Synnöve schlich leise auf den Socken die Treppe hinab; da aber zu

viele Gedanken auf sie einstürmten, machte sie unversehens Geräusch,

erschrak, eilte über die Flur, ergriff die Schuhe und lief, sie in der

Hand haltend, an den Wirtschaftsgebäuden vorüber, über die Felder, bis

an das Zauntor; dort hielt sie inne, zog die Schuhe an und begann nun

eiligen Schrittes bergan zu gehn, denn ihr Blut war in Wallung geraten.

Sie schritt dahin, summte eine Melodie, ging schneller und schneller,

bis sie zuletzt müde wurde und sich setzen mußte. Da erinnerte sie sich

des Zettels. -- --

Als der Hirtenhund am nächsten Morgen Lärm machte, als die Jungen

erwachten und die Kühe gemolken und hinausgelassen werden sollten, war

Synnöve noch nicht zurückgekehrt.

Während die Hirtenjungen noch dastanden und sich wunderten, wo sie wohl

sein könnte, und herausfanden, daß sie die ganze Nacht nicht zu Bette

gewesen war -- da erschien Synnöve.

Sie war sehr blaß und still. Ohne ein Wort zu sagen, begann sie die

Mahlzeit für die Hirtenjungen zu bereiten, packte ihnen Mundvorrat ein

und half ihnen dann beim Melken.

Der Nebel hing noch schwer über den niedrigen Bergrücken, das

Heidekraut auf der braunroten Weide glitzerte vom Morgentau, es war

ziemlich kalt, und wenn der Hund bellte, hallte es von allen Seiten

wider. Die Kühe wurden herausgelassen, sie brüllten in der frischen

Luft, und eine nach der andern ging den Fußsteg entlang; dort aber saß

der Hund schon, nahm sie in Empfang und hielt sie zurück, bis alle

herausgekommen waren, worauf auch er sie durchließ; das Schellengeläute

tönte über den Bergrücken hin, der Hund bellte so, daß es durch das

Läuten drang, die Jungen versuchten, wer am lautesten jodeln könnte.

Von all diesem Lärm wandte sich Synnöve ab und ging nach der Stelle

auf der Alm, wo Ingrid und sie zu sitzen pflegten. Sie weinte nicht,

still saß sie da und starrte vor sich hin und vernahm nur von Zeit

zu Zeit das lebensfrohe Geräusch, das sich immer mehr entfernte und

harmonischer ineinanderfloß, je größer die Entfernung wurde. Währenddes

fing sie an, eine Melodie leise vor sich hin zu summen, dann sang sie

ein wenig lauter, und schließlich erscholl mit klarer, lauter Stimme

folgendes Lied. Sie hatte es einem andern nachgebildet, das sie von

Kindheit an gekannt hatte.

»Nun habe Dank für alles, seit wir klein

Zu frohem Spiele reichten uns die Hände,

Ich dachte mir, so sollt es immer sein,

Ja, bis an unsrer Tage Ende.

Ich hoffte, daß vom Birkenbaum hinaus,

Dem schimmernden, das frohe Spiel uns führe

Bis in das sonnig helle Vaterhaus

Und zu des roten Kirchleins Türe.

Ich saß und schaute nach dem grünen Tann

Und wartete in vielen Abendstunden,

Doch Schatten schlich den dunkeln Berg hinan,

Und nie hast du den Weg gefunden.

Ich saß und wartete und hoffte noch:

Ja, morgen findet er den Weg herüber.

Und es erlosch die schwache Flamme doch,

Es kam der Tag und ging vorüber.

Das arme Auge, vom gewohnten Ziel

Wird es ihm schwer, für immer sich zu trennen;

Ach auf kein andres je der Blick noch fiel,

Heiß fühl ichs unterm Lide brennen!

Ihr meint, ich fände Trost an +einem+ Ort:

Das Kirchlein ist es an der Bergesleite.

O schweigt! wie fände ich wohl Ruhe dort:

Da sitzet er mir ja zur Seite!

Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah

Die Höfe setzte, einen bei dem andern,

Wer unserm Blicke wies die Straße da

Und ihm erlaubte, sie zu wandern.

Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah

Des Kirchleins Stühle fügte wie zum Paare

Und machte, daß sie eng verbunden da

Hinüberschauen zum Altare.

7

Eine ganze Weile nach alle diesem saßen Guttorm Solbakken und Karen

zusammen in der großen, hellen Stube auf Solbakken und lasen einander

aus einigen neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt erhalten hatten.

Sie waren am Vormittag in der Kirche gewesen, denn es war Sonntag; dann

hatten sie einen kleinen Gang durch die Felder gemacht, um zu sehn, wie

die Saat stehe, und um zu überlegen, welche Äcker im nächsten Jahre

brachliegen und welche bebaut werden sollten. Sie waren von einem

Brachfelde und Acker zum andern gegangen, und es schien ihnen, als sei

ihr Besitztum gut vorwärts gekommen, seit sie es bewirtschafteten.

»Gott weiß, wie es aussehn wird, wenn wir einmal fort sind,« harte

Karen gesagt. Da hatte Guttorm sie gebeten, mit hineinzukommen und

in den neuen Büchern zu lesen; denn man tut am besten, wenn man sich

solche Gedanken aus dem Sinne schlägt.

Nun waren aber die Bücher durchgesehn, und Karen meinte, die alten

wären besser: »Die Leute schreiben nur wieder daraus ab!« -- »Daran

mag etwas Wahres sein; Sämund sagte heute in der Kirche zu mir, die

Kinder wären auch nur die Eltern noch einmal wieder.« -- »Ja, du und

Sämund, ihr habt heute viel miteinander gesprochen.« -- »Sämund ist ein

verständiger Mann.« -- »Er hält sich aber wenig zu seinem Herrn und

Heiland, fürchte ich.« -- Hierauf erwiderte Guttorm nichts. -- -- »Wo

ist denn nur Synnöve geblieben?« fragte die Mutter. -- »Die ist oben

auf dem Boden,« antwortete er. -- »Du saßest ja vorhin bei ihr, wie war

sie gestimmt?« -- »Ach -- -- du hättest sie dort nicht allein sitzen

lassen sollen.« -- Es kam jemand. -- Die Frau schwieg eine Weile. --

»Wer war denn das?« -- »Ingrid Granliden.«

»Ich glaubte, sie sei noch auf der Alm.« -- »Sie ist heute nach Hause

gekommen, daß die Mutter zur Kirche gehn konnte.« -- »Ja, wir haben

sie ja auch wirklich einmal da gesehn.« -- »Sie hat viel zu schaffen.«

-- »Das haben andre auch; aber man kommt schon dahin, wohin das Herz

steht.« -- Guttorm erwiderte nichts hierauf. -- Nach einer Weile sagte

Karen: »Heute waren alle Leute aus Granliden da, Ingrid ausgenommen.«

-- »Ja, das war wohl, um Thorbjörn das erstemal das Geleite zu geben.«

-- »Er sah elend aus.« -- »Das war nicht anders zu erwarten; ich

wunderte mich, daß er noch so gut aussah.« -- »Ja, er hat für seine

Torheit büßen müssen.« -- Guttorm sah ein wenig vor sich nieder: »Er

ist ja noch die pure Jugend!« -- »Es ist kein guter Grund in ihm, man

kann sich niemals auf ihn verlassen.«

Guttorm, der die Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte und ein Buch

in der Hand hin und her drehte, öffnete dieses, und indem er scheinbar

anfing, leise darin zu lesen, ließ er die Worte fallen: »Man meint,

daß er ganz sicher seine Gesundheit wiedererlangen wird.« -- Auch die

Mutter nahm jetzt ein Buch: »Das wäre ein großes Glück für einen so

schönen Burschen,« sagte sie. »Der liebe Gott lehre ihn in Zukunft

bessern Gebrauch davon machen.« -- Sie lasen beide; dann sagte Guttorm,

indem er ein Blatt umwandte: »Er hat heute nicht ein einziges Mal zu

ihr hinübergesehn.« -- »Nein, ich bemerkte auch, daß er ruhig in seinem

Stuhle sitzen blieb, bis sie gegangen war.« -- Nach ein er Weile sagte

Guttorm: »Glaubst du, daß er sie vergessen wird?« -- »Das wäre auf alle

Fälle das beste.«

Guttorm las weiter, seine Frau blätterte in ihrem Buch. -- »Es gefällt

mir gar nicht, daß Ingrid hier so lange sitzen bleibt,« sagte sie. --

»Synnöve hat kaum jemand, mit dem sie reden könnte.« -- »Sie hat uns.«

-- Jetzt sah der Vater zu ihr hinüber: »Wir dürfen nicht zu strenge

sein.« -- Die Frau schwieg; nach einer Weile sagte sie: »Ich habe es

ihr auch niemals verboten.« -- Der Vater klappte das Buch zu, stand

auf und sah zum Fenster hinaus. »Da geht Ingrid,« sagte er. -- Kaum

hatte die Mutter das gehört, als sie schnell hinausging. Der Vater

stand noch lange am Fenster, dann wandte er sich ab und ging auf und

nieder; die Frau kam wieder herein, er blieb stehn. -- »Ja, es war so,

wie ich dachte,« sagte sie; »Synnöve sitzt da oben und weint, wühlt

aber in ihrer Lade herum, sobald ich hereinkomme.« Und dann fuhr sie

fort, indem sie den Kopf schüttelte: »Nein, es ist nicht gut, daß

Ingrid hierherkommt.« -- Sie machte sich mit dem Abendbrot zu schaffen

und ging oft aus und ein. Einmal, während sie draußen war, kam Synnöve

still mit rotgeweinten Augen herein; sie glitt an dem Vater vorüber,

sah ihm ins Gesicht, setzte sich dann an den Tisch und nahm ein Buch.

Nach einer Weile machte sie es wieder zu, ging zur Mutter und fragte,

ob sie ihr helfen sollte. -- »Ja, tu das nur!« sagte diese; »Arbeit ist

für alles gut.«

Sie mußte den Tisch decken, der am Fenster stand. Der Vater, der bisher

auf und nieder gegangen war, trat jetzt ans Fenster und sah hinaus.

-- »Ich glaube, der Gerstenacker, den der Regen niedergeschlagen hat,

richtet sich wieder auf,« sagte er; sie stellte sich neben ihn und

schaute auch hinaus. Er wandte sich um, die Mutter war im Zimmer, so

streichelte er nur sanft Synnöves Hinterkopf und begann dann wieder

auf und nieder zu gehn. Sie aßen, aber es war eine sehr schweigsame

Mahlzeit. Die Mutter sprach heute das Tischgebet, vor wie nach dem

Essen, und als sie aufgestanden waren, schlug sie vor, zu lesen und

zu singen, was sie auch taten. -- »Gottes Wort gibt Frieden; das ist

doch der größte Segen im Hause.« -- Die Mutter sah dabei zu Synnöve

hinüber, die die Augen niedergeschlagen hatte. -- »Jetzt will ich eine

Geschichte erzählen,« sagte die Mutter, »jedes Wort davon ist wahr, und

dem, der darüber nachdenken will, wird es nicht zum Schaden sein.«

Und dann erzählte sie: »Es lebte in meiner Jugend ein Mädchen auf

Haug, das war die Enkelin eines alten, gelehrten Schulzen. Er nahm

sie früh zu sich, um in seinen alten Tagen Freude an ihr zu haben,

und lehrte sie natürlich Gottes Wort und gute Sitten. Sie lernte

leicht und gern, so daß sie uns in kurzer Zeit weit hinter sich ließ;

sie schrieb und rechnete, wußte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig

Kapitel aus der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ich

erinnere mich dessen, als wäre es gestern gewesen. Sie mochte lieber

lesen als tanzen, so sah man sie nur selten dort, wo Lustbarkeit war,

desto häufiger aber in des Großvaters Bodenstube, wo seine vielen

Bücher standen. So kam es, daß sie jedesmal, wenn wir mit ihr zusammen

waren, so dastand, als wären ihre Gedanken anderswo, und wir sagten

zueinander: ›Wären wir bloß so klug wie Karen Haugen!‹ Sie sollte den

Alten beerben, und viele brave Burschen erboten sich, halbpart mit ihr

zu machen; sie erhielten sämtlich einen Korb. Um diese Zeit kehrte der

Sohn des Pfarrers von seiner Priesterlehre zurück; es war nicht gut

mit ihm gegangen, denn er hatte mehr Sinn für ein wildes Leben und

für alles Böse gehabt als für das Gute; jetzt trank er. ›Hüte dich vor

ihm!‹ sagte der alte Schulze; ›ich bin viel mit den Vornehmen zusammen

gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unser Vertrauen

weit weniger verdienen als die Bauern.‹ -- Karen hörte stets mehr auf

seine Stimme als auf die aller andern, und als sie später zufällig mit

dem Sohne des Pfarrers zusammentraf, ging sie ihm aus dem Wege; denn

er trachtete ihr nach. Seither konnte sie nirgends gehn, ohne ihm zu

begegnen. -- ›Geh!‹ sagte sie, ›es nützt dir doch nichts!‹ -- Er aber

ging ihr nach, und so kam es, daß sie doch endlich stehnbleiben und ihn

anhören mußte. Er war sehr schön, als er aber sagte, er könne nicht

ohne sie leben, da lief sie erschreckt davon. Er trieb sich um ihren

Hof herum, aber sie kam nicht heraus; er stand des Nachts vor ihrem

Fenster, aber sie kam nicht zum Vorschein; er sagte, er wolle seinem

Leben ein Ende machen, Karen aber wußte, was sie davon zu denken hatte.

Da fing er wieder an zu trinken. -- ›Sei auf deiner Hut! Das sind alles

nur Teufelskünste,‹ sagte der alte Großvater. Da stand der Bursche

eines Tages plötzlich mitten in ihrem Zimmer, niemand wußte, wie er

dahingelommen war. ›Jetzt will ich dich ermorden!‹ sagte er. -- ›Ja, tu

du das nur,‹ sagte sie. Da aber weinte er und sagte, es stünde in ihrer

Macht, ihn zu einem braven Menschen zu machen. -- ›Könntest du dich nur

ein halbes Jahr des Trinkens enthalten!‹ sagte sie. Und da enthielt er

sich ein halbes Jahr des Trinkens. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er.

-- ›Nicht ehe du ein halbes Jahr von allen Festlichkeiten und Gelagen

ferngeblieben bist.‹ -- Das tat er. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte

er. -- ›Nicht ehe du hingehst und deine geistlichen Studien beendest.‹

-- Auch das tat er, und im folgenden Jahre kehrte er als ausgelernter

Pfarrer zurück. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er und hatte obendrein

Talar und Halskrause um. -- ›Jetzt will ich dich ein paarmal Gottes

Wort verkünden hören,‹ sagte Karen. Und das tat er wahr und lauter,

wie es sich für einen Geistlichen geziemt; er sprach von seiner eignen

Sündhaftigkeit, und wie leicht es sei zu siegen, wenn man nur erst den

Anfang gemacht habe, und wie schön Gottes Wort sei, wenn man es nur

erst gefunden habe. Darauf begab er sich abermals zu Karen. -- ›Ja,

nun glaube ich, daß du nach dem leben wirst, was du selber weißt,‹

sagte Karen, ›und nun will ich dir auch erzählen, daß ich seit drei

Jahren mit meinem Vetter, Anders Haugen, verlobt bin; du sollst uns am

nächsten Sonntag aufbieten.‹« -- --

Hier schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs nur geringe Teilnahme

für die Erzählung bezeugt, dann aber war ihre Interesse erwacht, und

nun folgte sie mit Spannung jedem Wort. -- »Kommt nicht noch mehr?«

fragte sie ganz erschrocken. -- »Nein,« sagte die Mutter. Der Vater sah

die Mutter an, da glitt ihr Blick unsicher zur Seite, und nachdem sie

sich einen Augenblick besonnen hatte, fuhr sie fort, indem sie mit dem

Finger über die Tischplatte hinstrich: »Vielleicht könnte noch etwas

kommen -- aber das tut nichts zur Sache.« -- »Ist da noch mehr?« wandte

sich Synnöve nun an den Vater, der es zu wissen schien. -- »Hm -- ja!

Aber es verhält sich so, wie die Mutter sagt -- es tut nichts zur

Sache.« -- »Wie erging es ihm denn?« fragte Synnöve. -- »Ja, das ist es

eben,« sagte der Vater und sah zu der Mutter hinüber. Diese hatte sich

an die Wand gelehnt und sah sie beide an. -- »Wurde er unglücklich?«

fragte Synnöve leise. -- »Wir müssen schließen, wo der Schluß sein

soll,« sagte die Mutter und stand auf. Der Vater tat ebenso, und

Synnöve stand dann auch auf.

8

Einige Wochen später an einem frühen Morgen machten sich sämtliche

Bewohner von Solbakken zum Kirchgang fertig; es war Konfirmation, die

in diesem Jahre etwas früher fiel als gewöhnlich, und bei einer solchen

Gelegenheit wurden alle Häuser abgeschlossen; denn dann mußten alle

mit. Fahren wollten sie nicht, da das Wetter klar war, wenn auch ein

wenig kalt und scharf in der frühen Morgenstunde; der Tag versprach

schön zu werden. Der Weg führte durch das Kirchspiel, an Granliden

vorbei, bog dann rechts ab, und eine gute Viertelstunde weiter lag

die Kirche. Das Korn war an den meisten Stellen gemäht und in Hocken

gesetzt, die Kühe waren fast überall aus den Bergen heruntergeholt

und weideten angepflöckt, die Wiesen waren entweder zum zweitenmal

grün oder auf magerm Boden grauweiß; ringsumher stand der vielfarbige

Wald, die Birke schon müde, die Espe ganz blaßgelb, die Eberesche mit

trocknen, zusammengeschrumpften Blättern und vielen Beeren. Es hatte

mehrere Tage stark geregnet, das niedrige Gestrüpp, das am Wege entlang

wuchs und sonst im Staube der Landstraße dastand und nieste, war jetzt

reingewaschen und frisch. Die Felswände aber begannen sich schwer auf

das Tal zu legen, jetzt, wo der plündernde Herbst sie entkleidete und

ihnen ein ernsthaftes Angesicht gab, während sich die Felsenbäche, die

im Sommer nur hin und wieder Leben gezeigt hatten, jetzt übermütig

aufbäumten und mit lautem Lärm hinunterschäumten. Der Granlider

Gießbach nahm einen schwerern, ruhigern Gang an, namentlich bis er an

den Granlider Steingrund hinabkam, wo der Fels ihn auf einmal nicht

weiter begleiten wollte, sondern sich von ihm zurückzog. Da machte

er einen Sprung über die Steine und brauste brüllend dahin, so daß

der Fels erbebte. Ihm wurde für seine Verräterei gründlich der Kopf

gewaschen, denn der Gießbach sandte ihm höhnisch einen Spritzstrahl

gerade ins Gesicht. Einige neugierige Erlenbüsche, die sich der

Schlucht genähert hatten, wären beinahe von der Flut mit fortgeschwemmt

worden; sie standen nun da und schnauften in dem Wasserbade, denn der

Gießbach war heute nicht geizig.

Thorbjörn, seine beiden Eltern und seine beiden Geschwister sowie

die übrigen Hausbewohner kamen gerade vorüber und beobachteten dies

alles. Thorbjörn war jetzt wieder gesund, er zog kräftig wie ehemals

seinen Strang bei der Arbeit des Vaters. Die beiden gingen jetzt immer

zusammen, so auch hier. -- »Ich glaube fast, wir haben die Leute von

Solbakken gerade hinter uns,« sagte der Vater. Thorbjörn sah nicht

zurück, die Mutter aber sagte: »Ja, so ist es; aber ich sehe nicht --

ach ja, da ist sie -- ganz hinten.« -- Entweder gingen die Granlider

jetzt schneller, oder die Leute von Solbakken hatten ihren Schritt

gemäßigt, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer,

schließlich sah man einander kaum noch. Es schien, daß heute viel Volk

bei der Kirche zusammenkommen würde; der lange Weg war schwarz von

gehenden, fahrenden, reitenden Menschen; die Pferde waren jetzt in der

Erntezeit übermütig und wenig daran gewöhnt, mit andern zusammen zu

sein, deswegen war ein Gewiehere und eine Unruhe unter ihnen, die die

Fahrt gefahrvoll, aber sehr lebhaft machten.

Je näher man an die Kirche herankam, desto größern Lärm machten die

Pferde, denn jedes, das kam, schrie zu denen hinüber, die schon

angebunden dastanden, und diese zerrten an den Leinen, stampften

mit den Hinterfüßen und wieherten den Ankömmlingen einen Gruß zu.

Alle Hunde des Kirchspiels, die die ganze Woche zu Hause gesessen,

einander angehört, sich gegenseitig angeknurrt und herausgefordert

hatten, trafen sich jetzt hier bei der Kirche, stürzten sich in die

großartigste Beißerei, paarweise und in ganzen Rudeln, weit über

die Felder hin. Die Leute standen still an den Häusern und an der

Kirchenmauer; sie führten eine flüsternde Unterhaltung und sahen sich

nur von der Seite an. Der Weg, der an der Mauer vorbeiführte, war nicht

breit, und auf der andern Seite lagen die Häuser dicht nebeneinander;

und nun standen die Frauen gewöhnlich an der Mauer, die Männer ihnen

gegenüber an den Häusern. Erst später wagten sie es, zueinander

hinüberzugehn; auch wenn sich Bekannte von weitem sahen, taten sie, als

kennten sie sich nicht, bis dieser Augenblick gekommen war; manchmal

geschah es, daß sie sich so nahe gegenüberstanden, wenn der eine Teil

kam, daß sie einen Gruß nicht vermeiden konnten; dann geschah es mit

halb abgewandtem Gesicht und in kurzen Worten, worauf sich jeder wieder

an seinen Platz zurückzog.

Synnöve Solbakken: Erzählung · 第 6 / 8 段