Kaum hatte sie das gesagt, als Sämund die Tür öffnete und hereinkam,

Thorbjörn folgte ihm. -- »Gesegnetes Beisammensein,« sagte Sämund,

blieb einen Augenblick an der Tür stehn und ging dann sachte vor, um

die Anwesenden zu begrüßen. Thorbjörn ging hinter ihm drein. Zuletzt

kamen sie zu Synnöve, die noch hinten in einer Ecke mit ihrem Tuch in

der Hand dastand und nicht wußte, ob sie es umbinden solle oder nicht;

sie wußte wohl kaum, daß sie es in der Hand hielt. -- »Ihr müßt zusehn,

wie ihr einen Platz zum Sitzen findet,« sagte die Frau. -- »Danke, es

ist übrigens kein weiter Weg bis hierher,« sagte Sämund, setzte sich

aber doch; Thorbjörn nahm neben ihm Platz. -- »Ihr wart heute gleich

weg nach der Kirche,« sagte Karen. -- »Ja, ich habe nach euch gesucht,«

entgegnete Sämund. -- »Es waren viele Leute da,« sagte Guttorm. --

»Ja, es waren sehr viele Leute da,« wiederholte Sämund; »es war auch

ein schöner Kirchtag.« -- »Ja, wir sprechen eben auch davon,« sagte

Karen. -- »Es ist so wunderlich, einer Konfirmation beizuwohnen, wenn

man selber Kinder hat,« fügte Guttorm hinzu; seine Frau setzte sich auf

die Bank. -- »Das ist so,« sagte Sämund; »man wird veranlaßt, ernstlich

über sie nachzudenken -- und gerade das ist der Grund, weswegen ich

heute abend noch hierhergeschlendert bin,« setzte er hinzu, sah sich

zuversichtlich um, nahm ein neues Stück Kautabak und legte das alte

sorgfältig in die Messingdose. Guttorm, Karen, Thorbjörn, alle wichen

sich mit den Augen aus, jedes sah woanders hin. -- »Ich dachte, ich

wollte Thorbjörn nur lieber hierherbegleiten,« begann Sämund langsam;

»allein wäre er wohl schwerlich so bald herübergekommen; auch fürchtete

ich, er führe seine Sache nicht zum besten.« -- Er sah Synnöve von der

Seite an; sie fühlte seinen Blick. -- »Es verhält sich nämlich so, daß

er, seit er alt genug geworden war, daß er Verstand für so etwas hatte,

sein ganzes Sinnen auf Synnöve gerichtet hat -- und auch sie kann wohl

nicht leugnen, daß sie ihm ihr Herz zugewandt hat. Aber da denke ich,

es ist am besten, die beiden kriegen sich. -- Ich war nicht sehr dafür,

solange ich sah, daß er sich kaum selber regieren konnte, geschweige

denn andre; aber jetzt, glaube ich, kann ich für ihn bürgen, und

wenn ich es nicht kann, so kann sie es; denn sie hat jetzt doch wohl

die größte Macht über ihn. -- Was denkt ihr darüber, wollen wir sie

zusammengeben? Es hat wohl noch keine Eile, aber ich weiß auch nicht,

weshalb wir warten sollten. Du, Guttorm, bist in guten Verhältnissen,

ich habe freilich nicht so viel und habe mehrere, unter die ich teilen

muß, aber trotzdem denke ich, daß es sich machen läßt. Ihr müßt nun

sagen, wie ihr hierüber denkt -- sie frage ich zuletzt, denn ich glaube

zu wissen, was sie will.«

So sprach Sämund. Guttorm saß zusammengesunken da -- legte abwechselnd

die eine Hand über die andre, machte mehrmals Miene aufzustehn, indem

er jedesmal tiefer aufatmete; es gelang ihm aber erst beim vierten oder

fünften Mal, da erst bekam er den Rücken gerade, strich sich mehrmals

über das Knie und sah zu seiner Frau hinüber, doch so, daß sein Blick

von Zeit zu Zeit Synnöve streifte. Diese rührte sich nicht, niemand

konnte ihr Gesicht sehn. Karen saß am Tisch und strich mit dem Finger

darüber hin. »Die Sache liegt ja so -- daß dies ein gutes Anerbieten

ist,« sagte sie. -- »Ja, ich meine, wir müssen es mit Dank annehmen,«

sagte Guttorm mit lauter Stimme, als fühle er sich sehr erleichtert,

und sah von seiner Frau zu Sämund hinüber, der seine Arme gekreuzt und

sich an die Wand gelehnt hatte. -- »Wir haben nur diese eine Tochter,«

sagte Karen, »wir müssen uns die Sache bedenken.« -- »Dafür wird es

Rat geben,« sagte Sämund, »aber ich wüßte nicht, was dich verhindern

sollte, gleich zu antworten, sagte der Bär, als er den Bauern fragte,

ob er seine Kuh bekommen könne.« -- »Wir können wohl sofort antworten,«

erwiderte Guttorm und sah zu seiner Frau hinüber. -- »Es ist nur das

eine zu bedenken, daß Thorbjörn ein wenig wild sein möchte,« sagte

sie, aber ohne aufzusehn. -- »Ich glaube, das hat sich geändert,«

entgegnete Guttorm; »du weißt selber, was du heute gesagt hast.« --

-- Die Eheleute sahn nun eins das andre an; das mochte wohl eine

ganze Minute währen. -- »Wenn wir uns nur auf ihn verlassen könnten!«

sagte sie. -- »Ja,« nahm nun Sämund abermals das Wort, »was den Punkt

betrifft, so muß ich wiederholen, was ich vorhin gesagt habe; die Fuhre

wird gut gehn, wenn sie die Zügel führt. Es ist erstaunlich, was für

eine Macht sie über ihn hat; das merkte ich damals, als er daheim bei

mir krank lag und nicht wußte, ob es zur Genesung ginge oder nicht.«

-- »Du mußt nicht so schwierig sein,« sagte Guttorm; »du weißt, was

sie selber will, und wir leben doch nur für sie!« -- Da sah Synnöve

zum erstenmal auf und sah den Vater innig und dankbar an. -- »Ach ja,«

sagte Karen nach kurzem Schweigen und fuhr ein wenig härter als bisher

über die Tischplatte; »habe ich so lange widerstanden, so geschah es

wohl, weil ich eine gute Absicht damit hatte. -- -- Ich war vielleicht

nicht so hart wie meine Worte« -- sie sah auf und lächelte, aber Tränen

traten ihr in die Augen. Da erhob sich Guttorm: »So ist denn in Gottes

Namen das geschehn, was mein liebster Wunsch hier auf dieser Welt

gewesen ist,« sagte er und ging durch das Zimmer zu Synnöve hinüber.

-- »Ich bin deswegen nie besorgt gewesen,« sagte Sämund und erhob

sich nun auch; »was zusammenkommen soll, kommt zusammen.« -- Er ging

auch hinüber. -- »Nun, was sagst denn du dazu, mein Kind?« fragte die

Mutter, die ebenfalls zu Synnöve herangetreten war.

Diese saß noch da; sie standen alle rings um sie herum, alle, mit

Ausnahme von Thorbjörn, der auf demselben Flecke saß, wo er sich zuerst

hingesetzt hatte. -- »Du mußt aufstehn, Kind,« flüsterte die Mutter ihr

zu. Sie erhob sich, lächelte, wandte sich ab und weinte. -- »Gott sei

mit dir jetzt und allezeit!« sagte die Mutter, schlang die Arme um sie

und weinte mit ihr. Die beiden Männer gingen durch das Zimmer, jeder

nach seinem Platz.

»Du muß zu ihm hingehn,« sagte die Mutter noch immer weinend, ließ sie

los und schob sie sanft vorwärts. Synnöve tat einen Schritt, blieb

aber stehn, weil sie nicht weiter zu gehn vermochte; Thorbjörn sprang

auf und ging auf sie zu, ergriff ihre Hand und hielt sie fest, wußte

nicht, was er weiter tun sollte, und blieb stehn, ihre Hand in der

seinen, bis sie sie ihm leise wieder entzog. Dann standen sie still und

schweigend nebeneinander da.

Die Tür wurde lautlos geöffnet, jemand steckte den Kopf herein. -- »Ist

Synnöve hier?« fragte eine schüchterne Stimme; es war Ingrid Granliden.

-- »Ja, sie ist hier; komm nur herein!« sagte der Vater. Ingrid zögerte

ein wenig. -- »Komm nur! hier ist alles in Ordnung!« fügte er hinzu.

Jetzt sahen alle sie an. Sie schien ein wenig verlegen zu sein; »es

ist noch jemand draußen,« sagte sie. -- »Wer ist das?« fragte Guttorm.

-- -- »Es ist die Mutter,« sagte sie leise. -- »Laß sie hereinkommen!«

riefen vier Stimmen auf einmal. -- -- Und die Frau auf Solbakken ging

auf die Tür zu, während die andern sich glücklich ansahn. -- »Du kannst

getrost hereinkommen, Mutter,« hörten sie Ingrid sagen. Und dann trat

Ingebjörg Granliden in ihrer weißen Haube herein. -- »Ich merkte es

wohl,« sagte sie, »obwohl Sämund nie etwas sagen kann; und da konnten

Ingrid und ich es nicht länger aushalten, wir mußten hierherkommen.« --

»Ja, hier ist alles so, wie du es haben willst,« sagte Sämund und trat

beiseite, damit sie zu ihnen herankommen könnte. -- »Gott segne dich,

daß du ihn zu dir hingezogen hast,« sagte sie zu Synnöve, umarmte sie

und streichelte sie; »du hast bis zum äußersten festgehalten, du, mein

Kind; es kam doch so, wie du wolltest.« -- Und sie streichelte ihr Haar

und Wangen, die Tränen rannen ihr über das Gesicht; sie achtete nicht

darauf, sondern trocknete nur sorgfältig Synnöves Tränen ab. -- »Ja,

es ist ein guter Junge, den du bekommst,« fuhr sie fort, »und nun bin

ich seinetwegen ohne Sorge!« -- und sie zog sie noch einmal an sich.

-- »Mutter weiß mehr in ihrer Küche als wir andern, die wir mitten

darinstehn,« sagte Sämund.

Das Weinen und die Erregung beruhigten sich allmählich. Die Hausfrau

fing an, an das Abendessen zu denken, und bat die kleine Ingrid, ihr

zu helfen, »denn Synnöve taugt heute abend zu nichts«. Und so machten

diese beiden sich daran, Sahnegrütze zu kochen. Die Männer vertieften

sich in ein Gespräch über die diesjährige Ernte und was es sonst gab.

Thorbjörn hatte sich abseits ans Fenster gesetzt, und Synnöve trat

lautlos zu ihm heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wonach

siehst du?« flüsterte sie. -- Er wandte den Kopf herum, sah sie lange

und zärtlich an und dann wieder hinaus. -- »Ich sehe nach Granliden

hinüber,« sagte er; »es ist so wunderbar, es von hier aus zu sehen!«

Druck der Piererschen Hofbuchdruckerei, Altenburg.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 24: Guttrom → Guttorm

und der Vater {Guttorm} Solbakken hatte sein Ja dazu gesprochen

S. 32: Was → War

{War} das ein Kummer!

S. 34: icht → Nicht

{Nicht} mehr als andre wollen.

S. 88: Thorbjörns → Thorbjörn

zu Angesicht mit {Thorbjörn} selber stand

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Synnöve Solbakken: Erzählung · 第 8 / 8 段