Es wurde ein Verhör angestellt, wo sie das Stück Lied her hä

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Synnöve Solbakken

Erzählung

von

Björnstjerne Björnson

[Illustration]

Im Insel-Verlag zu Leipzig

In einem weiten Tal findet man zuweilen eine nach allen Seiten hin

freiliegende Erhöhung, auf die die Sonne ihre Strahlen vom Aufgang bis

zum Untergang hinabsendet. Und die, die hart am Fuße der Berge wohnen

und weniger Sonne haben, nennen eine solche Stelle einen Sonnenhügel.

Die, von der hier erzählt werden soll, wohnte auf einem solchen, von

dem auch der Hof seinen Namen erhalten hatte. Dort blieb der Schnee

zuletzt liegen im Herbst, dort schmolz er auch im Frühling zuerst

wieder.

Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden Leser genannt, weil

sie eifriger in der Bibel lasen als alle andern Leute. Der Mann hieß

Guttorm und die Frau Karen; sie bekamen einen Knaben, der wieder starb,

und drei Jahre lang kamen sie nicht an die Ostseite der Kirche. Nach

dieser Zeit bekamen sie ein Mädchen, das sie nach dem Knaben nannten;

er hatte Syvert geheißen, und sie wurde Synnöv getauft, da sie nichts

Näherliegendes fanden. Die Mutter aber nannte sie Synnöve, weil sie,

solange das Kind klein war, die Gewohnheit hatte, »mein« hinten an den

Namen anzuhängen, und meinte, daß es so leichter auszusprechen sei. Wie

es nun auch sein mochte: als das Mädchen größer wurde, nannten sie alle

Synnöve wie die Mutter, und die meisten sagten, seit Menschengedenken

sei im ganzen Kirchspiel kein so schönes Mädchen herangewachsen wie

Synnöve Solbakken[1]. Sie war noch ganz klein, als die Eltern sie an

jedem Sonntag, wo gepredigt wurde, mit in die Kirche nahmen, obwohl

Synnöve anfangs nichts weiter begriff, als daß der Pfarrer dastand

und den Zuchthaus-Bert ausschalt, den sie gerade unter der Kanzel

sitzen sah. Der Vater aber wollte, daß sie mitgehn sollte, »um sich

zu gewöhnen«, wie er sagte; und die Mutter wollte es auch, »da man ja

nicht wissen konnte, ob daheim jemand acht auf sie gebe«. War auf dem

Hofe ein Lamm, ein Zicklein oder ein kleines Ferkel, das nicht gedeihen

wollte, oder eine Kuh, der etwas fehlte, so ward das betreffende Tier

immer Synnöve zu eigen gegeben, und die Mutter wollte wissen, daß es

sich von der Stunde an erhole; der Vater glaubte nicht so recht, daß es

daher käme, aber »es war ja einerlei, wem von ihnen das Vieh gehörte,

wenn es nur gedieh«.

[1] Solbakken = Sonnenhügel.

Jenseits des Tals und hart am Fuße des hohen Berges lag ein Hof,

der Granliden hieß, weil er mitten in einem großen Tannenwalde lag,

dem einzigen in weitem Umkreise. Der Urgroßvater des Besitzers war

mit unter denen gewesen, die in Holstein gelegen und auf die Russen

gewartet hatten, und von diesem Zuge hatte er viele fremde und

merkwürdige Sämereien in seinem Tornister mit heimgebracht. Die hatte

er rings um seine Hofgebäude gepflanzt; im Laufe der Zeiten war aber

eine Pflanze nach der andern ausgegangen, nur einige Tannenzapfen, die

merkwürdigerweise dazwischengekommen waren, waren zu einem dichten

Walde herangewachsen und beschatteten nun die Gebäude von allen Seiten.

Der Holsteinfahrer hatte nach seinem Großvater Thorbjörn geheißen,

sein ältester Sohn nach seinem Vater Sämund, und so hatten auf diesem

Hofe die Besitzer abwechselnd Thorbjörn und Sämund geheißen -- seit

unvordenklichen Zeiten. Aber die Sage ging, daß in Granliden nur jeder

zweite Mann Glück habe, und das war nicht der, der Thorbjörn hieß. Als

der jetzige Besitzer, Sämund, den ersten Sohn bekam, machte er sich

allerlei Gedanken darüber, wagte aber doch nicht, die Familientradition

zu durchbrechen, und so nannte er ihn denn Thorbjörn. Er grübelte nun

darüber, ob der Knabe nicht so erzogen werden könnte, daß er an dem

Steine, den ihm das Schicksal und das Gerede der Leute in den Weg

gelegt hatten, glücklich vorüberkommen könnte. Er war sich nicht ganz

sicher, aber er glaubte, einen widerspenstigen Sinn bei dem Knaben

zu spüren. »Das muß ausgetrieben werden,« sagte er zu der Mutter,

und sobald Thorbjörn drei Jahre alt geworden war, setzte sich der

Vater oft mit einer Rute in der Hand hin, zwang ihn, alle Holzscheite

wieder auf ihren Platz zu legen, die Tasse wieder aufzuheben, die er

hinuntergeworfen, die Katze zu streicheln, die er gekniffen hatte. Die

Mutter pflegte hinauszugehn, wenn den Vater diese Laune anwandelte.

Sämund wunderte sich darüber, daß, je größer der Knabe ward, um so mehr

an ihm zu tadeln war, und das, obgleich er immer strenger behandelt

wurde. Er hielt ihn frühzeitig zum Lesen an und nahm ihn mit aufs Feld,

um ihn unter Augen zu haben. Die Mutter hatte einen großen Haushalt und

kleine Kinder, sie konnte nichts weiter tun, als den Sohn streicheln

und ihm jeden Morgen, wenn sie ihn ankleidete, gute Ermahnungen geben

und freundlich mit dem Vater reden, wenn sie an Sonn- und Feiertagen

zusammensaßen. Thorbjörn aber dachte, wenn er Schläge bekam, weil +ab+

nicht »ba«, sondern »ab« hieß, und weil er die kleine Ingrid nicht

prügeln durfte, wie der Vater ihn prügelte: Es ist doch merkwürdig, daß

ich es so schlecht haben soll, während alle meine kleinen Geschwister

es so gut haben!

Da er meistens bei dem Vater war und nicht wagte, sonderlich viel mit

ihm zu reden, wurde er wortkarg, obwohl er keineswegs gedankenarm war.

Einmal, als sie das nasse Heu wendeten, entschlüpfte es ihm jedoch:

»Weshalb ist alles Heu da drüben auf Solbakken trocken und eingefahren,

während es hier naß ist?« -- »Weil sie mehr Sonne haben als wir.« --

Es war dies das erstemal, daß es ihm zum Bewußtsein kam, daß er selber

von dem Sonnenglanz da drüben, über den er sich so oft gefreut hatte,

ausgeschlossen sei. Seit jenem Tage war sein Blick öfter nach Solbakken

hinübergerichtet als bisher. -- »So sitz doch nicht da und gaffe,«

sagte der Vater und versetzte ihm einen Puff; »hier unten müssen wir

uns abmühen, soviel wir können, groß und klein, wenn wir etwas unter

Dach und Fach haben wollen.«

Als Thorbjörn etwa sieben oder acht Jahre alt sein mochte, wechselte

Sämund seinen Knecht. Der neue hieß Aslak, und er war, wie es schien,

schon weit in der Welt herumgekommen, obwohl er hier nur Kleinknecht

war. An dem Abend, als er kam, war Thorbjörn schon zu Bett gegangen,

aber am nächsten Tage, als er dasaß und lernte, schlug jemand die Tür

mit einem solchen Fußstoß auf, wie er es noch nie gehört hatte, und das

war Aslak, der mit einem großen Arm voll Holz hereingepoltert kam und

es mit einer solchen Gewalt zu Boden warf, daß die Scheite nach allen

Seiten auseinanderflogen. Er selber sprang hoch in die Luft, um den

Schnee abzuschütteln, und bei jedem Sprung rief er: »›Es ist kalt,‹

sagte die Braut des Kobolds, als sie bis an den Gürtel im Eis steckte.«

-- Der Vater war nicht zu Hause -- die Mutter aber fegte den Schnee

zusammen und trug ihn stillschweigend hinaus. -- »Wonach glotzt du denn

da?« fragte Aslak Thorbjörn. -- »Nach nichts Besonderm,« erwiderte

dieser, denn er fürchtete sich. -- »Hast du den Hahn gesehn, den du da

hinten im Buche hast?« -- »Ja!« -- »Er hat eine Menge Hühner um sich,

wenn das Buch zu ist; hast du das gesehn?« -- »Nein!« -- »Nun, so sieh

nach!« -- Der Knabe tat es. -- »Du bist ein Schafskopf,« sagte Aslak.

Aber seit diesem Augenblick hatte niemand eine solche Macht über ihn

wie Aslak.

»Du weißt gar nichts,« sagte Aslak eines Tages zu Thorbjörn. -- Dieser

trippelte wie gewöhnlich hinter ihm drein, um achtzugeben. -- »Doch,

ich weiß bis zum vierten Hauptstück.« -- »Pah! Du hast ja nicht einmal

von dem Kobold gehört, der so lange mit der Dirne tanzte, bis die Sonne

unterging, und dann platzte wie ein Kalb, das saure Milch gefressen

hat!« -- Sein ganzes Leben lang hatte Thorbjörn noch nicht so viel

Gelehrsamkeit auf einmal gehört. »Wo war denn das?« fragte er. -- »Wo?

-- ja, das -- war drüben auf Solbakken!« -- Thorbjörn starrte ihn an.

-- »Hast du von dem Manne gehört, der sich dem Teufel für ein Paar alte

Stiefel verkaufte?« -- Thorbjörn vergaß zu antworten, so verwundert war

er. -- »Du denkst wohl darüber nach, wo das geschehen sein mag, he? Das

war auch drüben auf Solbakken, da unten an dem Bach, den du da siehst!

-- Du großer Gott! Sieht das aber traurig aus mit deinem Christentum,«

fuhr er fort. »Du hast wohl nicht einmal von Kari mit dem hölzernen

Rock gehört?« -- Nein, er hatte nichts davon gehört. Und während Aslak

jetzt eifrig arbeitete, erzählte er noch eifriger, nämlich von Kari mit

dem hölzernen Rock und von der Mühle, die auf dem Meeresgrunde Salz

mahlte, von dem Teufel mit den Holzschuhen, von dem Kobold, der mit dem

Bart in dem Baumstamm hängen blieb, von den sieben grünen Jungfrauen,

die dem Schützenpeter die Haare aus den Waden zwickten, während er

schlief, und durchaus nicht aufwachen konnte, und das alles trug sich

drüben auf Solbakken zu.

»Was in Gottes Namen ist nur mit dem Jungen los?« sagte die Mutter am

nächsten Tage. »Den ganzen Morgen, seit es hell geworden ist, hat er

auf den Knien auf der Bank gelegen und nach Solbakken hinübergestarrt.«

-- »Ja, er hat es heute sehr damit,« sagte der Vater, der dalag und

sich den lieben langen Sonntag ausruhte. -- »Die Leute sagen, er sei

mit Synnöve Solbakken verlobt,« sagte Aslak; »aber die Leute sagen ja

immer soviel,« fügte er hinzu. Thorbjörn verstand es nicht so recht,

errötete aber doch über das ganze Gesicht. Als Aslak die andern hierauf

aufmerksam machte, kroch er von der Bank herab, nahm seinen Katechismus

und begann darin zu lesen. -- »Ja, tröste du dich nur mit Gottes Wort,

du,« sagte Aslak; »du bekommst sie doch nicht.«

Späterhin im Laufe der Woche, als er glaubte, daß sie es vergessen

hätten, fragte er die Mutter ganz leise, denn er war ein wenig

verschämt: »Du -- wer ist Synnöve Solbakken?« -- »Das ist ein kleines

Mädchen, das einst Besitzerin von Solbakken werden wird.« -- »Hat sie

denn keinen hölzernen Rock?« -- Die Mutter sah ihn verwundert an. »Was

sagst du da?« fragte sie. Er fühlte, daß es etwas Dummes sein müßte,

und schwieg. -- »Niemand hat je ein schöneres Kind gesehn, als sie

ist,« fuhr die Mutter fort, »und der liebe Gott hat sie so gemacht zur

Belohnung dafür, daß sie immer so artig und brav ist und so fleißig

lernt.« -- Jetzt wußte er das auch.

Eines Tages, als Sämund mit Aslak auf dem Felde gewesen war, sagte er

am Abend zu Thorbjörn: »Du sollst nicht so oft mit dem Knecht zusammen

sein.« -- Thorbjörn aber achtete nicht weiter darauf. Nach einer Weile

hieß es: »Wenn ich dich noch einmal mit ihm zusammen sehe, geht es dir

schlecht!« Da schlich Thorbjörn ihm nach, wenn es der Vater nicht sah.

Dieser überraschte sie aber, als sie beieinander saßen und schwatzten;

da bekam Thorbjörn Prügel und wurde hineingejagt. Von nun an aber paßte

Thorbjörn Aslak auf, wenn der Vater nicht zu Hause war.

Eines Sonntags, als der Vater in der Kirche war, machte Thorbjörn zu

Hause Unfug. Aslak und er warfen einander mit Schneebällen. -- »Nein,

nein, du erstickst mich noch,« bat Thorbjörn; »laß uns zusammen nach

was anderm werfen.« -- Aslak war gleich dazu bereit, und so warfen sie

denn erst nach der kleinen Tanne neben dem Vorratshause, dann nach der

Tür und endlich nach dem Fenster des Vorratshauses. -- »Nicht nach dem

Fenster selber,« sagte Aslak, »sondern nach dem Rahmen!« -- Thorbjörn

traf aber das Fenster und erbleichte. -- »Pah! Wer erfährt das? Wirf

besser!« -- Er warf abermals, traf aber wieder eine Fensterscheibe.

-- »Jetzt werfe ich nicht mehr,« sagte er. -- In demselben Augenblick

kam seine älteste Schwester, klein Ingrid, heraus. »Wirf nach +ihr+!«

-- Thorbjörn war gleich bereit, die Kleine schrie, und die Mutter

kam heraus. Sie befahl ihm, mit dem Werfen aufzuhören. »Wirf! Wirf!«

flüsterte Aslak. Thorbjörn war heiß und aufgeregt; er tat es. -- »Ich

glaube, du hast deinen Verstand verloren,« sagte die Mutter und lief

auf ihn zu. Er entwischte ihr, sie lief hinter ihm drein -- rund um

den Hof herum; Aslak lachte, und die Mutter drohte. Aber endlich

gelang es ihr, ihn in einer Schneewehe zu fassen, und sie schickte

sich an, ihn gehörig durchzuprügeln. -- »Ich schlage wieder -- das tu

ich -- das ist hier so Sitte.« -- Die Mutter hielt verwundert inne

und sah ihn an. »Das hat dich ein andrer gelehrt,« sagte sie dann,

nahm ihn stillschweigend bei der Hand und führte ihn hinein. Sie sagte

kein Wort mehr zu ihm, sondern beschäftigte sich freundlich mit den

kleinen Geschwistern und erzählte ihnen, daß der Vater jetzt gleich

aus der Kirche heimkehre. Da begann es entsetzlich heiß in der Stube

zu werden. Aslak bat um die Erlaubnis, einen Verwandten besuchen zu

dürfen; er erhielt sie sogleich. Thorbjörn aber wurde sehr klein,

sobald Aslak gegangen war. Er hatte schreckliche Magenschmerzen, und

seine Hände waren so feucht, daß sie am Buche festklebten, wenn er

es anfaßte. Wenn nur die Mutter dem Vater nichts sagen wollte, wenn

er nach Hause käme, aber sie darum zu bitten, das brachte er nicht

fertig. Alles um ihn her hatte sich verändert, und die Stubenuhr

sagte: »Prügel, Prügel -- Prügel, Prügel!« Er mußte aufs Fenster

hinaufklettern und nach Solbakken hinübersehn. Es lag verschneit,

einsam und friedlich da und lachte wie immer im Sonnenschein; das Haus

stand da und blitzte aus allen Fenstern, und dort war sicher nicht

ein einziges zerschlagen; übermütig, fröhlich stieg der Rauch aus dem

Schornstein auf, sicher wurde dort auch für die Kirchgänger gekocht.

Synnöve schaute wohl nach ihrem Vater aus und sollte sicher keine

Schläge haben, wenn der heimkehrte. Er wußte nicht, was er anfangen

sollte, und wurde plötzlich so liebevoll gegen seine Schwestern,

daß er kein Ende fand. Gegen Ingrid war er so gut, daß er ihr einen

blanken Knopf schenkte, den er von Aslak bekommen hatte. Sie umarmte

ihn, und auch er schlang seine Arme um ihren Hals. -- »Meine liebe

kleine Ingrid, bist du mir auch böse?« -- »Nein, lieber Thorbjörn, du

kannst mich meinetwegen so viel schneeballen, wie du willst.« -- Aber

da stampfte sich jemand draußen den Schnee von den Füßen. Richtig, es

war der Vater; er sah so sanft und freundlich aus, und das war noch

schlimmer. -- »Nun?« sagte er und sah sich um -- es war ein Wunder, daß

die Wanduhr nicht herabstürzte! Die Mutter trug das Essen auf. -- »Wie

steht es denn hier?« fragte der Vater, indem er sich hinsetzte und den

Löffel ergriff.

Thorbjörn sah die Mutter an, bis ihm die Tränen in die Augen kamen.

-- »Ach, ganz gut,« sagte sie unglaublich langsam, und sie wollte

noch mehr sagen, das sah er deutlich. -- »Ich habe Aslak erlaubt,

auszugehn,« sagte sie. -- »Das ist nur der Anfang,« dachte Thorbjörn

und fing an mit Ingrid zu spielen, als denke er an nichts weiter in

der Welt. So lange hatte der Vater niemals gegessen, und Thorbjörn

fing schließlich an jeden Bissen zu zählen; als er aber an den vierten

kam, wollte er sehn, wie weit er zwischen dem vierten und fünften

zählen könnte, und dadurch kam er aus dem Zählen heraus. Endlich

erhob sich der Vater und ging hinaus. -- »Die Fensterscheiben! die

Fensterscheiben!« klang es ihm in den Ohren, und er sah sich um, ob die

in der Stube alle heil seien. Ja, sie waren alle heil. Aber nun ging

auch die Mutter hinaus. Thorbjörn nahm die kleine Ingrid auf den Schoß

und sagte so sanft, daß sie ihn ganz verwundert anstarrte: »Wir beide

wollen einmal Goldkönigin auf der Wiese spielen, wir!« -- Das wollte

sie gern. Und dann sang er, während ihm die Beine schlotterten:

»Kleine Blume,

Wiesenblume,

Hör mich einmal an:

Willst du meine Liebste sein,

Schenk ich dir ein Mantel fein

Aus Samt und Gold,

Von Perlen voll.

Ditteli, dutteli, döh,

Die Sonne scheint auf der Höh.«

Und sie antwortete:

»Goldkönigin,

Perlenkönigin,

Hör mich einmal an:

Ich will sein die Liebste dein,

Will haben auch den Mantel fein

Aus Samt und Gold,

Von Perlen voll.

Ditteli, dutteli, döh,

Die Sonne scheint auf der Höh.«

Als nun aber dies Spiel gerade im besten Gange war, kam der Vater

herein und sah ihn forschend an. Er preßte Ingrid fester an sich und

fiel gar nicht vom Stuhl! Der Vater wandte sich ab und sagte kein Wort;

eine halbe Stunde verging, und noch immer hatte er nichts gesagt -- und

Thorbjörn war nahe daran, ganz fröhlich zu werden, wagte es aber doch

nicht. Er wußte nicht, was er davon denken sollte, als ihm der Vater

selber beim Auskleiden half; er fing von neuem an zu zittern. Da fuhr

ihm der Vater liebkosend über den Kopf und streichelte ihm die Wange;

das hatte er nicht getan, solange der Knabe zurückdenken konnte, und

deswegen wurde ihm so warm ums Herz und über den ganzen Leib, daß die

Furcht aus seiner Seele schwand wie das Eis vor der Sonne. Er wußte

nicht, wie er ins Bett kam, und da er sich weder durch Rufen noch durch

Singen Luft machen konnte, faltete er still die Hände, betete sechsmal

das Vaterunser ganz leise vorwärts und rückwärts -- und fühlte, als er

einschlief, daß es auf Gottes grüner Erde doch niemand gebe, den er so

lieb hätte wie seinen Vater.

Am nächsten Tage erwachte er in furchtbarer Angst, weil er nicht

schreien konnte, denn nun sollte er doch Prügel haben. Als er aber

die Augen aufschlug, merkte er zu seiner großen Erleichterung, daß

er es nur geträumt hatte, aber er merkte auch bald, daß gerade ein

andrer Prügel haben sollte, nämlich Aslak. Sämund ging im Zimmer auf

und nieder, und +den+ Gang kannte Thorbjörn nur zu gut. Der ziemlich

kleine, aber stämmige Mann sah von Zeit zu Zeit unter seinen buschigen

Brauen so zu Aslak hinüber, daß dieser sehr wohl fühlte, was in der

Luft lag; Aslak selber saß oben auf einem großen Faß und ließ seine

Beine bald herabbaumeln, bald zog er sie unter sich in die Höhe. Er

hatte wie gewöhnlich die Hände in den Taschen, und die Mütze auf dem

Kopfe war leicht in die Stirn gedrückt, so daß das dicke, dunkle Haar

in Büscheln unter dem Schirm hervorguckte. Der etwas schiefe Mund war

heute noch schiefer als gewöhnlich, den ganzen Kopf hielt er ein wenig

schief und sah Sämund unter halb geschlossenen Augenlidern von der

Seite an. -- »Ja, dein Junge ist nicht recht gescheit,« sagte er, »weit

schlimmer aber ist es, daß dein Pferd verhext ist.« -- Sämund blieb

stehn. »Du bist ein Lümmel!« sagte er, daß es durch die Stube dröhnte

und Aslak die Augenlider noch fester schloß. Sämund ging wieder auf

und nieder, Aslak saß wieder eine Weile schweigend da. -- »Ja, weiß

Gott, es ist verhext!« -- Er schielt von der Seite zu ihm hinüber,

um zu sehn, welche Wirkung dies auf ihn mache. -- »Nein, aber es ist

bange vor dem Walde, das ist es,« sagte Sämund und schritt weiter auf

und nieder. »Du hast im Felde einen Baum über das Tier gefällt, du

nichtsnutziger Schlingel, und deswegen will es jetzt dort nicht mehr

ruhig gehn.« -- Aslak hörte das eine Weile an. -- »Ja, ja! Glaub du

das nur, der Glaube macht niemand zuschanden. Ich zweifle nur, daß

er dein Pferd wieder kuriert,« fügte er hinzu, schob sich ein wenig

höher auf die Tonne hinauf und bedeckte sein Gesicht mit der einen

Hand. Sämund kam wirklich zu ihm hinüber und sagte in leisem, aber

unheilverkündendem Tone: »Du bist ein schlechter --« -- »Sämund!«

ertönte eine Stimme vom Herde herüber. Es war Ingebjörg, seine Frau,

die ihn beschwichtigte, wie sie ihr kleinstes Kind beschwichtigte, das

bange war und schreien wollte. Das Kind hatte sie schon zum Schweigen

gebracht, und nun schwieg auch Sämund, aber er hielt doch seine für

einen so stämmigen Mann sehr kleine Faust Aslak gerade unter die Nase

und hielt sie dort eine Weile, indem er sich vorbeugte und ihm seine

zornsprühenden Augen ins Gesicht bohrte. Darauf schritt er wieder auf

und nieder und sah von Zeit zu Zeit hastig zu ihm hinüber. Aslak war

sehr bleich, grinste aber doch mit dem halben Gesicht zu Thorbjörn

hinüber, während er die Seite, die er Sämund zugewandt hatte, ganz

stramm hielt. -- »Gott schenke uns Geduld!« sagte er nach einer Weile,

hob aber in demselben Augenblick die Ellenbogen in die Höhe, als wollte

er einen Schlag abwehren. Sämund blieb plötzlich stehn und schrie mit

der ganzen Kraft seiner Stimme, indem er auf die Erde stampfte, so

daß Aslak zusammenzuckte: »Nenne +ihn+ nicht! -- du! --« Ingebjörg

sprang mit dem Säugling auf und faßte ihn sanft am Arm. Er sah sie

nicht an, ließ aber doch sofort den Arm sinken. Sie setzte sich hin,

er schritt von neuem auf und nieder; niemand aber sprach ein Wort.

Als dies eine Weile gewährt hatte, konnte sich Aslak nicht länger

bezwingen: »Jawohl, er hat hier auf Granliden freilich viel zu tun!« --

»Sämund! Sämund!« flüsterte Ingebjörg; ehe das aber zu ihm drang, war

Sämund schon auf Aslak losgerast, der den Fuß vorstreckte; den schlug

er zurück, faßte den Burschen daran und am Rockkragen, hob ihn in die

Höhe und warf ihn mit solcher Gewalt gegen die geschlossene Tür, daß

die Füllung hinausfiel und er kopfüber durchflog. Die Mutter, Thorbjörn

und alle Kinder schrien und baten für ihn, und das ganze Haus erscholl

von Jammergeschrei. Sämund aber stürzte ihm nach, dachte nicht daran,

die Tür gehörig aufzumachen, sondern stieß die Überbleibsel beiseite,

nahm ihn nochmals auf, trug ihn von dem Vorbau auf den Hof hinaus, hob

ihn hoch in die Höhe und warf ihn mit aller Gewalt nieder. Und als er

merkte, daß da zu viel Schnee lag, als daß er sich hätte gründlich

Schaden zufügen können, setzte er ihm das Knie auf die Brust und schlug

ihn gerade ins Gesicht, packte ihn dann zum drittenmal, trug ihn wie

ein Wolf, der einen zerrissenen Hund davonschleppt, an eine mehr

schneefreie Stelle, schleuderte ihn noch heftiger zu Boden als zuerst,

setzte ihm das Knie auf die Brust -- und niemand weiß, wie dies geendet

hätte, wenn nicht Ingebjörg mit dem Säugling im Arm dazwischengestürzt

wäre. -- »Mach uns nicht unglücklich!« schrie sie.

Eine Weile darauf saß Ingebjörg im Zimmer. Thorbjörn kleidete sich an,

der Vater ging wieder auf und nieder, trank von Zeit zu Zeit ein wenig

Wasser, aber die Hand zitterte ihm so, daß das Wasser über den Rand der

Tasse floß und auf den Boden platschte. Aslak kam nicht zurück, und

nach einer Weile schickte sich Ingebjörg an, hinauszugehn. -- »Bleib

hier,« sagte er in einem Ton, als spräche er nicht mit ihr, und sie

blieb. Aber nach einiger Zeit ging er selber hinaus. Er kam nicht

wieder. Thorbjörn nahm sein Buch und las unablässig ohne aufzusehn,

obwohl er nicht einen einzigen Satz verstand.

Etwas später, am Vormittag, war das Haus wieder in seiner alten

Ordnung, obgleich alle ein Gefühl hatten wie nach einem fremden

Besuch. Thorbjörn wagte sich endlich hinaus, und der erste, der

ihm an der Tür begegnete, war Aslak, der all sein Hab und Gut auf

einen Schlitten gepackt hatte; der Schlitten aber gehörte Thorbjörn.

Thorbjörn starrte ihn an, denn er sah schrecklich aus. Das Blut war

ihm im Gesicht festgeklebt, und alle seine Kleider waren mit Blut

beschmutzt. Er hustete und griff sich oft nach der Brust. Eine Weile

sah er Thorbjörn schweigend an, dann rief er heftig: »Ich kann deine

Augen nicht ausstehn, Junge!« -- Damit spreizte er die Beine über den

Schlitten, setzte sich und fuhr bergab. -- »Du kannst sehn, wie du

deinen Schlitten wiederkriegst!« sagte er und lachte, indem er sich

noch einmal umwandte und ihm die Zunge ausstreckte. So zog Aslak von

dannen.

Aber in der Woche, die nun folgte, kam der Vogt nach Granliden. Der

Vater war oft abwesend, die Mutter weinte, und auch sie war mehrmals

fort. »Was ist nur, Mutter?« -- »Ach, Aslak ist an allem schuld.«

Und dann eines Tages ertappten sie die kleine Ingrid, wie sie dasaß und

sang:

»O du glückselige Welt,

Nun bist du mir ganz vergällt.

Das Mädel streckt den Fuß hervor,

Der Junge ist ein blöder Tor,

Die Mutter Wassersuppen braut,

Der Vater liegt auf der Bärenhaut.

Die Katze ist noch die klügste im Haus,

Sie leckt den Rahm im Topfe aus.«

Es wurde ein Verhör angestellt, wo sie das Stück Lied her hätte. Ja,

sie hatte es von Thorbjörn gehört. Dieser wurde sehr ängstlich und

sagte, Aslak habe es ihn gelehrt. Da erhielt er denn den Bescheid,

daß er, wenn er selber solche Lieder sänge oder sie der Schwester

beibrächte, sich auf eine Tracht Prügel gefaßt machen könne. Kurz

darauf fing die kleine Ingrid an zu fluchen. Thorbjörn wurde abermals

ins Verhör genommen, und Sämund meinte, es würde wohl das beste sein,

wenn er gleich die Rute bekäme; aber er weinte und gelobte heilig und

teuer, sich zu bessern, so daß er diesmal mit der Angst davonkam.

Am nächsten Sonntag, wo gepredigt wurde, sagte der Vater zu ihm: »Heute

sollst du keine Gelegenheit haben, daheim Unheil anzustiften, du kannst

mich in die Kirche begleiten.«

2

Die Kirche steht in den Gedanken des Bauern auf einer hohen Stelle und

ganz für sich, weihevoll, die Feierlichkeit der Gräber ringsumher, den

lebendigen Gottesdienst drinnen. Es ist das einzige Haus im ganzen Tal,

worauf er Pracht verwandt hat, und ihr Turm ragt deswegen auch etwas

höher empor, als er zu ragen scheint. Ihre Glocken begrüßen ihn schon

aus der Ferne auf seinem Gange durch den klaren Sonntagmorgen, und er

lüftet immer die Mütze, wenn er sie hört, als wollte er sagen: »Dank

für das letztemal!« Es besteht ein Bündnis zwischen ihm und ihnen, das

niemand kennt. In frühester Kindheit stand er wohl in der offnen Tür

und lauschte ihrem Klang, während die Kirchgänger in stillem Zuge unten

auf dem Wege vorübergingen; der Vater schloß sich ihnen an, aber er

selbst war noch zu klein. Er verband damals mancherlei Vorstellungen

mit diesem schweren, vollen Ton, der eine oder auch zwei Stunden die

Herrschaft zwischen den Bergen hatte und von einer Felswand zur andern

widerhallte; eins aber war unzertrennlich von diesem Getön: reine,

neue Kleider, geschmückte Frauen, geputzte Pferde mit blitzendem

Geschirr.

Und wenn sie dann eines Sonntags über seinem eignen Glück läuten und

er selber in funkelnagelneuen, aber viel zu großen Kleidern gesetzt an

der Seite des Vaters einhergeht und das erstemal dahin soll -- ja, dann

liegt Freude und Jubel in ihrem Klange. Da öffnen sie ihm die Türen zu

alledem, was er nun zu sehn bekommen soll! Und auf dem Heimwege, wenn

sie über seinem Haupte dröhnen, das noch schwer und wirr ist von dem

Gesang, der Messe, den Worten der Predigt, die auf ihn eingedrungen

und wieder verdrängt worden sind von alledem, was das Auge zugleich

aufgenommen hat: die Altartafel, die Trachten, alle die Menschen -- da

wölben sie sich ein für allemal über alle diese Eindrücke und geben der

kleinern Kirche, die er fortan in seinem Innern trägt, die rechte Weihe.

Ist er ein wenig älter geworden, so muß er auf den Bergen das Vieh

hüten; wenn er aber an einem schönen, taufrischen Sonntagmorgen so

auf dem Felsblock sitzt, das Vieh zu seinen Füßen, und hört, wie die

Kirchenglocken das Herdengeläute übertönen, da wird ihm ganz wehmütig

ums Herz. Denn mit ihnen tönt etwas Lichtes, Leichtes, Lockendes zu ihm

herauf, der Gedanke an die Bekannten bei der Kirche, an die Freude,

wenn man da ist, und die noch größere, wenn man dagewesen ist, an das

gute Essen daheim, an den Vater, die Mutter, die Geschwister, an das

Spiel auf der Wiese an fröhlichen Sonntagabenden -- und das kleine Herz

wird ganz aufrührerisch in der Brust. Aber seine Gedanken kehren doch

immer wieder zu den Kirchenglocken zurück, die zu ihm heraufschallen;

er sinnt nach und entdeckt schließlich auch ein Bruchstück eines

Kirchenliedes in seinem Gedächtnis; das singt er mit gefalteten Händen

und einem sehnsüchtigen Blick ins Tal hinab, spricht dann ein kleines

Gebet hinterher, springt auf, ist fröhlich und stößt in sein langes

Hirtenhorn, daß es in den Bergen widerhallt.

Hier in den stillen Bergtälern hat die Kirche noch ihre besondre

Sprache für jedes Alter, ihr besondres Aussehn für jedes Auge; vieles

kann sich dazwischen aufgetürmt haben, nichts aber ragt über sie

hinweg. Den Konfirmanden steht sie erhaben und vollkommen da -- mit

erhobnem Finger, halb drohend, halb winkend dem Jüngling, der seine

Wahl getroffen hat; breitschultrig und stark über der Sorge des

Mannes, geräumig und mild über dem müden Greise. Mitten während des

Gottesdienstes werden die kleinen Kinder hereingetragen und getauft,

und es ist bekannt, daß bei dieser Handlung die Andacht am größten ist.

Man kann deswegen norwegische Bauern -- weder gute noch schlechte --

nicht zeichnen, ohne irgendwo mit der Kirche in Berührung zu kommen.

Das mag einförmig erscheinen, aber das ist vielleicht nicht das

Schlimmste. Dies sei ein für allemal gesagt, und nicht einzig und

allein wegen des Kirchenbesuchs, der nun folgt.

Thorbjörn war glücklich über den Gang zur Kirche und alles, was er sah;

wunderlich viele Farben nahm sein Auge vor der Kirche in sich auf, er

fühlte sich bedrückt durch die Stille drinnen, die auf allen und allem

ruhte, ehe noch die Messe begonnen hatte; und obwohl er selber vergaß,

den Kopf zu senken, als das Gebet verlesen wurde, war er doch wie

gebeugt durch den Anblick mehrerer hundert gebeugter Köpfe. Der Gesang

erschallte, und alle rings um ihn her sangen, sangen auf einmal, so daß

es ihm fast ängstlich zumute wurde. So versunken saß er da, daß er wie

aus einem Traum in die Höhe fuhr, als ihr Stuhl leise geöffnet wurde

und jemand eintrat. Nachdem der Gesang beendet war, reichte der Vater

dem Manne die Hand und fragte: »Geht alles gut auf Solbakken?«

Thorbjörn riß die Augen auf; aber soviel er auch starrte, war es ihm

unmöglich, diesen Mann mit irgendeiner Art von Zauberei in Zusammenhang

zu bringen. Es war ein freundlich aussehender, blonder Mann mit großen

blauen Augen, hoher Stirn und stattlicher Haltung; er lächelte, wenn

man ihn anredete, und sagte ja zu allem, was Sämund sagte, war aber

sonst wortkarg. -- »Da kannst du Synnöve sehn,« sagte der Vater,

indem er sich zu Thorbjörn hinabbeugte, ihn auf sein Knie zog und nach

dem ihnen gerade gegenüberliegenden Frauenstuhl zeigte. Da kniete ein

kleines Mädchen oben auf der Bank und sah über die Seitenlehne des

Kirchstuhls herüber; sie war noch blonder als der Mann, so blond, wie

er nie etwas Ähnliches gesehn hatte. Sie hatte rote, flatternde Bänder

an der Mütze, unter der das weißblonde Haar hervorguckte, und lachte zu

ihm herüber, so daß er eine ganze Weile nichts andres ansehn konnte als

ihre weißen Zähne. Sie hielt ein schimmerndes Gesangbuch in der einen

Hand und ein zusammengefaltetes rotgelbes seidnes Taschentuch in der

andern und ergötzte sich nun damit, daß sie das Tuch um das Gesangbuch

wickelte. Je mehr er sie anstarrte, um so mehr lachte sie, und nun

wollte auch er auf die Bank knien, so wie sie. Da nickte sie ihm zu. Er

sah sie eine Weile ganz ernsthaft an, dann nickte auch er. Sie lachte

und nickte noch einmal; er nickte zurück, und noch einmal und noch

einmal; sie lachte, nickte aber nicht mehr -- bis nach einer Weile, als

er es schon vergessen hatte, da nickte sie.

»Ich will auch sehn!« hörte er eine Stimme hinter sich, und

in demselben Augenblick fühlte er sich an den Beinen auf den

Boden herabgezogen, so daß er beinahe gefallen wäre; es war ein

vierschrötiger kleiner Bursche, der sich nun tapfer auf seinen Platz

hinaufarbeitete; auch er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine

Stumpfnase. Aslak hatte Thorbjörn gelehrt, wie die bösen Jungen,

mit denen er in der Kirche und in der Schule zusammentreffen würde,

gehandhabt werden müßten; deswegen kniff denn Thorbjörn den Buben

von hinten, so daß der schon laut aufschreien wollte, sich aber

zusammennahm und statt dessen ganz geschwinde wieder von der Bank

herabkroch und Thorbjörn bei beiden Ohren packte. Dieser faßte ihn

beim Schopf und zwang ihn unter sich, noch schrie er nicht, biß aber

Thorbjörn in den Schenkel; Thorbjörn zog sein Bein zurück und preßte

das Gesicht des andern hart gegen die Erde. Da wurde er selber beim

Rockkragen gepackt und wie ein Strohsack in die Höhe gehoben -- es

war der Vater, der ihn auf seinen Schoß setzte. »Wäre es nicht in der

Kirche, so bekämst du Prügel,« flüsterte er ihm ins Ohr und drückte

seine Hand so, daß es ihn bis in den Fuß schmerzte. Da fiel ihm Synnöve

ein, und er sah wieder hinüber; sie stand noch da, aber so starr und

entsetzt, daß ihm eine Ahnung davon aufging, daß das, was er getan

hatte, etwas sehr Schlimmes sein müsse. Sobald sie merkte, daß er sie

ansah, kroch sie auf die Bank hinab und war nicht mehr zu sehn.

Nun kam der Küster, und dann kam der Pfarrer: aufmerksam hörte und sah

er sie an. Dann kam abermals der Küster und hinterdrein wieder der

Pfarrer; aber noch immer saß er da auf dem Schoß des Vaters und dachte:

»Ob sie wohl nicht bald wieder aufsehn wird?« Der Junge, der ihn von

der Bank heruntergezogen hatte, saß auf einem Schemel weiter hinten

im Stuhl, und jedesmal, wenn er aufstehn wollte, bekam er einen Puff

in den Rücken von einem alten Manne, der auch dasaß und nickte, aber

regelmäßig aufwachte, sobald der Junge Miene machte, aufzustehn. --

»Ob sie wohl nicht bald herübersehn wird?« dachte Thorbjörn, und jedes

rote Band, das er ringsumher flattern sah, und jedes bunte Bild in der

alten Kirche war entweder ebenso groß oder ebenso klein wie sie. Ja, da

hob sie den Kopf wieder hervor! Sowie sie ihn aber erblickte, zog sie

ihn ernsthaft wieder zurück. -- Noch einmal kamen der Küster und der

Geistliche zum Vorschein, die Glocken läuteten, und man erhob sich. Der

Vater sprach wieder leise mit dem blonden Manne; sie gingen zusammen

hinüber nach dem Frauenstuhl, wo man sich ebenfalls erhoben hatte.

Die erste, die heraustrat, war eine blonde Frau, die ebenso lächelte

wie der Mann, aber doch etwas schwächer; sie war ganz klein und blaß

und hielt Synnöve an der Hand. Thorbjörn eilte sofort geradeswegs auf

sie zu; sie aber entzog sich ihm schnell und verkroch sich hinter dem

Kleide ihrer Mutter. -- »Laß mich,« sagte sie. -- »Der da ist wohl

noch nie in der Kirche gewesen,« sagte die blonde Frau und legte ihm

die Hand auf den Kopf. -- »Nein, deswegen prügelt er sich auch das

erstemal, wo er drin ist,« sagte Sämund. Thorbjörn sah beschämt zu ihr

auf und dann zu Synnöve, die ihm noch ernster erschien. Sie gingen

alle hinaus, die Eltern im Gespräch miteinander, Thorbjörn aber hinter

Synnöve her, die sich jedesmal, wenn er ihr näher kam, dichter an die

Mutter herandrängte. Den andern Jungen sah er nicht mehr. Draußen auf

dem Kirchenanger blieben sie stehn und begannen ein längeres Gespräch.

Thorbjörn hörte mehrmals den Namen Aslak, und da er fürchtete, es

könne bei dieser Gelegenheit auch ein wenig von ihm selber geredet

werden, zog er sich zurück. -- »Du brauchst das nicht zu hören,« sagte

die Mutter zu Synnöve, »geh ein wenig beiseite, mein Herz -- geh weg,

sage ich dir.« Synnöve zog sich zögernd zurück. Jetzt näherte sich

Thorbjörn ihr und sah sie an, und sie sah ihn an, und so standen sie

eine ganze Weile da und betrachteten sich gegenseitig. Endlich sagte

sie: »Pfui!« -- »Weshalb sagst du pfui?« fragte er. -- »Pfui!« sagte

sie noch einmal. »Pfui, schäm dich,« fügte sie hinzu. -- »Was habe ich

denn getan?« -- »Du hast dich in der Kirche geprügelt, und noch dazu

während der Pfarrer vor dem Altare stand -- pfui!« -- »Ja, aber das ist

schon lange her.« -- Das leuchtete ihr ein, und nach einer Weile sagte

sie: »Bist du der, der Thorbjörn Granliden heißt?« -- »Ja; und bist

du die, die Synnöve Solbakken heißt?« -- »Ja. Ich habe immer gehört,

du wärst ein so artiger Junge.« -- »Nein, +das+ ist nicht wahr, denn

ich bin zu Hause der schlimmste von uns allen,« sagte Thorbjörn. --

»So was habe ich doch noch nie gehört!« sagte Synnöve und schlug die

kleinen Hände zusammen; »Mutter, Mutter -- er sagt --« -- »Schweig

und geh weg,« entgegnete ihr die Mutter. Sie blieb stehn, wandte sich

dann langsam um und kehrte rückwärtsgehend zurück, die großen, blauen

Augen auf die Mutter gerichtet. -- »Ich habe immer gehört, +du+ wärst

so artig,« sagte Thorbjörn. -- »Ja, zuweilen, wenn ich recht fleißig

gelernt habe,« erwiderte sie. -- »Ist es wahr, daß es bei euch von

Kobolden und Hexen und andern bösen Geistern wimmelt?« fragte er,

stemmte den Arm in die Seite, setzte den einen Fuß vor und stützte sich

auf den andern, wie er es von Aslak gesehn hatte. -- »Mutter, Mutter,

weißt du, was er sagt? Er sagt --« -- »Laß mich in Frieden, hörst du,

und komm nicht hierher, bis ich dich rufe.« -- Sie mußte abermals

langsam und rückwärtsgehend umkehren, sie nahm einen Zipfel ihres

Taschentuchs in den Mund, biß darauf und zerrte daran. -- »Ist es denn

gar nicht wahr, daß da drüben in den Hügeln jede Nacht Musik gemacht

wird?« -- »Nein!« -- »Hast du denn nie einen Kobold gesehn?« -- »Nein!«

-- »Aber in Jesu Namen --« -- »Pfui, das mußt du nicht sagen!« -- »Ach

was, das ist nicht schlimm,« sagte er und spuckte durch die Zähne, um

ihr zu zeigen, wie weit er spucken könne. -- »Ja, ja,« sagte sie, »denn

sonst kommst du in die Hölle!« -- »Glaubst du das?« fragte er bedeutend

kleinmütiger; denn er hatte nur gedacht, er könnte Prügel dafür

bekommen, und der Vater stand jetzt weit von ihm entfernt. -- »Wer bei

euch ist der Stärkste?« fragte er und setzte die Mütze ein wenig mehr

auf die eine Seite. -- »Das weiß ich wirklich nicht!« -- »Ja, bei uns

ist es der Vater, er ist so stark, daß er Aslak geprügelt hat, und der

ist stark, das kannst du mir glauben.« -- »So?« -- »Ja, er hat einmal

ein Pferd genommen und es in die Höhe gehoben.« -- »Ein Pferd?« -- »Das

ist so wahr, so wahr -- denn er hat es selber erzählt!« -- Da zweifelte

sie auch nicht mehr daran. -- »Wer ist Aslak?« fragte sie. -- »Das ist

ein schlimmer Gesell, das kannst du mir glauben. Vater, der hat ihn so

geprügelt, wie auf der ganzen Welt noch nie ein Mann geprügelt worden

ist.« -- »Prügelt ihr euch denn da drüben bei euch?« -- »Ja, manchmal,

dann -- tut ihr es bei euch nicht auch?« -- »Nein, nie!« -- »Was tut

ihr denn?« -- »Ach, die Mutter kocht das Essen und strickt und näht;

das tut Kari auch, aber sie kann es nicht so gut wie die Mutter, denn

Kari ist so faul. Und Randi besorgt die Küche, und der Vater und die

Knechte sind auf dem Felde oder auch zu Hause.« -- Diese Erklärung

schien ihn vollständig zu befriedigen. -- »Aber jeden Abend lesen und

singen wir,« fuhr sie fort, »und das tun wir des Sonntags auch.« --

»Alle zusammen?« -- »Ja!« -- »Das muß langweilig sein!« -- »Langweilig!

Mutter, er sagt --« Aber dann fiel ihr ein, daß sie die Mutter nicht

stören sollte. -- »Du kannst mir glauben, ich habe viele Schafe!« sagte

sie. -- »Wirklich?« -- »Ja, zwei bekommen diesen Winter Lämmer, und

das eine, glaube ich ganz sicher, bekommt zwei.« -- »So, du hast also

Schafe, du?« -- »Ja, ich habe auch Kühe und Schweine. Hast du denn

keine?« -- »Nein!« -- »Dann komm nur zu mir, dann will ich dir ein Lamm

schenken. Du sollst sehn, du bekommst dann mehrere davon.« -- Das würde

schrecklich lustig sein! -- Sie standen eine Weile schweigend da. --

»Könnte Ingrid nicht auch ein Lamm bekommen?« fragte er. -- »Ingrid?

Wer ist Ingrid?« -- »Ingrid -- die kleine Ingrid!« -- Nein, die kannte

sie nicht. -- »Ist sie kleiner als du?« -- »Freilich ist sie kleiner

als ich -- ungefähr so wie du.« -- »Ach ja, die mußt du mitbringen,

hörst du!« -- Ja, das wollte er tun. -- »Aber,« sagte sie, »da du ein

Lamm bekommst, so soll sie ein Ferkel haben!« -- Das fand er auch viel

vernünftiger, und dann sprachen sie ein wenig über gemeinsame Bekannte,

deren sie freilich nicht viele hatten. Die Eltern waren fertig, und sie

mußten nach Hause gehen.

In der Nacht träumte er von Solbakken, und es war ihm, als sähe er

da drüben nur weiße Lämmer und ein kleines blondes Mädchen mit roten

Bändern zwischen ihnen umhergehn. Ingrid und er sprachen jeden Tag

davon, daß sie hinübergehn wollten, sie hatten so viele Lämmer und

kleine Ferkel zu hüten, daß sie gar nicht wußten, wie sie damit fertig

werden sollten. Indessen wunderten sie sich sehr darüber, daß sie

nicht sofort hinübergehn durften. -- »Nur weil euch das kleine Mädchen

eingeladen hat?« fragte die Mutter. »Hast du je so etwas gehört?« --

»Ja, ja, wartet nur bis zum nächsten Sonntag, wo gepredigt wird,« sagte

Thorbjörn, »da werdet ihr schon sehn.«

Der Sonntag kam. -- »Du sollst so arg prahlen und lügen und fluchen,«

sagte Synnöve da zu ihm, »daß du nicht eher kommen darfst, als bis du

dir das abgewöhnt hast.« -- »Wer hat das gesagt?« fragte Thorbjörn ganz

verwundert. -- »Die Mutter.«

Ingrid sah voller Erwartung der Heimkehr entgegen, und er erzählte ihr

und der Mutter, wie es ihm ergangen wäre. -- »Siehst du wohl!« sagte

die Mutter. Ingrid aber sagte nichts. Doch von nun an gaben sie und

die Mutter acht auf ihn, sobald er prahlte oder fluchte. Ingrid und

er gerieten sich indessen eines Tages darüber in die Haare, ob der

Ausdruck: »Der Hund fahre in mich!« als Fluch zu betrachten sei oder

nicht. Ingrid bekam Prügel, und nun sagte er den ganzen Tag: »Der Hund

fahre in mich!« Am Abend aber hörte der Vater es. -- »Ja, er soll in

dich fahren!« sagte er und versetzte ihm eine Ohrfeige, daß er zu Boden

taumelte. Thorbjörn schämte sich am meisten vor Ingrid; aber nach einer

Weile kam sie zu ihm hin und streichelte ihn.

Als ein paar Monate vergangen waren, gingen sie beide nach Solbakken

hinüber; dann kam Synnöve zu ihnen, und sie waren wieder bei ihr, und

so ging es während der ganzen Zeit, daß sie heranwuchsen. Thorbjörn

und Synnöve lernten um die Wette; sie gingen in dieselbe Schule, und

er machte schließlich größre Fortschritte; so gute Fortschritte machte

er, daß sich der Pfarrer seiner annahm. Mit Ingrid ging es nicht so

gut, und die beiden andern halfen ihr. Sie und Synnöve wurden so

unzertrennlich, daß die Leute sie die Schneehühner nannten, weil sie

immer beieinander flatterten, und weil sie beide so blond waren.

Es kam wohl vor, daß Synnöve sich über Thorbjörn ärgerte, weil er gar

zu wild war und beständig in Schlägerei geriet. Ingrid legte sich dann

immer ins Mittel, und sie waren gute Freunde wie zuvor. Hörte aber

Synnöves Mutter von der Schlägerei, so durfte er in der Woche nicht

nach Solbakken und nur mit genauer Not in der nächsten. Sämund wagte

niemand etwas von dergleichen zu erzählen; »er ist zu hart mit dem

Jungen,« sagte die Mutter und gebot allen Schweigen.

Als sie nun heranwuchsen, waren sie alle drei schön anzusehn, jedes

freilich auf seine Weise. Synnöve wurde groß und schlank, hatte

hellblondes Haar, ein feines, leuchtendes Gesicht und sanfte, blaue

Augen. Sie lächelte, wenn sie sprach, und schon früh sagten die Leute,

es sei ein Segen, in den Bereich dieses Lächelns zu kommen. Ingrid

war kleiner, aber rundlicher, sie hatte noch helleres Haar und ein

ganz kleines, rundes, weiches Gesicht. Thorbjörn wurde mittelgroß,

aber er war gut gewachsen, hatte dunkles Haar, dunkelblaue Augen,

scharfe Gesichtszüge und starke Glieder. Er pflegte, wenn er zornig

war, zu erzählen, daß er ebenso gut lesen und schreiben könne wie der

Schulmeister und sich vor niemand im ganzen Tal fürchte -- den Vater

ausgenommen, dachte er bei sich; aber das sagte er nicht.

Thorbjörn wollte gern früh konfirmiert werden, aber daraus wurde

nichts. »Solange du nicht konfirmiert bist, bist du nur ein Knabe, und

ich kann besser mit dir fertig werden,« sagte sein Vater. So kam es

denn, daß er, Synnöve und Ingrid zu derselben Zeit zum Pfarrer gingen.

Synnöve hatte auch lange gewartet, sie war fünfzehn Jahre und ging ins

sechzehnte. -- Man kann nie genug, wenn man sein Glaubensbekenntnis

ablegen soll, hatte die Mutter immer gesagt, und der Vater Guttorm

Solbakken hatte sein Ja dazu gesprochen. Da war es denn nicht zu

verwundern, daß sich schon ein paar Freier zeigten, der eine der Sohn

eines vornehmen Mannes, der andre ein reicher Nachbar. »Das ist aber

doch zu arg! Sie ist ja noch nicht einmal eingesegnet!« -- »Ja, dann

müssen wir sie wohl einsegnen lassen,« meinte der Vater. Von alledem

wußte aber Synnöve selbst nichts.

Auf dem Pfarrhofe hatten die Damen Synnöve so gern, daß sie sie

hereinholten, um sich mit ihr zu unterhalten. Ingrid und Thorbjörn

waren draußen bei den andern stehngeblieben, und als einer der Knaben

zu ihm sagte: »Du kamst also nicht mit hinein? Die schnappen sie dir

gewiß noch weg!« da kostete es den Burschen ein blaues Auge. Von nun

an wurde es Sitte bei den andern Knaben, ihn mit Synnöve zu necken,

und es zeigte sich, daß ihn nichts in einen so großen Zorn versetzen

konnte. In einem Walde unterhalb des Pfarrhofes kam es schließlich

verabredetermaßen zu einer großen Prügelei, die ihren Grund in diesen

Hänseleien hatte. Die Zahl seiner Gegner wuchs so an, daß sich

Thorbjörn schließlich gegen eine ganze Schar auf einmal zu verteidigen

hatte. Die Mädchen waren vorausgegangen, so daß niemand da war, der sie

hätte auseinanderbringen können, und deswegen wurde es ärger und ärger.

Nachgeben wollte er nicht, es drangen immer mehr auf ihn ein, und nun

verteidigte er sich, wie er am besten konnte, und daher wurden Schläge

ausgeteilt, die später selbst erzählten, was vorgefallen war. Die

Veranlassung zu der Prügelei wurde zugleich bekannt, und infolgedessen

entstand ein großes Gerede im Kirchspiel.

Am folgenden Sonntag wollte Thorbjörn nicht zur Kirche gehn, und am

nächsten Tage, als sie zum Pfarrer gehn sollten, stellte er sich krank.

Ingrid ging deswegen allein. Er fragte sie bei der Heimkehr, was

Synnöve gesagt habe. -- »Nichts.«

Als er dann wieder mitging, glaubte er, alle Leute sähen ihn an, und

die Konfirmanden lachten über ihn. Aber Synnöve kam später als die

andern und war an diesem Tage lange im Pfarrhause. Er fürchtete,

Vorwürfe von dem Pfarrer zu bekommen, merkte aber bald, daß die

beiden einzigen im ganzen Kirchspiel, die nichts von der Schlägerei

wußten, der Vater und der Pfarrer waren. Das war ja soweit alles

ganz gut, nur wußte er nicht, wie er es anfangen sollte, wieder mit

Synnöve zu sprechen, denn zum erstenmal wagte er nicht recht, Ingrid

um ihre Vermittlung zu bitten. Nach dem Unterricht ging Synnöve

wieder ins Pfarrhaus. Er wartete, solange noch andre auf dem Hofe

waren; schließlich mußte aber auch er gehn. Ingrid war mit den ersten

fortgegangen.

Am nächsten Tage war Synnöve vor allen andern gekommen und ging mit

einer der Damen und einem jungen Herrn im Garten. Das Fräulein grub

Blumen aus und gab sie Synnöve, der Herr war dabei behilflich, und

Thorbjörn stand draußen unter den andern und sah zu. Sie erklärten

ihr so laut, daß alle es hörten, wie diese Blumen eingepflanzt werden

müßten, und Synnöve versprach, es eigenhändig zu tun, damit es genau so

würde, wie sie es ihr gesagt hatten. -- »Allein kannst du es nicht,«

sagte der fremde Herr, und das merkte sich Thorbjörn. -- Als Synnöve

wieder zu den andern herauskam, erzeigten ihr diese noch mehr Achtung

als sonst; Synnöve aber ging zu Ingrid hin, begrüßte sie freundlich

und bat sie, mit ihr zusammen auf den Grasplatz hinauszukommen. Dort

setzten sie sich hin, denn es war lange her, seit sie vertraulich

miteinander geredet hatten. Thorbjörn stand wieder unter den andern und

betrachtete Synnöves schöne, ausländische Blumen.

An diesem Tage ging Synnöve mit den andern zusammen nach Hause. --

»Soll ich dir nicht die Blumen tragen?« fragte Thorbjörn. -- »Das

kannst du gern tun,« erwiderte sie sanft, aber ohne ihn anzusehn, dann

nahm sie Ingrid bei der Hand und ging voran. In der Nähe von Solbakken

blieb sie stehn und sagte Ingrid Lebewohl. »Das kleine Stück kann ich

sie sehr gut noch selber tragen,« sagte sie und nahm den Korb auf, den

Thorbjörn niedergesetzt hatte. Den ganzen Morgen lang hatte er darüber

nachgedacht, daß er sich erbieten wollte, ihr die Blumen einzupflanzen,

aber nun kam er nicht dazu, denn sie wandte sich rasch um. Er dachte

aber an nichts andres danach, als daß er ihr doch bei den Blumen hätte

helfen sollen. -- »Worüber habt ihr beiden denn gesprochen?« fragte er

Ingrid. -- »Über nichts.«

Synnöve Solbakken: Erzählung · 第 1 / 8 段