wieder an und ging hinaus. Es war ein schöner Abend, warm und still;
über den Himmel lag ein leichter Schleier von blaugrauen Wolken
ausgebreitet, der hie und da zerrissen war, so daß es aussah, als ob
jemand aus dem tiefen Blau wie aus einem Auge hervorluge. Niemand war
zu sehn in der Nähe des Gehöfts und auch nicht in der Ferne, aber
auf allen Seiten zirpten die Heuschrecken im Grase, rechts schlug
eine Wachtel, eine andre antwortete ihr von links her, worauf ein
Gesang im Grase hin und her anhub, so daß es ihm zuletzt war, wie er
dahinging, als habe er ein großes Gefolge um sich, obwohl er nichts
sehn konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkel und immer dunkler zum
Gebirge hinauf und glich einem großen Nebelmeer. Drinnen aber hörte
er den Auerhahn spielen und balzen; eine einsame Eule schrie, und der
Gießbach sang seine alten, harten Reime lauter als je -- jetzt, wo
sich alles niedergelassen hatte, um ihn anzuhören. Thorbjörn schaute
nach Solbakken hinüber und schritt weiter. Er bog von den gewöhnlichen
Wegen ab, kam schnell hinüber und stand bald in dem kleinen Garten,
der Synnöve gehörte und der gerade unter dem einen Giebelfenster lag,
gerade unter dem, hinter dem sie schlief. Er lauschte und spähte, aber
alles war still. Da sah er sich im Garten nach Arbeitsgerät um und fand
auch richtig Spaten und Rechen. Mit der Umgrabung des einen Beetes war
schon begonnen worden, aber nur eine kleine Ecke war fertig geworden,
in die aber schon zwei Blumen gesetzt worden waren, wahrscheinlich um
zu sehn, wie es sich ausnehmen würde. -- Sie ist müde geworden, die
Ärmste, und hat die Arbeit aufgeben müssen, dachte er; hier ist eine
männliche Kraft nötig, dachte er weiter und nahm die Arbeit in Angriff.
Er fühlte keine Lust zum Schlafen, ja es war ihm, als habe er niemals
eine so leichte Arbeit verrichtet. Er erinnerte sich, wie die Blumen
gepflanzt werden sollten, er erinnerte sich auch des Pfarrgartens und
richtete nun das eine nach dem andern. Die Nacht verstrich, aber er
merkte es nicht, er ruhte kaum, und es gelang ihm auch, das ganze Beet
umzugraben, die Blumen einzupflanzen und die eine und die andre wieder
umzusetzen, um es noch schöner zu machen, und dabei warf er von Zeit
zu Zeit einen Blick nach dem Giebelfenster hinauf, ob nicht vielleicht
doch jemand ihn bemerke. Aber weder dort noch anderswo war jemand, auch
hörte er nicht einmal einen Hund bellen. Endlich begann der Hahn zu
krähen und weckte die Vögel des Waldes, die nun einer nach dem andern
aufflogen, um ihre »Guten Morgen« zu singen. Während er so dastand und
die Erde glattklopfte, fielen ihm die Märchen ein, die ihm Aslak früher
erzählt hatte, und daß er ehemals geglaubt hatte, drüben auf Solbakken
wüchsen Kobolde und Hexen. Er schaute zum Giebelfenster hinauf und
lächelte bei dem Gedanken, was Synnöve wohl sagen würde, wenn sie in
der Morgenstunde herunterkäme. Es war schon ganz hell geworden, die
Vögel machten schon einen großen Lärm, deswegen schwang er sich über
die Gartenhecke und eilte nach Hause. Ja, nun sollte nur einer sagen,
daß er es gewesen wäre, der drüben in Synnöve Solbakkens Garten die
Blumen eingepflanzt hätte!
3
Bald erzählte man sich allerlei im Kirchspiel, niemand aber wußte etwas
Bestimmtes. Niemals mehr sah man Thorbjörn auf Solbakken, seit sie
beide eingesegnet worden waren, und gerade das konnten die Leute gar
nicht verstehn. Ingrid kam oft hinüber; dann pflegten Synnöve und sie
einen Spaziergang im Walde zu machen. -- »Bleibt nicht so lange fort!«
rief ihnen die Mutter nach. -- »Ach nein!« antwortete Synnöve -- und
kam vor Abend nicht wieder nach Hause. Die beiden Freier meldeten sich
von neuem. »Sie muß selber entscheiden,« sagte die Mutter, der Vater
war derselben Ansicht. Als man aber Synnöve beiseite nahm und sie
fragte, bekamen beide eine Absage. Es meldeten sich noch mehr Freier,
aber niemand hörte, daß einer das Glück von Solbakken mit heimgetragen
hätte. Einmal, als die Mutter und sie mit dem Scheuern der Milchkübel
beschäftigt waren, fragte die Mutter sie, an wen sie eigentlich denke.
Die Frage kam Synnöve so unerwartet, daß sie rot wurde. »Hast du
irgend jemand ein Versprechen gegeben?« fragte sie weiter und sah sie
forschend an. -- »Nein,« antwortete Synnöve schnell. Es wurde nicht
weiter über die Sache gesprochen.
Da sie weit und breit die beste Partie war, so folgten ihr lange
Blicke, wenn sie zur Kirche kam, dem einzigen Orte, wo sie außer
zu Hause zu sehn war. Man sah sie, da die Eltern Haugianer waren,
weder beim Tanz noch bei andern Festlichkeiten. Thorbjörn saß ihr im
Kirchenstuhl gerade gegenüber, aber sie sprachen, soweit die Leute
sehn konnten, niemals miteinander. Daß irgendein Verhältnis zwischen
ihnen bestehe, glaubte aber alle Welt zu wissen, und da sie nicht
auf dieselbe Weise miteinander verkehrten wie andre junge Brautleute
im Tal, fing man an, allerlei über sie zu schwatzen. Thorbjörn wurde
unbeliebt. Er hatte wohl selber ein Gefühl davon, denn er kehrte seine
rauhe Seite nach außen, wenn er mit andern zusammen war, wie beim Tanz
oder auf Hochzeiten, und dann geschah es wohl zuweilen, daß er sich
auf Schlägereien einließ. Dies nahm jedoch ab, als man erst merkte,
wie stark er war; Thorbjörn gewöhnte sich deswegen früh daran, nicht
zu dulden, daß ihm irgend jemand in den Weg trat. -- »Jetzt kannst
du dich auf deine eigne Faust verlassen,« sagte sein Vater Sämund zu
ihm; »vergiß aber nicht, daß meine doch vielleicht stärker ist als die
deine.«
Der Herbst und der Winter gingen dahin, der Frühling kam, und noch
immer wußten die Leute nichts Bestimmtes. Es waren so viele Gerüchte
im Umlauf über die Körbe, die Synnöve Solbakken ausgeteilt hätte,
daß sie fast ganz allein dastand. Ingrid aber blieb ihr treu; die
beiden sollten in diesem Jahre zusammen auf die Alm, da die Leute
von Solbakken einen Anteil an der Granlider Alm gekauft hatten. Man
hörte Thorbjörn oben an den Felsabhängen singen, denn er brachte dort
allerlei für sie in Ordnung.
Eines schönen Tages, als es schon gegen den Abend zu ging und er mit
seiner Arbeit fertig war, setzte er sich hin und sann über dies und
das nach, besonders aber dachte er an das, was man sich im Kirchspiel
erzählte. Er legte sich auf den Rücken in das rote und braune
Heidekraut, und die Hände unter dem Kopf schaute er zum Himmel hinauf,
der sich blau und schimmernd über den dichten Laubkronen wölbte. Das
grüne Laub und die Tannenzweige flossen in einen wogenden Strom
zusammen, und die dunkeln Zweige, die ihn durchschnitten, zeichneten
wilde, phantastische Figuren hinein. Der Himmel selbst war aber nur zu
sehn, wenn ein Blatt zur Seite wehte; weiterhin, zwischen den Kronen,
die nicht zueinander hinreichten, brach er hervor wie ein breiter Bach
in launenhaften Windungen. Dies versetzte sein Gemüt in Stimmung, und
er begann über das nachzudenken, was er sah.
-- -- Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zu der Tanne hinauf,
die Föhre stand da mit stiller Verachtung und spreizte ihre Nadeln
nach allen Seiten hin aus; denn je kosender die Luft wehte, desto
mehr schwache Schößlinge erstarkten, schossen empor und steckten ihr
frisches Laub der Föhre gerade unter die Nase. »Ich möchte wissen, wo
ihr diesen Winter gewesen seid,« sagte die Föhre, fächelte sich und
schwitzte Harz in der unerträglichen Hitze. »Das ist wirklich zu arg!
So hoch im Norden -- pfui!«
Aber da stand eine alte, grauköpfige Föhre, die über alle die andern
wegsah, aber doch noch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht
herabbeugen und einem kühnen Ahorn in den obersten Haarschopf
fassen konnte, so daß er bis in die Knie hinunter erzitterte. Diese
klafterdicke Föhre hatten die Menschen immer weiter und weiter hinauf
ihrer Zweige beraubt, bis sie eines Tages, dieser Behandlung müde und
überdrüssig, plötzlich so in die Höhe schoß, daß die schmächtige Tanne
an ihrer Seite erschrak und sie fragte, ob sie auch der Winterstürme
gedenke. -- »Ob ich der Winterstürme gedenke?« sagte die Föhre und
schlug die Tanne mit Hilfe des Nordwindes dermaßen um die Ohren, daß
sie nahe daran war, ihre Haltung zu verlieren, und das war schlimm
genug. Die grobgliedrige, dunkle Föhre hatte nun ihren Fuß so mächtig
in die Erde gesetzt, daß die Zehen ungefähr sechs Fuß davon aus der
Erde herausguckten und auch da noch dicker waren als die Weide an
ihrer dicksten Stelle, was diese eines Abends mit einer gewissen
Verschämtheit dem Hopfen zuflüsterte, der sie verliebt umschlungen
hielt. Die bärtige Föhre war sich ihrer Macht bewußt und rief den
Menschen zu, indem sie hoch über deren Bereich einen Zweig nach dem
andern in die milde Luft hineintrieb: »Nehmt mir meine Zweige, wenn ihr
könnt!«
»Nein, dir können sie die Zweige nicht mehr rauben,« sagte der Adler,
ließ sich gnädig herab, legte seine Flügel mit Würde zusammen und
begann, etwas elendes Schafblut von seinen Federn zu putzen. »Ich
glaube, ich bitte die Königin, sich hier niederzulassen; sie hat ein
paar Eier, die sie legen will,« fügte er leise hinzu und sah auf
seine nackten Füße nieder; denn er schämte sich, daß eine Menge süßer
Erinnerungen an jene ersten Frühlingstage geflogen kamen, wo man halb
närrisch wird über die ersten Sonnenstrahlen. Bald hob er den Kopf
wieder empor und schaute unter den federbeschatteten Augenbrauen hinauf
nach den schwarzen Felsriffen, ob die Königin dort nicht irgendwo
kreise, eierbelastet und matt. Von dannen rauschte er, und bald konnte
die Föhre das Paar hoch oben in der blauen, klaren Luft erblicken,
wo es in gleicher Höhe mit dem höchsten Berggipfel dahinsegelte und
seine häuslichen Angelegenheiten besprach. Sie konnte sich von einer
gewissen Unruhe nicht freimachen, denn so vornehm sie sich auch
fühlte, es mußte doch noch vornehmer sein, ein Adlerpaar zu wiegen.
Die ließen sich beide herab und gerade auf die Föhre zu! Sie sprachen
nicht miteinander, sondern fingen sofort an, Zweige zusammenzutragen.
Die Föhre breitete sich wenn möglich noch weiter aus -- es war ja auch
niemand da, der sie daran hätte hindern können.
Aber durch den ganzen übrigen Wald ging ein geschäftiges Gerede, als
man sah, welche Ehre der großen Föhre widerfahren war. Da war zum
Beispiel eine niedliche kleine Birke, die an einem Teiche stand und
sich darin spiegelte; sie glaubte, daß sie wohl berechtigt sei, ein
wenig Liebe von einem grauweißen Hänfling zu erwarten, der seinen
Mittagsschlaf in ihren Zweigen zu halten pflegte. Sie hatte dem
Hänfling ihren Duft gerade in den Schnabel hineingehaucht, hatte kleine
Insekten an ihren Blättern festgeklebt, so daß sie leicht zu fangen
waren; ja schließlich hatte sie in der Hitze ein kleines dichtes Haus
aus ihren Zweigen gefügt und gebaut und mit frischen Blättern gedeckt,
so daß der Hänfling wirklich im Begriff gewesen war, sich dort für den
Sommer häuslich niederzulassen. Jetzt aber hatte sich der Adler auf der
großen Föhre angesiedelt, und nun mußte der Hänfling fort! War das ein
Kummer! Er trillerte ein Abschiedslied, aber ganz leise, daß der Adler
es nicht merken sollte.
Nicht besser erging es einigen kleinen Spatzen im Erlenstrauch. Sie
hatten dort ein so liederliches Leben geführt, daß eine Drossel dicht
daneben, oben in einer Esche, niemals zur rechten Zeit einschlafen
konnte und zuweilen ganz wütend wurde und schrecklich schimpfte. Ein
ernster Specht in einem benachbarten Baume hatte so darüber gelacht,
daß er beinahe von seinem Ast heruntergefallen wäre. Aber dann sahen
sie den Adler in der großen Föhre! Und die Drossel und die kleinen
Spatzen und der Specht und alles, was fliegen konnte, mußte über Hals
und Kopf davon über und unter den Zweigen. Die Drossel schwur im
Davonfliegen, sie würde sich niemals wieder so einmieten, daß sie die
Spatzen zu Nachbarn bekäme.
So stand denn der Wald ringsumher verlassen und nachdenklich da mitten
im hellen Sonnenschein.
Alle seine Freude sollte ihm jetzt von der großen Föhre kommen, aber
das war nur eine armselige Freude! Der Wald beugte sich furchtsam
jedesmal, wenn der Nordwind darüber hinging, die Föhre aber peitschte
die Luft mit ihren gewaltigen Ästen, und der Adler umkreiste sie, ruhig
und besonnen, als sei es nur ein leichter Windstoß, der etwas elenden
Weihrauch aus dem Walde zu ihm emportrug. Aber die ganze Föhrenfamilie
freute sich; keins von ihnen bedachte, daß es selber in diesem Sommer
kein Nest wiegen sollte. »Weg!« sagten sie, »wir gehören zur Sippe.«
-- -- »Was liegst und sinnst du da?« fragte Ingrid -- sie trat lächelnd
zwischen den Büschen hervor, die sie zur Seite bog. Thorbjörn sprang
auf: »Ach, es geht einem so viel im Kopfe herum!« sagte er und sah
trotzig über die Bäume hin. »Übrigens schwatzten mir in der letzten
Zeit die Leute im Kirchspiel zu viel,« fügte er hinzu, indem er sich
den Staub abklopfte. -- »Warum kümmerst du dich nur immer um das, was
die Leute reden?« -- »Ach, ich weiß nicht recht; aber bisher haben
mir die Leute auch noch nichts gesagt, was ich nicht selbst im Sinne
gehabt hätte, wenn ichs auch nicht getan habe!« -- »Das war häßlich
gesprochen!« -- »Freilich war es das,« sagte er; und nach einer Weile
fügte er hinzu: »Aber es ist wahr.« -- Sie setzte sich ins Gras, er
stand da und sah vor sich nieder: »Ich kann sehr leicht so werden, wie
sie mich haben wollen; sie sollten mich so lassen, wie ich bin.« -- »So
wäre es doch deine Schuld.« -- »Mag sein, aber die andern haben auch
ihr Teil daran. Ich sage dir, ich will Ruhe haben!« Er schrie es beinah
und sah zu dem Adler empor. -- »Aber Thorbjörn!« flüsterte Ingrid. Er
wandte sich nach ihr um und lachte. -- »Stille, stille!« sagte er; »wie
gesagt -- es geht einem mancherlei durch den Kopf. Hast du heute mit
Synnöve gesprochen?« -- »Ja; sie ist schon auf die Alm hinaufgegangen.«
-- »Heute?« -- »Ja!« -- »Mit dem Vieh von Solbakken?« -- »Ja.« --
»Tralala!«
Die Sonne herab auf den Baum sah,
Triumlire.
Bist du noch, mein schimmerndes Gold, da?
Triumlit, Triumlat.
Wies Vöglein erwacht, es gefragt hat:
Was ist denn hier los? -- --
»Morgen treiben wir das Vieh hinauf,« sagte Ingrid; sie wollte ihn auf
andre Gedanken bringen. -- »Ich will es mit treiben helfen!« erwiderte
Thorbjörn. -- »Nein, der Vater will selber mit,« sagte sie. -- »Ach
so!« sagte er und schwieg. -- »Er hat heute nach dir gefragt,« sagte
sie. -- »So, hat er das getan?« entgegnete Thorbjörn, schnitt einen
Zweig mit seinem Schnitzmesser ab und fing an, ihn abzuschälen. --
»Du solltest mehr mit dem Vater sprechen, als du es tust,« sagte sie
sanft, »er hat dich so lieb,« fügte sie hinzu. -- »Das mag sein,«
sagte er. -- »Er spricht oft von dir, wenn du fort bist.« -- »Um so
seltner, wenn ich daheim bin.« -- »Das ist deine Schuld!« -- »Das mag
sein!« -- »So solltest du nicht reden, Thorbjörn, du weißt selber, was
zwischen euch liegt.« -- »Was ist es denn?« -- »Soll ich das sagen?«
-- »Es kommt wohl auf eins hinaus, Ingrid; du weißt, was ich weiß.« --
»Freilich, du wirtschaftest zu viel auf eigne Hand, du weißt aber, daß
er das nicht leiden kann.« -- »Nein, er möchte mich am liebsten am Arm
festhalten.« -- »Ja, namentlich wenn du zuschlägst.« -- »Sollen denn
die Leute tun und sagen dürfen, was ihnen beliebt?« -- »Nein, aber
du kannst ihnen auch ein wenig aus dem Wege gehn; das hat er selber
getan, und er ist ein geachteter Mann dabei geworden.« -- »Man hat
ihn vielleicht nicht so schrecklich gequält.« -- Ingrid schwieg eine
Weile, dann fuhr sie fort, nachdem sie sich vorher umgesehn hatte:
»Es nützt wohl nichts, daß ich noch einmal wieder darauf zurückkomme;
und doch -- wo du weißt, daß du mit Feinden zusammentreffen kannst,
solltest du fernbleiben.« -- »Nein, gerade da will ich sein! Ich heiße
nicht umsonst Thorbjörn Granliden.« -- Er hatte die Rinde von dem Zweig
geschält, jetzt schnitt er ihn mitten durch. Ingrid saß da und sah
ihn an und fragte zögernd: »Willst du am Sonntag nach Nordhaug?« --
»Ja!« -- Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, ohne ihn anzusehn,
begann sie von neuem: »Weißt du, daß Knud Nordhaug zur Hochzeit seiner
Schwester nach Hause gekommen ist?« -- »Ja!« -- Jetzt sah sie ihn
an. »Thorbjörn! Thorbjörn!« -- »Soll er denn jetzt mehr Recht haben,
sich zwischen mich und andre zu drängen?« -- »Er drängt sich nicht
dazwischen! Nicht mehr als andre wollen.« -- »Niemand kann wissen, was
andre wollen.« -- »Das weißt du recht wohl!« -- »Sie selber sagt auf
alle Fälle nichts!« -- »Ach, wie du nur so reden kannst,« sagte Ingrid,
sah ihn unwillkürlich an, erhob sich und schaute hinter sich. Er warf
die Stücke des Zweiges weg, steckte das Messer in die Scheide und
wandte sich zu ihr: »Du, manchmal hab ich die ganze Sache satt. Die
Leute bringen mich wie sie um die Ehre, weil nichts offen geschieht.
Und auf der andern Seite -- ich komme ja nicht einmal nach Solbakken
hinüber, weil mich die Eltern nicht mögen, wie sie sagt. Ich darf sie
nicht besuchen, wie andre Burschen ihre Mädchen besuchen, weil sie zu
den Heiligen gehört! Jetzt weißt dus!« -- »Thorbjörn!« rief Ingrid
und wurde unruhig, er aber fuhr fort: »Vater will kein Wort für mich
einlegen; verdien ich sie, so krieg ich sie! sagt er; Klatsch und
nichts als Klatsch auf der einen Seite -- und nicht die geringste
Entschädigung für den Klatsch auf der andern Seite -- ja, ich weiß
nicht einmal, ob sie wirklich --« Ingrid sprang auf ihn zu und legte
ihm die Hand auf den Mund, indem sie sich umwandte. Da zerteilten sich
die Büsche abermals, und eine hohe, schlanke Gestalt trat tief errötend
hervor. Es war Synnöve.
»Guten Abend!« sagte sie. Ingrid sah Thorbjörn an, als wollte sie
sagen: »Da siehst dus.« -- Thorbjörn sah Ingrid an, als wolle er sagen:
»Das hättest du nicht tun sollen!« Keins von beiden sah Synnöve an.
»Ich darf mich wohl ein wenig setzen,« sagte sie, »ich bin heute schon
so viel gegangen.« Und sie setzte sich. Thorbjörn wandte den Kopf, wie
um zu sehn, ob es da, wo sie sich hinsetzte, trocken wäre. Ingrids
Augen schweiften nach Granliden hinunter, und plötzlich rief sie aus:
»Ach nein, ach nein! Fagerlin hat sich losgerissen und geht mitten auf
dem frischen Acker. Das abscheuliche Tier! Und Kelleros auch? Nein, das
ist denn doch wirklich zu arg! Es wird die höchste Zeit, daß wir bald
wieder auf die Alm hinaufkommen!« -- Und damit sprang sie den Abhang
hinab, ohne auch nur Abschied zu nehmen. Synnöve erhob sich sofort.
»Willst du schon gehn?« fragte Thorbjörn. -- »Ja,« sagte sie, blieb
aber stehn.
»Du könntest wohl noch ein wenig bleiben,« sagte er, ohne sie anzusehn.
-- »Ein andermal,« erwiderte sie. -- »Das kann lange währen!« -- Sie
sah auf; auch er sah sie jetzt an, aber es währte eine ganze Weile,
ehe wieder eins von ihnen sprach. -- »Setz dich doch wieder,« sagte
er ein wenig verlegen. -- »Nein,« entgegnete sie und blieb stehn. Er
fühlte, wie der Trotz in ihm aufstieg; da aber tat sie etwas, was
er nicht erwartet hatte; sie trat einen Schritt vor, beugte sich
ihm entgegen, sah ihm in die Augen und sagte lächelnd: »Bist du mir
böse?« Und als er sie ansah, weinte sie. -- »Nein,« sagte er und wurde
dunkelrot.
Er streckte die Hand aus; da aber ihre Augen voll Tränen standen,
bemerkte sie es nicht, und er zog die Hand wieder zurück. Dann sagte er
endlich: »Du hast es also gehört?« -- »Ja,« erwiderte sie, sah auf und
lächelte, aber jetzt standen noch mehr Tränen in ihren Augen als zuvor;
er wußte nicht, was er tun und sagen sollte; deswegen sagte er endlich:
»Ich bin wohl zu schlimm gewesen?« Er sagte das sehr sanft; sie sah
nieder und wandte sich halb ab. »Du solltest nicht über das urteilen,
was du nicht kennst,« sagte sie mit halberstickter Stimme, und ihm
ward ganz unbehaglich dabei; er kam sich vor wie ein Knabe und sagte
deswegen endlich, da ihm nichts andres einfiel: »Ich bitte dich um
Verzeihung!« -- Da aber brach sie wirklich in Tränen aus. Das konnte er
nicht ertragen, er ging hin, faßte sie um den Leib, beugte sich zu ihr
herab und sagte: »Hast du mich denn auch wirklich lieb, Synnöve?« --
»Ja,« schluchzte sie. -- »Aber es macht dich nicht glücklich?« -- Sie
antwortete nicht. -- »Aber es macht dich nicht glücklich?« wiederholte
er. Sie weinte noch heftiger als bisher und wollte sich ihm entziehn.
-- »Synnöve!« sagte er und zog sie fester an sich. Sie schmiegte sich
an ihn und weinte unaufhaltsam.
»Komm, wir wollen ein wenig miteinander reden,« sagte er und half
ihr, sich ins Heidekraut zu setzen; er selber setzte sich neben sie.
Sie trocknete die Augen und versuchte zu lächeln; aber das wollte
noch nicht gehn. Er hielt eine ihrer Hände in der seinen und schaute
ihr ins Antlitz. »Liebste, weshalb darf ich nicht nach Solbakken
hinüberkommen?« -- Sie schwieg. -- »Hast du nie darum gebeten?« -- Sie
schwieg noch immer. -- »Weshalb hast du das nicht getan?« fragte er
und zog ihre Hand näher zu sich heran. -- »Ich wage es nicht!« sagte
sie ganz leise.
Eine Wolke des Unmuts huschte über seine Stirn; er zog seinen Fuß ein
wenig an, stützte den Ellenbogen auf das Knie und legte den Kopf in
die Hand. -- »Auf die Weise werde ich wohl niemals hinkommen,« sagte
er endlich. Statt einer Antwort fing sie an, Heidekraut auszurupfen.
-- »Ach ja -- ich mag wohl manches getan haben, was nicht so war, wie
es sein sollte. -- -- Aber man sollte doch ein wenig Nachsicht mit mir
haben. Ich bin nicht schlecht« -- er hielt eine Weile inne --; »ich bin
auch noch jung -- kaum zwanzig Jahre alt -- ich« -- er konnte nicht
sogleich fortfahren. -- »Aber die, die mich +wirklich+ liebt,« sagte
er dann -- -- »die müßte doch« -- und hier blieb er ganz stecken. Da
vernahm er neben sich mit gedämpfter Stimme die Worte: »Du mußt nicht
so reden, du weißt, wie sehr -- -- ich wage kaum, es Ingrid zu sagen«
-- und abermals brach sie in bitterliches Weinen aus --; »ich -- leide
-- -- so sehr!« Er schlang den Arm um sie und zog sie fest an sich.
»Sprich mit deinen Eltern,« flüsterte er, »und du sollst sehn, es wird
noch alles gut wenden.« -- »Es wird so, wie du es willst,« flüsterte
sie. -- »Wie ich es will?« -- Da wandte Synnöve sich um und schlang
ihren Arm um seinen Nacken. -- »Liebtest du mich so, wie ich dich
liebe!« sagte sie sehr herzlich und versuchte zu lächeln. -- »Und das
täte ich nicht?« entgegnete er sanft und leise. -- »Nein, nein, du
nimmst niemals Rat von mir an; du weißt, was uns vereinigen würde, aber
du tust es nicht. Weshalb tust du es nicht?« -- Und da sie nun einmal
angefangen hatte, fuhr sie in einem Zuge fort: »Großer Gott, wüßtest
du, wie ich mich nach dem Tage gesehnt habe, wo ich dich auf Solbakken
sehn würde! Immer aber muß man etwas hören, was nicht so ist, wie es
sein sollte -- und die Eltern selber müssen es einem mitteilen!« -- Da
ging ihm gleichsam ein Licht auf; er sah sie nun deutlich auf Solbakken
umhergehn und auf den kleinen, friedlichen Augenblick warten, wo sie
ihn freudig den Eltern zuführen könnte; er aber schenkte ihr nie einen
solchen Augenblick.
»Das hättest du mir früher sagen sollen, Synnöve!« -- »Und das hätte
ich nicht getan?« -- »Nein; nicht so!« -- Sie sann eine Weile darüber
nach, dann sagte sie, indem sie ihren Schürzenzipfel in kleine Falten
legte: »Dann kam es wohl daher, daß -- ich es nicht recht wagte.« --
Der Gedanke aber, daß sie sich seinetwegen fürchten müsse, rührte ihn
so, daß er ihr zum erstenmal in seinem Leben einen Kuß gab.
Da ging eine solche Umwandlung mit ihr vor, daß ihre Tränen plötzlich
versiegten und ihr Blick unsicher wurde, indem sie zu lächeln
versuchte; sie sah nieder, sah dann endlich zu ihm auf und lächelte nun
wirklich. Sie sprachen jetzt nicht mehr miteinander, nur ihre Hände
fanden sich wieder, doch wagte keins die Hand des andern zu drücken.
Dann zog sie sich sanft zurück, begann die Augen und das Gesicht zu
trocknen und das Haar, das ein wenig in Unordnung gekommen war, zu
glätten. Er saß da und dachte im stillen, während er sie ansah: Wenn
sie schüchterner ist als die andern Mädchen im Tal und in andrer Weise
behandelt werden will, so darf man ja nichts dagegen sagen.
Er begleitete sie bis zur Alm hinauf, die nicht weit davon lag. Er
wäre gern Hand in Hand mit ihr gegangen, aber es war etwas über ihn
gekommen, was ihn abhielt, sie zu berühren; es erschien ihm fast
wunderbar, daß er an ihrer Seite gehn durfte. -- Als sie sich trennten,
sagte er deshalb auch: »Es soll lange währen, bis du wieder etwas
Schlimmes von mir zu hören bekommst.«