6. _Die Ärzte._

Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder Ärzte, die nebenamtlich die

Kranken der Anstalt besuchten, erst =Dr.= Tiemann, dann, als seine

Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Müller-Warneck, beide alten

Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der

Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten.

Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige

Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden

nicht täglich, sondern, abgesehen von besonderen Fällen, nur zwei-

oder dreimal die Woche besucht. So waren die Besuche der Ärzte in

den Anstaltshäusern verhältnismäßig schnell erledigt. „Unsere lieben

Ärzte haben nicht viel zu tun,” hörte man Vater in jener Anfangszeit

öfter sagen, „die Brüder und Schwestern machen die Hauptsache.”

Es ist später wohl der Vorwurf erhoben worden, es wäre in jener

ersten Zeit auf ärztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals

waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle ärztliche

Kunst sich bereits umsonst abgemüht hatte. Allmählich änderte sich

das, und namentlich das Gesetz über die Fürsorge für Epileptische

und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, daß mehr und

mehr auch die frischeren Fälle der Epilepsie zur Behandlung kamen.

Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter

geschlossener Häuser für Epileptische und Gemütskranke gab vollends

dem Krankenbestand gegenüber den ersten Anfängen ein ganz

verändertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter

ärztlicher Kräfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte

Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der

es ermöglichte, auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu

bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu

bringen.

Doch liegt auch für das Urteil des Arztes die Bedeutung des

Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in

der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen

Atmosphäre, die sie umgibt. Das Leben der Zurückgezogenheit, der

Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat für die

Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine

feste, ärztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmäßigen Wechsel

von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und

Pflegerinnen sind für den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das

Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach

angenommen wird, niederdrückend, sondern beruhigend und ablenkend.

Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand

zu gehen, bei den Schwindeln und Anfällen ihrer Mitkranken selbst

mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen,

sodaß sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewährt: „Drückt dich

eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter

tragen, als an deiner allein.” Aber natürlich gehört dazu, daß die

Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation

vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend überwinden lassen,

sondern mit fröhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und

Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn

er sagte: „Die Schwestern und Brüder tun die Hauptsache.”

Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen

heraus genauen Bericht über Stimmung und Zustand des einzelnen

Kranken geben können. Sie haben die für die ärztliche Behandlung

notwendige Liste über die Schwindel und Anfälle zu führen, die bei

jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen

sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlässiges

Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen ärztlichen

Behandlung.

Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater für

die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ältere

Arbeiten ähnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken

ergänzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und

jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als

Hilfsbuch bei den wöchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat

darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame

Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl

Brüdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen

zu wollen.

Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung

aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des

Arztes eingegriffen. Für seine Person war er am liebsten sein

eigener Arzt. Seine gründliche Morgenwäsche und sein Trunk frischen

Wassers vor dem Morgenfrühstück und dem Nachmittagskaffee waren

seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Maße bei ihm

bewährten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen

Gebiet hat er je einem Kranken Ratschläge gegeben. Alle diese Dinge

überließ er ganz dem Arzt. Für ihn war die Krankheit selbst im

Grunde das große Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung

verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten

und schließlich dafür danken.

So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes völlig

getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einen Gebiete, dem

des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekämpft werden mußte.

Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, für

den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste

Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich

überwinden half und damit die tiefsten Kräfte des Kranken weckte, so

daß er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ängstlicher Sorge

oder stumpfer Gleichgültigkeit fügte, sondern mit der Gelassenheit

des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser

innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenstöße nicht denkbar,

und die sachliche Scheidung ermöglichte die freundschaftlichen

Beziehungen auf persönlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen

zwischen Vater und den Ärzten bestanden.

Rückblickend darf hier wohl gesagt werden, daß die große Pietät und

die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenüber für Vater ein

Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege

einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden

nicht und wollte er auch nicht sein. Das hätte zu Kämpfen führen

können, die möglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung

gefährdet hätten. Aber Kämpfen auf Gebieten, die ihm nebensächlich

erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen:

die innere Harmonie der gesamten Arbeit.

Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen

seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um für die wachsende Zahl

seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die

Möglichkeit zu gründlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen,

erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden Ärzte noch um

weitere Mitglieder, so daß ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist,

ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld

ihren Sitz haben und von dort aus ihre täglichen Sprechstunden in

Bethel abhalten.

Den Vorsitz im Ärzte-Kollegium führt seit nun 35 Jahren der

ehrwürdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu

werden, um eine Fülle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er

war für Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern

zugleich der fürsorgendste Freund, und so ist er es für viele Kranke

gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen

gefolgt.

Es ist für die Ärzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in

die Tatsache zu finden, daß die Oberleitung nicht in ärztlichen

Händen lag; aber der Verzicht, den sie übten, ist ihnen entgolten

worden nicht nur dadurch, daß sie von den oft so zerreibenden

Verwaltungsgeschäften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem

eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch,

daß ihnen für ihre hingebende Arbeit ein volles Maß von Liebe und

Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenströmte. So wurden sie

vielfach in höherem Maße als die mit Nebenarbeiten überlasteten

Anstaltspastoren die hochgeschätzten Berater und Freunde der

Kranken.

Der Anstaltsvorstand.

Vater wurde einmal gefragt: „Wem gehören die Anstalten eigentlich?”

Er antwortete: „Der ganzen Christenheit.” Aber die Christenheit

brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und für sie den Besitz

verwalteten. Das waren die Vorstände der einzelnen Anstalten. Jede

Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand für sich,

Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besaß und

vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte

berufen, Käufe und Verkäufe schließen, Anträge auf Bewilligung von

Bauten und Kollekten stellen usw.

Warum -- so wurde des weiteren oft gefragt -- sind denn drei

Vorstände nötig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander

liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und

warum vollends drei Vorstände beibehalten, wenn doch, wie es in der

Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich

die Mitglieder des andern waren?

Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der

Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder

der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswärtige

Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab

Kreise, die von Anfang an für die Epileptischen mitgearbeitet hatten,

aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch

solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber

von der Diakonenarbeit kaum etwas wußten. Diesen Kreisen jedesmal das

gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wäre zu viel

verlangt gewesen. Die Schultern wären überlastet worden, und das

Interesse wäre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr

als das Ganze.

Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische

Person konnte für ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere

Anträge auf Gewährung von Beihilfen aus öffentlichen und aus

privaten Mitteln stellen. Wäre es, statt drei, nur eine juristische

Person gewesen, so hätte die Einbuße an Beihilfen aus öffentlichen

und privaten Mitteln eine beträchtliche sein müssen. Darum blieb die

Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewährt.

Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, daß die Vorstände dieser

drei juristischen Körperschaften sich aus Persönlichkeiten

zusammensetzten, die mit größter Treue und Hingabe das Werk von

Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.

Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried

Bansi und Pastor Simon bereits erwähnt. Bansis Großvater stammte aus

dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als

Bäcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach

Bielefeld geführt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus

seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der würzigen Kräuter

mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern

gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen

Geschäftes führte. Unvergeßlich wird Bansis kleine, fast schüchterne

Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten

zurückschauen können. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause

fühlte, weder in seinem Geschäft noch in Bielefeld, sondern sich

immer heimlich zurücksehnte in die schlichteren Verhältnisse der

Heimat seiner Väter, und der den verborgenen Schmerz zu übertäuben

suchte durch rastlose Hingabe an andre. Für wie viele ist er im

Verborgenen ein Wohltäter gewesen, und mit welch unermüdlicher Treue

hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des

Vorstandes geführt!

Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der

später Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war.

Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane

von Kopf bis zu Fuß, wie ein Recke, mit einer Löwenstimme und dann

wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besaß ein großes Geschick in

geschäftlichen Angelegenheiten und hatte in den fünf ersten Jahren

von 1867 bis 1872, während welcher er die Anstalt leitete, eine

gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912

weiterbauen half.

Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine

patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser

Wilhelm =I.= trug, und an dem wir Kinder mit ehrfürchtiger Scheu

emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter

des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehörte zu jenen

Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in

besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich

auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des

Vorstandes zugute.

Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters

Kriegskamerad aus den Feldzügen 1866 und 1870. Er stand an der

Neustädter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter

der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner

Gemeinde der väterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und

behielt daneben immer noch Zeit übrig, der jungen Anstalt in

unermüdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu

stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang

auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.

Der geschäftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit

er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfängen in den

Händen des Kaufmanns Heinrich Bökenkamp. Er vereinigte in seiner

Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns

und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz

der Anstalt ausdehnten, ganz unschätzbare Dienste geleistet.

Es wären noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwürdige Kaufmann

Coesfeld, der erste Anstaltsarzt =Dr.= Tiemann, dessen Namen Vater

immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten

sind schon fast in der Erinnerung verblaßt oder gar verschwunden.

Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten

Zeit ist Direktor Mohr, ein Württemberger von Geburt, der aus

kleinen Anfängen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der

Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch

seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem

unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.

Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstände nicht

mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Präses des

Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie

erwähnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der

die Beratungen der Vorstände vorbereitete und für die Ausführung

ihrer Beschlüsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, daß er bald,

nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des

Gesamtwerkes wurde.

Wenn aber hier und da das Verhältnis zwischen dem Vorstande und ihm so

dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschränkter

Machtvollkommenheit unter Übergehung des Vorstandes die Leitung in seine

alleinige Hand genommen hätte, so wird dadurch das Bild getrübt. Es wird

mir vielmehr immer eindrücklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder

einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren

Vorstandes, die in kurzen Zwischenräumen stattfanden, als der

Versammlung der vereinigten weiteren Vorstände, des „Verwaltungsrats”,

die jährlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen,

eine völlige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Männern zu

erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.

Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, daß seine ganze

Überredungskunst dazu gehörte, um bei neuen Schritten einen

einheitlichen Beschluß zu erzielen. Aber solche Kraft der Überredung

ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und

Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, daß aus den

Überredeten schließlich Überzeugte wurden.

Auch das andere ist vorgekommen, daß Schritte getan, z. B. Bauten in

Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung

dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurücksetzung des

Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn

der Vorstand nachträglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es

nicht etwa, weil er wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel

machte und, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose

Versuche aufgab, sie wieder rückgängig zu machen, sondern weil er

später, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von

grundsätzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die

Richtigkeit der Sache einsah.

So oft es Vater zum Bewußtsein kam, daß er seinem Vorstande

gegenüber in der äußeren Form die Bahn der buchstäblichen

Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht

gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst

recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und

er ungewollt jemand gekränkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam,

so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fühlte, daß hier

eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenüber Verstimmung,

Übelnehmen, kleinliche Verärgerung ausgeschlossen waren.

Und doch läßt sich nicht leugnen, daß gegen Vaters Willen durch

seine überragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich

fortreißende Tatkraft und durch das große Vertrauen, das er genoß,

die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrückt wurde. Nicht daß man

keinen Widerspruch gegen ihn gewagt hätte. Es mag wenige Menschen

gegeben haben, die Widerstände so vollständig unpersönlich, so rein

sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum

hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem

Widerstand zurückgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wüßte

von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare Überzeugung des

Vorstandes durchgedrückt oder aufrechterhalten hätte. Bei

Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug höher

und suchte so in größeren Tiefen oder höheren Höhen neue Wege der

Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade

diese innerste zarte Rücksichtnahme ließ die Achtung und das

Vertrauen nur desto höher steigen.

So aber mußte es kommen, daß manche Vorstandsmitglieder sich

überflüssig fühlten. Sie wußten die Sache in den besten Händen;

warum noch weiter sich um jede Einzelheit kümmern? Warum nach neuen,

jungen Kräften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf

die überragende Persönlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken

konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah

es, daß namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Männer

und Frauen das Werk ursprünglich getragen hatten, nicht mehr der

Nachwuchs für den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich

entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu

schenken wird.

Wachstum nach außen.

Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen

nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer

wachsendem Maße um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen

Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Ländern. Immer

enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus

Sarepta stellte an Raum zur Verfügung, was es nur irgend entbehren

konnte. Aber schließlich mußte doch an Erweiterung gedacht werden.

Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.

Zunächst wurde für die epileptischen Handwerker, die im Keller des

Hauptgebäudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet

mit zwei Räumen, einem für die Anstreicher, einem für die Tischler.

Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder,

die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebäude. Nur

ihre Werkstätten wurden in unmittelbarer Nähe in einem kleinen Bau

aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bäcker waren die ersten, für

die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bäckermeister

Meise zogen sie in Bethlehem, dem „Brothaus”, ein, das zugleich

einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stände Unterkunft

bot.

Erst für das Diakonissenhaus, dann für die Epileptischen entstanden

kleine Ökonomien und damit notwendige und hochwillkommene

Arbeitsgelegenheiten für die Epileptischen in Stall, Feld und

Garten. Zu den Gärten, die rings um die Häuser her lagen und von

weiblichen und männlichen Kranken bestellt wurden, kam eine

besondere Gärtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflänzlinge und

die Blumen für die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden

konnten.

So reihte sich in allmählicher Entwicklung eins ans andere. Kein

vorgefaßter Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes

Programm. Keiner zog, keiner drängte vorwärts. Lediglich die Kranken

selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drängten und schoben. Es

hätte schmerzliche Stauungen und Störungen gegeben, wenn man solchem

Schieben und Drängen nicht nachgegeben hätte. Um so freudiger und

zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch

das ganze Vaterland um Hilfe bitten für die Not, die aus dem ganzen

Vaterlande heraus sich vor die Tür von Bethel legte. Und die Hilfe blieb

nicht aus. In dem Maße, als die Erweiterungen notwendig wurden,

erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.

Der Besitz an Grund und Boden war ursprünglich nur klein gewesen.

Und der größte Teil davon bestand in steilen Berghängen, die mit

Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer

eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit

der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr

Eigentum an Wohnstätten und Ländereien zum Verkauf an.

In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren

durch Überschuldung zum Verkauf genötigt. „Wir wohnen”, sagte Vater

einmal, „zum großen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt

hat.” In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die

Alkoholnot in erschreckendem Maße. Der Wohlstand ging zurück, die

Verschuldung führte zur Überschuldung und zum Zwangsverkauf.

Teilweise waren es grauenhafte Umstände, unter denen die früheren

Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem

Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen

Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst

abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld

versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu

Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da

schleppte der unglückliche Säufer eins seiner eigenen Kinder an das

Bett der Mutter und drückte dem Kind so lange den Hals zu, bis es

blau wurde und die gequälte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und

das Geld herausrückte. So waren es Stätten des Fluches, die rings um

die Anstaltshäuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln

sollten.

Trotz der großen Nähe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt

Bielefeld blieben die Preise für die zum Ankauf angebotenen

Besitzungen in erträglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel

darum fort, weil man die Epileptischen fürchtete und sich nicht in

ihrer Nähe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit für die

Bürger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz,

daß ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Süden

gerichtete Tal als Stadtgelände entzogen wurde.

Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt für die Epileptischen

war unter Führung eines angesehenen Großgrundbesitzers eine von

vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklärung erschienen, die

gegen die Ansiedlung fallsüchtiger Kranker in der Nähe der Stadt

Einspruch erhob. Ihr Anblick müsse die Spaziergänger erschrecken,

und die Häuser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und

Sandhagens gelegen, würden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um

nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen,

erklärte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung

einverstanden unter der Bedingung, daß ein ähnlich günstiges

Grundstück in größerer Entfernung von der Stadt angeboten und die

Mittel dargereicht würden zur Errichtung von Bauten, die dem

bisherigen Krankenbestand entsprächen. Das Anerbieten wurde nicht

angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.

Jetzt sieht man Sonntag für Sonntag die Wege der Anstalt von

zahllosen Spaziergängern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von

Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nähe der Stadt mußte mit

dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu

machen. Fernab in großer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem

Pulsschlag der Zeit, hätten doch manche das Gefühl haben können,

dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.

Die Zeichnungen für die kleinen Werkstätten, für die Umbauten der

neuerworbenen Besitzungen und auch für die Neubauten machte Vater

der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem

Zubettgehen saß dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem

Schoß, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem

abgerissenen Stück Papier, wie sich das alte Haus umbauen ließe oder

wie das neue am praktischsten angelegt würde. Der erste Entwurf

wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch

lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis

der Bauplan schließlich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt

und ausgeführt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die

scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr

geringen Mitteln aus den alten Häusern, die von den bisherigen

Besitzern geräumt waren, höchst bescheidene, aber doch oft auch

höchst gemütliche Heimstätten für die Kranken errichtet werden.

Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit.

Vater stand immer unter dem Eindruck großer kommender Ereignisse.

„Kinder,” sagte er öfter, „was werdet ihr noch erleben!” Er

rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. „Es

wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.”

Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des

Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, daß der

Bau von massiven Häusern sich wohlfeiler stellte als die

Fachwerkbauten, die schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit große

Ausbesserungen nötig machten.

Waren die Häuser glücklich gerichtet oder vollends zum Einzug

hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der

Bäckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in

unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater

verfaßt und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegespräch

zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten,

der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Gebälk des Baues. Und

zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran

schloß sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig

gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen

Bäckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die

Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gäste saßen im engen Raum

fröhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es

war über alle Maßen gemütlich. Aber was für mich die Hauptsache war,

es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte,

und -- das war die Krone -- für jeden ein Fläschchen Bier, auch für

die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.

Neue Aufgaben.

Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf.

Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen übergroßen Tatendrang

auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die französischen

Goldmilliarden, die in das Land geströmt waren, hatten viele Augen

geblendet. Es waren Gründungen aus der Erde gestampft worden, die

sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein großer

Rückschlag. Viele Arbeitskräfte, die in die neu entstandenen

Fabriken geströmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhältnisse,

aus denen sie gekommen waren, zurückzuverpflanzen, gelang nur

schwer. Eine große Zahl von ihnen bevölkerte die Landstraßen. Es

waren meist die körperlich und moralisch Schwächsten, die am ersten

entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt,

suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn überall

stockte Handel und Wandel.

Man nannte dies fahrende Volk „reisende Handwerksburschen”. Aber

das, was der ursprüngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der

alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte,

wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mußte, wollte er sich in seiner

Heimat als selbständiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt

gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen für sein Handwerk

gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste

statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse

schnell verschlungen haben würde, an seinem Wanderstab durchs Land,

von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen

leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb

er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schließlich, als

Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die

Schritte heimwärts lenkte.

Dabei war es Sitte, daß der Handwerksbursche überall „das Handwerk

grüßte”, d. h. bei den Meistern, die mit ihm eines Handwerks waren,

um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine

kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem

Gesellenverdienst für den ersten Anfang als Meister einen kleinen

Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der

Student auf den Universitäten, so hatten auch diese wandernden

Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrücke, deren Sinn nicht jeder

verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gäbe

waren. Wie beim Studenten, so hieß auch bei ihnen das Geld Moos, das

Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hieß

Flebbe, usw.

Aber je mehr das Handwerk zurückging und die Industrie aufkam, je

mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den

deutschen Wanderstraßen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden

Handwerksgesellen wurde ein immer höher anschwellender Strom von

Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt

überzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen

Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald

verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Türen und

baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot,

der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung

zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe oder ein Hemd,

eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei

„Mutter Grün”, war es aber kalte Jahreszeit, so mußten den Tag über

so viele Pfennige zusammengesucht werden, daß es zum Schlafgeld in

der Herberge reichte.

Auch an die Tür des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft

schöpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschüssel heraus,

und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich draußen gemütlich auf

der Stufe des kleinen Windfangs niederließ und sein Mittagbrot

verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den

Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhältnissen zu

erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte

Kleidungsstück hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.

Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus

hinüber und fand da wieder einen solchen „armen Reisenden”, wie sie

sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein

Hemd gab, das er flehentlich erbeten hatte. Das Gesicht des Mannes

kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, daß derselbe Mann

wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd

bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich

der Mann während der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anlaß,

der ganzen Frage der „armen Reisenden” näher nachzuforschen.

Es ergab sich ihm nun, daß viele von ihnen das Reisen längst

aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier

aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns müde geworden, weil an

andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld

auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen

Stadtteil, bald auch einen der äußeren Bezirke für ihre Streifzüge

vor, um sich für den Tag das nötige Essen und für die Nacht das

nötige Schlafgeld zu verschaffen.

Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto düsterer wurde das Bild,

das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte

vor seinen Augen auf, die mit größter Schlauheit die Mildtätigkeit und

Gutmütigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schätze von Lebensmitteln

und Kleidungsstücken durch die beweglichsten Reden erpreßten. Oft

konnten sie nur das wenigste davon für sich selbst verwenden. Alles

übrige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, für

ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps

umgesetzt. Vater stellte in der Nähe von Bielefeld solch eine berühmte

Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mästete allein

mit den Butterbroten, die seine Gäste bei den gutmütigen Landbewohnern

zusammenkollektiert hatten und die sie nun, außerstande, sie zu

verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.

Es zeigte sich ferner, daß die Zahl der Reisenden, die an unsere Tür

klopften, verhältnismäßig gering war. Unser Haus lag abseits der

großen Heerstraße. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der

stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht

nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger überall. Die Kinder

einer Witwe in Gütersloh hatten ein kleines Papphäuschen geschenkt

bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhäuschen statt mit Kuchen und

Süßigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstücken beklebt war. Es

waren im ganzen 52 Geldstücke. Nun schlug die Mutter den Kindern

vor, sie sollten, statt das Geld für sich zu verwenden, jedem armen

Reisenden, der an ihre Tür klopfte, jedesmal eins der Stücke von dem

Häuschen loslösen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an

einem einzigen Tage waren sämtliche 52 Stücke fortgegeben.

52 Bettler an einem Tage!

Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und

arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmäßige Bettler. Unter die,

denen das müßige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein

geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt

nach Arbeit suchten aber keine fanden. Überall, wo sie anfragten,

stießen sie auf Kopfschütteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten,

trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher

Schritt um Schritt das Betteln lieb, während er sich in gleichem

Maße der Arbeit entwöhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen

erzog ihn zum Betteln!

Was aber war seitens der Behörden zur Eindämmung dieser Not

geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer

bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln

gefaßt wurde, wurde mit Gefängnis bestraft. Je öfter sich der Fall

wiederholte, je höher stieg die Strafe. Da nun aber viele der

Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren,

schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so

entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein

regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der

List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine „stand

Schmiere”, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob

die Luft rein und kein Polizist in der Nähe sei, während der andere

an die Türen der einzelnen Häuser klopfte und um eine milde Gabe

bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam

durchgebracht.

Natürlich kam es immer wieder vor, daß die Polizei doch den einen

oder andern beim Betteln ertappte und abführte. Je nachdem wurde er

dann zu Haft, Gefängnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus)

verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja,

im Winter war es ihnen sogar erwünscht, verhaftet zu werden. Die

Klügsten unter ihnen suchten die Städte auf, weil sie wußten, daß es

dort im Gefängnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste

Essen gab. Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie

gefaßt und zu Gefängnis verurteilt wurden. In den Gefängnissen und

Korrektionshäusern selbst aber saßen gewohnheitsmäßige Vagabunden

zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und

nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz

des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. „Die wenigsten

Menschen”, schrieb Vater, „wissen, was das heißt, zum erstenmal in

ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe

für eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum

Arbeitshaus.”

So wurden diese Häuser, die das Landstreicherwesen eindämmen

sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich

eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art über das

Land ergoß, körperlichen und seelischen Ansteckungsstoff überall

hintragend.

Aber längst ehe sich für Vater diese Einzelheiten ergaben, war er

zur Tat geschritten. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht

essen,” das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fügte

hinzu: „Wenn wir barmherziger werden wollen, dann müssen wir härter

werden.” Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den

Jägerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war

Vater schon längst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang

gleichmäßig nach dem Jägerbrink abzuschrägen und durch eine kleine

Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden

angeschafft, und als die nächsten Arbeitslosen an unsere Tür

klopften, sagte Vater, daß sie gern Essen bekommen könnten, daß es

aber keines Menschen würdig sei, bloß zu essen, ohne zu arbeiten,

wenigstens solange die Möglichkeit bestände, sich sein Essen durch

Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drüben

am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen

lehnten entrüstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die

andern griffen zu Spaten und Hacke und ließen sich nach getaner

Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich

erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte

nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im

Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgeführt. Sie steht noch heute,

und über ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.

Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute

ihr bißchen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben können, dann aber

mußten sie ihren Weg auf den Straßen und an den Zäunen fortsetzen.

Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens überdrüssig, bat Vater, ob

er ihn nicht dauernd behalten und beschäftigen könnte. „Ja,” sagte

Vater, „wenn Sie fallsüchtig wären, dann könnte ich Sie behalten.”

Da stieß der Mann heraus: „Ich bin aber auch fallsüchtig.”

Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage.

In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoßenen

Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die

Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im

Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens.

Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als

eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit ließ sie diese

Unglücklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der

Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die

Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stieß, eine

in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer

weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch

einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fünf, zehn,

zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand.

Überall wurde er abgewiesen. Wohl drückte man ihm ein paar Pfennige

in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anlaß neuen

Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das

waren in der Tat Fallsüchtige, deren Los noch schwerer war als das

Los der fallsüchtigen Epileptischen!

Was tun? Zunächst durfte der eine nicht wieder hinausgestoßen

werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser

Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, gründlich zu

helfen.

Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von

den Tälern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden

hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in

dessen Sandbänken sich noch heute Muschellager und hin und her

zerstreut auch mal ein Stück Bernstein finden. In der Richtung der

alten Landstraße, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater

mit seinem getreuen Berater Bökenkamp in dieses einsame Land vor.

Nur hier und da ein ärmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide,

stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern, ein weites ödes Land.

Überall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fuß der Ort, eine

dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers

hinderte und weder für Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen ließ.

Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der

Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem

armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die

Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle

Aufgaben für die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden

Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld

entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof

entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen „Brüdern von der

Landstraße”, wie Vater fortan am liebsten diese seine jüngsten

Schützlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.

Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel

vorübergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in

der Senne übersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole:

„Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden.

Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Das

brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drückten sich davon.

Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie

verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwünschte Parole

noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust,

versoffen, Männer aus allen Gauen, allen Ständen und jeglichen

Alters; Jünglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und

solche, die kaum die Schule besucht hatten.

Würde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander

schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind

immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in

langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines

Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die

Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten für den Fall,

daß eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der

zusammengewürfelten Schar nötig werden sollte. Aber sie wurde nicht

nötig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren,

durch nichts anderes gedrängt als die selbst empfundene, selbst

erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschluß und die

Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und

die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten

Brotes.

Gerade für diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit

im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich

der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort

erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des

zweiten Grabens füllte den ersten, die des dritten den zweiten und

so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land für Wiese

und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue

Hoffnung für eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.

Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August

1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand

selbst mit im Graben, den Spaten führend, ein Bruder unter Brüdern,

ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch

der Schwächste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft für Leib und

Seele aus ihr schöpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein

Aufstehen für Fallsüchtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden

Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit

und läutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden

Leuten diese Stätte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine

Stimme. Dann wurde draußen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen

geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: „Längst vergess´ne

alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.”

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Ruf der jungen Kolonie sich

schnell ausbreitete. Von allen Seiten strömte es herbei. Ein

Aufhalten gab es nicht mehr. Es mußte gebaut werden. Die schwächeren

Kräfte blieben beim Rigolen, die stärkeren legten Hand an bei der

Aufrichtung der notwendigsten Räume für Menschen und Vieh. Aber noch

ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, daß mit dieser einen

Zufluchtsstätte dem überall wogenden Elend nicht gedient war. Es

mußte umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand,

die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden

entgegenstreckte?

Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner

Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sich seitdem

wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich

Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern

Herz und Verständnis für den Geringen und Geringsten im Volke

gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im

Schloßgarten von Potsdam wurde zwischen beiden Männern der Bund

geschlossen zum Wohl der „Brüder von der Landstraße”.

Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen.

Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie

Sammlung in Höhe von einer halben Million Mark überreicht worden.

Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hälfte zur

Gründung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der

Kronprinz bot Vater die andere Hälfte an, um damit den „Brüdern von

der Landstraße” gründlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem

Kronprinzen vor, jeder preußischen Provinz und jedem deutschen

Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prämie zur Verfügung zu

stellen zur Aufrichtung einer Kolonie für Arbeitslose. Gleichzeitig

bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne

einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wünsche erfüllte der

Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn

durch ganz Deutschland gebrochen.

In der Morgenfrühe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe

noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die

Blumensträuße, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem

Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen

und zu hören schien, sondern tief in das Gespräch mit dem hohen Gast

und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch

den Teutoburger Paß unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem

alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des

Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preußischen

Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der

evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des

Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoßenen des

Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm =I.= bekam die Kolonie den

Namen Wilhelmsdorf.

Bald kamen von überall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und

Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichen Prämie in

ihrer Heimat ähnliche Zufluchtsstätten ins Leben zu rufen. Natürlich

konnte die Prämie, die in jedem einzelnen Fall nur 5-10000 Mark

betrug, nur für die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere

Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln strömten der

Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.

„Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel

kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen”, war der

Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der überall

Verständnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger

Bettler der Bevölkerung für Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er

das Land ab, versoff sein Geld, ließ sich im Winter im Gefängnis

oder in der Korrektionsanstalt durchfüttern und zog, und das war das

teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter

sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern

von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine

große Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Unterstützung zuteil

werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber

nicht arbeiten wollte.

Überall waren es freie kirchliche Vereine, die die Träger des Gedankens

waren, evangelische und katholische. Es war für Vater eine ganz

besondere Freude, daß hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich

die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Höhen

herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die

Jahre hindurch bis heute geblieben. Daß dabei Hemmungen und Widerstände

zu überwinden waren, versteht sich von selbst.

Als Vater nach Münster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer

katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, daß der

Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei.

Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wußte, ein Gegner der

Sache und machte dahin seinen Einfluß beim Bischof geltend. Vater

hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem

zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular

zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn

verwundert ansahen, als wüßten sie nicht recht, ob sie einen

Bekannten oder Unbekannten vor sich hätten. Und als nun einer vor

ihm den Hut zog und er den Gruß erwiderte, merkte er, daß er im

bischöflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen

bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er

zurück, und lachend empfing ihn der Kastellan: „Der Herr Bischof

warten bereits.” Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die

Vater in der Zerstreutheit öfter passierten, mußten mithelfen,

größere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren

Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die

katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.

Die Asyle für die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann

offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden

Schnapsgenuß verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf,

das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es

also nicht mehr nötig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und

Vagabunden großzuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie

gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie

ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das möglich, ohne auf dem

Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien

zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinführten?

In der Tat: sollte dem Betteln gründlich gewehrt und dem Arbeitslosen

ganze Hilfe zuteil werden, so mußten die Zwischenglieder geschaffen

werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber

hier war es nicht nötig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der

alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte

in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im

Gegensatz gegen die wüsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen

wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und

Nahrung bot und den gänzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung

verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden.

Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit

auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und

durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.

So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur

Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und

größeren Abständen, zwei, drei, vier Stunden voneinander entfernt,

bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und

schließlich bis zur Kolonie führten. Gegen kurze Arbeit, die meist

in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die nötige Nahrung

gereicht, sodaß er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation

versehen, die nächste Etappe aufsuchen konnte.

Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden

getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze

aus der Erde. Und in demselben Maße, wie der Ausbau dieses

Zwischennetzes fortschritt, hörte das Betteln auf. Wo es vorher

gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die

Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrückt hatte,

konnte jetzt scharf über die Ordnung wachen. Jeder ehrliche

Arbeitslose setzte mit Ernst alle Kräfte daran, Arbeit zu finden.

Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die

Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drückte sich

seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen

noch Arbeitsstätten gab, bis auch dort das Überhandnehmen des

Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.

Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen

zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer

Monatsschrift, die unter dem Titel „Die Arbeiter-Kolonie”, später

„Der Wanderer”, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mörchen

mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor

Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.

Charakterisiert aber wurde Vaters Tätigkeit an den „Brüdern von der

Landstraße” durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der

Münchener „Jugend” erschien:

Ein Kunde war ich, duff und fein,

Stets ohne Moos und Fleppe.

Ich kehrt' in jedem Wirtshaus ein

Und stieg jedwede Treppe.

Als mir die Straßen, die ich ging,

Zum Hals herausgehangen,

Bin ich zum Vater Bodelschwingh

Nach Wilhelmsdorf gegangen.

Das war ein Kerl! Wie väterlich

Sprach er mir ins Gewissen,

Und „Bruder, Bruder” nannt' er mich;

Das hat mich fortgerissen:

Zum Spaten griff die träge Hand,

Die sonst nur Klinken drückte,

Und grub und grub im Ackerland,

Und die Bekehrung glückte.

Nun ist der Patriarch zur Ruh'.

Wie einst mit allem Volke

Spricht er mit Petrus jetzt per „Du”

Auf einer Himmelswolke.

Der revidiert den Ankömmling

Gestreng und sagt die Worte:

„Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,

Herein zur Herbergspforte!”

Johannes Trojan.

(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln

„Freistatt”, „Das Wanderarbeitsstättengesetz” und

„Hoffnungstal”.)

Der Bau der Zionskirche.

Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen können.

Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und

Hessen-Nassau hatten zunächst von der Errichtung eigener Anstalten

für Epileptische abgesehen und baten in steigendem Maße für ihre

Kranken um Aufnahme. Da, wo in den übrigen Teilen Deutschlands

Anstalten für Epileptische im Entstehen waren, mußte ihnen zu

richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, sodaß, auch abgesehen von

den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel

drängten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem

Ausland.

Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte,

darauf hinarbeiten, daß jede Provinz, jeder größere Bundesstaat nach

der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie

bekam, sondern auch eine eigene Anstalt für Epileptische? Er hat es

nicht getan!

Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast

ausschließlich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt für

Epileptische aber muß ein vielgliedriger Körper sein, wenn sie

ihren Bewohnern gründlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren

nur Hafenplätze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen

und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur

Rückkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt für Epileptische aber

sollte so viel wie irgend möglich dauernd jeden einzelnen Kranken an

den Platz stellen, der seinen Kräften, Gaben und Neigungen

entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt möglich, die ihrer

Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten

Handwerke und Betriebe sich entfalten läßt und auf diese Weise die

Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschäftigung beschränkt.

Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur

konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten für Epileptische mithalf,

sobald er sah, daß ein wirkliches Bedürfnis vorlag und ursprüngliche

Liebe und urwüchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten,

wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreußen,

Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch

auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Gründungen handelte,

die von vornherein nur für einen kleinen Kreis von Epileptischen in

Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen

Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von

Arbeitsgelegenheiten begnügen zu müssen. Dadurch aber war von

vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt,

ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drückend

ist.

So kam es denn, daß Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflöcke

seiner Zelte weiter und weiter stecken mußte. Ein Handwerkshaus, ein

Ackerhof kam zum andern. Für die epileptischen Frauen und Mädchen

mußte mehr Raum gemacht und auch die Kinder mußten gesondert werden.

Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Häuser

überragend, entstand ein Haus für die epileptischen Pensionäre, wo

Russen, Dänen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich

mit den Deutschen zusammen wohnten. Und ähnlich war es unten im Tal,

wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks für die epileptischen

Pensionärinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen

wurde.

Aber auch die Gründung von Wilhelmsdorf brachte für Bethel neue

Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur ein Vierteljahr lang in

Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin,

wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz

zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage,

ob die Widerstandskraft schon genug gestählt sei, um allen

Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die

aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch

am leichtesten, ihnen zur Rückkehr in den früheren Beruf zu

verhelfen. Aber für die Kaufleute und Akademiker war die

Schwierigkeit oft unübersteiglich. Darum mußte sich ihnen Bethel in

seinen Arbeitsstätten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen

übrigen Möglichkeiten als Übergangsstätte öffnen und Raum für sie

machen.

So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von

Sarepta sich zusammendrängten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei

zu empfangen. Schließlich genügten die Räume schlechterdings nicht

mehr. Für die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bänke

aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten.

Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung

der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde

geblieben. Aber für die kalte Zeit und die Regentage mußte ein

Ausweg gesucht werden.

Auf dem schmalen Bergrücken unterhalb der Waldkirche, der sich steil

zum Kantensiek hinuntersenkt, wählte Vater den Platz für die neue

Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar für alle

Häuser, die zu Füßen des Berges in den beiden Tälern sich

hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am

16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde,

fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der

Kronprinz kam. Es war mitten im strömenden Regen einer der größten

Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz

während der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern

jüngsten noch nicht sechsjährigen Bruder geleitete er fürsorglich

aus dem Regen unter einen schützenden Schirm. Selbst wehrte er ab,

als man ihm einen Schirm überhalten wollte, und ließ sich, wie Vater

später immer wieder den Kranken erzählte, für uns naßregnen. Kräftig

klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei

Hammerschläge; „Christus der Grundstein -- Christen die Ecksteine

-- Gott segne den Bau!” Und welche tief-menschliche Güte ging den

ganzen Tag über von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die

Gemeinde unlöslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten

Königsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.

Wenn übrigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wäre zwischen

Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das

irrig. Wohl hatte Vater gewünscht, daß es bei der Mittagsmahlzeit, die

der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz

familienmäßig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und

den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen möchten. Aber die

Einwände der Mutter hatten aus Gründen des Platzmangels gesiegt, und die

Eltern hatten sich dahin geeinigt, daß wir Kinder im Nebenzimmer unsern

besonderen Tisch haben sollten, aber bei geöffneter Tür. Von da aus

haben wir es dann mit erlebt, in welch überaus herzlicher Weise unser

hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater „Friedrich” und

„Du” nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im

mündlichen Verkehr, bei dem respektvollen „Kaiserliche Hoheit”.

Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im

frühesten Frühjahr -- wenn ich mich recht besinne, war es der erste

Februar -- begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen

Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater

auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte

er manche Stunde seiner Ferienzeit dafür gewidmet. Nur die Stärke

der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, ließ er der

Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover

berechnen. Hohe künstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau

nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus

konnte man die Kanzel sehen, und die fünf kleinen Ruhekammern an den

Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken während des Anfalls

gebracht wurden, gaben ihm das besondere Gepräge eines Gotteshauses

für Fallsüchtige.

Die tägliche Beaufsichtigung des Baues übergab er einem jungen

Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehört

hatte und in achttägiger Wanderung, des Nachts immer in den

Heuhaufen schlafend, geradeswegs nach Wilhelmsdorf gekommen war.

Dort hatte er sich durchaus bewährt. Es steckte ein gewisser Stolz

in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule

besucht hatte, sich Architekt nennen zu dürfen. Die andern aber

nannten ihn statt dessen immer nur „Arg-im-Dreck”. Das nahm er aber

nicht übel, sondern zeigte sich wirklich bei unermüdlichem Fleiß und

gutem Humor als ein überlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich

alles fügte, sodaß der Bau in großem Frieden und noch größerer

Freude vorwärtsschritt.

Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge

abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mädchen

lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf

den Bauplatz befördert wurden. Andere trugen in ihren Schürzen den

Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die

erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer

aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters

Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit.

Rotkehlchen und Rotschwänzchen nisteten in größter Zutraulichkeit in

den Mauerlöchern, aus denen eben erst die Gerüststangen ein

Stockwerk höher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den

Maurern gehütet.

Ungezählte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater

durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brüder

schliefen damals nur mit den Schulbüchern unter dem Kopfkissen, um

beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn

nachmittags und abends ließ der Kirchbau beim besten Willen keine

Zeit dazu.

Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem

Dachreiter sollte ein bescheidenes Glöckchen hängen. Davon hatte der

alte Missionar Lückhoff in Südafrika gehört und in seiner schwarzen

Gemeinde für einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das

war Vater eine ganz besondere Freude, und er prüfte sofort, ob sich

der Plan ausführen ließe. Es zeigte sich, daß ein solcher größerer

Turm viel zu teuer geworden wäre und die ganze Anlage der Kirche

gestört haben würde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren

zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Höhe gezogen

werden und sich zu zwei kleinen Türmen zu beiden Seiten des Chors

auswachsen konnten.

Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter

Höhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu

prüfen, ob sie wirklich die Glockentürme tragen konnten. Es zeigte

sich, daß sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden

kleinen Türme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und

Afrika.

Die Einrichtung der Kirche wurde zum größten Teil in den Werkstätten

der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur

Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm „Wenn der Herr die

Gefangenen Zions erlösen wird”, der längst zum Lieblingspsalm der

Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten

Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht

von Preußen, der spätere Prinzregent von Braunschweig, damals als

Großmeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher

Beziehung, schloß die Tür auf mit den Worten: „Ich öffne die Tür mit

dem Wunsche, daß alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen

und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben.” Den Mittelpunkt der

Feier bildete naturgemäß Vaters Ansprache, und man kann sich denken,

wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz überfloß von Dankbarkeit

gegen Gott und Menschen.

Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal überbrachte der

Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultät

Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren

sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht,

ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschätzung. Er

konnte sich gelegentlich redlich für andere bemühen, wenn er wußte,

daß jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung

zuteil wurde. Aber für ihn selbst war dies Gebiet menschlicher

Anerkennungen überwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder für seine

Person noch für seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht

eigentlich in die Reihe der Orden gehört, legte er bei besonderen

Vaterlandsfesten und bei Besuchen im königlichen Hause an.

Der junge Bauführer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine

Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, und nach Jahr und Tag

fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinnützigen

Bauunternehmens.

Arbeiterheim.

„Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen

Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde

steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits

vertröstet.”

F. v. B.

Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren

andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft übernahmen.

Mit dem schnellen Wachstum, das nach außen alle Lebensverhältnisse

ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Kräfte nicht Schritt

gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stände

rückten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre

alte uneingeschränkte Stellung, und ihnen gegenüber drängten die

Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren

sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran

teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verständigung

helfen zu können, stieß aber auf kühle Ablehnung, zum Teil auf

bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er

endgültig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine

parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich

auch bekannte.

In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunächst der Verdacht

festgesetzt, daß Vater zu den Reaktionären gehöre, die auch die

berechtigten Ansprüche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen

von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken

und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden

Bevölkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straßen als

geheime Agentinnen Bodelschwinghs öffentlich beschimpft.

Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste größere Streik aus. Die

Erbitterung wuchs in solchem Maße, daß es zu Gewalttätigkeiten kam

und der Belagerungszustand erklärt werden mußte. Mitten in die

Erregung der Gemüter wurde die Nachricht geworfen, Vater hätte der

Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von

Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war völlig aus der

Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und

lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mußte auch das

friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogen

werden. Militär-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die

Anstaltshäuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit

ständigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster

der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und

dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser, geschenkt waren, wurden

durch Drahtnetze gegen Steinwürfe geschützt.

Da erscholl eines Nachts Feuerlärm: „Eben-Ezer brennt!” Es war das

alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt für

Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter

Schlafsaal, von blöden epileptischen Männern bewohnt, dessen Dach

sich tief an den Berghang lehnte und durch böswillige Hand mühelos

von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war

schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die

Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen,

die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum

Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden

konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe

Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hörte man den

Ruf: „So ist's recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus

unsern Häusern vertrieben!”

Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem

Ackerhofe für Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle

Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklärt; nur daß

alles darauf hindeutete, daß in beiden Fällen ein heimlicher

Racheakt vorlag.

Aber Vater blieb jedes Gefühl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren

tönte jener nächtliche Ruf fort: „So ist's recht, daß Bodelschwingh

brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!” Wie ein

Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte

gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als

ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der

Wohnungsfrage.

Worin lag das Berechtigte in jenem nächtlichen Anklageruf? In der

Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im

Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentümer dieser

Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter,

die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen

Kotten der aufgekauften Bauernhöfe gewohnt hatten. Niemand, auch

Vater nicht, hatte sich darum gekümmert, wo sie geblieben waren. Das

fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer,

wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stieß, fragte er zunächst

nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.

Er überdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich

früher einer Wohnung abseits der großen Stadt hatten erfreuen können

und dazu eines Stückes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und

Kinder miteinander die Früchte für sich und ihr Kleinvieh ziehen und

den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schöpfung zubringen

konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrängt,

ohne Licht und Luft für Weib und Kind und ohne das liebgewordene

Stück Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die

„Frommen”, die für die Kranken sorgten, aber die Gesunden darüber

verkümmern ließen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft

machte!

Aber das war doch nur ein kleines Stück des weiten Gebietes, das

durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerückt worden war.

Das ganze Wohnungselend der Großstädte tauchte vor ihm auf. Wie viel

edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straßen, in hohe,

unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne

Vogelsang, fern von Wald und Feld mußten hier die Eltern ihre Kinder

aufwachsen sehen, während dicht vor den Toren der Städte sich das

weite Land dehnte, wo ungezählte Familien ihr eigenes Heim hätten

finden können. „Man hat gänzlich vergessen,” schrieb Vater, „daß,

seitdem wir Pulver und gezogene Geschütze haben, die Zeiten längst

vorüber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu

gewähren, in feste Städte zusammenpressen mußte.”

Aber was hatte überhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt

gedrängt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher

Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf.

Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die,

sobald sie sich genügend erübrigt hatten, die Abhängigkeit von der

Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit

getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Großstädte

zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehr

zugenommen. Statt daß Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden:

„Die großen Städte müssen zerstört werden” -- im rechten Sinne

verstanden -- in die Wirklichkeit umgesetzt worden wäre, hatte man

die Städte immer mehr zu schrecklichen Wasserköpfen anwachsen

lassen, die den ganzen Volkskörper verunstalteten, dessen Glieder

gleichzeitig durch die beständige Abwanderung vom Lande in die Stadt

immer mehr verkrüppelten.

Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den großen

Städten. Vater ließ sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch

manchmal mit tiefen Gefühlen des Schmerzes kämpfen sehen im Gedanken

an die schmerzlichen Versäumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen

der Großstädte Schritt zu halten, überall schnell und im voraus für

geeignete Plätze für Kirchen oder noch lieber einfache Bethäuser zu

sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein

persönliches Verhältnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern möglich

gewesen wäre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen,

Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine

Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegestätten für einzelne.

Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer

wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versäumt habe, was er

selbst wieder gut machen könne. Und hier mußte er, der sich so

manchmal über die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man früher

in Hinterpommern die Bauernhöfe aufgekauft hatte und die

Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin

-- jetzt mußte er sich ehrlicherweise gestehen, daß er selbst das

gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er für die Leute

getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingeräumt

hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?

Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen

hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in

unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbäumen,

die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frühesten Frühjahr

suchte er nach den treibenden Blütenkolben. Im Garten, vor seinen

Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die

ersten Übungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster

hatten wir unsern Kaninchenstall und unsere Räuberhöhle angelegt;

und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des

Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frühstückten, uns auf

Schultern und Armen saßen und uns die Bissen aus dem Munde holten.

Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der

engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen

gemalt!

Über den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Höhen des

Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbürger von Bielefeld

und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Gärten und Felder hatten. Dort

oben war auch der schöne neue städtische Friedhof entstanden, und

links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und

Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier,

weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstück von etwa sechs

Morgen Größe. Darauf blieb Vaters Blick hängen. Diesmal konnte er

nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt

es, verloren gegangenes Gebiet zurückzuerobern. Freund Bökenkamp,

der stille, vorsichtige, zuverlässige Mann, tat die entscheidenden

Schritte, und bald war das Grundstück oben am Berge gekauft. Damit

war neuer Heimatboden gewonnen für Heimatlose, Vertriebene,

Verbitterte.

Das Grundstück wurde in acht gleich große Bauplätze eingeteilt, und

für jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, für jedesmal eine Familie

bestimmt, jedoch groß genug, daß oben in den Dachzimmern noch die

erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und

die Besitzung übernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten.

Dann wurde der Platz öffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter

konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und

kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, daß er

eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte

die Bürgschaft liegen, daß man es mit einem nüchternen, fleißigen

Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmäßige Abzahlungen

leisten würde.

Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schön es dort

oben sein müsse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der

Grundstücke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald

mehr Bewerber, als berücksichtigt werden konnten. Das Los mußte

entscheiden. Unter die acht, zu deren Gunsten die Entscheidung

fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Plätze verteilt.

Doch war keiner gezwungen, den für jedes einzelne Grundstück

vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und

Bedürfnis ändern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt

antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das

kleine Besitztum an seinen neuen Eigentümer über.

Was aber wurde aus den übrigen Bewerbern, die nicht hatten

berücksichtigt werden können? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwärts

drängten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wäre Unbarmherzigkeit gewesen.

So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstückes, des dritten u. s. f., und

in allmählichem Fortschreiten legte sich ein großer Kranz von

Arbeiterheimstätten in näherer oder weiterer Entfernung rings um

Bielefeld.

Aber die örtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein

winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und

die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum löste, mußte überall in

Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu

schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese

Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im

April 1885 der „Deutsche Verein Arbeiterheim”. In besonderen

Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald

meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils

einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die

Kaiserin und später die Kronprinzessin Cecilie übernahmen das

Protektorat zum Zeugnis, daß es sich hier um die wichtigste

Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie,

handle.

„Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den

Arbeiterstand!” war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift

hinausgehen ließ in Stadt und Land. In schlichtesten, tief

ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum

Schwingen. Herz, Gemüt, Verstand, Gewissen faßte er in gleicher

Weise an. Die städtischen und ländlichen Behörden so gut wie die

einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir

haben sein Herz beben gehört, zittern gefühlt über der Frage: Wird

es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?

Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage

war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimstätte

beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes

eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein „Arbeiterheim” an

seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rückhalt gedient und ihnen

das nötige Kapital flüssig gemacht. Aber seine Schultern wären zur

Durchführung im großen zu schwach gewesen. Es mußte stärkerer und

weiterer Rückhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?

Die staatlichen Rentenbanken halfen größeren und mittleren Besitzern

mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer

Verzinsung zurückgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem

größeren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es

dem kleinen nicht auch gewährt werden?

„Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wäre, als beim kleinen

Mann, kein Kapital auch, das höhere Zinsen brächte.” In allen

Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten.

Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters

zur eigenen Scholle. Er vertraute mit größter Zuversicht, daß der

deutsche Arbeiter überall, wo man ihm die Hand dazu böte, alles

daran setzen würde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern

auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu

lassen. Er wußte auch, daß es unter allen irdischen Mitteln kein

sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht

als das eigene Dach und den eigenen Herd.

Darum gelang es ihm auch in unablässigem Bemühen um die Herzen der

verantwortlichen Männer und Behörden in Provinz und Staat, in

Schreibstuben und auf den Ministerstühlen, daß schließlich die

Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde.

Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerlaß über Zwergrentengüter,

wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem

halben Morgen Größe von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des

Gesamtwertes beliehen wurden.

Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in städtischen und

ländlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften,

weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifende Anleitung der

Verwaltungsbehörden alle tätigen, sich selbst helfenden Kräfte des

deutschen Vaterlandes künftig nicht eindämmten, sondern weckten und

förderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine

Gesundung des gesamten Volkskörpers. Der Arbeiter war nicht mehr

ausschließlich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder

gemeinnützigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an

die materiellen Hilfsquellen des Staates.

Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, daß, wo

irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der

Umgebung der Siedlung in die Höhe schnellten und den nachfolgenden

Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier

grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter

Damaschke eine unermüdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze

große Gebiet ließ Vater unberührt. Ich fragte ihn einmal, wie er

über die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dächte. Er

antwortete: „Davon verstehe ich zu wenig.” Es lag nicht in seiner

Natur, sich mit Fragen zu beschäftigen, deren Lösung erst in weiter

Zukunft lag. Er fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum

Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich

ihm mit zwingender Gewalt aufdrängten, griff er an und suchte er

dadurch zu lösen, daß er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und

diese Hilfsmittel so viel wie irgend möglich ausgestaltete.

Alles, was zunächst nur Theorie blieb, lag außerhalb seines

Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur über die

sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was

seine unmittelbar jetzt lösbare Aufgabe betraf und ihn darin

förderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick

heraus und machte er sich zu eigen.

Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der „sozialen Frage” als

solcher beschäftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in

Basel bat: „Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken über die soziale

Frage!” antwortete er: „Ich spreche nicht gern über Dinge, von denen

ich nichts verstehe.” Aber dann ließ er den Fragesteller in

anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen

Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet

hatte.

Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit für das, was geworden war,

die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates

ließen ihn nie in den Verhältnissen die Hauptschwierigkeiten

erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rückständig diese

Verhältnisse oft auch sein mochten, immer mit großer Zuversicht

hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung

half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen.

Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er,

wohl aber unter denen, die von den Menschen herrührten. Und gerade

auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit

wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit,

Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nächstenliebe

unterlassen und versäumt wurde.

Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen

Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die

Städte sich dem Gedanken öffneten, in ihrem Umkreise für die

Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch

wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mußte

das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch

hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht

allseitig genug. „Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen

dadurch, daß wir unsere Arbeiter selbständig machen”, mußte er immer

wieder hören. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes

sagte er in einer Predigt, daß die Besitzer alle im Grunde nicht

Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und daß sie, um

als Verwalter bestehen zu können, wenn Gott einmal Rechenschaft von

ihnen forderte, die Pflicht hätten, dem kleinen Mann zu einem Haus

und Stück Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als

selbständiger Verwalter innehaben könne. Der Bauer müsse sich

endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von

dem von den Vätern ererbten Besitz etwas abgebe für den kleinen

Mann. Aber Vater stieß auf kühle Ablehnung und wurde auf lange Zeit

hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.

Ähnlich ging es ihm weiten Kreisen der Großgrundbesitzer gegenüber.

Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen für den

Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Maße

verbessert wurden und der Landarbeiter sich, wenn er seine

Einkünfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie

Industriearbeiter der Großstadt. Aber eng und starr hielten vielfach

auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: „Alles für den

Arbeiter, nichts durch ihn”, d. h. sie waren bereit, für den

Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem

Maße ihrer Kräfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in

abhängiger Stellung dem Gute gegenüber blieb. Sobald es sich aber

darum handelte, den Arbeiter auf eigene Füße zu stellen, sodaß er

auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf

und dann durch freien Entschluß in ein neues Dienstverhältnis zum

Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurück. Man

wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.

Durch die immer mehr gesteigerte Tätigkeit der Volksschule wurde der

Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewußtsein

gehoben, all seine Kräfte geweckt. Aber man gab diesen Kräften kein

Feld eigener Betätigung, eigener Entfaltung. Das mußte schließlich zu

einer Katastrophe führen. „Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit,” hörte

ich Vater zu einem Großgrundbesitzer sagen; „wenn ihr dann nicht Ernst

gemacht habt, habt ihr die Revolution.” Und ein anderes Mal: „Vor den

Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor

der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr

helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle

wiederzugeben.” Dabei ging für ihn die Lösung der sozialen und der

religiösen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongreß für

Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: „Um reif zu werden für die

himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist

es nötig, daß man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen

hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem

irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch für das Verlangen nach

einem ewigen Vaterhause abgestorben.”

Es muß ehrlicherweise zugegeben werden, daß Vater manchen

Großgrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er

seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte,

als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde

hatte er nie daran gedacht, daß die vorhandenen Mietsverhältnisse

sämtlich aufgelöst werden sollten, damit jeder Arbeiter sein

eigener Herr würde auf eigener Scholle. Er wollte nur, daß dem

Arbeiter die Möglichkeit dazu verschafft und daß seiner drängenden

Kraft Ventile geöffnet würden. Es war ja klar, daß viele das

sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung für ein eigenes

Besitztum vorziehen würden. Aber denen, die nach dieser

Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.

Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geöffnet werden sollte,

ging freilich Hand in Hand, daß auch der Industrie Möglichkeit

gewährt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so würde das

Wachstum der Großstädte unterbunden werden. Namentlich die Kanäle

sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land

zu ziehen. Unermüdlich war er auch für diesen Gedanken eingetreten.

Mit der Industrialisierung des Landes würde ja auch mehr und mehr

dem Mißverhältnis gesteuert werden, daß die Bodenpreise in der Nähe

der Städte übertrieben hoch, auf dem Lande unverhältnismäßig gering

waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so

sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des

Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nüchterner

Berechnung sich sagen mußten, daß das Festhalten des Arbeiters auf

dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr

eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter für den

erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Großgrundbesitz einen

Teil seiner Schulden abstoßen. Durch die Zunahme der Landbevölkerung

war das Absatzgebiet für die Landwirtschaft bereichert und die

Möglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskräfte nicht gemindert,

sondern vermehrt.

Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und

Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen großen Städte war, in

denen sich der Umschwung der Dinge verhältnismäßig ruhig vollzog, wurde

als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt:

die verständige Hand eines maßvollen sozialdemokratischen Führers und

die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das

Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der

praktische Ertrag auch verhältnismäßig gering war, -- denn was bedeutete

die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden

im Einfamilienhaus gegenüber der großen Masse, die in die Städte

gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmöglichkeit vor

sich hatten! -- Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften

Enttäuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer

wieder hinauszurufen: „Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große

Scholle für den Arbeiterstand!”

Als darum während des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen

Kämpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand

er überall lautes Echo. Großgrundbesitzer des Ostens stellten damals

weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfügung, damit der Gedanke in

die Tat umgesetzt würde. Hätten sie es zwanzig Jahre früher getan,

wie viel wäre verhütet worden!

Zu spät ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins

„Arbeiterheim” haben sich inzwischen überall durchgesetzt. Das ganze

Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So könnte sich

der Verein in die Stille zurückziehen. Doch besteht er noch fort,

damit er überall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen,

mit seinen Erfahrungen helfen kann.

Das Kandidaten-Konvikt.

Der Überschuß an Kandidaten der Theologie war in den achtziger

Jahren groß. Manche von ihnen mußten jahrelang auf feste Anstellung

warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese

Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß die brach liegenden Kräfte

während der Wartezeit nicht müßig blieben, sondern eine gründliche

Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goßler, ihm

zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zukünftiger Pastoren für den

Dienst der inneren und äußeren Mission die erforderlichen Geldmittel

darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunächst für

vier, später für acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die

Mittel gewährt. Ein Nebengebäude des Hauses Hermon, Klein-Hermon,

wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.

Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, daß sie des Vormittags

auf den verschiedenen Stationen der Anstalt tätig waren, während der

Nachmittag der besonderen Ausbildung auf den zukünftigen Beruf

vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Männerstation des

Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter,

Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das

Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch

an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar

bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron,

der Landstation der epileptischen Männer, der vierte auf dem

Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwölf Wochen wurde

gewechselt, sodaß jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete

kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die

Tätigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat,

Trinkerheilstätte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brüder

und der epileptischen Kinder usf.

Es verstand sich für Vater von selbst, daß ein zukünftiger Diener

des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken

und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei.

Darum stellte er sofort mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die

es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich

meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie

sich gleich den Schwestern und Brüdern, die ihnen vorarbeiteten, die

blaue Schürze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie

nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat

die blaue Schürze unendlich leichter und lieber getragen als den

Talar.

Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach

kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken

zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die

allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur großen Wohltat, daß sie

einmal die Gedankenarbeit mit der gründlichen Praxis vertauschen

konnten. Das alte Wort =„Praxis epibasis theorias”= (der Weg der

Gewißheit führt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit.

Über der tätigen Hilfe, die er leisten konnte, vergaß mehr als ein

Kandidat die Gedankengrübelei. Im Zusammenleben mit manchen Brüdern

und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, daß

Jesus Christus die eigentliche Großmacht in der Welt sei, von der

noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines

Menschen Macht stehen, und der kindliche Glaube eines am Geiste

schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von

Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles übertraf, was die

Universitätszeit geboten hatte.

Dazu kam dann der persönliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die

Post kam schon früh, und Vater ließ jede Sendung durch seine Hand

gleiten, um an der Handschrift zu prüfen, ob die Rücksicht auf den

Briefschreiber es erfordere, daß er allein den Brief öffnete. Alle

übrigen Briefschaften übergab er dem Kandidaten. Natürlich kam es

vor, daß auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den

Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches

Geheimnis ausgeplaudert worden. Das große Vertrauen, das Vater vom

ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die

zartesten und tiefsten Kräfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief,

wurde heilig gehalten.

War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat über die

einzelnen Schriftstücke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je

klarer und kürzer der Bericht ausfiel, je größer war für Vater bei

seiner gedrängten Zeit natürlich die Wohltat. So berichtete einer,

der es besonders knapp machen wollte: „Junger Mann, Offizier

gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung.” Da sagte Vater

nur, aus tiefster Seele heraus: „Arme Mutter.” Der Kandidat hat

nachher erzählt, von welch unauslöschlichem Eindruck diese zwei

Worte auf ihn gewesen seien.

Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging

er in die einzelnen Häuser, um sie dort zu besprechen oder auf den

Schreibstuben abzugeben. Was übrig blieb, beantwortete Vater selbst,

und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretär, der

stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war,

diktierte. „Nur nichts aufschieben” war seine Losung. „Aufschieben

macht Qual.” Dann hörte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben

wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Kürze aus jedem Briefe

sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne stärksten Einfluß

bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb

und bei manchem Kandidaten, der inzwischen längst zu Amt und Würden

gekommen war, Jahr um Jahr neue Früchte trug.

Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und

später eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen

Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vorträgen

und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen

besprochen und außerdem die Geschichte der Inneren und Äußeren

Mission behandelt.

Die Übungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater

selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden

Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims

gehalten wurden, nicht katechetische Übungen nennen. Wie schon

einmal erwähnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum

erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische

Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte

erzählen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in

höchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es

zu einer Kunst des Erzählens gebracht, die Kinder und Kranke aufs

tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemütes,

sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzählen, nur durch

gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten

geübt und ihnen selbst vorgemacht.

So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in

ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Stühlen vor und zwischen

den Kandidaten saßen, die Geschichte von der königlichen Hochzeit

erzählte. Als er an die Stelle kam, wie der König hineinging, die

Gäste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern

wandern ließ, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er

vollends darstellte, wie der König den einen Gast traf, der kein

hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkürlich die

Augen nieder in der Sorge, er selbst könne vielleicht der eine sein.

Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts

Eingeübtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schönheit,

Größe und Gewalt des Wortes Jesu.

Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle

nicht in Hast, aber in möglichster Kürze. Länger als höchstens eine

Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam

noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus

dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzählen.

Am Freitag um fünf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen

Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich

so schwer gemacht wie nur möglich. So leicht, weil das Publikum, vor

dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Fürchten war. Die Fenster, die

nach rechts und links in die Krankensäle führten, waren geöffnet,

und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Töne der

Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den

Bänken in der Kapelle selbst saß für gewöhnlich nur eine einzige

Station von epileptischen Mädchen unter der mütterlichen Führung der

alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprüche,

sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu

ihnen gesprochen wurde.

Aber gerade hierin lag nun auch die große Schwierigkeit der Aufgabe.

Über die höchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, sodaß Leidende,

Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten können, das

war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen

menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die

tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und

Gleichnisse fassen konnte, daß sie allen Völkern der Welt in ihren

einfältigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich faßlich und

unergründlich sind.

In der kleinen Brüderstube der Männerstation von Sarepta, in der der

alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im

unmittelbaren Anschluß an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die

Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung,

dann die Predigt. „Wer sagt ihm etwas?” fragte dann Vater die

versammelten Kandidaten. „Bitte, sagt ihm etwas!” Zum Schluß kam

dann Vater selbst. Er ließ sich das Konzept nicht vorher geben, aber

er hörte sehr genau der Predigt zu.

Auch das Äußere ließ er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit

der langen Schnurrbärte. „Sieh mal,” sagte er zum Träger eines

derartigen Schmuckes, „die Kranken fürchten sich, wenn du mit solch

einem langen Schnurrbart daherkommst, als wärest du ein

Unteroffizier.” So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene

Eitelkeit.

An der Einteilung der Predigt rüttelte er, wenn es nötig war, mit

kräftigen Stößen. Aber ihren Inhalt behandelte er immer mit der

größten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das

Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so größerer

Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Früchte

ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhörerschaft

dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern

durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoßene Rohr

nicht zu zerbrechen, sondern zu stärken, das übte Vater in diesen

kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war

es so, daß das Lob ermunterte, aber zugleich demütigte, und der

Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten,

dessen Predigten er schon wiederholt zugehört hatte, sagte er: „Wenn

du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so

scharf das sündige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man muß

erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den

Händen und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.”

Sooft wie möglich ließ er sich von den Kandidaten auf die Feste im

Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rückkehr von solch einem Feste

stellte es sich heraus, daß die Kandidaten, die in einem zweiten

Wagen saßen, an zwei Frauen, die zu Fuß gingen, vorübergefahren

waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er ließ sie alle

aussteigen und den Wagen zurückfahren, um die Frauen aufzunehmen.

Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet.

Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst

hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Söhne unterstützt.

Schließlich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur

Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.

Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in größtem Segen an

der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige

Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nächste Beziehung

getreten. Er übernahm im Jahre 1895 die Führung der Kandidaten,

denen er, bis seine Kräfte zusammenbrachen, ein väterlicher Freund

und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Gründlichkeit,

Treue und Hingabe geworden ist.

Afrika.

„Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, daß wir

da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die

Not am größten ist.”

F. v. B.

Obwohl sein Weg ihn nicht persönlich in die Heidenwelt hinausgeführt

hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war

er, wie berichtet, für die kommenden und gehenden Baseler Missionare

und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er

durch den „Westfälischen Hausfreund” den Blick auch zu den Heiden

hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der

Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler

Mission, die ihm ständig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald

kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bäckergeselle

der kleinen Bäckerei von Sarepta, Dietrich Baumhöfner, war als Kind

durch eine Kinderschulschwester innerlich angefaßt worden und der

göttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das

Berliner Missionshaus, das ihn nach Südafrika aussandte.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 12 / 18 题