Für die noch übrigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden

fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken

wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter

anderem erwogen, wie die Kluft, die die Männer der Praxis und die Männer

der Wissenschaft trennte, überbrückt werden könne. Sie empfanden es

schmerzlich, daß zwischen den Studenten, sobald sie die Universität

verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede

persönliche Beziehung aufhöre, und beklagten den Verlust, der dadurch

sowohl für das kirchliche Leben als für die wissenschaftliche Arbeit

entstünde. Beide Teile mußten durch die mangelnde Verbindung für ihre

Arbeit Einbuße erleiden. Denn die wenigen Universitätsjahre zu den Füßen

der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde

wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Männer der

praktischen kirchlichen Arbeit unablässig das Leben der Universitäten

befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflüchtige, die

ohne Verständnis und ohne Bedeutung bleiben mußten für das wogende Leben

des Volkes und der Christenheit.

So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach

Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte,

für das nächste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen.

Schlatter wünschte, daß er nicht in einer Universitätsstadt sein

sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein

klar zum Ausdruck gebracht, daß die Besprechungen zwischen den

Männern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Köpfen

gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen

Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben.

Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.

So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die

große Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem

Bedürfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die

Hauptvorträge übernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strömten

namentlich die alten Schüler der beiden Professoren herbei, um

einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz

anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter

ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.

Die Vorträge selbst waren öffentlich. Es sollte jedermann sich

überzeugen können, daß die theologische Arbeit keine Geheimniskrämerei

sei, sondern für jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen

viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vorträgen teil, aus

der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die

Besprechungen aber, die den Vorträgen folgten, wurden im geschlossenen

Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von

Öffentlichkeit und Vertraulichkeit bewährte sich auch bei allen

späteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne

Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.

Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder

mit besonderer Bewegung begrüßte Professor Riggenbach von Basel,

Professor Kähler aus Halle, Professor Schaeder, später in Kiel und

Breslau, Professor Lütgert aus Halle, Professor Bornhäuser aus

Marburg. Die Führung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das

darf wohl gesagt werden, neben Kähler in Halle damals bedeutendsten

Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der

Überzeugungen einander ergänzten.

Wie einer der Durstigsten saß Vater zu den Füßen dieser

„Wasserschöpfer”, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es

zu merken, daß er seinerseits durch seine meist ganz kurzen

Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des

Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Töne immer

auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten

Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der

Zweifel schläft und das Bangen vor dem Unergründlichen.

Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die beängstigende

Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinführt. Darum

blieb er barmherzig mit denen, die in ähnlichen Kämpfen standen. Das

kam immer wieder während dieser theologischen Wochen zum Ausdruck.

Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vorträge

der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewißheit des

Glaubens führen: die Demut der Buße und die selbstverleugnende

Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war für

ihn das Haupthindernis des Glaubens. „Das menschliche Herz ist so

hoffärtig,” sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, „daß es

nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern

sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich

gestern hier predigen mußte? Da sagte mir mein Herz: So, nun mußt du

vor den großen, berühmten Professoren predigen; wie fängst du es nur

an, daß du ihnen gefällst? So hoffärtig ist das Herz. Den

Hoffärtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren.” Naturgemäß riefen

die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den

Häusern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann

in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte

sich demütig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen

Gottes unbegreiflich erschien, und die Buße, die sich unter Gottes

Gericht beugt, löste ihm unbegreiflich scheinende Rätsel. „Ich leide

auch zuweilen”, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen

bange Frage, „unter all dem Elend der Erde und kann es nicht

verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie würde es sein, wenn

das Elend nicht da wäre? Es würde noch viel schrecklicher auf der

Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen

würde. Das Menschenherz ist viel zu hoffärtig, als daß es das Leiden

entbehren könnte.”

Neben der Buße aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die

Erkenntnis Gottes schwingt. „Wie kann nur”, fragte ihn einer, „all

dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott

zugelassen werden?” Da sagte Vater nur: „Man muß etwas zum Lieben

haben.” Und als ein zur theologischen Woche gekommener

Gefängnispastor während der Besprechung darüber klagte, wieviele

Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fände, sagte Vater: „Ich

habe noch nie einen Gottesleugner getroffen.” „Bebel!” rief eine

Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster Überzeugung

heraus: „Und wenn Bebel hier wäre, er würde es nicht wagen, Gott zu

leugnen.” Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und

Überzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner

gefunden. In Debatten über das Dasein Gottes hat er sich nie

eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in

gottentfremdeten Gemütern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie

spürten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller

Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese

andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten

Wortes: „Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur”. Gott wird nur

in dem Maße erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nächster

wird in dem Maße der Erkenntnis Gottes näher geführt, als er durch

uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.

Diese Liebe aber schöpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten

Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche

und die Freundschaft mit den „Wasserschöpfern” solch eine besondere

Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie führte

seine Studenten durch Bethel. Am Schluß machte er Vater einen

Besuch. „Herr Pastor,” sagte er, „wieviel Gutes tun Sie den

Kranken, und wie gütig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie

zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit?” „Lieber

Professor,” sagte er, „ohne den alten Glauben könnte ich keinen

einzigen epileptischen Kranken pflegen -- und du auch nicht.”

Freistatt.

Fünfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer

mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von

Bethel nach Eckardtsheim übergesiedelt waren, in fröhlichen

Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einöde war ein

Garten Gottes geworden. Überall saftige Wiesen, prangende Gärten,

wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem

durchrigolten Boden kräftig gediehen. Aber so erfreulich diese

Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch

nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm

zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht möglich. Denn überall um

Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die

Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmäßiges

Rigolen und künstliche Düngung war der Wert der ganzen Umgegend um

ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Hätte

Bethel doch kaufen wollen, so wäre eine Rentabilität unmöglich

gewesen.

Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater

seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nördlichen Kreise

Westfalens, Lübbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens.

Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf

eine neue Heimat geboten hätte. Und doch wurde solch eine Kolonie

mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn während die Arbeitsmöglichkeit

in Wilhelmsdorf immer beschränkter wurde, nahm andererseits die Zahl

der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westfälische Industrie hatte in

den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber

sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung

des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die

westfälischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die

schwächsten und unzuverlässigsten Elemente auf die Landstraße. Dann

wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien

überflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu können.

Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel

vollgestopft gewesen. Hier mußte also gesorgt werden. Es war auch

diesmal wieder kein Gründungsfieber, wie Fernstehende meinten,

sondern die zwingende Gewalt der Verhältnisse, die vorwärts trieb,

und das Erbarmen mit den Brüdern von der Landstraße, die ohne

solches Erbarmen in Kälte und Schnaps verdarben.

Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover,

der sich nach seinem Abschied mit all seinen Kräften und Erfahrungen

zur Verfügung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats

Bansi Präses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb

von Ödland innerhalb der westfälischen Grenzen keine Aussicht bot,

lenkte er im Frühjahr 1898 Vaters Augen auf das große hannoversche

Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche

Tätigkeit ausgeübt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus

drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt

Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.

Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um

Niederungsmoor, wie im westfälischen Gebiet, sondern um Hochmoor

handelte es sich hier. In abflußlosen, unermeßlich weiten Sandkesseln

hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht über die

andere getürmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in

jedem neuen Frühjahr zur Geburtsstätte der neuen Schicht geworden.

Während die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem

Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf

wurden, hob sich die Fläche selbst mehr und mehr, bis sie als ein

riesiger lebendiger Schwamm über den Rand des Sandbeckens hinauswuchs

und so als Hochmoor höher ragte als das umgebende Tiefland.

Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto

heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen

auf. Er stieß seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis

zu stoßen, bis an die Krücke hinunterglitt. „Ha,” sagte er, „hier

habe ich Arbeit.” Nach Westen und Osten und namentlich nach Süden

zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge

dehnte sich die Einöde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und

des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind

aus dem Märchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer

herüberströmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen

Befreier wartete.

Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden

sitzen, -- man findet noch heute in den Hünengräbern der Gegend

Urnen und Geräte, die sich mit den Funden der oberitalienischen

Ebene decken -- hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen.

Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut

hatte ihre Heidschnuckenherden genährt, aber auf der andern Seite

waren die an das Moor stoßenden Äcker immer wieder durch den

wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frühjahrswind die

Oberfläche des Moores trocknete, fing das Moor, ähnlich den Dünen

des Meeresstrandes, an zu wandern und überschüttete die Grenzgebiete

mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hügeln

auftürmte und alles Leben unter sich begrub.

Durch die Regierung waren umfassende Pläne ausgearbeitet worden, die

den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie würden aber

Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor,

ähnlich wie im Küstengebiet durch das Dünengras, so im Moorgebiet

durch schmale Kulissenwälder die Gewalt des Windes zu brechen und

durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen

aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Maße, als die

schmalen schützenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie

Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstörende

Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.

Daß aber aus dem bisherigen nur mühsam abgeschlagenen Gegner ein

starker Freund werden könnte, daran hatte freilich niemand gedacht.

Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging,

ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er überall

weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark für den

Morgen. So wurden zunächst in dem tiefsten und aussichtsreichsten

Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Stärke von sechs bis

sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und später aus dem

angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen

hinzugefügt.

Für Vater aber handelte es sich zunächst darum, die Mittel für den

Neuerwerb aufzubringen. Unter der Überschrift „Wer schenkt uns einen

Morgen Hochmoor?” ließ er ein kleines Blatt drucken, worin er die

vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur

Grundsteinlegung der Kirche von Ems führte ihn für drei Ruhetage auf

das Schlößchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck.

Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift

eigenhändige Briefe an die Industriellen und Großindustriellen

Westfalens hinzuzufügen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: „Helfen

Sie uns durch einen kräftigen Ruck in den Sattel!” Die Bitte war

nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend

ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.

In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von

einem Sandrücken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen

Zeit stammende Heerstraße läuft. Hart neben dieser Straße, einem

freundlichen Kiefernwäldchen gegenüber, wurde im folgenden Frühjahr

die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und

die ersten Kolonisten zogen in „Freistatt” ein.

Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freistätten in

Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von

Bluträchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war

gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder

eigener Schuld Gehetzten sich retten dürfen und eine Freistatt

finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und

niemand sollte zurückgestoßen werden. „Daß ihr mir nur keinen

abweist!” schrieb Vater einmal in der Zeit der größten Überflutung,

und wir wußten, daß der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem

Wort stand, das keine Übertretung duldete!

Bei der Gründung der Arbeiterkolonien war zunächst der Grundsatz

durchgeführt worden, daß jeder für längere Zeit Arbeitslose

die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so

lange durchführbar, als ein festes Netz von Herbergen und

Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit

dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war

(vergl. den Abschnitt „Wanderarbeitsstättengesetz”), hatte dieser

Grundsatz nicht mehr befolgt werden können. Und so wurde gerade

Freistatt die Zufluchtsstätte von Arbeitslosen aus allen Teilen des

Vaterlandes.

Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mußte nach Freistatt

kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die

noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben

im Zuchthaus und Gefängnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit

und Bergung. Auch manche Söhne gebildeter Stände, die draußen im Leben

versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft über sich

selbst üben zu können, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden

sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils

Fürsorgezöglinge, die von den Provinzen überwiesen wurden, teils solche,

die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele

verderbenden Lüsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu

werden.

Wo die Schar derer, die nach Freistatt flüchteten und geflüchtet

wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, daß

man sie in verschiedene Häuser und verschiedene Arbeitsplätze

gruppieren mußte. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden

durch die gemeinsame große, lockende Aufgabe, das bis dahin

unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es

war ähnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden

ausgestoßenes Land und ausgestoßene Menschen miteinander verbunden

und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.

Zunächst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer

durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der

sichere Stützpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der

Kolonie den Angriff auf das Moor eröffnen konnten. Zweiggräben

wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Fläche geebnet. Mit

Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe

unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und

Pflügen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die

Säure entzogen, durch Kunstdünger neue Nährkraft zugeführt -- und

dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der

Erde anvertraut.

Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevölkerung, von der

Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies

schwarze, modrige Land im nächsten Frühjahr anfing zu sprießen, zu

grünen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu

Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die

Weiden, von deren kräftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne

Gefahr, im Moor zu versinken.

Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon

bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Maße zu

erhöhen. Während der eine Teil des Moores zunächst für die Kulturen

aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende

Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jüngeren Kolonisten

Sommer und Winter über abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen

Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne

Stücke und breiteten sie zum Trocknen auf der Fläche aus. Der

darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen,

die auf Schienen längs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu

langen Stangen gepreßt, zerteilt und auf Brettern in der Sonne

getrocknet.

Zu haushohen Mieten türmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden

entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit

Birken und Eichen bestandenen Napoleonstraße errichtet worden war,

zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und

Niederlassungen innerhalb und außerhalb der Kolonie als

Brennmaterial zugeführt.

Um aber die weiten Heideflächen des Moores, die zunächst noch brach

liegen bleiben mußten, kräftiger ausnutzen zu können, wurde den

Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter

Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die

Moorsäure vor dem Verfaulen geschützt war, entstand ein großer Stall

und daneben auf einem künstlich aufgeworfenen Sandhügel, der

allmählich durch den eigenen Druck bis auf die Oberfläche des Moors

hinuntersank, ein geräumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten

Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schönsten. Hier über dem ganz

freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frühesten auf und am

spätesten unter. Von hier aus konnte man am ungestörtesten das

Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust

füllen mit der reinsten, kräftigsten Luft, die der Moorwind

herübertrug.

Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmählich über

eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel

und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengefülltem

Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet.

Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen

Häusern herbeiströmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingeführt, in

welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.

Natürlich konnte diese große neue Aufgabe nur unternommen werden mit

Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mühe, Last und

Enttäuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins

Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt

von Lepel kennen gelernt, der nun mit großer Willenskraft und

Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvätern,

Hausmüttern, Brüdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm

wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der

Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.

So sehr Vater als alten Landwirt die Erschließung des Moors zu

Kulturzwecken beschäftigte, so behielt er doch fest im Auge, daß

nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die

Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet.

Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im

Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.

Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast

ausschließlich aus den Großstädten und dem Industriegebiet. Viele

von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und

manche waren nur deshalb vor dem Gefängnis bewahrt worden, weil man

nicht wußte, wo die Grenze lag zwischen bewußter Bosheit und

ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die höchsten Anforderungen

an die Hauseltern und Brüder. Hier galt es nicht nur, mit fester

Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und

mitleidender Freund.

Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brüder in

Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezügelte

Pferde waren, bei deren Bändigung erst das rechte Ineinander

gefunden werden mußte von unbeugsamer Festigkeit und mütterlicher

Zartheit. Denn:

„Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:

So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.

Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,

So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen würde.

Einmal erschien ein kräftiger Angriff in der sozialdemokratischen

Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an

den Zöglingen. Es sollten schwere Übergriffe der Pfleger vorgekommen

sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn,

am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in

Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle

die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit

prüften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstündiger

Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den

Sachverhalt, fuhren zusammen zurück, und am andern Tage gab der

Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen

Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von

Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen

und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt.

Heute kann Freistatt alle Öfen der Muttergemeinde in Bethel, soweit

es sich nicht um die Zentralheizungen der großen Krankenhäuser

handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen.

Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre

Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen

umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus den

Weiden, Feldern und Ställen von Freistatt.

Die theologische Schule.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten

über das Apostolikum gesprochen. Die Äußerungen waren wider den

Willen Harnacks in die Öffentlichkeit gedrungen, und darüber war ein

heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften

hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkämpfe

über Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch

jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte

er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hören, daß nach

seiner Überzeugung die Verkündigung des Evangeliums selten so

ungehindert im Vaterlande habe geschehen können als jetzt. Er war im

Jahre 1892 während eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr

herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium

getreten, dem damaligen nahezu allmächtigen Diktator bei allen

Fragen, die die Besetzung der Lehrstühle aller Fakultäten betrafen.

Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne

Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich

bewährten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der

Universitäten zuzuführen.

Aber die ausschließliche Beschränkung auf die staatlichen

Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glück der Kirche an. „Die

evangelische Kirche”, sagte er, „hat sich viel zu lange gewöhnt, sich

auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darüber ist sie

eingeschlafen.” Er für seine Person hatte die tiefsten

wissenschaftlichen und persönlichen Anregungen von Männern empfangen,

die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultäten

hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Körperschaften. So

sah er in dem Dienst dieser freien Körperschaften, wie sie sich in der

Arbeit der Inneren und Äußeren Mission durch ein Jahrhundert bewährt

hatten, eine wesentliche Ergänzung der kirchlich organisierten Arbeit

und der theologischen Fakultäten. Warum sollte die Christenheit, wenn

sie freie Anstalten der Inneren und Äußeren Mission schuf, nicht auch

berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultät zu

schaffen, und zwar nicht in einer der verführungsreichen Großstädte,

sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden

christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen

kleinen Fakultät die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese

Gedanken legte er unter dem Titel „Eine freie theologische Fakultät”

in einem Aufsatz dar, der zunächst in der kleinen konservativen Zeitung

Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.

Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungen die

Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die

Gegenstimmen.

Es war das einzige Mal, daß Vater, statt zu handeln, zunächst nur

einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. Überall

stieß er auf Bedenklichkeit und Ängstlichkeit. Namentlich hatten

sich an dem Wort „Fakultät” viele seiner akademischen Freunde

gestoßen. Er mußte den Gedanken zurückstellen. Immerhin war sein Ruf

nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des

kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der

die Gründung eines Studienhauses an der Universität Bonn in die Hand

nahm und auch rasch zur Durchführung brachte. Schon im Sommer 1896

stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jüngster Bruder war

unter den ersten Studenten, die darin für ihre Studien willkommene

Heimat und Anleitung fanden.

Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht.

Nun traf er im Jahre 1903 während einer Erholungszeit in Amrum mit

dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten

Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am

Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer

hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beiträge, die er zu den

gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegäste lieferte,

taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem

bescheidenen, stillen Mann hin.

Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken.

„Brüderchen, was hast du?” fragte er ihn. Und nun entlockte er

Speckmann die Sorge um seinen jüngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als

Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte

Theologie studieren. Aber Speckmann wußte nicht, zu welcher

Universität er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden

Vertrauen zu einer großen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an

den verschiedenen Universitäten drückte ihn der Gedanke an die

Unruhe und Verführung so vieler Universitätsstädte und die Sorge,

seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer

von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.

Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es

zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte

Gedanke einer freien theologischen Schule aufs neue auf. Diesmal

vermied Vater die Öffentlichkeit und sammelte in der Stille einen

ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und

mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht

besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor

Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld.

Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten

Lehrkräften der Schule um, besuchte persönlich Pastor Jäger in

Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und ließ

sich von diesem und von dem Sohn des Professors Kähler in Halle das

Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.

Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904

trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. „Ich frage euch

nicht mehr,” sagte er, „ob das Kind leben soll; es lebt schon, und

ihr sollt es bloß aus der Taufe heben.”

Gleichzeitig warf er in einer ausführlichen Schrift den Gedanken neu in

die Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des

Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das

Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied

des Abgeordnetenhauses war, erwartet, daß er im Landtag gegen die

Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten

ausschloß, Stellung nähme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift

„Wie kämpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?”[1] rechtfertigte

er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer

andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. „Wir

haben die Gegner nicht gerufen,” schrieb er darin, „aber indem sie

heranrücken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns

ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rüsten. Hier

gilt es nicht Übermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern

Buße, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, daß wir unsere Gegner

schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir müssen selbst besser

werden.”

[1] Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel

erschienen.

Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der

Schrift eingehend auseinander, wo er die Gründe für die Aufrichtung

der theologischen Schule erörtert und folgendes sagt:

„Gefährlicher, grundstürzender, bis in das tiefste Mark hinein

vergiftender als die weiter geöffnete Tür für die Väter der

Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not,

die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen großzieht. Unaufhaltsam

ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von

den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über

unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres

Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen

ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit

zerbrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und

Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen

Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche

Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um

Glauben kämpfende, um Gewißheit ringende, wissenschaftlich fleißige

und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit

eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht

solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als

sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese

Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.

Selbstverständlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles

unsicher, was den Trost eines armen Sünders im Leben und Sterben

ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg über die Sünde und Fortschritt in

der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht

nur in immer nebelhaftere Umrisse gehüllt, sondern verschwindet

endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein für uns gestorbener,

für uns auferstandener, für uns zur Rechten des Vaters thronender

König und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch für

die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern

ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.

Der selige Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis in

seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb,

schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: „Es ärgert mich

vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie dem

Evangelium so feindlich ist.” So möchte ich vielmehr von der

evangelischen Kirche sagen: „Es ärgert mich vieles an meiner

Mutter, am allermeisten aber, daß sie solche Feinde des Evangeliums

auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.”

Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen

die Jesuiten in die Waffen rufen möchte, möchte ich ihn gegen diese

Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Stühlen

stoßen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte:

„Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer”, sondern

er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat

sie überwunden, indem er für sie blutete, betete und starb.

Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch

polizeiliche Maßregeln überwunden. Ich weiß es wohl, daß es kein

normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Männer auf die

theologischen Lehrstühle setzt und sie unsern jungen Theologen zu

ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine

staatliche Prüfungskommission prüfen und durchfallen läßt (ich habe

dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun

von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtränkt sind und

sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat

da machen? Was können wir von ihm verlangen?

Wenn schon die staatliche theologische Prüfungskommission von ihren

Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres

treuen Fleißes und ihrer wissenschaftlichen Tüchtigkeit, so kann der

Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen

rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtgläubigkeit anstellen. Dann

würde man in beiden Fällen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem

Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heiße Kämpfe nicht zum Sieg.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich

wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitäten

durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere

Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlägt und sie aus dem

Schlafe aufrüttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.

Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam,

ähnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke,

Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtgläubigkeit

gegenübertrat. Ihre Führer und Glieder sind wenigstens der überwiegenden

Mehrheit nach das Salz unserer Gemeinden. Sie begnügen sich nicht

damit, äußerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfüllen und einen

ehrbaren Wandel zu führen, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen

der Heiligen Schrift, dringen auf gründliche Umkehr, wollen schriftgemäß

nicht nur einen Jesus für uns, sondern auch einen Jesus in uns haben,

wissen, daß ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine

Kopfhänger, sondern fröhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in

Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Straße ziehen in den Fußtapfen des

Anfängers und Vollenders unseres Glaubens und keine größere Freude

kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres

Herzens Freude ist. „Heilig, selig ist die Freundschaft und

Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben”, -- so singen sie

auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich über eine solche

Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Männer in gesunden

Bahnen einhergeht!

Aber freilich läßt sich nicht leugnen, daß diese Bewegung in ihren

Ausläufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja

nun ganz besonders, -- das muß man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen --

die gegen die Angriffe der Männer der Wissenschaft für unsere liebe

Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter

denen zweifellos treffliche, geisterfüllte Männer sich befinden,

denen an volkstümlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte

Pastoren nicht das Wasser reichen können. Solche Laienpredigt nach

dem Vorbild der beiden „Tischdiener” Stephanus und Philippus ist

sicher köstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlägt

vielfach über die Stränge; sie fängt an, gegen jede Wissenschaft zu

eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von

der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische

Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind.

Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger

Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht

zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die

edelsten Führer dieser Bewegung nachäffen und, ohne sich jemals

selbst bekehrt zu haben, als höchstens zu ihrem eigenen Ich, auf

Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser

wunderbarsten und köstlichsten aller Gottesgaben, die je durch

menschliche Werkzeuge zustande gekommen ist und die zu freier

Gotteskindschaft führen soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur

Menschenknechtschaft führt, und werfen einfältigen Leuten Lasten auf

den Hals, die sie selber nicht tragen mögen. Wenn sie, mit vollem

Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als

Märtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen

Baalspfaffen, lehren ihre Zuhörer auch jeden Christen, der sich

nicht zu ihrer Gemeinschaft hält und in ihre Schlagworte nicht

einstimmt, für einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten

und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der

edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und

die Nachfolge des Verklägers der Brüder. Das ist eine schmerzliche

Tatsache.

So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die

pietätlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre

unverständigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.

Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein

Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den

Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den

letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, daß sie

sich redlich bemüht haben, nicht nur gründlich gelehrte, sondern

auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu

verschaffen. Und es wäre Sünde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen

dankbar sein sollten für das, was seine Güte in den letzten fünfzig

Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfüllten

Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur

Männer wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck,

Müller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Kähler, Cremer, Schlatter, zu

deren Füßen ich mit meinen drei Söhnen, teils als Student, teils als

Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser für

meine Seele habe trinken dürfen. Eine solche Blütezeit hat die

evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder

gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preußische

Hochschule auch jetzt noch Männer, die unsere Jugend nicht nur zum

freien Jungbrunnen der demütigen theologischen Wissenschaft, sondern

auch zu dem freien offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit

führen, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast

zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten

achtzehn Jahren hier in unserer großen Kolonie von Elenden aller

Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schürze der dienenden

Liebe sich umgebunden haben und von denen über zwanzig zu den

schwarzen Brüdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom

gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug

freuen, wie viele von ihnen nicht bloß ein gründliches Wissen,

sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe tätig war,

von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.

Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen

des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an

Männern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das

Alte Testament) den Umstürzlern die Spitze bieten und ihnen

gründlich heimleuchten können. Aber solche Zeugen kann weder ein

Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode

noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten

gerne einen größeren Einfluß, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht

und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle

erkämpfen möchte.

„Fromme Lehrer der Kirche”, so pflegte mein seliger Freund =D.=

Kögel zu sagen, „sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie können nicht

von Menschen gefordert, sondern müssen von oben erbeten werden.” Und

dies wäre vor allem eine köstliche Arbeit unserer gläubigen

Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den

theologischen Lehrstühlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit

sagen können: „Sie sind vom Herrn erbeten”, dann werden sie auch vor

falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstsüchtigen

Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche

bleiben und immer mehr werden.

Auf unserem schönen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, „der

Freund des Ravensberger Volkes”, den wir gern und mit Recht den

Begründer unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt

nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch

nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er könne die Sache nun besser

machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine

Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue

Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhört.

Auch unsere arme Gemeinde fallsüchtiger Kranker auf dem Zionsberge

zu Bethel möchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und

Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?

Zunächst in der Weise ihres lieben Begründers auf dem Friedhof zu

Bethel, daß sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums

für Kirche, Schule und Haus bittet, gestützt auf das Wort: „Das

Verlangen der Elenden hörest du, Herr; ihr Herz ist gewiß, daß dein

Ohr darauf merket.” Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet

auch eine Tat hinzufügen. Sie möchte es sehr gern.

Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultäten zunächst

eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, später mehrere)

freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die

Landeskirche und gegen die bestehenden Universitäten, sondern

lediglich für beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rüstkammer

gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des göttlichen Wortes so

stählt, daß sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen

Universitäten beziehen und daß, will's Gott, aus ihnen tüchtige

Lehrer und Seelsorger für die Landeskirche erwachsen möchten. Es

würde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden

Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt

mit Recht scheuen, ihre Söhne sofort den großen Universitäten

anzuvertrauen, würden sie gern hierher senden.

Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife

Tretmühle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier

geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger

Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu

den Füßen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Stühlen sitzen,

sondern mit denen sie täglich freien, zutraulichen Umgang pflegen

und denen sie alle ihre Not klagen können. Dieser Pflanzschule müßte

man eine auch äußerlich liebliche und geistlich gesunde Stätte

bereiten, in der die köstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung

ausgestreut werden kann, daß sie nicht sofort wieder von wilden

Säuen zerwühlt wird.

Es ist ja leider so, daß fast alle Universitätsstädte Deutschlands

keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grünt

und blüht, sondern fast überall ist das Gegenteil der Fall, viel

wüstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser

Richtung hin unsern jungen Anfängern auf der theologischen Laufbahn

keine Förderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.

Ohne uns vorzudrängen, möchte ich heute wohl glauben, daß diese

Pflanzschule in der Nähe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom

Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch günstigere Stätte

finden könnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schönheit

ist hier viel größer. Die jungen Studenten würden nicht nur in kleinen

Konvikten, sondern auch in vielen Privathäusern in den Familien unserer

Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grünt

und blüht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner

eigentümlichen Gestalt. Sie sehen hier tüchtige junge Theologen mit

glänzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schürze der

dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne,

der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, für sichtbare Früchte trägt.

Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerüstet,

ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr

unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.

Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in

unserer Kolonie nieder und sind gewiß bereit, ihre Erfahrungen und

ihre Kräfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die

nötigen Mittel zum Bau für die bescheidenen Hörsäle und Wohnungen

der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es

kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses

Samenkörnlein an dieser Stätte wohl getrosten Glaubens ausgestreut

werden könnte und daß der Herr der Kirche ihm den Frühregen und

Spätregen nicht versagen und vor allem die rechten Männer schenken

werde.

Große Dinge, die der Welt in die Augen fallen, haben wir nicht im

Sinn, sondern kleine und namentlich einen ganz kleinen Anfang.

An eine sofortige offizielle Anerkennung oder gar Unterstützung des

Staates denke ich auch nicht. Bewähren wir uns, wird man uns auch

nicht versagen, was man den katholischen Seminaren gewährt (nämlich

die Anrechnung der auf solcher Schule zugebrachten Studienzeit).

Ich will diesen Gedanken also noch einmal in Gottes Namen

hinausgehen lassen und gebe es dem Herrn der Kirche anheim, ob er

ihm willige Herzen zuwenden und auch die Herzen der Leiter und

Regierer unserer Kirche für uns gewinnen möchte.

Vor acht Jahren hat derselbe Gedanke die kleine Frucht getragen:

unser Studentenkonvikt zu Bonn, dem ich auch ferner fröhliches

Gedeihen wünsche, das aber für die Größe und Wichtigkeit der Sache

nicht allein ausreicht. Ich möchte, daß sich gerade um die

theologische freie Pflanzschule auch die jetzt noch weit auseinander

gehenden Wünsche und Seufzer aller altgläubigen Richtungen unserer

Kirche, namentlich auch der Gemeinschaftsleute, in einheitlichem,

fröhlichem Wirken zusammenschließen, um in der Hauptsache einig die

Mauern Jerusalems zu bauen und ihre Risse zu heilen.

Dem großen Haupt seiner Kirche auf Erden und im Himmel, unserm Herrn und

Heiland, sei vor allen Dingen diese Sache an sein hohepriesterliches

Herz gelegt. Gibt er sein Ja und Amen dazu, dann ist das Gelingen

sicher.”

Im Herbst 1905 zogen die ersten Studenten in die junge theologische

Schule ein. „Zwölf Jünger hatte der Herr; mehr als zwölf möchte ich

nicht gern haben”, sagte Vater. Aber vier Wochen vor der Eröffnung

hatte sich nur ein einziger gemeldet. „Ich fange auch mit dem einen

an”, sagte Jäger. Da fiel ihm Vater um den Hals und sagte: „Dafür

kriegst du einen Kuß.” Aber zum Eröffnungstage waren elf junge

Studenten zur Stelle.

Vater selbst trat mit in den Unterricht ein. Während Pastor Jäger

die systematischen Fächer nahm (Glaubenslehre, Sittenlehre usw.),

Kähler das Neue Testament und der bald hinzutretende Pastor

Oestreicher das Alte Testament, gab Vater jede Woche eine

Abendstunde praktischen Inhalts, besonders über Innere und Äußere

Mission.

Viele hundert Studenten sind seitdem durch die theologische Schule

gegangen. Neue Dozenten sind hinzugekommen, bezw. nach längerer oder

kürzerer Arbeit an der theologischen Schule in andere Arbeitsgebiete

eingetreten: =D.= Warneck, =P.= Johanssen, Superintendent Simon,

=D.= Schrenk, =D.= Michaelis, =P.= Schlatter. Die bayrische Kirche

war die erste, die von Fall zu Fall Semestern, die auf der

theologischen Schule verbracht waren, Gültigkeit gab. Die badische

Kirche rechnet sie grundsätzlich an.

Gastein.

Im Frühjahr 1899 fühlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens.

Die sonstige Frische ließ nach, und ein unerklärlicher Durst, der

mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu

quälen. Von den für alte Leute so wohltätigen Bädern des Wildbades

Gastein hoffte er Stärkung. So nahm er für den letzten Kurmonat die

Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.

Von fürsorgenden Freunden war uns in der „Helenenburg” das Quartier

bereitet worden. Sie lag an der einsamen Straße, die hoch über dem

Orte am Abhang des Graukogls entlang führt. Früher hatte sie der

Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtsstätte gedient. Von einer Burg

war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein

einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner

Badegästen seine Tür öffnete. Wie denn ja die unglückliche Kaiserin

die einsamsten Häuser für ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das

Getöse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprüngen in die Tiefe

stürzt, drang aus der Ferne herüber. Aus dem weiten, lieblichen Tal

unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das

Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die

Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen

Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel

vertrieb.

Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten

„Schwarzen Liesl”. Das war ein kleines Gasthaus nordwärts von der

Helenenburg, wohl hundert Meter über den stolzen Hotels gelegen, die

sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schüchternes

Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls,

um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu

sehen, die Gott über diesen besonders schönen Fleck seiner Erde

ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der

katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur

„Schwarzen Liesl” heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die

an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die

Betglocke aus dem Tale herauftönte und die ganze fröhliche

Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und

sich an den Heimweg erinnern zu lassen.

Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle

Ursache gehabt hätte, hoffärtig zu sein. Denn vornehmerer Gäste

konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rühmen.

Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen

seine großen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die

Stille der Gebirgswelt und die Nähe ihres königlichen Herrn zu

genießen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen

zur „Schwarzen Liesl”. Dann hatte die schwarze Liesl -- so hieß die

Frau des Wirts -- aufgetischt, was Küche und Keller bot. Wenn aber

der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die

Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schönsten Tassen und Gläser, die

ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gästen den

erfrischenden Trunk zu reichen.

Aber das alles lag nun weit zurück. Nur eine Magd, die unter der

schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Häuschen

des Tals. Sie wußte unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu

erzählen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der

Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze

Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers für zwölf

Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser

und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste

aufgenommen worden sei.

Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprünglichen Zeichens ein

Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein

Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel

gehängt hatte. Während seine Frau uns nach Kräften mit ihrer

Kochkunst versorgte, saß ihr Mann mittags und namentlich abends

unter seinen Gästen und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen

lauschte, dem entging nicht der wehmütige Ton, der durch alle Lieder

hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte

bald, daß eine verborgene Last ihn drückte. Aber er kam nicht mit

der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne daß sich der arme

Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief

nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu

helfen, da er von seinen Gläubigern gedrängt würde. Vater war

inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes

hatte sich eingestellt, die erst in Wildungen und dann in Bethel

sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der

Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an

seinem Lager, und die wehmütigen, sehnsuchtsvollen Klänge der Zither

tönten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er

entschloß sich, seinen getreuen Sekretär Behrendt nach Gastein zu

schicken, um gründliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich

eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden könnte. Aber

schließlich zeigte es sich doch, daß alles umsonst war.

Es würde zu weit führen, die folgenden fünf Jahre mühsamer

Verhandlungen näher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen

Handels war, daß Vater gezwungen wurde, die „Schwarze Liesl” ganz zu

übernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur

Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten,

schloß sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen

„Kaiser-Wilhelm-Stiftung” den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in

der „Schwarzen Liesl” eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.

Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war

der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten Ärzte des Bades

erklärte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein

vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur

Verfügung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so

reichlich dargeboten, daß man den alten Helden freie Reise und

freies Quartier gewähren konnte.

Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder

Wochen in der „Schwarzen Liesl” unter seinen Kriegskameraden

zugebracht. „Ein ganzes Jahr lang”, sagte einer der Veteranen beim

Abschiednehmen, „habe ich zu erzählen, so schön war es hier. Und das

dumme ist bloß, daß es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man

uns hier aufgenommen hat.”

Während der Jahre des großen Krieges mußte die „Schwarze Liesl” ihre

Türen schließen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geöffnet und,

soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern

des letzten Krieges gedient.

Als Abgeordneter.

Als Stöcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte,

blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-Ravensberger Land zog

sich von ihm zurück. Es hatte etwas Erschütterndes, zu sehen, wie

Stöcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den großen Dielen

des Landes und in den weiten Sälen der Städte gesprochen hatte,

jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen

Anhänger sammelte.

Einer der bedeutendsten Führer der Freunde Stöckers im Ravensberger

Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er

war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung

unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt

und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als

entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen

Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen

kirchlichen Selbständigkeit gegenüber der eigenen Pfarrgemeinde

verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen übernahm,

trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein

geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner

epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner

stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und größter

seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der

Dienstmädchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der

Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, daß Pastoren und Lehrer nicht im Verhältnis von

Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenüberstehen, sondern als

die nächsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergänzen

sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann

in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfüllung. An den

Brüderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, später

Freitagabends hielt, war Budde der regelmäßige Teilnehmer. Er konnte

es nie verstehen, wenn Brüder ohne zwingenden Grund die Stunden

versäumten. „Und wenn sie auf den Knien hinrutschen müßten,” konnte

er wohl sagen, „dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie

nie wieder zu hören.” Vater leitete die Besprechung in diesen

Stunden, Budde hatte regelmäßig das Gebet. Dieses Gebet war die

Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche über freute. Zu der

äußeren Form, in der Budde es vorbrachte, lächelte Vater oft, sodaß

er während des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hände barg und

auf das Pult legte, um niemand zu stören, wenn ihn über

eigenartigen Ausdrücken Buddes das Lachen überkommen wollte. Aber

der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen

waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte

Budde beständig die lebhafteste Fühlung mit allen Schichten der

Bevölkerung, sodaß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmählich

gelang, die durch den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei

zersprengten Anhänger zu organisieren und um ein kleines

Wochenblatt, den „Ravensberger”, zu sammeln. Vater selbst hielt sich

auch jetzt, seinen Grundsätzen treu, von aller einseitigen

Parteinahme, sei es für die Konservativen, sei es für die

Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stöcker -- das sprach Vater immer

wieder aus -- zu schade für einen Parteiführer. Er war überzeugt,

daß er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer hätte dienen

können, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten

hätte. Er hatte auch Stöcker die Themata genannt, um die sich nach

Vaters Überzeugung Stöckers öffentliche Tätigkeit drehen sollte.

(Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, daß

Stöcker nicht darauf einging. „Er hat doch etwas vom Volkstribunen

an sich,” sagte Vater gelegentlich und meinte damit, daß Stöcker

sich doch nicht unabhängig genug hielt gegenüber dem Einfluß der

Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit

Stöcker eins wußte, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem

Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im

Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in

ganzer Unabhängigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur

Rechten und zur Linken. Einen konservativen Führer des Landes, dessen

Schrift über die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand,

schonte er in einer persönlichen Besprechung nicht. Und als auf der

andern Seite sein Freund Budde eine für den Druck bestimmte Darstellung

des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters Überzeugung den tatsächlichen

Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues Öl ins Feuer

gegossen haben würde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen

Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es für kurze Zeit zu einer

gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater eines Nachts im Bett an

Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlaßte, sodaß der

betreffende Abschnitt der Druckschrift überklebt und in späteren

Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmählich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in

Minden-Ravensberg so gefestigt, daß sie in den Wahlkämpfen eine

wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich

Stöcker anfangs zurückgedrängt sah, wieder eine Macht geworden, mit

der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte

mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen

Christlich-Sozialen und Konservativen geführt. Im Jahre 1903 sahen

sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, daß sie von den

Konservativen eine Kandidatur Stöckers für das Abgeordnetenhaus

verlangten. Aber Stöcker blieb das rote Tuch für die Konservativen.

Sie lehnten Stöcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen

Jahren bereits die zerstörendste Wirkung auf das Land ausgeübt und

im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefördert hatte,

drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, daß für die Kandidatur

eine Persönlichkeit gefunden würde, die beiden Richtungen genehm

war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den

Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen

Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter

der Bedingung, daß er niemals gezwungen würde, irgend eine

Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das

wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die

Verständigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte

ihnen den gemeinsamen Sieg.

Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun,

hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie

gegeben, auf der er sich während der fünf Jahre als Abgeordneter

bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Fülle der

Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst für einen Abgeordneten

selbstverständliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit

zugestanden.

Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des

Friedens gewählt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause

nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. Um Anschluß zu

bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch

seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner Überzeugung nach am

nächsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht

aufgelegt und ließ er sich nicht auflegen.

Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der

Kanalvorlage -- es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals --

am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag

darin, daß er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die

Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder

in Bethel, „ihr” und den Minister „du”. Die Versammlung selbst aber

hob er über alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes,

als eine große Körperschaft, deren Verantwortung und Tätigkeit sich um

das Wohl des ganzen Volkskörpers immer wieder sammeln und einigen

müßte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wünschte er, die Fürsorge

für den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde

Ansiedlungspolitik betätigen und sollten schmerzliche Versäumnisse

nachgeholt werden.

Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man

hatte dergleichen noch nicht gehört. Und die Zeitungen aller

Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der „Ulk”,

das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der früher Vater in der

Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte

folgendes Gedicht:

An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor.

Mein lieber Pastor Bodelschwingh,

Das nenn' ich brav gesprochen!

Wo sonst so seicht das Reden ging,

Ward frisch der Bann gebrochen.

Ich greife -- ja, verehrter Mann,

Zuvörderst muß ich fragen:

Red' ich mit trautem Du Sie an?

Soll Sie zu dir ich sagen?

Erlösend klang im Sitzungssaal

Aus dem Debattendusel

Die Forderung: „_Für_ den Kanal!

Doch _gegen_ jeden Fusel!”

Die Volksvertreter hörten zu --

Dir, oder sag' ich Ihnen?

Und jedes Wort bestärktest du

Mit Ihren treuen Mienen!

„Man solle den Kanal nur bau'n,

Doch bauen ohne Schnäpse,

So hilft man noch in deutschen Gau'n

Dem allerärmsten Plebse.”

Ehrwürden gaben Kluges kund,

Du standst am rechten Orte,

Und alles hing an Ihrem Mund

Und lauschte deinem Worte!

„Den Schnaps fort -- ein für allemal!”

Ein Spirituosenhasser

Ist zweifellos für den Kanal

Wie überhaupt für Wasser.

Schnaps drückt uns alle unters Vieh:

Herr Pfarr', mit dem Bekenntnis

Da findest du, da finden Sie

Gleich unser Einverständnis.

Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,

Der bleibe nicht verborgen:

„Die Landwirtschaft soll nicht so schrei'n

Und mehr fürs Landvolk sorgen!”

So riefen Sie ihr ins Gesicht, --

Dir bangt vor keiner Fehde.

So mahnte niemand noch zur Pflicht

Wie du mit Ihrer Rede.

Bei diesem Wink verstummten sie,

Die hochfeudalen Schreier,

Bei diesem Mahnwort brummten sie:

„Hol' dich -- hol' Sie der Geier!”

Ehrwürden, das ist der Humor

Im ganzen Redestreite:

Du nahmst die eig'nen Freunde vor,

Die Herrn auf Ihrer Seite!

Seltsam klang Ihre Liturgie,

Du brauchst dich nicht zu schämen!

Man mußte lachen über Sie

Und muß doch ernst dich nehmen.

Ehrwürden sind ein Kauz, und doch:

Man huldigt dir, dem Alten,

Der so mit vierundsiebzig noch

Kann Jungfernreden halten!

(Sigmar Mehring.)

Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich

auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war

durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten

geworden. Die Höhe, auf der er sich bewegte, übersprang alle

Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und für den Augenblick

alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache

willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde

befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch

die Autorität der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich.

Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nächster Gelegenheit

seine politischen Freunde noch kräftiger angreifen würde.

Nur einige wenige Male, in nebensächlichen Fragen, nahm er noch das

Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal

auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel

angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales

gerade der Tafel gegenüber. Sein Name war zunächst an dritter oder

vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit

vor seinen Namen ein anderer Name eingefügt wurde, sodaß er immer an

letzter Stelle blieb. Es war deutlich, daß die Sitzungszeit längst

verstrichen sein würde, ehe er an die Reihe käme Schließlich sagte er

traurig, aber ohne Bitterkeit: „Junge, laß uns gehen! Sie wollen mich

nicht.” Aber die Niederlage wurde doch weit überwogen durch den Sieg.

Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populärsten

Persönlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz

Berlin, ja, es muß wahrheitsgemäß wohl gesagt werden, des Vaterlandes

geworden. Mußten sich die Parteien ihm auch verschließen, sodaß das

Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen

sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohne Unterschied der

Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht bloß das Parteiinteresse

und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den

Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit

den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den

Wandelgängen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten

Gesprächen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn

bewegten, persönlich herantragen und sie ihnen persönlich ins Gewissen

schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Fürsorge für

die Wanderarmen.

Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewußten

Demut seines Einflusses auf die Gemüter bewußt war, desto stärker

wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm

ihm etwas übel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses

konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Stühle

besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rückte er in die

Sofaecke und sagte: „Mein lieber Direktor, hier ist für dich auch

noch ein Plätzchen.”

Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch

angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers draußen vor der Tür

und sahen die Straße entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und

ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natürlich zustatten, daß er

sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei

verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fühlte.

Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer

Besprechung zusammensaßen und es draußen klopfte, rief nicht der

Geheimrat, sondern Vater: „Herein!”, ohne daß der Geheimrat das als

einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben

unwillkürlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen

kindlichen Überlegenheit.

Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretär

in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch

die, die er an seinem Teile zu sprechen wünschte.

Mehr als fünfzigmal während der fünfjährigen Legislaturperiode

reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im

St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße hatte er sein ständiges

Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretären, erst

Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beiden Zimmer

eingeräumt wurden, die unmittelbar über dem Quartier des

Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Fürsorge des alten Fräulein

Kreysern und Rothkirchs übersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das

ganze Haus, und Vater fühlte sich hier inmitten der aus- und

einziehenden Gäste und ständigen Bewohner überaus wohl. Mit vielen,

die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue

enge Beziehungen geknüpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frühere

Kultusminister und damalige Oberpräsident von Schlesien, General von

Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf

E. von Pückler, der Gründer der St. Michaels-Vereinigungen,

Amtsgerichtsrat Kölle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller

Unterdrückten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater

eingehend beriet und unterstützte, und schließlich die eigenartigste

und bedeutsamste Erscheinung unter den Gästen des Hospizes, Baurat

Schmidt, der bekannte „Heißdampf-Schmidt”, mit dem Vater später noch

im Stöckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng

verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, „der modernen Lokomotiven,

der vor allem für geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat”.

Köstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter

den vielen fremden und oft vornehmen Gästen bewegte. So stellte sich

ihm ein alter Herr v. N. vor. „Herr v. N.?” sagte Vater. „In Paris

suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel.

Sind Sie das vielleicht?” Den Zylinder seines Freundes Rothkirch

borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich,

dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt

weiter aufwärts in der Wilhelmstraße lag. Da der Zylinder zu klein

war, trug ich ihn Vater nach über die Straße hinüber, und erst im

Augenblick, wo er das Palais betrat, zwängte er ihn sich auf. Der

Besuch führte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das

auch anhielt, nachdem der Prinz längst in große Einsamkeit und

Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute

Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein

Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschönen Garten

des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster

Krankheit die erste Erholungszeit erleben.

Als die Legislaturperiode abgelaufen war, stand Vater im 78. Jahr.

Der Zweck, zu dem er vor fünf Jahren die Kandidatur angenommen

hatte, war erreicht, indem die Beziehungen zwischen Konservativen

und Christlich-Sozialen in der Tat sich nach und nach weiter

gefestigt hatten. So lehnte er im Blick auf sein hohes Alter eine

neue Kandidatur ab.

Der wichtigste Ertrag seiner Zeit als Abgeordneter aber lag einmal

auf dem Gebiet der arbeitslosen versinkenden Massen Berlins und dann

in der gesetzlichen Regelung der Wanderarmenfürsorge des ganzen

Vaterlandes.

Das Wanderarbeitsstättengesetz.

Nach Eröffnung von Wilhelmsdorf waren namentlich in Westfalen die

Verpflegungsstationen in Verbindung mit den Herbergen zur Heimat

rasch emporgeblüht, sodaß das Betteln nahezu erstorben war, da alle

mittellosen Wanderer von der Bevölkerung den Verpflegungsstationen

und Herbergen zugewiesen wurden.

Aber die Begeisterung, unter der die ersten Verpflegungsstationen

entstanden waren, wurde allmählich gedämpft. Es sprach sich bald

unter den Wanderern herum, wo die beste und wo die geringere

Verpflegung geleistet wurde. Dadurch wurden manche Stationen

überlastet. Wer sollte die Kosten decken? Die einzelne Gemeinde, in

der die Verpflegungsstation lag, konnte es nicht. So trat der Kreis

ein. Aber auch hier stellte es sich nun wieder heraus, daß die

Kreise, die am besten sorgten, auch wieder am stärksten belastet

waren. Auch zwischen den katholischen und evangelischen Gegenden

zeigten sich Unterschiede. Im ganzen wurde in den evangelischen

Gegenden kräftiger gegen den Bettel vorgeschritten als in den

katholischen, wo das Almosengeben als solches in Gefahr stand, als

gutes Werk angesehen zu werden, ohne Rücksicht darauf, ob der

Almosenempfänger selbst wirklich unterstützt oder nicht vielmehr

durch das Almosen entehrt und auf dem erniedrigenden Wege des

Betteln bestärkt würde.

Es ergab sich also von einem Jahre zum andern in zunehmendem Maße

eine ungleiche Verteilung der Lasten, die im Interesse der

Wanderarmen von Gemeinde, Kreis und Bewohnern des Landes zu tragen

waren. Wohl bestand ein Paragraph, der grundsätzlich die Verteilung

der Lasten regelte. Es war der Paragraph 28 des Reichsgesetzes über

den Unterstützungswohnsitz, dahin lautend, daß jeder Mittellose, an

welchem Ort er auch mittellos würde, von der Gemeinde, in der die

Hilfsbedürftigkeit eintrat, vorläufig unterstützt werden müsse. Der

Paragraph 28 aber war in einer Zeit (1870) entstanden, wo es zu den

Ausnahmen gehörte, daß ein Mensch außerhalb seiner Gemeinde

unterstützungsbedürftig wurde.

Inzwischen hatten sich alle Verhältnisse geändert. Viele hatten ihr

kleines Dorf verlassen, um in den Städten und Industriegegenden

Arbeit zu suchen. Ebbte der Arbeitsmarkt ab, so wurden aber gerade

die zuletzt Zugewanderten auch zuerst wieder aus der Arbeit

entlassen. Nach kurzer Zeit waren die Ersparnisse verzehrt.

Mittellos standen sie da. Der Paragraph berechtigte sie, sich als

unterstützungsbedürftig zu melden. Aber keiner Polizeibehörde fiel

es ein, den Paragraphen anzuwenden. Es war ja auch ein Ding der

Unmöglichkeit für sie, die Unterstützungsbedürftigen so lange zu

verpflegen, bis die Heimatbehörde die Unterstützung bewilligt haben

würde. Wieviel Schreiberei, wieviel Zeit wäre dazu nötig gewesen!

Aber auch die Heimatbehörde lehnte die Anwendung des Paragraphen 28,

wenn irgend möglich, ab. Was hätte auch aus irgend einer kleinen

Gemeinde auf dem Westerwald werden sollen, wenn sie jedes ihrer

Gemeindeglieder, das in der Ferne und im Dienst einer fremden

Industrie unterstützungsbedürftig geworden war, hätte versorgen

sollen? Sie hätte sich einfach daran arm gegeben.

An diesem Paragraphen 28 setzte nun Vaters Arbeit nachdrücklich ein.

Ihn galt es sinngemäß zu ergänzen und die Last, die er der einzelnen

Gemeinde zuschob, auf die breiteren Schultern des Reichs oder der

einzelnen Landes- und Provinzialregierungen abzuwälzen. Es durfte

nicht dem guten Willen der einzelnen Gemeinde und ihrer

verantwortlichen Organe, auch nicht den einzelnen Kreisen überlassen

bleiben, ob und wie sie für die einzelnen Wanderarmen sorgen

wollten, sondern es mußte ein festes Verpflegungsstationsnetz

geschaffen werden und zwar durch gesetzliche Regelungen, die ganze

Gebiete umfaßten.

Auserlesene Kräfte aus allen Ständen und Teilen des Vaterlandes

stellten sich Vater zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe zur

Verfügung. Keiner von ihnen, auch Vater nicht, ahnte, was es kosten

würde, im Dienste der untersten Klasse, im Interesse des fünften

Standes, der aus seinen Reihen keine Wortführer stellte, sondern

stumm und vielfach stumpf seine Straße zog, die gesetzgebenden

Körper zu einer barmherzigen Tat zusammenzuschließen.

Vor allem war es der Graf Botho zu Eulenburg, der frühere preußische

Minister des Innern, der seine ganzen Kenntnisse und Erfahrungen in

den Dienst der Sache stellte und einen Gesetzentwurf ausarbeitete,

der zum Ziele zu führen schien. Vater hingegen übernahm es, die

einzelnen maßgebenden Persönlichkeiten für den Entwurf zu gewinnen.

Aber die Sache fand noch keine Mehrheit, und der Entwurf wurde vom

Abgeordnetenhause abgelehnt. Das war schon im Jahre 1895.

Eine Zeitlang wandte sich Vater dem Reichstage zu, dann, als es gelungen

war, in Westfalen eine vorbildliche Wanderarbeitsstättenordnung

durchzuführen, aufs neue dem preußischen Abgeordnetenhause.

Es ist unmöglich, die Last von Enttäuschungen, Demütigungen,

Mühsalen, schlaflosen Nächten, immer erneuten schriftlichen und

mündlichen Bitten auszudenken, die Vater im Dienste seiner Brüder

von der Landstraße auf sich nahm. Unaufhörlich standen ihm diese

armen Menschen vor der Seele, die mittellos auf die Landstraße

geworfen, zum Betteln gezwungen, von der Polizei wegen Bettelns

aufgegriffen, in elendem Polizeigewahrsam untergebracht, von den

Richtern verurteilt und nun im Gefängnis in den Sumpf der

gewohnheitsmäßigen Bummler und Verbrecher hinuntergestoßen wurden.

„Ihr führt ins Leben uns hinein,

Ihr laßt den Armen schuldig werden,

Dann überlaßt ihr ihn der Pein;

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”

Oft hatte Vater im Gedanken an die Gleichgültigkeit und

Herzlosigkeit der gesetzgebenden Körper mit tiefster Erbitterung zu

kämpfen. Als wir eines Abends in jener Zeit, wo er selbst noch nicht

Abgeordneter war, am Abgeordnetenhaus vorbeikamen, sagte er mit

unterdrückter Stimme: „Ich möchte mir am liebsten jetzt einen Stein

suchen und den Herren im Abgeordnetenhause die Fenster einschmeißen.

Dann hätten sie doch die Genugtuung, einmal einen Schuldigen ins

Gefängnis zu stecken, statt daß sie jetzt immer wieder arme

schuldlose Leute abführen lassen.”

Nach einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit Miquel, der als

Finanzminister natürlich ein entscheidendes Wort zu sprechen hatte,

bekam er unterwegs in der Droschke vor innerer Erregung eine

Blutung, die ihn dem Tode nahe brachte.

Doch keine Niederlage, keine Abweisung, keine Gleichgültigkeit

stumpfte ihn ab. Solange er für das Ganze keine Regelung erreichen

konnte, setzte er doch, wo er nur konnte, die Lösung der Frage im

einzelnen durch. Zunächst wurde, wie gesagt, in Westfalen ein

großmaschiges Netz, das den dringendsten Bedürfnissen genügte,

geschaffen. Für diejenigen Wanderarmen, die sich ohne geordnete

Papiere obdachlos meldeten, wurden besondere Steinklopfbuden

errichtet, in denen sie die Steine für die Chausseebauten zurüsteten

und sich so Kost, Schlafgeld und Wanderschein erwarben. Mit dem

kurzen Stahlhammer in den Händen, stand Vater unter den

Steinklopfenden, um selbst auszuprobieren, ob auch eine ungeübte

Hand die Arbeit leisten könne.

Den Schein über die geleistete Arbeit ließ er in seiner eigenen

Schreibstube ausstellen, um so jede Gelegenheit zu benutzen, mit den

Brüdern von der Landstraße in persönliche Berührung zu kommen und

ihre Verhältnisse genau kennen zu lernen.

Seine Wahl in den Landtag im Jahre 1903 bedeutete dann einen

wesentlichen Fortschritt in der Sache. Jetzt hatte er regelmäßig

Gelegenheit, die Angelegenheit zu betreiben und sie nach allen Seiten

hin sicher zu fundamentieren. Kurz vor seinem Tode war der Sieg

erfochten. Sein Freund Pappenheim, der Führer der Konservativen,

telegraphierte: „Gesetzentwurf angenommen.” Damit war das

Wanderarbeitsstättengesetz für Preußen geschaffen, das jeder Provinz,

die von sich aus die Regelung der Wanderarmen in die Hand nahm, eine

Unterstützung aus dem preußischen Dotationsfonds zusicherte und so jeder

Provinzialregierung, die guten Willens war, die Möglichkeit gab, nach

dem Vorbilde von Westfalen und Württemberg eine feste Wanderordnung zu

schaffen und dem willkürlichen Bettel das Handwerk zu legen. Zwischen

den kürzeren Strecken wurden die alten Wanderstraßen festgehalten. Bei

größeren Entfernungen aber sollten die Arbeitslosen durch die Bahn von

einer Wanderarbeitsstätte und dem damit verbundenen Arbeitsnachweis zur

andern befördert werden. Sie konnten sich dann an jedem neuen

Arbeitsplatze nach Arbeit umsehen oder von einer Wanderarbeitsstätte zur

andern sei es die Hauptzentren der Arbeitsgelegenheit, sei es die in

Betracht kommende Arbeiterkolonie zu erreichen suchen.

Man sagt von den Westfalen, daß sie die dicksten Schädel der Welt

hätten und unter allen deutschen Stämmen die Trotzigsten wären. Ein

zäher Trotz hatte dazu gehört, um durch Jahrzehnte hindurch in

diesem Kampf nicht zu ermüden. Aber Trotz allein hätte es nicht

ausgerichtet. Es kam das zerbrochene Herz dazu, das sich jede

Demütigung gefallen ließ und das mit magnetischer Gewalt die

göttlichen Kräfte der Liebe an sich zog. Ein harter Schädel und ein

zerbrochenes Herz und selbstlose Liebe, die drei im Bunde tun noch

heute Wunder.

Hoffnungstal.

Es war an einem Winterabend im Jahre 1905. Vater hatte für diesen

Abend mit dem Berliner Stadtrat Münsterberg, der ihm seit vielen

Jahren durch gemeinsame Arbeit nahe stand, einen Besuch in dem

städtischen Asyl für Obdachlose verabredet. Da er leidend war, war

ich ihm nachgereist, um ein wenig für ihn zu sorgen. So kam es, daß

ich das Nachfolgende miterlebte.

Es war eine lange Fahrt aus dem Südwesten der Stadt durch das

Zentrum hindurch in den fernen Norden. Je weiter wir kamen, desto

spärlicher fiel das Licht der Laternen auf die Schilder der Straßen,

durch die wir fuhren. Endlich tauchte das Schild auf, das den Namen

„Fröbelstraße” trug. Damit waren wir dicht vor dem Ende unserer

Fahrt angelangt. Die Gestalten, die wir überholten, hatten alle das

gleiche Ziel wie wir. Mit unsicheren Schritten, wie sie der Alkohol

seinen Opfern gibt, schlichen die meisten von ihnen durch den

Winternebel die düstere Straße entlang. Jetzt hielt unser Wagen vor

dem stattlichen Gebäude, durch dessen Tür vor uns und hinter uns die

Gestalten des Elends schwankten. Als wir in den Aufnahmeraum traten,

stand gerade ein Haufen von siebzig bis achtzig jungen und alten

Männern bereit, um in einen der großen Schlafsäle, deren das Asyl

etwa vierzig bis fünfzig enthält, geführt zu werden. Es waren noch

manche frische Gesichter darunter, doch die meisten zeigten die

Spuren der äußeren Not und des inneren Elends. Der ganze Raum war

erfüllt von dem Dunst des Alkohols, der den Tag über in Pfennigen

und Groschen an den Türen der Berliner Bürger zusammengebettelt war.

Wie ein Krieger, der in eine Schar von Feinden eine Bresche schlagen

will, so sprang Vater zwischen den Haufen und rief: „Wer von euch

will Arbeit haben? Ich habe Arbeit: Hand in die Höhe!” -- Alle

blieben stumm, und keine Hand rührte sich. Es war, als wenn alle von

dem ungewohnten Ruf überrascht wären und sich erst eine Weile

sammeln müßten. Jetzt rief Vater zum zweitenmal: „Hand in die Höhe!

Wer von euch will Arbeit haben?” Da reckte sich schüchtern die erste

Hand empor, dann die zweite, die dritte, bis fünf oder sechs Hände

in der Luft schwankten. „Sehen Sie, Herr Stadtrat, sehen Sie diese

Hände! Es heißt immer, im Asyl für Obdachlose will keiner mehr

Arbeit haben. Hier sind aber noch Leute, die arbeiten wollen, und

wir müssen ihnen Arbeit geben.”

Dann ließ sich Vater mit den einzelnen ins Gespräch ein, fragte nach

Heimat, Stand und Alter und setzte der ganzen Schar, die anfing,

immer aufmerksamer zuzuhören, auseinander, daß er daran gehen wolle,

für alle, die wirklich noch einmal in die Arbeit und damit in ein

neues Leben zurück wollten, draußen vor den Toren der Stadt

Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Dann sagte er, zu der ganzen Schar

gewandt: „Ich brauche aber dazu auch Geld! Wer von euch kann mir

Geld borgen?” Wiederum blieb alles stumm. „Wer von euch kann mir

Geld borgen?” Aber keine Hand ging in die Höhe. Nun fragte Vater den

Nächststehenden: „Können Sie mir kein Geld borgen?” Der Mann

schüttelte mit dem Kopfe. „Wie alt sind Sie?” -- „Achtzehn Jahre.”

Da schlug ihm Vater mit seinen flachen Händen auf die beiden

Schultern, daß es durch den ganzen Mann schütterte: „Dann könntest

du mir 500 Mark borgen! Wo hast du sie gelassen?” -- Keine Antwort,

aber auch kein Widersetzen. Der junge Mensch spürte nicht nur die

Glut des Zorns, sondern auch die Glut des Erbarmens, die hinter

dieser Frage und hinter diesen Schlägen loderte.

Immer aufmerksamer und immer nüchterner hörte die ganze Schar zu,

während Vater die Reihen entlang fragte. Jetzt kam er an einen

alten Mann mit triefenden Augen und zerrissenen Kleidern. Es

stellte sich heraus, daß er früher Kutscher beim alten Kaiser

Wilhelm gewesen war. Vater fragte ihn: „Nun sagen Sie mal, wie ist

es denn so weit mit Ihnen gekommen?” Da stieß der Alte bitter

zwischen den Zähnen hervor: „Ich hab's gewollt.” Vater faßte ihn

mit seiner zarten Hand, drehte ihn der ganzen Gesellschaft zu und

sagte: „Guckt ihn euch einmal an, unseren armen alten Freund!

Wollt ihr auch einmal so aussehen?” Schon fingen die Wärter an,

den Haufen leise vorwärts zu drängen, da der Aufnahmeraum neuen

Scharen Platz machen mußte. Aus der hintersten Reihe aber kam eine

zitternde Hand, die sich über die Köpfe hinweg auf den Vater

zustreckte. Vater sah sie und griff nach ihr. „Was wollten Sie

denn, mein alter lieber Bruder?” „Ach,” sagte der Mann, „ich

wollte Ihnen bloß mal die Hand geben und Ihnen danken für die

guten Worte.” -- Nun schoben die Wärter immer dringender, aber nur

langsam und zögernd bewegte sich der Haufe vorwärts. Alle hatten

den Blick rückwärts auf Vater geheftet, als wollten sie ihm, wenn

auch stumm, noch einmal danken für die guten Worte.

Dann ging Vater durch die einzelnen eng gefüllten Säle. Der

energische, freundliche Direktor des Asyls begleitete uns. Hie und

da hatten sich schon die Obdachlosen auf ihre Pritsche ausgestreckt,

von denen eine eng neben die andere gerückt war. Aber jetzt

rappelten sich die meisten wieder in die Höhe und standen jeder

stramm vor seiner Lagerstatt. Wenn Vater oben in einer Reihe anfing,

jedem die Hand zu geben und einige Fragen an ihn zu richten, sah die

ganze lange Linie ihm entgegen. Unwillkürlich lenkte er aller Augen

zu sich hin. Und wenn er weitergegangen war, sahen ihm dieselben

Augen nach, bis er verschwand. Es war wie eine Heerschau, die ein

General über seine Armee abhielt -- eine Armee von Bettlern.

Draußen auf dem Flur kosteten wir die Mehlsuppe, die aus großen

Gefäßen in das blecherne Geschirr geschöpft wurde, das jeder in

seiner Hand hielt. Auch in die Badestube mit ihren sauberen

Duschapparaten gingen wir und auch in die Kammer, wo die mit

Ungeziefer behafteten Kleider gereinigt wurden. Schließlich kamen

wir in einen der Säle, die für die obdachlosen Frauen und Mädchen

bestimmt waren. Aber während Vater in den Sälen der Männer lange

verweilt hatte -- in diesem Frauensaale sagte er nichts. Stumm ging

er an einem Ende hinein und am andern wieder hinaus. Das Bild war

für ihn zu schrecklich. Denn fast alle Insassen dieses Saales waren

betrunken. So abschreckend der Anblick betrunkener Männer ist -- der

Anblick dieser durch Trunkenheit und alle Art von Lastern

entstellten Frauenangesichte hatte etwas Bestialisches, ja

Diabolisches an sich. Darum konnte und mochte Vater nichts sagen.

Dieser Abend im Asyl für Obdachlose aber war der Gründungstag von

Hoffnungstal. Von jetzt ab ließ es Vater keine Ruhe mehr. Er

bereiste in kurzer Zeit mit unermüdlichem Eifer die ganze Gegend um

Berlin. Überall forschte er nach geeignetem Gelände, um für die

Obdachlosen Berlins eine Zufluchtsstätte zu schaffen, wo sie nicht

nur Obdach und Brot, sondern vor allem Arbeit fänden. Schließlich

bot sich ihm im Norden der Stadt an den Grenzen der Berliner

Rieselfelder ein geeigneter Platz. Dort besaß die Berliner

Stadtverwaltung ein kleines Gut mit angrenzenden weiten

Kiefernwaldungen, die sich auch durch die schwachen Kräfte der

Berliner Obdachlosen mit Hilfe des leicht zu beschaffenden Düngers

der Berliner Pferde- und Kuhställe in Obstanlagen verwandeln ließen.

Während nun Vater den Berliner Magistrat auf der einen Seite sehr

scharf angriff, daß er in seinem Asyl Müßiggänger, ja schließlich

Verbrecher schlimmster Art großziehe, indem den Obdachlosen wohl

Almosen in Gestalt von Quartier und Mahlzeiten, aber keine Arbeit

angeboten würde, hatte er gleichzeitig den Mut, denselben Magistrat

zu bitten, ihm bei der Anlage der neuen Kolonie behilflich zu sein

und ihm das Gut auf achtzehn Jahre zu verpachten. Wirklich ging der

Magistrat auf Vaters Wünsche ein. Und bald erklang Vaters fröhliche

Bitte: „Wer hilft uns mit zum Bau von Hoffnungstal?” Während er aber

diese Bitte hinaussandte und seine Kollektanten in ganz Berlin

treppauf, treppab zogen, kehrte Vater zu immer erneuten nächtlichen

Besuchen in das städtische Asyl zurück, um mit dem Direktor und den

Beamten des Asyls seine Pläne bis ins einzelne zu überlegen. Bei

einem solchen Besuche war es, daß einer der ältesten und

erfahrensten Aufseher zu ihm sagte: „Herr Pastor, Ihre Arbeit ist

vergeblich. Wenn die jungen unverdorbenen Leute, die in unser Asyl

kommen, nur ein paar Tage neben den ausgelernten Taugenichtsen

liegen, so ist fast kein Unterschied mehr zwischen den beiden. Sie

müssen sie trennen, damit die Ansteckung nicht so leicht möglich

ist.”

Das Wort schlug tief bei Vater ein. Es war ja immer seine Art

gewesen, auf guten Ratschlag anderer zu horchen, wie er sich

überhaupt nie etwas auf eigene Gedanken zugute tat, sondern bis an

sein Ende an der Überzeugung festhielt, daß er nie, so viel die

Leute ihn auch rühmten, eigene neue Wege eingeschlagen hätte,

sondern immer nur in die Fußtapfen anderer getreten sei, die ihm mit

Rat und Tat vorangingen. So griff er denn auch den Rat des alten

treuen Aufsehers im Asyl für Obdachlose auf. Hinfort war es sein

Feldgeschrei, das er immer aufs neue laut erhob: „Kein

Massenquartier mehr, sondern Einzelquartier!” „Keine Anhäufung dicht

gelagerter Menschen, sondern Einzelstübchen!” Und bald war die erste

„Heimstätte” in Hoffnungstal fertig. Sie barg keine übereinander

gebauten Betten, wie in den Herbergen, in den Arbeiterkolonien und

vielfach auch in den Kasernen, sondern für jeden müden heimatlosen

Gast der Straße einen stillen kleinen Raum, von drei Wänden

umschlossen, mit einem Bett und einem verschließbaren Schrankstuhl

möbliert, nach oben in den freien Luftraum geöffnet und nach der

vorderen Seite zu durch einen dichten Vorhang verschlossen.

Kaum aber war die erste Heimstätte fertig, so eilte Vater zu seinen

Freunden in das Asyl. „Wer will nun kommen? Die Arbeit wartet auf euch

und euer Stübchen auch.” Da reckten sich wieder die Hände empor; nicht

schüchtern mehr, wie an jenem ersten Abend, sondern nun mit heißem

Verlangen: „Herr Prediger! Ick, ick! nehmen Se mir mit, nehmen Se mir

ooch mit!” Es waren die Stimmen und Hände Versinkender, die im Begriff

waren, in dem Sumpf des großen Berliner Morastes unterzugehen, und die

sich nun dem Retter entgegenstreckten.

Darum konnte Vater sich auch an der einen Heimstatt nicht genügen

lassen, sondern bald kam die zweite und dritte hinzu, und die

vierte, fünfte und sechste folgte, alle mit fünfzig bis achtzig

Einzelstübchen eingerichtet.

Zur Einweihung der jungen Kolonie aber kam die Kaiserin mit ihrem

zweiten Sohne, dem Prinzen Eitel Friedrich, der das Protektorat

übernommen hatte. Tief bezeichnend für den Sinn, mit dem die sonst

so schlichte kaiserliche Frau und ihr Sohn die Geringsten des

Volkes ehrten, war die kaiserliche Pracht, die sie bei dieser

Gelegenheit entfalteten. Sie kamen im Viererzuge mit Spitzenreitern

-- Reiter und Kutscher im friderizianischen Kostüm mit Dreimastern

und langen weißen Zöpfen. Ihren Platz hatte sie sich inmitten der

Kolonisten erbeten. Die saßen denn auch während der Feier in dichtem

Kranz um sie her und dahinter erst der große Kreis der Festgäste.

Am Abend vorher hatte Vater die Probe abgenommen über das Lied, das

die Kolonisten während der Feier singen sollten. Er taktierte selbst

mit seinem Krückstock, und nie habe ich ein Konzert gehört, das mir

mehr zu Herzen gegangen wäre als der Gesang dieser von Schnaps und

Elend abgenutzten Kehlen: „Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will

ihn loben bis in Tod.” Die Einweihungsrede hatte Vater vorher

aufgeschrieben, auswendig gelernt und sie seiner Schwiegertochter

aufgesagt. Aber als er dann vor der Versammlung stand, konnte er

doch nicht anders sprechen, als es ihm im Augenblick ums Herz war.

Wie viele fröhliche Gesichter hat Vater fortan in Hoffnungstal

gesehen! Wer ihn einmal ein paar Stunden durch seine geliebten

Einzelstübchen mit ihren Bewohnern begleiten konnte, der erlebte

einen Anblick, wie er durch keine Pracht und keine Schaustellung der

großen Weltstadt, deren Dunst im Süden von Hoffnungstal über dem

Horizont lagerte, ersetzt werden konnte. Wie mancher von diesen

gehetzten Leuten hatte hier zum erstenmal in seinem Leben eine

Stätte des Friedens gefunden, wo Leib und Seele ausruhen konnten, um

sich zu stärken für einen neuen und sieghaften Kampf. Mancher von

ihnen hatte nie eine Wand über seinem Haupt gehabt, an der er das

Bild seiner Mutter oder seiner Kinder aufhängen konnte. Jetzt

endlich hatte er seine bescheidenen, wenn auch nicht vier, so doch

drei Wände um sich und konnte sie sich mit den Erinnerungen an seine

Lieben schmücken. Und wie ruhte es sich des Abends in dieser

Einsamkeit! Da konnten sich unbemerkt und unverspottet die Hände

einmal wieder falten wie einst in der Kinderzeit. Und manch einer

konnte hier seine Mannesehre und seinen Mannesmut wiederfinden,

indem er sich in der Stille seines Kämmerchens beugte vor dem

lebendigen Gott und dem Heiland der Sünder. Aus solcher Stille aber

ging es doppelt fröhlich hinaus an die gesunde Arbeit im wilden

Wald oder bei den fröhlich heranwachsenden Obstbäumchen. Darum

konnte es nicht anders sein, als daß Vaters Gestalt, wo sie sich

auch nur blicken ließ, verfolgt wurde mit vielen dankbaren Blicken

und manchem dankbaren Wort.

Bald stellten sich auch die Besucher ein, geringe und vornehme, von

nah und fern. Sie wollten die Stübchen sehen, die sie für

Hoffnungstal und Lobetal, Gnadental und Neu-Gnadental gestiftet oder

auf manchem mühsamen Wege zusammenkollektiert hatten. Sie freuten

sich der dankbaren Pietät, mit der jedes Stübchen und jedes Bäumchen

den Namen seines Gebers oder seines Sammlers trug, und freuten sich

vor allem seiner glücklichen Bewohner. Unter den zahlreichen

Besuchern der Kolonie, die immer wieder aus Berlin kamen, war auch

eine jüdische Frau gewesen. Vater begleitete sie durch die ganze

Kolonie. Als sie alles gesehen hatte, blieb sie stehen und sagte:

„Herr Pastor, warum tun Sie das nur für die Männer von Berlin? Haben

es die Frauen und Mädchen nicht noch viel nötiger?”

Wie das Wort des alten Aufsehers im Asyl, so schlug auch dies Wort

der menschenfreundlichen Jüdin bei Vater ein. Es war ihm, als wenn

er an eine große, lang vergessene Schuld erinnert würde. Der Saal

mit den betrunkenen Frauen und Mädchen, den er bei seinem ersten

Besuch im Asyl für Obdachlose gesehen hatte, trat vor seine Seele,

und es beunruhigte ihn tief, daß er über der Not der Männer seine

Augen für die Not der Frauen verschlossen hatte. Nun hieß es: „Wir

brauchen auch Heimstätten und Einzelstübchen für die sinkende

Frauenwelt der großen Stadt.” Und so erhob Vater noch einmal, kurz

ehe ihn das erste Mal der Schlaganfall traf, seine Stimme zur

Aufrichtung eines weiblichen Hoffnungstals. Bald hatte er auch

diesmal wieder den geeigneten Platz gefunden, und wenn seine Kraft

auch nicht mehr ausreichte, persönlich die Stelle zu besuchen, so

freute er sich um so mehr an den Nachrichten über das fröhliche

Aufblühen des neuen Zufluchtsorts, der unter einem von Liz. Bohn

geleiteten Komitee im Osten Berlins bei Erkner auf ähnlichem Gelände

wie Hoffnungstal den abgehetzten und abgehärmten Frauen und Mädchen

seine Einzelstübchen anbot.

Dann aber setzte der Schlaganfall Vaters Arbeit ein Ende. Er war

mehrere Wochen nahezu stumm. Es schien, als sollte es still dem Ende

zugehen. Statt dessen aber ließ Gottes Freundlichkeit das glühende

Herz noch einmal wieder aufflammen, um fast für ein ganzes Jahr die

Herrschaft über den zerbrochenen Leib wiederzugewinnen. Sein ganzes

Arbeitsfeld konnte er noch einmal überblicken, um, wo es not tat,

für die alten Geleise neue Ziele zu weisen. So trat ihm auch für

seine geliebten Einzelstübchen noch ein großes neues Ziel vor die

Seele. Es war ihm nicht genug, darauf zu dringen, daß alle deutschen

Herbergen und Arbeiterkolonien mit dem System der Massenquartiere

brechen müßten, auch nicht nur für alle Diakonissen- und

Diakonenhäuser wünschte er die gleiche Wohltat, vielmehr trat es ihm

mehr und mehr wie eine große gemeinsame Pflicht des Vaterlandes vor

die Seele, daß jedem deutschen Manne, der im Dienste des Vaterlandes

für zwei Jahre auf seine Freiheit und Heimat verzichtete, als Ersatz

dafür in seiner Kaserne solch eine heimatliche Stätte hergerichtet

würde, deren unermeßlichen Wert Vater auf so mannigfache Weise

erfahren hatte.

Mit Offizieren und Soldaten saß er manchen Nachmittag zusammen und

überlegte hin und her, bis es ihm schließlich völlig gewiß wurde:

„Es geht, es geht.” Er lud den Kronprinzen ein, einmal Hoffnungstal

zu besuchen, und schrieb an den Kriegsminister folgenden Brief:

„Euer Exzellenz

wollen einem ehemaligen Kaiser-Franzer und späteren Feldprediger von

1866 und 1870 erlauben, sein Herz auszuschütten. Er bittet desto

kühnlicher darum, als er vielleicht bald zur oberen Armee

weiterziehen muß und es ihm keine Ruhe mehr läßt, vorher noch das

Folgende vorgetragen zu haben.

Es ist jetzt dreißig Jahre her, daß ich zum erstenmal einem

deutschen Ingenieur den Plan eines lenkbaren Flugschiffes

auseinandersetzte, ohne daß ich damit durchdrang. Seitdem habe ich

denselben Plan alle die vielen Jahre hindurch vielen Ingenieuren und

Offizieren dargelegt, habe mir viel Kopfschütteln als über einen

unausführbaren Plan gefallen lassen müssen, habe aber, wenn auch

durch wichtigere Aufgaben an praktischer Mitarbeit gehindert, doch

schließlich die Eroberung der Lüfte erlebt.

In folgendem handelt es sich aber um ein ungleich wichtigeres,

höheres Ziel als bloß um die Eroberung der Luft. Darum wird es erst

recht das Kopfschütteln vieler hervorrufen, ist eben darum aber auch

des Schweißes der Edelsten wert. Worum es sich handelt, ist die

Rückeroberung der Armee aus der ansteckenden Luft der Kasernenstuben

und die Schaffung einer gesunden Atmosphäre für jeden deutschen

Soldaten in einem Einzelquartier.

Ich weiß es aus meiner eigenen Militärzeit und habe es seitdem in

einem fast achtzigjährigen Leben ungezählte Male bezeugt gefunden,

welche Gefahren das Zusammenleben in den gemeinsamen Quartieren für

die Soldaten mit sich bringt. Ein einziger unsauberer Bursche

verdirbt oft eine ganze Stube. Und je größer die Stuben sind, desto

größer die Gefahr. Es ist nicht in jeder Garnison und in jeder

Kaserne gleich. Es gibt auch Stuben, aus denen keine Klagen kommen.

Aber im allgemeinen sind die Verhältnisse so, daß nicht dringend

genug auf eine Abhilfe gesonnen werden kann. Die Abhilfe aber würde

eben darin bestehen, daß jedem Soldaten statt des gemeinsamen

Quartiers ein Einzelquartier geboten wird. So nötig die gemeinsame

Erziehung der Soldaten ist, so nötig ist als Ergänzung dazu ein

bestimmtes Maß von Einsamkeit für jeden einzelnen Mann, wo er sich

auf sich selbst besinnen kann. Es ist mir unzweifelhaft gewiß, daß

die innere Beschaffenheit unserer Armee um viele Prozente in die

Höhe schnellen würde, wenn es gelingt, den einzelnen Mann zu einem

höheren Maß von Selbstachtung zu erziehen, indem man ihm ein

Einzelquartier gewährt. Die mit solchen Einzelquartieren in der

Praxis bereits erzielten Erfolge sind so außerordentlich, daß ich

Ew. Exzellenz nicht dringend genug bitten kann, diesem Gegenstand

eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.

Ich weise dabei auf die unter dem Protektorat Seiner Königlichen Hoheit

des Prinzen Eitel Friedrich stehende, von Ihrer Majestät der Kaiserin

eingeweihte Kolonie Hoffnungstal bei Bernau in der Mark hin. Während

alle übrigen deutschen Arbeiterkolonien das Massenquartier eingerichtet

haben, ist die Kolonie Hoffnungstal die erste Kolonie, in der das

Einzelquartier zur strengen Durchführung gekommen ist. Der Unterschied

zwischen den Kolonien mit Massenquartieren und dieser Kolonie mit

Einzelquartieren ist überraschend groß. Während in den übrigen Kolonien

trotz eines gleichwertigen Aufsichtspersonals und trotz einer gleich

guten Verpflegung die Haltung und der Ton unter den Kolonisten immer

noch zu wünschen übrigläßt, ist beides in der Kolonie Hoffnungstal

geradezu mustergiltig zu nennen. Obgleich die Bewohner von Hoffnungstal

zum größten Teil aus den Berliner Asylen für Obdachlose stammen, die mit

ihren Massenquartieren geradezu als Hochschulen des Schmutzes und der

Zote angesehen werden müssen, ist in Hoffnungstal jede Zote

verschwunden. Kolonisten, die nach Hoffnungstal kommen, haben immer

wieder ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, wie es nur möglich sei,

unter einer so großen Zahl aus aller Welt zusammengeströmter Menschen

eine solche Atmosphäre des Anstandes und der Zucht zu erhalten. Das

Geheimnis sind unsere Einzelquartiere. Das Einzelquartier macht es,

besser als Worte es können, jedem einzelnen Mann klar, daß er nicht nur

als Herdenmensch in Betracht kommt, sondern daß er als Einzelperson vor

Gott und vor Menschen seinen besonderen Wert hat. So weckt das

Einzelquartier, das jeder Bewohner sich nach seinem eigenen Geschmack

ausschmücken kann, den Trieb zur Selbständigkeit, zur Selbstachtung und

Selbsterziehung.

Meine Bitte geht nun dahin, daß Ew. Exzellenz einige der

entschlossensten, um die Schlagfertigkeit unserer Armee wahrhaft

interessierten Offiziere nach Hoffnungstal entsenden möchten und

womöglich selbst einmal Hoffnungstal mit seinen 450 Einzelquartieren

besuchten, wie es auch der jetzige Herr Kultusminister und sein

Amtsvorgänger und auch der Minister der öffentlichen Arbeiten getan

haben. Dann würden sich Ew. Exzellenz davon überzeugen, daß der

Einwurf, das System sei viel zu teuer, nicht aufrecht gehalten

werden kann und daß auch der andere Gegengrund, das System des

Einzelquartieres gefährde die Übersichtlichkeit und die rasche

Orientierung des Wachthabenden, hinfällig wird. Von Offizieren

sowohl wie von Mannschaften ist mir gegenüber das Einzelquartier als

durchaus durchführbar und erstrebenswert gebilligt worden.

Schließlich möchte ich noch meiner Überzeugung Ausdruck geben, daß

durch die Einrichtung des Einzelquartiers mancher Dienstpflichtige,

der sich jetzt aus Scheu vor dem Leben in der Kaserne mühsam zum

Einjährigen durchquält, zu dem Entschluß kommen würde, auf die

Einjährigen-Dienstzeit zu verzichten und zwei Jahre zu dienen. Das

käme der Zusammensetzung der ganzen Truppe sehr wesentlich zugute.

Es würde sich zunächst darum handeln, in einigen Armeekorps,

vielleicht nur jedesmal mit einer Kompagnie, Versuche anzustellen.

Ich zweifle nicht daran, daß diese eine Kompagnie sich bald in so

hohem Maße vor den übrigen ihres Regiments an innerer Qualifikation

des einzelnen Mannes auszeichnen würde, daß damit der Siegeszug des

Systems der Einzelquartiere gesichert wäre.

Ew. Exzellenz würden einen hellen Lichtstrahl auf das letzte Stück

meines Pilgerlebens werfen, wenn Sie dieser meiner Bitte ein gnädiges

Ohr schenken und vielleicht schon bald einen Besuch in Hoffnungstal zur

Ausführung bringen könnten. Ob ich noch selbst in der Lage sein werde,

Ew. Exzellenz persönlich durch Hoffnungstal zu führen, steht dahin, da

mein Körper seit einem im Frühjahr erlittenen Schlaganfall unter immer

erneuten Erschütterungen zu leiden hat. Ich würde aber dann meinen Sohn,

der genau mit allen einschlägigen Fragen vertraut ist, an meiner Statt

entsenden. Noch bemerke ich, daß ich den gleichen Gedanken auch dem

Oberhofmarschall Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen unterbreitet

habe, damit auch die Aufmerksamkeit des Thronfolgers auf diesen

Gegenstand gelenkt wird und er womöglich ebenfalls zu einem Besuch in

Hoffnungstal Anlaß nimmt. Ich habe dabei Graf Bismarck-Bohlen darauf

aufmerksam gemacht, daß in der in unmittelbarster Verbindung mit der

hiesigen Anstalt geleiteten Kolonie Freistatt, Kr. Sulingen in Hannover,

neuerdings das System der Einzelquartiere nach den neuesten Modellen zur

Ausführung kommt und daß es nach Fertigstellung der Bauten in diesem

Frühjahr für Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen, der Protektor

unserer hiesigen Arbeiter-Kolonien ist, vielleicht noch wertvoller sein

würde, diese neuesten Einrichtungen zu besichtigen.

Gott aber schenke Ew. Exzellenz ein tapferes Herz und einige

entschlossene Mitarbeiter, damit diese große Sache zu einem

fröhlichen Sieg kommt. Das wäre allerdings ein Sieg, der, mitten im

Frieden erfochten, vor Gott höher gilt und für unser ganzes

Vaterland bedeutsamer ist als irgend ein Sieg, der in einem

irdischen Krieg erfochten werden kann.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 15 / 18 题