5. _Otto Mellin._

Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen

sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war

ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in

Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin

verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und

bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses.

Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder

erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen

Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war,

längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn

Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf

seinem Angesicht und in seinem Wesen.

Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten

wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines

Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er

sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine

Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu

können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der

Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin

dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen

und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund

geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in

Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.

Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten,

innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen,

zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen

Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so

äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit

Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von

unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.

Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt

sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große

Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der

persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er

hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich.

Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie

zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte

er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er

einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim

späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und

auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte,

entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er

die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter

ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr

und Fahrkarte einstecken.

Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was

wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken

sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich

wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus

keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den

irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er

rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste

Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns

Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine

Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die

sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große

Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater

in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen

um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn

ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den

kleinsten Pfennig verantwortlich.

So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter

Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen

Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier

wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch

zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein

Diener des Erbarmens.

Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der

Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen

Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld

etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die

Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal,

„soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei

werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum

wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender

Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu' und Glauben, wie beim

Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war

die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur

keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel

ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern

Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem

Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von

ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken

den Frieden einbüßte.

So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am

meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte.

Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die

Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er

unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben

Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft

hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten

Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen,

sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet

sein läßt.

In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem

irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin

völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit

eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit

und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde

nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen

vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer

Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu

einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer

Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte

und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der

Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.

Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine

und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen

waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch

den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende

Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk

emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte

er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am

andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete,

fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der

kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern,

der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens

geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag,

an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders

bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht

seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und

getreuer Knecht -- gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den

Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 11 / 18 题