nach der Mühle zu tragen; denn die Leute ringsumher im Kirchspiel
mahlten auf der Granlider Mühle, wenn das Wasser in ihren eignen Bächen
versiegt war; der Granlider Bach trocknete niemals aus. Es waren viele
Säcke zu tragen, einige davon recht groß, andre von gewaltigem Umfang.
Die Frauen standen in der Nähe und rangen Wäsche aus. Thorbjörn ging
zum Vater und packte einen Sack. -- »Soll ich dir vielleicht helfen?«
-- »Ach, ich werde schon allein fertig werden,« erwiderte Sämund, hob
schnell einen Sack auf den Rücken und schritt damit auf die Mühle zu.
-- »Es sind ihrer viele,« sagte Thorbjörn, packte zwei große Säcke,
stemmte den Rücken dagegen und zog mit jeder Hand einen Sack über die
Schulter und stemmte die Ellenbogen in die Seite. Auf halbem Wege
begegnete er Sämund, der zurückkam, um einen neuen Sack zu holen; der
Vater sah ihn hastig an, sagte aber nichts. Als Thorbjörn seinerseits
nach dem Vorratshause zurückkehrte, begegnete ihm Sämund mit zwei noch
größern Säcken. Diesmal nahm Thorbjörn einen ganz kleinen Sack und trug
ihn zur Mühle; als Sämund ihm begegnete, sah er ihn wieder an, und
zwar länger als das erstemal. Da geschah es, daß sie beim Vorratshause
zusammentrafen. -- »Es ist ein Bote aus Nordhaug gekommen,« sagte
Sämund, »sie wollen dich am Sonntag mit zur Hochzeit haben.« -- --
Ingrid sah flehend von ihrer Arbeit zu ihm auf, ebenso die Mutter. --
»So?« sagte Thorbjörn trocken und packte diesmal die beiden größten
Säcke, die er finden konnte. -- »Gehst du hin?« fragte Sämund finster.
-- »Nein!«
4
Die Granlider Alm hatte eine wundervolle Lage, man konnte von dort das
ganze Kirchspiel übersehn, vor allem Solbakken mit seinem vielfarbigen
Wald ringsumher, und dann die andern Gehöfte, die wie in einem Kranz
von Waldungen dalagen, so daß der grüne Grasplatz mit den Häusern in
der Mitte aussah wie ein Hort des Friedens, den man dem rauhen Erdboden
mit Gewalt abgerungen hatte. Vierzehn Höfe konnte man von der Granlider
Alm aus zählen. Von Granliden selber sah man aber nur die Dächer der
Häuser, und zwar auch nur von dem höchsten Punkte der Alm aus. Trotzdem
pflegten die Mädchen dort oft zu sitzen und den Rauch zu beobachten,
der aus den Schornsteinen aufstieg. -- »Jetzt kocht Mutter das
Mittagessen,« sagte Ingrid; »heute gibt es Salzfleisch und Speck.« --
»Horch! jetzt werden die Männer gerufen!« sagte Synnöve; »wo sie heute
wohl arbeiten?« und ihre Augen folgten dem Rauch, der ungestüm und
lustig in die klare, sonnige Luft aufstieg, bald aber langsamer wurde,
sich besann und dann in breitem Zuge über den Wald hinströmte, bis er
immer dünner wurde und schließlich als flatternder Flor in der Ferne
verschwand. Mancherlei Gedanken stiegen in ihnen auf und schweiften
dahin über das Kirchspiel. Heute weilten sie in Nordhaug. Es war einige
Tage nach der Hochzeit, da diese aber sechs Tage dauern sollte, drangen
noch immer hin und wieder Schüsse und vereinzelte, besonders laute Rufe
zu ihnen hinauf. -- »Sie sind lustig da unten,« sagte Ingrid. -- »Ich
gönns ihnen,« erwiderte Synnöve und griff wieder zu ihrem Strickzeug.
-- »Es wäre doch ganz amüsant, wenn man mit dabei sein könnte,« sagte
Ingrid, die im Grase kauerte und nach dem Hofe hinüberschaute, wo die
Leute zwischen den Gebäuden hin und her gingen -- einige nach dem
Vorratshause, wo sicher reichgedeckte Tische standen, andre weiter
entfernt, paarweise und in vertraulicher Unterhaltung. -- »Ich weiß
nicht recht, weswegen man sich dahinsehnen sollte,« sagte Synnöve.
-- »Ich weiß es auch kaum,« entgegnete Ingrid, die noch immer im
Grase saß. »Es muß wohl der Tanz sein,« fügte sie dann hinzu. Synnöve
erwiderte nichts hierauf. -- »Hast du niemals getanzt?« fragte Ingrid.
-- »Nein!« -- »Glaubst du eigentlich, daß Tanzen eine Sünde ist?« --
»Ich weiß nicht recht.« -- Ingrid ließ den Gegenstand der Unterhaltung
vorläufig fallen, denn sie erinnerte sich, daß das Tanzen bei den
Haugianern streng verboten war, und das Verhältnis der Eltern zu
Synnöve in diesem Punkte wollte sie nicht weiter untersuchen. Wie nun
auch ihre Gedanken darüber sein mochten, so sagte sie nach einer Weile:
»Einen bessern Tänzer als Thorbjörn habe ich noch niemals gesehn.« --
Synnöve wartete ein wenig, dann sagte sie: »Ja, er soll gut tanzen.« --
»Du solltest ihn nur tanzen sehn,« rief Ingrid und wandte sich nach
ihr herum. Synnöve aber antwortete schnell: »Nein, das will ich nicht!«
Ingrid stutzte bei diesen Worten, Synnöve beugte sich tief über ihr
Strickzeug und fing an, die Maschen zu zählen. Plötzlich ließ sie das
Strickzeug in den Schoß fallen, sah gerade vor sich hin und sagte: »So
von Herzen froh wie heute bin ich lange nicht gewesen.« -- »Weshalb
denn?« fragte Ingrid. -- »Ach, weil er heute nicht auf Nordhaug tanzt!«
-- Ingrid hing ihren eignen Gedanken nach: »Ja, es sollen dort Mädchen
sein, die sich nach ihm sehnen,« sagte sie. Synnöve öffnete den Mund,
als wollte sie reden, schwieg aber, zog eine Stricknadel heraus und
wechselte. -- »Thorbjörn wäre gewiß auch gern da; davon bin ich fest
überzeugt,« sagte Ingrid, merkte aber erst hinterher, was sie gesagt
hatte, und sah Synnöve an, die wie mit Blut übergossen dasaß und
strickte. Jetzt übersah Ingrid plötzlich ihr ganzes Gespräch, schlug
die Hände zusammen, rutschte auf den Knien im Heidekraut bis dicht zu
Synnöve heran und sah ihr in die Augen. Synnöve aber strickte weiter.
Da lachte Ingrid und sagte: »Nun hast du mir alle diese langen Tage
hindurch wieder etwas verheimlicht.« -- »Was sagst du da?« fragte
Synnöve und sah sie mit unsicherm Blick an. -- »Du bist nicht böse,
daß Thorbjörn tanzt,« sagte Ingrid und lachte noch immer. Synnöve
antwortete nicht; Ingrid aber lachte über das ganze Gesicht, sie faßte
Synnöve um den Hals und flüsterte ihr ins Ohr: »Aber du ärgerst dich,
weil er mit andern als mit dir tanzt.«
»Wie du nur so reden kannst!« sagte Synnöve, riß sich los und stand
auf. Ingrid erhob sich gleichfalls und ging ihr nach. »Es ist eine
Schande, Synnöve, daß du nicht tanzen kannst,« sagte sie und lachte;
»eine wahre Schande! Komm nur, ich wills dich gleich lehren!« -- Sie
faßte Synnöve um den Leib. -- »Was willst du?« fragte diese. -- »Dich
tanzen lehren, daß du nicht mehr den schrecklichen Kummer hast, daß
er mit andern tanzt als mit dir.« -- Jetzt mußte auch Synnöve lachen
oder doch so tun, als lache sie. -- »Es könnte uns leicht jemand sehn,«
sagte sie. -- »Gott segne dich für die Antwort, so dumm sie auch war,«
sagte Ingrid und begann schon eine Tanzweise zu summen und Synnöve nach
dem Takt zu drehen. -- »Nein, nein, es geht nicht!« -- »Du sagtest
doch vorhin selbst, du wärst manchen Tag nicht so vergnügt gewesen;
komm nur!« -- »Wenn es nur ginge!« -- »Versuchs nur, dann wirst du
schon sehn, daß es geht!« -- »Du bist so ausgelassen, Ingrid!« -- »So
sagte auch die Katze zum Sperling, als der Sperling nicht still sitzen
wollte, daß die Katze ihn fangen könnte. So komm nur!« -- »Im Grunde
hätte ich wohl Lust, aber --« -- »Nun bin ich Thorbjörn, und du bist
seine junge Frau, die nicht will, daß er mit andern als mit ihr tanzen
soll.« -- »Aber --« Ingrid summte die Melodie. -- »Aber« -- wiederholte
Synnöve noch einmal; aber sie tanzte schon! Es war ein Springtanz, und
Ingrid ging voran mit großen Schritten und männlichen Armbewegungen,
Synnöve folgte ihr mit kurzen Schritten und niedergeschlagnen Augen --
und Ingrid sang:
»Der Fuchs liegt unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase hüpft so leicht husch husch
Auf der Heide.
Und alles ist eitel Sonnenglanz,
Und überall ein Flimmertanz
Auf der Heide.
Der Fuchs lacht unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase lustig hüpft husch husch
Auf der Heide.
Wie ist mir heut so wonniglich!
Hopp hopp! springst du wohl auch wie ich
Auf der Heide.
Der Fuchs lugt unter dem Birkenbusch
Auf der Heide,
Und der Hase hüpft grad auf ihn zu husch husch
Auf der Heide.
Hab ich dich da! -- Gott gnade mir!
Mein Lieber, wie kannst du auch tanzen hier
Auf der Heide?«
»Nun, ging es nicht ganz gut?« fragte Ingrid, als sie atemlos
innehielten.
Synnöve lachte und sagte, sie habe mehr Lust zu einem Walzer. -- »Ja,
dem steht nichts im Wege,« meinte Ingrid, und sie schickten sich schon
dazu an, indem Ingrid ihr zeigte, wie sie die Füße setzen müsse. --
»Denn das Walzen, das ist schwer.« -- »Ach, es wird schon gehn, wenn
wir nur erst im Takt sind,« sagte Synnöve, und nun wollte Ingrid, daß
sie einen Versuch machten. Und das taten sie denn auch, Ingrid sang,
und Synnöve sang mit -- anfangs summte sie nur, dann sang sie lauter.
Da aber hielt Ingrid inne, ließ sie los und schlug die Hände vor lauter
Verwunderung über dem Kopf zusammen. »Aber du kannst ja walzen!« rief
sie.
»Pst! sprich nur nicht darüber!« sagte Synnöve und umfaßte Ingrid
abermals, um weiterzutanzen. -- »Aber wo hast du es denn nur gelernt?«
-- »Trala, trala!« -- und sie schwenkte sie herum. Da tanzte Ingrid aus
Herzenslust und sang dazu:
»Schau, Sonne die tanzt auf dem Heukelidfjäld;
Nun tanze, mein Liebchen, solang es noch hell.
Schau, Bächlein das hüpfet zum Meere hinab;
Nun hüpf, wilder Bursche! dort wartet dein Grab.
Schau, Birke die dreht sich im wirbelnden Wind;
Nun drehe dich, Mädchen! -- Was brach da, mein Kind?
Schau --« --
»Was für wunderliche Lieder du singst!« sagte Synnöve und hörte auf zu
tanzen. -- »Ich weiß wirklich nicht, was ich singe; Thorbjörn hat sie
gesungen.« -- »Es sind Lieder von dem Zuchthaus-Bert,« sagte Synnöve;
»ich kenne sie.« -- »Sind sie von dem?« fragte Ingrid erschrocken.
Sie sah vor sich hin und sagte nichts; plötzlich gewahrte sie jemand
unten am Wege. -- »Du -- da fährt jemand von Granliden die Landstraße
entlang!« -- Nun sah auch Synnöve hin. -- »Ist er es?« fragte sie. --
»Ja, das ist Thorbjörn, er will zur Stadt.« -- --
Es war wirklich Thorbjörn, und er fuhr zur Stadt. Sie war weit
entfernt, sein Wagen war schwer beladen, deswegen fuhr er langsam die
staubige Straße entlang. Diese lag so, daß man sie von der Alm aus
übersehn konnte, und als er nun von dort oben herab Jodler vernahm,
erkannte er, wer es war, stieg oben auf seinen Wagen und sandte einen
Jodler zurück, daß es in den Bergen widerhallte. Dann wurde auf dem
Hirtenhorn zu ihm herabgeblasen, er saß da und lauschte, und als die
Töne verhallt waren, erhob er sich wieder und sandte einen Jodler in
die Luft empor. So ging es eine Zeitlang fort, und eine fröhliche
Stimmung überkam ihn. Er sah nach Solbakken hinüber, und es war
ihm, als habe es die Sonne noch niemals so strahlend beschienen wie
eben jetzt. Aber wie er so dasaß und hinüberschaute, vergaß er das
Pferd, so daß es weiter trabte, wie es ihm beliebte. Da schreckte
er plötzlich empor, denn das Pferd machte einen solchen Sprung zur
Seite, daß die eine Deichselstange brach, und nun raste das Pferd
in wildem Galopp über den Nordhauger Acker, denn darüber führte der
Weg. Er erhob sich im Wagen und zog die Zügel an; es entstand ein
Kampf zwischen ihm und dem Pferde, das einen steilen Abhang hinunter
wollte, wovon er es zurückzuhalten suchte. Er zog die Zügel so straff
an, daß es sich bäumte; zugleich sprang er ab, und es gelang ihm,
ehe das Pferd wieder weiterrasen konnte, die Zügel um einen Baum zu
schlingen -- und nun mußte das Pferd stehn. Die Ladung war zum Teil
abgeworfen worden, die eine Deichselstange war zerbrochen, und das
Pferd stand da und zitterte. Er trat zu ihm heran, faßte es am Zügel
und redete ihm sanft zu; er wendete es gleich um, daß es nicht den
Abhang hinuntersausen solle, falls es abermals durchgehn wollte;
stillestehn konnte es nicht, so außer sich war es, und er mußte halb
springend nebenher laufen, weiter und weiter, bis er wieder auf dem
Wege angelangt war. Dabei kam er an seinen abgeworfnen Sachen vorüber,
die durcheinandergeworfen umherlagen -- die Gefäße zerschlagen, der
Inhalt zum Teil verdorben. Bisher hatte ihn die Gefahr ganz in Anspruch
genommen, jetzt fing er an, die Folgen des Unfalls zu erwägen, und
wurde zornig; es war klar, daß aus der Fahrt in die Stadt nichts mehr
wurde, und je mehr Betrachtungen er anstellte, desto wütender wurde
er. Auf der Landstraße scheute das Pferd nochmals und versuchte einen
Sprung zu machen, um sich loszureißen -- da aber brach der Zorn los.
Während er es mit der Linken am Gebiß festhielt, versetzte er ihm mit
der Rechten in die Flanke mit seiner großen Reisepeitsche Schlag auf
Schlag, Schlag auf Schlag, so daß es vor Wut schäumte und ihm mit den
Vorderhufen nach der Brust schlug. Er aber hielt es sich vom Leibe,
schlug es noch heftiger als vorher, aus Leibeskräften, und gebrauchte
dazu das dicke Ende der Peitsche. -- »Ich will dichs lehren, du
widerspenstige Kreatur!« und er schlug drauflos. Das Pferd wieherte und
schrie, er schlug. -- »Du sollst kennen lernen, wie eine starke Faust
schmeckt!« und er schlug. Das Pferd schnob, daß ihm der Schaum über die
Hand floß; er aber schlug. -- »Das soll das erste- und das letztemal
sein, du Bestie! Da! Da hast du noch einen, du Lumpenvieh! Ich will
dich parieren lehren!« und er schlug. Währenddem hatten sie sich
herumgedreht, das Pferd leistete keinen Widerstand mehr, es zitterte
und bebte bei jedem Schlag und beugte den Kopf wiehernd, sobald es
sah, daß die Peitsche sich über ihm in der Luft hob. Da überkam es
Thorbjörn wie Scham; er hielt inne. In demselben Augenblick wurde er
eines Mannes gewahr, der auf die Ellenbogen gestützt am Grabenrande lag
und über ihn lachte. Er wußte nicht, wie es zuging, aber es wurde ihm
schwarz vor den Augen, und das Pferd am Zügel drang er mit erhobner
Peitsche auf ihn ein. »Ich werde dir was zum Lachen geben!« Der Schlag
fiel, traf aber nur halb, da der Mann sich mit einem Schrei in den
Graben hinabwälzte. Hier blieb er auf allen Vieren liegen, drehte aber
den Kopf herum, schielte Thorbjörn an und verzog den Mund zum Lachen;
das Lachen selber hörte man aber nicht. Thorbjörn stutzte, denn dies
Gesicht hatte er schon früher gesehn. Ja, es war Aslak.
Thorbjörn wußte nicht, warum, aber ein kalter Schauder lief ihm
den Rücken hinab. -- »Das warst wohl du, der das Pferd beide Male
scheu gemacht hat,« sagte er.-- »Ich lag hier nur und schlief ein,«
antwortete Aslak und erhob sich ein wenig; »und dann wecktest du mich,
als du wie ein Verrückter mit deinem Pferd umgingst.« -- »Du hast es
scheu gemacht; alle Tiere fürchten sich vor dir!« und er streichelte
das Pferd, das so schwitzte, daß der Schweiß von ihm herabtroff. -- »Es
fürchtet sich jetzt sicher mehr vor dir als vor mir; ich habe niemals
ein Pferd so mißhandelt,« sagte Aslak; er hatte sich jetzt im Graben
auf den Knien aufgerichtet. -- »Nimm nur den Mund nicht allzuvoll,«
sagte Thorbjörn und drohte mit der Peitsche. Da erhob sich Aslak und
kroch herauf. -- »Was, ich -- ich sollte meinen Mund zu voll nehmen?
Nein. -- Aber wo willst du denn hin, daß du so eilig fährst?« sagte
er mit sanfter Stimme, indem er sich näherte, dabei aber von einer
Seite auf die andre schwankte, denn er war betrunken. -- »Ich werde
heute wohl nicht viel weiterkommen,« sagte Thorbjörn, der das Pferd
ausspannte. -- »Das ist ja fatal, das,« meinte Aslak, kam noch näher
heran und zog den Hut. »Herrje!« sagte er, »was für ein großer, schöner
Bursche du geworden bist, seit ich dich nicht mehr gesehn habe.« --
Er hatte beide Fäuste in die Taschen gesteckt und stand da, so gut es
gehn wollte, und beobachtete Thorbjörn, der das Pferd nicht von dem
zerbrochnen Wagen losbekommen konnte. Thorbjörn bedurfte der Hilfe;
aber er konnte es nicht über sich gewinnen, Aslak darum zu bitten,
denn er sah garstig aus; seine Kleider waren vom Graben beschmutzt,
sein Haar hing verfilzt unter einem alten, blanken Hut heraus, und das
Gesicht, das freilich zum Teil noch die wohlbekannten Züge trug, war
jetzt zu einem beständigen Lächeln verzogen, und die Augen waren noch
mehr geschlossen als früher, so daß er den Kopf ein wenig hintenüber
und den Mund halbgeöffnet halten mußte, wenn er jemand ansah. Alle
seine Züge waren schlaff und die ganze Gestalt steif geworden, denn
Aslak trank. Thorbjörn hatte ihn auch früher häufig gesehn, aber Aslak
tat, als wisse er das nicht. Als Hausierer durchzog er die ganze Gegend
und war gern da, wo es lustig zuging, denn er konnte viele Lieder
singen, erzählte gut und wurde dafür mit Branntwein traktiert. So war
er jetzt auch auf der Nordhauger Hochzeit gewesen, hatte es aber, wie
Thorbjörn später erfuhr, für ratsam gehalten, sich für eine Weile
zu verziehen, da er nach alter Gewohnheit die Leute gegeneinander
aufgehetzt hatte und es schließlich über ihn selber herzugehn
drohte. -- »Du kannst das Pferd ebensogut an den Wagen binden als es
abschirren,« sagte er; »du mußt doch nach Nordhaug, um alles wieder in
Ordnung zu bringen.« Thorbjörn hatte denselben Gedanken gehabt, ihn
jedoch bisher von sich gewiesen. -- »Es ist eine große Hochzeit dort,«
sagte er. -- »Und deswegen ist auch hinreichend Hilfe dort zu haben,
entgegnete Aslak. Thorbjörn stand ein wenig unschlüssig da; aber ohne
Hilfe konnte er weder vorwärts noch rückwärts kommen, und da war es
denn das beste, auf den Hof zu gehn. Er band das Pferd solange fest und
entfernte sich. Aslak folgte ihm. Thorbjörn sah sich nach ihm um. --
»Ich kehre in guter Gesellschaft auf die Hochzeit zurück,« sagte Aslak
und lachte. Thorbjörn antwortete ihm nicht, sondern beschleunigte seine
Schritte. Aslak ging hinter ihm drein und sang:
»Es ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus usw.,«
ein altes, wohlbekanntes Lied. -- »Du gehst aber schnell,« sagte er
nach einer Weile. »Du kommst immer noch früh genug,« fügte er hinzu.
Thorbjörn antwortete ihm nicht. Töne von Tanz und Spiel drangen ihnen
entgegen, durch die offnen Fenster des zweistöckigen Gebäudes schauten
Gesichter zu ihnen herab. Im Hofe bildeten sich Gruppen; er sah, daß
sie untereinander darüber sprachen, wer es wohl sein könnte; bald
bemerkte er, daß er erkannt sei und daß sie nach und nach das Pferd und
das über das Feld zerstreute Geschirr gewahrten. Das Tanzen hörte auf,
der ganze Schwarm ergoß sich gerade in dem Augenblick, als sie kamen,
über den Hof. -- »Hier kommen Hochzeitsgäste wider Willen,« rief Aslak,
als er sich endlich hinter Thorbjörn der Gesellschaft näherte. -- Man
begrüßte Thorbjörn und bildete einen Kreis um ihn.
»Gott segne das Gelage, gutes Bier auf dem Tische, schöne Dirnen auf
dem Tanzboden und gute Musikanten auf dem Schemel,« sagte Aslak und
drängte sich bei diesen Worten mitten unter die Menge. Einige lachten,
andre blieben ernsthaft; einer sagte: »Der Ranzen-Aslak ist allzeit
guter Laune.« Thorbjörn traf bald Bekannte, denen er von seinem Unfall
erzählen mußte; sie erlaubten ihm nicht, selber nach dem Pferd und den
Sachen umzukehren, sondern schickten andre hinunter. Der Bräutigam,
ein junger Mann und ehemaliger Schulkamerad von ihm, lud ihn ein, das
Hochzeitsbier zu schmecken, und nun zog alles wieder ins Haus. Einige,
namentlich die Mädchen, wollten den Tanz fortsetzen, andre wünschten
eine kleine Zechpause zu machen, und Aslak sollte erzählen, da er ja
nun doch zurückgekommen sei. -- »Aber du mußt etwas vorsichtiger sein
als das letztemal,« fügte einer hinzu. Thorbjörn fragte, wo die übrigen
Gäste seien. -- »Ach,« erwiderte man ihm, »es ging vorhin ein wenig
unruhig zu; nun haben sich einige zur Ruhe gelegt, andre sitzen draußen
in der Scheune und spielen Karten; und wieder andre sitzen da, wo Knud
Nordhaug ist.« Er fragte nicht, wo Knud Nordhaug zu finden sei.
Der Vater des Bräutigams, ein alter Mann, der dasaß, aus einer
Tonpfeife rauchte und Bier trank, sagte nun: »Erzähl uns jetzt eine
Geschichte, Aslak; ausnahmsweise kann man so etwas wohl mal mit
anhören.«
»Sind da noch mehrere, die mich bitten?« fragte Aslak, der sich in
einiger Entfernung von dem Tisch, an dem die andern saßen, rittlings
über einen Schemel gesetzt hatte. -- »Freilich!« sagte der Bräutigam
und gab ihm ein Glas Branntwein; »jetzt bitte ich dich.« -- »Sind da
noch andre, die mich ebenso bitten?« fragte Aslak. -- »Mag sein,«
entgegnete eine junge Frau, die auf einer der Seitenbänke saß, und bot
ihm einen Becher Wein. Es war die Braut; sie mochte ungefähr zwanzig
Jahre alt sein, war blond, aber mager mit großen Augen und einem
harten Zug um den Mund. -- »Mir gefällt es gut, was du erzählst,«
fügte sie hinzu. Der Bräutigam sah sie an, und sein Vater ihn. -- »Ja,
die Leute von Nordhaug haben meine Erzählungen immer gern gehört,«
sagte Aslak. »Sie leben hoch!« rief er und leerte ein Glas, das ihm
einer der Brautführer reichte. -- »Komm heraus mit etwas!« riefen
mehrere. -- »Von Ingrid, dem Zigeunerweib,« rief eine. -- »Nein, das
ist eine häßliche Geschichte,« sagten andre, namentlich die Frauen.
-- »So erzähle von der Schlacht bei Lier,« bat der Tambour Svend. --
»Nein, lieber etwas Ergötzliches,« meinte ein schlanker Bursch, der
in Hemdsärmeln dastand und sich gegen die Wand lehnte, während seine
Rechte, die schlaff herabhing, ziemlich ungeniert mit den Haaren von
ein paar jungen Mädchen spielte, die dort saßen; sie schalten, rührten
sich aber nicht vom Fleck.
»Jetzt erzähle ich, was +mir+ beliebt,« sagte Aslak. -- »Zum Teufel
auch!« brummte ein älterer Mann, der auf dem Bette lag und rauchte;
das eine Bein hing herab, mit dem andern stieß er nach einer feinen
Jacke, die über dem Bettpfosten hing. -- »Laß meine Jacke in Frieden,«
rief der Bursche, der an der Wand stand. -- »Laß du meine Töchter in
Frieden!« erwiderte der Mann auf dem Bette. Nun rückten die Mädchen weg.
»Ja, ich erzähle, was +mir+ beliebt,« rief Aslak. »Geht der Branntwein
ins Blut, so gibts frischen Mut!« sagte er und schlug die Hände
zusammen, daß es klatschte. -- »Du erzählst, was wir verlangen!« fuhr
der Mann auf dem Bette fort, »denn der Branntwein gehört uns.« -- »Was
soll das heißen?« fragte Aslak mit weit geöffneten Augen. -- »Ach, das
Schwein, das wir mästen, das schlachten wir auch,« sagte der Mann und
baumelte mit dem Bein. Aslak schloß die Augen wieder, blieb aber in
derselben Stellung sitzen, schließlich sank ihm der Kopf auf die Brust,
und er sagte nichts mehr.
Mehrere redeten ihn an, aber er hörte es nicht. »Der Branntwein hat
es ihm angetan,« sagte der auf dem Bette. Da blickte Aslak auf und
begann wieder zu lächeln. »Ja, nun sollt ihr ein lustiges Stück hören,«
sagte er. »Gott bewahre, wie lustig es ist!« sagte er nach einer Weile
und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber ohne daß sie das Lachen
hörten. -- »Er hat heute wirklich seinen guten Tag,« sagte der Vater
des Bräutigams. -- »Ja, meine Mittel erlauben es mir!« sagte Aslak;
»noch einen Schluck mit auf die Reise!« rief er und streckte die Hand
aus. Der Branntwein kam, er trank ihn langsam aus, hielt den Kopf mit
dem letzten Tropfen auf der Zunge ein wenig hintenüber, schluckte ihn
und sagte dann zu dem Mann auf dem Bett gewandt: »Jetzt bin ich euer
Schwein, ich!« und lachte wie vorhin. Er umspannte das Knie mit beiden
Händen, bewegte den Fuß auf und nieder, indem er sich dabei hin und her
wiegte, und dann begann er: »Ja, es war einmal ein Mädchen, das wohnte
in einem Tale. Der Name des Tals tut nichts zur Sache, ebensowenig wie
der Name des Mädchens. Aber das Mädchen war schön, und das fand der
Bauer auch -- pst! --, und das war der, bei dem sie diente. Sie bekam
einen guten Lohn, den bekam sie, und sie bekam noch mehr, als sie
bekommen sollte, sie bekam ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihm,
aber das sagte er nicht; denn er war verheiratet, und auch sie sagte es
nicht, denn sie war stolz, das arme Ding. So wurde denn bei der Taufe
eine Lüge gesprochen, und es war ein Taugenichts von Jungen, den sie
geboren hatte, und so war es einerlei, daß er mit einer Lüge getauft
worden war. Sie aber bekam eine Ruhestelle unterhalb des Hofs, und das
gefiel der Frau nicht, wie man sich ja denken kann. Kam das Mädchen
auf den Hof, so spuckte sie nach ihr, kam aber ihr kleiner Junge, um
mit den Kindern vom Hofe zu spielen, so hieß sie diese den Hornung
wegjagen; er sei nicht mehr wert, sagte sie.
»Sie bat ihren Mann Tag und Nacht, die Person vom Hofe zu jagen. Er
hielt stand, solange er ein Mann war, dann aber ergab er sich dem
Trunke, und da bekam die Frau das Regiment. Von nun an ging es dem
armen Mädchen sehr schlecht; es wurde mit jedem Jahre schlechter,
und es fehlte nicht viel, so wäre sie mitsamt ihrem kleinen Buben
verhungert, denn der wollte nicht von seiner Mutter, er.