Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen
sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war
ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in
Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin
verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und
bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses.
Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder
erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen
Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war,
längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn
Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf
seinem Angesicht und in seinem Wesen.
Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten
wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines
Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er
sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine
Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu
können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der
Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin
dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen
und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund
geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in
Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.
Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten,
innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen,
zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen
Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so
äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit
Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von
unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.
Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt
sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große
Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der
persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er
hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich.
Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie
zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte
er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er
einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim
späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und
auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte,
entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er
die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter
ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr
und Fahrkarte einstecken.
Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was
wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken
sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich
wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus
keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den
irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er
rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste
Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns
Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine
Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die
sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große
Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater
in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen
um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn
ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den
kleinsten Pfennig verantwortlich.
So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter
Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen
Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier
wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch
zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein
Diener des Erbarmens.
Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der
Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen
Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld
etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die
Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal,
„soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei
werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum
wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender
Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu' und Glauben, wie beim
Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war
die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur
keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel
ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern
Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem
Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von
ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken
den Frieden einbüßte.
So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am
meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte.
Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die
Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er
unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben
Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft
hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten
Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen,
sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet
sein läßt.
In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem
irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin
völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit
eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit
und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde
nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen
vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer
Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu
einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer
Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte
und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der
Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.
Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine
und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen
waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch
den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende
Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk
emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte
er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am
andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete,
fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der
kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern,
der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens
geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag,
an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders
bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht
seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und
getreuer Knecht -- gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den
Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.