt an

das fünfzigjährige Bestehen der Firma C. Heckmann in Berlin“.

Dasselbe zeigt einen architektonischen Aufbau, dessen Träger

Cyklopenhermen sind. Vor dem breiten Mittelpfeiler steht eine

geflügelte Frauengestalt, welche auf das Bildnismedaillon Heckmanns

hinweist. Auf dem oberen Abschluß der Architektur, der die Worte

trägt: „Tausend Jahre sind ein Tag, 50 aber ein halbes Jahrhundert“,

sind Putten damit beschäftigt, ein bekrönendes Gitter von reicher

Schmiedearbeit mit Kränzen und Blumengewinden zu schmücken. Am

Sockelstreifen halten Putten und Feuersalamander Ketten von ineinander

gehakten, in Schmiedearbeit hergestellt gedachten Buchstaben, welche

die Worte bilden: „Aller Anfang ist schwer.“ In den Zwischenräumen

der Architektur aber, zwischen den Cyklopenfiguren, sieht man in

die dampfgefüllten Kupferschmiedewerkstätten hinein, wo die rußigen

Kraftgestalten der „modernen Cyklopen“ mit dem glühenden Metall

hantieren.

[Illustration: Abb. 81. +Studien+ (Bleistift) zu einer Zeichnung zum

„Zerbrochenen Krug“. Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in

Berlin.]

[Illustration: Abb. 82. +Studie+ (Bleistift) zu einer Zeichnung zum

„Zerbrochenen Krug“.

Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.]

Seit Menzel das Krönungsbild gemalt hatte, war er allezeit Gast

bei den Hoffestlichkeiten im königlichen Schlosse. Da weidete sich

sein Malerauge an dem Zusammenklange der prachtvoll ausgestatteten

Barockräume mit dem Farbengewoge der Uniformen und der Damenroben, an

dem Schein und Wiederschein der Kronleuchter und Girandolen, die ein

vielfältiges Lichterspiel durch die Räume ergossen und sich glitzernd

und funkelnd in Ordenssternen, Diamanten und Augen spiegelten. Einst

hatte seine staunenswürdige Einbildungskraft die Feste Friedrichs des

Großen lebendig zu machen gewußt; jetzt konnte er nach dem eigenen

Augenscheine die Feste Wilhelms I schildern, und er hat in solchen

Darstellungen unvergleichliche kulturgeschichtliche Bilder für die

Nachwelt aufbewahrt. Nachdem er im Jahre 1867 mit einem kleinen

Deckfarbengemälde „Ballgesellschaft“ dieses Gebiet zuerst betreten

hatte, eröffnete er mit einem 1870 vollendeten größeren Bilde,

„Tanzpause“ benannt, eine Reihe von prächtigen Ölgemälden solchen

Inhalts. Da befinden wir uns in einem der an den Ballsaal anstoßenden

Nebensäle. Eben ist ein Tanz beendet. Durch die Thüre des Ballsaals, in

den wir wie in ein Meer von Licht hineinblicken, strömen die Paare in

den zu einem behaglichen Augenblick zwangloser Plauderei einladenden

Raum. Eine Gruppe von Damen hat bereits an einem kleinen runden Tisch

Platz genommen, denen ein Diener in Galalivree mit Erfrischungen

naht. Herren vom Militär und Civil, in bunter Mannigfaltigkeit

der großen Galauniformen, treten zu den Damen heran oder erzählen

sich untereinander schnell ein Geschichtchen. Man meint, jede

Persönlichkeit müßte ein Porträt sein, so sprechend gibt sich eine

jede Gestalt in ihrer Eigenart. Doch ist das Ganze, das den Eindruck

einer Augenblicksaufnahme nach dem Leben macht, eine freie Komposition

Menzels, und die Personen, die in ihrer Gesamtheit sowohl wie in der

Erscheinung eines jeden Einzelnen ein so treffend lebenswahres Abbild

der vornehmen Hofgesellschaft der Zeit geben, sind die Erzeugnisse

seiner Künstlerphantasie (Abb. 68).

[Illustration: Abb. 83. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists

Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).

Schlußstück zum 5. Auftritt.]

Als dann in dem nämlichen Jahre die französische Kriegserklärung jenen

Sturm von vaterländischer Begeisterung hervorrief, den keiner, der ihn

erlebt hat, je vergessen kann, da erfaßte Menzels scharfer Blick, der

treffsicherer arbeitete, als es ein photographischer Momentapparat

vermöchte, ein Augenblicksbild, in welchem er die ganze Stimmung jener

Tage zusammengefaßt festgehalten hat. „Die Abreise des Königs Wilhelm

zur Armee am 31. Juli 1870“ ist ein geschichtliches Denkmal aus der

Zeit des großen Krieges, dem sich kein anderes aus den Ereignissen

jener Jahre hervorgegangenes Erzeugnis der deutschen Kunst an die Seite

stellen läßt, denn in ihm ist der Herzschlag der Nation zum Ausdruck

gebracht (Abb. 69). Unter den Linden in Berlin steht Kopf an Kopf die

Menschenmenge, jede Hausthür, jedes Fenster, jeder Balkon ist dicht

besetzt. Der König fährt in der Richtung nach dem Brandenburger Thor

die Straße entlang. Eine wogende Erregung geht durch die Massen, an

denen der Wagen vorbeirollt; sie beginnt, wo man desselben eben erst

ansichtig wird und noch Zeit zu einem flüchtigen Blick in das eben

ausgegebene Extrablatt findet, und sie zittert noch lange weithin nach,

wo der Wagen vorbei ist. In strammer militärischer Haltung grüßen die

einen, mit Verneigungen andere, Hände, Tücher, Hüte bewegen sich in

der Luft, -- in all diesen verschiedenen Menschen lebt +ein+ Gefühl.

In dem Antlitz des greisen Königs, der die Grüße dankend erwidert,

liegt tiefe Ergriffenheit, die Königin an seiner Seite verbirgt

schluchzend ihr Gesicht im Taschentuch. Die Häuserreihe entlang wehen

Fahnen aus den Fenstern und von den Balkonen, und wie sie so lustig

im Sommerwinde flattern, ist es, als ob eine Siegesahnung sie bewegte.

-- Das wunderbare Bild, so riesengroß an Inhalt und Gehalt, ist ein

Ölgemälde von ganz geringem Umfang, dreiviertel Meter breit. Es befand

sich zuerst, wie die meisten kleinen Bilder Menzels, in Privatbesitz;

später aber wurde es vom Staate für die Nationalgalerie erworben,

um als ein einzigartiges Geschichtsbild kommenden Geschlechtern

das weltgeschichtliche Ereignis des deutsch-französischen Krieges

eindringlicher, als es die Verbildlichung großer Thaten vermöchte,

zu vergegenwärtigen durch die wahrheitsgetreue Schilderung von

dem Eindruck eines bedeutungsvollen Augenblickes auf die deutsche

Volksseele.

[Illustration: Abb. 84. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists

Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).

Schlußstück zum 8. Auftritt.]

[Illustration: Abb. 85. Aus den Zeichnungen zu Heinrich von Kleists

Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (1876-77).

„Fort, thut mir den Gefallen, holt ihn wieder!“ (Schluß des vorletzten

Auftritts.)]

[Illustration: Abb. 86. +Frühmorgens im Nachtschnellzug+.

Tuschzeichnung von 1877. Im Besitz der Verlagshandlung R. Wagner in

Berlin.]

[Illustration: Abb. 87. Bleistiftstudie von 1877 zum „Ballsouper“.]

A. von Menzel · 第 4 / 7 段