»So verstrich ein Jahr und noch eins, und schließlich waren acht Jahre

verflossen; aber noch immer wohnte die Dirne auf ihrer Stelle, obwohl

sie weg sollte. -- Und dann kam sie wirklich weg! -- Vorher aber stand

der Hof in lichterlohen Flammen, und der Mann verbrannte, denn er war

betrunken; die Frau rettete sich mit den Kindern, und sie sagte, die

Betteldirne unten auf der Stelle hätte es getan. Das konnte ja sein,

daß sie das getan hatte. -- Und es konnte leicht auch anders sein. --

Es war ein merkwürdiger Junge, den sie hatte. Acht Jahre lang hatte

er es mit angesehn, wie seine Mutter sich abhärmte, und er wußte sehr

wohl, wo die Schuld lag; denn die Mutter hatte es ihm oft erzählt, wenn

er fragte, warum sie immer weine. Das tat sie auch an dem Tage, ehe

sie fort mußte, und deswegen war er während der Nacht nicht zu Hause.

-- Aber +sie+ kam lebenslänglich ins Zuchthaus, denn sie sagte selber

zu dem Schreiber, sie hätte das schöne Feuer auf dem Hofe gemacht. --

Der Junge blieb in der Gegend, und alle Leute halfen ihm, weil er eine

so schlechte Mutter hatte. -- Dann zog er aus der Gegend weg, weit

weg in eine andre, wo man nicht so gut gegen ihn war, denn dort wußte

wohl keiner, was für eine schlechte Mutter er hatte. Ich glaube nicht,

daß er es selber sagte. -- Das letztemal, als ich von ihm hörte, war

er betrunken, und die Leute sagen, daß er sich in der letzten Zeit

aufs Trinken gelegt habe; ob das wahr ist, will ich dahingestellt

sein lassen; eins aber ist wahr, daß ich nicht weiß, was er Besseres

tun könnte. Er ist ein schlechter, böser Bursche, das könnt ihr mir

glauben; er mag die Menschen nicht leiden -- und noch weniger mag er

es, daß sie gut gegeneinander sind, am allerwenigsten aber, wenn sie

gut gegen ihn selber sind. Und er sähe es gern, wenn andre so wären

wie er selber -- aber das sagt er nur, wenn er betrunken ist. Und

dann weint er auch, weint wie ein Schloßhund -- über gar nichts; denn

worüber sollte er auch wohl weinen? Er hat nie einem Menschen einen

Heller gestohlen oder etwas von dem Schlechten getan, was manche

andre tun, so daß er wirklich nichts hat, worüber er weinen könnte.

Und doch weint er, weint er wie ein Schloßhund. Und solltet ihr ihn

einmal weinen sehn, so achtet nicht darauf, denn er weint nur, wenn er

betrunken ist, und dann weiß er nicht, was er tut.«

Hier fiel Aslak unter heftigem Weinen rücklings von seinem Schemel

herunter, aber er beruhigte sich doch bald wieder, denn er schlief ein.

»Jetzt ist das Schwein besoffen,« sagte der Mann auf dem Bette. »Dann

liegt er immer da und heult sich in Schlaf.« -- »Das war eine häßliche

Geschichte,« sagten die Frauen, standen auf und gingen hinaus. -- »Ich

habe ihn niemals andre Geschichten erzählen hören, wenn man ihm seinen

eignen Willen ließ,« sagte ein alter Mann, der von seinem Sitz an der

Tür aufstand. »Gott weiß, warum die Leute ihn hören wollen,« setzte er

hinzu und sah nach der Braut hinüber.

5

Einige gingen hinaus, andre suchten den Spielmann, daß er wieder

hereinkäme, damit der Tanz beginnen könnte. Aber der Spielmann war in

einer Ecke der Diele eingeschlafen, und einige von den Gästen baten,

man möge ihn ruhig liegen lassen. Seit sein Kamerad Lars zuschanden

geschlagen worden ist, hat Ole Tag und Nacht spielen müssen. Man

hatte Thorbjörns Pferd und seine Sachen auf den Hof geschafft und

einen andern Wagen vorgespannt, da er trotz aller Bitten wieder

fort wollte. Namentlich der Bräutigam suchte ihn zurückzuhalten:

»Hier ist vielleicht nicht so große Freude für mich, wie man glauben

sollte,« sagte er, und Thorbjörn dachte das seine dabei; aber er

beschloß doch, weiterzufahren, ehe es Abend wurde. Als man sah, daß er

unerschütterlich war, zerstreute man sich über den Hof. Es waren viele

Leute da, aber es war sehr still, und das Ganze sah wenig nach einer

Hochzeit aus. Thorbjörn mußte einen neuen Deichselpflock haben und

ging, sich einen zu suchen. Auf dem Hofe war kein passender Gegenstand,

deswegen ging er ein wenig weiter und kam an einen Holzschuppen, in

den er hineinging, langsam und still, da ihn die Worte des Bräutigams

verfolgten. Er fand, was er suchte, und setzte sich dann, ohne recht zu

wissen, was er tat, an die eine Wand, Messer und Pflock in der Hand. Da

hörte er ganz in der Nähe etwas stöhnen; es war auf der andern Seite

der dünnen Wand, wo das Wagenschauer war, und nun lauschte er. -- »Bist

du es -- auch wirklich?« hörte er eine männliche Stimme leise und in

langen Zwischenräumen sagen, als spräche sie mit großer Anstrengung.

Dann hörte er jemand weinen, aber es war kein Mann. -- »Weshalb kamst

du auch hierher?« fragte eine Stimme, die der Weinenden gehören mußte,

denn sie war von Tränen erstickt. -- »Hm -- auf wessen Hochzeit sollte

ich denn spielen, wenn nicht auf deiner!« sagte die erste Stimme.

›Das ist sicher der Spielmann Lars, der da liegt,‹ dachte Thorbjörn.

Lars war ein kräftiger, schöner Bursch, dessen alte Mutter auf einer

Häuslerstelle, die zu dem Gehöfte gehörte, zur Miete wohnte, die andre

aber mußte die Braut sein! -- »Weshalb hast du nur nie gesprochen?«

sagte sie leise, aber sehr langsam, als sei sie in großer Erregung. --

»Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig,« war die kurze

Antwort. Dann war eine Weile alles still, endlich begann sie von neuem:

»Du wußtest doch, daß er hierherkam. -- Ich hatte dich für stärker

gehalten.« -- Er hörte nun nichts als Weinen, endlich brach sie wieder

in die Worte aus: »Warum hast du nicht gesprochen?«

»Es hätte dem Sohne der alten Birthe wohl wenig genützt, wenn er

die Tochter auf Nordhaug angesprochen hätte,« antwortete er nach

einer Pause, während der er schwer geatmet und viel gestöhnt hatte.

Er wartete auf Antwort. -- »Wir haben einander doch so viele Jahre

nachgeschaut,« sagte sie endlich.

»Du warst so stolz, man wagte nicht, ordentlich mit dir zu reden.«

»Und doch habe ich nichts in der Welt so sehr gewünscht! -- Ich wartete

jeden Tag; wo wir uns begegneten -- es war mir fast, als böte ich mich

dir an. Und dann dachte ich, daß du mich verschmähtest.« -- Wieder war

alles still. Thorbjörn hörte keine Antwort, kein Weinen; er hörte den

Kranken auch nicht atmen.

Thorbjörn dachte an den Bräutigam, den er kannte und für einen guten

Mann hielt, und er empfand Mitleid mit ihm. Da sagte sie: »Ich fürchte,

er wird wenig Freude an mir haben, er -- der --« -- »Es ist ein braver

Mann,« sagte der Kranke und fing wieder an, leise zu stöhnen, da ihn

offenbar die Brust schmerzte. Es schien, als fühle sie seinen Schmerz

mit, denn sie sagte: »Das ist nun so schwer für dich -- aber es wäre

wohl niemals zur Aussprache zwischen uns gekommen, wenn dies nicht

geschehn wäre. Als du Knud den Schlag versetztest, verstand ich dich

erst.«

»Ich konnte es nicht länger ertragen,« erwiderte er. Und nach einer

Weile fügte er hinzu: »Knud ist schlecht!« -- »Er ist nicht gut,« sagte

die Schwester.

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er: »Es soll mich wundern, ob

ich wohl jemals wieder gesund werde. Nun, das ist jetzt auch ganz

einerlei.« -- »Hast du es schlimm, so habe ich es noch weit schlimmer,«

und abermals folgte heftiges Weinen. -- »Willst du jetzt gehn?« fragte

er dann. -- »Ja,« lautete die Antwort, und nach einer Weile sagte

sie: »O mein Gott, mein Gott, was für ein Leben wird das werden!« --

»Weine nicht,« sagte er; »der liebe Gott wird meinem Leben bald ein

Ende machen, und dann wird es auch für dich besser werden, das sollst

du sehn.« -- »Jesus, Jesus, daß du nicht gesprochen hast!« rief sie mit

verhaltner Stimme, wie wenn sie die Hände ränge; Thorbjörn glaubte, daß

sie weggegangen sei, oder daß sie nicht imstande sei, länger zu reden;

denn er hörte eine ganze Weile nichts. Er ging.

Den ersten besten, dem Thorbjörn im Hofe begegnete, fragte er: »Was ist

eigentlich zwischen dem Spielmann Lars und Knud Nordhaug vorgefallen?«

-- »Ha? Zwischen denen? Ja« -- sagte der Häusler Peter und zog das

Gesicht zusammen, als wollte er etwas in den Falten verbergen; »danach

kannst du wohl fragen, denn das war um nichts und wieder nichts. Knud

fragte Lars nur, ob seine Fiedel auf dieser Hochzeit einen guten Klang

habe.«

In diesem Augenblick ging die Braut vorüber; sie hatte das Gesicht

abgewandt, als sie aber den Namen Lars vernahm, wandte sie sich um und

zeigte ein Paar große, rotgeweinte Augen, die unsicher blickten; sonst

aber war das Gesicht ganz kalt, so kalt, daß Thorbjörn es nicht mit

ihren Worten von vorhin zusammenreimen konnte. Das gab ihm noch mehr zu

denken.

Etwas weiter nach vorn im Hofe stand das Pferd und wartete; er

befestigte seinen Pflock und sah sich nach dem Bräutigam um, von dem er

sich verabschieden wollte. Er hatte keine große Lust, ihn zu suchen, es

war ihm sogar lieb, daß er nicht kam, und er setzte sich also auf den

Wagen. Da vernahm er von der linken Seite des Hofes her, wo die Scheune

stand, Lärmen und Rufen; es war eine ganze Gesellschaft, die aus der

Scheune herauskam; ein großer Mann, der voranging, rief: »Wo ist er? --

Hat er sich versteckt? -- Wo ist er?« -- »Da, da!« riefen mehrere. --

»Laßt ihn nicht dorthin,« sagten andre, »es gibt nur ein Unglück.« --

»Ist das Knud?« fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen, der neben seinem

Wagen stand. -- »Ja, er ist betrunken, dann sucht er immer Händel!« --

Thorbjörn saß schon auf dem Wagen und trieb nun das Pferd an. --»Nein,

halt, Kamerad,« hörte er eine Stimme hinter sich; er hielt das Pferd

an, als dies aber weiterging, ließ er es laufen. -- »Hallo! bist du

bange, Thorbjörn Granliden?« schrie jetzt die Stimme ganz dicht hinter

ihm. Jetzt zog er die Zügel an, sah sich aber nicht um.

»Steig ab und nimm teil an unsrer guten Gesellschaft,« rief jemand.

Thorbjörn wandte den Kopf: »Danke, ich muß nach Hause,« sagte er. Sie

unterhandelten eine Weile, und währenddes war der ganze Schwarm an den

Wagen herangekommen; Knud stellte sich vor das Pferd hin, streichelte

es erst und faßte es dann beim Kopfe, um es zu betrachten. Knud

war hochgewachsen, er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine

aufgeworfne Nase, der Mund war groß und dick, die Augen milchblau,

aber frech. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit der Schwester, nur einen

Zug um den Mund hatten sie gemein, und dann hatte er dieselbe gerade

aufsteigende Stirn, nur etwas niedriger, wie denn alle ihre feinen Züge

bei ihm gröber waren. -- »Was willst du für deinen Gaul haben?« fragte

Knud. -- »Ich will ihn gar nicht verkaufen,« erwiderte Thorbjörn. --

»Du glaubst wohl, ich könnte ihn nicht bezahlen?« sagte Knud. -- »Ich

weiß nicht, was du kannst.« -- »So? Du zweifelst daran? Davor solltest

du dich denn doch hüten,« sagte Knud. Der Bursche, der vorhin drinnen

im Zimmer an der Wand gestanden und mit dem Haar der Mädchen gespielt

hatte, sagte nun zu einem Nachbarn: »Knud wagt es diesmal nicht recht.«

Das hörte Knud. -- »Ich wage es nicht? Wer sagt das? Ich wage es

nicht?« schrie er. Mehr und mehr Leute kamen herzu. -- »Aus dem Wege,

gebt acht aufs Pferd!« schrie Thorbjörn und schwang die Peitsche; er

wollte fahren. -- »Sagst du zu mir: Aus dem Wege?« fragte Knud. -- »Ich

sprach mit dem Pferd; ich muß fort,« sagte Thorbjörn, wich aber auch

nicht zur Seite. -- »Was, du fährst gerade auf mich zu?« fragte Knud.

-- »So geh aus dem Wege!« -- und das Pferd erhob den Kopf, sonst hätte

es Knud damit gerade vor die Brust stoßen müssen. Da faßte Knud es

beim Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch von der Landstraße her

kannte, fing an zu zittern. Das aber rührte Thorbjörn, der bereute,

was er dem Pferde angetan hatte; jetzt wandte sich sein Zorn gegen

Knud, er erhob sich mit der Peitsche in der Hand und schlug Knud

über den Kopf. -- »Du schlägst?« schrie Knud und drängte sich näher

heran; Thorbjörn sprang vom Wagen herab. -- »Du bist ein schlechter

Mensch!« sagte er leichenblaß und übergab die Zügel dem Burschen aus

der Stube, der herzukam und sich erbot, das Pferd zu halten. Aber der

alte Mann, der von seinem Sitze neben der Tür aufgestanden war, als

Aslak seine Erzählung beendet hatte, ging jetzt zu Thorbjörn heran,

faßte ihn am Arm und sagte: »Sämund Granliden ist ein zu braver Mann,

als daß sich sein Sohn mit einem solchen Raufbold prügeln sollte.« Da

wurde Thorbjörn ruhig, Knud aber rief: »Ich bin ein Raufbold! Das ist

er ebensogut wie ich, und mein Vater ist ebenso gut wie der seine. --

Komm heran! Es ist schlimm, daß die Leute nicht wissen, wer von uns

beiden der stärkste ist,« fügte er hinzu und nahm sein Halstuch ab.

-- »Das wird sich schon früh genug zeigen,« sagte Thorbjörn. Da sagte

der Mann, der vorhin auf dem Bette gelegen hatte: »Sie sind wie zwei

Katzen; sie müssen sich erst Mut einreden, alle beide!« Thorbjörn hörte

das, antwortete aber nicht. Einige aus der Menge lachten, andre sagten,

es wäre schändlich mit allen den Prügeleien hier auf der Hochzeit und

namentlich, daß sie einen fremden Mann verhöhnten, der friedlich seiner

Wege ziehn wollte. Thorbjörn sah sich nach dem Pferde um; es war seine

Absicht, weiterzufahren. Der Bursche aber hatte es umgewandt und eine

ganze Strecke fortgefahren; nun stand er dicht hinter ihnen. -- »Wonach

siehst du dich um?« fragte Knud; »Synnöve ist weit weg!« -- »Was geht

dich die an?« -- »Nein, solche scheinheilige Frauenzimmer gehn mich

nichts an,« sagte Knud, »aber vielleicht hat sie dich um deinen Mut

gebracht.« -- Dies war zu viel für Thorbjörn; sie sahn, wie er sich

umschaute und den Platz prüfte. Jetzt legten sich wieder einige

von den ältern Leuten ins Mittel und meinten, Knud hätte auf dieser

Hochzeit schon genug Unheil angerichtet. -- »Mir soll er nichts tun,«

sagte Thorbjörn, und als die andern das hörten, schwiegen sie. Andre

sagten: »Laßt sie die Sache ausfechten, dann werden sie wieder gute

Freunde; diese beiden haben sich lange genug feindlich angesehn.« --

»Ja,« meinte einer, »sie wollen beide erster im Kirchspiel sein, jetzt

werden wir es ja sehn.« -- »Habt ihr etwa einen gewissen Thorbjörn

Granliden gesehn?« fragte Knud; »mich dünkt, er sei hier vorhin auf dem

Hofe gewesen.« -- »Ja, hier ist er,« sagte Thorbjörn, und in demselben

Augenblick bekam Knud einen Schlag über das rechte Ohr, so daß er

zwischen zwei Männer taumelte, die dastanden. Jetzt trat tiefe Stille

ein. Knud erhob sich und stürzte vor, ohne ein Wort zu sagen, Thorbjörn

trat ihm entgegen. Es entstand ein langer Faustkampf, da beide einander

auf den Leib wollten; beide aber waren geübte Ringer, und jeder hielt

den andern von sich ab. Thorbjörns Schläge fielen doppelt so schnell,

und einige meinten, auch doppelt so schwer. -- »Da hat Knud seinen

Mann gefunden,« sagte der Bursche, der das Pferd hielt; »macht Platz!«

-- Die Frauen flüchteten, nur eine stand hoch oben auf einer Treppe,

um besser sehn zu können; es war die Braut. Thorbjörn erblickte einen

Schimmer von ihr und hielt einen Augenblick inne -- da sah er ein

Messer in Knuds Hand; er erinnerte sich ihrer Worte, daß Knud kein

guter Mensch sei, und mit einem wohlgezielten Schlage traf er Knuds

Arm über dem Handgelenk, so daß das Messer zu Boden fiel und der Arm

kraftlos herabsank. »Au, wie du schlägst,« sagte Knud. -- »Meinst du?«

entgegnete Thorbjörn und drang auf ihn ein. Knud konnte sich mit einem

Arm nur schlecht wehren, er wurde aufgehoben und davongetragen, aber es

währte lange, bis er wieder geworfen wurde. Er wurde mehrmals so hart

zu Boden geworfen, daß jeder andre genug daran gehabt hätte, aber Knuds

Rücken war stark; Thorbjörn stürzte vorwärts mit ihm, die Leute wichen

zurück, er kam ihnen nach mit seiner Last, so ging es um den ganzen

Hof herum, bis sie an die Treppe kamen, wo er ihn noch einmal in die

Höhe hob und mit solcher Gewalt zu Boden schleuderte, daß seine Knie

nachgaben und Knud über die steinernen Stufen fiel, daß es in ihm sang.

Knud blieb regungslos liegen, stieß einen tiefen Seufzer aus und schloß

die Augen. Thorbjörn erhob sich und sah sich um; sein Blick fiel gerade

auf die Braut, die regungslos dastand und zuschaute. -- »Holt etwas und

legt es ihm unter den Kopf,« sagte sie, wandte sich um und ging ins

Haus.

Zwei alte Weiber gingen vorüber; die eine sagte zu der andern:

»Herrgott, da liegt schon wieder einer! Wer ist denn das nun?« Ein

Mann antwortete: »Das ist Knud Nordhaug.« Da sagte die andre Frau: »Da

hat es in Zukunft wohl ein Ende mit diesen Schlägereien! Sie sollten

ihre Kräfte doch auch zu etwas Besserm gebrauchen.« -- »Da hast du ein

wahres Wort geredet, Randi,« meinte die andre; »Gott helfe ihnen so

weit, daß sie aneinander vorbei und zu etwas Höherm hinaufsehn lernen.«

Diese Worte machten einen eigentümlichen Eindruck auf Thorbjörn; er

hatte kein Wort gesagt, sondern stand schweigend da und sah den Leuten

zu, die um Knud beschäftigt waren. Mehrere sprachen mit ihm, aber er

antwortete nicht; er wandte sich ab und versank in Gedanken. Synnöve

trat ihm vor die Seele, und er schämte sich tief. Er überlegte, was für

eine Erklärung er ihr geben sollte, und er dachte darüber nach, daß es

doch nicht so leicht sei, sich zu bessern, wie er geglaubt hatte. In

demselben Augenblick hörte er hinter sich den Ruf: »Nimm dich in acht,

Thorbjörn!« Ehe er sich aber umwenden konnte, war er von hinten bei den

Schultern gepackt und niedergeworfen, und er fühlte nichts mehr als

einen stechenden Schmerz, ohne recht zu wissen, wo er ihn empfand. Er

hörte Stimmen um sich her, fühlte, daß gefahren wurde, glaubte selber

zeitweise, daß er führe, war sich aber über nichts klar.

Dies währte eine lange Zeit, es wurde kalt, dann bald wieder warm,

und dann war ihm so leicht, so leicht, daß er zu schweben glaubte

-- und jetzt begriff er es: er wurde von einem Baumgipfel zum andern

getragen, so daß er auf den Bergabhang hinaufkam, und höher hinauf,

bis auf die Alm -- noch höher hinauf -- bis auf den höchsten Berg;

da beugte Synnöve sich über ihn und weinte und sagte, er hätte doch

reden sollen. Sie weinte heftig und meinte, er hätte doch selber sehn

können, daß Knud Nordhaug ihm in den Weg träte -- ihm beständig in den

Weg getreten wäre, und da habe sie ja Knud nehmen müssen. Und dann

streichelte sie ihm sanft die eine Seite, so daß er da ganz warm wurde,

und weinte so, daß sein Hemd an der Stelle ganz naß wurde. Aslak aber

kauerte oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumwipfel

ringsumher an, so daß es knisterte und prasselte und die Zweige um ihn

herumflogen, er selber lachte mit weit aufgerissenem Munde und sagte:

»Ich bin ja nicht, der es tut, meine Mutter tut es!« Und Sämund, sein

Vater, stand auf der einen Seite und warf Kornsäcke so hoch in die

Höhe, daß die Wolken sie zu sich emporzogen und das Korn ausbreiteten

wie einen Nebel -- und es erschien ihm sonderlich, daß sich das Korn

wie ein Nebel über den ganzen Himmel ausbreiten konnte. Als er zu

Sämund selbst hinabblickte, erschien ihm dieser so klein, so klein,

daß er schließlich kaum noch über den Erdboden aufragte, trotzdem aber

warf er die Säcke immer höher und höher und sagte: »Mach mir +das+

einmal nach, du!« -- Weit fort in den Wolken stand die Kirche, und die

blonde Frau von Solbakken stand oben auf dem Turm und winkte mit einem

rötlichgelben Taschentuch in der einen und einem Gesangbuch in der

andern Hand und sagte: »Hierher kommst du nicht, ehe du dir das Prügeln

und Fluchen abgewöhnt hast!« -- und als er genauer hinsah, war es nicht

die Kirche, sondern Solbakken, und die Sonne schien so grell auf alle

die Hunderte von Fensterscheiben, daß die Augen ihn schmerzten und er

sie fest schließen mußte. --

»Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!« hörte er eine Stimme sagen und

erwachte wie aus einem Schlummer davon, daß er getragen wurde, und als

er sich umsah, war er in die Stube zu Granliden gekommen; ein großes

Feuer brannte auf dem Herde, die Mutter stand neben ihm und weinte;

der Vater hatte gerade den Arm unter ihn geschoben -- er wollte ihn

in ein Nebenzimmer tragen. Da ließ der Vater ihn wieder los: »Es ist

noch Leben in ihm,« sagte er mit bebender Stimme zur Mutter gewandt. --

»Herr, sei uns gnädig!« rief sie, »er schlägt die Augen auf! Thorbjörn!

Thorbjörn! Geliebter Junge, was haben sie dir getan!« und sie beugte

sich über ihn herab und streichelte seine Wange, während ihre Tränen

warm auf sein Antlitz fielen. Sämund strich sich mit dem einen Ärmel

über das Auge, schob dann die Mutter sanft zur Seite: »Ich will ihn

lieber gleich nehmen!« Und er schob die eine Hand vorsichtig unter

die Schulter und legte die andre ein wenig tiefer unter den Rücken:

»Halte du den Kopf, Mutter, wenn er nicht Kraft genug haben sollte, ihn

zu tragen.« -- Sie ging voran und hielt den Kopf, Sämund versuchte,

Schritt mit ihr zu halten, und bald lag Thorbjörn auf dem Bett in der

andern Stube. Als sie ihn nun zugedeckt und sorgfältig gebettet hatten,

fragte Sämund, ob der Knecht fort sei. -- »Sieh, da ist er!« sagte die

Mutter und zeigte aus dem Fenster. Sämund öffnete das Fenster und rief

hinaus: »Wenn du in einer Stunde da bist, sollst du deinen Jahreslohn

doppelt haben -- einerlei, ob du das Pferd zuschanden reitest.«

Er kehrte wieder an das Bett zurück, Thorbjörn sah ihn mit großen,

klaren Augen an, der Vater mußte hineinschauen, und da begannen die

seinen feucht zu werden. »Ich wußte, daß es so enden würde,« sagte er

leise, wandte sich ab und ging hinaus. Die Mutter saß auf einem Schemel

zu den Füßen des Sohnes und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn

wollte sprechen, aber er fühlte, daß es ihm schwer fallen würde, und

so schwieg er. Aber er sah die Mutter unverwandt an, und die Mutter

hatte niemals einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, sie waren

auch nie so schön gewesen, und das schien ihr ein schlimmer Vorbote

zu sein. »Gott der Herr helfe dir!« rief sie endlich, »ich weiß, daß

es mit Sämund aus ist an dem Tage, wo du gehst!« Thorbjörn sah sie

mit unbeweglichen Augen und Zügen an. Dieser Blick ging ihr durch und

durch, und sie begann, ihm ein Vaterunser vorzubeten, denn sie glaubte,

daß er nur noch kurze Zeit zu leben habe. Während sie so dasaß, ging

es ihr durch den Sinn, wie teuer gerade er ihnen allen gewesen war,

und jetzt war keins von seinen Geschwistern zu Hause. Sie sandte einen

Boten nach der Alm hinauf, um Ingrid und einen jüngern Bruder zu holen,

kehrte dann zurück und setzte sich wieder an ihren alten Platz. Er

sah sie noch immer an, und sein Blick wirkte auf sie wie der Gesang

eines Kirchenliedes, der ihre Gedanken nach und nach zu höhern Dingen

hinleitete, und die alte Ingebjörg wurde andächtig, holte die Bibel

und sagte: »Jetzt will ich dir vorlesen, das wird dir wohltun.« Da sie

keine Brille zur Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie noch

aus ihrer Mädchenzeit ungefähr auswendig wußte, und das war aus dem

Evangelium Johannis. Sie war nicht sicher, ob er sie hörte, denn er lag

unbeweglich wie zuvor da und starrte sie nur an; aber sie las doch,

wenn nicht für ihn, so doch für sich selbst.

Ingrid war schnell daheim, um sie abzulösen, da aber schlief Thorbjörn.

Ingrid weinte unablässig; sie hatte schon zu weinen begonnen, ehe

sie von der Alm gegangen war; denn sie dachte an Synnöve, die nichts

erfahren hatte. -- Jetzt kam der Doktor und untersuchte ihn. Er hatte

einen Messerstich in die Seite bekommen und war auch sonst verletzt

worden, aber der Doktor sagte nichts, und niemand fragte ihn. Sämund

folgte ihm in die Krankenstube, blieb dort stehn und sah das Gesicht

des Doktors ununterbrochen an, ging mit ihm hinaus, half ihm auf das

Kariol und griff an die Mütze, als der Doktor sagte, daß er am nächsten

Tage wiederkommen würde. Dann wandte er sich zu seiner Frau, die mit

hinausgekommen war: »Wenn der Mann nichts sagt, ist es gefährlich!«

Seine Lippen bebten, er schlang den einen Fuß um den andern, und dann

ging er auf das Feld hinaus.

Niemand wußte, wo er geblieben war, denn an jenem Abend und auch in der

Nacht kehrte er nicht heim, sondern erst am nächsten Morgen, und da sah

er so finster aus, daß ihn niemand etwas zu fragen wagte. Er selber

fragte: »Nun?« -- »Er hat geschlafen!« antwortete Ingrid; »aber er ist

so kraftlos, daß er nicht einmal die Hand aufzuheben vermag.« Der Vater

wollte hinein, um nach ihm zu sehn, kehrte aber um, als er an die Tür

gekommen war.

Synnöve Solbakken: Erzählung · 第 4 / 8 段