Sie sind in meiner Erinnerung beide unzertrennlich voneinander. Mutter
Emilie war Oberin des Diakonissenhauses. Sie wurde aber nie so genannt,
sondern hieß einfach „Mutter”. Schwester Lottchen war die
Probemeisterin, d. h. die Leiterin derjenigen jungen Schwestern, die zur
Probe aufgenommen wurden. Mutter Emilie war Schwester des
Kaiserswerther Diakonissenhauses, Schwester Lottchen hatte dort ihre
Ausbildung erhalten. Darum behielten sie auch bis an ihr Ende ihre alte
Kaiserswerther Haube. Auch die Sarepta-Schwestern hatten ursprünglich
dieselbe Tracht. Da aber die Kaiserswerther Haube mit ihrer feinen das
Gesicht einrahmenden Rüsche, die bei jeder Wäsche losgetrennt und wieder
zusammengereiht werden mußte, sehr viel Arbeit kostete, so führte Vater
nach dem Vorbilde des Diakonissenhauses in Neuendettelsau eine andere
Haube ein, die weniger Arbeit brachte und die bis heute beibehalten
wurde, obgleich auch sie Vater nie völlig praktisch genug erschien.
Mutter Emilie stammte aus einer schlesischen Pastorenfamilie. Sie
hatte schon eine reiche Berufsarbeit hinter sich. Für uns Kinder war
es von ganz besonderem Interesse, daß sie in Jerusalem und Bethlehem
gewesen war. Denn sie hatte jahrelang auf den Orientstationen des
Kaiserswerther Hauses gearbeitet, hatte auch die Maronitenverfolgung
miterlebt und in der Gegend des alten Tyrus und Sidon die
maronitischen Witwen und Waisen gepflegt, deren Väter von Drusen
erschlagen worden waren.
Besonders in Jerusalem hatte sie vielen mit ihren medizinischen
Kenntnissen geholfen und wurde von den Eingeborenen wie ein Arzt
geehrt. Als sich während eines Aufstandes in Jerusalem das Gerücht
verbreitet hatte, sie sei fortgeschleppt oder getötet, da drangen
die Araber des Nachts in das Haus und ließen keine Ruhe, bis
Schwester Emilie aufstand und sich ihnen zeigte, damit sie sich
überzeugten, daß sie unversehrt und zu Hause geblieben sei.
Sie war eine ungemein tätige Natur von größter Schlichtheit des
Wesens und auch der äußeren Erscheinung. An die geringste äußere
Arbeit wandte sie die gleiche Sorgsamkeit wie an jede andere
Aufgabe; und den Aschenhaufen im Hofe des Diakonissenhauses sah man
sie eines Tages durchsuchen, um die noch brennbaren Kohlenschlacken
herauszuholen.
Sie sprach nicht viel. Aber man fühlte, was sie dachte. Man konnte
es auf ihrem Gesichte lesen.
Jung eintretende Schwestern nahm sie am liebsten mit in den Garten
hinaus zum Bohnen- und Erbsen- oder Strauchobst-Pflücken. Dabei
lernte sie sie kennen. -- Es hatte sich ein Mädchen, das im Hause
von Pastor Stürmer den Haushalt gelernt hatte, zur Diakonissin
gemeldet. Mutter Emilie ging zur Pastorin Stürmer, und als sie deren
Urteil gehört hatte, bat sie: „Nun zeigen Sie mir doch noch das
Zimmer!” Sie fand das Zimmer in musterhafter Ordnung und sagte nur:
„Gut, die kann kommen.”
In jeder Arbeit ging sie den Schwestern voran bei Tag und bei Nacht.
Nichts entging ihrem sorgsamen Auge. In dem bitter kalten Winter des
Jahres 1878 ging sie nachts von Bett zu Bett, um sich zu überzeugen,
ob Kranke und Gesunde auch genügend zugedeckt seien. Den
Schwerkranken und Sterbenden opferte sie immer wieder ihren Schlaf.
Es gab keine Stunde der Nacht, in der nicht Mutter Emilie den
Nachtwacheschwestern zu Hilfe eilte, um den Kranken und Sterbenden
die letzte Liebe erweisen zu helfen.
Den genesenden Schwestern galt ihre besondere Fürsorge; und es war
für sie eine lang ersehnte Wohltat, als es gelang, in einem
einsamen, eine halbe Stunde entfernten Waldtal ein Ruhe- und
Erholungsheim zu schaffen. Manchmal war sie schon um vier Uhr
morgens dorthin unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Und um
sechs Uhr, wenn die Schwestern zum ersten Frühstück kamen, war sie
im Mutterhaus wieder in ihrer Mitte. „Ja, das war eine Mutter”,
sagte noch kürzlich aus tiefstem Herzen heraus eine der alten
Schwestern. Und wir, die wir wußten, was diese kleine, zarte Gestalt
an innerer und äußerer Arbeit bei Tag und Nacht leistete, wunderten
uns nicht, wenn ihr je und dann im Gottesdienst der Sareptakapelle
vor Übermüdung die Augen zufielen. Aber das dauerte nur wenige
Augenblicke. Dann feierte sie desto inniger und aufmerksamer den
Gottesdienst mit.
Ich habe überhaupt aus jener Anfangszeit den Eindruck, daß man in
Bethel die Hauptnahrung für die Arbeit der Woche aus dem
Sonntagsgottesdienst holte und sich nicht auf das Lesen von
Sonntagsblättern und andern Schriften verließ. Diese wurden nicht
verachtet, waren aber doch in erster Linie für die bestimmt, die den
Sonntagsgottesdienst nicht besuchen konnten. Auch wir Kinder nahmen
ganz regelmäßig an diesen Gottesdiensten teil. Das gehörte einfach
zur Sitte des Hauses.
Schwester Lottchen, die Probemeisterin, stammte aus Bielefeld und
war in Kaiserswerth vor allem in der Kleinkinderarbeit ausgebildet
worden. Aber ihrer Natur entsprach diese Arbeit eigentlich nicht.
Wir Kinder haben uns immer ein klein wenig vor ihr gefürchtet. Nicht
deswegen, weil sie uns einmal beim Naschen von Johannisbeeren im
Diakonissengarten ertappte. Da nahmen wir Reißaus vor ihr und
rechneten es ihr zeitlebens hoch an, daß sie über die Angelegenheit
als über etwas Nebensächliches stillschweigend hinweggegangen war
und es nicht zur Anzeige gebracht hatte. Aber sie war uns zu straff
und zu kurz angebunden. Wenn sie Mittwochs beim Familienabend an der
Tür stand und die Schwestern empfing, um ihnen die Plätze
anzuweisen, dann taten uns jedesmal die jungen Schwestern ein klein
wenig leid. Wir hätten ihnen nach des Tages Last und Hitze zu diesem
höchsten Freudenabend, den wir Kinder in der Woche kannten, einen
etwas herzlicheren Empfang gewünscht als den kurzen Händedruck und
fast strengen Wink, mit dem Schwester Lottchen jeder einzelnen
Schwester ihren Platz anwies.
Aber wer Schwester Lottchen hiernach eingeschätzt hätte, würde ihr
unrecht getan haben. In Wirklichkeit trug sie die einzelnen
Schwestern nicht minder stark auf dem Herzen wie Mutter Emilie. Ihr
Gedächtnis war von einer geradezu staunenerregenden Treue und
Genauigkeit. Sie reiste nie, kannte darum die einzelnen Stationen,
auf denen die Schwestern arbeiteten, nicht aus persönlichem
Augenschein. Aber sie holte sich bei jeder Schwester so eingehenden
Bescheid über die Umstände, unter denen sie arbeitete, daß sie über
jeden einzelnen Fall deutlich im Bilde war. Sie wußte genau über die
Krankenhäuser, Pflegehäuser, Kleinkinderschulen Bescheid, in denen
die Schwestern arbeiteten: ob sie praktisch eingerichtet waren oder
nicht und darum der Schwester die Arbeit erleichterten oder
erschwerten. Sie wußte, ob die Zimmer der Schwestern nach Süden oder
nach Norden lagen, ob sich die Küche im Keller oder zu ebener Erde
befand. Sie kannte jeden Zug, mit dem die Schwestern ankamen oder
abreisten, wußte die Fahrpreise auswendig bis zu jeder einzelnen
Station und legte das Fahrgeld in Papier eingewickelt vor jeder
Abreise der einzelnen Schwester zurecht. Sie sorgte für die Kleidung
und das Taschengeld der Schwestern, führte für jede einzelne
Schwester ein besonderes Kontobuch und hatte auch ihre Urlaubszeiten
im Kopf.
Selbst nahm sie nie Urlaub. Statt dessen verließ sie jeden
Donnerstagnachmittag pünktlich zur festgesetzten Stunde das Haus und
ging in die Stadt zu ihrer Schwester, die dort eine eigene kleine
Wohnung besaß. Da ruhte sie inmitten ihrer Verwandten aus und
erfrischte sich im Kreise des heranwachsenden Geschlechts der
Familie. Abends war sie dann wieder im Mutterhause. So ging es fast
vier Jahrzehnte durch bis zu ihrem Ende.
Diese beiden immerhin ungewöhnlichen Frauen fand Vater vor, als er
seine Arbeit im Diakonissenhaus antrat. Sie haben gemeinsam dem
Diakonissenhause das Gepräge gegeben. Sie waren der Feuerherd, um
den sich die Familie der Schwestern sammelte. Die Glut dieses Herdes
bestand nicht aus einer selbstbeschaulichen, sich selbst pflegenden,
mit sich selbst beschäftigten Frömmigkeit. An diesen drei
Persönlichkeiten konnte man vielmehr in Wahrheit sehen, daß das Ziel
des Christen im Dienst des andern besteht, nicht in der frommen
Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit. So konnte es nicht anders
sein, als daß die stille reine Glut, die von diesem Herde
ausstrahlte, immer größere Scharen in ihren Bereich zog.
Vor dem Auge der Erinnerung steigt eine schier unabsehbare Reihe von
Frauengestalten in der weißen Mütze auf, die, fast alle aus kleinen und
kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, nun in den verschiedensten
Stellungen, sei es auf einsamstem schwierigem Posten, sei es als
Leiterinnen großer städtischer Krankenanstalten, auf dem schlichten Wege
selbstverleugnender Hilfsbereitschaft und in mütterlicher Umsicht und
Weitherzigkeit bei hoch und niedrig, jung und alt Zeugnis ablegten von
dem Herrn, in dessen Dienst sie standen.
Es war ein Wachsen und Sichausbreiten, wie es in verhältnismäßig so
kurzer Frist kein Diakonissenhaus erlebt hat. An dem geräuschlosen
Glühen Mutter Emiliens und Schwester Lottchens und an Vaters
loderndem Brennen entzündeten sich immer neue Flammen. Wer konnte
und wollte solches Wachstum hemmen? Aber damit entstand auch die
Sorge, ob mit dem Wachstum nach außen das Wachstum nach innen
Schritt halten würde.
Es war schon in jenen Anfangszeiten so, daß, wer in Vaters Nähe kam,
unwillkürlich in eine andere Höhenlage gehoben wurde. Durch den
Geist des Vertrauens, der Liebe, des kindlichen Glaubens, der von
Vater ausströmte, wurde jeder über sich selbst hinaus versetzt. Der
Betreffende hörte auf, er selbst zu sein. Er wurde für den
Augenblick schon jetzt das, was er später einmal werden konnte und
werden sollte. Darüber konnten Selbsttäuschungen nicht ausbleiben.
Man kam in Gefahr, sich für etwas zu halten, was man noch nicht war.
Darum blieb bei mancher Schwester, die in Vaters Nähe kam, trotz
stärkster innerer Erlebnisse die entscheidende innere Wendung oder
das echte innere Wachstum aus. Die außergewöhnlichen Wirkungen, die
Vater ganz ohne Absicht ausübte, lockten bei allen, mit denen er
zusammenkam, alle Sonnenseiten des menschlichen Wesens heraus,
ließen alle Schattenseiten zurücktreten. Aber gerade so kam es, daß
er in der Beurteilung von Schwestern sowohl wie in der Beurteilung
seiner übrigen Mitarbeiter wieder und wieder vor tiefe und schwere
Enttäuschungen gestellt wurde.
Und gerade auf diesem Gebiete, auf welchem Vaters Schranke lag, sah
er sich weder von Mutter Emilie noch von Schwester Lottchen in
ausreichender Weise ergänzt. Auch ihnen fehlte die Gabe der stillen
Seelenführung, wie sie eine Mutter in der Verborgenheit ihren
Kindern angedeihen läßt, indem sie sich dabei der Eigenart jedes
einzelnen Kindes anpaßt. Das Wort Gottes und die Arbeit waren die
Erzieher der Schwestern; aber das Zwischenglied, die stille
persönliche Pflege, die sich in die Besonderheit der einzelnen
Schwester hineinversenkt, trat zu sehr zurück.
Mit dem Wachstum des Mutterhauses wuchs darum, wie bei Mutter Emilie
und Schwester Lottchen, so erst recht bei Vater das Verlangen nach
einer zunehmenden Zahl innerlich führender Persönlichkeiten. Aber
das große Gedränge der Not, das um Hilfe flehte, hemmte immer wieder
die ausreichende Erfüllung dieses Wunsches und ließ ihn über andern
Aufgaben stärker zurücktreten, als es gut war. Manche Persönlichkeit
von innerlich reicher Begabung, aber geringer äußerer Kraft schied
wieder aus, weil sie den großen Anforderungen, die an die
körperlichen Leistungen gestellt wurden, nicht gewachsen war; und
der Korpsgeist, der die Stärke, aber auch die Schranke einer
Schwesternschaft ist, wurde nicht immer der Eigenart der einzelnen
Mitarbeiterinnen gerecht und ließ manche Schwester wieder in ihr
Elternhaus zurückkehren, die ein wertvolles Glied des Kreises hätte
werden können.
Um diesem Mangel stärker abzuhelfen, kam es vor, daß Vater hier und
da, nicht gegen die Ordnung, aber doch über die Ordnung des
Diakonissenhauses hinweg, ältere Persönlichkeiten, die nicht von der
Pike auf im Mutterhause gedient und nicht die sonst übliche Zahl der
Jahre bis zur Einsegnung abgedient hatten, in leitende Stellungen
einsetzte und ihnen die geistliche Pflege und Führung jüngerer
Schwestern anvertraute.
Auch dadurch wurden die empfundenen Lücken bis zu einem gewissen
Grade ausgefüllt, daß sich allmählich ein Kreis sogenannter freier
Hilfsschwestern um das Mutterhaus her bildete. Sie gehörten nicht
als eigentliche Diakonissen dem Mutterhause an, hatten aber in ihm
ihre Ausbildung gefunden und stellten sich, je nachdem ihre
Familienverhältnisse und ihre ganzen Umstände es erlaubten, bald für
längere, bald für kürzere Fristen dem Mutterhause zur Verfügung. Aus
ihnen traten dann immer wieder einige ganz in die Schwesternschaft
über.
Wenn ich mich recht besinne, geschah es auf diesem Wege, daß in
Vater der Gedanke erwachte, dem Johanniterorden zu empfehlen, sich
für seine Aufgaben in Krieg und Frieden aus den Kreisen der
gebildeten Mädchen mit einem Stab von Pflegekräften zu versehen, die
in den einzelnen Mutterhäusern geschult werden sollten, aber dann
nicht zunächst diesen, sondern in erster Linie dem Johanniterorden
sich zur Verfügung hielten. So wurde der alte Gedanke des
Ritterordenswesens, daß die führenden Kreise des Volkes sich
unmittelbar mit ihrer ganzen Person dem Dienste des Nächsten in
Pflege und Hilfsdienst widmen sollten, zu neuem Leben erweckt.
In bezug auf die Frage der gelegentlichen Verheiratung der
Schwestern hat es von Fall zu Fall zwischen Vater und den beiden
leitenden Schwestern wohl Verschiedenheit der Meinungen gegeben, --
wobei die beiden Schwestern das strengere, Vater das weitherzigere
Element vertraten --, aber grundsätzlich stimmten alle drei darin
überein, daß eine Diakonisse ihren Beruf als Lebensberuf ansah und
nicht mehr mit der Verheiratung rechnete. In diesem Entschluß sah
Vater nicht eine Knechtschaft, sondern eine große Freiheit und
Sicherheit angesichts der mancherlei schwierigen Lagen, in die eine
Diakonisse bei Ausübung ihres Berufes kommt. Höher aber als der
Entschluß der Schwester stand ihm die göttliche Führung. Diese genau
zu erkennen, darauf kam es ihm an in jedem einzelnen Fall, in
welchem eine Schwester vor die Frage der Verheiratung gestellt
wurde.
Der Regel nach riet er aufs ernstlichste ab. Er hatte zu oft
erfahren, daß es doch bloß Menschenwege waren, die man für göttliche
ansah, hatte auch zu oft festgestellt, daß Diakonissen, die schon
länger in einer selbständigen Stellung sich befunden hatten, sich
selten ganz in die Beschränktheit des Lebens an der Seite des Mannes
fanden. Er konnte auch dem um eine Diakonisse anhaltenden Mann es
ernst ins Gewissen schieben, ob es wirklich recht sei, bei der
großen Fülle lediger Mädchen den Blick auf eine Kraft zu lenken, die
im Dienst der Kranken und Elenden bereits erfahren sei und deren
Lücke nicht so leicht wieder ausgefüllt werden könnte.
Aber starr war er nicht. Überzeugte er sich, daß es nicht
Menschenwerk war, dann hat er mehr als einer Diakonisse seinen Segen
auf ihren Weg gegeben, ist auch in ständiger Verbindung mit ihr
geblieben und suchte sie, wenn er irgend konnte, in ihrer Familie
auf.
So eng Vater auch mit seinen beiden Mitarbeiterinnen verbunden war,
und so wenig er an Einrichtungen rüttelte, die er übernommen hatte
und die durch die Verhältnisse geboten waren, so sah er doch das
Ideal der Leitung eines Mutterhauses in Sarepta nicht verwirklicht.
Vielmehr schwebte ihm dafür die ursprüngliche Verfassung des
Kaiserswerther Diakonissenhauses vor, wo Vater und Mutter Fliedner
nicht nur Vater und Mutter für ihre leiblichen Kinder, sondern auch
für die Diakonissen gewesen waren. Wiederholt sagte er, das schönste
wäre, wenn seine Frau, unsere Mutter, ihn auf allen seinen Reisen zu
Diakonissen begleiten könnte, um überall mit ihm zugleich nach dem
Rechten zu sehen. Darum blieb der Besuch des Ehepaares Dändlicker,
das gemeinsam als Vater und Mutter ihrem Diakonissenhause in Bern
vorstand, eine ganz besondere Herzenserfrischung für unsere Eltern
und ebenso der Gegenbesuch, den sie nach Jahr und Tag in Bern
machten.
Eine erste Bedingung zur Aufrichtung eines solchen Ideals war
freilich, daß die Diakonissenhäuser nicht zu groß wurden. Darum hat
Vater, wo er nur konnte, zur Entstehung selbständiger kleiner
Diakonissenhäuser mitgeholfen und überall für die Anfangszeit die
tüchtigsten Schwestern zur Verfügung gestellt, so in Amsterdam,
Oldenburg, Kreuznach, Detmold, Arolsen und Miechowitz, wie denn
auch die Entstehung des zweiten westfälischen Mutterhauses in Witten
und der rheinischen Anstalt Tannenhof bei Lüttringhausen ihm eine
ganz besondere Freude und Entlastung war.
Grundlegende Änderungen hat er bei keinem dieser neu entstehenden
Diakonissenhäuser, die um seine Unterstützung baten, anbahnen
helfen. Es blieb bei gelegentlichen mündlichen kritischen Äußerungen
über die Mängel des jetzigen Diakonissenwesens, sowohl was die
Durchbildung der einzelnen Schwester als die Zusammensetzung der
Schwesternschaft betraf. Ihn schmerzte es unablässig, zu sehen, wie
hohe und höchste katholische Familien immer wieder mindestens eine
ihrer Töchter in den Dienst der Kirche stellten, während die
evangelischen Diakonissenhäuser eine Rekrutierung aus allen
Schichten der christlichen Gemeinde doch zu schmerzlich entbehren
mußten.
Hätte Vater, als er die Arbeit in Bielefeld übernahm, nicht schon
die festgelegte Grundlage des Diakonissenwesens vorgefunden, so
könnte man sich denken, daß er für die Heranbildung einer
evangelischen Truppe von Pflegern und Pflegerinnen des Volkes in
allen seinen körperlichen und geistigen Nöten, ich möchte nicht
sagen freiere, wohl aber höhere Wege gesucht hätte, auf denen in
ganz anderer Weise, als es jetzt der Fall ist, die Gesamtheit der
ihrem Herrn in Wahrheit ergebenen Christenheit sich vor den Wagen
des Elends gespannt hätte. Aber zum Reformator von Instituten, die
bei allen Schranken, welche ihnen anhaften, doch schon einen Stempel
reichen göttlichen Segens an sich trugen, hat sich Vater nie berufen
gefühlt.