Thorbjörn konnte sprechen, durfte sich aber nicht bewegen. Meist saß
Ingrid bei ihm, aber auch die Mutter und sein jüngerer Bruder; aber
er fragte sie nach nichts, und auch sie fragten ihn nicht. Der Vater
kam niemals herein; sie sahn, daß es dem Kranken auffiel; jedesmal,
wenn sich die Tür öffnete, merkte er auf, und sie glaubten, es müsse
sein, weil er den Vater erwarte. Schließlich fragte Ingrid ihn, ob
er sonst noch jemand zu sehn wünsche. -- »Ach, sie wollen mich wohl
nicht sehn,« erwiderte er. Dies wurde Sämund wiedererzählt, der nicht
gleich darauf antwortete; an diesem Tage aber war er nicht zu Hause,
als der Doktor kam. Als der Doktor aber die Landstraße eine Strecke
hinabgefahren war, traf er Sämund, der am Wege saß und auf ihn wartete.
Nachdem er ihn begrüßt hatte, fragte Sämund nach seinem Sohne. -- »Er
ist arg zugerichtet,« lautete die kurze Antwort. -- »Kommt er durch?«
fragte Sämund und zog den Sattelgurt des Pferdes an. -- »Danke, der
sitzt ganz gut,« sagte der Doktor. -- »Er war nicht stramm genug,«
erwiderte Sämund. Es entstand nun ein kurzes Schweigen, währenddessen
der Doktor ihn betrachtete. Sämund aber war eifrig mit dem Gurt
beschäftigt und sah nicht auf. -- »Du fragtest, ob er durchkommen
würde; ich glaube wohl,« sagte der Doktor langsam. Sämund sah hastig
auf. -- »Ist er außer Lebensgefahr?« fragte er. -- »Das ist er schon
seit mehreren Tagen,« antwortete der Doktor. Da tropften ein paar
Tränen aus Sämunds Augen; er versuchte sie wegzuwischen, aber sie kamen
wieder: »Es ist wirklich eine Schande, wie ich an dem Jungen hing,«
schluchzte er, »aber siehst du, Doktor, einen stattlichern Burschen
gibts im ganzen Kirchspiel nicht.« -- Der Doktor war gerührt: »Weshalb
hast du erst jetzt danach gefragt?« -- »Ich war nicht stark genug,
es zu hören,« erwiderte Sämund und kämpfte noch mit den Tränen, die
er nicht zurückzuhalten vermochte, -- »und da waren die Weiber« --
fuhr er fort, »sie gaben jedesmal acht, ob ich fragen würde, und da
konnte ich nicht.« -- Der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu beruhigen, und
dann sah ihn Sämund fest an: »Bekommt er seine Gesundheit wieder?«
fragte er plötzlich. -- »Bis zu einem gewissen Grade; übrigens kann
man noch nichts mit Bestimmtheit sagen.« -- Da wurde Sämund ruhig und
nachdenklich. -- »Bis zu einem gewissen Grade,« murmelte er. Er stand
da und sah vor sich hin; der Doktor wollte ihn nicht stören, weil ein
gewisses Etwas an dem Mann ihm das verbot. Plötzlich hob Sämund den
Kopf in die Höhe: »Ich danke dir für die Nachricht,« sagte er, reichte
ihm die Hand und ging zurück.
Zu derselben Zeit saß Ingrid bei dem Kranken. »Wenn du dich stark
genug fühlst, mich anzuhören, dann will ich dir etwas von dem Vater
erzählen,« sagte sie. -- »Erzähle,« sagte er. -- »Ja, den ersten
Abend, als der Doktor hier gewesen war, verschwand der Vater, und
niemand wußte, wo er war. Er aber war drüben im Hochzeitshause
gewesen, und allen Leuten war ganz unheimlich zumute geworden, als
er kam. Er hatte sich unter sie gesetzt und hatte getrunken, und der
Bräutigam hat erzählt, er glaube, der Vater habe sich einen kleinen
Rausch angetrunken. Dann erst fing er an, sich nach der Prügelei zu
erkundigen, und er erhielt genauen Bescheid, wie alles zugegangen war.
Knud kam hinzu, und nun wollte der Vater, daß +er+ erzählen solle,
und er ging auf den Hof hinaus nach der Stelle, wo ihr euch geprügelt
hattet. Alle Leute gingen mit. Knud erzählte ihm dann, wie du ihm
mitgespielt hättest, nachdem du ihm die Hand lahm geschlagen hattest,
als aber Knud nicht weitererzählen wollte, sprang der Vater auf und
fragte, ob es dann so zugegangen sei -- und damit ergriff er Knud
bei der Brust, hob ihn auf und legte ihn auf die Steinplatte, an der
noch dein Blut klebte. Er hielt ihn mit der linken Hand nieder und zog
mit der rechten sein Messer; Knud wurde leichenblaß, und alle Gäste
schwiegen. Einige von den Leuten haben gesehn, wie der Vater weinte,
aber er tat Knud nichts. Knud selber rührte sich nicht. Dann hob der
Vater Knud wieder in die Höhe, legte ihn aber nach einer Weile wieder
nieder: »Es wird mir sauer, dich laufen zu lassen,« sagte er und stand
da und starrte ihn an, während er ihn festhielt.
»Zwei alte Frauen gingen vorüber, und die eine von ihnen sagte: ›Denke
an deine Kinder, Sämund Granliden!‹ Und sie sagen, da hätte der
Vater Knud sofort losgelassen, und nach einer Weile sei er vom Hofe
verschwunden gewesen; Knud aber schlich sich zwischen den Gebäuden weg
von der Hochzeit und kehrte nicht wieder zurück.«
Kaum hatte Ingrid diese Erzählung beendet, als sich die Tür öffnete
und jemand hereinsah. Es war der Vater. Sie ging sogleich hinaus, und
Sämund kam herein. Was die beiden miteinander gesprochen haben, hat
niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand, um zu lauschen,
glaubte aufgefangen zu haben, daß sie davon gesprochen hätten, wie weit
er seine Gesundheit wieder erlangen würde. Aber sie war sich dessen
nicht ganz sicher, wollte auch nicht hineingehn, solange Sämund da war.
Als Sämund herauskam, war er sehr weich gestimmt, und seine Augen waren
gerötet. »Wir behalten ihn noch,« sagte er im Vorübergehn zu Ingebjörg.
»Aber Gott weiß, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird.«
Ingebjörg fing an zu weinen und folgte ihrem Mann auf den Hof hinaus.
Auf der Treppe des Vorratshauses setzten sie sich nebeneinander, und
nun wurde gar manches zwischen den beiden beredet.
Als aber Ingrid wieder leise zu Thorbjörn hineinkam, lag er mit einem
kleinen Zettel in der einen Hand da und sagte ruhig und langsam: »Das
hier mußt du Synnöve geben, sobald du sie wiedersiehst.« Als Ingrid
gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich um und weinte; denn
auf dem Zettel stand:
An die wohlgeachtete Jungfer Synnöve Guttormstochter Solbakken!
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, muß es zwischen uns beiden vorbei
sein. Denn ich bin nicht der, den Du haben sollst. Der liebe Gott sei
mit uns beiden.
Thorbjörn Sämundsen Granliden.
6
Synnöve hatte es am Tage darauf erfahren, daß Thorbjörn zur Hochzeit
gewesen war. Sein jüngerer Bruder war mit der Nachricht nach der
Alm hinaufgekommen. Ingrid aber hatte ihn gerade noch draußen im
Vorbau erwischt, als er gehn wollte, und sie hatte ihm eingeschärft,
was er sagen sollte. Synnöve wußte deswegen nichts weiter, als daß
Thorbjörn umgeworfen hatte und dann nach Nordhaug gegangen war, um
Hilfe zu suchen, daß Knud und er dort aneinandergeraten waren und daß
Thorbjörn leicht zu Schaden gekommen wäre und jetzt zu Bette liege,
ohne daß indessen die Sache gefährlich sei. Die Nachricht war derart,
daß Synnöve sich mehr darüber ärgerte als betrübte. Und je mehr sie
darüber nachsann, um so verzagter wurde sie. Wie viele Versprechungen
er ihr auch machte, immer betrug er sich doch wieder so, daß die Eltern
etwas gegen ihn zu sagen hatten. ›Aber trotzdem lassen wir uns nicht
auseinanderbringen,‹ dachte Synnöve.
Es kam nicht häufig Nachricht auf die Alm hinauf, und deswegen währte
es eine ganze Weile, ehe Synnöve wieder etwas erfuhr. Die Ungewißheit
lastete schwer auf ihrem Gemüt, und Ingrid kam nicht wieder herauf,
folglich mußte sich irgend etwas ereignet haben. Sie war nicht mehr
imstande, ihre Kühe des Abends heimzusingen, so wie sie es früher getan
hatte, und des Nachts schlief sie nicht gut, da Ingrid ihr fehlte. So
kam es, daß sie am Tage müde war, und das machte ihr den Sinn nicht
leichter. Sie ging umher und arbeitete, sie scheuerte Milcheimer
und Tonnen, machte Käse und setzte Milch an, aber es geschah alles
ohne Lust, und Thorbjörns jüngerer Bruder und der andre Junge, der
zusammen mit ihm das Vieh hütete, glaubten jetzt steif und fest, daß
zwischen ihr und Thorbjörn etwas los sei, was ihnen Stoff zu mancher
Unterhaltung gab oben auf den Halden.
Am Nachmittage des achten Tages, nachdem Ingrid nach Hause geholt
worden war, fühlte sie den Druck mehr als je auf sich lasten. Nun war
so lange Zeit verflossen, und noch immer keine Nachricht da. Sie ließ
ihre Arbeit liegen und setzte sich und sah über das Tal hin; das war
ihr, als hätte sie Gesellschaft, und sie wollte nun einmal nicht mehr
allein sein. Wie sie so dasaß, wurde sie müde, legte den Kopf auf ihren
Arm und schlief ein; die Sonne aber stach, und es war ein unruhiger
Schlaf. Sie war drüben auf Solbakken, oben auf der Bodenkammer, wo ihre
Sachen standen, und wo sie zu schlafen pflegte; die Blumen aus dem
Garten sandten einen süßen Duft zu ihr herauf, wenn auch nicht den, an
den sie gewohnt war, sondern einen andern, fast wie von Heidekraut.
›Woher mag das wohl kommen?‹ dachte sie und beugte den Kopf zum offnen
Fenster hinaus. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und pflanzte
Heidekraut. -- »Aber, Liebster, weshalb tust du denn das?« fragte sie.
-- »Ach, die Blumen wollen nicht wachsen,« erwiderte er und arbeitete
weiter im Garten. Da tat es ihr leid um die Blumen, und sie bat ihn,
sie ihr doch heraufzubringen. -- »Ja, das will ich gern tun,« meinte
er, und dann sammelte er sie auf und brachte sie ihr; aber es war nicht
mehr in der Bodenkammer, wo sie saß, denn jetzt konnte er geradeswegs
zu ihr hereinkommen. Gerade da kam die Mutter herein. »In Jesu Namen!
Soll der abscheuliche Bursche von Granliden zu dir hereinkommen?«
sagte die Mutter, sprang hinzu und stellte sich ihm gerade in den Weg.
Aber er wollte dennoch herein, und nun begannen die beiden miteinander
zu ringen. -- »Mutter, Mutter, er wollte mir ja nur meine Blumen
bringen,« bat Synnöve und weinte. -- »Ja, das hilft nichts,« sagte die
Mutter und rang weiter. Und Synnöve war so erschrocken, so erschrocken,
denn sie wußte nicht, wem sie den Sieg wünschen sollte, unterliegen
aber sollte keins von ihnen. -- »Nimm meine Blumen in acht!« rief sie,
aber sie rangen jetzt heftiger als zuvor, und all die schönen Blumen
wurden ringsumhergestreut. Die Mutter trat darauf, und er auch; Synnöve
weinte. Als aber Thorbjörn die Blumen hatte fallen lassen, wurde er so
häßlich, so häßlich; das Haar wurde lang, und das Gesicht wurde ganz
groß, die Augen blickten so böse, und mit langen Krallen packte er die
Mutter. -- »Nimm dich in acht, Mutter! siehst du nicht, daß es ein
andrer ist? -- nimm dich in acht!« schrie sie und wollte der Mutter
helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck rühren. Da rief jemand nach
ihr -- und noch einmal hörte sie ihren Namen rufen. Sofort aber stürzte
Thorbjörn hinaus, und die Mutter ihm nach. Abermals hörte sie ihren
Namen rufen. -- »Ja!« sagte Synnöve und erwachte.
»Synnöve!« rief es. -- »Ja,« antwortete sie und sah auf. -- »Wo bist
du?« fragte eine Stimme. -- ›Das ist die Mutter, die mich ruft,‹ dachte
Synnöve, erhob sich und ging nach dem Weideplatz, wo die Mutter mit
einem Eßkorb in der einen Hand stand, während sie sich mit der andern
die Augen beschattete und zu ihr hinübersah.
»Hier liegst du und schläfst auf der bloßen Erde!« sagte die Mutter. --
»Ich war so müde,« entgegnete Synnöve, »daß ich mich einen Augenblick
niederlegte, und ich bin eingeschlafen, ehe ich michs versah.« --
»Davor mußt du dich in Zukunft hüten, mein Kind. Hier ist etwas für
dich in dem Korbe; ich habe gestern gebacken, da Vater eine lange Reise
antreten will.« -- Synnöve fühlte aber, daß die Mutter nicht deswegen
allein gekommen war, und sie meinte, daß sie nicht ohne Grund von ihr
geträumt habe. Karen, so hieß die Mutter, war, wie schon vorher gesagt
worden ist, klein und fein gebaut, mit blondem Haar und blauen Augen,
die ihr lebhaft im Kopfe herumgingen. Sie lächelte ein wenig, wenn
sie sprach, aber nur, wenn sie mit fremden Leuten redete. Ihre Züge
waren mit der Zeit ein wenig scharf geworden, sie war rasch in ihren
Bewegungen und war immer sehr geschäftig. -- Synnöve dankte ihr für
das Mitgebrachte, hob den Deckel ab und sah nach, was es war. -- »Ach,
das hat Zeit bis später.« sagte die Mutter; »ich habe vorhin bemerkt,
daß deine Milchkübel noch nicht gescheuert waren, mein Kind, das mußt
du immer tun, ehe du dich zur Ruhe legst.« -- »Ja, das war heute auch
nur ausnahmsweise.« -- »Komm jetzt, dann will ich dir helfen, da ich
nun einmal hier bin,« sagte die Mutter und stürzte die Röcke auf. »Du
mußt dich an Ordnung gewöhnen, du magst unter meiner Aufsicht sein oder
nicht.« -- Sie ging voraus nach der Milchkammer, und Synnöve folgte
ihr langsam. Sie nahmen alles heraus und wuschen es ab; die Mutter sah
das Geschirr nach und fand alles in gutem Zustande vor, sie erteilte
fleißig Ratschläge und half beim Ausfegen; so vergingen ein paar
Stunden. Während der Arbeit hatte sie Synnöve erzählt, was sie daheim
trieben, und wieviel sie zu tun gehabt habe, um alles für die Abreise
des Vaters fertigzumachen. Dann fragte sie, ob Synnöve auch daran
denke, Gottes Wort zu lesen, ehe sie sich am Abend schlafen lege; »denn
das darfst du nicht vergessen,« sagte sie, »sonst geht die Arbeit am
nächsten Tage schlecht.«
Als sie mit allem fertig waren, gingen sie auf den Weideplatz hinaus,
um dort die Kühe zu erwarten. Und als sie eine Weile beieinander
gesessen hatten, fragte die Mutter nach Ingrid, ob die nicht bald
wieder auf die Alm heraufkäme. Synnöve wußte darüber nicht mehr als
die Mutter. -- »Ja, so kann es den Leuten gehn!« sagte die Mutter, und
Synnöve begriff sehr wohl, daß nicht Ingrid gemeint war; sie hätte
gern von etwas anderm angefangen, aber sie hatte nicht den Mut dazu.
-- »Wer den Herrn nicht im Herzen trägt, der wird von ihm heimgesucht,
wenn ers am mindesten glaubt,« sagte die Mutter. -- Synnöve erwiderte
kein Wort. -- »Nein, das habe ich immer gesagt, aus dem Burschen wird
nichts -- -- sich so zu benehmen! -- pfui!« -- Sie kauerten beide auf
dem Rasen und sahn hinunter ins Tal, aber sie sahn sich nicht an. --
»Hast du gehört, wie es mit ihm steht?« fragte die Mutter und sah nun
schnell zu der Tochter hinüber. -- »Nein,« antwortete Synnöve. -- »Es
soll schlecht mit ihm stehn,« sagte die Mutter. Die Brust schnürte sich
Synnöve zusammen. -- »Ist es denn gefährlich?« fragte sie. -- »Ach ja,
da ist der Messerstich in die Seite -- und dann hat er auch noch arge
Schläge bekommen.« -- Synnöve fühlte, daß sie dunkelrot wurde; sie
wandte sich hastig ab, daß es die Mutter nicht sehn sollte. -- »Aber
das hat wohl nicht viel zu bedeuten?« fragte sie so ruhig, wie es ihr
nur möglich war; die Mutter aber hatte bemerkt, wie heftig ihre Brust
arbeitete, deswegen antwortete sie: »Ach nein, das hat es wohl nicht!«
-- Da begann Synnöve zu ahnen, daß etwas sehr Ernstes vorgefallen
sein müsse. -- »Liegt er?« fragte sie. -- »Natürlich liegt er! Es ist
ein Jammer um die Eltern, so brave Leute! Gut erzogen ist er auch,
so kann ihnen Gott das nicht zur Last legen.« -- Synnöve wurde nun
so beklommen, daß sie sich nicht zu helfen wußte. Da fuhr die Mutter
fort: »Nun zeigt es sich, was für ein Glück es ist, daß niemand an ihn
gebunden ist. Der liebe Gott führt doch alles zum besten.« -- Synnöve
wurde so schwindlig, als müsse sie den Berg hinabstürzen.
»Nein, ich habe es immer zum Vater gesagt, ich: Gott bewahre uns, habe
ich gesagt, wir haben nur diese einzige Tochter, und für die müssen wir
sorgen. Er ist ein wenig weich von Natur, der Vater, so brav er sonst
ist; da ist es denn ein Glück, daß er Rat da sucht, wo er ihn findet,
nämlich in Gottes Wort.«
Als nun aber Synnöve an ihren Vater dachte, wie sanft der allezeit war,
wurde es ihr noch schwerer, die Tränen zu unterdrücken, und diesmal
half denn auch kein Widerstand; sie fing an zu weinen. -- »Weinst du?«
fragte die Mutter und sah nach ihr hin, ohne ihr jedoch ins Gesicht
sehn zu können. -- »Ja, ich dachte an den Vater, und da -- --« und
nun brachen die Tränen gewaltsam hervor. -- »Aber liebes Kind, was
hast du nur?« -- »Ach, ich weiß nicht recht -- es überkam mich so --
-- vielleicht kann es ihm übel ergehn auf dieser Reise," schluchzte
Synnöve. -- »Wie kannst du nur so reden,« sagte die Mutter; »weswegen
sollte es ihm nicht gut gehn auf der Reise zur Stadt, die ebene
Landstraße entlang!« -- »Ja -- aber denk doch nur -- wie es -- dem
andern erging,« schluchzte Synnöve. -- »Ja -- dem! -- Aber dein Vater
fährt doch nicht drauflos wie ein Verrückter, sollt ich meinen! Er
kehrt sicher wohlbehalten wieder heim -- wenn nur Gott seine Hand über
ihm hält!«
Der Mutter aber gaben diese Tränen, die gar nicht wieder aufhören
wollten, zu denken. Und wie sie so dasaß, sagte sie plötzlich: »Es
gibt viele Dinge auf dieser Welt, die schwer genug sein können, aber
da muß man sich damit trösten, daß sie noch viel schwerer hätten sein
können.« -- »Ja, das ist ein trauriger Trost,« sagte Synnöve und
weinte bitterlich. Die Mutter konnte es nicht über das Herz bringen,
zu antworten, was sie dachte, so sagte sie denn nur: »Gott der Herr
lenkt gar vieles für uns in sichtbarer Weise; das hat er wohl auch
hier getan!« Und dann erhob sie sich, denn die Kühe fingen an oben auf
dem Bergrücken zu brüllen, die Glocken erklangen, die Hirtenjungen
jubelten, und die Herde kam langsam bergab, da das Vieh satt und ruhig
war. Sie stand da und sah zu, dann hieß sie Synnöve mitkommen und sie
in Empfang nehmen. Synnöve erhob sich jetzt auch und folgte der Mutter,
aber es ging langsam.
Karen Solbakken war nun vollauf in Anspruch genommen durch die
Begrüßung ihrer Herde. Da kam eine Kuh nach der andern herbei, und
alle erkannten sie und brüllten. Sie streichelte sie, sprach mit ihnen
und wurde wieder fröhlich, als sie sah, wie gut sie alle zugenommen
hatten. -- »Ach ja,« sagte sie, »Gott ist dem nahe, der sich zu ihm
hält!« -- Sie half nun Synnöve das Vieh eintreiben, denn bei Synnöve
ging es heute nur langsam. Die Mutter sagte nichts dazu; sie half ihr
auch beim Melken, obwohl sie infolgedessen länger da oben blieb, als
sie beabsichtigt hatte. Als sie nun die Milch geseiht hatten, schickte
die Mutter sich an, heimzukehren, und Synnöve wollte sie eine Strecke
begleiten. -- »Ach nein,« sagte die Mutter, »du bist sicher müde und
sehnst dich nach Ruhe«; und so nahm sie denn den leeren Korb, gab ihr
die Hand und sagte, indem sie sie fest ansah: »Ich komme bald wieder
herauf, um zu sehn, wie es dir geht. -- -- Halte dich zu uns, und denke
nicht an andre.«
Kaum war die Mutter ihr aus dem Gesichtskreis entschwunden, als sie
schon darüber nachdachte, wie sie am schnellsten einen Boten nach
Granliden hinabschicken könnte. Sie rief Thorbjörns Bruder, sie wollte
ihn hinabsenden; aber als er kam, konnte sie sich nicht entschließen,
sich ihm anzuvertrauen, deswegen sagte sie: »Ach, es war nichts!« Dann
dachte sie daran, selber zu gehn. Gewißheit mußte sie haben, und es war
unrecht von Ingrid, ihr keine Nachricht zu senden. Die Nacht war ganz
hell, und der Hof lag nicht so weit talabwärts, daß sie den Weg nicht
hätte machen können, wenn es sie so hinabzog. Während sie dasaß und
hierüber nachdachte, wiederholte sie sich in Gedanken noch einmal alles
das, was die Mutter gesagt hatte, und ihre Tränen begannen von neuem zu
fließen. Da aber zögerte sie nicht länger, warf ein Tuch um und wählte
einen Schleichweg, damit die Jungen nichts merken sollten.
Je weiter sie kam, um so mehr beeilte sie sich, und schließlich
sprang sie den Fußpfad hinunter, daß die kleinen Steine abbröckelten,
hinabrollten und ihr Schrecken verursachten. Obwohl sie wußte, daß es
nur Steine waren, die rollten, war es ihr doch, als wenn jemand in
der Nähe sei, und sie mußte stehnbleiben und lauschen. Aber es war
nichts, und sie sprang schneller als zuvor bergab. Da geschah es, daß
sie mit einem stärkern Sprung auf einen großen Stein geriet, der ein
Stück aus dem Wege hervorragte, sich aber jetzt löste und an ihr vorbei
hinunterrollte. Er machte argen Lärm, es knackte in den Büschen, und
sie war ganz bange, erschrak aber noch mehr, als sie leibhaftig sah,
wie sich da unten jemand erhob und bewegte. Zuerst dachte sie, es
könne ein wildes Tier sein, sie blieb stehn und hielt den Atem an --
auch die Gestalt unten am Wege stand still. »Hoi--ho!« rief es. Es war
die Mutter. Das erste, was Synnöve tat, war, daß sie zur Seite sprang
und sich versteckte. Sie saß eine ganze Weile da und wartete, ob die
Mutter sie erkannt hätte und zurückkäme; aber das tat sie nicht. Dann
wartete sie noch eine Weile, damit die Mutter einen guten Vorsprung
gewänne. Als sie sich dann wieder auf den Weg machte, ging sie ganz
langsam, und bald näherte sie sich den Häusern.
Sie wurde wieder ein wenig beklommen, als sie das Gehöft liegen sah,
und ihre Beklommenheit nahm zu, je näher sie kam. Alles war still
dort, die Arbeitsgerätschaften standen an die Wand gelehnt, Brennholz
lag gehauen und aufgestapelt da, und die Axt war in den Holzblock
festgeschlagen. Sie ging vorbei und auf die Tür zu; dort blieb sie noch
einmal stehn, sah sich um und lauschte; es rührte sich aber nichts.
Und wie sie so dastand und unschlüssig war, ob sie auf den Boden
hinauf zu Ingrid gehn solle oder nicht, kam ihr der Gedanke, es müsse
wohl eine solche Nacht gewesen sein, damals vor Jahren, als Thorbjörn
hinübergekommen war und ihre Blumen eingepflanzt hatte. Schnell zog sie
die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.
Ingrid erschrak sehr, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war,
die sie geweckt hatte. -- »Wie geht es ihm?« fragte Synnöve. Jetzt
fiel Ingrid alles wieder ein, und sie wollte sich ankleiden, um
nicht sogleich antworten zu müssen. Synnöve aber setzte sich auf die
Bettkante, bat sie, sich wieder hinzulegen, und wiederhole die Frage.
»Jetzt geht es besser,« sagte Ingrid flüsternd; »ich komme bald hinauf
zu dir.« -- »Liebe Ingrid, verbirg mir nichts; du kannst mir nichts
Schlimmes sagen, was ich mir nicht viel schlimmer gedacht habe.«
-- Ingrid war noch immer bemüht, Synnöve zu schonen, deren Furcht
aber drängte sie, und es blieb ihr keine Zeit, Ausflüchte zu machen.
Flüsternd fielen die Fragen, flüsternd die Antworten; das tiefe
Schweigen ringsumher machte sowohl Frage als Antwort noch schwerer, so
daß es einer der feierlichen Augenblicke wurde, wo man es wagt, der
Wahrheit gerade ins Auge zu sehn. Darüber aber wurden sich beide klar,
daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war und daß sich nichts Schlechtes
von seiner Seite zwischen ihn und ihr Mitgefühl für ihn drängte. Da
weinten sich beide gründlich satt, aber sie weinten leise, und Synnöve
weinte am heftigsten; sie saß ganz zusammengesunken auf der Bettkante.
Ingrid suchte sie zu erheitern dadurch, daß sie sie daran erinnerte,
wieviel Freude sie alle drei miteinander gehabt hätten; da aber ging
es hier, wie es so oft geht, daß sich jede kleine Erinnerung aus den
Tagen, über denen stiller Sonnenschein liegt, jetzt im Kummer in Tränen
auflöst.
»Hat er nach mir gefragt?« flüsterte Synnöve. -- »Er hat fast noch gar
nicht gesprochen.« -- Ingrid dachte an den Zettel, und der fing an, sie
zu bedrücken. -- »Ist er denn nicht imstande, zu sprechen?« -- »Ich
weiß nicht, wie es sich damit verhält -- er denkt wohl um so mehr.«
-- »Liest er?« -- »Die Mutter hat ihm vorgelesen, jetzt muß sie es
jeden Tag tun.« -- »Was sagt er denn?« -- »Nein, er sagt nichts -- das
erzählte ich dir ja schon. Er liegt nur da und sieht vor sich hin.« --
»Liegt er in der gemalten Stube?« -- »Ja.« -- »Mit dem Kopfe nach dem
Fenster zu?« -- »Ja!« -- Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sagte
Ingrid: »Das kleine St. Johannisspiel, das du ihm einmal geschenkt
hast, hängt dort im Fenster und dreht sich.«
»Ja, es ist mir einerlei,« sagte Synnöve plötzlich und mit Nachdruck;
»nie im Leben soll mich jemand dahin bringen, daß ich ihn aufgebe, es
mag gehn, wie es will!« -- Ingrid wurde sehr beklommen: »Der Doktor
weiß nicht, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird,« flüsterte
sie.
Da richtete Synnöve den Kopf auf, drängte die Tränen zurück, sah sie
an, ohne ein Wort zu sagen, ließ den Kopf wieder sinken und blieb in
Gedanken verloren sitzen; die letzten Tränen rannen ihr leise die
Wangen hinab, aber es kamen keine neuen mehr; sie faltete die Hände,
bewegte sich aber nicht: es war, als sitze sie da und fasse einen
großen Entschluß. Dann erhob sie sich plötzlich mit einem Lächeln,
beugte sich über Ingrid hinab und gab ihr einen warmen, langen Kuß. --
»Erlangt er seine Gesundheit nicht wieder, dann will ich ihn pflegen.
Jetzt rede ich mit meinen Eltern.«
Dies rührte Ingrid tief; ehe sie aber etwas erwidern konnte, fühlte
sie ihre Hand ergriffen: »Leb wohl, Ingrid! Jetzt will ich allein
hinaufgehn.« -- Und sie wandte sich schnell ab.
»Da ist noch ein Zettel!« rief Ingrid ihr flüsternd nach. -- »Ein
Zettel?« fragte Synnöve. Ingrid war schon aus dem Bett, suchte ihn
hervor und brachte ihn ihr; indem sie ihn ihr aber mit der linken Hand
in den Busen steckte, schlang sie den rechten Arm um ihren Hals und gab
ihr den Kuß zurück, während Synnöve ihre Tränen warm und schwer auf ihr
Gesicht fallen fühlte. Dann schob Ingrid sie leise zur Tür hinaus und
schloß ab, denn sie hatte nicht den Mut, das Weitere mit anzusehn.