Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebt hat,

war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die

Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in

ihrer wahrhaft mütterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett,

und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die

Augen übergingen. Währenddessen fuhr der Kaiser in seinem schönen

Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart

entsprechend vertiefte er sich sofort mit höchstem Interesse in die

Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der

„Brüder von der Landstraße”, gleichzeitig in hohem Maße angezogen

und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. „Hätten wir doch”, so

rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, „in

jeder Provinz einen solchen Mann, es stände anders im Vaterlande!”

Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach

Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde

zusammenfand. Zweitausend Bläser, zehntausend Sänger und Sängerinnen

der christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine des Landes

bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch

vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet

wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der

Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Töne

zur Ehre Gottes und seines unvergänglichen Reiches.

Weihnachten aber ging natürlich über alles. Da war am heiligen Abend

in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt.

Wie wußte Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen

Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen,

die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Maße der Gemeinde der

Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel

gingen wir heimwärts, um dann in den einzelnen Häusern noch

besonders zu feiern.

Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden

Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich

freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von draußen

her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel

Mühe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der

Kranken miteinander zu erleben und die Güte Gottes zu preisen. Wir

werden es nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und

Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den

Elendesten und Ärmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von

Eben-Ezer, mit den Gemütskranken von Morija vor der Krippe kniete,

um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklären, und wie er uns alle,

Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: „Gott ist

geoffenbaret im Fleisch.”

Gebet, so wird euch gegeben!

Vaters bereits erwähntes Wort „Die Anstalt gehört der ganzen

Christenheit!” war aus seiner innersten Überzeugung heraus

gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine

eigene Aufgabe an. Er für seine Person gehörte wirklich der ganzen

Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenüber.

Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld

unbegrenzt. „Laßt es euch gern sauer werden!” konnte er uns

gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von

aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden

und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darüber. Er

ließ es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine

Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht,

ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.

Wie konnte er uns unsere Wünsche, unsere kleinen und großen Nöte

entlocken! Für sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus

kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der

zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit

dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis

entlockt. „Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; --

vielleicht nur ein Kümmerchen? ein ganz kleines Kümmerchen? Ich sage

es auch niemand.” Manchmal wurde schon allein über solchem Klang der

Kummer zum Kümmerchen, das Kümmerchen zum kleinen Kümmerchen und

verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.

Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch

herauskam -- ungetröstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er

konnte natürlich nicht alle Bitten erfüllen, die an ihn herankamen.

Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen

sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab,

oder ein Ratschlag oder ein kurzer väterlicher Zuspruch -- etwas

bekam jeder mit.

Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der

Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. „Liebes

Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe

Zeit.” Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam

jemand mit äußeren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu

leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte

es seit Paris zu oft erfahren, daß man ihn immer wieder angeborgt,

ihm aber fast nie zurückgegeben hatte. Natürlich machte er auch

Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fällen.

Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder

auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug

konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! „Lieber

Freund, können Sie mir wohl eine Weste machen?” Als er seine Augen

geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll

von Westen!

Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natürlich nicht anders sein,

als daß sein Schreibtisch sich immer aufs neue füllte mit

Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern

von nah und fern. Für die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat

und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermüdende

Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern

ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretärs und des

Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen

müsse. „Geh ins Stübchen!” hieß es dann. „Ich komme.”

Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, daß er nicht kam,

sondern im Gedränge der Arbeit den Wartenden vergaß. Sechs Stunden

lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stübchen unter

dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans

Licht zu wagen, offenbar in dem Gefühl, daß das geduldige Warten zum

ersten Teil der Hilfe gehöre. Aber als er dann endlich entdeckt

wurde, ist er doppelt getrost seine Straße gezogen.

Natürlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine

Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde möchte eine

Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Fürsprache beim

Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. Über ein

Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist

zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Außenbezirke von Bielefeld haben

Rat und Tat nötig zur Errichtung selbständiger Kirchengemeinden. In

Ems sind die Kurgäste ohne geistliche Versorgung und bedürfen einer

Kirche. Die Waisen und Witwen der südafrikanischen Buren leiden

Mangel usw. Es ist unmöglich, die großen und kleinen Nöte

aufzuzählen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er

sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter

Umständen auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit,

namentlich wenn sie im äußeren Gewande der Frömmigkeit kam, konnte

sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glühend,

bisweilen sogar weiß machen vor Zorn.

Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel

erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die

Kirche gebaut war -- aber was einmal angefangen wurde, das wurde

auch durchgeführt mit großer Zähigkeit und in dem ritterlichen Sinn,

der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf

nicht scheut.

Vaters unermüdliche Liebe -- das konnte natürlich nicht ausbleiben

-- weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum

wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten ließ,

darum gönnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.

Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg

Müller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen

Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fühlte sich diesem Mann des

Glaubens innerlich verwandt. Doch Müllers Meinung, daß man nur Gott,

aber nicht Menschen bitten dürfte, billigte er nicht. Überhaupt

hatte er die Überzeugung, daß Müller sich täusche, wenn er meinte,

er bäte Gott, aber nicht Menschen. Müllers ausführliche Berichte

über den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten

Nachrichten über die wunderbare Erhörung seiner Gebete waren in

Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet

wurden, wenn auch in verhüllter Form.

Aber gerade diese verhüllte Form liebte Vater nicht. Er mußte an

seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er

nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Türen und an

die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets für die Notwendigkeit

und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht müde, die

Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen

ihre Sammelwege gingen, für ihren mühseligen, entsagungsvollen

Dienst zu ermuntern. Daß er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen

anklopfen konnte, verstand sich für ihn von selbst.

Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein

Fenster! Wir wußten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und

auch unser Geheimnis. Von seinem persönlichen Gebetsleben hat er nie

gesprochen. Er hat die großen Verheißungen, die dem Gebet geschenkt

sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen,

aber nie zum Gebet gedrängt. Er wußte, daß dies Größte, Heiligste,

Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles

Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die öffentlich

abgekündeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Für ihn war das Gebet

das große Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen

Christen und der kleinen verborgenen Häuflein, aber eine öffentliche

Abkündigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an

diesen Veranstaltungen teil.

Die große Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit

der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch

zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte,

warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen

und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld,

sondern Menschen. „Ein Tröpflein Liebe”, sagte er oft, „ist mehr

wert als ein ganzer Sack voll Gold.” Um Liebe warb er. Hatte er sie

gewonnen, so waren natürlich Geld und Gut und jede Art irdischer

Hilfe auch gewonnen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, das

drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie

unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt.

Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert an sein armes,

totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben über sein

Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und

hatte.

Dieser persönliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man

fühlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld

herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie

drangen ins Gemüt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des

Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so

geschrieben, daß auch der Geringste sie verstehen konnte.

Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So

führte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte

ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklärten sich bereit,

wöchentlich fünf Pfennig für die Pflege der Epileptischen

beizusteuern. Einer von den zehn übernahm das Einsammeln und die

Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krüppelkind,

die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten,

wöchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu

nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der

Arbeit in Bethel berichtete.

Nie ging Vater auf mächtige, wohlhabende, angesehene

Persönlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf

die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor,

der für ein großes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste,

aber nur zu den Reichen ging, nur große Gaben wünschte und auch

bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das

Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegründet gewesen. Vater

konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz große Gabe

bekam. Wie, wenn das bekannt würde?! Dann würden seine kleinen

Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken können, ihr

Dienst sei jetzt unnötig, während doch gerade aus den kleinsten und

verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die

immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf

starkem Rücken trug.

Diese Überzeugung, daß die kleinsten Mithelfer die sichersten seien,

gab dann auch wieder und wieder die glückliche Form für seine

Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte,

berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es

stellte sich heraus, daß die neue Anlage täglich 50000 Liter

liefern würde und daß zu ihrer Fertigstellung rund 50000 Mark nötig

seien, also für jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:

„Ein Liter kalten Wassers!

Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns

schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt

eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen

und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als

zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Häusern plätscherte! In

den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000

auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute

längst nicht mehr. Aus vielen Häusern dringt mir jetzt, sooft ich

mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!” Wer jemals

diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den

heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn

nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches

Wasser ist namentlich für Kranke eine sehr große Wohltat.

Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir

haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge

zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel

beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das

Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben

wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der

Leitung müssen wir mindestens 50000 Mark dafür ausgeben, bekommen

dann aber auch täglich 50000 Liter köstliches Gebirgswasser, also

für je eine Mark Anlagekapital täglich für alle Zeit einen Liter

Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser hinein und

außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die

wieder einem kleinen Teil der immer noch so großen Zahl wartender

Kranker eine so erwünschte Heimat gewähren können.

Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50000 Mark Schulden auf uns

zu laden. Damals haben uns etwa 12000 Geber je 50 Pfennig geschenkt

und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es, wenn

jetzt jeder Leser sammelte, um für alle Zukunft täglich unsern armen

Kranken einen Liter frischen Wassers zu reichen! Wäre das nicht ein

liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht für unmöglich, daß

Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten:

Frisch ans Werk!

Den Dank überlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten

einen mit einem Becher kalten Wassers tränket, wahrlich, ich sage

euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”

Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der

Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem

Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefaßt. Konnte

der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermögende zehn,

zwanzig, fünfzig, hundert Liter schicken. So floß bald die

Wasserleitung über. Und viele neue Freunde, die bis dahin den

Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.

Als die erste Nachricht über die große ostafrikanische Hungersnot

nach Berlin kam, ließ sich Vater von Missionar Döring die soeben

eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen,

um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mußte ihm einen Bericht

nach dem andern vorlesen. Dann saß er lange mit geschlossenen Augen

in der Ecke. Schließlich sagte er: „Schreib mal!” In kurzen

ergreifenden Zügen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was

sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Küste

Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und überall den Eingeborenen

gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus

den Feldern geräumt und auf Haufen getragen werden, damit Häuser und

Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also „Brot für

Steine”. Als er fertig war, sagte er: „So, nun habe ich

100000 Mark.” Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der

Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wußten. Den Lohn für

einen Stein, der draußen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt

wurde, konnte auch das ärmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten.

Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In

der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in

Bewegung. Jeder wollte helfen, damit für Steine Brot gekauft und der

Hunger gestillt werden könnte. Und als schließlich die Hungersnot zu

Ende ging, blieb noch so viel übrig, daß auch die sterbenden

Familien der Buren in Südafrika mit versorgt werden konnten.

Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren

Leitungen erschraken: „Gräbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?”

Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befürchtungen

stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafür

keine Empfindung. Er sah in solchen Befürchtungen einen verkehrten

Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar

nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu

entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller

Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war

überzeugt, daß diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem

Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl

handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!

Und wenn man jetzt zurückschaut, so wird es in der Tat in den

letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht

keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wußten, Liebe, die nicht

nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die

überall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich

zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen,

daß wohltätige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt

umgrenzte Interessengebiete für sich allein in Anspruch nahmen und

jedem andern den Zugang wehrten.

Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger

Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegründet wurde, stand mancher der

führenden Männer des Landes mit Sorge beiseite. Würden die Werke der

inneren und äußeren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht

durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist

Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind

nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht

geringe Anzahl neuer Pflegestätten, wie die schon erwähnte Anstalt

Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu

einem selbständigen Zweige gewordene Waisen- und Fürsorgeanstalt

Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehäuser in einzelnen

Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Maße,

als Glaube und Liebe da sind.

Für die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es

natürlich von großer Bedeutung, daß sie wissen konnten: Man geht mit

der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst hätte

nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten können, wenn

er nicht innerhalb der Anstalt unablässig zu größter Treue gegenüber

dem anvertrauten Gut angehalten hätte.

Und die Kräfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten

werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Kräfte willig

und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man

Vater, seinen ältesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf

dem Rücken, an die Arbeit ziehen, um den Graben für die

Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natürlich wollte jetzt keiner

zurückstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und

Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge

herangeführt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann

Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr,

das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend

an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke

gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein

ging!

Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges

Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb

der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er

erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, daß sie

Zeit haben müsse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die

Freude und die Schönheit und den Frieden beschränken. Hätte er immer

Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wäre mancher

einfacher ausgefallen. Aber er ließ auch dem Baumeister Freiheit und

beschränkte seine Freudigkeit nicht.

Für das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es

schließlich von großem Wert, zu wissen, daß ihre Schultern nicht mit

Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern hätten geleistet

werden müssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte,

die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine

Eingaben an die Behörden trugen immer den persönlichen Ton, der an

die Herzen drang.

Und immer unterstützte er die schriftlichen Bitten dadurch, daß er

selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in

Münster morgens früh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden

waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann für

seine Anliegen. „Sie sind ein gefährlicher Mensch”, sagte ihm einmal

der Finanzminister Miquel, der pflichtgemäß immer die Sache vor die

Person stellte, aber sich doch der persönlichen Glut nicht entziehen

konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.

Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die

Regierungsgebäude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine

Art, von unten anzufangen. Die Pförtner, die Kanzlisten waren seine

besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu

Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Räten und Geheimräten, an die

er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann

auf zum Präsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der

Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen.

Sie machte sich alle untertan, sodaß der Regierungspräsident von Minden

im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: „Wir haben

die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.”

Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand

Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust,

auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise

behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen

Zugführern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher

geleitet worden, daß er bis an sein Lebensende nichts anderes werden

wollte als Zugführer. Dieses Pappschild schickte Vater dem

Eisenbahnminister ein, erzählte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei

und wie dankbar dieser wäre für alle ihm widerfahrene Hilfe, und

schloß daran die Bitte, daß der Minister in den Fußtapfen seiner

liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die große Liebe

erweisen möchte, ihnen eine Fahrpreisermäßigung zu gewähren. Die

Bitte schlug durch, sodaß seitdem alle Fallsüchtigen und andere

mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen

können, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen

deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen

erkämpft hatte.

So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten:

„Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und

Lumpenmajor.” Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder

kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte

bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer

für die Liebe, nie bloß für das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur

seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Fülle der Briefe, die er bittend

und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang

hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschäft wurde, sondern

zur täglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in

dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a.

folgende Diktate:

An Herrn Clemens Fischer, Bremen. 16. 12. 91.

Hochverehrter Herr!

Glauben Sie ja nicht, daß ich mich durch Ihre und Ihrer Mithelfer

Gabe enttäuscht fühle. Wenn die Wohlhabenden und Reichen dieser Welt

überall so willig wären, Becher kalten Wassers einzuschenken, wie

Sie es gehofft haben, so würde das nicht gut für uns sein. Wir

würden aufhören, arme Leute zu sein. Das Armsein ist uns recht

nötig.

Ich habe neulich einmal an 57 Millionäre geschrieben und einen

Beitrag erbeten für ein Krankenhaus in Ostafrika, wo drückende Not

herrscht und das wir auch mit unsern Brüdern und Schwestern

bedienen, die ihr Leben daran wagen. Aber von allen 57 habe ich

keinen Pfennig für diesen Zweck empfangen. Da muß ich Ihre Ernte

doch noch als eine verhältnismäßig reichliche ansehen und danke

Ihnen doppelt für Ihre Liebe. Gott schenke Ihnen ein fröhliches,

seliges Weihnachtsfest und eine Liebe, die nicht müde wird, auch wo

man Enttäuschung erfährt.

Ihr Ihnen und allen Helfern Ihrer und unserer Freude

innig dankbarer B.

Zusatz zur Weihnachtsbitte für das Bielefelder Sonntagsblatt. 1891.

Übrigens möchten wir nicht allein für uns hier bitten, sondern

ebenso für alle andern Anstalten der Innern Mission, die einem jeden

der lieben Leser die nächsten sind. Außerdem möchte ich auch

wiederum gern unsere Westfalen an einen fernen Westfalen erinnern,

den Hausvater Meyer in Osterode in Ostpreußen mit seinen

ostpreußischen Waisenkindern. Er hat seit vielen Jahren sich

Weihnachten freuen dürfen, daß Westfalen ihn nicht vergessen hat.

Und der gleichen Liebe und alten Treue empfehle ich auch das

Waisenhaus Ducherow in Pommern.

An acht Geschwister in Berlin. 16. 12. 91.

Meine geliebten Kinder!

Wie freue ich mich, daß Ihr auch in diesem Jahre wieder treu gewesen

seid. O ja, Treue ist eine ganz besonders köstliche Sache vor Gott.

Er wolle Euch alle acht treu machen in allen Stücken, in der Liebe

zu Gott und zu Euren lieben Eltern, aber auch in der Liebe zum

Nächsten. Er wolle Euch treu machen im Gehorsam, treu in der Arbeit,

treu im Glauben bis ans Ende. Wie freue ich mich auch, daß ich am

Weihnachtsabend unsern lieben Kranken sagen kann, daß Ihr wiederum

um ihretwillen ein Jahr willig den süßen Zucker entbehrt habt, um

ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest bereiten zu helfen. Ich schicke

Euch hiermit einige Büchelchen und Bildchen von unserer Anstalt.

Grüßt mir auch Euren lieben Vater und Eure liebe Mutter und dankt

ihnen auch herzlich, daß sie zu Eurer Gabe das gleiche zugelegt

haben.

Es gedenkt Euer in dankbarer Liebe Euer B.

An Fabrikarbeiter in Iserlohn. 18. 12. 91.

Unter den mancherlei schmerzlichen Erfahrungen von Gleichgültigkeit

gegen die Not der Brüder ist es mir eine ganz besondere Ermunterung

und Stärkung in unserer Arbeit gewesen, daß in Iserlohn unter denen,

die selbst nicht reich an Gütern dieser Welt sind, ein solches

Liebesfeuer erwacht ist, an unsere armen Kranken zu denken. Wer

selbst arm ist, weiß auch am besten, wie es andern Armen zu Mute

ist. Ich will unter dem Weihnachtsbaum unsern Kranken erzählen, was

Iserlohner Fabrikarbeiter für sie tun. Das wird unsere Kranken

erfreuen und beschämen und dazu dienen, daß sie desto stiller und

geduldiger ihr schweres Leiden tragen.

Es grüßt Sie alle in dankbarer Liebe und wünscht Ihnen ein reich

gesegnetes, friedevolles Weihnachtsfest

Ihr B.

Liebe Dorothea, liebe Gertrud! 24. 12. 91.

Ich habe Euer kleines Paket bekommen und danke Euch herzlich für die

10 Mark, die Ihr für 10 Liter Wasser Euch gespart habt. Und ganz

besonders danke ich Gertrud für das Hemdchen, das sie in der Schule

genäht hat. Ich will es heute gleich nach dem Kinderheim tragen. Da

will ich es einem kleinen schwarzen Heidenkind schenken, das vier

Jahre alt ist und dem es gerade paßt. Es ist schade, daß Ihr heute

nicht einmal eine Stunde in Bethel sein könnt. Da würdet Ihr etwas

sehen, was Ihr noch nie gesehen habt. Da werden viele, viele hundert

Kinder und Kranke an dem schönen Kripplein um den Weihnachtsbaum

versammelt sein und viele schöne Lieder singen, und am Schluß wird

die kleine Heidin, der ich das Hemdchen schenken will und die jetzt

Fatuma heißt, getauft werden. Ein schwarzer Soldat hatte sie in

Afrika gestohlen und wollte sie wie den kleinen Joseph nach

Ägyptenland verkaufen. Das hat der Schiffskapitän gemerkt und sie

dem Soldaten abgenommen und uns mitgebracht. Und die kleine Fatuma

hat sehr schnell den Heiland liebgewonnen und ist sehr fleißig und

treu im Kinderheim, die andern kranken Kinderchen zu pflegen. Nun

soll sie heute abend den Namen Elisabeth bekommen.

Es grüßt Euch und Eure lieben Eltern

Euer dankbarer

4. 1. 92.

Mein teurer und geliebter Bruder und väterlicher Freund!

Ihre Simeonsgabe habe ich richtig erhalten, und unsere Kranken

danken auch für diese Liebe auf das herzlichste. Der barmherzige

Gott wolle den Spätabend Ihres Lebens, wo die irdische Sonne nicht

mehr leuchten will, mit dem Morgenrot seines ewigen Lichtes hell

machen, bis der Tag anbricht, dem kein Tag gleicht und wo alles, was

hier noch dunkel ist, sich in volles Licht verwandelt.

In alter dankbarer, treuer Liebe Ihr B.

An den wenigen Feierabenden, die ihm blieben, ließ er sich von uns

vorlesen und unterschrieb währenddessen die Dankkarten. Es war oft

nur ein einziger Satz, aber es lag ein Ton darin, der bis in den

Grund der Seele wohltat.

Wer aber einmal in den Kreis der Freunde und Mitarbeiter eingetreten

war, und wenn es auch nur mit der kleinsten Gabe gewesen wäre,

dessen Liebe wurde festgehalten und gepflegt. „Lassen Sie mich Ihre

Hand recht fest fassen”, so bat Vater immer wieder. Aber er konnte

das nur, weil ihm viele treue Hände zur Seite standen. Wie die

Baseler Mission ihm für die geschäftliche Leitung der Anstalt immer

wieder Mitarbeiter gab, deren Treue und Tüchtigkeit auf dem

indischen und afrikanischen Missionsfelde erprobt war -- welche

Fülle unermüdlichster Arbeit schließen auf diesem Gebiet die Namen

Ostermeyer und Kehrer in sich! -- so war es die Barmer Mission,

durch die Missionar Heienbrok nach Bethel kam. Als Leiter des

„Dankortes” blieb Heienbrok, unterstützt von einem Stabe treuer

Mithelfer, immer erfinderisch, den Kreis der Freunde im Lande zu

pflegen und sie durch die Schriften, die vom Dankort ausgingen,

immer fester und enger an die gemeinsame große Aufgabe zu fesseln.

Die letzte Bitte, die Vater durch den Dankort aussandte, hieß:

Weihnachten!

Ein von 37 Jahre langem Bitten fast müder Mann, der dicht vor seinem

80. Lebensjahr steht, stellt sich notgedrungen noch einmal an die

Spitze seiner großen Schar von Fallsüchtigen, Geisteskranken,

Obdachlosen und verlassenen Kindlein und bittet in ihrem Namen:

Vergeßt unser auch zu Weihnachten nicht!

Unter unsern nahezu 4000 Pflegebefohlenen haben viele niemand mehr,

der zu Weihnachten an sie denkt. Darum darf ich ganz besonders für

sie meine Hände ausstrecken nach den alten treuen Mithelfern unserer

Weihnachtsfreude!

Ich freue mich, daß ich noch einmal diese vielleicht letzte Bitte

für meine lieben Pflegebefohlenen wagen darf, und bin dankbar auch

für die kleinste Gabe. Auch Spielsachen, Wäsche, Kleider, überhaupt

Gaben jeglicher Art sind, je früher desto lieber, mit Freuden

willkommen.

Es grüßt alle treuen Freunde in allen Landen, die im Namen des

großen Freudenmeisters Herzen und Hände regen für unseres kranken,

aber doch fröhlichen Weihnachtsgäste, und wartet auf die Stunde, wo

die ewige große Weihnachtsfreude anbricht,

F. v. Bodelschwingh, =P. em.=

Bethel, Weihnachten 1909.

Ruhezeiten.

Die große Arbeitslast hätte Vater nicht bewältigen können, wenn ihm

nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben

hätten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen

frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge

schwer zu nehmen. Aber wie erzählt, war sie in der Zeit, in der sie

ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und

innerem Frieden gewesen, sodaß Friedrich von Jugend auf unter seinen

Geschwistern der zufriedenste und glücklichste war.

Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glück genossen!

Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann

packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung über

seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und

sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem

Kopsdebolder wieder auf die Erde beförderte. Oder er ließ uns

Größere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten

Händen hinter uns und ließ uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam

es darauf an, daß man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Füßen

rückwärts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Händen des

Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen ließ, ohne zu zucken,

der hatte gewonnen.

Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten

alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam

dann die Hauptfreude: das Sisemännchen. Er hatte aus der Zeit, wo er

in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch

eine Schachtel mit Pulver übrigbehalten. Daraus nahm er eine kleine

Menge, rührte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide,

die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen ließ. Abends,

wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stückchen Feuerschwamm an

einen Stock befestigt, das Sisemännchen oben auf den Turm gesetzt

und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche

Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzündete, den Stock mit dem

brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drückte und ihn in die

Höhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her,

langsam näherte sich das glühende Stückchen Schwamm der kleinen

Pyramide. Jetzt -- si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und,

nach allen Seiten hin spuckend, sprühend und dampfend, verzehrte

sich das kleine Sisemännchen in seiner eigenen Glut.

Zu Ostern gab es natürlich ein Osterfeuer mit den in der heißen

Asche gerösteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die

Krönung des Festes aber war allemal der Böllerschuß aus der kleinen

Kanone. Sie war aus Messing und nicht länger als ein Finger. Aber

das ganze Jahr über freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am

Abend des Ostertages von Vater in Tätigkeit gesetzt wurde. Wieder

mußte der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann

mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines

Stückchen Feuerschwamm auf einen Stock, über das Mundloch wurde ein

bißchen Pulver geschüttet -- und nun -- bumm -- knallte der Schuß,

daß es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war

Vater auch schon wieder verschwunden und sann über seiner Predigt

für den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche

kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der

Dankbarkeit.

Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle

Lasten abgeschüttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein

Junge unter uns Jungen. Das machte ihm überhaupt sein Leben leicht,

daß er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam,

dann konnte er sich von allem, was ihn beschäftigte, losreißen,

sodaß der Kranke spürte: Hier ist nun wirklich einer, der sich

meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nächster Freund, mein

hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst

die eine große Hauptsache ist, um die sich alles dreht.

Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so,

nicht aus einer Überlegung, sondern aus dieser glücklichen

Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz

hinzugeben. Wenn im Vorfrühling die Stare kamen und auf dem

Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er

ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und

jauchzte über die Pracht ihres Gewandes, das in der Frühlingssonne

in allen Farben glänzte. Oder wenn die Grasmücke draußen vor dem

niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrütet hatte, dann lag er

auf seinen Knien in dem geöffneten Fenster, bog den Ast mit dem

Nest behutsam zu sich herüber und unterhielt sich in den süßesten

Tönen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wäre und nichts

anderes zu tun hätte, als für die Kleinen zu sorgen.

Aber im nächsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere

Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die

Sache, die ihn beschäftigte. Dann hörte und sah er nichts um sich

her. Dann vergaß er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille

und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und

fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glückliches

zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt

ist und die Welt um sich her vergißt.

Seine beste Ruhezeit blieb natürlich die Nacht, nicht nur die

Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die

schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch

sie genoß er dankbar und nutzte sie aus. „Wenn man”, schrieb einer

seiner Kandidaten, „des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat,

machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er

sich auch von innen gewaschen hätte, nicht nur von außen.” Die

wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte,

durchdachte er des Nachts, sodaß es oft wie ein Strom floß, wenn er

morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretär

mit nie versagender Pünktlichkeit schon auf ihn wartete, um die

Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des

kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht über

das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedächtnis

ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied

vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu

beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er ließ sich keine

Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder

andere gar nicht auftauchen, so nahm er schließlich sein Gesangbuch

zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war

das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die

von dem Geräusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen

Nachtwandler, als er unten im Eßzimmer sich das Gesangbuch holte,

weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.

Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er

sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder

naturwissenschaftliche Aufsätze. Überhaupt blieb das Weltall gerade

in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner

Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter

Sand zu 100000 Körnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkörner

die Erde, die Sonne und andere Himmelskörper hätten. Beim

Morgenfrühstück unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner

nächtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er für die

Riesenhimmelskörper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand

seiner Bewunderung: einmal wie unendlich groß die Welt sei und wie

klein doch auch wieder, weil sich ihr Maß in einer einzigen Reihe

von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrücken lasse.

Auch im Gedränge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein

Zufluchtsort, wohin er sich zurückzog. Einmal erklärte er, er hätte

nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und ließ sich ein paar Tage

lang die Stoppeln stehen. Aber schließlich gab er unsern vereinten

Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im

Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmählich eine

immer liebere Unterbrechung im Getümmel des Vormittags. Fröhlich

gingen während des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, sodaß er,

wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, häufig aus vielen Wunden

blutete, die er mit kleinen Läppchen Papier zuzukleben pflegte.

Zur Mittagsruhe nach Tisch, während der er mit großer Aufmerksamkeit

die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die

Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine

Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen

Arbeit für die eigene Seele und für die ganze Gemeinde. Einmal

wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise öffnete

ich die Tür, um ihn nicht zu stören für den Fall, daß er ruhte. Da

lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schloß die Tür wieder,

ohne daß er es merkte. Seitdem wußte ich mehr denn je, woher er die

Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermüdliche Tätigkeit,

die alle mit sich fortriß.

In die Nächte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren

ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es

irgend ging, wurde doch noch eine halbe Stunde herausgeschlagen. Dann

lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag über diktierten Briefe

und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse

er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schluß machte. Die

Sonntagabende aber waren die glücklichsten. Dann hockte unser jüngster

Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten

Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war.

Wir andern drei Geschwister saßen um den kleinen Tisch, und dann wurden

Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden

hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten

Tante und die sich drängenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren.

Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik

getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und

Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen -- bis er

schließlich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: „Gute Nacht, gute

Nacht, Kinderchen, ihr seid böse Buben!”

Dieses Familienglück erhöhte sich vollends, seit aus der

Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der

andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher

Vater seinen Schwiegertöchtern begegnete, verwandelte sich mehr und

mehr in überströmende zarteste Liebe als Dank für alles, wodurch die

Lebensgefährtinnen seiner Söhne den Abend seines Lebens erhellten.

Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu

umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu

erquicken. „Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,”

sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten

Ärmchen entgegenlief, „das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich

auf einen hohen, freien Berg stiege.”

Ruhepausen im täglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder

die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gäste bei uns einkehrten,

durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig

wurden.

Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal für Vater ein

Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer stärker wurde die

Hoffnung, sie ganz für die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und

schließlich, als die Kräfte der alten Mutter Emilie in Sarepta eine

Ergänzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere

Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat

Vater glücklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und

des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schließlich siegte

bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von

ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.

„Land meiner Heimat

In Nebel und Rauch,

Dir bleib' ich treu

Bis zum letzten Hauch.”

Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, für sie gebetet und

sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt

erwies.

Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem

jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verständnis und ihrem klugen Rat,

der immer den Kern der Sache traf!

Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit

seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief

an die Frühlingstage der ersten Arbeit für Afrika und der doch nicht

ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwärtige

Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick

vorwärts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.

Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des

„Wassersuchers” von Bülow. Die Wasserleitung hatte schließlich doch

nicht mehr für den immer stärker werdenden Wasserbedarf ausgereicht.

So war an einer günstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen

worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne daß die

Bohrungen zum Ziel führten. Endlich bat Vater Herrn von Bülow, ihm

die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam

wirklich, ließ seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin

vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke

Quelle. Er stellte auch sofort die annähernde Tiefe fest, in der

dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.

Zwei ständige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war

einmal unser Freund Nedden. Nedden stammte aus angesehener Familie,

hatte mit Pastor Stürmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht,

war dann aber in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung

stehen geblieben. Er arbeitete den Tag über unten in der Ökonomie,

hauptsächlich mit dem Waschen der Rüben für die Kühe beschäftigt,

und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser

Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mühsam

trug er den kleinen schweren Körper auf den schleppenden Füßen, und

aus dem übergroßen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.

Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt

in Gedanken um die höchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er

über seinen geschichtlichen Büchern zu, die er sich von uns holte. Die

Erträge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte

Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren,

teilte er dann in vertraulichem Gespräch teils unserm Vater, teils den

andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre,

die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der

Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb

er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an

unserm Kaffeetisch erschien und mit größtem Behagen sich die kleinen

Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen ließ.

Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pförtnerhause

der Anstalt, das hart an der Straße am Eingang in unsern Garten lag.

Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war

ein beständiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater

hatte ihren Dienst so gedacht, daß sie allen fremden Besuchern der

Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu

ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor

allem Anlauf zu schützen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch

von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundsätzlich eher zu scharf als

zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen

Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, ließ sie sich von

ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst weiß,

wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr

kränker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.

Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor

allem ganz in der Verborgenheit die mütterliche Freundin mancher

Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschütteten. Nach Vaters

Tode siedelte sie ins Feierabendhaus über, wo sie drei Jahre später

unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue

beschloß.

Jedes Jahr einmal kam für Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war

die glücklichste Zeit für die ganze Familie, namentlich solange die

Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney,

Wangeroog, Langeoog und schließlich immer wieder zum schönen Amrum.

Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande,

auf dem Hunsrück, im Thüringer Wald. Einige Male auch wurden wir von

Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die

Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.

Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der

stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen

Fuß gefaßt, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag über

gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: „Nicht im Nichtstun

besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, daß man einmal

arbeiten kann, ohne beständig unterbrochen zu werden.” Und für uns

Kinder war es die höchste Freude, während der Ferienwochen ganz ohne

Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.

Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten

Ansprüchen genügte, diktierte er uns seine Briefe und Aufsätze.

Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren

dadurch beschleunigt, daß jedesmal zwei von uns ein Diktat

aufnahmen, und zwar in der Weise, daß der eine die erste Hälfte des

Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel

besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretär, das

Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu

Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lücke

darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze

Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen

Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben

für die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit

lag. Nach zwölf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur

Übersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung über

die Zeit seit der Übersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er

sich nicht entschließen.

Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die

Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die stärksten Wellen waren Vater

immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die

Sandbank hinüber, um dort uns den kräftigen Wellenschlag zu erobern.

Und in der Asbach auf dem Hunsrück halfen wir ihm, als Ersatz für

die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schüttes ein kleines

Wellenbad zu bauen.

Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land

durchstreift, bald in kleinen Ausflügen mit der Mutter zusammen,

bald in kräftigen Wanderungen durch Wald und Dünen, am liebsten ohne

Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe

Dämmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen,

jeder Bewohner des Landes, der ein Stück mit uns wanderte, gründlich

nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzählte Vater uns Sagen und

Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die

fröhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater

deklamierte. Das half über jede Müdigkeit hinweg. Wohl blieb der

Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer

schmerzlich; aber seine schönsten Gedichte waren Vater stets

gegenwärtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm

Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was für

ein fröhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemütlichen

Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor,

bis die Abendandacht den schönen Tag beschloß.

1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund

gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler

geworden war, siedelten wir noch für ein paar Tage dorthin über, um

Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit

getrennt gewesen waren.

In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten

gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst

entfaltet. Aus einer kleinen Tür treten die zwölf Apostel hervor und

wandern am Herrn vorüber, einer nach dem andern ehrerbietig sich

vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten

Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht,

auf der Leiter stehend, schlägt die Nägel durch die ausgebreiteten

Hände, und ein anderer stößt mit der Lanze in die Seite.

Der Meister hatte uns selbst alles erklärt, und Vater faßte solches

Vertrauen zu seiner Tüchtigkeit, daß er ihn bat, sich doch einmal an

den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich

gelegentlich aus einem Stück Blech eine Flügelschraube geschnitten,

die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in

schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht

unbeträchtliche Höhen erreichte, bis sie schließlich ermattet wieder

zur Erde fiel.

Es war damals noch nicht die Zeit, daß ein Ersatz des Luftballons

durch ein anderes Luftfahrzeug erörtert wurde. Aber Vater baute auf

dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von

Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, daß es

darauf ankommen würde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende

Schraube zwischen Tragflächen aus dünnem Stoff anzubringen, um so

eine Aufwärts- und eine Vorwärtsbewegung zu ermöglichen. Die

Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb

gesetzt werden, die dann während der Fahrt durch den Luftschiffer

nachgespannt werden müßten.

Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Männer in das

Problem, sodaß wir viel zu spät von Goslar fortkamen, uns im Walde

verirrten, bis wir schließlich durch ein Licht, das auf dem

Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und

glücklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie

wieder etwas von sich hören lassen, aber den Gedanken des

Luftfahrzeuges ließ Vater seitdem nicht mehr los. Es gehörte zu

seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschäftigen und eine

Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen,

fesselte es ihn immer, die Möwen zu beobachten, wie sie, ohne die

Flügel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. „Seht einmal,

Kinder,” sagte er immer wieder, „wie still steht sie da, wie wenig

Kraft hat sie nötig! Und der Mensch sollte nicht fliegen können?

Ganz gewiß, es geht, es geht!”

Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen

seine Tragflächen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und

ließ sich durch kein Kopfschütteln irremachen. Später fügte er einen

Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt nötigen Bestandteil

seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich

nicht viel von ihnen versprechen; sie würden im Winde nicht lenkbar

genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen

Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der

Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es

dauern würde, bis das erste Flugzeug das Mittelländische Meer

überqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkürzen würde.

Kaiser Friedrich.

Wie schon früher gesagt, blieb in der äußeren Form die Entfernung

gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des

Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der

Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknüpfte

Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.

Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stöckers wegen in einem

ausführlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo

Stöcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden

war. Der Brief ließ es dahingestellt, ob es für Stöckers Kampfnatur

überhaupt richtig gewesen wäre, das Hofpredigeramt anzunehmen,

widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt

übernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen

und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu

erklären, trat der Brief zugleich aufs wärmste für die persönliche

Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stöckers ein. Nur der vielleicht zu

heißen Liebe und Hingabe Stöckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus

seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, daß einem

Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im

öffentlichen Leben gestanden und gekämpft habe, nicht mehr angehängt

werden könne als die kleinen und kleinlichen Vorwürfe, mit denen seine

Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit großer Entschlossenheit

tritt der Brief schließlich auf den christlich-sozialen Boden, der

jedoch nicht als eine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefaßt

wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stöcker vertretenen

christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches

und des Hohenzollernhauses gezählt. Darum dürfte Stöcker jetzt nicht

gehen.

Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht

erwartet. Aber Stöcker blieb damals im Amte.

In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er

pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen

Sträußen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde

beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strauß schickte er mit einem

begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog

waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon

angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:

Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.

Lieber Freund!

Ich danke Deinen Kindern vielmals für das Dünensträußchen, welches

aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber

nicht minder Dir und Deiner Frau für die Gesinnungen, mit welchen

die Blumen gebunden, nebst den guten Wünschen, von denen sie

begleitet wurden.

Es tut so wohl, aus der Heimat Grüße der Teilnahme zu erhalten,

namentlich, wenn der Körper es nötig macht, lange fern zu bleiben!

Doch kann ich mitteilen, daß die Ärzte das Übel als bezwungen

ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafür muß

ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern

Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den

Mund halten und mich möglichst vor Erkältungen bewahren soll.

Geschieht dies, und sollte es Gott fügen, so dürfte ich im Frühjahr

als Genesener heimkehren.

Mich freut's, daß Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest,

denn angesichts Deiner unermüdlichen Tätigkeit und Hingebung für

Dein Liebeswerk könntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist

es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken.

Denn wir bedürfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!

Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schöpfungen.

Hoffentlich auf Wiedersehen im Frühjahr!

Dein alter Freund

Friedrich Wilhelm.

Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer

höher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger

Kögel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kögel selbst glaubte, den

alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja

ebenfalls gezählt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrüßten den

Gedanken mit größter Freude und verabschiedeten Vater für seine

Reise in großer Bewegung und Herzlichkeit.

Vater erzählte später, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen

sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der

Epileptischen in der Anstalt bei Zürich getan hätten und das kurze

Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Männedorf am Züricher

See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann

vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber

bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. „Er

sollte nichts vom Sterben wissen”, war Vaters Eindruck. Für zwei

Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen,

in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurückkam,

erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurück.

Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Fürstin-Witwe Elisabeth

von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen,

die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst

v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie

im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhängen. Soviel wir

wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfüllt. Die Strophen hießen:

Wenn der Herr ein Kreuze schickt,

Laßt es uns geduldig tragen;

Betend zu ihm aufgeblickt,

Wird den Trost er nicht versagen.

Denn es komme, wie es will:

In dem Herren bin ich still.

Ist auch oftmals unser Herz

Schwach und will wohl gar verzagen,

Wenn es in dem stärksten Schmerz

Keinen Tag der Freud' sieht tagen,

Sagt ihm, komm' es, wie es will:

In dem Herren bin ich still.

Darum bitt' ich, Herr, mein Gott:

Laß mich immer glaubend hoffen,

Denn dann kenn' ich keine Not,

Gottes Gnadenhand ist offen.

Drum, es komme, wie es will:

In dem Herren bin ich still.

Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im

Selbstgespräch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm

Wohnzimmer hing: „Mein Friedrich, bist du wirklich tot?”

Amrum.

Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust,

die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses

Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er

mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar

auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten

Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders

glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.

Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine

Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche

eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht

weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat

ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom

Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn

noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern

Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum

anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden

alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen

könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen

bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche

Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner

Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und

in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß

seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während

des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der

Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch

jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche

habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den

Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den

Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines

Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer

her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der

Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht

zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen

Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der

kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den

tödlichen Streich versetzt.

Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese

Geschichte erzählte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in

einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne

Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes überflutet. Und die

Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen

Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er

an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der

Fremden in ihrem innersten Leben eine tödliche Wunde empfangen

hatten.

Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male

nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war,

erklärte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die

eingeborene Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt

wurde. Es war ihm fast unerträglich, in der Kirche zu sitzen und die

von den Ortseingesessenen verlassenen Bänke zu sehen. Am meisten

litt er unter dem Strom des Luxus und der Sünde, der durch die

Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr

hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Väter

zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan

mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und

Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie

nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel

voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und

machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit

wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den

Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag,

um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang

er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern

gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert

würde.

So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum

herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich

von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach

Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende

Welle des modernen Badelebens geschützt würde.

Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehört und wußte nicht, wo

es lag. Wir mußten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da

lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im

Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Föhr,

und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den

letzten Überrest des einst so blühenden Landes, das vor fast

dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen

worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem

großen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder

emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen

37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem

Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gäste bis an die Stelle,

wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des

Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind

weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die

Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein

ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.

Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum

selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dünen und die dahinter

gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch

das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer

und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und

die Inschrift, die wir drüben auf einem der Friedhöfe der Insel Föhr

entdeckten, paßt auch für manchen, der an der Kirchmauer von Amrum

schläft:

„Mit gleichmäßiger Hand im wechselnden Laufe der Jahre

Führte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer,

Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar,

Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie,

Bis zu dem Greise, dem müden, der Tod als Freund ist gekommen,

Führt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.”

Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten.

Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemächtigen. So

sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der

Spekulation schützte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden

sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm,

sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe

gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: „Kinder,

telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.”

Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach

Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der „Freia” die

Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Föhr, und zwei Tage

später landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als

Festprediger für das Missionsfest gekommen war, der aber infolge

einer Todesnachricht die Rückreise antreten mußte, ohne seine

Predigt halten zu können. So ging Vater alsbald statt seiner auf die

Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in

kräftige Verbindung mit der ganzen Inselbevölkerung zu kommen. Wie

jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der

Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der

Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es

ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt,

wie es sich am Missionsfest gehört; drei liebliche Kinder waren da

und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glänzenden

schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon

die Vorboten eines frühen Todes zeigte, desto durchdringender

leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen faßte

und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in

ernsten Gesprächen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von

Amrum.

Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer

umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern

wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf

das Wattenmeer und die Insel Föhr, deren drei hohe Kirchen wie aus

dem Wasser herauszuragen schienen.

Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der

Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem großen

alten Segel ein geräumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere

Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der gründlichen

Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzügen unser

Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu können, an

welchen Stellen sich am günstigsten baden ließe und welcher Teil der

Insel überhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht käme. Wir

badeten zunächst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen.

Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis über die Knöchel versanken,

zeigte sofort, daß es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand

entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen.

Dann ging es über Süddorf und den hochragenden Leuchtturm, den

stolzesten der ganzen deutschen Küste, an das Südende der Insel. Auf

diesen Teil, so hieß es, hätten vor allem auswärtige Unternehmer ihr

Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und

der Wellenschlag so unbedeutend, daß es Vater sofort klar war, daß

kein Badegast, der kräftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf

diesem Teil der Insel befriedigt sehen könnte und daß alle

Unternehmungen, die sich hier festsetzen würden, von vornherein mit

dem Bankerott würden kämpfen müssen.

Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus

ging es durch die hohen Dünen geradeswegs auf den Strand zu. Aber

während früher die Wellen bis unmittelbar an den Dünenrand gespült

hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine große Sandbank

vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut überspült wurde. Diese

Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu

durchqueren. Und wenn wir draußen auch einen vortrefflichen

Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, daß wegen der großen

Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf

Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel übrig.

Eine Stunde von Nebel entfernt stießen wir auf den Flecken Norddorf.

Es war, als wenn seine schilfgedeckten Häuser sich noch tiefer als

die andern Häuser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast

ängstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rücken des Dorfes

hinzog. Wohl blühten auch hier in den kleinen Gärten schüchterne

Blumen. Aber sie wagten sich nicht so kühn hervor wie im

geschützteren Nebel und im milderen Süddorf. Und die Stille und der

Ernst, die ja überhaupt bei den Leuten der Meeresküste zu finden

sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Maße

Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits

des Ozeans eine neue Heimat suchen müssen, weil die alte Heimat

nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und

Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig

Dörfer geben, wo dem Verhältnis nach so viele Witwen und Waisen zu

finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm

Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stieß, die

in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saßen, war ihm immer am

wohlsten.

Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwärts.

Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den

Sturmfluten überschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen,

Kühen und Pferden und seinem saftigen Grün ein überaus lieblicher

Anblick. Über Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nördlichen

Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Außenfort der Insel. Dahin

ging nun die Wanderung.

Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der

uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen

Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein

altes ehrwürdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Löhes

einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Löhes

Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille

von Amrum geflüchtet hatte. Und während wir in dem engen Zelte

hockten, erfüllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit

Begeisterung für dieses schöne und ernste Stückchen Erde. „Hier hört

man ordentlich die Stille”, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und

tief aufatmend seine Augen über den Strand und das einsam brausende

Meer schweifen ließ.

Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein

Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Möwen schrien in

der Luft, und ein paar Schäfchen weideten einsam am Fuße der

Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dünen, die hier steiler

als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil

nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fuß spült und ihre

Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren

freilich nicht so hoch und mächtig, wie man sie in Norderney findet

oder gar in Sylt, aber es waren doch kräftige Wasserstürze, die

einem den Rücken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch

die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn.

Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte

er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen

Sand des Strandes, als wir klappernd vor Kälte und Anstrengung

wieder in unsern Kleidern waren.

Schließlich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze gründlich

durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter

berechnet, maß Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im

Schutz der Dünen für menschliche Niederlassungen eigneten.

An den folgenden Tagen überlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen.

Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche

eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz

und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von

einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine

Rücksicht auf die Bedürfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine

Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im

Norden der Insel ein Hospiz für stille Badegäste zu errichten, die

leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit

böten für die Erhaltung der Vätersitte und des Väterglaubens auf

Amrum.

Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an

der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in

der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde

einmütig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht für alle bebaubaren

Flächen im nördlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war

der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in

die Heimat zurück.

Nun galt es, Freunde für das junge Unternehmen zu gewinnen und das

unentbehrliche Kapital flüssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen

und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem

Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus

die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter

persönlichen großen Opfern, das nötige Kapital vorstreckte. Freilich

ging über den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen

Abmachungen zu genehmigen hatte, zunächst noch ein ganzes Jahr hin. Aber

als das Frühjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von

Amrum. Vater hatte durch schwedische Gäste, die Bethel besuchten, von

der Bauart der schwedischen Holzhäuser gehört. Das hatte ihm

eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den

Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer

Backsteinbauten möglichst leicht bewegliche Häuser zu errichten, die im

Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen

werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wänden drei fix

und fertig zugeschnittene Holzhäuser, ein großes und zwei kleine, die in

wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweißer Dachpappe gedeckt und mit

den notwendigsten Möbeln eingerichtet waren.

Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach

Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die

drei schlichten, anmutigen Häuser, von denen das kleinste für uns

bestimmt war.

Es begann ein ungemein glückliches Leben. Wir waren mit den

Insulanern und Hospizgästen wie eine große Familie, die

zusammengehörte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb

der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht

ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehütten am Strand nur

auf das notdürftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline,

die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport

von Hamburg her frisch zu erhalten, -- aber Vaters Heiterkeit ließ

keine Sorgen und Klagen aufkommen.

Der römische Dichter Horaz sagt einmal: „Es kommt darauf an, was zum

ersten Male in ein neues Gefäß gegossen wird, denn dessen Geruch

behält es für immer.” So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und

Wesen strömte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel

schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben

Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berührung kam,

bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch goß er damals in die neuen Häuser

auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.

Schon im nächsten Jahre zeigte es sich, daß das erste Hospiz mit

seinen drei Häusern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal

begonnen war, durchzuführen. Inzwischen waren nämlich auf der

Südspitze der Insel mächtige Hotels entstanden. Eine umfassende

Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war

in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der

Südspitze landeten, sahen sich enttäuscht, und Vaters Voraussage

trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den

andern. Desto stärker aber wurde nun das Gedränge nach dem soviel

günstigeren nördlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gästen

gestürmt. Und um den Gästen zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab,

auch Speise und Trank darreichen zu können, blieb nichts anderes

übrig, als an dem Dünenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein

zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar

das vierte und im Jahre 1911 das fünfte hinzukam.

An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten,

wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb

unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die

Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache

angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen

preisgeben. Er wußte, daß dann die ganze bisherige Arbeit verloren

und das schöne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der

Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Töchter

Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tüchtigen Hausfrauen

herangebildet werden. Was aber würde sonst aus ihnen werden?

Schon allein dieser eine Gedanke genügte für Vater, um die Treue,

die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten.

Und schließlich erlebte er es denn auch, daß alle Bedenklichkeiten

überwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden.

Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender

Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Ständen und

Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und daß es

meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des

unermüdlichen Herrn Kehrer nicht nur die äußere, sondern auch die

innere und innerste Arbeit taten, war für Vater immer aufs neue eine

besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr

und mehr der alte Pastor von Wilucki. „Väterchen Wilucki!” wie oft

hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwürdigen Manne um den Hals

fiel, um ihm für seine unermüdliche Liebe zu danken, mit der er elf

Jahre hintereinander seine emeritierten Kräfte vor den Hospizwagen

spannte.

Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes

Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum

konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften

schließen. Und daß ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue

Freundesherz schenkte, gehörte zu seinen besonderen Erquickungen.

Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der

Herausgeber des „Baseler Volksboten”, Theodor Sarasin, und seine

noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde

umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden.

Hier fand Vater zwei ihm in ungewöhnlichem Maße gleichgeartete

Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fühlte.

Aus der Menge der Freunde und Gäste riß sich Vater dann immer wieder

los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das

Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbänke zu segeln,

die weit draußen im Meere ihren schützenden Gürtel um Amrum legen.

Dann las er den Gästen, die mitfuhren, vor, oder er saß still für

sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin.

Einmal, als eine Mißstimmung unter den Hausmädchen des Hospizes

ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt

hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und

Eintracht wieder hergestellt.

Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergeßlich ist die erste

Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der

Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir

den „Hotspur”, einen starken Segelkutter des früheren australischen

Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage

vorher mußten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu

sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus,

Schuhe und Strümpfe in den Händen, an das einsame Eiland und suchten

uns durch die Dunkelheit an den grasenden Kühen und Schafen vorbei

den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich

der Vorgänger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der

Sturmflut geflüchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit

hinauf retten können, die andern Kinder trugen die Wellen davon in

den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine

Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen.

Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gespült

worden.

Je öfter Vater nach Amrum kam, desto wohler fühlte er sich in der

stillen Inselwelt, desto familienmäßiger schlossen sich die Bande

zwischen Insulanern und Hospizgästen. Mancher schöne Familienabend

wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Männer der Insel und in ihrer

eigenartigen Tracht die Frauen und Mädchen; und der Pastor und

Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte

Kantor Bandix Bonken, der drüben von der kleinen Hallig Gröde

stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch

der Hallig findet:

Geboren eins.

Gestorben keins.

Kopulieret ein Paar,

Welches des Küsters Töchterlein war.

Der „Geboren eins” aber war der spätere Kantor von Amrum.

Die Hospizgäste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater

zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und

mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen

schönen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die

schönsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in

der Strandhalle, sei es an einer geschützten Stelle in den Dünen, die

Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde

vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus

dem 2. Korintherbrief zu Grunde: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber

wir verzagen nicht.” In der anschließenden Besprechung kam die Rede

aufs Sterben, und Vater sagte: „Das letzte Sterben ist das schwerste

nicht, aber den alten Adam täglich in den Tod geben, -- nichts ist

schwerer, aber auch nichts ist feiner.” „Auf das letzte Stündelein

aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn

es einmal da ist.” „Es ist mir wohl manchmal ein bißchen bange, wenn

ich an die letzte Fahrt denke, aber” -- mit dem Finger in die Höhe

zeigend -- „mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt

überstanden, dann sind wir am lieben jüngsten Tage alle zusammen vor

Gottes Thron und haben alle Vergebung der Sünden. Dann wollen wir

danken und loben ohne Aufhören. Denn Dank und Lobgesang ist unser

Ziel, wie wir überhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.”

Metz, Hunsrück und Ems.

Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den

Hunsrück reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Füßen

der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein

Besitztum, die Asbacher Hütte. Hier hatte die Wiege der großen

Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Hütte selbst

war längst außer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch.

Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu

wohltätigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prüfen, in

welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden könne,

war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und

zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern

arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der

Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte

die Reise verschoben werden müssen; aber im nächsten Sommer, 1889,

wurde sie nachgeholt. Zunächst ging die Reise nach Metz.

Unvergeßlich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm

große Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des

Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit übernahmen. Wir

haben da die edle, gütige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schluß der

Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der

Mutter küßten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.

Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, führte Vater die

Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die

Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von

Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch

wirklich den Grabhügel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz

wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte

und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und

wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hörten die Granaten sausen, die

Kommandos tönen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden röcheln und

sahen die Stille der Nacht sich über das blutige Schlachtfeld

senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rühmen des

eigenen Volkes, nichts von Feindeshaß, aber wir ahnten eine höhere

Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Völker.

Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrück in der Asbacher Hütte. Sie

erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunächst von

unserm Diakonissenhause Sarepta übernommen wurde und dann in den

Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach überging. Der

Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die

Fülle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte,

war diesmal besonders groß. Die Feder von uns Kindern reichte nicht

aus. Auch die Mutter mußte wie in alter Zeit wieder mithelfen. So

kamen beide Eltern müde in den Winter hinein und wurden von der

Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.

Seitdem litt Vater an einer Hinfälligkeit der Stimme, die ihn

schließlich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr

abgespannten Kräften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten

diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche,

die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen,

geistvollen Predigten des Ortspastors Vömel, eines Schülers Becks,

zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, daß so viele

Badegäste, denen der Weg durch das heiße Flußtal zu weit war, diese

Erquickung entbehren mußten. Auf der andern Seite aber empfand er es

auch hier wieder als ein Unrecht, daß die Badegäste, die den

Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die

besten Plätze wegnahmen.

So entstand bei ihm und Pastor Vömel der Entschluß, am Badeort

selbst in unmittelbarer Nähe der Quelle und der Wohnungen der

Badegäste eine Kirche zu errichten. In schönster Lage wurde ein

Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten

verursachte unendliche Mühe. Diesmal konnten nicht unbemittelte

Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und

verhältnismäßig auch reichlicher zu geben pflegen als die

bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgäste zu

gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den

alten Kurlisten ließ Vater die Adressen der ehemaligen Badegäste

herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes

Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit für die heilkräftigen

Emser Quellen ermuntert.

Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt.

Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus

besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre

Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt

wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre

später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit

hatten damit ihren Abschluß gefunden.

Tante Frieda.

Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer

Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin.

Nur unser jüngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem

Vater teilte, hörte bisweilen nachts das stille Seufzen des

Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring

der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit

unserer Fürsorge lästig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel

getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der

Gegnerschaft noch mit der Fürsorge, die seine Person erfuhr, hielt

er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen

eigenen Weg.

Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde

vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie

und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda

war Vaters einzige noch überlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter

bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte

jüngere Schwester, die Landrätin von Oven in Dillenburg, die ihr

sterbend ihre fünf unmündigen Söhne hinterließ. Diesen fünf Kindern,

denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen

mußte, hatte sie sich ganz gewidmet.

Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verständnis

für die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fünf Neffen sie geliebt,

und sie hat es mit demütigem Stolz erlebt, wie alle -- nur einer starb

früh -- in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Männern

ungewöhnlicher Hingabe und Tüchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem

andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg

eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.

Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat,

hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den

andern Tag setzten für einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann

konnte sie nur in gekrümmter Haltung ihre häusliche Arbeit

verrichten, zwischen den zusammengepreßten Lippen von Zeit zu Zeit

einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene

Kuren gaben nur vorübergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang

dauerte das Leiden in fast ungeminderter Stärke. Dann ließ es

langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz.

So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid

gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zähe, starke Natur

war im Kampf mit dem Leiden nur noch zäher und stärker geworden,

aber zugleich wunderbar zart und mitfühlend.

Ihrem Bruder gegenüber ließ sie diese Zartheit freilich kaum merken.

Da war sie die um vier Jahre ältere Schwester. Sie war 71, als sie

zu uns kam, und Vater 67. Er blieb für sie der jüngere Bruder, an

dem sie bis zuletzt mit großartiger schwesterlicher Treue und

Offenherzigkeit ihr Recht als ältere Schwester geltend machte. Sie

hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere

Mutter. Nur fehlten ihr deren köstliche Unmittelbarkeit und

blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch

wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie

vulkanartig äußerte. Und während Mutter meist den Kern der Sache sah

und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemüt eher an Nebendingen

haften, an denen sie sich stieß und um deren Abstellung sie sich

vergeblich bemühte.

So ärgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und

Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin

er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch

die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu

stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise

Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte:

„Was für ein lieber Mensch”, -- dann sagte sie: „Ein gräßlicher

Peter.” Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den

goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die

tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.

Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu,

sodaß er zunächst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten,

sondern ihr nahelegte, die Fürsorge für die alternden Schwestern im

benachbarten Feierabendhaus zu übernehmen und von da aus nur die

Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die

mütterliche Freundin der in heißer Arbeit müde und alt gewordenen

Diakonissen. Ihnen gegenüber trat die Herbigkeit, die sie ihrem

Bruder zeigte, zurück. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles

Verständnis und ihre große Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor

den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit

schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um

dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch saß, nur wieder

desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater ließ solche Kritik ruhig

über sich ergehen. Höchstens daß er hier und da einmal das

Tischgespräch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen

nur sagte: „Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte,

liebe Schwester.”

Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, sodaß Vater die Furcht vor

seiner Schwester vergaß und sie sich einigten, daß sie ganz zu uns

zog. Ihre Kräfte hatten nachgelassen, während die Aufgaben im

Feierabendhaus zugenommen hatten. „Ich baue dir bei uns ein

Sterbestübchen”, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkämmerchen

wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante

Frieda über mit den wenigen schönen, alten Möbeln, die sie noch für

sich zurückbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre

Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und

über ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nächsten und liebsten

Verwandten, alle auf dem Totenbett.

Sie hatte für ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte

darum ganz für die Lebenden da sein. In ihrem „Sterbestübchen” war

die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer völligen

Offenheit für alle natürlichen Dinge der Zeit und für Menschen aller

Richtungen und Verhältnisse. Die Frömmsten und die Gottlosesten fühlten

sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie für jeden das rechte Wort.

Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fühlte: So wie

die solltest und könntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da

einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand

übel, weil jeder spürte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst

fühlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war

als zu zart. Übelnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas

nachgetragen.

Für Kinder behielt sie bis in ihr höchstes Alter eine ganz

unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie

war, durch keinerlei äußerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend

umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: „Tante Frieda, zeig' uns

mal deine Zähne!” Dann überwand sie sich, holte schmunzelnd ihr

künstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin.

Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie für die Reisen zu ihren

Neffen oder umgekehrt für die Besuche, die ihre Neffen bei uns

machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld

bei einschließlich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem

Gepäckträger zu geben hatten. Blieb außerdem noch etwas übrig, dann

gab es für Großneffen und Großnichten von Zeit zu Zeit einen Weg in

die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.

Vater hatte bestimmt damit gerechnet, daß er seine alte Schwester

überleben würde; und manchmal kamen Zeiten so großer Schwäche, daß

wir ihr Abscheiden in nächster Nähe glaubten. Sie wollte aber allein

sterben und niemand dabei Mühe machen. Einige Male kam es vor, daß

Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern

Morgen an der Tür ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzüge hörte

oder ob wirklich alles still geworden wäre. Sie lebte aber immer

wieder auf und überdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.

Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen

als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf

dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht

gefallen lassen: „Ihr müßt euch ja schämen, mit mir alten, häßlichen

Person über die Straße zu gehen.” Dann willigte sie aber doch ein.

Auf dem Heimwege besuchte sie in Bückeburg die Witwe und die Kinder

ihres ältesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm

jüngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd

hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu

Häupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.

Herbstfrüchte.

Die theologische Woche.

„Es kann uns niemand eine größere Wohltat erweisen als die,

daß er uns die Heilige Schrift lieb und verständlich macht.”

F. v. B.

Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz.

Eines Sonntags, während wir in der Kirche saßen, erschienen in der

Bank neben uns zu unserer großen Überraschung fünf bekannte

Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus

Königsberg, Feine aus Wien, Lütgert aus Halle und zu unserer großen

Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen,

unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in

Wernigerode gehabt, und jene fünf hatten sich am Schluß ihrer

Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie

beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen

nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb.

Müde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise

zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung

verbinden wollen. So bezog er für acht Tage unmittelbar neben

unserer Waldwohnung ein Zimmer.

Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal

gesehen. Unser ältester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in

Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem

akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der

Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten

wurden und in der nun ein großer Teil der akademischen Welt

versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie

ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmählich sich

selbst wiederfand und dann mit großer Zuversicht von den Aufgaben an

der Völkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. „Ich hoffe,”

sagte er, „auch noch in der jenseitigen Welt fröhliche Arbeit zu

finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehört haben.”

Am andern Tage saß er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei

Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurückgezogen,

wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg „schinden” und nicht

wagen, einen günstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner

Studentenzeit das erste Mal, daß Vater wieder unmittelbar mit dem

wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in

Berührung kam. So fleißig er bis zu seinem theologischen Examen

wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte später die Fülle anderer

Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum

eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen

ihn der Ernst und die Gründlichkeit, die er den beiden Männern

abspürte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz

besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer näheren

Berührung kam es damals nicht.

Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir

machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Fürstin Clementine

Reuß. Auf dem Rückwege im Wagen erzählte Vater von unserm früheren

Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden

hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte „Beißkatze”,

worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf öffentlichem Markte

eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter

warf ganz ahnungslos dazwischen: „Ja, die alte Justiz war doch recht

grausam.”

Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: „Nein, unsere heutige Justiz

ist noch viel grausamer!” Und nun entlud er sein Herz über die

Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern geübt wurde. Statt

ihnen Arbeit zu geben, würden sie arbeits- und mittellos zum Betteln

gezwungen; als Bettler würden sie verhaftet, vor Gericht gestellt

und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefängnis bestraft; von

der ersten Gefängnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer

tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller

seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der

Beißkatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine

vernünftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die

mittelalterliche an Härte und Erbarmungslosigkeit weit übersteige,

abgestellt werden könne.

Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser

für Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwände

dazwischen, die zur weiteren Klärung beitragen, aber keineswegs

mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstraße

bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den kühlen, sorgsam

abgewogenen Erwägungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz

von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den

Bruder von der Landstraße stieß, kannte er keine Rücksicht mehr.

„Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor”, sagte er ein wenig

bitter. Und einmal hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Gegner

bei den Schultern gepackt hätte, um zu versuchen, ihn durch einen

körperlichen Ruck in das gewünschte Geleise zu bringen.

Ohne daß eine Verständigung gefunden worden wäre, stiegen wir in

dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war

die Stimmung noch gedrückt. Es gärte und arbeitete unablässig in

Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es

Schlatter eigentlich angekommen war, daß er ihn nicht hindern,

sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte

einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar

geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinüber. „Hier,

Professor, meinst du es so?” -- „Ja,” antwortete Schlatter, „so

meine ich es; so wird es gehen.” So wurde Friede geschlossen und

damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft,

die für Vater und für viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden

wurde.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 14 / 18 题