Die Schnittausführung wurde durch die an Menzels Zeichnungen zur

Geschichte Friedrichs des Großen geschulten Hände von Otto Vogel,

Albert Vogel und Unzelmann und durch Hermann Müller, einen Schüler

des letzteren, bewirkt. Es läßt sich zum Preise der Geschicklichkeit

dieser trefflichen Meister nichts Besseres sagen, als das von Menzel

selbst ausgesprochene Wort, daß sie im Gehorsam gegen den Strich seiner

Zeichnung das Höchste geleistet haben.

[Illustration: Abb. 34. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken

Friedrichs des Großen (1843-1849):

+Friedrich der Große übergibt seinen Generalen seine Schrift+ „Die

Generalprincipia des Krieges, angewendet auf die Taktik und die

Disciplin der preußischen Truppen“ (Zeichnung zu eben dieser Schrift).]

Von Unzelmann, der auch die allerersten Arbeiten Menzels auf dem

Holzstock im Schnitt ausgeführt hatte, wurde 1850 die größte

Holzzeichnung Menzels, ein Bildnis Shakespeares, mit vollendeter

Meisterschaft geschnitten.

In das Jahr, in welchem Menzel die Reihe der Holzzeichnungen zu den

Werken Friedrichs des Großen begann, fallen seine ersten Arbeiten

mit der Radiernadel. 1844 erschien ein aus sieben, der Mehrzahl nach

landschaftlichen Blättern bestehendes Heft „Radierversuche von Adolph

Menzel“ bei Sachse.

Das Jahr 1846 brachte wieder ein Ölbild, betitelt „Die Störung“,

-- zwei junge Damen, die durch einen Besuch aus ihrem Musizieren

aufgeschreckt werden; ferner eine Landschaft: „Einblick in den Garten

des Prinzen Albrecht von Preußen in Berlin“, größtenteils unmittelbar

nach der Natur, von einem Balkon der damaligen Wohnung Menzels gemalt.

1847 entstanden die Farbenskizzen zu zwei Gemälden, deren Ausführung

im großen unterblieb, weil die Zeichnungen zum Friedrichswerk die

Zeit wegnahmen. Die eine der beiden Skizzen, ein Meisterwerk treuer

Naturwiedergabe im ganzen und schlagender Charakteristik in jeder

einzelnen Figur, schildert eine Predigt in der Klosterkirche zu Berlin.

Die andere, die einer vom Kunstverein zu Kassel gegebenen Anregung

zufolge gemalt wurde und die weit über das sonst bei Skizzen übliche

Maß hinaus ausgeführt ist, behandelt einen geschichtlichen Stoff: wie

König Gustav Adolf seine Gemahlin, die ihm nach Deutschland gefolgt

ist, am Portal des Schlosses zu Hanau begrüßt (im Januar 1632). Während

im allgemeinen in der Historienmalerei jener Zeit die theatralische

Phrase herrschte, ist in diesem Menzelschen Geschichtsbild von solcher

uns heute so unangenehm berührenden Eigenheit des Zeitgeschmackes

nicht der leiseste Hauch zu spüren. Dieselbe Unabhängigkeit von der

allgemeinen Richtung und dasselbe ehrliche Bestreben, ein Begebnis

aus entfernter Vergangenheit so zu schildern, daß Vorgang und

Persönlichkeiten in glaubhafter Natürlichkeit uns vor Augen treten,

zeichnen eine umfangreiche Komposition aus, welche Menzel in dem

nämlichen Jahre 1847, wiederum im Auftrage des Kasseler Kunstvereins,

in einer Zeichnung von lebensgroßem Maßstab ausarbeitete. Es handelte

sich um eine bildliche Verherrlichung des Ereignisses, durch welches

vor 600 Jahren Hessen zum selbständigen Fürstentum geworden war;

das war der Einzug der Herzogin Sophia von Brabant, Tochter der

heiligen Elisabeth, und ihres Söhnchens Heinrich, des nachmaligen

ersten Landgrafen von Hessen, in Marburg. Menzel zeichnete diesen

Karton in Kassel, bei seinem Freunde, dem Tapetenfabrikanten

Arnold. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß er die Besonderheiten des

hessischen Volksschlages und die Örtlichkeit mit der ihm eigenen

Gewissenhaftigkeit studierte (Abb. 37). Der sechs Meter breite und über

drei Meter hohe Karton wurde in der ständischen Landesbibliothek zu

Kassel aufbewahrt und wenig beachtet. Als Menzel ihn im Jahre 1866 dort

wiedersah, kaufte er ihn zurück.

[Illustration: Abb. 35. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken

Friedrichs des Großen (1843-1849):

+Soldaten am Brunnen+ (Zeichnung zu der Schrift „Über die Märsche von

Armeen und das, was in Bezug auf sie beachtet werden muß“).]

Während der Bearbeitung jener Geschichtsstoffe empfand Menzel, seiner

Zeit weit vorauseilend, daß die Kunst ihre besten Stoffe nicht in der

Vergangenheit, sondern in der eigenen Zeit zu suchen habe. Als er mit

dem Vorstand des Kunstvereins zu Kassel sich darüber einigte, daß die

große Ausführung des Gustav-Adolfbildes unterbleiben solle, schrieb er

in einem an denselben gerichteten Brief vom 12. April 1848: „Jetzt, wo

unsere Gegenwart endlich selbst einen Inhalt hat und noch mehr bekommt,

würde mir ein Stoff, der voraussichtlich eine solche Kunstanstrengung

erforderte, ohne ein dieser entsprechendes auch für +uns+ noch

bezügliches inneres Gegengewicht zu besitzen, eine Last sein. Jetzt

erst können wir in Deutschland wieder zu +unserer Zeit+ und zur Kunst

der Vergangenheit in eine gerade Stellung gelangen. Diese Forderung

an sich muß jetzt jeder Einzelne fühlen.“ -- Um diese Künstlerworte

ihrem vollen Werte nach zu würdigen, muß man sich vor Augen halten,

in welchem Maße in jener Zeit, die nur in der Kunst der Vergangenheit

nach Vorbildern suchte, eine förmliche Flucht aus der Gegenwart für das

allgemeine Wesen der Kunst bestimmend war.

[Illustration: Abb. 36. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken

Friedrichs des Großen (1843-1849):

+Junge Offiziere beim Studium kriegswissenschaftlicher Werke+.

(Zeichnung zur „Instruktion für die Inspecteurs der Infanterie“ von

1781.)]

[Illustration: Abb. 37. +Einzug der Herzogin Sophia von Brabant und

ihres Söhnchens Heinrich, des ersten Landgrafen von Hessen, in Marburg+.

Mit Kohle und Kreide in lebensgroßem Maßstab gezeichneter Karton

(1847-1848). Früher Eigentum des Kunstvereins zu Kassel, jetzt wieder

im Besitz des Künstlers.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 38. +Die Tafelrunde Friedrichs des Großen in

Sanssouci+.

Ölgemälde von 1850. In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Allerdings fand Menzel noch nicht gleich in der unmittelbaren

Gegenwart die Stoffe zu großen Darstellungen; aber in einem Abschnitt

der preußischen Geschichte, der noch nicht weit zurücklag und der durch

starke innere Fäden mit der Gegenwart verknüpft war. Er wendete sich

jetzt der Schilderung des ihm so innig vertrauten Zeitalters Friedrichs

des Großen in Gemälden zu. Den Anfang dieser Bilderreihe machte

im Jahre 1849 ein Genrebild aus dem Leben des Großen Königs: „Die

Bittschrift“. Ein bäuerliches Ehepaar hat unter einem Baume am Wege

Aufstellung genommen und sieht mit klopfenden Herzen dem Augenblick

entgegen, wo der heranreitende König, dessen Adlerauge sie schon gefaßt

hat, vor ihnen halten wird; dem Mann scheint jetzt plötzlich der Mut

zu schwinden, aber die Frau redet ihm mit raschen Worten herzhaft zu.

-- Darauf folgte das prächtige, jetzt in der Berliner Nationalgalerie

befindliche, in größerem Maßstabe (beinahe halb-lebensgroß) ausgeführte

Gemälde: „Friedrichs des Großen Tafelrunde zu Sanssouci 1750“, das

im Jahre 1850 zur Ausstellung kam (Abb. 38). Wir blicken in den

ovalen Speisesaal des Schlosses, wo an der länglich-runden Tafel eine

auserlesene Gesellschaft um den König versammelt ist. Zur Rechten

Friedrichs sitzt General von Stille, neben diesem Voltaire, darauf Lord

Marishal und dann ein nicht kenntlich gemachter, vom Rücken gesehener

Herr; links neben dem König sitzt Feldmarschall Keith, dann Graf

Algarotti, darauf General Graf Rothenburg, weiter Herr de la Mettrie

und am unteren Ende des Tisches der Marquis d’Argens. Das Mittagsmahl

ist beendet, die Flügelthür zur Terrasse ist geöffnet, und gleich

wird man ins Freie treten. Aber noch perlt der schäumende Wein in

den Gläsern und noch fließt heiter und geistreich die Unterhaltung;

Friedrich selbst befindet sich in lebhaftem Wortgefecht mit Voltaire,

der eben durch eine witzige Antwort die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Das alles lebt vor unseren Augen, als ob es nach der Natur gemalt wäre.

[Illustration: Abb. 39. +Glückwunschadresse des Magistrats von Berlin

an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm zu dessen Großjährigkeit+.

Wasserfarbenmalerei von 1850. Im Besitz Ihrer Majestät der Kaiserin

Friedrich.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 40. +Friedrich der Große+.

Holzzeichnung von 1850 aus dem Bilderwerk „Aus König Friedrichs Zeit“.

(Eigentum und Verlag von R. Wagner in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 41. EDUARD KRETZSCHMAR SC.

+Ziethen+, Holzzeichnung von 1850.

Aus dem Bilderwerk „Aus König Friedrichs Zeit“. (Eigentum und Verlag

von R. Wagner in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 42. +Der zwölfjährige Jesus im Tempel+.

Lithographie, mit Pinsel und Schabeisen ausgeführt (1852).

(Eigentum und Verlag von R. Wagner in Berlin.)]

Während Menzel weitere Bilder aus dem Leben des Großen Königs

vorbereitete, war er mit mancherlei anderen Arbeiten beschäftigt.

Der Meister der Charakterdarstellung, welcher Personen, die er nur

aus Bildern und aus Schilderungen des vorigen Jahrhunderts kannte,

körperhaft lebendig zu machen wußte, malte prächtige Bildnisse

seiner Bekannten in Wasserfarbe. Sich selbst hat er im Jahre

1850 abgebildet in einer merkwürdigen Lithographie, welche einen

„Kunstsammler“ darstellt, wie er ein aus dem alten Schrank, welcher

seine Schätze beherbergt, herausgenommenes kleines Kunstwerk, ein

Teufelchen, aufmerksam betrachtet. Diese Lithographie schließt sich

ihrer Herstellungsart nach einer Anzahl von Blättern an, in denen

er ein eigenartiges Verfahren erprobte, dessen erste Früchte er

1851 unter dem Titel „Versuche auf Stein mit Pinsel und Schabeisen“

herausgab. Bei diesem Verfahren wird der lithographische Stein mit der

chemischen Tusche überzogen und die Helligkeiten aus dem schwarzen

Grunde herausgeschabt, in das Helle dann wieder die einzelnen kleinen

Dunkelheiten mit dem Pinsel hineingesetzt. Menzel erreichte hierin die

außerordentlichsten Erfolge malerischen Reizes. Auf dem Titelblatt

zu der Sammlung verschiedenartiger Kompositionen, die er in dieser

Weise ausführte, hat er Pinsel und Schabmesser dargestellt, die auf

dem Lithographiersteine einen lustigen Tanz aufführen; man sieht, wie

diese Art des Arbeitens ihm Freude gemacht hat. In derselben Technik

hielt er ein Bild fest, das er im Jahre 1851 zu einem flüchtigen

Zwecke, als Transparent bei der Weihnachtsausstellung des Berliner

Künstler-Unterstützungs-Vereins, schuf, und das den zwölfjährigen

Jesus im Tempel vorstellte. In dieser Komposition hat Menzel im

Gegensatz zu der herrschenden charakterlos-idealistischen Auffassung

neutestamentlicher Bilder, aber auch im Widerspruch gegen die

Franzosen, welche durch die Äußerlichkeit modernen morgenländischen

Kostüms derartigen Bildern eine größere geschichtliche Treue und

dadurch mehr Lebenswahrheit geben zu können glaubten, den Versuch

gemacht, eine größere innere geschichtliche Wahrheit durch Eingehen in

die Rasseneigentümlichkeiten des jüdischen Volkes zu erreichen. Dagegen

läßt sich nun freilich von verschiedenen Standpunkten aus sehr vieles

einwenden. Wenn man aber von der Auffassungsfrage absieht und die

Menzelsche Komposition so nimmt, wie sie nun einmal gegeben ist, so muß

man in jeder einzelnen dieser verschiedenartigen hebräischen Personen

ein Meisterwerk der Charaktermalerei anstaunen (Abb. 42).

[Illustration: Abb. 43. +Konzert Friedrichs des Großen in Sanssouci+.

Ölgemälde von 1852. In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

[Illustration:

=Viertes Husaren-Regiment.= -- =Regiment Grenadiers zu Pferde.=

Offizier. (1740 drittes Dragoner-Regiment,

welches 1741 in das 3. und 4.

Dragoner-Regiment geteilt wurde.)

Abb. 44. Aus den Holzschnittbildern zu Lange, „Heerschau der Soldaten

Friedrichs des Großen“ (1842-1852).]

[Illustration: Abb. 45. +Mummenschanz unter Kurfürst Johann Georg von

Brandenburg+.

Aus den Aquarellbildern des Festalbums für die Kaiserin von Rußland

(1854).

Im Museum des Gotischen Hauses zu Zarskoje-Selo.

(Photographie von Gustav Schauer in Berlin.)]

Ein herrliches ornamentales Blatt, in Aquarellmalerei kostbar

ausgeführt, schuf Menzel im Jahre 1850 in der Adresse an den

Kronprinzen Friedrich Wilhelm, welche diesem als Glückwunsch zu seiner

Großjährigkeit von dem Magistrat und den Stadtverordneten Berlins

dargebracht wurde (Abb. 39). Ein mannigfaltiges Formenspiel von einer

Feinheit der Arbeit, die mit den zierlichsten mittelalterlichen

Miniaturen wetteifert, bildet am Kopf der Adresse die buntbewegte

Einfassung von Figurengruppen und senkt sich an den Seiten in reichen

Gehängen herab. Die Figurengruppen zeigen in der Mitte die huldigende

Berolina vor dem Kronprinzen, der sich von seinen Kindheitsgespielen

verabschiedet, während er mit den Rittersporen und dem Fürstenmantel

geschmückt wird; daneben einerseits die Borussia, welche Germania gegen

den Revolutionsdämon schützt, und andererseits den Kronprinzen, wie

er über die Handhabung der Waffen belehrt und wie er im Unterricht

auf das Vorbild seiner großen Ahnen hingewiesen wird. Diese Ahnen

sind verbildlicht durch die Standbilder des Großen Kurfürsten,

Friedrich Wilhelms I, Friedrichs II und Friedrich Wilhelms III, welche

die drei Bildchen einschließen und voneinander scheiden. Unterhalb

der Standbilder lagern die Flußgötter von Weichsel, Elbe, Oder und

Rhein in silbernen Netzen, und oben schlingen flatternde Putten eine

Purpurdraperie durch das Zierwerk, auf welche sie oben in der Mitte

die Königskrone setzen. Die künstlerische Ornamentik erstreckt sich

auch auf die Ausgestaltung der großen Buchstaben der Anrede im Text der

Adresse.

[Illustration: Abb. 46. +Friedrich der Große auf Reisen+. Ölgemälde von

1854. In der Galerie Ravené zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 47. +Friedrich und die Seinen bei Hochkirch+.

Ölgemälde, vollendet 1856. Im Besitz Seiner Majestät des Deutschen

Kaisers.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Mancherlei kleine Bildchen entstanden nebenher. Mit farbiger

Kreide oder mit Wasserfarben wurden Eindrücke aus der Wirklichkeit

festgehalten. Wie aus dem Leben gegriffen zeigt sich in einem

Aquarellbild von 1851 ein im Eisenbahncoupé sitzendes Ehepaar; sie

träumerisch und leidvoll ins Ferne blickend, er schnarchend in die

Polsterecke gedrückt. Ein kleines Ölbild aus demselben Jahr führt uns

in das Rokokoboudoir zweier Damen; die ältere liest etwas vor, und die

jüngere steigt auf einen Stuhl, um den die Vorlesung störenden Insassen

eines Vogelbauers durch Zudecken zum Schweigen zu bringen.

[Illustration: Abb. 48. +Gardegrenadier+.

Federzeichnung aus dem Armeewerk (1843-1857). (Eigentum und Verlag von

R. Wagner in Berlin.)]

[Illustration: Abb. 49. +Trompeter der Gardekürassiere+.

Federzeichnung aus dem Armeewerk (1843-1857). (Eigentum und Verlag von

R. Wagner in Berlin.)]

Im Jahre 1852 wurde wieder ein Friedrichsbild fertig: das

„Konzert in Sanssouci“ (Abb. 43), mit der „Tafelrunde“ jetzt in der

Nationalgalerie zu Berlin vereinigt. Im Konzertsaal zu Sanssouci,

bei festlicher Kerzenbeleuchtung, deren vielfältiger Schimmer ein

eigentümlich reizvolles Lichtspiel über das Ganze verstreut, sehen

wir den Großen König sich an der Ausübung der Kunst erfreuen. Fünf

Musiker, unter denen der Klavierspieler Philipp Emanuel Bach und der

erste Geiger Franz Benda kenntlich sind, wirken mit ihm zusammen. Eben

trägt der König ein Solo auf der Flöte vor, und die Aufmerksamkeit

der Versammelten spannt sich aufs höchste. Mit welcher entzückenden

Feinheit hat der Meister die verschiedenen Arten des Lauschens bei den

verschiedenen Zuhörern, die wieder sämtlich bestimmte Persönlichkeiten

sind, geschildert! Am innigsten von dem Zauber der Töne bewegt

erscheint des Königs Schwester Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, die

wir in der Tiefe des Saales auf dem Sofa sitzen sehen. Ein wunderbares

Meisterwerk des Ausdrucks ist der rechts an der Wand lehnende

Musiklehrer des Königs, Meister Quanz; wie trefflich ist hier auch in

der ganzen Gestalt der derbere Knochenbau des Mannes von bäuerlicher

Abstammung gegenüber den eleganten Rokokokavalieren gekennzeichnet!

[Illustration: Abb. 50. +Hofball in Rheinsberg+ 1739.

Aquarell- und Deckfarbengemälde von 1862. In Privatbesitz in Berlin.

(Photographie und Verlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Zwei kleinere Bildchen aus dem Jahre 1852 bewegen sich in

entgegengesetzten Stimmungen. Das eine stellt eine Begegnung König

Friedrichs, den der Major Chazot und der General Rothenburg begleiten,

mit der Tänzerin Barbarina vor; das andere zeigt den König, wie er in

rührender Weise sich bemüht, sich mit dem alten, tauben General Fouqué

zu unterhalten.

In eben diesem Jahre vollendete Menzel ein Holzschnittwerk, welches dem

Inhalte nach mit seinem großen Armeewerk in Zusammenhang stand und zu

dem er schon 1843 den Anfang gemacht hatte. Es waren 32 Darstellungen

von Soldaten der fridericianischen Armee, welche in lebendig bewegten

Gruppen, nach den Besonderheiten der Waffengattungen thätig, vorgeführt

werden (Abb. 44). Dieselben bilden als kolorierte Bilder den Schmuck

eines Buches „Heerschau der Soldaten Friedrichs des Großen“ (Text von

Eduard Lange), welches der Verleger der „Geschichte Friedrichs des

Großen“ gewissermaßen als Ergänzung zu diesem Werk herausgab.

Daran reihte sich ein 1850 begonnenes und 1855 abgeschlossenes

Holzschnittwerk, das bei A. Duncker in Berlin erschien. Unter dem Titel

„Aus Königs Friedrichs Zeit“ sind hier zwölf Bildnisse von größerem

Maßstab gegeben, die den Großen König und seine gefeiertsten Helden

in Halbfiguren zeigen. Die Gestalten dieser unter der Leitung von

Eduard Kretzschmar in Leipzig vortrefflich im Schnitt ausgeführten

Bilder treten uns mit so überzeugender Lebenskraft entgegen, daß sie

das Urbild der Vorstellungen geworden sind, die wir uns von jenen

Persönlichkeiten, neben Friedrich selbst (Abb. 40) besonders vom alten

Dessauer, von Seydlitz und von Ziethen (Abb. 41), machen.

[Illustration: Abb. 51. +Hirschgehege im Zoologischen Garten+.

Aquarell- und Deckfarbengemälde von 1863 (aus dem sogenannten

Kinder-Album). In der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Im Auftrage König Friedrich Wilhelms IV begann Menzel im Jahre 1853

eine Reihe sehr eigenartiger Aquarelle, welche im folgenden Jahre als

ein kostbares Album der Kaiserin von Rußland, der Schwester des Königs,

übersandt wurde. Dieses königliche Geschenk sollte eine Erinnerung

sein an ein glänzendes Fest, welches fünfundzwanzig Jahre früher bei

Gelegenheit eines Besuchs der Kaiserin in der Heimat ihr zu Ehren

veranstaltet worden war. Dieses Fest, „Der Zauber der Weißen Rose“,

sollte im Bilde wieder lebendig gemacht werden. Dabei war Menzel

freilich auf mündliche Schilderungen und auf einen unzulänglichen

schriftlichen und bildlichen Bericht angewiesen; aber sein Geist und

sein lebhaftes Vorstellungsvermögen thaten das übrige. Er erweiterte

den Inhalt des Albums durch Hinzufügen von Darstellungen ähnlicher

Festlichkeiten aus früherer Zeit. Auf dem Titelbild verkörperte er

die Sage als eine von Elfen umspielte, unter Waldblumen sitzende

Spinnerin. Daran reihte er das Bild des von der Sage berichteten

ersten Turniers zu Magdeburg unter Kaiser Heinrich I; dann die launige

Schilderung eines Schönbartspiels, welches Kurfürst Johann Georg von

Brandenburg im Jahre 1592 veranstaltete, mit Musikanten in Tiermasken

an der Spitze des Aufzugs (Abb. 45); darauf zwei Bilder von dem

unter Friedrich dem Großen 1750 zu Ehren seiner Schwester Wilhelmine

im Lustgarten zu Berlin aufgeführten Karussell: das Lanzenstechen

und die Preisverteilung. Die zweite Hälfte des Albums bildete dann

die Schilderung des in und vor dem Neuen Palais bei Potsdam 1829

gefeierten Festes der Weißen Rose in fünf Bildern: Das Einreiten der

Ritter zum Karussell, das Turnier, das Erscheinen eines Nebelbildes im

Festtheater, der Ball im Gartensaal und die Krönung der Sieger. Die

Bilder der Festlichkeiten aus alter Zeit sind von prächtig erdachten

Rahmen im jedesmaligen Stil der Zeit umgeben. Bei den Bildern vom

Zauber der Weißen Rose treibt in den Einfassungen ein Volk von Putten

sein neckisches Spiel.

[Illustration: Abb. 52. +Tiger+.

Aquarell- und Deckfarbengemälde (aus dem Kinder-Album, 1863-1883). In

der Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Von den Nebenarbeiten Menzels im Jahre 1853 sei ein Augenblicksbild aus

der Wirklichkeit erwähnt: ein Blick in die Alt-Neu-Synagoge zu Prag

(Ölgemälde).

Eine monumentale Aufgabe brachte ihm im Jahre 1854 der Auftrag,

im Remter des Hochmeisterschlosses zu Marienburg zwei Figuren von

Hochmeistern, Siegfried von Feuchtwangen und Ludger von Braunschweig,

auf die Wand zu malen. In diesen Ordensrittern, die Menzel nach den

Kartons, welche jetzt die Nationalgalerie bewahrt, im nächsten Jahre in

Wasserglasmalerei ausführte, schuf er Heldengestalten, welche in ihrer

wuchtigen Größe wie Dürersche Charakterfiguren anmuten.

„Friedrich der Große auf Reisen“ ist der Titel eines figurenreichen

Gemäldes, das im Jahre 1854 für die Galerie Ravené fertig wurde

(Abb. 46). Der siebenjährige Krieg ist vorüber. Der König will sich

persönlich von dem Erfolg der Anordnungen, die er zur Hebung der vom

Krieg verursachten Schäden getroffen hat, überzeugen. Die Aufführung

von Neubauten in einem zerstörten Dorfe ist im Werke. Der König ist

eben seinem Wagen entstiegen, und vom General von Lentulus begleitet

schreitet er auf den Geheimrat von Brenkenhoff zu, der die Baupläne,

welche er dem König vorzulegen hat, sichtet. Die Dorfbewohner haben

an der einen Seite des Weges Aufstellung genommen; unter ihnen der

Pfarrer mit den Schulkindern und mehrere Invaliden. Auf der anderen

Seite des Weges harrt die Gutsherrschaft, angethan mit dem, was im

Sturm der Zeiten von der Galakleidung gerettet geblieben, auf eine

gnädige königliche Begrüßung. Aber der König, der in der einen Hand

den Krückstock, in der anderen die Prise hält, schreitet so schnell

vorüber, daß das herrschaftliche Töchterlein um das Anbringen

der bereit gehaltenen Erfrischungen und der Gutsherr um seine

wohlvorbereitete Anrede gekommen ist; doch der gewandteren Dame gelingt

es, den Rockschoß des Königs zu erfassen und mit tiefem Knix einen Kuß

darauf zu drücken. Mit ungelenken Bewegungen versuchen gegenüber die

Dorfgebieter diesem Beispiel zu folgen. Zu der scharfen Menzelschen

Charakterschilderung gesellt sich in diesem Bilde eine Fülle von Humor.

[Illustration: Abb. 53. +Im Kaffeegarten+.

Aquarell- und Deckfarbengemälde von 1864 (aus dem Kinder-Album). In der

Nationalgalerie zu Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

Im folgenden Jahre malte Menzel im Auftrag des schlesischen

Kunstvereins die Huldigung der schlesischen Stände zu Breslau im Jahre

1741, wo König Friedrich, da kein Reichsschwert zur Stelle war, seinen

Degen zog, um die Huldigenden auf diesen den Treueid ablegen zu lassen.

[Illustration: Abb. 54. +Die Krönung König Wilhelms zu Königsberg am

18. Oktober 1861+. Ölgemälde, vollendet 1865. Im königl. Schloß zu

Berlin.

(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]

A. von Menzel · 第 2 / 7 段