Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, weswegen es mit ihm schnell
die Reihe entlang ging; die Frauen dagegen blieben gleich hängen und
blieben bei den ersten stehn. Daher mußten die Männer, als man zur
Kirche gehn wollte, wieder zu den Frauen zurückkehren. In diesem
Augenblick kamen drei Wagen in einer Reihe ungestümer als alle die
andern herangefahren und hielten nicht eher an, als bis sie mitten
unter den Leuten waren. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren
worden waren, sahen zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud
Nordhaug und ein alter Mann, im zweiten seine Schwester mit ihrem
Manne, im dritten die Altenteiler. Vater und Sohn sahn sich gegenseitig
an; Sämund verzog keine Miene, Thorbjörn war sehr bleich. Als ihre
Blicke sich trennten, schweiften sie weiter und fielen auf die Leute
von Solbakken, die gerade ihnen gegenüber stehngeblieben waren, um
Ingebjörg und Ingrid Granliden zu begrüßen. Die Wagen waren zwischen
ihnen durchgefahren, die Unterhaltung war unterbrochen worden, die
Augen hingen noch an den Dahinfahrenden, und es währte eine ganze
Zeit, ehe sie sich davon losreißen konnten. Als sie dann nach dieser
Überraschung wieder zu sich gekommen waren und die Augen umherschweifen
ließen, um einen Übergang zu suchen, gewahrten sie Thorbjörn und
Sämund, die dastanden und starrten. Guttorm Solbakken wandte sich ab,
seine Frau aber sah sofort nach Thorbjörns Augen; Synnöve, die einen
Blick von ihm erhascht hatte, wandte sich zu Ingrid Granliden und
ergriff ihre Hand, wie um sie zu begrüßen, obwohl sie das schon einmal
getan hatte. Aber alle fühlten sie auf einmal, daß ihr Gesinde und
ihre Bekannten, einer wie alle, sie beobachteten, und nun kam Sämund
selber geradeswegs hinüber und reichte Guttorm mit abgewandtem Gesicht
die Hand: »Hab Dank für das letztemal.« -- »Hab selber Dank für das
letztemal.« -- Dann reichte er der Frau die Hand: »Hab Dank für das
letztemal!« -- »Hab selber Dank für das letztemal,« erwiderte sie,
ebenfalls ohne aufzusehn. Thorbjörn ging hinterdrein und tat wie der
Vater; dieser kam nun zu Synnöve, und sie war die erste, die er ansah.
Auch sie sah ihn an und vergaß »Hab Dank für das letztemal« zu sagen.
In demselben Augenblick kam Thorbjörn; er sagte nichts, sie sagte
nichts, sie reichten einander die Hand, aber nur lose, keins schlug
die Augen auf, keins vermochte einen Fuß zu rühren. -- »Es wird heute
sicher ein gesegnetes Wetter,« sagte Karen Solbakken und ließ den Blick
schnell von Synnöve zu Thorbjörn hinüberschweifen. Sämund antwortete
ihr: »Ach ja, dieser Wind treibt die Wolken weg.« -- »Gut für das Korn,
das noch steht und der Trockenheit bedarf,« sagte Ingebjörg Granliden
und fing an, Sämund hinten an die Jacke zu klopfen, vermutlich weil
sie glaubte, daß er voll Staub sei. -- »Gott hat uns ein gutes Jahr
beschert, aber es ist noch unsicher, ob alles unter Dach und Fach
kommt,« sagte Karen wieder und sah nach den beiden hinüber, die sich
seit vorhin noch nicht vom Fleck gerührt hatten. -- »Das kommt auf die
Zahl der Leute an,« sagte Sämund und wandte sich zu ihr, so daß sie
nicht gut dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte. -- »Ich habe oft
gedacht, wenn nur ein paar Höfe ihre Kräfte zusammenlegen wollten, da
würde es besser gehn.« -- »Aber es kann ja so sein, daß sie beide das
trockne Wetter gleichzeitig benutzen wollen,« sagte Karen Solbakken
und machte einen Schritt zur Seite. -- »Freilich,« meinte Ingebjörg
und stellte sich dicht neben ihren Mann, so daß Karen auch jetzt nicht
dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte; -- »aber an manchen Stellen
reift es früher als an andern; Solbakken ist uns oft um vierzehn Tage
voraus.« -- »Ja, da könnten wir einander ja gut helfen,« sagte Guttorm
und trat einen Schritt näher heran. Karen sah ihn hastig an. -- »Aber
es gibt immer so manche Umstände, die einem in den Weg kommen,« setzte
er hinzu. -- »Das ist so,« sagte Karen und trat einen Schritt auf die
eine Seite und einen auf die andre, und noch einen, aber dann wieder
zurück. -- »Ach ja, es kommt einem oft mancherlei in den Weg,« sagte
Sämund und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. -- »Freilich
ist es so,« sagte Guttorm, seine Frau aber fiel ihm ins Wort:
»Menschenmacht reicht nicht weit, Gottes Macht ist die größte, und auf
ihn allein kommt es an.« -- »Er würde doch wohl nichts Wesentliches
dagegen einzuwenden haben, daß wir einander bei der Ernte auf Granliden
und Solbakken behilflich wären?« -- »Nein,« meinte Guttorm, »dagegen
kann er wohl nichts einzuwenden haben,« und er sah seine Frau ernsthaft
an. Diese gab dem Gespräch eine andre Wendung: »Es sind viele Leute
heute zur Kirche gekommen,« sagte sie; »es tut einem wohl, zu sehn,
wie die das Haus Gottes aufsuchen.« -- Niemand schien hierauf etwas
erwidern zu wollen; da sagte Guttorm: »Ich glaube wirklich, es nimmt zu
mit der Gottesfurcht, es gehn jetzt mehr Leute zur Kirche als in meiner
Jugend.« -- »Ach ja -- die Menschen vermehren sich,« sagte Sämund. --
»Es sind wohl viele unter ihnen, vielleicht der größte Teil, die nur
aus Gewohnheit kommen,« meinte Karen Solbakken. -- »Vielleicht die
Jüngern,« entgegnete Ingebjörg. -- »Die Jüngern wollen einander gern
treffen,« sagte Sämund. -- »Habt ihr gehört, daß der Pfarrer von hier
fort will?« fragte Karen und gab dem Gespräch zum zweitenmal eine andre
Wendung. -- »Das tut mir leid,« sagte Ingebjörg; »er hat alle meine
Kinder getauft und auch konfirmiert.« -- »Und nun möchtest du wohl, daß
er sie auch traute?« sagte Sämund und kaute auf einem Stück Holz, das
er aufgenommen hatte. -- »Es wundert mich, daß die Kirche immer noch
nicht beginnt,« sagte Karen und sah nach dem Eingang hinüber. -- »Ja,
es ist heute heiß hier draußen,« bemerkte Sämund und lächelte abermals.
-- »Komm jetzt, Synnöve, wir wollen hineingehn.« -- Synnöve fuhr
zusammen und wandte sich um, denn sie hatte mit Thorbjörn geredet. --
»Willst du nicht warten, bis es geläutet hat?« sagte Ingrid Granliden
und sah zu Synnöve hinüber. -- »Dann gehn wir alle miteinander,« fügte
Ingebjörg hinzu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte.
Sämund sah über den Rücken zu ihr hinüber: »Wenn du nur warten willst,
dann läutet es bald -- für dich,« sagte er. Synnöve wurde dunkelrot,
die Mutter sah ihn ärgerlich an. Er aber lächelte ihr zu: »Es kommt
alles so, wie Gott es will, sagtest du das nicht vorhin selber?« Und er
schritt allen voran auf die Kirche zu, die andern folgten ihm.
An der Kirchentür war großes Gedränge, und als sie näher zusahn,
war sie noch nicht geöffnet. Gerade als sie näher herangingen, um
nach der Ursache zu fragen, wurde sie geöffnet, und die Leute gingen
hinein; einige aber kamen auch wieder zurück, wodurch die Ankommenden
voneinander getrennt wurden. An die Wand gelehnt standen zwei Männer
und sprachen miteinander; der eine groß und stark mit blondem, ein
wenig struppigem Haar und einer Stulpnase, und das war Knud Nordhaug.
Als er die Leute von Granliden kommen sah, hörte er auf zu sprechen,
wurde ein wenig verlegen, blieb aber trotzdem stehn. Sämund mußte nun
gerade an ihm vorüber, er sah ihn scharf an, Knud schlug aber seine
Augen nicht zu Boden, wenn auch sein Blick nicht ganz sicher war.
Nun kam Synnöve, und als sie Knud so unerwartet erblickte, wurde sie
leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und richtete sich von der
Wand auf, um zu gehn. Er hatte nur ein paar Schritte gemacht, da sah
er vier Gesichter auf sich gerichtet, Guttorms, Karens, Ingrids und
Thorbjörns. Verwirrt wie er war, ging er gerade auf sie zu, so daß er,
ohne es selber zu wissen, bald von Angesicht zu Angesicht mit Thorbjörn
selber stand; es schien, als wolle er sich sofort zurückziehn, aber
es waren mehr Leute herzugekommen, und es ließ sich nicht so leicht
bewerkstelligen. Dies trug sich gerade auf der Fliesenplatte zu, die
vor der Fagerlidkirche liegt; oben auf der Schwelle zum Waffenhause
war Synnöve stehngeblieben, während Sämund etwas weiter hinein stand;
sie konnten, da sie höher standen, deutlich von allen draußen gesehn
werden, wie auch sie alle sehn konnten. Synnöve hatte alles um sich her
vergessen und stand da und starrte Thorbjörn an; dasselbe taten Sämund,
seine Frau, die Leute aus Solbakken und Ingrid. Thorbjörn fühlte das
und stand wie festgenagelt; Knud aber fühlte, daß er hier etwas tun
müsse, und so streckte er denn die eine Hand ein wenig vor, sagte aber
nichts. Thorbjörn streckte die seine ebenfalls ein wenig vor, jedoch
nicht weit genug, daß sie einander hätten berühren können. »Hab Dank
für --«, begann Knud, besann sich jedoch, daß das hier kein richtiger
Gruß sei, und wich einen Schritt zurück. Thorbjörn sah auf, und sein
Auge traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen langen Schritt
vorwärts, faßte Knuds Hand mit einem kräftigen Griff und sagte so
laut, daß die Zunächststehenden es hören konnten: »Hab Dank für das
letztemal, Knud! Vielleicht ist es für uns beide -- gut gewesen.«
Knud gab einen Laut von sich, der ungefähr wie ein Schlucken klang, und
es sah aus, als nähme er mehrmals einen Anlauf zum Sprechen, aber es
kam nicht dazu. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen, er wartete -- sah
nicht auf, sondern wartete nur. Es fiel indes kein Wort, und als nun
Thorbjörn dastand und sein Gesangbuch in der Hand hin und her drehte,
ließ er es unversehens fallen. Sofort beugte sich Knud hinab, nahm
es auf und reichte es ihm. »Danke,« sagte Thorbjörn, der sich selbst
hinabgebeugt hatte; er sah auf, da aber Knud wieder niedersah, dachte
Thorbjörn, es ist wohl am besten, wenn ich gehe. Und so ging er denn.
Die andern gingen auch, und als Thorbjörn sich gesetzt hatte und nach
einer Weile nach dem Frauenstuhl hinübersah, begegnete er Ingebjörgs
Gesicht, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken hatte
offenbar erwartet, daß er hinübersehn würde, denn in demselben
Augenblick, als er das tat, nickte sie ihm dreimal zu, und als er
darüber staunte, nickte sie noch dreimal, und zwar noch freundlicher
als vorhin. Sämund, sein Vater, flüsterte ihm ins Ohr: »Das hatte ich
mir gedacht.« -- Sie hatten das Einleitungsgebet gehört und einen
Gesang gesungen, jetzt stellten sich schon die Konfirmanden auf, als er
ihm nochmals zuflüsterte: »Aber Knud wird es schwer, gut zu sein; laß
es immer weit von Granliden bis Nordhaug sein.«
Die Konfirmation nahm ihren Anfang, der Geistliche trat vor, und
die Kinder stimmten das Konfirmationslied von Kingo an. Sie alle auf
einmal und allein so zuversichtlich singen zu hören -- das pflegt die
Leute zu ergreifen, namentlich die noch nicht so weit gekommen sind,
daß sie sich ihres eignen Konfirmationstages nicht mehr erinnern.
Wenn dann eine tiefe Stille folgt und der Geistliche, seit mehr als
zwanzig Jahren ist es derselbe, derselbe, der wohl in einer stillen
Stunde jedem einzelnen von ihnen einmal zum Guten geredet hat -- wenn
er nun die Hände über der Brust faltet und zu reden beginnt, so ist
die Bewegung am höchsten. Die Kinder aber fangen an zu weinen, wenn
der Pfarrer sich zu den Eltern wendet und sie auffordert, zu Gott für
ihre Kinder zu beten. Thorbjörn, der noch vor kurzem dem Tode nahe
gewesen war, und der dann später geglaubt hatte, er würde zeitlebens
ein Krüppel bleiben, weinte viel, besonders aber als die Kinder ihr
Gelöbnis ablegten und alle so fest überzeugt waren, daß sie es halten
würden. Er sah nicht ein einziges Mal zum Frauenstuhl hinüber; aber
nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid, seiner Schwester, hinüber und
flüsterte ihr etwas zu, worauf er sich schnell durch die Menge und
hinausdrängte -- einige wollten wissen, er sei, statt die Landstraße
einzuschlagen, am Bergesabhang entlang in den Wald hinaufgegangen; aber
sie waren sich dessen nicht sicher. Sämund suchte nach ihm, gab es aber
auf, als er sah, daß auch Ingrid verschwunden war. Er sah sich dann
nach den Leuten von Solbakken um; diese liefen über den ganzen Friedhof
und fragten nach Synnöve, von der niemand etwas gesehn hatte. Da zogen
sie heim -- jedes Paar für sich, und ohne ihre Kinder.
Weit voran auf dem Wege aber waren Synnöve und Ingrid. »Ich bereue
es fast, daß ich mitgekommen bin,« sagte die erste. -- »Es ist jetzt
nichts Unrechtes mehr, seit der Vater darum weiß,« entgegnete die
andre. -- »Aber er ist doch nicht +mein+ Vater,« sagte Synnöve. --
»Wer weiß?« erwiderte Ingrid, und dann wurde über die Sache nicht mehr
gesprochen. -- »Ich glaube, es war hier, wo wir warten sollten,« sagte
Ingrid, als der Weg eine große Biegung gemacht hatte und sie in einem
dichten Walde standen. -- »Er hat einen langen Umweg,« sagte Synnöve.
-- »Aber er ist schon da!« fiel Thorbjörn ein, der sich hinter einem
großen Stein aufrichtete.
Er hatte sich im Kopfe alles zurechtgelegt, was er sagen wollte, und
das war nicht wenig. Aber heute sollte es flott damit gehn, denn sein
Vater wußte darum und wollte es, dessen glaubte er sicher zu sein nach
dem, was vor der Kirche geschehn war. Und dann hatte er sich den ganzen
Sommer so schrecklich gesehnt, da mußte es ihm doch jetzt leichter
werden, mit ihr zu reden, als es bisher gewesen war. »Es ist am besten,
wenn wir den Waldweg einschlagen,« sagte er, »der führt schneller
vorwärts.« Die Mädchen sagten nichts, folgten ihm aber. Thorbjörn
wollte mit Synnöve reden, meinte aber, es sei besser, zu warten, bis
sie den Hügel erklommen hatten, und dann, bis sie an dem Sumpfe vorbei
wären; als das alles aber glücklich überstanden war, meinte er, es
sei das richtigste, anzufangen, sobald sie etwas weiter in den Wald
hineingekommen wären. Ingrid, die offenbar der Ansicht war, daß es
reichlich langsam mit ihnen ging, begann ihren Gang zu hemmen und blieb
mehr und mehr zurück, bis sie fast nicht mehr zu sehn war. Synnöve
tat, als merke sie es nicht, sondern begann hie und da eine Beere zu
pflücken, die am Wegesrande stand.
›Es wäre doch merkwürdig, wenn ich nicht mit der Sprache herauskäme,‹
dachte Thorbjörn, und dann begann er: »Es ist doch heute noch schönes
Wetter geworden.« -- »Ja, das ist es geworden,« antwortete Synnöve.
Und dann ging es wieder eine Strecke weiter; sie pflückte Beeren,
und er ging neben ihr. -- »Es war hübsch von dir, daß du mitkamst,«
sagte er; darauf erwiderte sie aber nichts. -- »Das ist ein langer
Sommer gewesen,« sagte er, aber auch darauf erwiderte sie nichts. --
›Nein, solange wir gehn, kommen wir doch nicht zur Aussprache,‹ dachte
Thorbjörn. »Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir ein wenig auf
Ingrid warten,« sagte er. -- »Ja, laß uns das tun,« sagte Synnöve und
blieb stehn; hier waren keine Beeren, nach denen sie sich hätte bücken
können, das hatte Thorbjörn sehr wohl gesehn; Synnöve aber hatte sich
einen langen Grashalm gepflückt und stand nun da und zog die Beeren auf
den Halm.
»Heute mußte ich so viel an die Zeit denken, als wir zusammen zum
Konfirmationsunterricht gingen,« sagte er. -- »Ich mußte auch daran
denken,« erwiderte sie. -- »Es hat sich vielerlei seitdem ereignet«
-- und als sie nichts sagte, fuhr er fort: »Das meiste ist aber so
gekommen, wie wir es nicht erwartet hatten!« -- Synnöve zog ihre Beeren
noch immer fleißig auf den Halm und hielt den Kopf bei der Arbeit
geneigt; er rückte ein wenig beiseite, um ihr ins Gesicht zu sehn; aber
als ob sie seine Absicht bemerkt hätte, wußte sie es so zu machen, daß
sie sich nach der andern Seite wenden mußte. Da überkam ihn fast die
Angst, daß er nichts herausbringen würde. -- »Synnöve, du hast mir doch
auch wohl ein wenig zu sagen?« Da sah sie auf und lachte: »Was soll ich
sagen?« fragte sie. Da kehrte ihm der Mut zurück, er wollte sie um die
Taille fassen, aber als er ganz nahe an sie herangekommen war, wagte
er es nicht recht, sondern fragte nur ganz kleinmütig: »Ingrid hat
wohl mit dir gesprochen?« -- »Ja,« antwortete sie. -- »Dann weißt du
also etwas,« sagte er. -- Sie schwieg. -- »Dann weißt du also etwas,«
wiederholte er noch einmal und kam ihr noch einen Schritt näher. --
»Du weißt wohl auch etwas?« erwiderte sie -- das Gesicht konnte er
nicht sehn. -- »Ja!« sagte er und wollte eine ihrer Hände ergreifen;
aber sie war jetzt fleißiger als die ganze Zeit zuvor. -- »Es ist so
unangenehm,« sagte er, »daß du mir allen Mut raubst.« -- Er konnte
nicht sehn, ob sie dazu lächelte, und deswegen wußte er nicht, was er
weiter sagen sollte. -- »Kurz und gut!« rief er plötzlich mit lauter,
wenn auch ein wenig unsichrer Stimme, »was hast du mit dem Zettel
gemacht?« Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab. Er ging ihr
nach, legte die eine Hand auf ihre Schulter und beugte sich über sie.
-- »Antworte mir!« flüsterte er. -- -- »Ich habe ihn verbrannt!«
Rasch umfaßte er sie und wandte sie zu sich herum, da aber sah er, daß
sie dem Weinen nahe war, und nun verlor er den Mut und ließ sie los.
-- ›Es ist doch auch schlimm, daß sie immer gleich anfängt zu weinen,‹
dachte er. Als sie noch so dastanden, sagte sie leise: »Weshalb hast
du den Zettel geschrieben?« -- »Das hat Ingrid dir ja gesagt!« --
»Freilich, aber -- es war grausam von dir.« -- »Der Vater verlangte
es --« -- »Trotzdem --« -- »Er glaubte, daß ich mein Leben lang ein
Krüppel bleiben würde; von jetzt an werde ich für dich sorgen, sagte
er.«
Ingrid wurde unten am Hügel sichtbar, und nun begannen sie sofort
wieder zu gehn. -- »Es war mir, als sähe ich dich am deutlichsten vor
mir, als ich glaubte, daß ich dich nie mehr bekommen würde,« sagte er.
-- »Man prüft sich selber, wenn man allein ist,« sagte sie. -- »Ja, da
fühlt man deutlich, wer die größte Macht über uns hat,« sagte Thorbjörn
mit klarer Stimme und schritt ernsthaft neben ihr her.
Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. -- »Willst du sie haben?« fragte
sie und reichte ihm den Grashalm. -- »Danke!« sagte er und hielt die
Hand fest, die ihm die Beeren reichte. -- »Dann ist es wohl am besten,
wenn alles beim alten bleibt,« sagte er mit leise bebender Stimme.
-- »Ja,« flüsterte sie kaum hörbar und wandte sich ab. Sie gingen
weiter, und solange sie schwieg, wagte er nicht, sie zu berühren
oder zu sprechen; aber es war ihm, als habe sein Körper alle Schwere
verloren, und er war deswegen nahe daran, zu träumen. Es flimmerte
ihm vor den Augen, und als sie jetzt an einen Hügel kamen, von wo aus
man Solbakken deutlich sehn konnte, war es ihm, als habe er dort sein
ganzes Leben lang gewohnt, als sehne er sich jetzt dahin zurück. --
›Ich will sie nur gleich hinüberbegleiten,‹ dachte er und schöpfte Mut
aus dem Anblick, den er vor sich hatte, so daß er mit jedem Schritt in
seinem Vorsatz fester wurde. -- ›Der Vater hilft mir,‹ dachte er; ›ich
halte dies nicht länger aus, ich muß hinüber -- ich muß!‹ -- Und er
ging schneller und schneller, sah nur gerade vor sich hin. Das Tal und
das Gehöft lagen sonnenüberflutet da. -- ›Ja, heute! Nicht eine Stunde
länger will ich warten‹ -- und er fühlte sich so stark, daß er nicht
wußte, wohin er sich wenden sollte.
»Du läufst mir ja ganz fort,« hörte er eine sanfte Stimme hinter sich;
es war Synnöve, die ihm kaum folgen konnte und es nun aufgeben mußte.
Er wandte sich beschämt um, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und
dachte: ›Ich will sie hoch über meinen Kopf heben‹; als er aber nahe an
sie herangekommen war, tat er es doch nicht. -- »Ich gehe so schnell,
ich,« sagte er. -- »Ja, das tust du,« erwiderte sie.
Sie waren jetzt nahe an der Landstraße; Ingrid, die die ganze Zeit
nicht zu sehn gewesen war, ging jetzt dicht hinter ihnen. -- »Jetzt
solltet ihr nicht länger zusammen gehn,« sagte sie. Thorbjörn zuckte
zusammen, es kam ihm zu früh; auch Synnöve wurde es ganz wunderlich
zumute. -- »Ich hatte noch so viel, was ich dir sagen wollte,«
flüsterte Thorbjörn. Sie mußte lächeln. -- »Nun ja,« sagte er, »ein
andermal.« Er nahm ihre Hand.
Sie sah mit einem klaren, innigen Blick zu ihm auf; es wurde ihm warm
dabei, und es fuhr ihm durch den Kopf: Ich gehe sofort mit ihr! Da aber
zog sie ihre Hand leise zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid und sagte
ihr Lebewohl; dann ging sie langsam bergab, der Landstraße zu. Er blieb
zurück.
Die beiden Geschwister gingen durch den Wald heim. »Habt ihr euch denn
jetzt ausgesprochen?« fragte Ingrid. -- »Nein, der Weg war zu kurz,«
sagte er und beschleunigte seinen Schritt, als wolle er nicht mehr
davon hören.
»Nun?« fragte Sämund und sah vom Tische auf, als die beiden Geschwister
in die Stube traten. Thorbjörn erwiderte nichts, sondern ging zu der
Bank auf der andern Seite, offenbar um seinen Rock auszuziehn; Ingrid
folgte ihm und lächelte. Sämund fing wieder an zu essen; von Zeit zu
Zeit sah er zu Thorbjörn hinüber, der sehr beschäftigt zu sein schien,
lächelte und aß weiter. -- »Komm und iß,« sagte er; »das Essen wird
kalt.« -- »Danke, ich will nicht essen,« sagte Thorbjörn und setzte
sich. -- »So?« -- und Sämund aß weiter. Nach einer Weile sagte er: »Ihr
hattet es ja heute nach der Kirche sehr eilig!« -- »Da war jemand, mit
dem wir noch reden wollten,« sagte Thorbjörn und hockte auf die Bank
nieder. -- »Nun -- hast du denn mit ihm gesprochen?« -- »Ich weiß nicht
recht,« entgegnete Thorbjörn. -- »Das ist doch des Teufels,« sagte
Sämund und aß weiter. Bald darauf war er fertig und stand auf. Er trat
an das Fenster, blieb dort eine Weile stehn und sah hinaus, dann wandte
er sich um: »Du, wir wollen hinausgehn und uns nach der Ernte umsehn.«
-- Thorbjörn erhob sich. -- »Nein, zieh nur lieber etwas an.« --
Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dasaß, zog eine alte Jacke an, die über
ihm an der Wand hing. -- »Du siehst doch, daß ich die neue angezogen
habe,« sagte Sämund. Thorbjörn tat desgleichen, und sie gingen hinaus,
Sämund voran, Thorbjörn hinterdrein.
Sie gingen nach der Landstraße hinab. -- »Wollen wir nicht nach der
Gerste hingehn?« fragte Thorbjörn. -- »Nein, wir wollen zu dem Weizen
hinübergehn,« sagte Sämund. Gerade als sie auf die Landstraße einbogen,
kam ein Wagen langsam dahergefahren. -- »Das ist ein Nordhauger
Fuhrwerk,« sagte Sämund. -- »Das sind die jungen Leute aus Nordhaug,«
versetzte Thorbjörn; die »jungen Leute« bedeutet aber soviel wie die
Neuvermählten.
Der Wagen hielt, als er in die Nähe der Granlider gekommen war. --
»Wirklich ein stolzes Frauenzimmer, diese Marit Nordhaug!« flüsterte
Sämund und konnte den Blick nicht von ihr abwenden; sie saß ein wenig
zurückgelehnt im Wagen, hatte ein Tuch lose über den Kopf gebunden und
ein zweites um sich. Sie sah die beiden mit starrem Blick an; nichts
bewegte sich in ihren reinen, kräftigen Zügen. Der Mann war sehr bleich
und mager, er sah noch sanfter aus als sonst, wie jemand, der einen
Kummer hat, über den er nicht reden kann. -- »Ihr Leute wollt wohl
das Korn ansehn?« fragte er. -- »Wills glauben,« entgegnete Sämund.
-- »Es steht gut in diesem Jahr!« -- »Ach ja -- es hätte schlechter
sein können.« -- »Ihr kommt spät,« sagte Thorbjörn. -- »Da waren so
viele Frauenzimmer, von denen ich Abschied nehmen mußte,« sagte der
Mann. -- »Wie -- willst du verreisen?« fragte Sämund. -- »Ja, das will
ich.« -- »Geht die Reise weit?« -- »Ach -- ja!« -- »Wohin willst du
denn?« -- »Nach Amerika!« -- »Nach Amerika!« riefen beide Männer wie
aus einem Munde -- »ein jungvermählter Mann!« fügte Sämund hinzu. Der
Mann lächelte: »Ich denke, ich bleibe der Nahrung wegen hier, sagte der
Fuchs, da saß er im Fangeisen fest.« -- Marit sah erst ihn und dann die
andern an, eine leichte Röte huschte über ihr Antlitz, das aber sonst
unverändert blieb. -- »Deine Frau reist wohl mit?« fragte Sämund. --
»Nein, das tut sie eben nicht.« -- »Man sagt, es soll leicht sein, in
Amerika zu Reichtum zu gelangen,« sagte Thorbjörn, er hatte das Gefühl,
daß die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten dürfe. -- »Ach -- ja,«
erwiderte der Mann. -- »Aber Nordhaug ist ein schönes Gut,« meinte
Sämund. -- »Es sind zu viele da,« erwiderte der Mann. Die Frau sah ihn
abermals an. -- »Der eine steht dem andern im Wege,« fügte er hinzu.
»Nun denn, glückliche Reise!« sagte Sämund und reichte ihm die Hand.
»Gott gebe dir das, was du suchst!«
Thorbjörn sah seinem Schulkameraden scharf ins Auge: »Ich muß noch
einmal mit dir sprechen,« sagte er. -- »Es tut einem gut, wenn man mit
jemand sprechen kann,« entgegnete der Mann und kratzte mit der Peitsche
auf den Boden des Wagens.
»Komm zu uns herüber,« sagte Marit, und Thorbjörn wie auch Sämund sahn
erstaunt auf: sie vergaßen immer, daß Marit eine so sanfte Stimme hatte.
Sie fuhren weiter; es ging langsam vorwärts, eine leichte Staubwolke
wirbelte hinter ihnen auf, die Abendsonne fiel voll auf sie herab;
gegen seine dunkeln Frieskleider hob sich ihr seidnes Tuch hell ab --
dann kam ein Hügel, und sie verschwanden.
Vater und Sohn schritten lange schweigend dahin. -- »Es ahnt mir, daß
es lange währen wird, ehe er heimkehrt,« sagte Thorbjörn endlich.
-- »Es ist auch wohl so am besten,« meinte Sämund, »wenn man das
Glück nicht im eignen Lande findet« -- und dann schritten sie wieder
schweigend dahin. -- »Du gehst ja an dem Weizenacker vorüber,« sagte
Thorbjörn. -- »Wir können ihn auf dem Rückwege besehn!« -- Und sie
gingen weiter. Thorbjörn wollte nicht gern fragen, wohin es gehn
sollte, denn jetzt hatten sie die Granlider Feldmark überschritten.
9
Guttorm und Karen Solbakken hatten schon gegessen, als Synnöve rot und
außer Atem eintrat. »Aber mein liebes Kind, wo bist du nur gewesen?«
fragte die Mutter. -- »Ich blieb mit Ingrid zurück,« sagte Synnöve und
blieb stehn, um ein paar Tücher abzulegen; der Vater suchte im Schrank
nach einem Buche. -- »Was hattet ihr beiden euch denn zu erzählen, daß
es so lange dauerte?« -- »Ach, nichts Besondres!« -- »Dann wäre es doch
sicher besser gewesen, du hättest dich zu den Kirchgängern gehalten,
mein Kind!« -- Sie erhob sich und setzte ihr zu essen hin. Als sich
Synnöve zum Essen niedergesetzt und die Mutter ihr gerade gegenüber
Platz genommen hatte, sagte sie: »Waren da etwa noch andre, mit
denen du gesprochen hast?« -- »Ja, da waren noch viele andre,« sagte
Synnöve. -- »Aber das Kind darf doch wohl mit den Leuten reden,« sagte
jetzt Guttorm. -- »Freilich darf sie das,« sagte die Mutter ein wenig
freundlicher; »aber sie hätte sich doch zu ihren Eltern halten müssen.«
-- Hierauf wurde nichts erwidert.
»Das war ein gesegneter Kirchtag,« sagte die Mutter; »es tut einem
gut, die Jugend vor dem Altare zu sehn.« -- »Man denkt an seine eignen
Kinder,« sagte Guttorm. -- »Darin hast du recht,« versetzte die
Mutter und seufzte, »niemand kann wissen, wie es ihnen ergehn wird.«
-- Guttorm saß lange schweigend da. -- »Wir haben Gott für vieles zu
danken,« sagte er endlich; »er hat uns ein Kind behalten lassen.« --
Die Mutter saß da und zog mit dem Finger über den Tisch; sie sah nicht
auf. -- »Sie ist doch unsre größte Freude,« sagte sie leise; »sie ist
auch gut geartet,« fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange
Pause. -- »Ja, sie hat uns viel Freude gemacht,« sagte Guttorm, und mit
weicher Stimme fuhr er nach einer Weile fort: »Der liebe Gott mache sie
glücklich!« -- Die Mutter fuhr wieder mit dem Finger über den Tisch, es
fiel eine Träne darauf, die sie wegwischte. -- »Warum ißt du nicht?«
sagte der Vater, als er nach einer Weile aufblickte. -- »Danke, ich bin
satt,« antwortete Synnöve. -- »Aber du hast ja gar nichts gegessen!«
sagte nun auch die Mutter; »du hast einen weiten Weg gemacht.« --
»Ich kann nicht essen,« erwiderte Synnöve und zog einen Zipfel ihres
Busentuches heraus. -- »Iß, mein Kind!« sagte der Vater. -- »Ich kann
wirklich nicht,« erwiderte Synnöve und fing an zu weinen. -- »Aber
liebes Kind, weshalb weinst du denn?« -- »Ich weiß es nicht!« und sie
schluchzte. -- »Sie weint so leicht!« sagte die Mutter. Der Vater erhob
sich und trat ans Fenster.
»Da kommen zwei Männer den Weg herauf,« sagte er. -- »So? Um diese
Zeit?« fragte die Mutter, und nun trat auch sie an das Fenster. Sie
schauten lange hinab. -- »Lieber, wer mag das sein?« sagte schließlich
Karen, aber es klang nicht wie eine Frage. »Ich weiß es nicht,«
erwiderte Guttorm, und sie standen da und schauten hinaus. -- »Ich kann
das nicht recht verstehn,« sagte sie. -- »Ich auch nicht,« meinte er.
Die Männer kamen näher heran. -- »Sie müssen es doch sein,« sagte sie
endlich. -- »Ja, es wird wohl so sein,« versetzte Guttorm. Die Männer
kamen immer näher heran, der ältere blieb stehn und schaute zurück, der
jüngere ebenfalls; dann gingen sie weiter.
»Hast du eine Ahnung, was sie wollen mögen?« fragte Karen in demselben
Ton wie vorhin. -- »Nein, ich habe keine,« erwiderte Guttorm. Die
Mutter wandte sich ab, trat an den Tisch, trug ab und räumte ein wenig
auf. -- »Du mußt dich wieder anziehn, Kind,« sagte sie zu Synnöve,
»denn es kommen Fremde hierher.«