Ich höre noch aus den frühesten Kindertagen ihre schnelle Feder über
das Papier eilen, wenn sie in unserer Wohnstube an ihrem kleinen
Schreibtisch saß und Vater, an unsern lieben gelben Kachelofen
gelehnt, mit fest zugedrückten Augen ihr diktierte. Er hatte eine
schwere Hand, die, wenn er beim Schreiben angestrengt nachdachte, so
undeutlich wurde, daß die wenigsten sie lesen konnten. Hier hat
Mutter ihm geholfen, von der Pariser Zeit an bis lange in die ersten
Jahre von Bethel hinein. Denn Freund Kneipp, von dem oben die Rede
war, war doch nur zu gewissen Zeiten des Tages zur Verfügung. Und
wie mancher Tag fiel seiner Krankheit wegen ganz aus!
Aber auch abgesehen von dieser großen, oft sehr anstrengenden, bis
in die Nacht gehenden Schreibarbeit ergänzte sie mit ihrer Feder den
Vater. Vielfach war sie früher als das übrige Haus auf, um in aller
Morgenstille den Briefverkehr mit den Verwandten und Freunden des
Hauses und später auch mit den Kindern zu pflegen.
Während der Beruf des Vaters ihn naturgemäß aus dem Hause führte,
war Mutter immer daheim. Sie war in jedem Augenblick für uns Kinder
da. Mit völliger Sorglosigkeit überließ darum Vater uns Kinder der
Mutter. Auf allen ihren Wegen durchs Haus trabten wir hinter ihr
her, und überall leitete sie uns an, ihr zur Hand zu gehen und
keinerlei Arbeit zu scheuen. Wenn sie nachmittags still auf dem
niedrigen Sessel saß, auf dem sie alle ihre Kinder gewartet und
genährt hatte, das kleine Arbeitstischchen vor sich, dann hockten
wir Kinder um sie her, und sie lehrte uns stricken und sticken, auch
uns Jungen, und erzählte dabei am liebsten aus ihrer und des Vaters
Lebensgeschichte.
Wie eng und klein gegen ihre früheren Lebensverhältnisse war das
Haus geworden, wie bescheiden auch der Lebenszuschnitt! Aber es kam
ihr zustatten, daß sie in einer Zeit groß geworden war, in welcher
auch in den hochgestellten Kreisen die Lebenshaltung eine sehr
einfache und sparsame blieb. So wurde es ihr nicht schwer, mit dem
geringen Gehalt, das der Vater bekam, -- es war in den ersten
20 Jahren seiner Tätigkeit nicht mehr als 2400 Mark jährlich, zu
denen noch ein verhältnismäßig kleiner Zuschuß aus ihrem väterlichen
Erbteil hinzukam, -- durchzukommen und noch immer übrig zu haben für
andere.
Sie selbst war ein Vorbild von Einfachheit. Die Mode machte sie
nicht mit. Nur einmal während der 22 Jahre ihres Lebens in Bethel
leistete sie sich einen neuen Hut und einmal einen neuen Mantel. Das
war ein Fest für uns alle. Seit mit dem Tode ihrer vier ersten
Kinder ihr Kopfhaar sehr spärlich geworden war, trug sie eine höchst
kleidsame weiße Rüschenmütze. Draußen hatte sie darüber nur selten
einen Hut, sondern statt dessen ein dreieckiges schwarzes Tüchlein,
und statt des Mantels war ihr ebenfalls ein langes schwarzes
wollenes Tuch das liebste. So ging sie uns Kindern und der ganzen
Gemeinde in edler Einfachheit voran.
Als wir größer geworden und dem Schlafzimmer der Eltern entflohen
waren, versäumte sie doch ohne besondere Not keinen Abend, mit uns
zu beten. Das alte, unendlich einfache und zugleich so tiefe
Zinzendorfsche Gebet bildete immer die Einleitung: „Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott bestehn, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingehn.” Dann
kamen die einzelnen Anliegen. Wie hat sie uns gewöhnt, im Gebet
insonderheit der einzelnen Verwandten und ihrer Kinder zu gedenken!
So lag unsere Erziehung im wesentlichen in ihrer Hand. Nur sehr
selten kam es vor, daß Vater sich in die Erziehung mischte. Während
die Mutter mit ihren wachen Augen und ihrem schnellen Empfinden
rasch eingriff, hatte Vater eine unermeßliche Geduld mit uns. Nicht
selten entgleiste unsere geschwisterliche Liebe in Gegenwart der
Eltern. Aber Vater tat meist wie Saul, als hörte und sähe er es
nicht. Bat ihn aber, wenn es gar zu arg wurde, die Mutter um sein
Einschreiten, dann wirkte es um so tiefer.
So wird es mir unvergeßlich bleiben, wie wir drei Brüder eines
Sonntagmorgens in der kleinen Dachkammer, die wir miteinander
bewohnten und die gerade über dem Wohnzimmer der Eltern lag, in
erbitterten Streit geraten waren und einen Heidenlärm machten.
Während wochentags die Schule uns keine Zeit ließ, gab uns gerade
der Sonntagmorgen erwünschte Muße, uns einmal gründlich
gegeneinander Luft zu machen. Da, während einer kurzen Atempause
unseres Streites, hören wir Tritte die Treppe heraufkommen. Werden
sie in Vaters Studierzimmer verhallen? Nein, sie kommen den Gang
entlang, der auf unser kleines Arbeitszimmer führte, hinter welchem
die Kammer lag. Jetzt kommen auch schon die Tritte durch das
Arbeitszimmer; jetzt öffnet sich die Tür, nicht weit, sondern nur so
viel, daß gerade Vaters vorgebeugter Kopf hineinsehen kann.
„Kinder,” sagt Vater, „am Sonntagmorgen?” Mehr sagt er nicht,
sondern schließt die Tür wieder und geht davon. Unsere Seele
zitterte, nicht weil wir ein Dreinschlagen des Vaters gefürchtet
hätten, sondern weil uns der Frieden, die Stille, die große Güte,
die sich mit dem väterlichen Ernst verband, bis in die Seele
getroffen hatte. Unser Streit war wie in einem tiefen Abgrund
versunken und vergessen. Gericht und Gnade Gottes, wie sie in eins
tätig sind, sind mir an diesem Erlebnis immer verständlich
geblieben.
Noch freiere Hand als bei uns Kindern ließ Vater naturgemäß der
Mutter in der Erziehung der Hausmädchen. Weil sie nicht weichlich
war gegen sich selbst, so war sie auch nicht weichlich gegen ihre
Angestellten. Wer ihre Schule bestand, hatte etwas Tüchtiges
gewonnen. Einige bewährte Hausfrauen und mehrere Diakonissen, die
von unserm Hause aus den Weg in das Mutterhaus fanden, haben ihr
über das Grab hinaus gedankt.
Durch die schweren Führungen ihres Lebens war sie von Menschen
gelöst worden und ganz auf Gott gestellt. Jedes Gepränge nach außen
hin, aber auch jedes fromme Getue war ihr fremd. Sie kannte aus
eigenster Erfahrung die Tiefe des Leides und hatte darum ein
unmittelbares überaus wohltuendes Mitempfinden mit jedem Leidenden.
Aber sie war ganz und gar nicht wehleidig. Sie beklagte niemanden.
Es lag über ihrem Mitleiden der köstliche Humor, der im Schmerz die
Quelle der edelsten Freude ahnt und auf dem Grunde des bitteren
Kelches die glänzende Perle erblickt. Wie manchen, der müde an Leib
und Seele ins Haus kam, um sich bei Vater Rat und Hilfe zu holen,
hat sie erst durch eine kleine leibliche Erquickung erfrischt und
dann, ohne daß sie in Versuchung kam, Herzensgeheimnisse zu
erforschen, durch ein klares, offenes, gütiges Wort die Seele
zurechtgerückt, sodaß Vater nur noch halbe Arbeit hatte.
Es gab Zeiten, wo Vater und Mutter regelmäßig um zwei Uhr
nachmittags einen gemeinsamen Spaziergang durch die Anstalt und die
Anstaltshäuser machten, um überall an der Not teilzunehmen und nach
dem Rechten zu sehen. Auf solchen Wegen hat dann Mutter, ganz
unbewußt und ungewollt, Vaters Augen und Urteil ergänzt. Bei der
großen Beweglichkeit und Glut, die Vaters Herz erfüllte, und bei der
großen Tragkraft, die er besaß, kam es oft vor, daß Dinge und
Menschen ihm in einem Lichte erschienen, das doch der Wirklichkeit
nicht ganz entsprach. Nie hat dann Mutter mit ihrem ergänzenden
Urteil zurückgehalten. Unerbittlich, wie andern Menschen gegenüber,
blieb sie auch gegenüber ihrem Mann in der Wahrheit, und für die
rechte Beurteilung von Menschen und Dingen, namentlich auch bei der
Wahl der Mitarbeiter, blieb ihr klares Auge und unbestechliches
Empfinden von höchstem Wert für ihren Mann. „Sie hat mir nie
geschmeichelt,” hat er an ihrem Grabe gerühmt.
Siebzehn Jahre nach ihrem Tode kam ich einmal auf Reisen in eine
rheinische Stadt, gerade rechtzeitig zum Beginn des Gottesdienstes.
Es predigte ein Pastor, der früher eine Zeitlang in Bethel
gearbeitet hatte und mir befreundet war. Es war eine dreigeteilte,
tief zu Herzen gehende Predigt. Nachher ging ich in die Sakristei,
um meinen Freund zu begrüßen. Da sagte er: „Die Predigt habe ich
schon einmal in Bethel gehalten -- aber nur in zwei Teilen. Damals
hat mir deine Mutter gesagt: ‚Sie haben den dritten Teil vergessen.’
Den habe ich jetzt nachgeholt.” So wirkte ihr offenes und klares
Wort über Jahre hinaus.
Aber sie trug den reichen Schatz ihrer Seele in einem Gefäß, dessen
Wandungen sehr zart geblieben waren. Ihr an und für sich so heiteres
Gemüt konnte hie und da von ganz kleinen Dingen überrannt und in
eine Stimmung gebracht werden, die sich auf ihre ganze Seele und
damit auch auf unser Haus wie ein Nebel legte. Dann half kein
Zureden; der Zustand mußte einfach seine Zeit haben. Darunter haben
wir Kinder manchmal gelitten, und die Mutter selbst am meisten. War
der Zustand der Verstimmung überwunden, dann strahlte die Sonne des
Glückes wieder desto heiterer über unserm Haus. Vater selbst ertrug
sie in solchen Stunden mit unermüdlicher Geduld. Wir haben nie ein
einziges hartes Wort gegen die Mutter von seinen Lippen gehört.
Zu diesen vorübereilenden Schatten kamen längere Ruhe- und
Krankheitszeiten der Mutter, namentlich in den letzten Jahren ihres
Lebens, als unter der großen Last, die auf ihr lag, die
Widerstandskraft der Nerven schwächer und schwächer wurde. Aber das
waren eigentlich besondere Feierzeiten für unser ganzes Haus. Denn
der Strom der Fremden, die aus- und eingingen, stand dann still.
Vater hielt sich so viel wie möglich zu Haus. Und die einsamen Wege
durch Wald und Feld, die Mutter dann mit dem Vater, oft aber auch
bald mit dem einen, bald mit dem andern von uns Kindern machte,
waren wichtige Sammelstunden für uns in dem sonst oft so unruhigen
und zerstreuenden Anstaltsleben.
In solchen Zeiten erquickte dann Mutter sich und uns durch ihr
Klavierspiel. Sie besaß eine Weichheit und Kraft des Spiels, wie ich
es mit Bewußtsein nie wieder gehört habe. In den letzten Jahren
ihres Lebens war es nur noch Bach, den sie spielte, und der tiefste
deutsche Musikmeister war ihr durch die Tiefe des Leidens in
besonderer Weise verständlich und tröstlich geworden.
Vor dem Eintritt in ihre letzte Krankheitszeit wurden ihr noch
einige Monate völliger geistiger und körperlicher Frische beschert.
Das war für sie wie für uns alle eine ganz unbeschreibliche Wohltat.
Alle Hemmungen waren verschwunden. Das Leuchtende, Sprudelnde,
Humorvolle und dabei so zärtlich Fürsorgende ihres innersten Wesens
brach hervor, wie wir es in solchem Maße eigentlich nur in der
frühesten Kindheit gekannt hatten. Ein achttägiges Zusammensein im
schönen Beatenberg im Berner Oberland, das uns vier Kinder um die
Eltern vereinigte, war der Höhepunkt dieser Zeit.
Als wir im Spätherbst auf verschiedenen Wegen wieder in Bethel uns
zusammenfanden, hatte sich schon die letzte Krankheit der Mutter
angebahnt. Es zeigte sich, daß in dem letzten hellen Feuer, das uns
so tief beglückt hatte, zugleich ihre Kraft ausgebrannt war. An ihr
Ende dachte freilich keiner von uns.
Um sie einmal ganz in die Stille zu führen, brachte Vater sie in die
Anstalt eines ihm nahestehenden Arztes. Dort verschlimmerte sich der
Zustand schnell und steigerte sich zur Verwirrung der Gedanken. Ein
Brief, der Vater herbeirufen sollte, fand durch ein Versehen nicht
rechtzeitig den Weg zur Post. Er wurde überholt durch ein Telegramm
vom 4. Dezember 1894, das unsere Schwester öffnete. Es enthielt die
erschütternde Mitteilung vom Tode der Mutter.
Nur bei der Nachricht von dem Tode Kaiser Friedrichs hatten wir
Vater weinen sehen; jetzt, als wir beiden älteren Söhne aus Berlin
heimeilten, hörten wir ihn bitterlich schluchzen. Dann aber konnte
er in großer innerer Stille vor der versammelten Gemeinde Gott und
Menschen danken für dies nun abgeschlossene gesegnete Leben.
Unsere kleine Dachkammer oben, wo wir Brüder unser Quartier behalten
hatten, hat damals manche stille Träne gesehen. Der tiefe Schmerz
schloß die Herzen fester denn je zusammen und überwand die zarte
Scheu, die sonst gerade uns Westfalen eigen ist, sodaß unser
ältester Bruder des Abends aus dem Herzen heraus mit uns und für uns
betete. Einige Male wachte ich mitten in der Nacht an meinem eigenen
Wehklagen auf. Fortan bildeten wir Kinder enger denn je einen Kreis
um den geliebten Vater. Aber ersetzt werden konnte der Verlust nie
wieder.