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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1900 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
beibehalten, auch bei Namensnennungen. Der Ausdruck ‚et cetera‘
wurde im Original mit Hilfe des tironischen Kurzschriftzeichens
‚Et‘ dargestellt; in der vorliegenden Bearbeitung wird dieser
dagegen mit ‚etc.‘ umschrieben.
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gedruckt; Passagen in
Antiquaschrift werden durch _Unterstriche_ hervorgehoben. Fettdruck
wird durch die Verwendung von =Gleichheitszeichen= dargestellt,
gesperrte Passagen sind von +Pluszeichen+ umgeben.
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A. von Menzel
Von
H. Knackfuß
Mit 141 Abbildungen nach Gemälden Holzschnitten und Zeichnungen
Fünfte Auflage
[Illustration]
=Bielefeld= und =Leipzig=
Verlag von Velhagen & Klasing
1900
Von der ersten Auflage dieses Werkes ist für Liebhaber und Freunde
besonders luxuriös ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe
eine numerierte Ausgabe
veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier
hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert
(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis
eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf
welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.
Die Verlagshandlung.
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
[Illustration: Nach einer photographischen Aufnahme vom Hofphotograph
K. Brasch in Berlin.]
[Illustration: Abb. 1. +Vignette+ aus Menzels „Geschichte Friedrichs
des Großen“.]
Adolph von Menzel.
[Illustration: Abb. 2. +Initiale+ aus Menzels „Geschichte Friedrichs
des Großen“.]
Wenn ein Künstler mit seinem Schaffenswerk in die Gegenwart
hineinreicht, dessen Thätigkeit sich über mehr als zwei Dritteile
des Jahrhunderts ausdehnt, dessen Schöpfungen bei mehreren einander
folgenden Menschengeschlechtern eine niemals schwankende Bewunderung
gefunden haben, so gilt von einer solchen Persönlichkeit der Satz
nicht, daß die geschichtliche Bedeutung eines Zeitgenossen nicht mit
der dem Geschichtschreiber gebotenen Ruhe und Unbefangenheit ihrem
wirklichen Werte nach beurteilt werden kann. Wohl mag sonst der
Blick des Mitlebenden durch den ungenügenden Abstand am Erkennen der
richtigen Maße verhindert, wohl mag sein Urteil durch den Einfluß
des herrschenden Zeitgeschmacks, dem nur die wenigsten vollständig
sich zu entziehen vermögen, getrübt und hier zu Überschätzung, dort
zu Verkennung geleitet werden: Adolph Menzel, das Bild einer klaren,
zielbewußten und vom Tagesgeschmack nicht beirrten, völlig in sich
abgerundeten und geschlossenen Künstlerpersönlichkeit, steht auf einem
festbegründeten Standpunkt da, der solchen Zweifeln entrückt ist. Er
gehört der Geschichte an als eine der glänzendsten Erscheinungen der
deutschen Kunst im XIX. Jahrhundert.
[Illustration: Abb. 3. +Jagdeinladungskarte+. Federzeichnung auf Stein.
(Eigentum und Verlag von R. Wagner in Berlin.)]
Adolph Menzel wurde geboren zu Breslau am 8. Dezember 1815. Sein
Vater war der Vorsteher einer Mädchenschule; später verlegte sich
derselbe auf die Lithographie. Adolph wurde für einen gelehrten Beruf
bestimmt, aber die Verhältnisse stellten sich dem Verfolg der dahin
gerichteten Studien entgegen; und da der Knabe eine leidenschaftliche
Liebe zur Kunst zeigte, kam es ganz von selbst dahin, daß er schon im
Knabenalter zum Gehilfen seines Vaters wurde. Im Jahre 1830 verkaufte
dieser sein lithographisches Geschäft und siedelte nach Berlin über.
Dazu war der Gedanke mit bestimmend gewesen, daß Adolph hier eine
bessere Gelegenheit zur Ausbildung seiner künstlerischen Fähigkeiten
finden würde. Schon 1832 im Januar starb der Vater, der auch in Berlin
sich mit dem Anfertigen lithographischer Zeichnungen, bei denen sein
Sohn ihm half, beschäftigt hatte, plötzlich am Schlagfluß. Der eben
Sechzehnjähriggewordene war jetzt ganz auf sich selbst angewiesen.
Er zeichnete Flaschenetiketten, Entwürfe für Stubenmalerschablonen,
Vignetten für Geschäftsempfehlungen und Preiskurante und was
immer sonst sich ihm darbot als Mittel, seine Geschicklichkeit im
Steinzeichnen und seine Erfindungsgabe zu verwerten (Abb. 3). Dabei
verwendete er auf jede dieser Arbeiten eine solche Gewissenhaftigkeit,
daß keine derselben eine verlorene Zeit für ihn bedeutete. Einen
größeren Auftrag bekam er 1833 von dem Kunsthändler Sachse. Ein älteres
lithographisches Werk, welches das Leben Luthers behandelte, sollte neu
aufgelegt werden; und da die alten Platten nicht mehr brauchbar waren,
wurde Menzel die Aufgabe zugewiesen, die Bilder von neuem auf Stein zu
zeichnen. Dabei war es ihm unverwehrt, die gegebenen Vorbilder durch
Hineinbringen von Leben und Charakter umzugestalten, so daß die neuen
Zeichnungen in gewissem Sinne sein eigenes künstlerisches Werk wurden.
Im Sommer des nämlichen Jahres trat er in die Gipsklasse der Akademie
ein. Aber schon nach kurzer Zeit blieb er wieder von der Akademie weg,
da er sich überzeugte, daß das, was damals dort gelehrt wurde, ihm
nicht viel nützen könnte. Er führte nun für eben jenen Kunsthändler
Sachse ein Heft lithographischer Zeichnungen aus, mit denen er zuerst
als selbständiger Künstler an die Öffentlichkeit trat. „Künstlers
Erdenwallen. Componirt und lithographirt von A. Menzel“, war der
Titel des Heftes, das im Jahre 1834 erschien, das allgemeinen Beifall
fand und dem sogar der alte Gottfried Schadow öffentlich Worte warmer
Anerkennung widmete. Es enthält sechs Blätter, von denen die fünf
ersten je zwei Bilder tragen, und eine Titelzeichnung auf dem Umschlag.
Die Titelzeichnung gibt eine Art Inhaltsübersicht in sinnbildlichen,
in Zierwerk eingeflochtenen Darstellungen. Die Bilderfolge erzählt
ihr Thema, das dornenvolle Leben eines Malers, der erst nach dem Tode
Anerkennung findet, kurz und klar. Unter jeder Darstellung ist eine
kleine Vignette angebracht, die ein sprechendes Gleichnis enthält. Die
Unterschrift besteht jedesmal in einem einzigen Wort. Diese Knappheit
und Sicherheit des Ausdrucks, die schon in dem Jugendwerk in Wort und
Form hervortritt, ist bezeichnend für Menzels ganze Art. Im „Keim“
sehen wir das Talent des Helden der Bildergeschichte sich dadurch
äußern, daß er als kleiner Junge den Fußboden bekritzelt (Abb. 4). Der
„Trieb“ macht sich Luft im heimlichen Üben künstlerischer Thätigkeit
des Heranwachsenden. Aber „Zwang“ fesselt den Jüngling an einen
verhaßten Beruf, bis er sich durch die Flucht „Freiheit“ verschafft.
In der Akademie macht er darauf „Schule“ durch, und der Beginn freier
Künstlerthätigkeit bringt ihn in „Selbstkampf“. „Liebe“ gewährt
ihm Trost. Aber auf die „Luftschlösser“, die er im Jugendrausche
baut, folgt die „Wirklichkeit“ mit bitterer Brotarbeit (Abb. 5).
Das „Ende“ ist ein frühzeitiger Tod im Kreise einer in Dürftigkeit
zurückbleibenden Familie. Und dann bringen seine hinterlassenen Werke
ihm „Nachruhm“. -- Ein Zeichen der Anerkennung, die diese Blätter um
der geistreichen Erfindung und der scharf kennzeichnenden Darstellung
willen in den Kreisen der Künstlerschaft fanden, war die durch
einstimmige Wahl erfolgte Aufnahme Menzels in den „Jüngeren Berliner
Künstlerverein“, gleich nach dem Erscheinen des Heftes.
[Illustration: Abb. 4. Aus dem Heft lithographischer Federzeichnungen:
„Künstlers Erdenwallen“ (1834): „+Keim+“.
„Erstes Aufblitzen des Genies, die Preiserteilung besteht in Prügeln.“
-- „Kaum entschlüpft der Schmetterling der Puppe und regt die Schwingen
zu eigenem Flug, so bedroht ihn die Fangklappe.“
(Eigentum und Verlag von R. Wagner in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 5. Aus dem Heft lithographischer Federzeichnungen:
„Künstlers Erdenwallen“ (1834): „+Wirklichkeit+“.
(„Brotstudium, Sorge.“ -- „Dem Schwan werden die Flügel beschnitten.“)
(Eigentum und Verlag von R. Wagner in Berlin.)]
Nach der Vollendung von „Künstlers Erdenwallen“ nahm Menzel
sofort eine Bilderfolge von anderer Art in Arbeit, die er ebenfalls
in Lithographie, aber nicht wie jenes erstes Werk in leichter
Federzeichnung, sondern mit der Kreide in mehr malerischer Behandlung
ausführte: „Denkwürdigkeiten aus der brandenburgischen Geschichte“. Die
Folge bestand aus einem Umschlagtitel und zwölf Bildern. Gegenstände
derselben waren: Die Predigt des Christentums bei den Wenden durch
den heiligen Vicelin, die Erstürmung der Feste Brennabor durch
Markgraf Albrecht den Bären, die Belehnung Friedrichs von Hohenzollern
mit der Mark Brandenburg, der Übertritt des Kurfürsten Joachim II
zum Luthertum, die Erbhuldigung der preußischen Landstände vor dem
Großen Kurfürsten, die Schlacht bei Fehrbellin, die Weihung Kurfürst
Friedrichs III zum König in Preußen, die Einwanderung der Salzburger
Protestanten, die Schlacht bei Mollwitz, Friedrich der Große vor
Leuthen, die Freiwilligen von 1813 und ein Schlußblatt „Victoria!“ Im
Jahre 1836 war das Werk fertig. Heute mehr anerkannt, als zur Zeit
seiner Erscheinung, bekundet dasselbe eine erstaunliche Unabhängigkeit
des jungen Menzel von dem herrschenden Kunstgeschmack der Zeit. Während
man sich sonst damals Geschichtsdarstellungen aus dem Mittelalter nicht
anders als im Gewande der Romantik denken konnte und Begebenheiten
aus nachmittelalterlicher Zeit im allgemeinen für überhaupt nicht
recht darstellungswürdig hielt, ging Menzel gar nicht auf eine
romantische Verklärung der Begebenheiten, sondern auf die möglichste
geschichtliche Treue, auf glaubwürdige Veranschaulichung der Thatsachen
aus, und gerade in den Bildern aus der jüngeren Zeit erreichte er
hierin das Beste. Es dürfte wohl kein gemaltes Historienbild aus jener
Zeit nachzuweisen sein, welches so viel schlichte Natürlichkeit und
ebendadurch eine solche Wahrheit der Veranschaulichung enthielte,
wie Menzels Schilderung des Einzugs der Salzburger Protestanten. Das
dem glücklichen Erfolg der Befreiungskriege gewidmete Schlußblatt
„Victoria“ ist eine ganz großartige Schöpfung: ein in weiter Ferne
sich verlierendes Schlachtfeld, die Überlebenden in tiefer Bewegung,
kampfesmüde Männer und Jünglinge, Verwundete und Gesunde, alle einig
in dem Gefühl des Dankes gegen den Höchsten, der die preußischen
Fahnen zum Siege geführt. -- Wenn in den Darstellungen aus der
mittelalterlichen Geschichte nicht das gleiche Maß von Glaubhaftigkeit
der äußeren Erscheinung erreicht ist wie in denjenigen aus jüngerer
Zeit, so kann man das selbstredend nicht dem Zeichner zum Vorwurfe
machen; denn die Erforschung der deutschen Vorzeit lag damals noch in
den Windeln; aber alles, was ihm an Studienmaterial für das Aussehen
der Menschen entlegener Jahrhunderte erreichbar war, hat Menzel mit der
größten Gewissenhaftigkeit benutzt.
[Illustration: Abb. 6. +Kopfleiste+ zur Sachseschen Kunstzeitung.
Zeichnung auf Holz, geschnitten von Baudouin.]
[Illustration: Abb. 7. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Kampf im Engpaß+ (Schlußvignette zu dem Kapitel über den Feldzug des
Jahres 1745).]
Während er an den Brandenburgischen Denkwürdigkeiten arbeitete, machte
Menzel, ohne Unterweisung, seine ersten Übungen in der Ölmalerei. Dabei
war ihm die Linkshändigkeit, die ihm von Kindheit an eigen war, ein
Hindernis; aber durch die eiserne Ausdauer seiner Bemühungen brachte
er es dahin, bald eine ganz gleiche Geschicklichkeit in beiden Händen
zu erlangen. Sein erstes Ölbild führte er im Jahre 1836 aus, „mehr
knetend als malend“ nach seinem eigenen Ausdruck; dasselbe stellte eine
Schachpartie vor. Darauf folgte ein Bild mit dem Titel: „Auf zu den
Waffen!“ -- eine Schilderung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.
Erst das dritte Bild, „Konsultation beim Rechtsanwalt“, 1837 gemalt,
erregte beim Publikum Aufsehen. Im nächsten Jahre entstand ein Gemälde:
„Der Familienrat“, die Schilderung einer an sich ganz anspruchslosen
Situation in der Tracht der höheren Stände des XVII. Jahrhunderts.
Das Bild war von der herrschenden gleichzeitigen Sittenmalerei
ebenso verschieden, wie die Kompositionen der Brandenburgischen
Denkwürdigkeiten von der damaligen Historienmalerei: nichts
Anekdotisches, nichts von Sentimentalität, aber schärfste Kennzeichnung
lebenswahrer Charaktere und schlagende Natürlichkeit des Ausdrucks;
dabei war es ein wirkliches Gemälde, von echtem malerischen Reiz, von
reicher, aber ganz ungekünstelter, naturwahrer Wirkung. Im Jahre 1839
kam ein Gemälde, betitelt: „Ein Gerichtstag“, zur Ausstellung. Da sehen
wir vor dem Tribunal die Bahre einer ermordeten Dame, die vorgeführten
Mörder auf der einen Seite und an der anderen den Gatten der
Erschlagenen, der auf die Kniee gesunken mit leidenschaftlicher Gebärde
um Rache schreit, während das kleine Söhnchen betrübt, aber noch ohne
das Schreckliche ganz zu begreifen, dabei steht. Wenn heutzutage
dieses Bild, das sich gleichfalls in die Tracht des XVII. Jahrhunderts
kleidet, weniger sympathisch berührt, weil wir das starke Mitsprechen
des novellistischen Inhalts in einem Bilde nicht mehr lieben, so kam
dasselbe ebendeswegen dem Verständnis des damaligen Publikums näher,
das noch sehr weit von der Einsicht, daß ein Gemälde vor allem durch
seine malerischen Eigenschaften zum Kunstwerk wird, entfernt war.
[Illustration: Abb. 8. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Friedrich der Große und Cocceji+.
„Friedrich ... entschloß sich jetzt, (in der Justizverwaltung) mit
Macht durchzugreifen und schnell Ordnung zu schaffen. An dem Minister
Cocceji fand er den Mann, der zu einem solchen Geschäft Einsicht und
Kraft besaß.“]
Nebenher führte Menzel verschiedene lithographische Zeichnungen
aus, in denen er figürliche Darstellungen mit Zierwerk durcheinander
wob. So, unter vielen anderen, das Gesellendiplom des Zimmergewerks
von Berlin (1834), den Gesellenbrief der Maurer von Berlin (1838),
das Diplom des Offizier-Schieß-Vereins (1839) und -- das schönste
Blatt von allen -- eine Verbildlichung der Bitten des Vaterunsers.
Unerschöpflichkeit der Phantasie, Geschmack der Anordnung, Geist und
an geeigneter Stelle auch Witz und Laune machen diese Blätter zu
modernen Seitenstücken von Dürers Randzeichnungen im Gebetbuch Kaiser
Maximilians.
Im Jahre 1839 wurde an Menzel eine Aufgabe gestellt, die ihn dazu
führte, seinen Forscherfleiß einem bestimmten Zeitalter zuzuwenden und
dasselbe so gründlich kennen zu lernen, daß es vor seinem geistigen
Auge vollständig lebendig wurde, als ob es Gegenwart wäre. Das ist das
Zeitalter Friedrichs des Großen, dessen Erscheinungsformen durch Menzel
mit einer einzigartigen umfassenden Gründlichkeit der Nachwelt zu
lebensgetreuer Anschauung gebracht worden sind.
[Illustration: Abb. 9. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Friedrich der Große in seinem Arbeitszimmer im königlichen Schloß zu
Potsdam+.]
Der Buchhändler Weber in Leipzig hatte den Gedanken, eine illustrierte
Geschichte Friedrichs des Großen herauszugeben. Für den Text gewann er
den sonst besonders durch seine kunstgeschichtlichen Schriften bekannt
gewordenen Franz Kugler, und dieser war es, der Adolph Menzel als die
geeignetste Kraft, um die bildliche Ergänzung zu dem geschriebenen Wort
zu schaffen, in Vorschlag brachte.
Im März des genannten Jahres wurde der betreffende Vertrag
abgeschlossen, den, da Menzel noch minderjährig war, dessen Vormund
mitunterzeichnen mußte. Die Zahl der zu liefernden Abbildungen, die für
den Buchdruck auf Holz gezeichnet werden sollten, wurde auf vierhundert
bemessen.
[Illustration: Abb. 10. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Tafelrunde Friedrichs des Großen zu Sanssouci+. „Die Abendmahlzeit
pflegte den Kreis der Vertrauten zum heitersten Genusse zu vereinen.
Hier war alles Witz und Geist, und Voltaire und Friedrich standen
einander als die Herrscher im Reiche des Geistes gegenüber.“ --
Menzel hat in seinem dem Buche angehängten „Historischen Nachweis zur
Verständigung einiger Illustrationen“ zu diesem Bild die Erläuterung
gegeben: „Abendtafel im Salon des Schlosses von Sanssouci. Derselbe an
Ort und Stelle gezeichnet. Friedrich zur Linken sitzt Voltaire, dem
sich Feldmarschall Keith und Marquis d’Argens anreihen. Dem letzteren
gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, sitzt der Lord-Marschall
Keith. Sämtlich nach gleichzeitigen Porträts.“]
[Illustration: Abb. 11. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Hauptmann von Möllendorf bei Leuthen+.
„Es ging auf einen versperrten Thorweg los. Man stieß und riß die
Flügel auf; zehn Gewehre lagen im Anschlag; der Anführer, an der Spitze
eines mutigen Haufens, stürzte sich darunter.“]
[Illustration: Abb. 12. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Die Gefangennahme des Generals Fouqué durch österreichische Dragoner
bei Landshut+.]
[Illustration: Abb. 13. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Friedrich der Große bei der Belagerung von Schweidnitz+.
„Friedrich war endlich dieser erfolglosen Experimente überdrüssig. Er
übernahm selbst die Leitung der Belagerungsarbeiten und brachte bald
einen rascheren Gang der Dinge zuwege.“]
[Illustration: Abb. 14. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Gefechtserwartung+. „Alles drohte einen unerhörten Kampf (im Frühjahr
1774). Aber -- es kam zu keiner einzigen großen Schlacht.“]
Hatte Menzel schon bei Gelegenheit seiner Zeichnungen zur
brandenburgischen Geschichte Veranlassung gehabt, sich mit dem Großen
König und seiner Umgebung zu beschäftigen, so vervollständigte er
jetzt seine hierauf bezüglichen Kenntnisse mit der denkbar größten
Gewissenhaftigkeit. Er suchte jedes Bildnis Friedrichs II, Gemälde oder
Kupferstich, auf und zeichnete dasselbe ab, bis er die Persönlichkeit
seines Helden in allen Abschnitten seines Lebens, von der Kindheit
bis zum Greisenalter, auswendig wußte. Und ebenso eignete er sich die
Kenntnis vom Aussehen der dem König nahestehenden Personen an. Die
Uniformen der Zeit, die ihm aus dem Berliner Montierungsdepot zur
Verfügung gestellt wurden, zog er lebenden Modellen an und studierte
sie bis in jede Einzelheit. Er zeichnete die Örtlichkeiten, die Möbel,
die Kleider, jedes erhaltene Gebrauchsgerät, kurz alles, was einst zu
Friedrich dem Großen in Beziehung gestanden hatte, von verschiedenen
Seiten ab. Mit der gleichen Gewissenhaftigkeit verschaffte er sich die
Kenntnis von den Gegnern des Preußenkönigs und ihren Truppen. Besonders
in Dresden machte er im Jahre 1840 mehrere Wochen lang die eifrigsten
Studien. Wohl niemals hat ein Künstler sich eine vergangene Zeit so
ganz zum Eigentum gemacht.
[Illustration: Abb. 15. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Der alte Fritz, von den Generalen Pfuhl und Rohdich begleitet, auf der
Terrasse vor der Bildergalerie von Sanssouci+.]
[Illustration: Abb. 16. Aus den Holzschnittbildern zur „Geschichte
Friedrichs des Großen“ (1839-1842):
+Der alte Fritz im Manöver+.
„Noch im August 1785 hatte er, bei der schlesischen Revue, sechs
Stunden lang in einem kalten und heftigen Regen zu Pferde gesessen und
alles Ungemach der Witterung ruhig ertragen.“]
[Illustration: Abb. 17. +Heimkehrende Husarenpatrouille+.
Getuschte Federzeichnung von 1844. Im Besitz Ihrer Majestät der
Kaiserin Friedrich.
(Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin.)]
[Illustration: Abb. 18. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Begräbnis auf dem Schlachtfelde+.
Gezeichnet zu Kapitel 14 der „Geschichte meiner Zeit“. („Die Preußen
hatten -- nach der Schlacht bei Kesselsdorf -- an Toten 41 Offiziere
und 1621 Soldaten.“)]
Menzel führte die Zeichnungen mit dem Bleistift oder der Feder auf
dem Holzstock aus. Die ersten Versuche in der Holzzeichnung hatte er
im Jahre 1838 mit Illustrationen zu Chamissos „Peter Schlemihl“, dann
im folgenden Jahre mit einem Blatte: „Der Tod Franz von Sickingens“
gemacht. Bei diesen hatte er die Schwierigkeit, die auch bei den
ersten Zeichnungen zum Friedrichswerk noch bestand, zu überwinden,
daß er auf ungrundierte Holzplatten zeichnen mußte. Danach wurde das
in Paris längst gebräuchliche Verfahren, die Platten mit einer weißen
Grundierung zu überziehen, wodurch erst die Anwendung des Bleistifts
ermöglicht und überhaupt die Arbeit des Zeichners erheblich erleichtert
wurde, in Berlin bekannt. Eine größere Zeichnung auf dem in solcher
vorteilhafteren Weise vorbereiteten Holzstock führte Menzel 1840 zur
400jährigen Feier der Erfindung der Buchdruckerkunst aus: „Gutenberg
mit dem ersten Druckbogen der Bibel“. -- Beim Durchblättern des
Friedrichsbuches sieht man deutlich, wie der Zeichner im Verlauf
der Arbeit immer mehr in die Technik hineingekommen ist, die seinen
Gedanken entsprach, bis er zu jener glänzenden, sprechenden und
wirkungsvollen Vortragsweise gelangte, die in ihrer Art ohnegleichen
geblieben ist. Man sieht aber auch, wie die Formschneider sich immer
mehr in des Zeichners Art und Weise hineingearbeitet haben. An die
Holzschneidekunst, die ja ganz vor kurzem erst wieder zu neuem
Leben erwacht war, waren in Deutschland auch nicht annähernd solche
Ansprüche schon gestellt worden, wie es die Menzelschen Zeichnungen
thaten. Indem die Holzschneider, denen die Aufgabe zufiel, vor allen
Ludwig Unzelmann, ein Schüler von Gubitz, und die Brüder Albert
und Otto Vogel, im Verfolg der Arbeit dahin gelangten, daß sie den
sicheren, lebendigen und charaktervollen Strichen Menzels in Kraft und
Feinheit mit vollkommener Treue folgen konnten, haben sie Meisterwerke
des Formschnitts zustande gebracht. Menzels Zeichnungen begnügten
sich nicht mit Umrissen und allgemeinen Schattenangaben, sondern
sie steigerten die Lebendigkeit der Wirkung durch die kräftigste
malerische Behandlung, die den Unterschieden der Farbentöne gerecht
wurde und der Natur auch darin nachging, daß dasjenige, was sich dem
Auge mit Deutlichkeit darbietet, scharf und klar, das unbestimmt und
verschwommen Erscheinende aber mit dem Reiz des Ineinanderfließens
wiedergegeben wurde. Niemand in Deutschland -- fast könnte man sagen
in Europa -- malte damals so malerisch, wie Menzel zeichnete (Abb. 1,
2, 7-16). Die kunstgeschichtliche Bedeutung dieser Buchillustrationen
ist so groß wie ihr künstlerischer Reiz, und daneben erfreuen den
Beschauer auch die geistreichen Einfälle des Zeichners, die in
den Anfangsbuchstaben und Vignetten und in manchen, im Text nur
Angedeutetes weiterführenden Abbildungen sich äußern. Die handelnden
Persönlichkeiten, vor allem Friedrich selbst, werden vor unseren
Augen in sprechender Kennzeichnung lebendig, die Charaktere, wie die
feinsten Regungen der augenblicklichen Empfindung kommen in Haltung und
Mienen der Figuren, trotz des kleinen Maßstabes, in staunenswürdiger
Weise zum Ausdruck. Wir sehen die pikante Wirkung, welche das Bewegen
dunkelgekleideter Gestalten in den lichten Rokokoräumen hervorbringt,
und wir empfinden den Reiz der verschiedenartigen Stimmungen im
Freien, von sonniger Morgenfrische wie von stichdunkler Nacht, in der
beim Schein einer einsamen Laterne erst nach und nach die Gestalten
erkennbar werden, von dumpfer Gewitterschwüle wie von eintönigem
endlosen Landregen oder von klarem Mondschein. Auch das flimmernde
Kerzenlicht in Sälen mit spiegelnden Säulen wird uns anschaulich
vorgeführt, sowie die festliche Lichtpracht von Illumination und von
Fackelzug. Der Künstler weiß mit der gleichen Sicherheit uns auf das
glatte Hofparkett und auf blutgetränkte Schlachtfelder zu führen. Ja,
die Soldatenbilder, die möchte man eigentlich als das Wunderbarste in
dem ganzen Buch bezeichnen. Die straffe Zucht in der geschlossenen
Truppe, die Erwartung des Kampfes, das todesmutige Hineinstürmen
in das feindliche Feuer, verzweifelndes Ringen und heldenhaftes
Ausharren, fröhlicher Reitermut und rasendes Ungestüm, Begeisterung und
Niedergeschlagenheit -- das alles ist mit einer Wahrheit geschildert,
als ob der Zeichner seine Studien mitten unter einschlagenden
Kugeln und blitzenden Klingen gemacht hätte. Da offenbart sich ein
künstlerisches Vorstellungsvermögen, das an das Unbegreifliche grenzt.
Und dabei hat alles den bestimmten Ton der Zeit; es ist nicht das
Soldatenleben im allgemeinen, was uns da vorgeführt wird, sondern es
tritt uns gerade der Geist der Helden Friedrichs des Großen mit einer
Deutlichkeit, wie sie keine schriftliche Schilderung zu erreichen
vermöchte, entgegen.
[Illustration: Abb. 19. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen:
+Husarenvedette+ (gezeichnet 1844, Vignette zu dem die Geschichte des
Friedens von Dresden enthaltenden „Appendix zur Geschichte meiner
Zeit“).]
[Illustration: Abb. 20. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Vignette+ zu dem die Schwierigkeiten der Weiterführung des Kriegs
im Winter 1759 auf 1760 behandelnden 11. Kapitel der „Geschichte des
siebenjährigen Kriegs“.]
Als die „Geschichte Friedrichs des Großen“ im Jahre 1842 fertig war,
ging Menzel in einem Wissensdrange, der kaum seinesgleichen in der
Künstlergeschichte findet, daran, die Lücken, die er in seiner Kenntnis
von der Armee Friedrichs des Großen noch empfunden hatte, auszufüllen.
Er begann das ungeheure Unternehmen, sich selbst ein durchaus genaues
Bild von dieser Armee zu verschaffen, indem er für jede Truppengattung,
jedes Regiment, jede Charge auf Grund nochmaliger eingehendster
Studien, Zeichnungen und Messungen die Uniform, Ausrüstung u. s. w.
bis in die letzten Einzelheiten und in die geringsten Unterschiede
hinein erforschte, und das Ergebnis der Forschungen in lebendig
aufgefaßten Charakterfiguren, bei denen alles dasjenige, was in der
gewählten Ansicht nicht erkennbar war, in besonderen Nebenzeichnungen
gegeben wurde, unter Hinzufügung von kurzen, deutlichen Erläuterungen
in Worten, bildlich zur Anschauung zu bringen. Es ist begreiflich,
daß eine solche Arbeit sich nicht hintereinander erledigen ließ,
daß der Künstler vielmehr nur mit Unterbrechungen sich dieser
wissenschaftlichen Aufgabe hingeben konnte. Auf Zureden von Freunden
entschloß er sich, das Werk der Öffentlichkeit zu übergeben. Als
dasselbe im Jahr 1857 abgeschlossen war -- mit allen Nachträgen und
Ergänzungen umfaßte es 453 Tafeln -- erschien es unter dem Titel:
„Die Armee Friedrichs des Großen“ in kolorierten Lithographien, in
nur 30 Exemplaren, deren Herstellungskosten der Kunsthändler =Sachse=
übernommen hatte (Abb. 48 und 49).
[Illustration: Abb. 21. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+König Friedrich von Truppe zu Truppe eilend+.
Zeichnung zu dem das Jahr 1757 behandelnden 6. Kapitel der „Geschichte
des siebenjährigen Kriegs“.]
An der Spitze der mannigfaltigen künstlerischen Schöpfungen, welche
Menzel in den vierzehn Jahren, die zwischen dem Beginn und dem Abschluß
des Armeewerks liegen, entstehen ließ, steht wieder ein umfangreiches
Holzschnittwerk.
[Illustration: Abb. 22. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Der König am Wachtfeuer (im Lager von Bunzelwitz)+.
Zeichnung zum 14. Kapitel der „Geschichte des siebenjährigen Kriegs“.]
[Illustration: Abb. 23. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Preußische Infanterie eine Verschanzung stürmend+.
(Zeichnung zu Kapitel 16 -- Feldzug von 1762 -- der „Geschichte des
siebenjährigen Kriegs“.)]
[Illustration: Abb. 24. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen:
+Schlußstück zur „Geschichte des siebenjährigen Kriegs“+ (gezeichnet
1844).]
König Friedrich Wilhelm IV führte bald nach seiner
Thronbesteigung den Plan, zu dem schon vorher Vorbereitungen
getroffen waren, zur Ausführung, von den Schriften Friedrichs des
Großen eine neue kritische Ausgabe zu veranstalten. Von dieser
Veröffentlichung sollte eine Prachtausgabe in größerem Format
und mit der schmückenden Zuthat von Bildern für den persönlichen
Gebrauch des Königs hergestellt werden. Für diesen Bilderschmuck war
anfänglich die Ausführung in Radierung vorgesehen. Aber das Erscheinen
der Kugler-Menzelschen Geschichte Friedrichs des Großen bewog die
maßgebenden Persönlichkeiten, sich zu Holzschnitten zu entschließen
und der nach der gegenständlichen Seite hin ebenso berufenen, wie
technisch bewährten Kraft Menzels die Aufgabe zu übertragen. Im
Sommer 1843 wurde mit diesem die Abmachung getroffen, wonach er 200
Zeichnungen, ganz nach freier Wahl, zu den Werken Friedrichs des Großen
anfertigen sollte. Die Mannigfaltigkeit des Inhalts der Schriften des
Großen Königs gab dem Zeichner Gelegenheit, seine Erfindungsgabe an
den verschiedenartigsten Stoffen zu bethätigen. Aus den Worten des
dreißig starke Bände umfassenden Textes und öfter noch zwischen den
Zeilen las er Vorstellungen aller Art heraus, die in seinem Kopfe zu
Bildern wurden. Er selbst hat, bei einer später gegebenen Übersicht,
die sämtlichen Abbildungen in fünf Gruppen eingeteilt: „Bildnisse“,
„Historisches und Militärisches“, „Genre und Vermischtes“, „Alter
Geschichte Entnommenes, Allegorisches u. s. w.“, „Burleskes“. -- Den
ersten Abschnitt der Werke Friedrichs des Großen, „Brandenburgische
Denkwürdigkeiten“, begleitete Menzel mit erzählenden Geschichtsbildern,
von denen er eines, das keinen thatsächlichen Vorgang, sondern eine
sinnbildliche Handlung vorführt, in die Gestalt eines Erzreliefs
im Stil der betreffenden Zeit kleidete. Zu dem Aufsatz „Über das
Militär seit seiner Einführung bis zum Ende der Regierung Friedrich
Wilhelms“ gab er ein Bildchen, welches Friedrich als Kronprinzen
zeigt, wie er an der Seite seines Vaters, dem die preußische Armee
die Grundlage ihrer straffen Disciplin verdankte, einer Parade
beiwohnt, und die nächstfolgenden Einzelaufsätze begleitete er mit
geistreichen Vignetten sinnbildlichen Inhalts. Reichsten Stoff boten
dann die großen Abhandlungen des Königs „Geschichte meiner Zeit“
und „Geschichte des siebenjährigen Kriegs“ (Abb. 18-24). Den Anfang
macht hier eine Darstellung Friedrichs II, dem die Geister seiner
Ahnen erscheinen. Darauf tritt der Kriegsgott mit Fackel und Sense
aus den geöffneten Pforten des Janustempels. Zwischen prächtige
Bilder aus dem Kriegsleben, die von Mühen, Kampf und Sieg und, in
der ergreifenden Schilderung eines Begräbnisses, auch von den großen
Verlusten erzählen, mischen sich ebenso prächtige Bildnisdarstellungen,
in denen die Persönlichkeiten mit großer Schärfe in denjenigen
Charaktereigentümlichkeiten aufgefaßt sind, welche gerade hier ihre
Bedeutung haben. Beim 1. Kapitel der „Geschichte des siebenjährigen
Kriegs“ erscheint ein Kurier, der in gestrecktem Galopp zwischen
den in sonniger Ruhe daliegenden Getreidefeldern einhersprengt; und
beim Schlußkapitel kommen unter den Trümmern einer zerstörten Stadt
die überlebenden Bewohner scheu aus ihren Verstecken hervor. Einmal
erscheint ein Kriegsbild in allegorischer Einkleidung: ein preußischer
Grenadier wird unter dem Schleier der Nacht von der Schutzgöttin an den
schlafenden Feinden vorbeigeführt (auf den glücklichen Abmarsch der
Armee aus dem Lager bei Liegnitz bezüglich). Rein allegorisch ist die
geheuchelte Friedensliebe der Preußen feindlich gesinnten Mächte vor
Ausbruch des siebenjährigen Kriegs durch eine geflügelte Kriegsgöttin
versinnlicht, welche ihr wahres Gesicht hinter einer lächelnden Maske
verbirgt und an ihrem Stabe scheinbar das weiße Banner trägt, das aber
in Wahrheit nur von einer um den Stab geringelten Schlange an dünnem
Faden gehalten wird. Dazu kommen dann jene Menzel eigentümlichen
kleinen, in kurzer Form viel sagenden Vignetten: wo das Ende des
ersten schlesischen Kriegs erzählt ist, wischt eine nervige Faust
mit einem Lorbeerbüschel das Blut vom Schwerte; der Bündnisvertrag
zwischen der Kaiserin Maria Theresia und dem König von Frankreich
wird durch Raubvogelfänge gekennzeichnet, die sich von allen Seiten
in den Reichsapfel einkrallen, über dem der preußische Adler wachsam
und kampfbereit schwebt; eine verwundete Hand, die sich anschickt,
wieder in den eisernen Handschuh zu fahren, um das Schwert, dessen
Griff die Spuren des Gebrauchs zeigt, von neuem zu ergreifen, deutet
auf die Schwierigkeiten der Weiterführung des Krieges im Beginn des
Jahres 1760 hin. Die weiterhin folgenden geschichtlichen Aufsätze des
Königs über die Zeit nach dem siebenjährigen Krieg werden begleitet
von einem als Marmorbüste gezeichneten Bildnis der Kaiserin Katharina
II von Rußland, einer Darstellung der Wiederaufnahme friedlicher
Arbeiten im Lande, einem Kriegerdenkmal, einer sprechenden Vignette,
welche ein unter stachelbesetztem Schilde über dem in der Scheide
ruhenden Schwerte liegendes Fernrohr zeigt, und einem Bildnis Kaiser
Josephs II, der das Schwert in die Scheide steckt. Bei den Briefen des
Königs an die Kaiserin Maria Theresia sehen wir die Adler Preußens
und Österreichs, jeden auf seinem besonderen Felsen, mit sprechendem
Ausdruck einander gegenübersitzen, und die Vignette zu dem diesem
Briefwechsel angehängten Vorschlag zur Bildung einer Liga zwischen
den Fürsten Deutschlands zeigt viele Scepter unter einem Schilde, der
mit einem kräftigen Sinnbild der Vereinigung zu gemeinschaftlicher
Abwehr geschmückt ist. Mit unerschöpflicher Mannigfaltigkeit erfundene
Vignetten, zum Teil im zierlichsten Rokokogeschmack gehalten,
schmücken die Lobreden des Königs auf einzelne Persönlichkeiten. Eine
Fülle sprühenden Geistes lebt in den Einfällen, zu denen Menzel sich
durch die folgenden verschiedenartigen kleinen Aufsätze des Königs
hat anregen lassen. Besonders bemerkenswert sind darunter einzelne
Bildchen, in denen der Künstler es sich nicht hat versagen können,
seine eigene Auffassung neben derjenigen des Königs geltend zu
machen. So zeichnet er zum „Antimacchiavell“ ein an den Schandpfahl
genageltes Bildnis des Macchiavelli; die Unterschrift Friedrichs
mit der Jahreszahl 1740 bekundet, daß der König es ist, der den
berühmten Florentiner verurteilt hat; aber Menzel hat im Sinne
einer zu anderem Urteil gelangten Zeit das Bild oben mit Kranz und
Lorbeerzweig geschmückt und dazu die Jahreszahl 1840 geschrieben.
Bei dem „Vorwort zur Henriade des Herrn Voltaire“ läßt der Zeichner
den Geist Heinrichs IV dem Dichter erscheinen; aber ihm erscheint
dieser in der Dichtung lebende Geist nicht als ein Held, sondern als
eine schwülstig auftretende Theaterfigur. Ganz selbständig tritt der
Zeichner dem königlichen Schriftsteller gegenüber, indem er zu dem
„Essay über die Eigenliebe als moralischer Beweggrund aufgefaßt“ einen
Mann zeichnet, der ohne jeden Beweggrund von Eigenliebe sich anschickt,
in ein breites Wasser zu springen, um ein ertrinkendes Kind zu retten.
In der Vignette zu einem „Brief über die Erziehung“, in welchem der
König über die einreißende Verweichlichung bei den Söhnen der alten
Adelsfamilien klagt, zeigt Menzel, der Zeit Friedrichs vorauseilend,
die Jahreszahl 1806 in Flammenschrift aus einer dunklen Wolke der
entsetzten Germania entgegenblitzen. Weiterhin geben die Oden, Episteln
und sonstigen Gedichte des Königs dem Zeichner Anregungen, um seine
Phantasie auf allen erdenklichen Gebieten umherschweifen zu lassen
(Abb. 26-28). In geistreichem Spiel umflattern des Künstlers Gedanken
diejenigen des königlichen Dichters. Hier mischen sich auch Bildchen
von überwiegend landschaftlichem Charakter ein und reine Genrebilder,
wie die gemütvolle Darstellung eines bei einem stattlichen Bau
beschäftigten Arbeiters, der mit den Seinigen das Mittagessen einnimmt,
-- ein Idyll, das aus den Worten des betreffenden Gedichts: „Unser
großes Gebäude ist die Gesellschaft, ein jeder Bürger trägt zu dessen
Nützlichkeit bei“ herausgewachsen ist. Mit großer Feinheit erklärt
Menzel sein Nichteinverstandensein mit den Anschauungen des Königs in
dem Bildchen zu einer Epistel, welche die Dichtkunst Voltaires über
diejenige Homers erhebt, durch die entzückend gezeichnete Darstellung
eines Rokokokavaliers, der an dem prachtvollen Torso einer Phidiasschen
Göttergestalt achselzuckend vorübergeht, um sich der Betrachtung eines
Bildwerkes seiner Zeit, einer im schwulstigsten und verschrobensten
Zopfstil sich krümmenden Kleopatra, zuzuwenden. In den Vignetten zu
den komischen Dichtungen Friedrichs prickelt die witzigste Laune.
Der breiteste Platz wird dem Humor gegönnt in einer Reihe von
Illustrationen zu dem satirischen Heldengedicht „Das Palladium“. Diese
mutwilligen Karikaturen sind so gezeichnet, als ob sie abgegriffene
Kupferstiche des vorigen Jahrhunderts wären. Darauf folgt gleich
eine ganz großartige ernste Darstellung: bei der Ode, welche der
König am 6. Oktober 1757 im Quartier zu Eckartsberg an seinen Bruder
Heinrich dichtete, ist Friedrich selbst abgebildet, wie er in jener
Nacht seine Empfindungen in Verse kleidet; in begeisterter Erregung
mit der Schreibfeder in der Hand am Tische sitzend, wird er hinter
den Scheiben des kleinen Bauernhausfensters sichtbar, und draußen
steht im Dunkeln der Posten, der regungslos und mit leisem Schauer
zuhört, wie dicht hinter seinem Rücken sein König unverständliche,
abgerissene Worte vor sich hinspricht. In vielen der zunächst folgenden
Dichtungen herrscht ein ernster, bisweilen geradezu düsterer Ton, dem
der Zeichner durch die mannigfaltigsten sinnreichen Kompositionen
gerecht wird. Dazwischen hinein blitzt dann wieder groteske Komik,
mit liebenswürdiger Heiterkeit abwechselnd. In den Vignetten zu den
auf die Gedichte folgenden in Briefform gekleideten Äußerungen des
Königs, die großenteils satirischen Inhalts sind, herrscht ein scharfer
Witz vor. Hervorragend ist hier das Bildnis der Marquise Pompadour,
deren Gesichtsausdruck bestätigt, was das ausgelassene Zierwerk des
Rokokorahmens, der das als Gemälde gedachte Bildnis umgibt, andeutet
(Abb. 29). Die Korrespondenz Friedrichs des Großen ist zum großen Teil
nur durch die lebensvollen Bildnisse der Personen, mit denen er im
brieflichen Verkehr stand, illustriert (Abb. 30). Aber auch manches
andere, Ernstes und Scherzhaftes, je nach dem Ton des Briefwechsels,
ist eingeflochten. Mehrfach kommen hier ausdrucksvolle mythologische
Darstellungen vor.
[Illustration: Abb. 25. +Bleistiftstudie+ (von 1844) +zu einer
Zeichnung des Friedrichwerks+.
Im Besitz des Verfassers.]
[Illustration: Abb. 26. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Zeichnung zur „Epistel an meine Schwester von Bayreuth. Über die
Anwendung des Vermögens.“+
(Anknüpfend an die Worte des Gedichts: „Unser großes Gebäude ist die
Gesellschaft; ein jeder Bürger trägt zu dessen Nützlichkeit bei.“)]
[Illustration: Abb. 27. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Zeichnung zur „Epistel an de la Motte Fouqué“+ (einen Vergleich
zwischen der französischen Kunst der Zeit und derjenigen des
griechischen Altertums enthaltend).]
[Illustration: Abb. 28. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen:
+Zeichnung zu der „Ode an meinen Bruder Heinrich“+ (gedichtet im
Quartier zu Eckartsberg am 6. Oktober 1757), von 1848.]
[Illustration: Abb. 29. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Die Marquise von Pompadour+.
Zeichnung zu der Satire „Brief der Marquise von Pompadour an die
Königin von Ungarn“.]
So ist der Briefwechsel des Königs mit seinem Bruder Prinz Heinrich
durch eine Zeichnung geziert, welche auf die gemeinsame Heldenarbeit
der Brüder im Ringen gegen die stets ihre Kräfte erneuernden Feinde
hinweist durch das Bild des Hercules, den Iolaus im Kampf gegen
die lernäische Hydra durch das Verbrennen der nachwachsenden Köpfe
unterstützt (Abb. 31). Und bei dem Briefwechsel Friedrichs mit
seiner Schwester Charlotte, Herzogin von Braunschweig, sehen wir als
Illustration zu einem am 10. August 1786 geschriebenen Briefe des
Königs, worin derselbe den Gedanken, daß der Arzt ihm nicht mehr helfen
könne, ausspricht, den vergeblichen Kampf der ärztlichen Kunst gegen
den Tod in mythologischer Einkleidung verbildlicht: Aesculapius, den
der seiner Hand entfallene Schlangenstab kennzeichnet, ringt mit der
Parze Atropos, um ihr die Schere, die den Lebensfaden abschneiden
soll, zu entreißen; aber die Parze läßt nicht los; von dem Stuhle,
wo sie neben ihren Schwestern saß, herabgezerrt und über den Boden
geschleift durch die Anstrengungen des Gottes der Heilkunde, behält
sie doch die Schere in ihrer Hand (Abb. 32). -- Den litterarischen
Arbeiten Friedrichs des Großen sind in der Ausgabe seiner Werke auch
die von ihm verfaßten militärischen Ratschläge und Instruktionen
eingereiht. In den Bildern zu diesen Schriftstücken hat Menzel neben
sinnvollen Gleichnisvignetten -- wie deren eine von besonderer Macht
der Wirkung das aus einem Geschützrohr mit Ungestüm hervorbrechende
Todesgerippe ist (bei der Instruktion für die Artillerie) -- wieder
realistische militärische Darstellungen angebracht, die im Gegensatz
zu den geistreichen Umrißlinien, mit welchen er mythologische und
idealistische Gegenstände zu zeichnen wußte, stets in prächtiger
farbiger Wirkung erscheinen (Abb. 33-36). Da sehen wir bei einer
Schrift „Die Generalprincipia des Krieges“ den König selbst
dargestellt, wie er eben diese Schrift seinen Generalen unter Abnahme
des Versprechens der Geheimhaltung überreicht. Wir sehen durch die
auf dem Schlachtfeld in Massen hingestreckten Toten und Verwundeten
den Erfolg der Anordnungen angedeutet, welche der König kurz vor
der Schlacht bei Zorndorf für seine Artillerieobersten aufschrieb.
Als Genrebilder aus dem Kriegsleben, welche als freie Dichtung des
Künstlers die Instruktionen begleiten, finden wir einen neben seinem
angeschossenen Pferde verwundet auf dem Boden sitzenden Husaren,
die lustige Verscheuchung eines Zeichners, der von einer Anhöhe
aus eine Aufnahme des Lagers machen wollte, durch die streifende
Husarenpatrouille, das Umdrängen des Brunnens am heißen Marschtage,
den Husaren, der sein Pferd abgesattelt hat, den Grenadier, der
marschmüde seine Mütze an den Haken hängt in einer Bauernstube, wo
die Anwesenheit eines neben dem Spinnrad auf dem Boden sitzenden
Säuglings auf das Vertrauen guten Einvernehmens zwischen Quartierwirt
und Einquartiertem hinweist, -- lauter prächtige Schilderungen. Ein
Meisterwerk allerersten Ranges ist eine Gruppe von Offizieren, die
sich durch einen von höchster Stelle ausgesprochenen und durch den
verwundeten Kommandeur ihnen übermittelten Tadel getroffen fühlen;
ein Blatt von wunderbar vollendetem Reiz der farbigen Wirkung die
Darstellung zweier Offiziere, die sich in ihren freien Stunden mit
kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigen, bei deren einem aber die
körperliche Ermüdung über den Wissensdrang den Sieg davongetragen hat.
-- Nicht unerwähnt dürfen die Tierbilder bleiben, die öfter unter den
Vignetten vorkommen. Bald dienen diese Tiere in ihrem natürlichen
Treiben zu Gleichnisdarstellungen, bald treten sie in sinnbildlicher
Handlung auf, wie der Löwe, der einen Elefanten umkreist -- die kleine,
aber bewegliche Macht Preußens, welche den österreichischen Koloß
in Schach hält --; in anderen Fällen sind es die lebendig gedachten
Wappentiere der Staaten, welche diese letzteren selbst verkörpern.
Die eindrucksvollste Vignette dieser Art ist wohl der zu einem Briefe
König Friedrichs an den Fürstbischof von Breslau gezeichnete königliche
Adler, der mit ausgebreiteten Schwingen und vorgestrecktem Kopfe, mit
einem Blick, welcher unmittelbar an die Augen Friedrichs des Großen
erinnert, einen Altar bewacht; in der einen, auf den Altar gelegten
Klaue hält er das aufgerichtete Scepter, und die Gerechtigkeitshand auf
der Spitze des Scepters bewegt drohend den Zeigefinger.
[Illustration: Abb. 30. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Der Philosoph Jean Jacques Rousseau, „der Feind der Könige“+.
Gezeichnet zu dessen in den Jahren 1762 und 1766 an Friedrich den
Großen gerichteten Briefen.]
[Illustration: Abb. 31. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Hercules und Iolaus im Kampf gegen die lernäische Hydra+.
Zeichnung zu dem „Briefwechsel Friedrichs mit seinem Bruder, dem
Prinzen Heinrich“.]
Gegen Weihnachten 1849 waren die 200 Zeichnungen zu den Werken
Friedrichs des Großen fertig und in Holz geschnitten. Was Menzel
beim Gestalten dieser herrlichen Erzeugnisse seiner großartigen
dichterischen Phantasie als eine Beengung empfand, war die
vorgeschriebene Kleinheit des Formates. In humoristischer Weise
hat er dieses ausgesprochen in einer allerliebsten Titelvignette
zu der Sonderausgabe der Abbildungen ohne den Text, welche der
Verlagsbuchhändler Wagner in Berlin im Jahre 1882 veranstaltete, um
diesen Schatz deutscher Kunst über den engen Kreis derjenigen hinaus,
welche die illustrierte Prachtausgabe der _Oeuvres de Frédéric le
Grand_ zu Gesicht bekamen, bekannt zu machen. Diese Titelvignette zeigt
in einem graziös mutwillig gestalteten Rokokorahmen einen kleinen
Genius, den ein Zirkel auf den Boden von „_XII centimètres maximum_“
eingesperrt hält; mit mitleidlosem Lächeln steht der Zirkel da,
unbekümmert um das kindliche Grollen des gegen die Einklemmung sich
sträubenden Genius und um dessen zerdrückte Flüglein.
[Illustration: Abb. 32. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Äskulap versucht vergebens, der Parze Atropos die Schere zu entwinden+.
Zeichnung zu dem Briefwechsel Friedrichs mit seiner Schwester
Charlotte, Herzogin von Braunschweig. (Anknüpfend an die Worte eines
von Friedrich dem Großen in seinem Todesjahre geschriebenen Briefes:
„Die Wahrheit ist, daß er -- der Arzt -- mir nichts genützt hat; die
alten müssen den jungen Menschen Platz machen.“)]
[Illustration: Abb. 33. Aus den Holzschnittbildern zu den Werken
Friedrichs des Großen (1843-1849):
+Gruppe von Offizieren, denen durch ihren Kommandeur ein von hoher
Stelle ausgegangener Tadel vorgehalten wird+.
Gezeichnet zu den „Regeln über das, was von einem guten
Bataillonsführer in Kriegszeiten zu verlangen ist“.]