3. _Wilhelm Heermann._

Oft hat Vater den Gedanken abwehren müssen, daß er der Begründer der

Anstalt gewesen sei. Er war ja tatsächlich erst eingetreten, als der

erste Anfang bereits fünf Jahre zurücklag. Wenn er aber gefragt

wurde, wer denn eigentlich der Begründer gewesen sei, wen sollte er

da nennen? Er hätte manche Namen aus Rheinland und Westfalen

anführen müssen, die in den sechziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts bei den ersten Fundamenten zusammengewirkt hatten und

für die Pastor Balke aus Rheydt der öffentliche Sprecher geworden

war. Balkes Bild behielt darum in Vaters Zimmer seinen Platz.

Aber wenn Vater die Besucher durch die Anstalt führte, brachte er

sie gern auf den Friedhof und zeigte ihnen dort in der äußersten

Ecke ein Grab, auf welchem geschrieben steht: „Hier ruht ein treuer

Freund des Ravensbergischen Volkes, Friedrich Wilhelm Heermann, geb.

31. März 1800, gest. 26. Jan. 1882 in Sarepta. Der Herr wird dein

ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende

haben. Jes. 60, 20.”

Diesen Heermann bezeichnete er am liebsten als den eigentlichen

Gründer der Anstalt. Ich habe den achtzigjährigen Mann noch deutlich

in Erinnerung, wenn er an unserm Mittagstisch saß oder wenn er sich

an meiner Hand von unserm Haus in sein Zimmer auf der Männerstation

von Sarepta zurückführen ließ. Dort stand auch seine kleine

Stubenorgel, zu der ich ihm einige Male den Wind gemacht habe. Es

war mir sehr feierlich in Gegenwart dieses Mannes zu Mut, aber nicht

eigentlich furchtsam; und das ist mir noch heute ein Zeichen, daß in

dem Mann eine tiefe, lautere Frömmigkeit gewohnt haben muß und er

nicht zu den Überfrommen gehörte, vor denen Kinder so leicht eine

Scheu empfinden.

Er stammte aus der Gemeinde Werther, zwei Stunden nordwestlich von

Bielefeld. Dort hatte sein Vater eine kleine Stätte besessen, d. h.

ein eigenes Haus mit einigen Morgen Acker, die er mit den Kühen

bewirtschafte. Als etwa zwanzigjähriger Jüngling war Heermann von

dem Boden auf die Diele gestürzt, und als Folge dieses Sturzes hatte

sich eine Störung seiner Sehkraft und schließlich vollständige

Erblindung herausgestellt. Aber die Nacht, die sich über sein

äußeres Leben legte, wurde ihm zur Nacht von Bethlehem, von der es

heißt: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen -- Des großen Gottes

Freundlichkeit. -- Das Kind, dem alle Engel dienen, -- Bringt Licht

in meine Dunkelheit. -- Und dieses Welt- und Himmelslicht -- Weicht

hunderttausend Sonnen nicht.”

Die Zeit der vollständigen Erblindung Heermanns fiel zusammen mit

der Zeit der Erweckung des geistlichen Lebens, die nach der Öde und

Dürre des Vernunftglaubens wie ein erfrischender Lufthauch durch das

Land ging. Auch in Minden-Ravensberg waren in Stadt und Land die

Gewissen erwacht. In kleinen und größeren Kreisen sammelte man sich,

um gemeinsam nach Gottes Wahrheit und Willen zu forschen und sich im

Glauben an den Versöhner zu stärken.

Heermann wurde einer der Pfleger dieser Kreise. Es kam ihm

zustatten, daß er noch in den Tagen des gesunden Augenlichtes

gelernt hatte, im Sattel zu sitzen. Jetzt sah man den blinden Mann

mit einem Geleitsmann zusammen durch das Land reiten, um bald hier,

bald dort die Versammlungen der Glaubenden zu stärken. Bald wußte er

so genau auf den Straßen des Landes Bescheid, daß er, wenn er nicht

ritt, zu Fuß ganz allein die weitesten Strecken zurücklegte, um

nicht nur die Versammlungen aufzusuchen, sondern auch die einzelnen

Familien, die den neuen Weg des Glaubensgehorsams beschritten

hatten, zu stärken und zu fördern. Auch in mehr als einem adligen

Hof des Landes war er ein gern gesehener Gast.

Er blieb nicht bei der Gewinnung einzelner Seelen und einzelner

kleiner Kreise stehen. Sein inneres Auge war auf die Erfassung der

Volksseele, auf die Gewinnung der Gemeinden gerichtet. Darum lag ihm

daran, daß die Kanzeln des Landes wieder mit Männern besetzt wurden,

die durch ihre Predigt das tiefste Bedürfnis stillen und zu dem

Heiland der Welt führen könnten. Nach dieser Richtung hin leitete er

darum vor allem das Gebet derer, die mit ihm eines Sinnes waren.

Zugleich unternahm er alles, was zur Gewinnung tüchtiger Pastoren

führen konnte. Mehrmals reiste er deswegen nach Berlin, und man gab

ihm Gelegenheit, sich vor dem König Friedrich Wilhelm =IV.= über

seine Gedanken und Wünsche auszusprechen.

Das war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Same,

der immer reichlicher ausgestreut wurde, ging auf. Ein Frühling

neuen Lebens füllte die Hügel und Täler des Ravensberger Landes, und

in das stille Rauschen der Bäche, die die verborgenen Wiesentäler

des Landes durcheilten, mischte sich das Rauschen des neuen Geistes,

der die Herzen erfüllte. Aus solchen Herzen aber erwuchs die

Willigkeit, dem Rufe Gottes zu folgen, um den Elenden nicht nur die

Häuser zu bauen, sondern sie auch in diesen Häusern zu pflegen,

nicht um Geldes willen, sondern frei und umsonst aus Dank gegen

Gottes große Heilandstat in Jesus Christus.

Später folgte dann Heermann dem Rufe des Grafen Arnim-Muskau, um

dort längere Jahre hindurch in ähnlicher Weise tätig zu sein wie im

Ravensberger Lande. Als die Kraft nachließ, lud ihn Vater ein, für

den Rest seines Lebens zu uns zu kommen. Er wurde dann in Sarepta

zum Seelsorger der Kranken, die aus Stadt und Land Aufnahme fanden.

Bei den Andachten, die er regelmäßig in den Krankensälen hielt, ging

ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied

Pöppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas,

die dann von Heermann ausgelegt wurden.

Im Sterben ließ sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches

Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: „Die Strafe liegt auf

ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir

geheilet”, rief er: „Halleluja, Halleluja!” Es ging uns schon als

Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder

tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes

erzählte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade über

diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem

Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem

beseligenden Glauben.

Bedeutsam aber bleibt, daß Vater diesem schlichten Mann des Volkes

vor andern grundlegenden Einfluß zuschrieb für die Bereitung des

Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 9 / 18 题