Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe nötig. Zu
suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines
Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in
Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Stürmer
kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit
ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort
der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps außer
allen andern Pflichten, die er übernommen hatte, die ganze
Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Stürmer kam und erlebte
jene erschütternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre
vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein großer Trost
gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu
unlöslicher Freundschaft.
Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch
manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der
Ordnung der Verhältnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich
aber nicht entschließen können, selbst nach Ducherow überzusiedeln.
Statt seiner empfahl er seinen Freund Stürmer. Nach siebenjähriger
Tätigkeit in Ducherow kam dann Stürmer, der sich inzwischen
verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natürlich ein großes Ereignis
für uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor
den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern
im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.
Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin
Stürmer den größten Respekt entgegengebracht. In Stürmers äußerer
Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine
unerschütterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben.
Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit,
Milde und Herzensgüte, daß man sie nur zu sehen brauchte, um ihr
Verehrung entgegenzutragen. Daß auch mit den Kindern dieser Eltern
uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von
selbst.
Vor allem entlastete Pastor Stürmer unsern Vater in der Arbeit an
den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis
nicht mehr so, wie er es wünschte, gekonnt hatte, tat jetzt Stürmer:
er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen
an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer
der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein
kurzes gütiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu
dämpfen, so nahm Pastor Stürmer sich die Muße, dem Herde des Feuers
nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst
einen großen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem
Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er
hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch
fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war überhaupt seine
Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, führte
er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des
Epileptischen auf den festen, unerschütterlichen Grund der ewigen
Wahrheit und des ewigen Friedens.
Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um
sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie,
sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestät
Gottes, die er an der Hand irgend eines Schriftwortes vor die
Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.
Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte.
Auch hierin ergänzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet
nicht weiter gebracht hatte, als daß er mit einem Finger eine
Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der
Hügelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau
überflüssig geworden und stand nun im Speisesaal von Groß-Bethel. Um
diese Orgel sammelte Stürmer den Chor der Epileptischen. Der
126. Psalm -- „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” --,
mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor
Stürmer zuerst eingeübt worden.
Auch die Aufnahme der Epileptischen übernahm Pastor Stürmer,
insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten
Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des
Geldes willen abzuweisen. Aber seine Güte war doch nicht selten
mißbraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die
sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten
und den Wohltätigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten.
Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur
Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen
verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es
nicht so. Und Pastor Stürmer ging mit zäher Treue allen Quellen
nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.
Während die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor
Stürmer der Leiter der Brüder. Doch blieb das feste Band dadurch
erhalten, daß Vater bei den Brüdern eine oder zwei Unterrichtsstunden
gab, Stürmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drängte
Stürmer zur Klärung und Entscheidung. Vaters unermüdliche Geduld konnte
nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine
Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlaßte
zurückzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und
Diakonen, die Tag für Tag mit solchen ungeeigneten Kräften zu tun
hatten, oft Außerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre
Schultern im Tragen und Ertragen gestählt und manche derartige Kraft mit
seiner unermüdlichen Geduld innerlich überwunden und dadurch der Arbeit
erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wäre.
Stürmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den
Brüdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das
war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur kürzer ist als die
der Frau und die Brüderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit
gehemmt worden wäre, wenn Pastor Stürmer nicht immer wieder schnell
die lauen Elemente abgewehrt hätte.
Seine Entschiedenheit trug er natürlich auch in die
Schwesternstunden hinüber und ergänzte so Vater in der Erziehung der
Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit glätten konnte,
die Stürmers Arbeit an den Brüdern mit sich brachte.
Stürmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf
Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit
der Überzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer
von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Stürmers
Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der
epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde
zum großen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in
Witten, dem Stürmer als väterlicher Freund nahe stand, hat mit dem
Titel „Unter dem Rauschen des Gottesbrünnleins” (erschienen in der
Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszüge aus den Predigten und
Stunden Stürmers herausgegeben. Wer Stürmer ganz verstehen und einen
Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen
Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist,
der muß zu diesem Büchlein greifen.
Die Texte, über die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden,
verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Stürmer hielt sich
unerschütterlich daran. So waren einmal für die Abendgottesdienste
der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden,
und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der
Passionswoche, fiel das erste Wort: „Vater, vergib ihnen.”
Nun traf es sich, daß an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne
Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst
gehalten; am Abend sollte die Feier sein, in welcher Pastor Stürmer die
Freude und die Wünsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man
erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Stürmer blieb bei
dem, was einmal festgelegt war: „Vater, vergib ihnen.” Und es ergab
sich, daß der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des
Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der
Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Sünden heraus ja
in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. „Denn wo Vergebung der
Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.” Auf diese beglückendste
Wahrheit stellte Stürmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit
ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.
Die unerschütterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Stürmer
gegen Vater erfüllte, brachte es mit sich, daß er bei Tag und Nacht
bereit war, Vater zu entlasten und zu ergänzen. Es gab keine Reise,
keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick,
wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn übertragen konnte.
Wie oft sind wir Kinder hinübergesprungen durch den Garten des
Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu
überbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit
aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten
Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen
hat man ihn nie hören.
Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu
jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er
sie dann Pastor Stürmer zur gründlicheren Behandlung aller ihrer
Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Stürmers mit Epileptischen
gefüllt, die rings um ihn her saßen. Er pflegte dann wohl in großer
Gemütsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern
mit dem Bleistift aufzurollen, -- denn um den Umschlag wieder
verwenden zu können, zerschnitt er ihn niemals -- und während dessen
hörte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch für die gesunden
Anstaltsglieder blieb das Stürmersche Haus ein stets weitgeöffneter
Ruheport und für die Gäste, die kamen, eine nie sich schließende
Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der
leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte,
eine große Wohltat für unsere Eltern.
In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft
großartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Stürmers
Kraft. Während eines Familienabends bei den epileptischen Damen in
Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht
wieder erholte. „Es ist schwer, nichts zu sein”, seufzte der tätige
Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlöst war, rief Vater
an seinem Grabe: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich
habe große Freude und Wonne an dir gehabt.” Das ging uns durch Mark
und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schließlich zur
völligen Lähmung führte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und
Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.