Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an
andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie
der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, daß wir die Reise und
die Arbeit Baumhöfners persönlich miterlebten. Im Anschluß an solch eine
Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der
Missionsbüchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in
unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die
Bitte Baumhöfners die ersten Posaunen für seine kleine Gemeinde
hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, daß er in Georgenholz dem
Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod
als einen großen persönlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission
blieb aber und wurde namentlich durch die südafrikanischen Reisen des
Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.
Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknüpfungen,
nicht nur durch die persönlichen Beziehungen zu deren Inspektor
Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamer Studienzeit in
Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, daß
die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes
treuste Freunde hatte und Vater öfter zu den Missionsfesten
eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit
berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebürtig, hatte sich in
Sumatra der Aussätzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen
gestoßen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam
erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohltätigen Quellen den
Aussätzigen eine Heimat zu errichten. Das war natürlich eine Sache
nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte,
sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und
dafür die Herzen erwärmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den
Familienabenden und wöchentlichen Missionsstunden und entfachte
damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Fürsorge für die
Aussätzigen, sodaß die Heimat der Aussätzigen auf Sumatra der feste
Stützpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den übrigen
Aufgaben der Barmer Mission lagerte.
Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der
Barmer Mission in Südafrika, Missionar Lückhoff, der jene 2000 Mark
für die Glockentürme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde
gesammelt hatte, nun nicht müde wurde, eine Sendung nach der andern
abgehen zu lassen mit südafrikanischen Fellen, Früchten,
Straußeneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem
kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick
in die Völkerwelt hinauszulenken.
So war der Boden längst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet
sich neue größere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt
einstellten.
1884 waren die ersten deutschen Stützpunkte in Ostafrika auf der
Insel Zanzibar sowie im Küstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser
wies sofort darauf hin, daß eine politische Besitzergreifung des
Landes nicht genüge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr
auf dem Fuße folgen müsse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der
Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der
Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee
für die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der
alte, in langjähriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar
Greiner und ein junger von der Berliner Mission übernommener
Missionar Krämer hatten die Arbeit drüben begonnen.
Aber woher weitere Kräfte nehmen? Sowohl für den Pflegedienst an den
Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas
in ganz besonderem Maße solcher Hilfe bedurften, als auch für einen
kräftigen Vorstoß in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub.
Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und
Vereinen der Äußeren und Inneren Mission die nötigen Kräfte zur
gründlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren
mißlungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten
sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her,
für die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der
Reinickendorfer Straße geschaffen hatte. „Es gibt keine Pfütze in
Berlin, in die er nicht springt,” sagte Vater einmal, um damit die
große Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen
Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu
kennzeichnen.
Diestelkamp saß in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater
ihm gegenüber. Wer wollte es Vater verdenken, daß er angesichts der
Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern
lagen, zögerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb
fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte
seine Bitte nur um so dringender. Schließlich erklärte er: „Ich
stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.”
Anhaltende Bitten aus glühendem Herzen machten auf Vater stets
tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.
Damit war es, als wenn ein Deich überstiegen und der Zionsgemeinde
nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen
geöffnet wäre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das
Rauschen der Völkerwelt gehört; jetzt sollten wir selbst mitten in
ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im
Schwestern- sowohl wie im Brüderhaus regten und zeigten sich überall
die Kräfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach
Afrika auf den Weg zu machen.
Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen
hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Manche der alten
Missionsgesellschaften erschraken. Führer der deutschen Mission
erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine
Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen
Missionskräfte. Vater blieb dem gegenüber nicht taub. Er suchte sich
durch eingehende Nachforschungen zu überzeugen, ob nicht doch irgend
eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war
zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er
seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft
ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Goßnerschen
Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen
Platz an der Sonne beanspruchte.
Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel
gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefährtin und seines
einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein
wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewöhnlichen
Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er
nach einiger Zeit sich entschloß, sein Schweigen zu brechen, zeigte
es sich, daß er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die
Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wäre, der
Führer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser
hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug für die Arbeit
unter den Negern. „Denn”, so sagte er gerade im Blick auf Afrika,
„die Untersten und Elendesten müssen die besten Pfleger haben.” Und
Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam,
wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte,
griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich
die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und
einem Bruder aus Nazareth unterstützt, alle wiederum von Missionar
Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte
Arbeit des äußeren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.
Inzwischen hatte auch Missionar Krämer in der nördlichen Hafenstadt
der Kolonie, Tanga, Fuß gefaßt, und nun entstand die Frage, in
welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater
hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann,
Baumann, Meyer teils persönlich Fühlung genommen, teils ihre
Reisewerke eingehend studiert.
Er hatte daraus die Überzeugung gewonnen, daß die Küstenbevölkerung
durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon
zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden für junge
heidenchristliche Gemeinden abgeben zu können. Lediglich die Pflege
der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit
nicht.
Ebenso lagen für ihn die Dinge im Hinterland der großen Hafenplätze.
Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflüsse
angekränkelt, als daß ein gesundes Aufblühen heidenchristlicher
Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wäre. Nur unter Widerstreben willigte
er darum in die Pläne des Missionsvorstandes, daß im Hinterlande von
Dar-es-Salam auf den Höhen von Usaramo ein Versuch gemacht würde, und
lenkte für seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von
Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen
hatten.
Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch
nicht berührten Bauernstamm von 80000 Menschen und ein gesundes
Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde,
gleichmäßige Arbeit unter dem Volke sicherte.
Gleichzeitig boten sich ihm auch die nötigen Kräfte: zwei Theologen,
Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung,
im Glauben gegründet, in der Liebe glühend und von zäher Gesundheit.
Im Frühjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.
Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen über das Meer
gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten
Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder
zurückgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den
Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der älteste Sohn des
Groß-Häuptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten
wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Höhen von Mlalo, die
Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung
ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz
Bethel geteilt, die erste Hütte, die ersten Sprachstudien, die
ersten Schüler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten
Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest,
das erste weiße Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der
schwarzen Christen usf.
Vaters Herz ging in Sprüngen. Das Volk, das Land, die unermeßliche
Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont,
die blauen Berge von Pare, die herüberwinkten, und das schneeige
Haupt des Kilimandscharo, der alles überragte, standen ihm so
lebendig vor Augen, wußte er so glühend, so nah, so gegenwärtig zu
schildern, daß Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder
in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er
denn eigentlich in Afrika gewesen wäre. So konnte es nicht anders
sein, als daß die Glut auf uns alle übersprang, auf Kranke und
Gesunde; und wenn Vater gefragt hätte, wer von uns hinüberziehen
wolle, dann hätte keiner zurückbleiben mögen, weil wir alle längst
drüben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika
nach der alten Weise klang:
Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut;
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.
Als darum die Zeltpflöcke auf den Bergen von Usambara weiter
gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub
baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der
Kandidaten: „Wer ist bereit zu ziehen?” Sie waren alle bereit.
„Keiner ist brauchbar für den Dienst in der Heimat, der nicht von
ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen”, das
war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun
zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers:
„Zeig's an, wen du erkoren, -- Greif' in die Schar hinein! -- Dir
sind wir zugeschworen, -- Dein sind wir, Amen! Dein!”
Natürlich waren bei manchen die häuslichen oder die gesundheitlichen
Hindernisse so groß, daß sie, oft mit schwerstem Herzen,
zurückstehen mußten. Aber so viele Kräfte von drüben verlangt
wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brüderhause
zur Stelle. Becker und Döring, Holst und Göttmann, Gleiß und
Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen.
Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine große Schar von Mitarbeitern
und Mitarbeiterinnen. Als fast den letzten in dieser Reihe fiel
dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem
Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die größte
aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen,
die durch Gesundheitsrücksichten in der Heimat festgehalten wurden,
gehörte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich später noch ein
Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der
aber doch die längste Zeit seines Afrika-Dienstes in der
entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der
er mit nie ermüdender Beweglichkeit und heiterer Zähigkeit bis heute
das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.
Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt
tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre
Stationen, die Brüder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken
Ärmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbüchsen hin. Die Kranken
schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der
Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden
und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Blätter, die
sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brüdern
von der Landstraße gebracht hatten, füllten sich nun mit den ersten
Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel
selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der
Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe
leidende Schönheit Afrikas vor Augen. „Schwarz bist du, doch bist du
lieblich, holdes, stilles Afrika.”
Als nun vollends an den stillen Abhängen von Mtai die ersten beiden
Aussätzigen entdeckt wurden, als Becker und Döring wieder und wieder
zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die große neue
Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen
Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die
Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: „Hört es, Leute, kein
Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute,
hört es!” -- da hallte die Stimme der Aussätzigen bis zu uns herüber
und stärkte die Leidenden, Ausgestoßenen und Sterbenden von Bethel
aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Aussätzigen drüben
so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte,
warf nächtlicherweile eine getragene Hose über den Zaun unseres
Gartens mit einem Zettel daran: „Für den aussätzigen Kiase.”[1]
[1] Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel
erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: „Abraham Kilua,
der schwarze Vikar von Neu-Bethel”.
Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht
alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die,
die es nicht miterlebt hatten, daß Vater sich auch diesmal nicht in
ein neues Arbeitsfeld hineingedrängt hatte, sondern sich vielmehr
vorwärtsgeschoben und über alle Hindernisse und Schwierigkeiten von
hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschüttelnd am
Wege, tadelten, hemmten und schütteten das Wasser der Kritik in
unsern Freudenwein.
Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der
Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10-12): „Schwert und Kelle
in Sachen der ostafrikanischen Mission”, eine kleine Schrift, die
aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. Überhaupt blieb der
Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Führer der deutschen
Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschränkt
und half mit dazu, daß die Aufgaben in den neuen Kolonien immer
gründlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden
und in Angriff genommen wurden, sodaß eine Missionsgesellschaft nach
der andern ihr Zögern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit
eintrat und, um rascher vorwärts zu kommen, in stärkerem Maße als
bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre
seminaristisch geschulten Missionare mischte.
So wurde es deutlich, daß die Befürchtung, die neue kleine
ostafrikanische Mission entzöge den bestehenden Missionsgebieten und
Missionsanstalten geistige und materielle Kräfte, nicht richtig war.
Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der
sich nicht beirren ließ, neue Ziele gesteckt, neue Kräfte geweckt
und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es
sich, daß ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher künstlichen
Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drängen der
Verhältnisse, niemals die natürliche Entwicklung der Dinge hemmt,
sondern fördert, während umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen
Wettkampf aufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskräfte
unterbindet.
Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der
organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu
überlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine
Geringschätzung der organisierten Kirche -- die Treue gegen alles
geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art
und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten
Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkämpfer stellte
--, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu
langgestreckt und schwerfällig für ein Unternehmen, das zu seiner
gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit
aller beteiligten Kräfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in
der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Kräfte
gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.
Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach außen hin zu
überwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich
zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand,
obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet
beschränkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in
Afrika gewesen. Jeder mußte sich sein Urteil aus den Erfahrungen und
Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor
eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den
Eindrücken, die er mitbrachte, nicht fügen. Sie waren ihm zu jung,
zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persönlichem
Leiden und persönlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.
Tief setzte sich seitdem bei Vater die Überzeugung fest, der er
immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles
daransetzen, nur solche Männer in die verantwortlichen Stellen in
der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in
Reih' und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt
hätten.
Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der
Küste oder Arbeit im Innern. An der Küste saß der Mohammedanismus, im
Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission
anfing, sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum
„Mohammedanermission und Heidenmission”, „Arbeit an der Küste und im
Innern”, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstände
bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich
weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem
Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars,
jetzigen Superintendenten, Simon über den Islam studiert. Aber für die
Küstenplätze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den
Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Küste nicht. Aber hier
sollten nur kleine Stützpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken
gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und
Handel aus dem Innern an die Küste gezogen waren, ein Halt gewährt
wurde.
Der Hauptstoß aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum
selbst geführt werden. Je schneller und kräftiger dieser Stoß
erfolge, desto besser. Nur so könne dem Vordringen des Islam Einhalt
geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Küste und Innerem sei
weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberührten
Volksstämme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenüber
dem Islam selbst.
Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die
notwendigen Kräfte für die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu
stellen. Forderte darum der Vorstand für die Arbeit an der Küste
oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der
Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlösung dieses
Wortes, dann gab es für Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir
oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. „Wieder soll ich jemand
nutzlos hinschlachten,” rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung
der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Kräfte für die
umstrittenen Gebiete begehrte.
Im Konvikt selbst, in der Brüderschaft und Schwesternschaft konnte
man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht
hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn
der Kampf ganz hoffnungslos schien. „Wehe euch,” konnte dann Vater
wohl sagen, „wenn ihr nicht bereit wäret, jeden Augenblick im
Fieberland zu sterben, -- aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles
daran setzte, daß euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!”
Mit unermüdlicher Treue reiste Vater, oft die Nächte zu Hilfe
nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine Überzeugung
zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fäulnis
des Mohammedanismus an der Küste, für die jedes Salz weggeworfen
wäre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberührten
Völkerschaften: Kommt herüber und helft uns!
Seitdem ist die Arbeit an der Küste 25 Jahre lang mit zäher Energie
fortgesetzt worden, oft so, daß man gerade die tüchtigsten Kräfte an
sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III,
sondern auch der großen Berliner Mission, die später die Arbeit in
Dar-es-Salam übernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat
die Mission unter der eigentlichen Küstenbevölkerung Fuß fassen
können. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte,
fast ausschließlich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich
vor den Toren der Stadt als ein kleines, beständig vom Islam
gefährdetes Häuflein behaupteten.
Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam
besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der
Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und Ältesten Martin ihre kleine
Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach
Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, daß auch
nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war;
sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstämmen, die von
Mohammedanern noch nicht berührt waren.
Was es aber umgekehrt heißt: sich nicht zersplittern, sondern mit
aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoßen, zeigen die guten
Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden
Truppe von männlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen
Kräften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so
tatsächlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In
den Bergländern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es
nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder
in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mußte das
kümmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen
des Islams an der Küste führte, dem Mohammedanismus den Mut stärken
für die mohammedanische Propaganda im Hinterlande. Um den Sieg
zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.
Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der
Überzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft
haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn
gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der
kleinen Gesellschaft in eine größere in die Wege zu leiten oder aber
sie ganz nach Bethel zu übernehmen! Er sah für beides die Wege nicht
gewiesen. „Berlin hat unsere Arbeit nötig,” konnte er wohl sagen.
Darum bemühte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur
Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er
dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine
kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station
bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin
begleitet. Er überzeugte sich, daß der Platz neben der Kirche noch
Raum genug bieten würde für ein bescheidenes Missionshaus. Hier
sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur
Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit
ihrem stillen Dienst in den Häusern die Arbeit in der Gemeinde
taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde über
die eigenen Nöte hinweg zu den großen Aufgaben an der Heidenwelt zu
richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber später
in Groß-Lichterfelde zur Ausführung, wo wirklich ein Missionshaus
gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fuß in
Berlin zu fassen, sodaß schließlich aus dem Vorstand selbst heraus
der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel
zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefügt. Er
empfand diesen schließlichen Ausgang als einen innersten Verlust für
die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang
der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.
Aber schließlich lag in dieser Entwicklung doch eine innere
Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor
Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der
Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die
Ausbildungsstätten der Arbeiter und Arbeiterinnen für das
Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre
geistige Heimat. Von hier führte Vater, namentlich solange die
Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden
Briefwechsel, der eine Fülle von väterlichen, seelsorgerlichen
Ratschlägen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet
der Arbeit umfaßte. Es wurde keine Station draußen angelegt ohne
Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so
wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf
Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.
Die Posttage für Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt
er pünktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretär,
sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschäftigt, um die
Übertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.
Doch war es nicht so, daß mit der Übersiedlung nach Bethel im Jahre
1906 alsbald eine neue Blütezeit angebrochen wäre, die an die erste
Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert hätte. Während für
Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die
Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander
überglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts
geworden war, die Blicke der Kandidaten bewußt auf das Feld der
heimischen Arbeit zurück in der Überzeugung, daß für den Dienst
unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf
gehöre.
So kam es, daß das Konvikt nicht mehr wie früher das starke
Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfügung
stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man müsse auf die
Hoffnung verzichten, Kräfte mit voller theologischer Ausbildung
immer in genügender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand,
ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die
Heranbildung seminaristisch geschulter Kräfte gedacht werden müßte.
Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nächsten
Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu
widersetzen. Er ließ sie ausreifen und wartete. Für seine Person
blieb er bei der Zuversicht: „Wir haben Theologen genug, wir müssen
sie nur rufen.” Als einmal der Leiter einer alten deutschen
Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm
die beständigen pekuniären Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater:
„Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, daß Gott uns nicht mehr
Geld gibt, als er uns Geist gibt.” Er lebte auch im Blick auf die
wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich für die Arbeit
unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in
Betracht kamen, der Überzeugung, daß gerade so viele sich einstellen
würden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.
Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und
ungewollt, im Jahre 1907 ein großes afrikanisches Arbeitsfeld sich
öffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das südliche
Missionsgebiet Usaramo an die große Berliner Missionsgesellschaft
abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam
ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die
sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschränkt bleiben sollten.
Nun aber war der Usambara-Missionar Röhl auf einer Instruktionsreise
durch Südafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz
unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Röhl auf die
starken Völkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberührt,
jene Gebiete bewohnten.
Jahr und Tag hatten diese Worte in Röhls Seele geschlummert, bis ihm
das Buch des Forschers Kandt in die Hände fiel, in dem dieser unter
dem Titel „Caput Nili” seine Forschungsreisen zur Entdeckung der
Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des
südafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der
Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen
Vorstoß in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu dürfen.
Mit größtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier
taten sich in der Tat neue große Ausblicke für die evangelische
Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach
Usambara hinüber: Vorwärts nach Ruanda!
Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfänge in diesem
wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt.
Bis über die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit
ausgedehnt werden.
Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und
des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zum Zeichen, daß diese
Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer
starken, eigenartigen Bevölkerung die lebendige Brücke bilden sollte
zwischen den Völkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskräfte
stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und
vor allem die, die überall mit mütterlichem Sinn im Kindheitszustand
des einzelnen Menschen wie der Völker die tiefsten Wirkungen
ausüben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.
Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf
dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person
Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der
Usambara-Mission in die treu bewährten Hände seines Freundes und
Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die
schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur
Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der
Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkräfte
ausbilden, das Brüderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte.
Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen
kaufmännischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit
ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen
verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus,
von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.
So schickten sich alle Kräfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem
Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in
Usambara im Herzen Afrikas das große Millionenvolk Ruandas zu
erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen
hatte, Kräfte auszusenden, die in ihrem Fach so gründlich wie nur
möglich ausgebildet waren, verbürgte eine den Frieden der
Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegründetsten
Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rüstzeug für die
allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens,
Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso
Landwirte, Kaufleute und Ärzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung
seiner Gaben und Kräfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen
eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch
stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester
ausgebaut, immer fröhlicher beschritten, immer dankbarer
zurückgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rückkehr schenkt,
aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.
Übrigens war es nicht so, daß Vater durch die besonderen Aufgaben,
die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer
Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschränkte. Im Jahre 1905
lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße den
Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewöhnlicher
innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene
Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend,
nicht ohne festen Rückhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so
doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun.
Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine
Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche für den Dienst
in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde für die ersten Anfänge
in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren
Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf
fernem Vorposten im Osten für Vater und die ganze Gemeinde wie der
ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die
der deutschen Christenheit gesteckt sind.
Lutindi.
(Der Afrika-Verein.)
Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika
mit endgültiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie
gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der römisch-katholischen Welt
auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er
hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in
Algier, die römisch-katholische Christenheit aller europäischen
Völker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen
Erkenntnis, daß es nicht genüge, wenn die europäischen Weltmächte
den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrückten, sondern daß
es vor allem darauf ankäme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen.
Aus dieser Liga ging der Orden der weißen Väter hervor, dessen Boten
und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen
Ozean mit Stätten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.
Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in
Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften
zersplittert. Würden sie in diesen Fragen Stoßkraft genug besitzen,
in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der
Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch
Völkertrümmer saßen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu tragen?
Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892,
unvermutet ein Fräulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen
von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren.
Ihr Lebensweg führte sie nach Deutschland und später nach England.
Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken
Verständnis für die Schwäche nicht nur, sondern auch für die Stärke
Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers
Drummond ins Deutsche übersetzt, darunter die geistvolle
Beschreibung seiner Forschungstätigkeit in Inner-Afrika, der er auf
Fräulein Sutters Wunsch für die deutschen Leser noch ein besonderes
Kapitel über die afrikanischen Sklavengreuel beifügte. Sie war eine
glühende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen
Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog
Vater an, denn auch er hatte die Tätigkeit Gordons im Sudan mit
tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte,
die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der
Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie
um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spät kam und
der edle Mann sein Leben lassen mußte.
Nun stellte es sich heraus, daß Fräulein Sutter die katholische
Afrika-Liga genau studiert hatte und dafür brannte, daß die
evangelische Christenheit doch nicht zurückstehen, sondern in
ähnlich großzügiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der
Negerstämme mithelfen möchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift
über den Sklavenhandel verfaßt, die in Hunderttausenden von
Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die führenden
Kreise aufgesucht und überall Verständnis für ihre Absicht gefunden,
aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefühle zu
einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die
außergewöhnliche Glut, die in ihr für alles Vergessene, Verachtete,
Verstoßene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieser kinderlosen,
einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt spürte er den Pulsschlag
eines im höchsten Sinne mütterlichen Herzens, das für Millionen von
armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.
Nie hatte Vater den Eindruck, daß er selbst genug getan hätte, daß
in Bethel genug geschähe, daß man überhaupt jemals genug tun könnte.
Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein
einziger kleiner kühlender Tropfen auf die weite fieberheiße
Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Fräulein
Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz
in Berlin und unter einem dortigen Präsidium, der evangelische
Afrika-Verein.
Kulturelle, soziale, humanitäre Pflege der Eingeborenen in allen
deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle
evangelischen Kräfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert
waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und
Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen.
Kulturstationen sollten in Afrika gegründet, in der Heimat geeignete
Kräfte für die Hebung und Förderung der Eingeborenen herangebildet,
zunächst aber in erster Linie für die befreiten und zu befreienden
Sklaven gesorgt werden.
Das Blatt „Afrika” sollte alle diese Aufgaben vor der Öffentlichkeit
vertreten. Pastor Müller, Grottendorf, später Superintendent in
Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine große Hingabe
bewährt hatte, übernahm mit höchstem Fleiß die Herausgabe des
Blattes. Namentlich mit der Bekämpfung der Schnapseinfuhr in die
Kolonien setzte das Blatt sofort mit größter Energie ein.
Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer
selbständigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im
Viktoria-Nyanza zwecks Gründung einer dortigen Kulturstation, auf
der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen
herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung
gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen
führte.
Das kräftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den
befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhändler pflegten
ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den
ostafrikanischen Küstenplätzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote
wurde seitens der deutschen Küstenfahrzeuge Jagd gemacht, ihre
Inhaber wurden kurzerhand gehängt und die Sklaven in Freiheit
gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach
ungeheuren Entfernungen an eine Rückkehr in die Heimat denken, und
die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten,
sie in Pflege zu nehmen. So kam eine große Schar befreiter Sklaven
auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und
eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verführungsreichen, ungesunden
Küstenplatz erwies sich aber je länger je mehr als durchaus
ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen
Afrika-Verein die Gründung einer besonderen Freistätte für befreite
Sklaven auf den gesunden Höhen von Usambara. In unvergleichlich
schöner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbächen
umrauscht, mit freiem Blick in das grüne Tal des Pangani und in die
weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegründet.
Erwies es sich auch, daß das Gelände für eine Ausdehnung der Station
zu abschüssig war und daß die Nähe des Urwaldes zu gewissen
Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so
zeigte es sich doch, daß auch in einem geringen Gefäß edler Wein
geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven,
namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel
endgültig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen,
in ihre Heimat zurückgekehrt oder in der umwohnenden Bevölkerung
aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu
den Füßen des Lutindi-Hügels angesiedelt. Und gerade für diese hatte
sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine
Aufgabe von eigenartiger Schönheit und Bedeutung gefunden:
Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz für
sich allein. Er nährte sich von den Früchten und Wurzeln des Waldes,
schlief in irgend einer zerfallenden Hütte und war nur noch mit
Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte für
einige Augenblicke in Lutindi ein, aß sich satt, ließ sich ein Stück
Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er
wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet.
Auch für Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen
bereit, und es gab sich, daß er aus seiner eigenen Schüssel dem
verstörten Menschen seine Mahlzeit aufschüttete. Das wandelte dem
armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal
nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darüber an Vater und
schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker,
die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwörungen
wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des
Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestürzt wurden.
„Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen?” fragte
Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort
lautete.
So wurde aus der Heimstätte für befreite Sklaven eine Heimstätte für
diese Gebundenen des Geistes und ist es bis heute geblieben. In
immer steigendem Maße hat sie sich das Vertrauen aller umliegenden
Stämme erworben. Oft Tagereisen weit werden die Kranken gebracht,
manchmal noch mit Fesseln aus Lianen gebunden, aber doch nicht mehr,
um sie dem Tode auszuliefern, sondern in der Hoffnung, sie einmal
genesen wiederzubekommen. Aus den befreiten Sklaven und ihren Frauen
sind einige der bewährtesten und treuesten Pfleger und Pflegerinnen
geworden, die furchtlos sich in die kleinen Zellen der armen
Tobenden hineinwagen und sie mit der Ruhe und Gelassenheit
versorgen, in der sie vielfach uns unruhige Europäer übertreffen.
Gleichzeitig hat sich rings um die Station her in kleineren und
größeren Niederlassungen eine Christengemeinde aus den Waschambalas
gesammelt, die wie eine warme, schützende Mauer die Pflegestätte der
Geisteskranken umgibt.
Diese Heimat der Geisteskranken ist begreiflicherweise ein besonders
geliebtes Pflegekind der Gemeinde der Kranken von Bethel und ihrer
Pfleger und Pflegerinnen geworden. Als der Oberpfleger Lutindis aber
steht in unserer Mitte der, dem Vater diese Arbeit besonders ans
Herz gelegt hat, unser lieber Bruder zur Heiden. Schon als Hausvater
des Hauses Zoar, wo er manchen Kandidaten in den Dienst an den
blöden Knaben einführte, hatte er die Fürsorge für Lutindi als
Nebenaufgabe übernommen. Und als „Fürst von Zoar”, wie er nach der
alttestamentlichen Geschichte von seinen Kandidaten genannt wurde,
waltet er noch immer seines Pflegeamtes an Lutindi; der einzige der
deutschen Fürsten, wie er selbst feststellte, an den kein Umsturz
sich bis jetzt heranwagte.
Wenn auch die hohen Hoffnungen des Afrika-Vereins mit seinen ganz
Zentral-Afrika umspannenden Kulturplänen zunächst unerfüllt blieben:
in Lutindi ist Saat für die Zukunft ausgestreut. Denn hier ist ein
Vorbild geschaffen, wie unter Führung eines Unstudierten, der aber
Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat, und seiner gleichgesinnten
tapferen Frau ein Brennpunkt entstehen kann, der das Licht und die
Kraft barmherziger Liebe bis in weite Fernen trägt. Wenn es der
Bethel-Gemeinde vergönnt war, bald da, bald dort ein Licht im
dunkeln Afrika anzuzünden, so habe ich während der unvergeßlichen
Zeit afrikanischer Arbeit keinen Ort gefunden, der so sehr an die
Muttergemeinde in Bethel erinnerte, als -- wie Vater sie so gern
nannte -- „die herrliche Höhe Lutindi”.
Die Ausgestaltung.
Als Pastor der Gemeinde.
Die Aufgaben, die sich auf Vaters Schultern legten, sah er nie an
als bloß ihm persönlich, sondern als der ganzen Gemeinde gegeben. Er
konnte und wollte seine Arbeit nicht tun ohne ihre innere Zustimmung
und Mithilfe. Darum blieb die Gemeinde immer der Kern seiner
Tätigkeit, und die Verkündigung und Pflege der göttlichen Wahrheit
in der Gesamtheit und an den einzelnen hat er für sich und seine
Mitarbeiter immer als den eigentlichen Mittelpunkt angesehen.
In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er
kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich,
wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und
vollends in Bethel ließ ihn das Gedränge seiner Arbeit selten vor
dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte
er nicht gut am Studiertisch nachdenken können. In Dellwig war er am
liebsten in den Wald und die einsamen Weiden längs des Ruhrtals
gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller
Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurückzog. Dort zwischen
den Gräbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden
ihm zu Auslegern und Zeugen für das, was er der Gemeinde bringen
wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der
Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere
Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten
Bengel, Rieger und Löhe.
Je näher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je
gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich
auf ihn. „Gib mir ein Tröpflein für meine arme Gemeinde!” hörte man
ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte,
sondern Erlebtes, Erkämpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut
heraus Erbetteltes. Aber wenn er dann auf der Kanzel stand, dann
merkte man nichts mehr von den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Dann
war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Höhen
kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im
Herzen, saß zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die
Kanzel trat und den Gruß in die Gemeinde hinunterrief: „Gnade sei
mit euch und Friede!” Es sei ihm, erzählte er später, durch Mark und
Bein gegangen, hätte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem
Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender
Gewalt habe er hier gespürt, das sei erfahrene Gnade, erlebter
Friede, die auch für ihn erfahrbar und erlebbar seien.
Die Predigt, die auf solchen Gruß folgte, konnte darum auch nur auf
Tatsachen sich gründen. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die
Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem.
Wenn ich nicht irre, ist es Professor Kähler gewesen, der einmal
sagte: „Die beste Art der Evangeliumsverkündigung ist nach
Gesichtspunkten geordnete Erzählung.” So war es bei Vaters Predigt.
Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten
und die Teile mit Geschichten gefüllt; vor allem mit Geschichten der
Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich
diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine
Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die
Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen;
Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den
Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der
Krippe; wir saßen mit im Boot auf dem stürmenden See; wir lagerten
im Grase mit den Tausenden, und die Jünger teilten Brot und Fische
unter uns aus; wir sahen Jairi Töchterlein vor uns die Augen
aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und
von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.
So wurden angesichts der Großtaten Gottes die eigenen Sorgen,
Wünsche, Erlebnisse und Zweifel klein. „Was ich besitze, seh' ich
wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.” Die
Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten überragend, stand
unmittelbar vor uns, den Ernst und die Güte Gottes auf der Stirn,
Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der
Glaube zustande, nicht durch Überredung, sondern durch den Anblick
der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand,
trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das
sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen
Nachfolge willig wurde, und die Buße, die mit Petrus sprach: „Herr,
gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!”
Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Buße lockte
und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte,
solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Fürsten
des Lebens uns aus ganzer Macht zu überlassen. Dann sandten die
Gräber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre
Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann,
Pastor Stürmer und der treue Mellin, und die Brüder und Schwestern,
die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den
Tod. Und die Apostel und Märtyrer mischten sich hinein und die
Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Aussätzige, rief:
„Hört es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein
Sterben mehr; hört es, Leute, Leute!”
So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von
einer Liebe, die sich auch zu dem Schwächsten herunterließ und sich
auch dem müdesten Kopf verständlich machte. Denn diese aus der
Schrift und dem Leben geschöpften Geschichten konnte jeder
verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und
wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht
auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der großen,
herrlichen Wirklichkeit, der über ihnen lag, ging mit in die Woche
hinein.
Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende
Ereignisse, Erlebnisse, die über alles andere Erleben hinausgingen,
darum brauchte auch der Gesundeste, Klügste, Nachdenksamste unter
uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken
geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehört hatte,
angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin,
wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm plätschert. Nicht
hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die
ganze Zuhörerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefaßt.
Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wäre es eine Rede
gewesen, so wären uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der
Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gespräch war, wo
Frage und Antwort wechselten, darum ließen wir ihm gern lange Zeit.
Er sprach mit allen, mit denen, die körperlich vor ihm saßen, und
mit den andern, die im Geiste versammelt waren. „Paulus, Paulus,”
konnte er wohl fragen, „was sagst du? Ich sterbe täglich? Ich
verstehe dich nicht, wie meinst du das?” Und dann fragte er wieder
in die Gemeinde hinein: „Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie
Paulus das eigentlich meint?” Und wenn die Antwort noch auf sich
warten ließ, dann ging er zu Luther hinüber und fragte den, bis es
eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher
Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: „Es bedeutet, daß der alte
Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und
sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich
herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit
und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.”
So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt,
alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden,
einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum
drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Buße über den Kreis des
eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat für den andern ein, einer
empfing für den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere
Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere
Hilfe wuchsen schließlich nicht nur über die Grenzen des eigenen
Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinüber; wir lernten
teilnehmen an den Aufgaben draußen, für die Vater der Kanal war, der
sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Fröhlichen und weinen
mit den Weinenden.
Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das über
diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, daß die ganze Kirche hell
und aus vollem Herzen lachte, und im nächsten Augenblick, wenn der
Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war,
durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst über der
Versammlung. „Hört ihr den Todesschrei?” rief Vater dann wohl. „Wir
können es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch für uns
kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.”
Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so
lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren
hatte Vater die Liturgie mit Rücksicht auf die Kranken in besonderer
Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt
in Buße, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald
im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang.
Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die
für die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt,
erlebte er sie, während er sie las. Und so durchlebten wir sie mit.
Er war wirklich unser Anführer in Beugung, Bitte und Lobpreis
Gottes, sodaß trotz der regelmäßigen Wiederkehr die Liturgie uns
keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt füllte.
Große Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches
gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen
Anhang beigefügt, der außer einer großen Zahl wertvoller Lieder die
ganze Liturgie enthielt, sodaß jeder Kranke und Gesunde, der neu in
die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd
teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und
die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den
Abend- und Wochenfeiern zwischen Männern und Frauen abwechselnd
gesungen wurden. Die Lieder ließ Vater am liebsten ganz durchsingen
und zwar so, daß ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor
die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte
u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es
galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen.
„Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien
am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein.” Und wer wird je
den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den
Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die
Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis
zu den höchsten Tönen sich schwingend und dann wieder, wenn alle
andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten
Saiten des Herzens rührend und so die ganze Gemeinde auf den Flügeln
des Liedes vor Gottes Thron tragend!
Unvergeßlich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei
diesen Gottesdiensten mitwirkten.
Vater Scheele hatte den Küsterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm.
Erst im Alter war er zur Besinnung und gründlichen Umkehr gekommen. Nun
stand er Sonntag für Sonntag, sein Samtkäppchen auf dem Kopf, am
Haupteingang, um die Kirchgänger zu empfangen, den Glanz Gottes auf
seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber für meine
Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir
haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur
rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: „Ich will
lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen
Hütten.”
Der Glockenläuter Waltemath! Er zog die Glocke während des
Vaterunsers am Schluß des Gottesdienstes und zog sie die Woche über
dreimal täglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon.
Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht
wußte, wohin fliehen, gefaßt und den fast zwei Zentner schweren
ungelenken Mann die 40 Treppenstufen hinunter und ins Freie
getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzählige
Stunden Schlaf kostete, ihn oft mühsam um Atem kämpfen ließ, aber
den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in
diesem Frieden seinen Kampf vollendet.
Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner
pfälzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen
irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in
unvergängliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er
uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es störte uns nie, wenn
manchmal die Töne durch einen Anfall Eppelsheims jäh abgerissen
wurden. Und auch auf ihn paßten die Verse, die „Martin”, der
bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schönen Liede
auf den „Mönch und seine Freundin” sang:
Liederleben, Geisterleben
Bebte hin durch seine Adern,
Feuer strahlten seine Augen,
Tiefe, heil'ge Herzensglut.
Jesuslieder waren's alle,
Siegsgewaltig, liebesfeurig,
Brautgesänge, Hochzeitsweisen,
Gottesstreiter Schlachtgesang.
Ei, wie brausten die Register,
Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,
Donnerten die tiefen Bässe:
Ein' feste Burg ist unser Gott!
Der Kassierer Lahusen! Während Vater Scheele am Hauptausgang die
Kollektenbüchse aufhielt -- es wurde bei jedem Gottesdienst eine
Sammlung gehalten --, stand er bescheiden Sonntag für Sonntag mit
seiner Büchse an einer Seitentür, um dann am Schluß die gesamte
Kollekte zu zählen. In Südamerika, wo seine alte bremische Familie
Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hände gefallen, das über
Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er
in Vaters Stube und fragte: „Können Sie mich brauchen?” So trat er
erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in
die Arbeit ein. Ein Jüngling im Silberhaar. Immer im Trab -- wohl an
die siebzig Mal stürzte er während der Jahre seines Aufenthaltes im
Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer
hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot für die Kinder
am Wege, ein verborgener Freund geängsteter Seelen, voll Lebenskraft
und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in
derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.
Und schließlich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des
Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste
des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das
Abkündigungsbuch. Sie hatte die Tücher auf den Altar zu legen und
ihn zu schmücken. Sie besorgte das Taufwasser, führte Täufling und
Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgäste mit stillem
Wink an ihre Plätze. Und das alles tat sie mit einer Würde, Demut
und Anmut, daß ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war
eine glühende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Königshaus
vereint mit anbetender Hingabe an das Königreich Gottes. Mit engem
Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Sünderschaft wurzelnd
und in die Höhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen
emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrämerin
Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13-15), die unter uns mit den
besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.
Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu
predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in
den Krankensälen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fällen
hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es
ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gänge
und Irrgänge der einzelnen Seele. Dazu hätte es der Gabe der
Menschenkenntnis bedurft, und die besaß er im eigentlichen Sinne
nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurückhaltend, fast
schüchtern ist dem andern gegenüber, voll angeborener Achtung vor
der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verständnis, wenn auch
der andere Zurückhaltung übt.
Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil
man ihm in tiefster Not nicht vertraut hätte. Aber die Last wurde
klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schämte sich in seiner Nähe der
kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine
Welt, in der Schwachheit und Verdruß liegen unter unserm Fuß. Man
war wie mit einem Ruck über die Wolken gehoben in den Sonnenschein
des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht
konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die
tiefen Täler der Seele. „Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag,
was uns alle bändigt, das Gemeine.” Wesenlos wurde es im Lichte der
Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tälern der
Seele, das Gemüt immer wieder zum Bösen weckend, immer uns anklebend
und träge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoßen, der
einzelne sah es selbst.
So führte diese Art des Vaters, ohne daß er sich dessen bewußt war,
zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Höhe und zur klar
erkannten Sünderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag
die große Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe,
beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes
Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die
Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden
Gottesnähe gerückt. Das war aber nur darum möglich, weil Vater
selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Sünderschaft, sobald
er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.
Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er
Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel höherem Maße in
seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem
Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein
großer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater
studierte ihn gern. Aber einmal faßte er ein Kind, das gerade neben
ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: „Solch ein einziges
Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.”
An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten,
wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die
erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. „Meine
geliebte Tochter,” sagte er, „vergib mir alles, was ich an dir
versäumt habe!” Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde
er ganz klein und ganz groß zugleich und lebte uns vor, daß nur, wer
sich selbst erniedrigt, erhöht werden kann.
Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht
weichlich; namentlich nicht mit körperlichen Zuständen. Ich kam
einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gütersloh nach Hause.
Der Körper wollte dem Geist nur noch mühsam gehorchen. „Junge,”
sagte er nur zum Abschied, „nun kümmere dich nicht zu viel um deinen
armen Kadaver” -- fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der
Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe
verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch
emporgehoben.
Verstimmungen überwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er
uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst
gekämpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit
elendem Nörgeln zur Plage geworden; schließlich hatte Mutter es
Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben?
Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu
helfen: „Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den muß ich
einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben.” Nichts weiter. Als die
Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche
und ähnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden,
namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden
die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.
Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch über die schwächste
Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schüttete
seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom über
uns aus. „Schelten”, sagte er, „richtet Zorn an, aber Ermunterung
macht fröhliche Leute.” Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das
nicht ehrsüchtig war, sondern demütig blieb, darum machte es nicht
hochmütig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht
leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten
Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des
eigenen Herzens, sodaß Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.
Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns
hineingepreßt, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das
Verständnis und in die Gemeinschaft seines Herrn geführt, den
einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am
ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es
war die einzige Gelegenheit, wo er vorher -- von besonderen Fällen
abgesehen -- uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer
vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem
von uns einen Kuß. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle
vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwächste, Kleinste,
Ärmste, Sündigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns
vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfährt:
„Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so
hilfst du mir.” Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer
Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit,
von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.
Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die
Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines
Wesens wiederzugeben. Nichts Frömmelndes, nichts Weichliches lag in
seiner Erscheinung, sondern urwüchsige männliche Kraft, mit
harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt,
mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann
wieder über alle Welt hinausblickend.
Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergötterung
daraus. Wo er spürte, daß jemand für ihn schwärmte, da zog er sich
zurück. Es kam ja allmählich ganz von selbst so, daß er als Vater
der Gemeinde alle „Du” nannte. Aber da, wo er merkte, daß jemand
sich an ihn hängte, sagte er aus unmittelbarem Gefühl heraus „Sie”
und nicht „Du”. „Hängt euch an keinen Menschen!” Wie laut, wie
dringend hat er uns das oft zugerufen! So löste er die Gemeinde von
seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen ließ:
Liebe, die mich hat gebunden -- An ihr Joch mit Leib und Sinn, --
Liebe, die mich überwunden -- Und mein Herz hat ganz dahin: --
Liebe, dir ergeb' ich mich, -- Dein zu bleiben ewiglich.
Frühlingszeit.
Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der größte Teil der
Häuser von Bethel hinzieht, macht den Frühling immer besonders
schön. Schon Ende Februar kommen überall im Buchenwald die blauen
Leberblümchen hervor, und hinter ihnen her dringen im März zwischen
dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten
von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen
wieder, Rotkehlchen und Rotschwänzchen kommen hinterher und all die
andern Sänger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den
schönsten Akkord in das Konzert mischt.
Einem solchen Frühlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter
der Verkündigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der
Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach.
Überall blühte und grünte es, und von überall her stellten sich, wie
die Sänger in Wald und Feld, Kräfte ein, um die Mauern Zions zu
bauen.
Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den
schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhäusern in Schildesche und
Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am
Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des
Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens -- keine Fremden
also, sondern längst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner
besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil
in westfälischer Art und Zähigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde
einsetzend. Und hinter ihnen her strömten dem Diakonen- und
Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu.
Nie würde Vater so treue, bewährte Kräfte für die wachsenden
Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ängstlich bis ins
einzelne angeleitet und beaufsichtigt hätte. Er kommandierte nicht,
sondern vertraute ihnen. Er lähmte nicht durch enge Regeln, wohl
aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei,
drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jüngeren Mitarbeiter
schrieb nach Vaters Tode: „Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen
und zur Buße geführt? Eigentlich nur dadurch, daß er uns Liebe
erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so
manches Mal gewünscht, er möchte mir doch einmal gründlich die
Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, daß er
mir gesagt hätte: ‚Du bist doch eigentlich recht hoffärtig.’ Nein,
er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schämte man
sich und fing an, innerlich zu weinen.”
Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie
vorüberziehende Sänger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So
immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute
Frauengestalt, Töchter vornehmer Familien, die für längere oder
kürzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die
Gäste des von Fräulein Heidsiecks fürsorgender Hand geleiteten
Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und
über die zunächst drängenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick
in die Weite lenkten.
Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich
immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen
Sängerchor bildend, der für sich übte, aber nur um desto besser in
dem einen großen Konzert mitzuwirken. Was für einen Frühlingschor
besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Töchtern des
Landes, die von nah und fern kamen, um für eine Zeitlang zu helfen,
wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden
und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen
namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine
schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem ägyptischen
Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft
würde. Und als nun ein Jahr später gar noch das zweite kleine
schwarze Mädchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine
Frühlingszeit über dem Kinderheim an, wie es sie schöner wohl nie
erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins,
Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hände auf zu Gott!
Ganz verborgene Chöre gab es auch, wie die Stimmen der Sänger im
Walde, denen niemand zuhört und die doch das Singen nicht lassen
können. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur
aus zwei oder drei, fünf oder sechs bestehend, die am Feierabend
zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum
Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Kräfte der innersten Harmonie
gingen von diesen ungehörten und ungekannten Sängern aus!
Unter solchem Frühlingswehen konnte es nicht anders sein, als daß
die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande
draußen, innerhalb und außerhalb der westfälischen Grenzen, wurde
durch die Schwestern und Brüder eine Station nach der andern
übernommen. Alle diese Außenstationen waren zugleich wie kleine
Sammelbecken, die mit dem Übermaß ihres Elends auf Bethel angewiesen
waren. Wohin mit den Verkrüppelten, Blinden, den Geistesschwachen
und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken
und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschloß? Immer
freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brüdern die Regel
mit auf den Weg: „Ihr dürft niemals denken, als hätten wir die
Barmherzigkeit für uns gepachtet”; d. h. sie sollten alles tun, um
in solchen Fällen der Not die näheren und entfernteren Angehörigen
der Kranken nach Möglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht
ging, sollten sie für anderweitige Familienpflege sorgen, sollten
schließlich alle zunächst in Frage kommenden Pflegehäuser und
sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen.
Aber wenn alles versagte: „Dann dürft ihr bei uns anklopfen.”
Wie oft kam es vor, daß eben wirklich alles andere versagte! So nahm
das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den
einzelnen Häusern ein Zusammendrängen und Zusammenschieben, bis es
schließlich nicht anders ging und wieder gebaut werden mußte.
Und nicht nur für die Kranken mußte gesorgt werden, auch für ihre
Pfleger. Oft erzählte Vater die Geschichte von der Kuh des alten
Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag. Klagend und jammernd
kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: „Es wundert mich
gar nicht, daß die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger
Zeit gemerkt, daß du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum
hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie
gestorben.” Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden,
innerhalb und außerhalb der Gemeinde, dann mußte auch für die
Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand für die
Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des
Teutoburger Waldes und für die Brüder das auf der frischen Höhe
liegende Pella -- beides Zufluchtsorte für Zeiten der Erholung und
inneren Sammlung. „Ihr dürft die friedsame Ruhe nicht verlieren,”
hat Vater uns oft zugerufen.
Inzwischen waren draußen in der Senne durch die Kolonisten von
Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was für
eine wertvolle Ergänzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel
ist schwer und für die schwächeren unter den Epileptischen nur bei
gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der
Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im
Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und
Schwächsten immer wieder die Befriedigung einer nützlichen Tätigkeit
gewährt. So siedelte allmählich eine Ackerbaustation nach der andern
aus Bethel nach der Senne über. Die Krüppel folgten, dann auch die
Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller
genasen als unter den kräftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger
Waldes, und schließlich kamen auch noch mehrere Stationen der
Gemütskranken dazu.
Auch Wilhelmsdorf selbst mußte sich dehnen, denn es zeigte sich
immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die
sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe
verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht möglich, sie
nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das hätte nur geheißen, sie
aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere
Trinkerheilstätte. Auch den Schiffbrüchigen gebildeter Stände, für
die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich
nicht entziehen, sodaß auch für sie eine Heimat geschaffen werden
mußte.
Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200
Insassen zählt, den Namen Eckardtsheim erhielt, schenkte in
Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem
Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller
Anstaltshäuser in der Senne wurde.
Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der
Senne der Mutterkolonie drüben im Teutoburger Walde bot,
verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen
die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den
von Wilhelmsdorf abgezweigten Häusern bewährt hatten, baten: Stoßt
mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in
Bethel eine meinem früheren Beruf entsprechende Arbeit, laßt dort
meine Kräfte allmählich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu
neuer Fahrt in die stürmische Welt! War es möglich, solche Bitte
abzuweisen?
Sollte sie aber gewährt werden, so mußte nun auch Bethel sich wieder
dehnen. Es mußte seine Werkstätten, seine kleinen Betriebe
erweitern, um Arbeit zu schaffen für die, die nur unter zweckvoller
Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Kräfte gewinnen konnten.
So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an
die Buchbinderei schloß sich ein kleiner Laden an mit Heften,
Bildern, Büchern; ähnlich ging es bei der Tischlerei, der Gärtnerei
und den andern Handwerken. Auch für die Vorräte an Lebensmitteln,
die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene
kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen
holländischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war,
mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem
Ladentisch stehen und seine Gäste bedienen.
Es konnte nicht ausbleiben, daß über solchem Wachsen Teile der
Bielefelder Geschäftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schöne
Tal für die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch
nicht einmal an dem geschäftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen
hätte bieten können, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder
in überzeugender Weise dartun, daß die Entstehung und Entwicklung
der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wäre, einen
Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, für sich zu behalten,
sondern daß es sich vielmehr für die Anstalt darum handele, ihren
Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen
entsprechende Beschäftigung recht zu dienen, und daß für solches
Dienen die Ausdehnung der kleinen Anstaltsgeschäfte ganz
unentbehrlich sei. Nicht „womit kann ich verdienen?” sondern „womit
kann ich dienen?” sollte der Grundsatz dieser kleinen sich
entwickelnden Betriebe sein. Und wenn über dem rechten Dienen auch
eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst für die Anstalt abfiel,
so durfte ihr das gegönnt werden.
So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die
sonst rettungslos versunken wären, zu helfen. Hierfür nur einige
Beispiele. Für gewöhnlich wurde an der Regel festgehalten, daß nur,
wer sich draußen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und
Karre bewährt hatte und für den sich andernorts kein sicherer
Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitsplätze in Bethel Aufnahme
fand. Aber zum unabänderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte
sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos
dem Gefängnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit
hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch
eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen
vor; und durch dessen Fürsprache wurde die Strafe niedergeschlagen.
Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die
Kräfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an
dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre
hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters
Arbeitszimmer gestanden, nie ermüdend, in tiefster Verschwiegenheit,
die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue
und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise
bewährten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das
Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin
abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen
Treue gewesen.
Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer für den Rest
seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herüberkam, wo er zunächst
ein Jahr lang in Reih' und Glied rigolt, gerodet und die Karre
geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer
Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge
des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie übte die
Barmherzigkeit an ihm, daß sie ihm alle Mittel entzog, durch die er
seinem unglücklichen Hang weiter hätte frönen können, sodaß er sich
bemühen mußte, in der Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht
widerstrebend, sondern freiwillig fügte er sich diesem Zwang und
wurde schließlich einer der glücklichsten Menschen, die in unserer
Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem früheren
Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber
gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein
Sterben ein Segen für viele geworden.
So könnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll
Unruhe und Niederlagen schließlich zum Frieden und zum Sieg gelangte
und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben.
Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwähnt. Von einem
nächtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen
geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollständig
erfroren, daß sie abgenommen werden mußten. Darüber kam er zur
inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den
epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft,
die von ihm ausgingen, waren so stark, daß die unruhigen Knaben
keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor
ihnen stand.
Nicht immer war es leicht, die richtige Beschäftigung zu finden.
Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder
ließ sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So
kam ein früherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher
körperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich
aber heraus, daß er eine große Kenntnis ausländischer Briefmarken
hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde
im Lande und auch im Auslande gingen, um ausländische Briefmarken.
Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strömten herbei, und Herr
v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfüllte und die sich
schließlich so ausdehnte, daß eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge
eine Tätigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur
Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.
Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemüts- und Nervenkranken
führten dazu, daß auch für diese Leidenden sich ein Zufluchtsort
nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen
Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekräften, oft auch an
ausreichender seelsorgerlicher Beratung. Dazu kam, daß die
Überfüllung der westfälischen Provinzialanstalten die Verwaltung der
Provinz zu der Bitte veranlaßte, Bethel möchte ihr die unheilbaren
Kranken abnehmen.
„Unheilbar”, gerade solch ein Wort lockte Vater. „Das Wort
unheilbar”, sagte er oft, „steht im Wörterbuch eines Christen nicht.
Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein
ganzes Leben in der Zelle zubringen muß.”
Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den
verschiedenen Häusern. In Magdala, dem Hause der gemütskranken
Frauen, hielt er jahrelang die wöchentliche Bibelstunde. Im Anschluß
daran ging er regelmäßig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an
der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen
der Tobsüchtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen
Blumenstrauß in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals
angegriffen worden.
Aber die Flut grauenhafter Lästerreden, die er dann und wann bei
solchen Gelegenheiten anhören und über sich ergehen lassen mußte,
befestigte ihn in der alten biblischen Überzeugung, daß bei diesem
Leiden nicht immer nur körperliche Anlässe zu Grunde lägen, sondern
auch die Mächte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. „Die
Barmherzigkeit”, sagte er, „fordert es, an dieser Überzeugung
festzuhalten. Ich kann nicht glauben, daß solch eine Flut von
Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mädchens emporsteigt. Das stammt
aus einer anderen Welt.”
Mit dem Leiter einer großen städtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der
unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende
Auseinandersetzung über die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie führte
dazu, daß er die Seelsorger sämtlicher deutscher Heil- und
Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die,
zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit größter
Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer
regelmäßigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger für Gemüts- und
Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.
Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der
Gemütskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die
Pflege derer, die nicht gemütskrank, aber auch nicht eigentlich
gesund waren, sondern mit ihren erregten Nerven schwer an sich
selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last
lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er
immer wieder zu sagen:
„Halbe Narren sind wir alle,
Ganze Narren sperrt man ein,
Aber die Dreiviertelnarren
Machen uns die größte Pein.”
Einer der ersten Gemütskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war
ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich
für unwürdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags saß er an unserm
Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur
unter Vaters Zureden griff er zum Löffel, legte ihn dann aber hin,
ohne seinen Teller leerzuessen. Da hörte auch Vater auf zu essen.
„Lieber Bruder,” sagte er, „ich habe nun den ganzen Morgen schwer
gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch ißt.” Das half,
und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt für Schritt
vorwärts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine
Predigt abzunehmen. Das war Krekelers größte Freude. Aber sie wurde
ihm nur dann gewährt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund
zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfüllt.
Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die
Nachricht, daß er das Morgenfrühstück verweigert hätte. Vater eilte
zu ihm und erklärte: „Du predigst nicht, wenn du nicht ißt, und hast
die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt
deiner auf die Kanzel muß.” Damit war der letzte Widerstand
gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel
holen, und er und seine Frau übernahmen das Haus der epileptischen
Pensionäre, in welchem er genesen war.
Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem
Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem
besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte für ihre
Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin
ihr väterlicher Freund, der sie regelmäßig besuchte und ihren
Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Kräfte
mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder
eine kleine Gemeinde übernehmen konnte. Hier legte er den Grund für
eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der Provinz
Westfalen einer eigentlichen Zufluchtsstätte entbehrten und darum
zunächst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von
Bethel hatten gemischt werden müssen. Der kleine Zweig, der dort am
Fuße des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blühte unter
seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum
geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder
ein glückliches Dasein führen. Lange Jahre hat Krekeler als der
Glücklichste unter ihnen gelebt, bis plötzlich die alte Krankheit
wieder durchbrach. Er flüchtete nach Bethel, und unter Vaters
Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.
Nicht eigentlich gemütskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr
Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibestätte bot. Er
war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und
war auch im Kassenwesen erfahren. So übernahm er einen Teil der
Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein
Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbücher
unter musterhafter Sorgsamkeit führte und mit einer Handschrift, die
zu den schönsten und charaktervollsten gehörte, die man sich denken
kann.
Nun geschah etwas Merkwürdiges. Unten im Diakonissenhause, links
neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die
ganzen Arzneien für die Anstaltshäuser bereitet wurden. Als sie
eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank
erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand
hätte völlig genügt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die
Aufregung war groß. Den ganzen Tag über wurden die umfassendsten
Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern
Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die für Kranke seiner
Art immer ein besonderes Verständnis hatte, sodaß Schnitger schon
vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr,
daß er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um
sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der
Aufschrift „Venena” (Gifte) gesehen und gedacht: „Die Gifte müssen
aus der Welt verschwinden.” Denn er habe gespürt, daß das Morphium,
das er von Zeit zu Zeit gegen seine große Schlaflosigkeit erhalten
hatte, eine Gefahr für ihn werden könne, die er abschneiden müsse.
Nun könne er sich freilich durchaus nicht besinnen, daß er das Gift
weggenommen habe, für unmöglich aber halte er es nicht, da er eben
an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: „Das
Gift muß aus der Welt verschwinden.”
Es stellte sich heraus, daß die Nachtwachschwester in jener Nacht
eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die
Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte
gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war.
Das konnte natürlich die Vermutung Schnitgers nur aufs äußerste
bestärken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen
vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr
Schnitger aber erklärte: „Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu
stehlen, kann unmöglich der Verwalter von Geld sein.” So stellte er
seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschäftigung.
Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er möchte wohl
Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel
Werte doch in all den kleinen Gegenständen steckten, die die
Menschen so leichthin wegwürfen. Die beiden überlegten miteinander,
und es wurde verabredet, daß Schnitger eine Liste aufstellte von
solchen Gegenständen, die er wohl sammeln möchte. Es war ein langes
Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern,
Knöpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos,
was folgen würde, ließ Vater die Liste vervielfältigen und legte sie
einem der vierteljährlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde
draußen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die
Hände ihrer Empfänger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken
zu regnen.
Nur für den allerersten Anfang genügten Schnitgers eigene Kräfte zum
Auspacken. Bald mußte er sich Hilfskräfte suchen. Die Wagen der
Anstaltsökonomie räumten ihren Schuppen, damit die eingehenden
Sendungen wenigstens vor dem Regen geschützt würden. Nach kurzer
Zeit war an Auspacken überhaupt nicht mehr zu denken, weil es an
genügendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mußte wieder
gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte
als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus über. Für wie viele
ist er dort ein väterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie
viele im ganzen Vaterlande -- in Hütten, Häusern und Schlössern --
hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen
erzogen!
In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein
Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerkstätten
entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus
verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den
Einzelgängern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt,
Bücher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knöpfe hier
ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht,
beschädigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.
Was für eine Fülle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den
eingehenden Büchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat
da befreiende Tätigkeit gefunden! So bekamen die Klügsten und die
Beschränktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste
Beschäftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen
verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer.
Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher
Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.
Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und
fürsorgende Liebe wandte, war ein Österreicher mit dunklen,
glühenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich später heraus,
daß er Marineoffizier gewesen war und ein österreichisches
Torpedoboot im Adriatischen Meer geführt hatte. Er hatte die
Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter
falschem Namen nach Deutschland geflüchtet. In seiner Abwesenheit
wurde ihm in Wien der Prozeß gemacht, der ihn zu mehreren Jahren
schweren Kerkers, wie der österreichische Gerichtsausdruck lautet,
verurteilte.
Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den
Eindruck, daß der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein
mochte, über die er natürlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach
Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.
Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und
Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen.
Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Aufträge, bei
denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre
hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild, das die ersten
afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte
und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne
deutliches Geschick hergestellt hatte.
Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit
seiner Anerkennung nicht zurückgehalten. Das aber war ihm, dem noch
immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsführer vorschwebte, in
die Krone gestiegen. Er fing an, sich für ein verkanntes Genie zu
halten, das niedergehalten, ausgenützt und mit dem bescheidenen
Taschengeld, das er außer freier Station erhielt, nicht genügend
bezahlt würde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn;
andere wußte er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines
Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein
giftgeschwollener Artikel über die Zustände in der Anstalt. Nicht
nur der alte Schnitger war in der häßlichsten Weise angegriffen,
sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als
eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur für ihre
eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen
wollten und offenbare Mißhandlungen ruhig geschehen ließen.
Es war sofort deutlich, daß der Ankläger nur jene geheimnisvolle
Persönlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die
ganze Öffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, daß für Vater gar nichts
anderes übrig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu
übergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprüft
werden könnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die
schließlich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter
Kräfte, die der Leitung entgangen waren, die völlige Haltlosigkeit der
Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefängnis
verurteilt.
Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine
Vergangenheit bekannt, und das österreichische Gericht forderte ihn
zur Abbüßung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe
abgebüßt hätte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er
erkrankte im Gefängnis in Münster an der Auszehrung und starb unter
der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um
Verzeihung gebeten hatte.
Für den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung
einen schweren Stoß. Er zog sich mehr und mehr aus der Arbeit
zurück und siedelte schließlich in einen Vorort von Berlin über,
damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der großen Stadt seine
Nerven, die allmählich zu fein und zart geworden waren, noch einmal
wieder wachsen könnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner
Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin
getroffen, bis er sich endlich überreden ließ, in das Siechenhaus
von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Fürsorge unserer
Schwestern die Augen schloß.
Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhänge der Dinge, mit seiner
lauteren Frömmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten,
verlassenen Brocken gegenüber, sondern noch mehr gegen Menschen,
deren Leben trümmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters
Herzen ganz besonders nahegestanden.
Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltäterin für die
ganze Gemeinde, als sie für all die kleinen Feste, Vorstellungen und
Aufführungen eine unerschöpfliche Fundgrube wurde, aus der sich
alles zu Tage fördern ließ, was irgend an Verkleidungen und
dergleichen gebraucht wurde. An den vaterländischen Gedenktagen,
namentlich an Kaisers Geburtstag, rückte sie jedesmal die alten
Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die
Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt
hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schönsten
Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren
vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen
Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die
Anstalt.
Vater mußte dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der
Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzüge 1866 und
1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit
der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskämpfer
gewesen, hatte später dem Königshause nahegestanden, und auch Vaters
eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Königshause gebracht.
Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Fülle
hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und für Vaterland und
König auflodern zu lassen. In solcher Stunde spürten wir, daß die Welt,
die weite große Völkerwelt, nur der lieben kann, der seinem eigenen
Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und daß
Krieg und Kampf dem großen Ratschluß Gottes, den er zum Heil der Völker
gefaßt hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich
hineinfügen.
Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: „Nie haben
Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel
Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71.” Wenn er das aus tiefster
Überzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen,
das durch französische Mode, französische Literatur, französische
Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens über Deutschland gekommen
war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut
langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am
Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder kühnen
Schwerthieb getötet, sondern allmählich vergiftet, unter den Tränen der
Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm
galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und
auch vor Gott. Und eine lange träge Friedenszeit hielt er für weit
verderbenbringender als einen blutigen Krieg.
Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel
Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten
und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, über den
Scheußlichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht
zu vergessen.
Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzählte er wieder und wieder
die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit
zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte
lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der
Brigade Goltz, die die Höhen über Jussy besetzt hatte, brannten.
Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm
gesagt: „Fällst du in die Hände der Deutschen, dann machen sie
dich tot.” Aber schließlich brachte ihn die schmerzende Wunde doch
zum Stöhnen. Einige 55 er gingen dem Stöhnen nach und fanden
schließlich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Körper zitternden
Menschen im Gebüsch. „Ich habe auf keine Preußen geschossen,” rief
er, „ich habe auf keine Preußen geschossen!” Schnell war der
Notverband angelegt, im Gebüsch wurden ein paar Stangen zur
Tragbahre geschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit
den Berg hinunter. Der arme Mensch wußte nicht, wie ihm geschah.
Immer wieder rief er: „Ich habe auf keine Preußen geschossen.” --
„Gewiß”, sagte Vater, der neben der Bahre herging, „hast du auf
die Preußen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz
schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht
getan.” Das konnte er nun nicht leugnen und rief: „Ich werde aber
ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen; ich werde ganz
gewiß nie wieder auf die Preußen schießen.” -- So kam man unten in
Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im
Lazarett sorgsam gebettet war, hörte er auf zu zittern und fing
an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.
Wenn Vater solch eine Geschichte erzählte, dann löste sich vor
unsern Augen der Schleier, der über dem dunklen Geheimnis des
Krieges liegt. Jeder Franzosenhaß war aus dem Herzen getilgt; die
helle vaterländische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf
blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit
einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und
liebt.
Es kam einmal zu Vater ein dänischer Schriftsteller, der den
Gedanken des ewigen Völkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater
einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner
Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine Überzeugung aus, daß in
einer sündigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in
der Hand Gottes sei und daß der sogenannte ewige Friede zu einem
fauligen Morast werden würde, worin die ganze Völkerwelt untergehen
müsse.
Er erzählte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die
Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder
infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese
Krankheitszeiten seien die größten Segenszeiten für die ganze
Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die
ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott geführt.
Und nie, nie möchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im
Leben der Völker. Die tödlichen Wunden, die sie sich untereinander
schlügen, mußten ihnen doch schließlich zum Segen und zum Gewinn
gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.
Der Däne war aufs bitterste enttäuscht. Er hatte etwas anderes bei
Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und
kräftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kämpfen. Was dem
Dänen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und
Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit,
Verzerrung und Verirrung.
Schließlich sprang der Däne auf, stellte sich vor Vater hin und rief
erregt: „Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir hätten im
Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preußischer, ich auf
dänischer Seite, und ich hätte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt
und jetzt begegneten wir einander am jüngsten Tage vor Gottes
Angesicht! Was würden Sie mir dann sagen?” Da streckte Vater dem
Dänen die Hand hin und sagte: „Hab' Dank, lieber Bruder, für die
gute Kugel.” Dem Dänen stürzten die Tränen in die Augen, er schlug
in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen,
davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.
Höhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der
drei Schwesteranstalten. Im Frühling das Fest des Diakonissenhauses, im
Herbst das Fest der Brüderanstalt und dazwischen im Sommer das schönste
von allen, das Bethelfest. Bei den Brüder- und Schwesternfesten erschien
mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schönste des Tages,
sondern das mittägliche Liebesmahl. Da war es Sitte, daß die Eltern,
deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen
sich hatten zum Zeichen, daß sie selbst mit eigenem Willen und mit
ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten,
nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst
des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater
immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens
zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses
aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht
trennten, sondern aufs engste aneinanderknüpften.
Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer
unvergeßlichen Eindrücke nicht, namentlich wenn Vater die Jünglinge
und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und
fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den
Dienst an den Elenden einlud.
Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster
Linie der Anstalt für Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem
Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bänke
draußen in der Waldkirche mußte immer größer gezogen werden, um die
Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest
auch zu einer Feier der Jünglings- und Jungfrauenvereine des ganzen
Landes. Zu Fuß, zu Wagen und mit Extrazügen der Eisenbahn kamen sie
unter Lieder- und Posaunenklängen gezogen.
Dann war es wunderschön zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte
des Platzes saßen, und rings umher, wie ein starker Wall und die
Mauer einer Festung, hatten die Chöre der Sänger, Sängerinnen und
Bläser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen
die andern Festfeiernden. Und noch schöner war es zu hören, wie die
Lieder und Chöre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten.
Tiefer aber als alles, was die Gäste zu bringen hatten, ging uns
jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: „Wenn der Herr die
Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die
Träumenden.” Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gäste
haften an den schwermütigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster
Seele die Schwermutsklänge kamen: „Herr, wende unser Gefängnis, wie
du die Wasser gegen Mittag trocknest!” Stets war ein auswärtiger
Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den
Schluß machte dann Vater. Zwei Klänge waren es, die er bei dieser
Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hieß: Unsere Rechnung ist
schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf
unsere Versäumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den
Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. „Habt ihr je Mangel
gehabt?” fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. „Habt
ihr je Mangel gehabt dies Jahr über?” „Herr, nie keinen!” Und dann
gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den
Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus
den Bänken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen über
dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und
darum war immer der zweite Klang: „Jedes Jahr ein Klagelied weniger
und ein Loblied mehr.”