1856 wurde die Krone von Menzels Friedrichsbildern fertig: „Friedrich

und die Seinen bei Hochkirch.“ Während eines Zeitraums von sechs Jahren

hatte der Meister mit unendlichem Fleiß an diesem Werk geschafft.

Bei jeder nächtlichen Feuersbrunst war er an Ort und Stelle geeilt,

um deren malerischen Eindruck zu beobachten; zwischen Nacht und

Morgengrauen hatte er im Freien seine Modellstudien gemacht. Aber was

für ein Bild ist das geworden! Seit Velasquez seine „Kapitulation von

Breda“ gemalt hatte, war kein Geschichtsbild entstanden, das eine

solche packende Wahrhaftigkeit in malerische Schönheit kleidete. Und

an poetischem Gehalt übertrifft Menzels Schöpfung das Werk des großen

Spaniers, wenn dieser auch an Farbengewalt überlegen bleibt. Der

Überfall der Österreicher ist über das Preußenheer hereingebrochen

wie ein verheerendes Naturereignis. Aber schon steht eine Schar

von Musketieren und Füsilieren, durcheinander, wie ein jeder kam,

gleich einer ehernen Mauer an einem noch offen gebliebenen Weg. Die

Ladestöcke rasseln, mit fieberhafter Hast werden die Schüsse gegen den

in einer Linie von Feuer und Pulverdampf verborgenen Feind entsendet.

Weitere Offiziere und Mannschaften kommen atemlos heran und erklimmen

tappend eine lehmige Böschung, um die Gefechtslinie zu verlängern. Das

Aufblitzen des Pulvers und der Brand der ersten Häuser des Orts geben

die einzige Beleuchtung in der unheimlichen Finsternis, in die kaum

die erste blaugraue Dämmerung hineinflimmert. Überall schlagen die

feindlichen Kugeln ein; aber die Heldenschar hält stand. Wir fühlen,

wie alle in diesem Augenblick gleichsam von einem Hoffnungsstrahl in

der hoffnungslosen Lage durchzuckt werden: der König ist da! Seinem

Gefolge voraneilend, reitet Friedrich die Reihe der Kämpfer entlang.

Scharf hervorgehoben durch das grelle Aufleuchten der Feuerblitze

kommt er uns entgegen. Geängstigt schnaubt sein unsicher auftretender

Schimmel. In seiner nächsten Nähe reißen die Kugeln Mann und Pferd

zu Boden. Er hastet vorwärts, er will überall sein; auf seinem

Antlitz liegt Ruhe, aber eine fürchterliche Ruhe, eine Starre, die

seine Züge versteinert. Wenn es die Seinen auch noch nicht glauben,

er weiß es, daß das Unglück nicht mehr abzuwenden ist. Und auch im

Unglück erscheint er als der Große König, als ein Held, dem Helden

gehorchen (Abb. 47). -- Das lebensgroße Gemälde gehört zu den seltenen

Kunstwerken, deren Betrachtung niemals ermüdet; je öfter man es

ansieht, um so ergreifender kommt es zur Wirkung. Es prangt jetzt an

der würdigsten Stelle, im Arbeitszimmer Seiner Majestät des Kaisers im

Neuen Palais zu Potsdam.

[Illustration: Abb. 55. +Badende Knaben an der Saale bei Kösen+.

Deckfarbenbild von 1865. In Privatbesitz in Dresden.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration:

1 _Kronprinzessin K. H._

2 _Prinzessin Carl K. H._

3 „ _Friedr. Carl K. H._

4 „ _Alexandrine K. H._

5 _Frau v. Bülow, Exc._

6 _Gräfin Schulenburg, Exc._

7 „ _Hacke._

8 „ _Oriolla._

9 „ _Brandenburg._

10 „ _Schwerin._

11 „ _Hacke._

12 „ _Alvensleben._

13 _Frl. v. Schuckmann._

14 _Gräfin Hohenthal._

15 „ _Brühl._

16 „ _Seydewitz._

17 _Frl. v. Voyna._

18 „ _Below._

19 _Fürst Radzivill (hat die Krone Sr. Maj. getragen)._

20 _Graf Dohna-Lauck (hat das Scepter getragen)._

21 _Graf Dönhoff (hat den Reichsapfel getragen)._

22 _Kanzler Dr. v. Zander (hat das Reichssiegel getragen) unter

Assistenz des_

23 _Grf. Dohna-Schlodien._

24 _Ober-Burg-Grf. v. Brünneck (hat das Reichsschwert getragen)._

25 _Gen. d. Cav. Grf. Gröben (hat die Krone Ihr. Maj. getragen)._

26 _Ober-Schlosshptm. Grf. Keller (hat den Königl. Mantel getragen)._

27 _Grf. Dohna-Schlobitten (hat den Mantel Ihr. Maj. getragen)._

28 _Prinz August v. Württemberg._

29 _Prinz Hohenlohe._

30 _Herzog Wilhelm v. Mecklenburg._

31 _Gen. d. Inf. v. Werder._

32 _Fürst Salm-Horstmar._

33 _Gen. d. Inf. v. Grabow._

34 „ _v. Brese-Winiary._

35 _Herzog v. Ujest._

36 _Ober-Präsid. Dr. Eichmann._

37 _Fürst v. Bentheim-Teklenburg._

38 _Staatsminister Uhden._

39 _Wirkl. Geh.-Rth. v. Obstfelder._

40 _Gen.-Direct. d. Museen v. Olfers._

41 _Grf. Haeseler._

42 _Gen.-Intdt. von Hülsen._

43 _Grf. Brühl._

44 _Flüg.-Adjut. Grf. Kanitz._

45 _Grf. Schafgotsch._

46 „ _Fürstenstein._

47 _Reg.-Präs. Grf. Eulenburg._

48 _Bar. Röder._

49 _Grf. Pückler._

50 „ _Pfeil._

51 „ _Boos-Waldeck._

52 „ _Kaiserling._

53 _Herz. v. Croy-Dülmen._

54 _Fürst Salm-Dyk._

55 _Grf. Perponcher._

56 „ _Stolberg, Ob.-Jäg.-M._

57 „ _Brandenburg._

58 „ _v. d. Goltz._

59 _Prinz Waldemar v. Holstein._

60 _Gener. v. Boyen._

61 _Flüg.-Adjut. v. Strubberg._

62 _Prinz Hohenlohe._

63 _Gener. Grf. Adlerberg._

64 _Wirkl. Geh.-Rth. Illaire._

65 _v. Bismarck, Gesandter._

66 _Gen.-Arzt Dr. Lauer, Leibarzt Sr. Maj._

67 _Oberhofpred. Dr. Snethlage._

68 _Gener.-Superintd. Dr. Hoffmann._

69 _Ober-Consist.-Rth. Büchsel._

70 _Feldprobst der Armee Dr. Thielen._

_Generalität:_

71 _Gen. d. Inf. v. Peucker._

72 _Gen. d. Cav. Grf. Waldersee._

73 _Gen. d. Inf. v. Wussow._

74 „ _Herwart v. Bittenfeld._

75 „ _v. Bonin._

76 _Gen.-Lieut. v. Falkenstein._

77 „ _v. Dankbahr._

78 „ _v. Webern._

79 „ _v. Alvensleben._

80 „ _v. Steinmetz._

81 „ _v. Kunowsky._

82 „ _v. Schlichting._

83 „ _Hindersin._

84 „ _Grf. v. Monts._

85 „ _v. Moltke._

86 „ _v. Prittwitz._

87 „ _v. Schöler._

88 „ _v. Wasserschleben._

_Die Krönungs-Botschafter:_

89 _Grossherzog z. Sachsen, K. H._

90 _Grossherzogin „ K. H._

91 _Erzherzog Carl Ludwig, Kais. H._

92 _Grossfürst Nicolaus, Kais. H._

93 _Lord Clarendon._

94 _Marschall Mac Mahon._

95 _Geh. Ober-Baurath Stüler._

96 _Geh. Ober-Reg.-Rth. Knerk._

97 _Geh.-Rth. Gelling, I. Tresorier._

98 „ _Büssler._

99 „ _Borck._

100 _Hofrath Schulz._

101 „ _Dohme._

102 _(oben vor der Orgel) Musik-Direct. v. Herzberg._

Erklärungstafel zu Abb. 54: +Die Krönung König Wilhelms zu Königsberg+.]

Im Jahre 1857 lieferte Menzel an die Verbindung für historische Kunst

ein in deren Auftrag gemaltes Bild ab: „Die Begegnung Friedrichs des

Großen mit Kaiser Joseph II in Neiße.“ Auf der Treppe des bischöflichen

Palastes geht Friedrich dem rasch heraufsteigenden jugendlichen

Kaiser entgegen; er legt den Arm um seine Schulter, und tief und

herzlich blicken die beiden ehemaligen Gegner einander in die Augen.

An der Spitze des kaiserlichen Gefolges schreitet Laudon, der Held

von Kunersdorf, der mit offener Neugier die Blicke auf den großen

Heerführer richtet, mit dem er so oft um die Siegespalme gerungen.

Auf der Seite des Königs sieht man die Prinzen Heinrich und

Friedrich Wilhelm, weiter oben Seydlitz und Tauenzien, den ruhmreichen

Verteidiger von Breslau. -- Mit diesem Werk, das laut Bestimmung des

Statuts der Verbindung für historische Kunst verlost worden und dadurch

in den Besitz des Großherzogs von Weimar gelangt ist, schloß Menzel

die Reihe der Gemälde, in denen er die Gestalt des Großen Königs

verherrlichte. Zwei später begonnene große Bilder, das Zusammentreffen

Friedrichs des Großen mit den österreichischen Offizieren in Lissa

und die Ansprache an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen

darstellend, blieben unvollendet in des Meisters Werkstatt stehen.

[Illustration: Abb. 56. +Sonntag im Tuileriengarten zu Paris+. In

Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 57. +Auf dem Lande+. Bleistiftzeichnung.

(Photographie von Gustav Schauer in Berlin.)]

In den Kreis der Friedrichsbilder gehört noch eine Holzzeichnung vom

Jahre 1856, welche einen Besuch des um die Hebung der Gewerbthätigkeit

besorgten Königs in einer schlesischen Weberei zum Gegenstand hat. --

Dem Vater Friedrichs II widmete Menzel 1858 eine in Kohle gezeichnete

Darstellung -- als Bestandteil eines nicht zur Ausführung gelangten

vaterländischen Bilderwerks gedacht --, welche König Friedrich Wilhelm

I zeigt, wie er eine Volksschule besucht. Wie in dem Gemälde „Friedrich

II auf Reisen“, mischen sich in dieser Schilderung Ernst und Komik. Die

Zeichnung befindet sich in der Nationalgalerie.

Als das Kronprinzenpalais zu Berlin im Jahre 1858 für den Einzug des

Prinzen Friedrich Wilhelm und seiner jungen Gemahlin neu hergerichtet

wurde, füllte Menzel in einem Saale dieses Palais ein Lünettenfeld

mit der auf die Verbindung zwischen Preußen und England hinweisenden

Darstellung der Begegnung von Blücher und Wellington auf dem

Schlachtfelde von Belle-Alliance.

In dem nämlichen Jahr malte Menzel für das Versammlungslokal des

Vereins Berliner Künstler ein Ölbild, welches den Mann, der in der

Geschichte der neueren deutschen Kunst als der Stammvater einer auf

Naturwahrheit gerichteten Auffassungsweise dasteht, Daniel Chodowiecki,

in lebensgroßer Figur vorführt. Als Vorübung hierzu hatte Menzel

eine Büste Chodowieckis von allen Seiten und in verschiedenen

Beleuchtungen gezeichnet.

[Illustration: Abb. 58. +Predigt im Freien (bei Kösen)+. Ölgemälde von

1868. In Privatbesitz in Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Ein kleines Ölbild von 1859, eine Reiseerinnerung aus Kufstein, führt

uns in einer Menge köstlicher Charakterfiguren das ländliche Publikum

vor, das in einer als Theater dienenden Bretterbude, durch deren Wand

sich schmale Sonnenstrahlen stehlen, auf den Beginn der Vorstellung

harrt, in andächtiger Spannung die einen, leise schwatzend die anderen,

und wieder andere auf das Löschen ihres Durstes bedacht.

[Illustration: Abb. 59. +Fasanenfütterung+. Aquarell- und

Deckfarbengemälde (aus dem Kinder-Album) von 1868.

In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 60. +Wochentag in Paris+. Ölgemälde von 1869. In

Privatbesitz in London.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Als Nachklänge der vieljährigen Beschäftigung mit Friedrich dem Großen

kann man vier kleine Bilder ansehen, welche ihren Inhalt der Zeit

entnehmen, die Friedrich als Kronprinz in Rheinsberg verbrachte. Da ist

zunächst eine hochpoetische Schöpfung, welche den Kronprinzen zeigt,

wie er sich in zierlichem Kahn auf dem See am Schlosse umherfahren

läßt und sich dabei im Schatten eines dunkelfarbigen Sonnensegels

in behaglicher Lage in ein Buch versenkt, dessen Inhalt seine Augen

leuchten macht; es ist eine träumerisch-stille Stimmung, die Glut des

Sommertags flimmert in den Bäumen des Ufers, und über der glatten

Wasserfläche spielen die Schwalben. Dann der mit köstlicher Laune

erdachte Hofball in Rheinsberg, wo die Herren und Damen der aus

der Nachbarschaft des weltentlegenen Schlosses zusammengeladenen

Gesellschaft die Bewegungen und Trachten des Rokoko, die Menzel

sonst mit so liebenswürdigem, feinem Reiz zu schildern weiß, von der

komischen Seite zeigen (Abb. 50). Das Gegenstück zu diesem Bilde

erkünstelter Eleganz bildet ein Blick in die derbere Welt der Lakaien

und Kammerhusaren im Vorsaal. Das vierte der Bildchen schildert einen

Besuch des Kronprinzen Friedrich auf dem Gerüst, wo Antoine Pesne mit

der Ausmalung des Plafonds im Ballsaal des Schlosses beschäftigt ist;

von dem Maler ungesehen, beobachtet der Prinz diesen mit stillem

Vergnügen bei dem Bemühen, einem ungelenken Modell die graziöse

Stellung, die es einnehmen soll, deutlich zu machen. -- Diese vier

Bilder sind mit Wasserfarben gemalt, und zwar in einer Verbindung der

eigentlichen Aquarellmalerei mit Deckfarbenmalerei. Sie bilden einen

Teil einer Sammlung von Darstellungen kleinen Maßstabs, welche Menzel

in dieser Technik, die ihm ganz besonders zusagte, für einen Berliner

Kunstfreund in der Zeit von 1860 bis 1862 ausführte. Von den übrigen

Blättern dieser Sammlung gibt eines, „der Abschied vor der Hausthüre“,

einen Eindruck aus dem Berliner Straßenleben wieder; andere sind

Augenblicksbilder, die Menzel sich auf Reisen in Deutschland und Tirol,

durch die er von Zeit zu Zeit seinen Aufenthalt in Berlin unterbrach,

eingeprägt hatte. Von solchen Reisen brachte er immer die Anregungen zu

mancherlei köstlichen Schilderungen des Lebens mit heim.

[Illustration: Abb. 61. +Im _Jardin des plantes_+. Deckfarbengemälde

von 1869. In Privatbesitz in Hamburg.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: =In Potsdam.=

Abb. 62. Aus dem bei Gustav Weise in Stuttgart erschienenen

Bilderbogen: „König Friedrich der Große“. Tuschzeichnung auf Holz, von

1869.]

Die Hauptarbeit des Meisters aber während des Jahres 1862, eine Arbeit,

die ihn auch für die drei folgenden Jahre in Anspruch nahm, war eine

große und erhabene Aufgabe. Nachdem er sich als den unvergleichlichen

Schilderer preußischer Geschichte bewiesen hatte, wurde er als die

berufenste Kraft dazu ausersehen, ein geschichtliches Ereignis der

Gegenwart für die Nachwelt festzuhalten. Am 12. Oktober 1861 erhielt

Menzel ganz unvorbereitet aus dem Munde des damaligen Kultusministers

von Bethmann-Hollweg die Mitteilung, daß er die feierliche Krönung

König Wilhelms, die am 18. Oktober in Königsberg stattfinden sollte,

malen solle. Da galt es, in fliegender Hast in den wenigen Tagen die

notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Hierüber und über die ganze Art

und Weise, wie das Bild entstand, hat Menzel selbst eine schriftliche

Aufzeichnung an die Öffentlichkeit gebracht, die in ihrer bestimmten,

treffenden Ausdrucksweise ein Muster klaren und anschaulichen Berichtes

ist. Er gab diese Aufzeichnung in dem Text, mit welchem er die nach der

Vollendung des Krönungsbildes veranstaltete Veröffentlichung der zu

demselben gemachten Skizzen und Bildnisstudien begleitete. Da erzählt

er: „Ich mußte mich in den Tagen vor dem 18., meist an Ort und Stelle,

durch den Ceremonienmeister über alles, namentlich die Standorte der

wichtigsten Personen etc., orientieren lassen, um danach im voraus

mich über die Wahl meines Standortes, der mir die schönste Überschau

der Handlung gewähren sollte, entscheiden zu können. Auch galt es,

mit den Vorstudien der Örtlichkeit der Schloßkirche vorher möglichst

zu Ende zu kommen. Mit mir reiste mein Freund Friedrich Werner, damit

derselbe mich bei Aufnahme der vielen notwendigen Notizen unterstützte,

namentlich beim Akt in der Kirche mir die Möglichkeit bleibe, meine

Aufmerksamkeit auf die Hauptpersonen und -sachen zu konzentrieren.

Diese Hilfe ist die einzige, deren ich mich während der ganzen Dauer

der Arbeit bedient habe. Sämtliche Porträtstudien, sowie das Bild von

der Aufzeichnung bis zum letzten Pinselstrich sind eigenhändige Arbeit.

-- Ich hatte meinen Standpunkt in der Kirche auf der Tribüne der

Mitglieder des Herrenhauses gewählt (auf der fünften Stufe, vom Altar

aus gerechnet). Der meist hochgewachsenen Umstehenden wegen mußte ich

während des feierlichen Aktes auf einem Stuhle stehen, dessen Wackeln

meinem hastigen Zeichnen nicht zur Erleichterung diente. Neben mir,

zur Rechten, stand Werner. -- So nun, wie ich im Bilde den Vorgang

dargestellt habe, habe ich ihn in seiner Scenerie gesehen. Eine Licenz

stellte sich als unvermeidlich heraus: die Abänderung des Vorgrundes.

Die Prinzen des königlichen Hauses, die Minister und die Ritter des

Schwarzen Adlerordens standen, wie es auch noch die Skizze angibt, in

drei Reihen vor der Herrenhaustribüne. Sonach wäre von allen diesen

wichtigen Personen wenig anderes als die Rücken und Hinterköpfe zur

Darstellung gelangt. Daher mußte ich diese Partie teilen und anders

ordnen. -- Zum Atelier wurde mir ein Saal im (Berliner) königlichen

Schlosse, seit alter Zeit „Garde-du-Corps-Saal“ geheißen, eine Treppe

hoch nach dem Lustgarten hinaus gelegen, eingeräumt. Am 6. April

nahm ich Besitz von demselben, nachdem eine Sammlung von Rüstungen

und Waffen, bisher darin beherbergt, teils herausgeräumt, teils zur

Seite geschoben war. -- Die vorläufige Aufzeichnung mit schwarzer

Tusche und dem Borstpinsel nahm zwei Monate in Anspruch. -- Bei der

Größe der Bildfläche (14 Fuß rheinisch lang, 11 Fuß rheinisch hoch)

war ein Hineinmalen der vielen Porträtfiguren unmittelbar nach der

Natur räumlich nicht thunlich. Also alles nur nach der Natur+studie+!

Dazu bei vielen Personen verschiedenartigster Lebensstellung und

Aufenthaltsortes die Ungewißheit, von ihnen eine +zweite+ Sitzung,

d. h. zur geeigneten Zeit, zu erhalten. Daher die Notwendigkeit,

den noch frischen Eindruck der Wirklichkeit für das Malen nach der

eilig vollbrachten Studie mit zu benutzen. -- Dies alles nötigte mir

das Wagnis auf, das Bild von Anfang bis zu Ende prima (d. h. Stück

für Stück gleich fertig, ohne vorheriges Anlegen und nachheriges

Überarbeiten) zu malen. Von einer geordneten Reihenfolge in der Arbeit

der Figuren in ihren verschiedenen Gruppen konnte gleichfalls keine

Rede sein. Wie ich der Betreffenden mit Schreiben und Unterhandeln

habhaft werden konnte oder gutes Glück sie mir vorführte, mußte ich

sie vornehmen. Heute für den Hintergrund, morgen für den Vordergrund

etc. etc. -- Ihre Majestät die Königin lehnte die Sitzung ab, und ich

blieb in betreff Allerhöchst Ihrer auf Gedächtnis und Beobachtungen,

wozu die Hoffestlichkeiten Gelegenheit boten, hingewiesen. Ich

habe Ihrer Majestät Kopf viermal gemalt. Ferner sah ich mich für

die Porträts von neun Personen zur Benutzung von Photographien

genötigt, indem erstere teils während der Jahre verstarben, teils

niemals Berlin besuchten. Glücklicherweise gehören sie sämtlich dem

Hintergrunde an. Dagegen haben Seine Majestät der König, sowie alle

übrigen dargestellten Personen mir in meinem Saalatelier, angethan

mit ihren respektiven Ornaten, Insignien, Uniformen nach meiner

Anordnung zur Studie Stellung gehalten. Im ganzen befinden sich auf

dem Bilde 132 Porträtfiguren. Auch konnte ich die Hauptrequisiten des

Kirchenschmuckes -- die Thronhimmel, Altarausstattung etc. nach ihrer

Rückkehr unmittelbar nach der Natur malen. -- Die Altarkandelaber,

Leuchter, Kerzen waren das erste, das ich malte; von da ging ich über

zur Architektur des Hintergrundes. Am 19. März begannen die Sitzungen

zu den Porträts. Den Anfang machte der General der Kavallerie Graf von

der Gröben. Am 16. Dezember 1865 habe ich aufgehört zu malen.“

[Illustration: =Am Feinde.=

Abb. 63. Aus dem bei Gustav Weise in Stuttgart erschienenen

Bilderbogen: „König Friedrich der Große“. Holzzeichnung von 1869.]

[Illustration: Abb. 64. Aus dem bei Gustav Weise in Stuttgart

erschienenen Bilderbogen: „+Aus der Sommerfrische+“.

Tuschzeichnung auf +Holz+, von 1870.]

Unter all diesen aus der Natur des Gegenstandes sich ergebenden

Schwierigkeiten hat Menzel ein Werk geschaffen, das nicht nur eine

bildliche Urkunde, sondern auch in seiner prächtigen Wirkung ein

malerisches Kunstwerk ersten Ranges ist. -- Der gewählte Augenblick

ist derjenige, wo der König mit der vom Altar genommenen Krone auf

dem Haupte sich der Versammlung zugekehrt hat und mit zum Himmel

gewendetem Antlitz das Schwert emporhebt. Wie wunderbar ist dieses von

der Heiligkeit der Handlung ergriffene Königsantlitz, das den Blick des

Beschauers gefangen nimmt, wie es die Augen all der vielen im Bilde

dargestellten Personen gefesselt hält, die alle, jeder in seiner Weise,

die Erhabenheit des Augenblicks mitempfinden! So hat Menzel durch seine

tiefinnerliche Auffassung den Vorwurf, aus dem unter anderen Händen ein

kaltes, prunkhaftes Ceremonienbild hätte entstehen können, zu einer

ergreifenden Schilderung eines von höchster Weihe erfüllten, zu den

Herzen sprechenden Vorgangs gestaltet (Abb. 54).

[Illustration: Abb. 65. Aus dem bei Gustav Weise in Stuttgart

erschienenen Bilderbogen: „+Aus der Sommerfrische+“.

Holzzeichnung von 1870.]

Die zu dem Krönungsbilde gemachten Studienköpfe, mit Bleistift, Tusche,

Wasserfarbe, farbiger Kreide ausgeführt, sind jeder für sich ein

vollendetes Meisterwerk. Seit Albrecht Dürer hat es niemand vermocht,

eine solche Kraft der Lebenswahrheit, eine so erschöpfende, bis in die

kleinsten Formen gehende Charakteristik niederzulegen in knappen, dem

flüchtigen Augenblick abgerungenen Studien.

In die Entstehungszeit des Krönungsbildes fällt der Anfang einer Reihe

kostbarer Blätter, die Menzel nicht für die Öffentlichkeit, sondern

als Festgabe im engsten Verwandtenkreise, als „Kinder-Album“, nach

und nach -- im Verlauf von zwanzig Jahren -- malte. Menzel hat nie

einen Mißbrauch seines reichen Könnens zu oberflächlicher, flüchtiger

Darstellung gekannt. So ist auch jedes Blatt dieses „Kinder-Albums“

ein vollendetes Kunstwerk, sorgfältig durchgearbeitet in jener

ihm eigentümlichen Wasserfarbentechnik. Der Mehrzahl nach sind es

Tierbilder, in denen Bewegung, Bau, Ausdruck, sowie die Oberfläche

von Fell oder Gefieder der in irgend einer bezeichnenden Situation

dargestellten Tiere mit wunderbarer Charakteristik wiedergegeben sind.

Den Anfang dieser Tierbilder machen ein paar Hirsche in ihrem Gehege

im zoologischen Garten zu Berlin (Abb. 51) und ein in ländlichem

Behagen zwischen Gänsen und Hühnern sich sonnendes Kalb. In anderen

Blättern hat Menzel die Tiere, die er im zoologischen Garten studierte,

in die Freiheit versetzt. So lagert der bengalische Tiger am Eingang

seiner Felsenhöhle; eben richtet er den Kopf auf und schlägt mit dem

Schweife, als ob die Aussicht auf eine Beute ihn aus seiner Ruhe locke;

die Augen funkeln und es zeigt sich das drohende Gebiß (Abb. 52). Der

Grunzochs durchbricht mit gesenktem Kopfe ein Bambusröhricht. Andere

Blätter wieder haben sich zu reicheren Kompositionen gestaltet.

So erscheint ein zahmes Rehkalb als die Hauptperson in einem Bilde,

welches uns in den vielbesuchten Garten des Restaurants Moritzhof in

Berlin versetzt (Abb. 53). Auch andersartige Darstellungen reihen sich

ein, wie die Ansicht einer ganz gewöhnlichen Straßenecke in Berlin

mit dem malerischen Reiz des abendlichen Dunkelwerdens, wo man in dem

Eckhause im obersten Stock durch die geöffnete Balkonthür in eine

lichtüberstrahlte große Gesellschaft zu sehen glaubt, während darunter

im Hauptgeschoß nichts weiter sichtbar ist als das Durchschimmern einer

Lampe durch die halbgeschlossenen Fenstervorhänge und ganz unten wieder

ein Geschäftslokal in Gaslicht glänzt; es ist, als ob man von jedem

Stockwerk eine Geschichte erzählen hörte.

[Illustration: Abb. 66. +Pariser Boulevardscene+. Federzeichnung von

1870. In Privatbesitz in Middelburg.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 67. Bleistiftstudie zur „Tanzpause“.]

Das letztgenannte Blatt ist eines von vielen, in denen Menzel

bekundet hat, daß die Poesie malerischen Reizes sich ihm auch in den

Straßen der Großstadt erschloß. Die Ritterstraße bei Mondschein,

von seiner Wohnung aus gesehen, der neue Schiffahrtskanal, das

Straßenleben zur Weihnachtszeit mit seinen glückstrahlenden

Kindergesichtchen und andere ganz anspruchslose Erscheinungen gaben

ihm Stoff zu feinen Stimmungsbildchen in Deckfarbenmalerei. Menzels

Künstleraugen arbeiteten eben immer und überall, daheim und auf

seinen meistens nur kurzen Reisen. In dem bewegten Getriebe eines

hauptstädtischen Kaffeegartens, wie an der abgeschiedensten Stelle

eines Landaufenthalts stellten sich ihm Bilder dar, die er wenigstens

mit dem Zeichenstift festzuhalten für der Mühe wert erachtete. Auch

in bloßen Architekturbildern, wie in dem Brunnen vor dem Rathaus zu

Würzburg, entdeckte er einen seiner Eigenart zusagenden malerischen

Reiz, der zu einem Bildchen die Anregung gab. Besonders waren es in

dieser Beziehung die reichen, quellenden Formen des süddeutschen

Barockstils mit ihrem prickelnden Spiel von Lichtern und Schatten,

die ihm behagten. Unter den gemalten Reiseerinnerungen von mehr

landschaftlichem Charakter glänzt das köstliche Sommeridyll (von 1865),

das ein Stückchen der in dem Hügelland bei Kösen zwischen Gebüsch und

Wiesen sich einherschlängelnden Saale mit badenden und an einem Floß

sich belustigenden Knaben zeigt (Abb. 55).

[Illustration: Abb. 68. +Tanzpause+. Ölgemälde von 1870. In

Privatbesitz in Dresden.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 69. +Abreise des Königs Wilhelm zur Armee 1870+.

Ölgemälde von 1871. In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

A. von Menzel · 第 3 / 7 段