der Gemeinde nicht aus. Der Bahnbau Schwerte-Arnsberg machte es
nötig, daß das Pfarrwitwenhaus mit seinen Grundstücken an die
Bahnverwaltung abgetreten wurde, und so entstand aus dem Erlös, den
die Bahnverwaltung zahlte, auf der Höhe über dem Dorf das neue
Pfarrhaus. Bodelschwingh ließ es nicht zu, daß auch nur ein einziger
Backstein dazu gekauft wurde. Vielmehr wurde der für die Kellerräume
ausgeschachtete Lehm unter seiner Anleitung an Ort und Stelle zu
Backsteinen geformt und gebrannt.
Dann kam auch die Kirche an die Reihe. Ihr Inneres sah mit den
aufeinander getürmten Emporen und den engen, halb zerfallenen Bänken
einem Speicherraum ähnlicher als einem Heiligtum. Dazu war auch der
Platz zu klein geworden. Darum ging Bodelschwingh, als der Friede
geschlossen war, von Haus zu Haus, um die Gemeindeglieder zu einem
fröhlichen Dankopfer für den Kirchenbau zu ermuntern. Er trug ein
Buch bei sich, worin er die Namen der 400 selbständigen
Gemeindeglieder verzeichnet hatte. Jeder Name hatte seine eigene
Seite. Darauf trug er die Summe ein, für die der einzelne sich auf
drei Jahre hinaus verpflichtete. Aber keinem sagte er, wieviel der
andere geben wollte. Es war alles auf Freiwilligkeit gestellt.
Es galt, neben dem Chorraum nach rechts und links zwei Flügel
anzubauen. Dazu mußten erst die alten Grabstätten entfernt werden.
Alle Beteiligten gaben ihre Einwilligung dazu. Nur die Familie von
G., die ebenfalls an der Kirchenmauer eine Grabstätte und ein altes
Grabdenkmal hatte, mußte kirchenordnungsgemäß noch befragt werden.
Da kein Mitglied der Familie mehr in der Gemeinde lebte, so erbat
Bodelschwingh durch eine öffentliche Anzeige in der Zeitung die
Erlaubnis zur Verlegung der Grabstätte. Aber statt der Erlaubnis
lief ein flammender Protest eines der Familienmitglieder ein, die
Grabstätte dürfe unter keinen Umständen beseitigt werden. Dennoch
stand am andern Morgen das Denkmal außerhalb des Platzes, der für
den Neubau geräumt werden mußte. Dort steht es noch heute, hart
neben dem äußersten Eckpfeiler des neugebauten Seitenschiffes. Trotz
des Protestes hatte Bodelschwingh es stillschweigend bei Nacht
wegrücken lassen.
Nun konnte es also an die Ausschachtung gehen. Viele alte Gebeine
kamen zum Vorschein. Der Pastor stieg selbst hinunter und fing an,
die Knochen in einen Korb zu lesen. Dann griffen auch die
Konfirmanden mit zu, und ein Korb voll gesammelter Knochen nach dem
andern wurde unter stillem Gebet drüben auf dem neuen Kirchhof, zu
dem der schöne Rundbogen über den Talweg hinüberführte, noch einmal
bestattet.
Ein Steinbruchbesitzer gab seinen Steinbruch frei, alle für den Bau
nötigen Steine daraus zu holen. Die Bergarbeiter aus Billmerich und
andere Hilfskräfte brachen in ihrer freien Zeit und ohne
Entschädigung die Steine. Die Bauern aber schafften mit ihren
Gespannen die Steine herbei. Es war nicht immer leicht, sie zu den
freiwilligen Fuhren zu bewegen, und mancher verschwor sich: „Wenn
heute der Pastor kommt, schlage ich es ihm ab.” Aber wenn er kam und
bat, konnte ihm doch keiner widerstehen.
Noch lange nachher erzählte einer: „Man stand sich immer gut, wenn
man tat, worum Bodelschwingh bat. Nach langer Regenzeit wollte ich
am nächsten Tage, weil sich das Wetter endlich gebessert hatte,
Weizen einfahren, der aber noch recht feucht war. Da kam der Pastor
und bat um meine Pferde. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen
und fuhr, weil die Mauerleute an der Kirche sonst keine Arbeit
hatten, zwei Tage Ziegelsteine. Während dieser zwei Tage klärte sich
das Wetter auf, sodaß ich den Weizen schöner einbekam als alle
andern.”
Von zwei verfeindeten Nachbarn hatte der eine einen schönen Haufen
Steine auf seinem Hofplatz liegen. Er schenkte sie dem Pastor zum
Kirchbau. Aber fahren konnte und wollte er sie nicht. Auch litt er
nicht, daß sein Feind, der Nachbar, auf seinen Hofplatz kam, um sie
mit seinem Gespann abzuholen. So spannte Bodelschwingh seine beiden
Ponys an und fuhr die Steine von dem hochgelegenen Hofplatz
herunter. Unten aber standen die Pferde des Gegners und schafften
die Fuhre weiter. Da mußte auch der Feind, der von seinem Hause her
zusah, lachen, und sein Lachen war der Anfang zum Frieden mit seinem
Nachbar. Waren aber die Steine auf dem Kirchplatz, so sprang der
Pastor auf den Wagen und reckte sie selbst auf das Baugerüst empor;
dann griffen wie von selbst auch die andern zu. Auch die Kinder
kamen aus der Schule gelaufen, um mitzuhelfen. So stieg der Kirchbau
in die Höhe. Und wenn Bodelschwingh auch seine Vollendung nicht mehr
an Ort und Stelle erlebte, so findet sich doch im Protokollbuch der
Gemeinde im Jahre 1875 die Notiz: „Die durch den Erweiterungsbau der
Kirche entstandenen Kosten sind nunmehr durch freiwillige Gaben der
Gemeinde gedeckt. Gott sei Dank!”
Zwischen solchen irdischen Aufgaben ging der Strom der stillen
Gemeindearbeit ungehindert weiter. Am stärksten floß er wohl im
Konfirmandenunterricht. Es wurde nicht viel aufgegeben, und der Kopf
wurde nicht überbürdet, desto tiefer aber wurde das Herz angefaßt.
„Das 53. Kapitel im Jesaias erschütterte und erhob das Herz”, schreibt
eine Konfirmandin, „und die Auslegung von Phil. 2, 5-11: ‚Ein
jeglicher sei gesinnet wie Jesus Christus auch war!’ ist mir nie aus
dem Gedächtnis gekommen. Luthers kleiner Katechismus wurde ganz auf
die Schrift zurückgeführt, wie wir denn überhaupt mit der Bibel
vertraut wurden und sie handhaben lernten. Es war ein lebendiger
Austausch zwischen Pastor und Schüler, oft so in die Tiefe führend,
daß Zeit und Stunde darüber vergessen wurden und wir statt zwei
bisweilen fast drei Stunden zu den Füßen unseres geliebten Lehrers
saßen. Zwischenein aber erzählte er unermüdlich von Paris und seinen
Gassenkehrern dort, sodaß uns das Herz brannte, auch einmal an andern
Mitmenschen zu arbeiten.” -- Die Denksprüche der Konfirmanden suchte
der Pastor mit besonderem Eingehen auf das einzelne Kind aus, sodaß er
noch nach Jahren daran anknüpfen konnte, und mit eigener Hand schrieb
er den Spruch auf den Konfirmationsschein.
Den Alten, Kranken und Einsamen der Gemeinde aber galt sein liebster
Weg, und manch friedvolles Sterbebett erquickte ihn neben mancher
Enttäuschung. „Leben, Frieden und heilige Freude” -- so heißt es in
einem Brief -- „erblühte überall, wo unser Pastor eingriff; an den
offenen Gräbern besonders empfand man, als ob ein Strom des Lebens
von ihm ausging.”
Auf den Wegen durch die Gemeinde gab er jedem, der darnach begehrte,
Rat nicht nur in Herzensangelegenheiten, sondern auch in irdischen
Dingen. Er selbst aber ging auch in allen äußern Stücken mit gutem
Beispiel voran, und der heutige Pfarrwald mit seinem kräftigen
Bestande ist ein Zeuge davon, wie trefflich der Pastor das irdische
Gut seiner Gemeinde verwaltete. „Er wußte alles, und er kannte
alles,” sagt man noch heute in Dellwig, „und man tat gut, seinem Rat
auch in irdischen Angelegenheiten zu folgen.”
Über Dellwig lag ein Wiesental, das von einem Bach durchschnitten
wurde. Hier hätte Bodelschwingh gar zu gern eine kleine Talsperre
errichtet, um die darunter gelegenen Wiesen regelmäßig zu berieseln.
Aber diesmal gelang es ihm nicht, die Anlieger, denen die Talsperre
zugute gekommen wäre, unter einen Hut zu bringen. Doch schafften
auch solche rein äußerlichen Bemühungen seiner innersten Arbeit in
der Gemeinde besonderen Nachdruck. Daß er auch im Irdischen alles so
gründlich erfaßte, gab seiner Predigt und Seelsorge doppelte Kraft
und immer tieferes Vertrauen.
Zwischen den Pastoren und Lehrern der Gemeinden, die Dellwig
benachbart waren, schuf Bodelschwingh eine Zusammenkunft, und auf
der Synode war er immer bemüht, den Wagen des kirchlichen Lebens in
eine etwas schnellere Gangart zu bringen und neue Anregung zu geben.
So drückte er bei einer Synodalversammlung seinem Freunde, Pastor
Buschmann, das märkische Gesangbuch in die Hände, das so viele
verunstaltete und verwässerte Lieder enthielt. Buschmann mußte ein
verfälschtes Lied nach dem andern vorlesen, während Bodelschwingh
gegen jeden Vers des bisherigen Liedes den ursprünglichen Vers
setzte und so einen kräftigen Anstoß gab zur Einführung des neuen
Gesangbuches, wie es jetzt die Gemeinden von Rheinland und Westfalen
besitzen.
Aber so reich an Arbeit das Leben in Dellwig auch war, noch reicher
an Leid wurde es. Während Bodelschwingh im Sommer 1866 als
Feldprediger bei der Main-Armee stand, erhielt seine Frau die
Nachricht, daß von ihren vier Brüdern, die bei Königgrätz
mitgefochten hatten, einer gefallen, ein zweiter verwundet war. Und
als auch von diesem zweiten nach vierzehn Tagen die Todesnachricht
kam, da war es doppelter Balsam, als unvermutet der Schritt ihres
Mannes vor der Tür hallte, der, um seine Frau zu trösten, für einen
kurzen Urlaub herübergeeilt war.
1867 starb Pastor Philipps. Immer reicher und lieblicher hatte sich
von Jahr zu Jahr der Verkehr zwischen den beiden Pfarrhäusern
gestaltet. Es gab keine Freude, die nicht miteinander geteilt wurde,
und die Philipps- und Bodelschwinghs-Kinder hatten in beiden Häusern
und den zugehörigen Gärten ihr gemeinsames Kinderparadies. Auch
mancher gemeinsame Spaziergang wurde unternommen, wobei
Bodelschwingh mit einer Schäferschüppe den Kindern Blumen ausgrub,
damit sie sie in ihre kleinen Gärten pflanzten. Noch manchmal saßen
die beiden Freunde nebeneinander und erquickten sich gegenseitig im
Vorblick auf das unvergängliche Reich, bis der Tod kam und die
Kinder der beiden Pfarrhäuser in kindlicher Harmlosigkeit um die
blumengeschmückte Leiche des Pastors Philipps spielten.
Auf dies friedvolle Sterben aber folgte der erbitterte Wahlkampf um
den Nachfolger. Seit alter Zeit bestanden zwei Parteien in der
Gemeinde, und jedesmal bei einer Pfarrwahl entbrannte der
Parteikampf von neuem. Dieses Mal steigerte er sich zu ungeahnter
Heftigkeit. Jede Partei stellte einen trefflichen Mann auf, sodaß es
eigentlich ein leichtes hätte sein müssen, sich auf einen der beiden
zu einigen. Aber das duldete die Parteiehre nicht. Man ging so weit,
daß ein Jude gedungen und mit Geldmitteln versehen wurde, der in der
Stille unter den Mitgliedern der Kirchenvertretung für den einen und
gegen den andern Kandidaten arbeiten mußte.
Als der Wahltag kam, war die Erregung der Gemeinde schon bis aufs
höchste gestiegen. Nicht nur die kirchlichen Vertreter, sondern auch
ein großer Teil der Gemeindeglieder versammelten sich in der Kirche,
wo der Superintendent die Wahl leitete. Unter lautloser Spannung
wurden die Wahlzettel gezählt. Es ergab sich Stimmengleichheit: 15
gegen 15. So mußte gelost werden, und das Töchterchen von Pastor
Philipps griff in den Hut und zog den Namen „Lange”. Da ging ein
Tumult in der Kirche los. Anhänger beider Parteien stürzten auf den
Turm. Die Unterlegenen schlugen die Feuerglocke, die andern die
Totenglocke. Etliche drehten ihre Jacken um und zogen durchs Dorf
und bis ans äußerste Ende der Gemeinde zum Ärger für die, die
gleichsam ihre Jacken gewendet hatten, indem sie bei der Wahl
umgefallen waren und einem andern ihre Stimme gaben, als sie
ursprünglich zugesagt hatten.
Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so
die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut
der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm
durchs Fenster Steine ins Haus, sodaß der Topf auf dem Herde
zersprang und die Suppe in das Feuer floß. Denjenigen aber, von
denen man mit Bestimmtheit annahm, daß sie sich durch Geld hätten
bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die
dreißig Silberlinge des Judas dreißig Scherben vor das Fenster
gezählt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem
gedungenen Bösewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet,
sodaß man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der
ihn frühzeitig ins Grab geführt hatte.
Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, sodaß die Entscheidung
ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der
Gemeindearbeit weiter allein tragen mußte. Ein halbes Jahr lang half
ihm der Hilfsprediger Stürmer, von dem später noch die Rede sein
wird, gegen ein Entgelt von fünfzig Talern, bis endlich Pastor Lange
bestätigt wurde. Langes milde, treue Art ließ ihm bald alle Herzen
zufallen, zumal ja überhaupt nicht eigentlich um seine Person,
sondern nur um die Parteiehre gekämpft worden war.
Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so
brach die dunkelste Zeit über das Pfarrhaus in Dellwig herein. Im
Frühjahr 1868 war die heißgeliebte jüngste Schwester Bodelschwinghs,
Frau von Oven, ihren fünf kleinen Söhnen entrissen worden. Aber
dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch größerem Leid. Darüber
heißt es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht „Von
dem Leben und Sterben vier seliger Kinder”:[1]
[1] Der ungekürzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der
Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.
„Das Weihnachtsfest nahte heran. Fröhlicher, erwartungsvoller als je
bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet.
Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesänge
dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade
in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und
Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den
kindlichen Jubel einstimmen.
Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern
hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders fröhliches
Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern
Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bösen Husten, der ihn an
das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen.
Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden
Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit
leuchtenden Augen zugehört und sich darauf beide -- es waren etwa
zwei Tage vor Weihnachten -- allein aufgemacht, um einem schwer
kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang
zum Himmel rüstete, dies Büchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen.
Überglücklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim.
Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar
von sehr bösartiger Natur. Er fühlte sich binnen weniger Tage so
schwach, daß er ganz das Bett hüten mußte. Er zeigte auch von
vornherein einen wehmütigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts
mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, daß man ihm vorlesen
möchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren.
Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, daß die Morgenandacht an
seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmütig anzuhören,
wie das Vaterunser, das von den drei ältesten Kindern gemeinsam
gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur
noch mühsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie
ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.
Der Arzt stellte fest, daß bei Ernst eine Lungenentzündung hinzugetreten
und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jüngeren Kinder waren
inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr fröhlicher Jubel verstummte
schnell, und es zeigte sich, daß bei ihnen der Stickhusten denselben
bösartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die
Lungen angegriffen wurden. Während aber unser armer Ernst sehr große und
lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfällen zu leiden hatte, unter
denen er allmählich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so
war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich,
geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.
Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen
und mit seinen tiefdunklen, fast schwermütigen Augen sich aller
Herzen stahl und der mit der ihm eigenen großen Entschiedenheit sich
längst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu
helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde
es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen
an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht
mit kräftiger Stimme sein „Vater unser” anzustimmen. Als seine
Mutter im Spätherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur
Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: „Für
die liebe Mama!” oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: „Ein
Lied für die armen Heidenkinderchen.” Sein Lieblingsvers in seiner
letzten Zeit, den er öfter laut für sich hersagte, war der letzte
Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: „Gloria sei dir gesungen
-- Mit Menschen- und mit Engelszungen, -- Mit Harfen und mit Zimbeln
schön! -- Von zwölf Perlen sind die Tore -- An deiner Stadt, wir
steh'n im Chore -- Der Engel hoch um deinen Thron. -- Kein Aug' hat
je gespürt, -- Kein Ohr hat je gehört -- Solche Freude. -- Drum
jauchzen wir -- Und singen dir -- Das Halleluja für und für.” Nun
durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die
Perlentore einziehen.
Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. „Ein
Schlückchen Wasser,” das war fast seine einzige Bitte, die er in den
letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute,
denn sein Durst war sehr groß. Er behielt seine Besinnung bis ans
Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Händchen und
Füßchen zu erwärmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf -- eine
Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Plötzlich hebt er
seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch
schön. „Was siehst du, Friedemännchen?” fragt die Mutter. Keine
Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch
nein, noch einmal schlägt er sie freundlich hell auf und bittet:
„Mama, Schoß!” Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, und die Tränen
fließen ihr über die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt
sein Händchen auf, wie er so oft getan, die Tränen abzuwischen. Es
ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fällt vornüber, und
noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren
Atemzüge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.
Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden
auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hände, und
die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste
zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann
versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126:
„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” machte die
mitternächtliche Tränenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir
schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.
Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns
Eltern über Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Stürmer
an dem offenen Sarge, worin die überaus liebliche Hülle, ganz wie ein
schlafendes Kind, in grünen Kränzen ruhte, das Wort Offenbarung
Joh. 7, 15-17 zum Pilgerstab gereicht hatte: „Darum sind sie vor dem
Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf
dem Stuhl sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern
oder dürsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend
eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten
zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von
ihren Augen.” So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte
einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte:
„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei
gelobt.”
Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige
fünfjährige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit,
hatte ein gar zärtliches, sorgsames, williges Gemüt. Der Mutter an
den Augen hängend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen
Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermüdlicher Geschäftigkeit.
Rührend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des
lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam über ihre
Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie
sich selbst zu: „So, so, nun ist's gut.” Als in den letzten Tagen
ihr Stimmchen zu einem kaum hörbaren Lispeln zusammengebrochen war,
lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und
versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: „Gut!” Ja, als
sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese
Antwort noch zu.
Es war in der Nacht vom 19. zum 20., daß ich, an Ernstchens Bette
wachend, meine Frau rufen ließ, weil ich glaubte, sein Todeskampf
sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall
erwartete. Statt seiner fährt plötzlich Elisabethchen aus einem
leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu
husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie
zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwärts, und der
Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd,
aber mit glänzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der
zukünftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber für diese
Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fünf Uhr morgens, wo sie auf
des Vaters Schoß die letzten bangen Atemzüge aushauchte. Wir taten
ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und
erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem
Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: „Über ein kleines.” Schöner,
als sie je im Leben gewesen, und wie plötzlich gereift zu einer
Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in
ihrem Todesschrein --, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in
gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im göttlichen Worte
liegt, auf unbegreifliche Weise versüßt: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh.
10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. -- O ja, ein treuer
Gott, dessen Verheißungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in
ihm und lauter Amen sind.
Eines besonderen Zwischenfalls muß ich hier Erwähnung tun. Wir
hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt, =Dr.= K., der auch
darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, daß er uns die Todesgefahr
der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders
in sein Herz geschlossen und hörte gerne seinen kindlichen Reden zu.
Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns
in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung
mit, Ernst habe ihm erklärt: „Du kannst mir mit deiner Medizin doch
nicht helfen, der liebe Gott muß mir helfen.” Nicht über Ernstchens
freimütiges Wort wunderte ich mich, sondern über das Bekenntnis des
Arztes und noch mehr darüber, daß er in den folgenden Tagen das Wort
des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von
Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von
sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der großen
Verschlossenheit, die sonst =Dr.= K. im Gespräch über göttliche
Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen
seiner großen Tüchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war,
mußte uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor
Elisabethchens Leiche führte, Tränen im Auge und ließ sich mit
sichtlicher Rührung Ernstchens mannigfache liebliche Äußerungen über
den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter
Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf
den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt plötzlich sein Kutscher
das Klirren des Wagenfensters. =Dr.= K.'s Haupt hängt aus der
Fensteröffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn
gerührt, vermutlich, während er das Fenster zu öffnen versuchte.
Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat
dazu dienen dürfen, daß dem im Irdischen so treuen Mann noch ein
Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?
An der Morgenröte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte
unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich
aufgerichtet, um ihren schönen Glanz zu bewundern, hatte auch über
ihr Wesen und ihre Natur viele Fragen getan. Auch auf seinem
Sterbebette kam ein Freudenstrahl über ihn, wenn die Morgenröte nach
einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und
wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine
Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: „Morgenglanz der
Ewigkeit, -- Licht vom unerschöpften Lichte, -- Schick' uns diese
Morgenzeit -- Deine Strahlen zu Gesichte -- Und vertreib' durch
deine Macht -- Unsre Nacht! -- -- Leucht' uns selbst in jene Welt,
-- Du verklärte Gnadensonne, -- Führ' uns durch das Tränenfeld -- In
das Land der süßen Wonne, -- Da die Luft, die uns erhöht, -- Nie
vergeht!”
Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und
gleichem Frieden doch die Äußerungen der Kinder über ihre Trennung
von uns und über ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter
besonderes Trostkind aus der für sie so schweren einsamen Zeit des
Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn
auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger
Wunsch blieb: „Bei Mama bleiben.” Elisabeth hatte durchaus nichts
gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war.
Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben
sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war
merkwürdig, daß dies lebensfrische Kind, das mit so natürlichem,
lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so
überaus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein
bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den
Himmel gehen wollte, für den zweiten Weg entschied, und man konnte
gewiß sein, daß er wußte, was er sagte. Freilich, als ich ihm die
Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: „Nicht
wie ich will, sondern wie du willst” vorgelegt hatte, antwortete er
in der Folge bei ähnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: „Wie der
liebe Gott will.” Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch:
„Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir
auch viel besser wäre” das Übergewicht in seinem Herzen. Am Abend
vor des kleinen Friedrichs Tode erklärte er unaufgefordert aufs
bestimmteste: „Wenn Friedemännchen diese Nacht stirbt, werde ich
doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.”
Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieser Erklärung
nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der
Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden
Tochter auf dem Schoß neben ihn gesetzt hatte, sodaß er selbst in
das verklärte schöne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da
erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Tränen in
den Augen seiner Mutter sah, da füllten sich seine Augen auch mit
Tränen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit
einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: „Was weinst du denn,
Mama? Du weißt es ja doch, daß es Lisabethchen viel besser bekommt.”
Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders
Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg
hereingebracht wurde, richteten sie sich mühsam in ihren Bettchen
auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann
nur: „Adieu, Friedemännchen;” aber Traurigkeit bemerkte man nicht.
Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem
Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen
wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt
hatte, da wurde sein Heimweh immer größer. Zwar willigte er wohl
noch ein, daß er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, daß
der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben müßte, wenn er alt würde,
und daß der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen müßte. Als
aber nun vollends am nächsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl,
der mit rührender Stille seit vierzehn Tagen gekämpft hatte, ohne
einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in
den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten
Tagen nur ungern von seinem Bette ließ, Urlaub ausbat, bis Karlchen
im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck
tiefer Sehnsucht: „Ich will auch mit, Papa!” „Wohin denn?” „Zu
Friedemännchen und Elisabeth,” lautete die Antwort. Von da ab klang
in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers
durch und behielt die Oberhand über alles natürliche Wünschen:
„Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,”
und sein „viel besser” daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt
mit großer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen
Herzen der überwiegende Wunsch für den geliebten Sohn.
Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund
uns kürzlich aus Paris schrieb, daß der Herr die Kindlein krönt, ehe
sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes
noch nicht zum rechten klaren Bewußtsein gekommen ist. Aber ohne
Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.
Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und
Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar,
und es hat ihnen manchen harten Strauß gekostet, Eigensinn und
Selbstsucht niederzukämpfen. Es war uns aber eine Freude zu
bemerken, daß gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne
Strafe meist schnell und siegreich ausgekämpft wurde, wozu doch der
Geist der Gnade nötig ist.
Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes böses Herz recht viel zu
schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewußtsein
gekommen, was Sünde und was Gnade sei. Er kannte seine natürliche
Selbstsucht wohl, und es war rührend zu sehen, wie er auf seinem
Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte für sich aufgehoben
haben, sondern auch die schönsten Sachen immer gleich zum
Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus
machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bücher, Bilder und andere
Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies tröstlich,
daß der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine
Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand äußerte, Friedrich sei
immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte
dies Wort einen Mißton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der
kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem
Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu
ihm sagte: „Du weißt ja wohl, warum wir in den Himmel kommen,
nämlich, weil der Heiland für uns gestorben ist und uns unsere
Sünden vergeben hat.” Da nickte er mit tiefem Einverständnis. Jeden
Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen
Wochenspruch. Als -- vor Weihnachten -- Psalm 103, 1-3 an der Reihe
war und die Mutter ihn fragte: „Was hat der Herr denn dir Gutes
getan?”, da antwortete er ohne Besinnen: „Daß er für mich gestorben
ist.” „Und was weiter, mein Sohn?” „Daß er mir alle meine Sünden
vergeben hat.” So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen
vielen Gebeten, die er auswendig konnte, für die letzte Zeit ganz
feststehend das Gebetlein ausgewählt: „Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott besteh'n, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingeh'n.” Nur
ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch
versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es
unter großer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber
bei dem erwähnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend
vor seinem Todestage gebetet hat.
Eine eigentümliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem
Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden
mußte, so war bereits auf dem Hügel hinter der Kirche ein neuer
Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch
getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte
dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm plötzlich der sehnliche
Wunsch, er möchte einen Trunk „frischen Wassers aus dem neuen
Brunnen” haben. Und siehe, es war wirklich gar köstliches gutes
Wasser, und es blieb „das frische Wasser aus dem neuen Brunnen”
seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknüpfend an den
guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom
des lebendigen Wassers erzählen, der klar wie Kristall im neuen
Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch
einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die
Stunde, da er auf den grünen Auen an den Ufern dieses kristallenen
Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten
Geschwistern würde spielen dürfen!
Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich für ihn, den allein
übriggebliebenen kleinen Leidträger. Die großen Schmerzen hatten ihn
in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter
stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am
letzten Tage stille seine Hände, doch so, daß es seine Eltern nicht
sahen, und betete: „Ach, lieber Gott, hilf mir doch!” Gegen vier Uhr
am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues
Bettchen gelegt, das die Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt
hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen
war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer
Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte
ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.
Die glückliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Schoß
gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm
niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die
guten Hände gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als
er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm:
„Fürchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlöst, er hat
dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein.” Darauf schlummerte er
ganz leise und ruhig ein, und während ich hinunterging, ihm aus dem
Teich frische Eisstückchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu
kühlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er plötzlich mit dem
gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankündigte, aus dem
Schlafe auf, -- er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne
waren sofort hinweggerückt. Er erkannte mich nicht mehr, seine
großen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine
andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz
wurde wiederholt während dieses letzten Kampfes ebenso schön und
glänzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die
Hoffnung, daß er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken
hatte und daß die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in
seinem schönen Liede über seinen heimgegangenen Sohn singt: „Ach,
sollt' ich doch von ferne stehn -- Und nur ein wenig hören, -- Wenn
deine Sinne sich erhöhn -- Und Gottes Namen ehren, -- Der heilig,
heilig, heilig ist, -- Durch den du auch geheiligt bist, -- Ich
weiß, ich würde müssen -- Vor Freuden Tränen gießen.”
Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhöht seien, als ob seine
Augen herrlichere Dinge sähen, seine Ohren lieblichere Klänge
vernähmen, als diese Welt sie bieten kann.
Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes,
während ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die
schönsten Lieder aus dem Gesangbuch und die köstlichsten Trostworte aus
der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Röm. 5-8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis
6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen
Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekürzt und
erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: „Sie
wird nicht mehr hungern noch dürsten” und wollte eben Offenb. Joh. 21,
vom himmlischen Jerusalem, beginnen -- da war's vollbracht, und wir
durften dem letzten geliebten Kinde die brechenden Augen zudrücken. Es
war elf Uhr nachts am 25. Januar.
Drei Tage darnach standen zwei Särge nebeneinander an der Stelle, wo
die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter über und über
mit grünen Kränzen behangen, aus der Ferne und Nähe von liebenden
Händen gespendet. „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, -- Wollt' Gott,
ich wär' in dir! -- Mein sehnend Herz so groß' Verlangen hat -- Und
ist nicht mehr bei mir!” -- wurde angestimmt und klang uns tiefer
aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: „Selig sind, die nicht sehen
und doch glauben,” dies von Pastor von Velsen mit wärmster Liebe uns
ins Herz geworfene Wort mußte fester als je von uns ergriffen und zu
dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern
festgehalten werden.
Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zärtlicher Liebe
gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner
Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerückt. Da liegt nun die liebe
Schar auf dem schönen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe
meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner
Kleinen gebettet, und wartet der fröhlichen Stunde der Auferstehung,
Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an
Ernstchens Seite.
„Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn
hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der
Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding, daß
ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt, und seinen
Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr
verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich
wieder nach seiner großen Güte.” Klagel. Jer. 3. Mit diesem
köstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren
Gräbern in unser nun vereinsamtes Haus zurückkehren.”
Damit schließt der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der
Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte
ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Gräbern,
und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfählen
zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Gräber
lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter
zugleich nachdenken könne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen
wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes ließ sie neue,
ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. „Damals,” so sagte
Bodelschwingh später einem trauernden Vater, „als unsere vier Kinder
gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein
kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere.”
Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden
beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich
so tief demütigen konnten, konnte Gott sie auch erhöhen. Darum
wurden die letzten Jahre in Dellwig die schönsten. Und als die
tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die
ihnen das harte Märker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem
Sterben ihrer heißgeliebten Kinder nahmen beide die Gewißheit in ihr
ferneres Leben hinein: „Wenn du mich demütigst, machst du mich
groß.”
Vier Monate später mußte Bodelschwingh auch seiner geliebten
76 jährigen Mutter den Todesschweiß von der Stirn wischen. In
zunehmender körperlicher Schwäche, aber auch in zunehmender
Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens
gegangen. Jedem, der in ihre Nähe kam, welcher Richtung er auch
angehörte, pflegte sie mit größtem selbstverständlichem Vertrauen zu
begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das
war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich
manches Herz ihr erschloß, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens
in die Welt des Glaubens helfen konnte.
In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter
Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte
Stunde, auf die sie sich mit großer Sorgfalt und Demut vorbereitet
hatte. „Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und
Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens
Trost und mein Teil” waren die letzten Worte, die der Sohn von den
sterbenden Lippen seiner Mutter hörte und mit denen er in seine
beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurückkehrte. Dann kam der
Ruf nach Bielefeld.
=II.=
1872-1910.
Bethel.
Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung.
Die neue Heimat.
Wie zwei gewaltige ins Meer hinausgebaute Dämme schieben sich das
Wiehengebirge und der Teutoburger Wald in das niederdeutsche Land
hinein. Still legt sich die weite, unermeßliche Ebene gleich dem
Meer, das sich nach dem Sturme zur Ruhe begeben hat, an den Fuß der
beiden Gebirgszüge. Das Land aber dazwischen sieht anders aus. Es
ist, wie wenn das Meer plötzlich mitten in seiner Bewegung zum
Stillstand gekommen wäre. Wellenberge und Wellentäler folgen
aufeinander. Durch tiefe Wiesengründe rieseln die Bäche, fruchtbare
Äcker wechseln ab mit waldigen Hügeln, und oben auf den Höhen recken
die Windmühlen ihre langen Arme aus. Das ist das alte Sachsenland,
die Heimat Hermanns, des Cheruskers, und Wittekinds, des
Sachsenherzogs.
Als Tacitus vor 2000 Jahren seine Germania schrieb, sagte er von dem
Bewohner des Landes: „Wo irgend ein Hain, eine Quelle, eine Wiese
ihm wohlgefällt, da schlägt er seine Hütte auf.” Vielleicht nirgends
sonst im Vaterlande findet sich ein Landstrich, für den bis heute
die Beschreibung des römischen Geschichtsschreibers in solchem Maße
paßt wie für das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge.
Manches Gehöft des Landes freilich ist im Laufe der Jahrhunderte zum
Dorf geworden, manches Dorf zur Stadt. Aber die meisten Häuser
liegen noch heute vereinzelt, hin und her durchs Land gestreut, im
Kranze ihrer Obstbäume und im Schatten der alten Eichen. Wer des
Nachts von den Höhen ins Land hinunterblickt, sieht weit und breit
die einzelnen kleinen Lichter der einsamen Häuser und Gehöfte
aufglänzen, als wenn sich die Sterne des Himmels auf der Erde
spiegelten.
Dieses Sachsenland zwischen dem Teutoburger Wald und dem
Wesergebirge, das sich heute zusammensetzt aus dem ehemaligen
Fürstentum Minden, der alten Grafschaft Ravensberg, dem früheren
Fürstentum Lippe-Detmold und Teilen des hannoverschen Landes, ist
von alter Zeit her die Heimat der Spinner und Weber gewesen. Vor
50 Jahren noch pflegte das Kind des Ravensberger Landes seinen Weg
zur Schule nicht eher anzutreten, als bis es in früher Morgenstunde
das vorgeschriebene Teil Garn gesponnen hatte, und bis spät in die
Nacht summten die Spinnräder und klapperten die Webstühle. Der
Mittelpunkt der Leinenindustrie aber war die alte Stadt Bielefeld.
Auf der Sparenburg, die mit ihren vier vorgeschobenen Bastionen wie
eine schützende Löwin über Bielefeld Wache hält, haben die Grafen
und Kurfürsten von Hohenzollern je und dann residiert, und sein
„Spinn- und Webeländchen” war ein besonderes Lieblingskind des
Großen Kurfürsten und seiner Gemahlin Luise Henriette gewesen.
In der Gegend von Bielefeld spaltet sich der Teutoburger Wald in
vier parallel laufende Höhenrücken, die durch drei freundliche
Waldtäler voneinander getrennt werden. In dem ersten dieser Täler,
hart vor den Toren der Stadt, stand im Jahre 1867 ein Bauernhof zum
Verkauf. Ein kleines Komitee, dem die Not der Epileptischen im
Vaterlande auf die Seele gefallen war, erwarb den Hof. Am 14. und
15. Oktober 1867 zogen hier die ersten fünf epileptischen Kranken
ein. Zwei Jahre später entstand durch die Arbeit eines zweiten
Komitees in Bielefeld selbst ein kleines Diakonissenhaus. Für diese
beiden Anstalten wurde Vater zum Leiter berufen.
Am 23. Januar 1872 kamen die Eltern von Dellwig nach Bielefeld. An der
Detmolder Straße war für sie eine Wohnung gemietet worden, und in dem
Garten, der das Haus umgab, pflanzte Vater die Obstbäume, die er aus dem
Pfarrgarten von Dellwig mitgenommen hatte. An der andern Seite der
Straße lag das Grundstück, auf dem das neue Diakonissenhaus gebaut
werden sollte, das seit seiner Gründung im Jahre 1869 eine vorläufige
Unterkunft in dem alten Marienstift, dicht an der Neustädter Kirche,
gefunden hatte.
Die Pocken, die mit dem Krieg 1870/71 auch in Bielefeld ausgebrochen
waren, waren noch nicht erloschen, und auf dem Grundstück, welches
für den Neubau des Diakonissenhauses bestimmt war, standen die
hölzernen Baracken, in welchen von einer Schwester des jungen
Diakonissenhauses die Pockenkranken gepflegt wurden. Eine der
Schwestern, die damals dort arbeitete, hat noch in ihrem hohen Alter
erzählt, welch tiefen Eindruck auf sie und alle Insassen des Hauses
die Unbekümmertheit und Seelenheiterkeit gemacht habe, mit der der
neue Diakonissenpastor sich unter den Pockenkranken bewegte und
ihnen Zuspruch brachte.
Das für das neue Diakonissenhaus bestimmte Grundstück hatte eine
auserlesene Lage. Es zog sich an dem Hang des Höhenrückens hinauf,
auf dessen Vorsprung die alte Sparenburg lag. Je höher man stieg, je
freier dehnte sich unter dem Auge des Beschauers Stadt und Land.
Dennoch sollte der Bau des Diakonissenhauses an dieser Stelle nicht
zur Ausführung kommen. Mit dem ersten Blick übersah der neue
Vorsteher, daß sich mit dem Festhalten an diesem Grundstück eine
falsche Entwicklung anbahnen würde, und griff sofort entschieden
ein. So schön auch die Lage des Platzes war, er neigte sich gegen
Norden und hätte Kranken und Gesunden für immer zu wenig Sonne
gebracht. Dazu kam ein anderes. An der andern Seite des
Sparenbergrückens, tief unten im Tal des Kantensieks, war, wie oben
gesagt, zwei Jahre früher als das Diakonissenhaus jener alte
Bauernhof Eben-Ezer gekauft worden, der für Deutschland die erste
selbständige Heimat der Epileptischen geworden war. Wohl hatte jede
Anstalt ihren Vorstand für sich, aber die Mitglieder des einen
Vorstandes waren vielfach auch die Mitglieder des andern. Darum
drang Vater darauf, auch die Anstalten selbst räumlich so nah als
möglich miteinander zu vereinigen. Das alte Eben-Ezer unten im Tal
hatte längst nicht mehr der wachsenden Zahl der Kranken genügt.
Dreihundert Meter oberhalb, am Rande des Buchenwaldes, mit dem Blick
nach Südwesten, war ein großer Neubau für die Epileptischen
entstanden, der den Namen Bethel führen sollte. Zwischen Bethel und
Eben-Ezer aber lag ein unbebautes Gelände, das nun auf Vaters Rat
zum Neubau des Diakonissenhauses und des Pfarrhauses bestimmt wurde.
So wurden die Anstalt für Epileptische und das junge Diakonissenhaus
aufs engste miteinander verbunden. Im Herbst 1873 mußten die
Dellwiger Obstbäume noch einmal ihre Heimat wechseln, und mit dem
vierjährigen Wilhelm und dem einjährigen Gustav, der von der treuen
Magd Friederike im Kinderwagen gefahren wurde, zogen die Eltern über
den Sparenberg hinüber in das neue Pfarrhaus am Jägerbrink, in
welchem Anfang 1874 auch die kleine Frieda ihren Einzug hielt und
drei Jahre später der jüngste des Geschwisterkreises, Friedrich.
Einzelne Bilder tauchen aus dieser ersten Kinderzeit noch ganz
deutlich vor der Erinnerung auf. In der Schlafstube, die wir Kinder
bis zu unserm sechsten oder siebenten Jahr mit den Eltern teilten,
stand mein Bett unter der alten runden Wanduhr, die Vater
eigenhändig alle drei Wochen aufzuziehen pflegte. Die Wände meiner
kleinen Bettstelle bestanden aus einem Holzgitter, sodaß ich
zwischen den Stäben durch beobachten konnte, was in der Stube
vorging. Meist schliefen wir Kleinen ruhig weiter, während die
Eltern sich erhoben. Aber wenn ich einmal zeitiger als sonst
erwachte, war es ein unermeßliches Vergnügen, den Vater zu
beobachten. Er war bis auf Rock und Weste bereits angekleidet, aber
er hatte den Hemdkragen zurückgeschlagen und rieb sich mit dem
angefeuchteten Ende eines rauhen Handtuches den Hinterkopf und
Nacken. Dabei ging er an der Längsseite des Schlafzimmers zwischen
seinem Waschtisch und der Stubentür auf und ab, ab und auf. Von Zeit
zu Zeit blieb er vor seinem Waschtisch stehen, tauchte das Handtuch
aufs neue ein und nahm dann seinen Weg wiederum auf, immer den
Nacken reibend. Auf dem Rückweg von der Tür zum Waschtisch konnte
ich Vaters kräftigen Nacken beobachten, der unter dem Reiben
natürlich immer roter und roter wurde; aber noch viel mehr
interessierte mich sein Gesicht, in das ich unmittelbar hineinsah,
wenn er vom Waschtisch zur Tür ging. Er sah mich nicht, obwohl ich
mit weitgeöffneten Augen gerade durch das Gitter hindurchguckte.
Vielmehr war sein Auge in die Ferne gerichtet auf Menschen und
Dinge, mit denen seine Gedanken beschäftigt waren. Dabei pflegte er,
ihm selbst unbewußt, seinen Gedanken in kurzen, abgebrochenen
Selbstgesprächen Luft zu machen. Alle Töne, von den kräftigsten bis
zu den zartesten, kamen dabei zum Ausdruck. Bisweilen kam es
freilich auch vor, daß sein Auge aus der Ferne zurückkehrte in die
Nähe und meinem geöffneten Auge begegnete. Dann trat er wohl an mein
Bett, strich mit seiner großen, weichen Hand über meine Stirn und
sagte: „Mein herzgeliebtes Kind,” -- mehr nicht, aber es war genug,
um mich bis ins Innerste zu beglücken.
Waren wir Kinder fertig angezogen, so pflegte die Mutter durch ein
kleines Sprachrohr, welches von der Schlafstube nach oben in Vaters
Arbeitszimmer führte, den Vater zur Andacht zu rufen. Dann kam
regelmäßig das Kleinste von uns, soweit es sich schon an der Andacht
beteiligen konnte, auf Vaters Schoß; die Mutter saß am Harmonium,
und Vater sagte in ganz kurzen Sätzen das Lied vor, sodaß auch die
Kleinsten sich schon an dem Gesang beteiligen konnten und wir so
unbemerkt allmählich einen großen Teil des Gesangbuches auswendig
lernten.
Zwischen dem Singen trank Vater immer wieder einen kleinen Schluck
aus dem Glas ganz frisch gepumpten Wassers, das vor ihm stand, --
eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende beibehielt und der er
wahrscheinlich seinen gesunden Magen verdankte, der ihm nie den
Dienst versagte. Nach dem Gesang kam der Bogatzky, ein Andachtsbuch,
das schon in den Elternhäusern von Vater und Mutter viel gebraucht
worden war. Uns Kindern blieb es, bis wir erwachsen waren, fast
unverständlich, und doch bot es auch uns Erbauung genug, weil wir
merkten, mit welch tiefer Andacht Vater und Mutter aus dem Wort
dieses gründlichen Schrift- und Seelenkenners ihre Stärkung für die
Arbeit des Tages nahmen.
Von den Gebeten, mit denen Vater die Andacht schloß, ist mir eins in
besonderer Erinnerung geblieben. Der kleine Kanarienvogel, der uns
aus dem Hause an der Detmolder Straße in die neue Heimat begleitet
hatte, lag am Morgen tot in seinem Bauer. Er war verdurstet. Unser
ältester Bruder, dem die Pflege des kleinen Tieres anvertraut war,
hatte ihn vergessen. Nichts von Schelten oder Strafen. Aber in dem
Gebet, das sich an den Bogatzky anschloß, brachte Vater die Sache
vor Gott. Es ging durch Mark und Bein, wie er um Vergebung bat und
um Treue. Und wer unsern nun auch schon dem Vater in die Ewigkeit
nachgefolgten Bruder Wilhelm gekannt hat, weiß, in welchem Maß
dieses Gebet erhört worden ist. Er wurde die wandelnde Treue selber.
Nie vergaß er etwas, weder Dinge noch Menschen. Was ihm anvertraut
war, für das stand er ein; und wenn es auch bisweilen schien, als
hätte er etwas vergessen oder versäumt, er holte es nachher mit
doppelter Treue nach.
Ein andermal kam es freilich doch zu einer Strafe. Diesmal war ich
der Attentäter. Worum es sich handelte, besinne ich mich nicht mehr
gewiß, doch muß es ein gröblicher, bewußter Ungehorsam gegen ein
ausdrückliches Gebot der Mutter gewesen sein. Denn das weiß ich
noch, daß die Angelegenheit, die eigentlich lediglich die Mutter und
mich anging, von der Mutter dem Vater übergeben wurde. Auch weiß ich
noch heute genau die Stelle in der Schlafstube, in der sich das
Strafgericht vollzog. Unsagbare Gefühle der Scham und Reue
beschlichen mich, als mein heißgeliebter Vater, der so viel
Wichtigeres zu tun hatte, meinen Kopf zwischen seine Knie nahm und
mit einer Glut und Milde zugleich schlug, daß Leib und Seele
einheitlich erschüttert wurden. Es war das erste und das letzte Mal,
daß ich meinen Vater in dieser Weise bemüht habe.
Vor dem Einschlafen pflegte Vater regelmäßig laut mit der Mutter zu
beten. Das erlebten wir Kinder natürlich nur selten, da wir meist
schon längst in festem Schlummer lagen. Aber einige Male habe ich es
doch erlebt. Das war dann jedesmal das Größte und Tiefste, das ich
mir denken konnte. Noch mehr als in der gemeinsamen Andacht mit
allen Hausgenossen quoll jetzt das Herz des Vaters über in Dank und
Fürbitte. Mit Namen wurde jedes einzelne Kind genannt und der
Bewahrung und dem Segen des Heilandes empfohlen. Er hatte wenig Zeit
für uns übrig, unser geliebter Vater, er strafte nur im äußersten
Notfall, er schalt, soweit ich mich besinnen kann, nie; aber er
betete für uns.
Das Mutterhaus.
Unser Haus lag im Schatten des Mutterhauses. Denn so wurde das
Diakonissenhaus Sarepta stets von Vater genannt. Er hatte den Bau
vom ersten Augenblick an überwacht. Um Kosten zu sparen, hatte er
aus dem nahen Lipper Land einen bewährten Ziegler kommen lassen, der
mit einigen Gehilfen den Ton, der für die Fundamente ausgehoben
wurde, an Ort und Stelle zu Ziegeln verarbeitete und die Ziegel
gleich unterhalb der Baustelle in einem Feldziegelofen brannte.
Auch der Plan des Hauses stammte in seinen Grundgedanken, soweit ich
mich besinne, von Vater. „Es ist kein Winkel im Haus,” sagte er
gelegentlich, „den ich nicht selbst nachgemessen habe.”
Wenn es möglich ist, das wahrhaft Mütterliche durch Steine und Holz
in einem Bau darzustellen, so war es bei dem Bau des Mutterhauses
gelungen. Schon die beiden Flügel des Hauses, die nach dem Walde zu
lagen, waren wie die weit ausgebreiteten Arme einer Mutter, und wenn
wir Kinder über die frei vorspringende Treppe ins Innere traten, so
umwehte uns ein unbeschreiblich wohltätiges Gefühl mütterlicher
Behaglichkeit. Die Gänge, die nach der schattigen Waldseite zu
lagen, waren in ein trauliches Dämmerlicht gehüllt. Um die Kranken-
und Schwesternzimmer aber lief den ganzen Tag vom Morgen bis zum
Abend die Sonne. Und im Winter sorgten schlichte gelbe Kachelöfen,
die nur des Morgens angeheizt zu werden brauchten und den ganzen Tag
durchhielten, für die behaglichste Wärme.
Für alles war in diesem mütterlichen Bau Raum, für die kleinen
Säuglingskinder, die die Gemeindeschwestern von den verschiedenen
Stationen mitbrachten, für die größeren Kinder, kranke oder gesunde, für
erwachsene Kranke, mit welcher Krankheit sie auch behaftet waren, für
die jungen Schwestern, die lernten, für die erholungsbedürftigen
Schwestern, die eine Zeitlang ausruhten, für die Apotheke, die Küche,
die Waschküche und die Bäckerei, und für wer weiß was sonst noch.
Das Herz des Baues aber war die kleine Kapelle, die den Mittelpunkt
des Hauses bildete. Hierhin nahmen die Gänge, die Treppen, die Säle
ihre Richtung, und zwei Brücken, die vom Walde aus über den tiefen
Talweg in den ersten Stock des Hauses führten, sorgten dafür, daß
auch von auswärts jedermann zu Fuß oder im Rollstuhl mit
Leichtigkeit die Kapelle erreichen konnte. Sie lief durch zwei
Stockwerke, und ihre Fenster, unten und oben, gingen nicht nur nach
draußen, sondern auch in die anliegenden Krankensäle, sodaß die
Kranken von ihren Betten aus dem Gottesdienst beiwohnen und durch
die geöffneten Fenster die Predigt hören konnten.
Die wachsende Zahl der Schwestern, der Kranken und übrigen
Anstaltsbewohner brachte es mit sich, daß allmählich eine Station
nach der andern aus dem Mutterhause verlegt wurde, bis schließlich
auch die alte, liebe Kapelle einem Neubau Platz machen mußte. Aber
für die ersten Anfänge einer Diakonissenarbeit wird der alte Bau von
Sarepta immer vorbildlich sein.
Der Entschluß des Vaters, das Diakonissenhaus so eng wie möglich mit
der jungen Anstalt für Epileptische zu verbinden, zeigte sich von
großer Bedeutung für die Ausbildung der Schwestern. Denn nun ergab
es sich von selbst, daß auch die jungen Schwestern schon bald in die
Pflege der Epileptischen eintraten, ja, daß manche von ihnen von
vornherein ihren Beruf in einem der Häuser für Epileptische
begannen.
Unter allen Kranken sind aber Epileptische am schwersten zu pflegen.
Die Plötzlichkeit der Anfälle und die unberechenbaren Stimmungen der
Epileptischen auf der einen Seite und dazu die Geistesgegenwart und
körperliche Gewandtheit, die gerade während des Ausbruches des
Anfalles von seiten des Pflegers nötig sind, erfordern die größte
Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte. Auch die Nacht
bringt keine Ruhe. Denn in jener ersten, man möchte sagen, herben
Zeit war es Sitte, daß die Pflegekräfte, die den ganzen Tag über den
Dienst an den Kranken getan hatten, auch des Nachts auf den
Krankensälen schliefen und sich oft mehrere Male durch die Anfälle
der Kranken aus dem Schlaf reißen lassen mußten.
So wurden gerade durch den Dienst an den Epileptischen die Kräfte
der Aufopferung auf die höchste Probe gestellt, und die Lauterkeit
der Gesinnung fand hier ihre tiefste Bewährung. Unter den
Diakonissen habe ich immer gern das Gesicht einer Schwester gesucht,
der von einer Kranken das Ohrläppchen abgebissen war, und die Stille
und Gelassenheit, die über diesem Gesicht lag, tat in der Seele
wohl.
Eine Schwester, die sich im Dienste an den Epileptischen bewährt
hatte, konnte der Regel nach auf jedem andern Arbeitsplatz gebraucht
werden, sei es in einer Kleinkinderschule, einer Gemeindepflege oder
einem der vielen Krankenhäuser, die in rasch wachsendem Maße die
Hilfe des jungen Mutterhauses begehrten. Es war damals, nach dem
Kriege 1870/71, die Zeit, in welcher die rheinisch-westfälische
Kohlen- und Eisenindustrie sich immer gewaltiger ausdehnte. Kleine
Siedlungen wurden zu Dörfern, Dörfer zu Städten, Städte zu
Großstädten; und das Mutterhaus Kaiserswerth, das bis dahin dort
allein die Arbeit getrieben hatte, rief immer lauter die junge
Tochteranstalt Sarepta zu Hilfe.
Hilferufe aber waren allezeit des Vaters Lust. Je größer das
Gedränge der Hilfesuchenden wuchs, je höher stieg sein Glaube, je
glühender wurde seine Liebe, je munterer eilte sein Schritt, je
dringender wurde sein Wort. Hatte er des Morgens in der kleinen
Sareptakapelle gepredigt, so ging es oft des Nachmittags hinaus, zu
Fuß, zu Wagen oder auch mit der Eisenbahn, um in Stadt und Land für
den Dienst an den Kranken, Kindern und Notleidenden zu werben.
Oft haben wir Kinder mit der Mutter zugleich ihn auf seinen Wegen
begleitet. Dann saß er mit fest zugekniffenen Augen neben dem
Kutscher auf dem Bock, in seinen Text vertieft. Ging es bergauf, so
sprang er ab und eilte dem Wagen voraus, wir Kinder hinter ihm her.
Nur die Mutter behielt das Recht, im Wagen zu bleiben. Wenn dann
Vater bei der Feier das Wort ergriff, konnte man herzandringender
niemand sprechen hören. Handgreiflich malte er den Heiland vor
Augen, wie er in den armen blöden Kindern, den elenden epileptischen
Knaben, den verstümmelten Bergmännern des Industriegebietes oder in
einsame Bettler verkleidet den Dienst seiner Christenheit begehrte.
So stellte sich eine Kraft nach der andern ein, die vornehme
Bauerntochter und das geringe Mädchen aus dem Heuerlingshause, und
auch solche, die höhere Schulen besucht hatten, mischten sich
darunter. Oft kamen unmittelbar im Anschluß an eine Predigt des
Vaters die Meldungen zum Dienst. Einmal waren es sieben junge
Mädchen zu gleicher Zeit, die alle kamen und alle blieben.
Das Kind sieht nicht die Schatten. Sie haben gewiß auch dem jungen
Mutterhause Sarepta damals nicht gefehlt. Ich aber sah nur einen
Strom hilfsbereiter, sterbenswilliger mütterlicher Liebe sich aus
dem Mutterhause in das Land ergießen.
Wie schnell aber kamen manche der Schwestern, die gesund aus dem
Mutterhause ausgezogen waren, todkrank zurück! Namentlich solche,
die sich bei einer Privatpflege am Typhus angesteckt hatten. Ohne
daß wir Kinder es uns untereinander gestanden, schnitten uns die
vielen und tödlichen Erkrankungen der Schwestern immer wieder ins
Herz, und wir konnten es nicht verstehen, daß Vater die Schwestern
nicht ernstlicher schonte. Aber er hatte längst aufgehört, den Wert
des Menschenlebens nach der Zahl der Jahre zu berechnen. Ihm waren
die kranken Tage einer Schwester noch wichtiger als die gesunden,
und zu den sterbenden Schwestern ging er am liebsten mit einem
Blumenstrauße in der Hand wie ein Gratulant; denn „das liebe letzte
Stündlein war gekommen”.
Aber den Sieg des Sterbenden über den Tod konnte er nur darum
feiern, weil er mit unermüdlicher Treue den Sieg des Lebenden über
sein eigenes Leben lebte und lehrte. Regelmäßig zweimal die Woche
gab er den Schwestern Stunde. Nur im äußersten Notfalle ließ er
solch eine Stunde ausfallen, und ich sehe immer noch, wie er, wenn
wir am Kaffeetisch oder beim Abendbrot saßen, von Zeit zu Zeit
seinen Kopf zur Uhr wandte, um genau auf die Minute zur
Schwesternstunde aufzubrechen. Eine eigentliche Unterrichtsstunde
war es nicht. „Ich bin kein Lehrmeister”, sagte er öfter in
richtiger Erkenntnis der ihm gesetzten Schranken. Darum überließ er
allen übrigen Unterricht der Schwestern desto umfassender andern
geschulten Kräften. Sein eigener Unterricht war im Grunde eine durch
kurze Fragen und Antworten unterbrochene Erbauungsstunde, in der er
in die Schrift und in das kirchliche Leben einführte und von da aus
die Linien zog für die Aufgaben des Christen und die besondere
Aufgabe des Schwesternberufes. Der Grundton der Stunde blieb immer
das eine Thema: Seel' und Leben, Leib und Glieder, -- Alles gibst du
für mich hin; -- Sollt' ich dir nicht geben wieder -- Alles, was ich
hab' und bin? Ich bin deine ganz alleine, -- Dir verschreib' ich
Herz und Sinn.
Den jüngeren Schwestern gab er regelmäßig von einer Stunde zur
andern einige Verse eines Kirchenliedes oder auch Bibelsprüche auf.
Er hörte das Gelernte ab, doch ängstete er nie, wenn es nicht
gekonnt wurde, sondern ermunterte immer wieder. „Zwang”, sagte er
einmal, „ohne innere Nötigung richtet Zorn an; aber Ermunterung
macht fröhliche Leute.”
Etwas anders hielt er es bei den Kinderschwestern. Diesen, die in
den Kleinkinderschulen rings um Bielefeld arbeiteten, gab er
Freitagnachmittags eine besondere Stunde. Nach einem bestimmten
Lehrplan wurde in den Kinderschulen die Woche über eine Geschichte
des Alten oder Neuen Testamentes behandelt, und diese Geschichte
wurde in der Freitagsstunde von Vater mit seinen Schwestern
durchgenommen. Hier hielt er darauf, daß die Schwestern die
Geschichte auswendig wußten. So wie sie da stand, in ihrer
ursprünglichen Kraft und Frische, sollte sie zunächst auch den
Kindern erzählt werden, und erst dann erlaubte er, die einzelnen
Teile der Geschichte auszumalen und Zug um Zug dem kindlichen Gemüt
und Verständnis nahezubringen.
Alle vier Wochen hielt er am Sonntagnachmittag den Schwestern einen
besonderen Schwesterntag, zu dem außer unserer Mutter niemand
zugelassen wurde. Und den Schwestern auf den auswärtigen Stationen
schrieb er zu diesem Tage einen Brief. Auf diesen Brief, der
vervielfältigt und jeder einzelnen Schwester zugeschickt wurde,
bereitete er sich immer mit besonderer Sorgfalt vor. Durch drei oder
vier Fragen wurde jeder Brief eingeleitet. Die Antwort auf diese
Fragen sollte jede Schwester selbständig aus der Schrift, dem
Gesangbuch und der eigenen Erfahrung suchen. Dabei wünschte Vater,
daß jede Schwester diese Fragen in einem vertraulichen Brief
beantwortete.
Seelsorgerliche Briefe an einzelne Schwestern schrieb er selten oder
nie. Aber er besuchte die Schwestern, sooft er nur konnte. Dabei
galt der Besuch nicht nur den Schwestern, sondern immer zugleich
auch den Kranken, an denen die Schwestern arbeiteten.
Die Stationen des Mutterhauses waren allmählich in die Weite
gewachsen. In der großen Krankenanstalt von Bremen, in der
Universitätsklinik und in der Charité von Berlin, in dem deutschen
Hospital von London, in Paris und Metz, in Frankfurt, in Nizza, in
Davos standen die Schwestern in der Arbeit, dazu vor allem an vielen
kleinen und großen Arbeitsplätzen der westfälischen Heimat. Kam er
auf eine Station, so galt sein erster Weg immer den Elendesten und
Sterbenden. Sie zu erquicken und aufzurichten, war ja zugleich die
wesentlichste Hilfe, die er den Schwestern in ihrem oft mühsamen
Dienst bringen konnte.
In der Charité von Berlin hatten die Schwestern die Station der
Kranken, die das Straßen- und Nachtleben an Leib und Seele verdorben
hatte. Unvergleichlich, unvergeßlich waren der Ernst, die Milde und
die suchende Liebe, womit er zu diesen Kranken sprach, teils zu den
einzelnen, teils auch zu dem ganzen Saale. Daraus gewannen dann
zugleich auch die Schwestern neue Kraft und Freudigkeit für ihren
sauren Dienst.
Waren die Kranken besucht, so versammelte er den Schwesternkreis.
„Habt ihr Frieden untereinander?” lautete immer wieder seine Frage,
auf die er keine Antwort erwartete, die er aber desto ernster auf
die Gewissen legte. Dann sprach er die einzelnen.
Ganz einsam stehende Schwestern, die nur unter großem Aufwand von
Zeit zu erreichen waren, bestellte er mit einer Postkarte auf irgend
eine Station der Bahnstrecke, nahm sie ein Stück Weges im Zuge mit
und ließ sie dann auf ihren Posten zurückkehren. Unserer Mutter
schrieb er von solchen Reisen immer kurze Grüße, ließ sie auch nie
vergeblich warten. Konnte er es nicht anders einrichten, als nachts
nach Hause zu kommen, dann telegraphierte er: „Schlüssel heraus”. So
wußte die Mutter: „Er kommt”, und legte den Hausschlüssel an eine
verabredete Stelle vor dem Fenster. Am Morgen aber durften wir
Kinder seine kleine schwarze lederne Reisetasche auspacken, in der
regelmäßig für jedes von uns ein kleines Mitbringsel steckte, das
selten mehr als einen Groschen kostete, aber darum doch jedesmal die
größte Freude erweckte.
Für alle Häuser, in denen Schwestern arbeiteten, erwartete er von
den Vorständen zweierlei: einmal, daß von den Kranken nicht Karten
gespielt wurde, und dann, daß die Schwestern die Freiheit hatten, in
den Sälen der Kranken und auch an den einzelnen Krankenbetten eine
kurze Andacht zu halten. Den Schwestern im Londoner Hospital, in
welchem Protestanten, Katholiken und Juden durcheinander lagen,
stellte er ein besonderes Andachtsbuch zusammen, für alle drei
Glaubensrichtungen passend.
Freie Ansprachen der Schwestern und freie Gebete erwartete er nicht.
Er widersprach und widerriet dem im einzelnen Falle nicht, aber die
keusche Zurückhaltung der Frau auf diesem Gebiet war ihm lieb.
Wenig Wort' und viele Kraft
Und ein stilles, sanftes Wesen,
Mehr im Wandel als im Wort,
Sei zu ihrem Schmuck erlesen.
Selten kam es vor, daß er Schwestern des Mutterhauses ihren
Vorständen gegenüber in Schutz nehmen mußte. War es dennoch nötig,
dann tat er es mit der ganzen Ritterlichkeit seines Wesens. Mit
einer hochgestellten Dame, die ein kleines Pflegehaus unterhielt,
es aber an der körperlichen Versorgung der Kranken und der
Schwestern mangeln ließ, brach er nach einigen vergeblichen
Verhandlungen vollständig und ließ ihre Briefe unbeantwortet. Die
Schwestern, die unter Professor von Bergmann in der Berliner
Universitätsklinik arbeiteten, zog er zurück, weil ihm die
natürlichen Empfindungen der Schwestern während mancher der
öffentlichen Operationen in Gegenwart der Studenten nicht genügend
geschützt schienen. Die Trennung von dem von ihm hochverehrten
Professor von Bergmann war ihm tief schmerzlich, aber er blieb fest.
Die Vorwürfe, die von dem leitenden Arzt einer großen Krankenanstalt
öffentlich gegen die Schwestern erhoben worden waren, entkräftete er
bis zu ihrem letzten Austrag, der in die Entlassung des Arztes
auslief.
Im allgemeinen aber erwartete er von den Schwestern, daß sie sich
auch in schwierige und schwierigste Verhältnisse geduldig schickten;
wie er denn auch umgekehrt erwartete, daß man mit den Schwachheiten,
Schranken und Fehlern der Schwestern Geduld habe. Dabei blieb es
nicht aus, daß er das gleiche Maß von Geduld, das er selbst an
einzelne Schwestern gewandt hatte, auch von andern erwartete. Aber
was er tragen konnte, konnten doch keineswegs immer auch andere
tragen. Hier hat er bisweilen dem Kreise der Schwestern, die eine
ungeeignete Mitarbeiterin in ihrer Mitte hatten, fast zu schwere
Lasten aufgelegt dadurch, daß er immer wieder die Ablösung eines
solchen störenden Elementes hinausschob. Wurde er aber belehrt und
überzeugt, dann griff er streng durch. Das tat er namentlich auch in
den Fällen, wo er das innerste Leben einer Schwester an dem Platz,
wo sie stand, gefährdet glaubte. Dann mochte der betreffende
Vorstand, der unter Umständen mit der Schwester, um die es sich
handelte, in höchstem Maße zufrieden war, alle Mittel anwenden, die
Schwester zu halten, -- Vater blieb unerbittlich. Er löste sie ab.
Der Mittwoch wurde schon frühzeitig für uns Kinder ein besonderer
Festtag. Denn da war am Nachmittag eine sogenannte „Lehrprobe”, die
bald in dieser, bald in jener Kleinkinderschule in und um Bielefeld
von Vater gehalten wurde und zu der er uns bisweilen mitnahm. Dann
waren alle Kleinkinderschul-Schwestern und ihre Gehilfinnen
versammelt. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren saßen auf
ihren Bänkchen, die kleinsten vornan, und nun pflegte Vater eins
der Kleinen an die Hand zu nehmen, damit es sich unter der Schar der
Kinderschwestern eine aussuchte, die die biblische Geschichte
erzählen sollte. Alles Sträuben half dann nichts; die von dem Kinde
Gewählte mußte heran und die Geschichte, die am Freitag vorher in
der Vorbereitungsstunde durchgesprochen war, behandeln. So gelang
es, daß alle Teilnehmerinnen gleichmäßig für die Lehrprobe
vorbereitet waren und alle an dem Verlauf das gleiche Interesse
hatten.
Hernach kam dann die Besprechung eines Bildes an die Reihe, das
ebenfalls vorher allen Teilnehmerinnen bekannt gegeben worden war
und das alle studiert hatten. Wieder war es ein Kind, das an der
Hand des Vaters die Auswahl unter den Schwestern traf. Zuletzt kam
das gemeinsame Spiel. Vater, der schon vorher beim Erzählen immer
durch ganz kindliche Fragen und Antworten bald den Kindern, bald der
erzählenden Schwester weitergeholfen hatte, war jetzt beim Spiel
vollends ein Kind unter den Kindern. Wenn die Riesenschlange gemacht
wurde, dann ging er mit in der Reihe, das Kind, das vor ihm
marschierte, an seinem Schürzchen haltend, während das Kind hinter
ihm ihn an seinem Rockschoß gefaßt hatte. Und es war gar nichts
Gemachtes dabei, sondern es war, als wenn es sich ganz von selbst so
verstünde.
Das Wertvollste dieser Lehrproben bestand, wenn die Kinder nach
Hause geeilt waren, in der Kritik, die in großer Gemütlichkeit beim
festlich gedeckten Kaffeetisch abgehalten wurde. Diese Kritik
spielte sich in der Weise ab, daß Vater alle Teilnehmerinnen nach
ihrem Urteil fragte, erst die jüngeren, dann die älteren. So wurde
jede verantwortlich gemacht für die andern. Erst am Schluß faßte er
das Ganze zusammen. Die, die es am schlechtesten gemacht hatten und
am meisten Ermutigung bedurften, kamen oft am besten weg, und
andere, die in Gefahr standen, sich etwas auf ihre Leistung zugute
zu tun, senkten die Köpfe.
Noch lieber als die Mittwochnachmittage waren uns die
Mittwochabende. Da war Familienabend. Was irgend von Schwestern
abkommen konnte, versammelte sich am gemütlich gedeckten und
geschmückten Abendbrottisch im Schwesternspeisesaal des
Mutterhauses. Im Unterschied von der sonst klösterlich einfachen
Kost gab es an diesem Abend nicht nur Graubrot und Schwarzbrot,
sondern auch Weißbrot mit Butter und Schinken, Käse und Wurst. Und
wir Kinder genossen diesen festlichen Tisch in vollen Zügen. Denn zu
Hause ging es bei dem äußerst geringen Gehalt des Vaters sehr
sparsam zu.
Vater erzählte an diesem Abend aus Vergangenheit und Gegenwart, aus
eigenen und fremden Erlebnissen, oder er las auch vor; in jener
Anfangszeit am liebsten aus Christophorus von Rocholl, aus Matthias
Claudius oder aus der Liedersammlung von Wackernagel. Sobald wir
Kinder einigermaßen die Kunst des Lesens erfaßt hatten, mußten wir
dem Vater beim Vorlesen helfen. Allmählich wurde es Brauch, daß
alles, was an Gästen in den Anstalten verkehrte, zu diesem
Familienabend eingeladen wurde, und wer irgend etwas zu erzählen und
zu berichten hatte, durfte sein Pfund nicht im Schweißtuch behalten.
So weitete sich der Gesichtskreis des Mutterhauses, und der Strom
des Weltgeschehens, der sonst so leicht an Anstaltshäusern
vorbeirauscht, bespülte seine Ufer.
Einen Höhepunkt erreichte das Leben des Mutterhauses immer in den
vierzehn Tagen, die der Einsegnung der Schwestern vorangingen. Es
waren regelmäßig die Tage zwischen Palmsonntag und Quasimodogeniti,
die Zeit, wo ringsum in den Buchenwäldern die Leberblümchen und
Anemonen den Frühling anmeldeten. Dann sah man jeden Nachmittag die
Schar der Schwestern, welche drei oder vier Jahre lang ihren
Entschluß geprüft hatten und nun bewährt und bereit waren, den
Dienst einer Diakonisse als Lebensberuf zu erwählen, mit dem Vater
durch das Frühlingsland wandern. Auf diesen Wanderungen nahm er dann
Gelegenheit, jede Schwester an der Hand ihrer Familienverhältnisse
und ihres Lebensganges kennen zu lernen und zu beraten. Mancher
Schwester sind diese stillen Wege wichtiger und wertvoller geblieben
als die feierliche Einsegnung selbst vor der sich drängenden
Gemeinde.
Und diese Einsegnung zum Dienst blieb keine einmalige, sondern
wiederholte sich jedesmal, wenn eine Schwester das Mutterhaus
verließ, um auswärts eine Arbeit zu übernehmen oder um auf den alten
Arbeitsplatz zurückzukehren. Dann kam sie regelmäßig zum
Abschiednehmen bei Vater vor. Neben seinem Arbeitszimmer hatte Vater
ein Dachkämmerchen, in welchem die Mutter ihre Vorräte aufbewahrte,
dessen eine Wand aber freigelassen und mit einem großen, aus Holz
geschnitzten Kruzifix geschmückt war. Darunter stand ein kleiner
Tisch. Es waren immer nur ganz wenige Minuten, die Vater dort den
einzelnen Schwestern widmete. Was er sagte und fragte, ist
naturgemäß in den meisten Fällen Geheimnis geblieben. Aber höchst
schlicht und natürlich ging es allemal zu. Vielfach sagte er auch
gar nichts, sondern warf sich vor dem kleinen Tisch unter dem
Kruzifix auf die Knie, und während die Schwester an der andern Seite
kniete, befahl er sie und sich selbst der vergebenden und gebenden
Gnade dessen, in dessen Dienst sie beide standen. Und in seiner
harmlosen Art vergaß er oft, die Doppeltür, die in das Kämmerchen
führte, zu schließen, sodaß, wer von uns nebenan zu tun hatte, es
nicht immer wehren konnte, daß die Worte des Gebetes auch zu ihm
drangen. Tränen in den Augen und doch strahlenden Antlitzes haben
wir manche Schwester aus dem Zimmer kommen und ihren Weg in die
entsagungsvolle Arbeit antreten sehen.
Nicht immer hatte Vater in dem großen Gedränge seiner Arbeit für die
einzelne Schwester viel Zeit; und manche hat, bewußt oder unbewußt,
darunter gelitten. Aber wie er es bei seinen Kindern hielt, so hielt
er es auch bei den Schwestern: er betete. Wo ihm selbst die Zeit und
Kraft für die einzelnen fehlte, da befahl er sie betend desto
inniger und zuversichtlicher dem segnenden Herrn. Und diese Gebete
sind erhört worden. Als er eine Diakonisse begraben hatte, die
einzige Tochter eines großen Bauernhofes, sagte ihre Mutter, während
sie am Grabe stand: „Herr Pastor, und wenn ich sieben Töchter hätte,
ich gäbe sie Ihnen alle; denn mein Kind ist zu glücklich gewesen.”
Von wie vielen Diakonissen konnte dasselbe gesagt werden! Sie waren
in der Tat unter dem Segen ihres Herrn zu glückseligen Menschen
geworden.
Die Epileptischen.
Unter allen Kranken leidet der Epileptische am schwersten. Sobald
die plötzlich auftretenden Anfälle zunehmen oder bekannt werden,
wird er gemieden. Das epileptische Kind muß die Schule verlassen,
der epileptische Erwachsene verliert seine Arbeit und seinen Beruf.
Aus Furcht, aufzufallen oder zu stören, meidet er ganz von selbst
alle öffentlichen Versammlungen, auch die Gottesdienste, oft sogar
den eigenen Familienkreis. Kann der Arzt nicht helfen, so treibt ihn
die Qual seiner Lage von einem Ratgeber zum anderen, von der ersten
vergeblichen Kur zur zweiten, dritten, vierten.
Nur scheinbar ist der Zustand eines Blödsinnigen trauriger als der
des Epileptischen. Der Blödsinnige empfindet seine Lage kaum; seine
Stimmung ist gleichmäßig, oft sogar heiter. Die Leiden des
Geisteskranken dagegen sind wohl in manchen Fällen gesteigerter als
die des Epileptischen, aber sie sind vorübergehend: entweder tritt
verhältnismäßig bald Besserung und Heilung ein, oder aber es löst
der Tod auf der einen, der sich anbahnende Blödsinn auf der anderen
Seite das Leiden ab.
Der Epileptische dagegen sieht, wenn eine Kur nach der anderen
fehlgeschlagen ist, mit wachen Sinnen und mit tätigen körperlichen
und seelischen Kräften ein Leben der Hoffnungslosigkeit, der
Verlassenheit, des Ausgestoßenseins vor sich. In vielen Fällen
brechen die Anfälle nur langsam, oft erst nach Jahren, ja,
Jahrzehnten den körperlichen und seelischen Widerstand des
Organismus. Und solange dieser Widerstand dauert, so lange dauert
auch das Leiden, sodaß der Tod oder die Verblödung, je früher sie
eintreten, die großen Befreier von einem Leben der Qual sind.
Bis in die 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts lag in Deutschland von
kleinen Anfängen abgesehen (1773 wurde ein erstes Asyl in Würzburg
eröffnet), die Fürsorge für die Epileptischen noch fast ganz im
argen. Soweit sich ihr Elend nicht in der eigenen Familie verbarg,
waren sie zumeist in den Anstalten für Blödsinnige oder
Geisteskranke untergebracht. Aber nur im fortgeschrittenen Stadium
der Krankheit empfindet ein Epileptischer, der unter Blöden oder
Geisteskranken lebt, seine Lage nicht mehr. In den frischeren Fällen
zeigt ihm der Zustand der Blödsinnigen, unter denen er lebt, den
Abgrund, dem auch sein Dasein entgegenrollt. Andrerseits läßt der
Zustand des Geisteskranken, sobald er den Wendepunkt überschritten
und den Weg zur Genesung gefunden hat, den Epileptischen die Höhe
sehen, die für ihn unerreichbar ist: der Geisteskranke kehrt in
seine früheren Verhältnisse zurück; der Epileptische bleibt Jahr um
Jahr an die Anstalt gebannt.
In Süddeutschland wurde die erste besondere Anstalt für die
unglücklichen Kranken 1862 in Pfingstweide (Württemberg) gegründet.
In Norddeutschland hatten sich die Augen der Freunde der
Epileptischen auf eine kleine Anstalt gerichtet, die durch den
evangelischen Pastor John Bost in der Nähe der kleinen französischen
Stadt La Force entstanden war und ausschließlich den Epileptischen
diente. Die von dort kommenden Anregungen brachten den Verein für
Innere Mission in Rheinland und Westfalen zu dem Entschlusse,
getrennt von den Anstalten für Geisteskranke und Blödsinnige eine
lediglich für Epileptische bestimmte Anstalt ins Leben zu rufen. Der
junge Reisesekretär des Vereins für Innere Mission, Hesekiel, der
später als Generalsuperintendent der große Wohltäter der Provinz
Posen wurde, war unermüdlich tätig, diesem Gedanken Freunde zu
gewinnen. Da neben den Anstalten in Kaiserswerth das Rheinland noch
eine weitere Anzahl von Stätten christlicher Barmherzigkeit besaß,
so wünschte man, daß die neue Anstalt womöglich in Westfalen ihre
Heimat fände.
Nun war der Rheydter Pastor Balke, ein Ravensberger von Geburt,
durch seine Arbeit als Seelsorger an der Blödenanstalt Hephata in
München-Gladbach in besonderer Weise mit dem Lose der epileptischen
Kranken vertraut geworden. Denn wie in anderen Anstalten waren auch
unter die Blödsinnigen der Anstalt Hephata epileptische Kranke
gemischt. Für diese Epileptischen erhob nun Balke seine Stimme.
Land und Stadt in Minden-Ravensberg waren auf seinen Ruf nicht
unvorbereitet. Überall, bald in kleineren, bald in größeren Herden,
brannte das Feuer einer zur Tat bereiten Liebe. In Bielefeld waren
es vor allem einige Frauen aus den ersten alten Patrizierfamilien
der Stadt, die mit wachem Gewissen und geöffnetem Herzen sich in den
Dienst Gottes gestellt hatten. Durch sie waren auch ihre Männer und
Verwandten gewonnen worden. Die Funken eines Vortrages, den Pastor
Balke aus Rheydt im Jahre 1865 hielt, sprangen nach Bielefeld über.
Das kurze Kriegsgewitter von 1866 dämmte wohl das Feuer eine Weile
ein, brachte es aber nicht zum Erlöschen. Vielmehr zogen wirklich im
Jahre 1867 die ersten sieben epileptischen Kranken in dem kleinen
Bauernhofe ein, der am Fuße der Sparenburg erworben war. Der
westfälische Generalsuperintendent D. Wißmann hielt die
Einweihungsrede der jungen Anstalt an der Hand des Wortes: „Aus dem
Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtig
Volk. Ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten.”
Jes. 60, 22. Mit den sieben Erstlingen beugte er seine Knie vor
Gott, um den Segen für die junge Pflanzstätte zu erflehen.
Zwei Jahre später kam, wie bereits erwähnt, die Schwesteranstalt
Sarepta hinzu. Beide standen unter demselben Präses, dem Kaufmann
Bansi in Bielefeld, und unter dem gleichen Vorsteher, dem Pastor
Simon. Als nach den ersten vier Jahren allmählich wachsender
Aufgaben Pastor Simon sich vor die Wahl gestellt sah, sich entweder
auf seine ausgedehnte Bielefelder Tätigkeit zu beschränken und dann
auf die Leitung der Anstalt zu verzichten oder umgekehrt, entschied
er sich dahin, dem Vorstand die Wahl eines neuen Vorstehers zu
empfehlen.
Nun war Vater ja längst in Bielefeld kein Unbekannter mehr.
Namentlich von Paris war er wiederholt in Bielefeld eingekehrt und
hatte in dem Bansischen Hause Aufnahme gefunden. So war es Gottfried
Bansi, der den Blick des Vorstandes auf den Dellwiger Pastor
richtete. Mit Pastor Simon zugleich machte er sich persönlich nach
Dellwig auf, um die Berufung des Vorstandes zu überbringen. Vater
reiste nach Bielefeld, um alles an Ort und Stelle zu besprechen.
Nach Dellwig zurückgekehrt, setzte er selbst die Richtlinien auf,
unter welchen er bereit war, die Arbeit zu übernehmen, und als diese
vom Vorstand bewilligt waren, sagte er zu. Damit war er der
Vorsteher der Diakonissen und Epileptischen geworden.
Und nun sehe ich Vater in der Erinnerung unter seinen Epileptischen
stehen. Als ein Hoffender stand er unter ihnen, den Hoffnungslosen.
Durch seine persönlichen Erfahrungen war er ja dazu vorbereitet.
Über dem Bett der Eltern hingen die Bilder unserer vier verstorbenen
Geschwister. Sie umrahmten eine kleine Heliogravüre von Mintrop.
Diese stellte eine Frauengestalt dar, die von den himmlischen
Heerscharen der Himmelstür entgegengeleitet wird. An der geöffneten
Tür kommen mit Palmen in den Händen vier Kindergestalten der Mutter
entgegen, um sie vor den Thron Gottes zu führen. Das waren unsere
vier Geschwister, die erst die Mutter, dann den Vater abholten.
Über dem großen Schmerz, der die Herzen unserer Eltern getroffen
hatte, als ihnen alle vier Kinder genommen wurden, waren sie stille
geworden durch den Glauben an den auferstandenen Herrn, der auch für
sie die Stätte bereitet hatte, da man zusammenkommen soll. Hinfort
lebten sie vor den Toren der hochgebauten Stadt. „Ganz dicht vor
den Toren Jerusalems”, wie oft haben wir Vater das sagen hören! Die
Hoffnung für diese Zeit hatte den Eltern durch das Sterben aller
ihrer Kinder genommen werden müssen, damit sie den Anker ihrer
Hoffnung fest hineinsenkten in die ewige Welt Gottes. So waren sie
vorbereitet für die Arbeit unter den Hoffnungslosen.
Man mag den Nachlaß des Vaters in seinen Briefen und Ansprachen oder
das Buch der Erinnerung an ihn aufschlagen, wo man will, überall
findet man seine Seele gestimmt auf den gleichen Ton der Hoffnung:
„Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns
soll geoffenbart werden.” Darum jammerte ihn wohl das Los der
Epileptischen, aber er bejammerte sie nicht. Körperliche Krankheit
und körperliche Gesundheit hatten für ihn die große Entfernung
voneinander und die große Bedeutung verloren, die ihnen sonst so
gern beigelegt wird. Vielmehr galt ihm der körperlich Gesunde für
krank, wenn sein Blick haften geblieben war an den armen
vergänglichen Dingen dieser Erde; der körperlich Kranke galt ihm für
gesund, sobald er durch den Glauben den Zugang gefunden zu der
ewigen Hoffnung. Darum konnte er mit glühendster Überzeugung einen
armen verblödeten Epileptischen, der mit seliger Hoffnung dem
Abschied aus der Welt entgegeneilte, glücklich preisen gegenüber dem
andern, der mit gesunder Körperkraft ohne Ziel und Zweck ins Leben
hinausstürmte.
An der Ecke von Sarepta und beim Eingang in das Haus der
Epileptischen, Bethel, befand sich in jener Anfangszeit je eine
schlichte Gaslaterne. Unter der zweiten dieser beiden Laternen sehe
ich immer noch einen epileptischen Kranken stehen, namens Heinrich
Hudel, der unter der Laterne seinen Standplatz hatte. Er sagte
nichts, aber auf seiner Mundharmonika spielte er immer das eine
Lied, das ihm zum Lieblingslied geworden war: Weil ich Jesu
Schäflein bin, -- Freu' ich mich nur immerhin -- Über meinen guten
Hirten, -- Der mich wohl weiß zu bewirten, -- Der mich liebet, der
mich kennt -- Und bei meinem Namen nennt. -- -- Unter seinem sanften
Stab -- Geh' ich aus und ein und hab' -- Unaussprechlich süße Weide,
-- Daß ich keinen Mangel leide. -- Und so oft ich durstig bin, --
Führt er mich zum Brunnquell hin. -- -- Sollt' ich nun nicht
fröhlich sein, -- Ich beglücktes Schäfelein? -- Denn nach diesen
schönen Tagen -- Werd' ich endlich heimgetragen -- In des Hirten Arm
und Schoß. -- Amen! Ja, mein Glück ist groß!
Das war, in die kindlichste Form gebracht, die Summe der Theologie,
in der Vater lebte und die er darum auch seinen Kranken brachte.
Jedes Jahr einmal kam Heinrich Hudels Mutter aus den Nassauischen
Bergen. Er war ihr einziger Sohn und sie selbst eine Witwe. Aber das
Glück, das in dem Herzen ihres kranken Heinrich lebte, strahlte von
dem Angesicht der Mutter wider. Als endlich der letzte Kampf
gekämpft war und Vater Heinrich Hudels Mutter an der Leiche ihres
Sohnes traf, da „wußte ich nicht,” -- so hat er uns oft erzählt --
„was glücklicher aussah, das Angesicht des Heinrich oder das
Angesicht der Mutter.”
Die Grabhügel und schlichten Kreuze der Epileptischen aus den ersten
Jahren, die sich oben auf dem stillen Waldfriedhof Reihe an Reihe
legten, sind mit den Jahren verschwunden und haben dem grünen Rasen
und dem Schatten der Lebensbäume Platz gemacht. Aber der Hügel und
das Kreuz Heinrich Hudels sind noch heute zu finden mit dem Vers
darauf, den er nicht müde wurde zu spielen. Er ist, man möchte
sagen, der Vorsänger und Kapellmeister der Epileptischen von Bethel
geworden, und das Kreuz auf seinem Grabe mit der Inschrift darauf
wurde zur Losung und zum Feldgeschrei aller seiner Leidensgenossen.
Im Gegensatz zu Heinrich Hudel taucht eine andere Gestalt aus jenen
Tagen auf. Es war ein Landwirtssohn, der erst im beginnenden
Mannesalter epileptisch geworden war. Er war ein Hüne von Gestalt,
und seine Anfälle waren so heftig, daß er mit Riemen an Händen und
Füßen gefesselt werden mußte, weil die Pfleger sonst nicht
verhindern konnten, daß der in wilden Zuckungen sich windende Körper
sich selbst und andern Schaden tat. Aber wie es bei solchen frischen
Fällen bisweilen vorkommt: die Krankheit tobte sich aus, der Kranke
genas und konnte entlassen werden. Am Körper war er gesund geworden;
aber seiner Seele hatte die furchtbare Krankheitszeit des Körpers
nicht zur Gesundheit geholfen.
Solch einen Gesundgewordenen sah Vater nur mit Schmerzen den Weg ins
Leben zurücknehmen. Sein Weg glich dem Wege, an welchem auf allen
Seiten der Tod lauert, während umgekehrt die Leichenfeier eines
Epileptischen, der im Glauben vollendet hatte, zur Lebensfeier, der
Leichenzug zu einem Triumphzug wurde. Am liebsten ließ Vater bei
solcher Gelegenheit ein Loblied singen, und Lob und Dank war der
Inhalt seiner Leichenrede. Dem Leichenzug voran aber zog der
Posaunenchor. In leuchtendem Weiß strahlte der blumengeschmückte
Sarg, den die Mitkranken trugen. Wir Kinder standen mit um das
geöffnete Grab her, und für Kranke und Gesunde wurde der Schauer des
Todes überflutet von dem seligen Rauschen der Ewigkeit.
Aber diese hohe Hoffnung des Glaubens wurzelte in der Tiefe. Nicht nur
als ein Hoffender unter Hoffnungslosen stand Vater unter den
Epileptischen, sondern als Schuldiger unter Schuldigen. Wir haben ihn
oft sagen hören: „Ich täte meinen Kranken das größte Unrecht, wenn
ich ihnen die Verantwortung nähme und alles bei ihnen entschuldigen
wollte.” Alle die Stimmungen, Launen und Leidenschaften, denen ein
Epileptischer mehr als andere Kranke ausgesetzt ist, erklärte und
entschuldigte Vater nicht aus ihrer Krankheit heraus. Vielmehr war die
Krankheit mit ihren Erschütterungen für ihn nur wie das Erdbeben, das
das im Innern des Vulkans schlummernde Feuer weckt und zum Ausbruch
bringt. Jedes Menschenherz, einerlei ob im kranken oder gesunden Leib
wohnend, glich ihm dem Vulkan; und erst die Krankheit mit ihren
erdbebenartigen Erschütterungen öffnete, was sonst im Innern verborgen
geblieben wäre. Nicht für das Erdbeben, aber für dies Innere machte
Vater den Kranken verantwortlich. Und eben darum wurde er zum Wohltäter
für die Kranken. Denn gerade so gab er ihnen die volle Menschenwürde.
„Nichts ist feiger als die Entschuldigung, nichts größer als das
Zugeben der Schuld.”
Aus falscher Barmherzigkeit hatten Eltern, Verwandte, Pfleger und
die Kranken selbst alle Eigentümlichkeiten der Epileptischen aus
ihrer Krankheit heraus erklärt und entschuldigt, ohne zu bedenken,
daß sie dadurch nur desto haltloser ihren Stimmungen, Launen und
Leidenschaften ausgeliefert wurden. Vater aber erhob die Kranken zum
vollen Adel des Menschentums dadurch, daß er ihnen half, sich für
ihre Gedanken, Stimmungen und Taten vor Gott und Menschen
verantwortlich zu wissen. Und ihre Krankheit zeigte er ihnen nicht
als ihren Feind, sondern als ihren Wohltäter, weil sie gerade durch
ihre Krankheit das eigentliche Wesen ihres Herzens erkannt hatten,
das ihnen ohne die Krankheit verborgen geblieben sein würde.
So wurde gegenüber dem früheren dumpfen Zustand der weichlichen
Entschuldigung das Verantwortungsgefühl zum erfrischenden
Morgenwind, das Schuldbewußtsein zur Kraft, die Reue zur Freude und
die Krankheit zum Gehilfen der Wahrheit. Noch heute kann man kaum
etwas Ergreifenderes hören als das lautgesprochene Sündenbekenntnis
der Epileptischen, das sich seit jenen Anfangstagen bis heute in
jedem Gottesdienst wiederholt. Während draußen in der Welt die
Starken und Gesunden immer schwächer und morscher werden, weil sie
die Verantwortung über sich selbst weggeworfen und die Zügel ihres
Geschickes aus der Hand verloren haben, steht hier eine Schar von
Ausgestoßenen und Kranken, unter denen sich immer wieder solche
finden, die die Höhe des sittlichen Urteils über sich selbst
erklommen und damit die Kraft gewonnen haben, gegen den Strom zu
schwimmen.
Darum spielten auch meine Geschwister und ich mit den epileptischen
Altersgenossen lieber als mit unsern gleichaltrigen gesunden
Spielkameraden. Denn unwillkürlich fühlten wir, daß viele unter
diesen epileptischen Kindern auf einer größeren sittlichen Höhe
standen als gesunde Kinder im gleichen Alter. Es befand sich unter
ihnen ja immer eine große Anzahl von solchen, bei denen die
körperlichen und geistigen Kräfte noch nicht wesentlich gemindert
waren, und wir teilten ihre Spiele und ihre Arbeit in großer
Unbefangenheit. Manche von ihnen waren uns beim Spiel und bei der
körperlichen Arbeit durchaus ebenbürtige Gefährten. Und während der
Verkehr mit den gesunden Kameraden der städtischen Schulen dunkle
Schatten über unsere Kinderzeit zu werfen drohte, so waren wir im
Kreise unserer epileptischen Altersgenossen davor bewahrt und zogen
uns zeitweise ganz in diesen Kreis zurück.
Diese Höhe des sittlichen Standes aber und die Kraft des sittlichen
Urteils wurde bei den Epileptischen nicht erreicht durch irgend
welche Moralpredigt. Es war vielmehr das allgemein menschliche
Mittel: Jesus Christus, der mit seinem Leben, Leiden und Sterben und
seiner Auferstehungskraft vor die Augen gemalt und in die Herzen
hineingepflanzt wurde. Und das geschah von einem, der lebte, was er
glaubte. Die tiefe, wahre Demut, in der Vater vor Gott stand, und
das offene Bekenntnis seiner Sünderschaft vor Kranken und Gesunden
ist mir als Kind oft nicht nur unverständlich, sondern geradezu
ärgerlich gewesen. Sahen wir Kinder doch an unserm Vater nichts als
Hingabe, Liebe, Aufopferung und eine unermüdliche Geduld. Die
epileptischen Kranken aber, die vielfach gerade durch ihre Krankheit
eine leichtere Erkenntnis ihres eigenen Herzens hatten, fühlten sich
durch die Ehrlichkeit und Überzeugung, mit der sich Vater unter die
Schuld stellte, vor das Angesicht der Wahrheit geführt und dadurch
bewogen, nun auch ihrerseits mit der Wahrheit, die ihnen aus ihrer
Krankheit heraus und aus dem Bilde Jesu Christi aufgegangen war,
Ernst zu machen.
Aber mit derselben Energie, mit der Vater vor den Augen und den
Gewissen seiner Kranken jedes Vertrauen auf sein eigenes Herz
fortwarf, ergriff er nun auch unablässig die Gnade Gottes in dem
vollkommenen Werke und der vollkommenen Person Jesu Christi. Er
lebte in dem Lieblingslied seiner Mutter: Einmal ist die Schuld
entrichtet, -- Und das gilt auf immerhin. -- Mosis Opfer stehn
vernichtet, -- Weil ich nun vollendet bin. -- Denn mit einer
Opfergabe -- Hat das Lamm so viel getan, -- Daß das Volk von seiner
Habe -- Sich vollendet nennen kann.
So wurde er zum Führer eines Volkes, das für Fernstehende lediglich
ein Volk von Elenden, Bemitleidenswerten, Hoffnungslosen und
Sterbenden war, das aber in Wahrheit eine vollendete Schar war, die
durch die Verurteilung ihrer selbst auf der einen Seite, durch den
Glauben an den Christus der Welt auf der andern Seite die
eigentliche Höhe und Vollkommenheit des Menschentums erklommen
hatte. „Hier sitzen”, sagte Vater einmal von den Epileptischen, „die
Professoren auf ihren Lehrstühlen und bringen uns deutlich bei, was
Evangelium und was Gotteskraft zur Seligkeit ist.”
Natürlich gab es innerhalb dieser Schar die größten Unterschiede und
die verschiedensten Grade. Aber beides, Sünderschaft und
Gotteskraft, blieb durch alle Unterschiede und Grade das Gemeinsame.
Und je gründlicher einer auf diesem Boden unter sich wurzelte und
über sich Frucht trug, je mehr kam es dem Ganzen zugute. Grundsatz
aber blieb es, daß nicht durch Zwang oder Gewalt, nicht durch
Moralpredigten und Kopfwaschen für dieses Heer der Sünder und
Begnadeten geworben wurde, sondern durch den freien Geist der Liebe
und des Glaubens.
Es war unter den Kranken jener ersten Zeit ein reicher Bauernsohn,
der durch seine Aufgeblasenheit und Hoffart sich selbst, seinen
Mitkranken und seinen Pflegern zur Plage war. Einer seiner Pfleger
hatte sich allmählich erlaubt, hart gegen hart zu setzen. Das endete
damit, daß er eines guten Tages von jenem Kranken verprügelt wurde.
Entrüstet eilte er zum Vater. Der sagte nur: „Brüderchen, die Prügel
hast du schon lange verdient.” Wie aber behandelte Vater seinerseits
diesen in der Tat höchst schwierigen Kranken? Er hatte bei ihm eine
Freude an Blumen entdeckt und ermunterte ihn, die schönsten Sträuße
für seine Mitkranken zu suchen. Für jeden Sonntagmorgen aber erbat
sich Vater von ihm einen Strauß für unsere Mutter. Ich sehe den
Kranken noch immer glückstrahlend jeden Sonntagmorgen vor unserm
Fenster erscheinen und unserer Mutter den neuen Strauß reichen. So
gewannen Vater und Mutter sein Herz. Von beiden ließ er sich alles
sagen und sich Schritt für Schritt auf den Weg leiten, der auch für
ihn die Befreiung bedeutete.
So wurde die Gemeinde der Epileptischen zu einer Gemeinde der
Hoffenden, der Büßenden, der Glaubenden, der Liebenden und -- das
muß zuletzt noch gesagt werden -- der Arbeitenden. Arbeitslosigkeit
gehört ja zu den besonderen Leiden der Epileptischen. Ausgestoßen
aus Beruf und Werkstatt müssen ihre seelischen und körperlichen
Kräfte allmählich abstumpfen und absterben. Die Rückkehr zur Arbeit
aber bedeutet für sie neue Lebensfreude und Lebensfrische. Darum
wurde die Anstalt für Epileptische von vornherein auf dem Grundsatz
der Arbeit aufgebaut. Haus, Garten, Feld und Wald boten vom ersten
Entstehen an den Kranken mannigfache Gelegenheit zur Beschäftigung.
Als Vater die Leitung übernahm, waren auch schon die ersten
Handwerksstätten im Entstehen begriffen.
Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, ob nicht aus den
frischesten Epileptischen die Meister für einige kleine
Handwerksstätten genommen werden und die Kranken je nach ihrer
Leistung auch bezahlt werden könnten. Aber dieser Gedanke trat bald
wieder zurück. Seine Durchführung hätte die schwächeren Kranken,
die kein leitendes Amt und kein Entgelt bekommen hätten, ihre
Krankheit allzu empfindlich fühlen lassen. Hinfort herrschte in
diesem Stück Einheitlichkeit: ein Avancement im eigentlichen Sinne
und eine Bezahlung gab es nicht. Die Arbeit selbst wurde zur Ehre
und zum Lohn. Jener Epileptische, der zunächst zum Meister
ausersehen war, hat hernach, nachdem er hatte zurücktreten müssen,
unter seinem gesunden Meister und Hausvater noch nahezu dreißig
Jahre lang in der Tischlerwerkstätte gearbeitet, immer mit
gleichmäßiger Treue und Heiterkeit, ohne je einen Pfennig Lohn sein
eigen zu nennen. Er bekam, was er an Nahrung, Kleidung und allem
übrigen nötig hatte, aber das Geld spielte für ihn keine Rolle mehr.
Daß es in Bethel so viele glückliche Menschen gab und gibt, hat mit
darin seinen Grund, daß der auri sacra fames, d. h. dem höllischen
Hunger nach Geld, und zugleich dem „lockenden Silberton des
reizvollen Ruhmes” so viel wie möglich der Boden entzogen wurde.
Natürlich gelang es nicht immer sofort, jeden zur Arbeit willig und
fröhlich zu machen. Die erste kleine Ackerbaustation „Hebron” war
entstanden, aber der Weg, der von Hebron eine Viertelstunde weit zum
Mittelpunkt der Anstalt führte, war zunächst unausgebaut und im
Winter nahezu grundlos. Eines Tages verweigerten deshalb die beiden
epileptischen Kranken, die aus der Bäckerei von Sarepta das Brot zu
holen hatten, den Dienst. Davon hatte Vater gehört. Er verschaffte
sich eine Kiepe, ließ sich die Zahl Brote, die für Hebron bestimmt
waren, hineintun, nahm sie auf den Rücken, trug sie durch Dreck und
Unwetter nach Hebron hinüber und lud mit großer Heiterkeit sein Brot
an Ort und Stelle ab. Damit war ein für allemal das Widerstreben
gebrochen, und der Posten, das Brot zu holen, war zu einem
besonderen Ehrenposten geworden.
Bei der Verteilung der Arbeit galt der alte preußische Grundsatz:
=suum cuique=. Keine Einseitigkeit, sondern jeden möglichst nach
seinen Kräften, Gaben und Neigungen einspannen! Nur so konnte ein
freudiger Geist gepflegt und erhalten werden. So entstand dann
Schritt um Schritt eine Arbeitsstätte nach der andern. Die Kranken
selbst mit ihrer Arbeitslust und ihrem Arbeitshunger trieben die
Entwicklung vorwärts.
Auch solche Kranke, die von Haus aus körperliche Arbeit nicht
gewohnt waren, griffen fröhlich zu Hobel, Axt und Spaten; andere
wiederum fanden in den Schreibstuben und bei mancherlei Botengängen
ihre Beschäftigung. Mein Bruder Wilhelm und ich bekamen unsern
ersten Unterricht bei einem epileptischen Lehrer.
Vaters erster Schreibgehilfe war ein epileptischer
Eisenbahnsekretär. Er war verlobt und wurde während seines Dienstes
auf dem Bahnhof in Gütersloh durch ein Telegramm, das ihm den
unerwarteten Tod seiner Braut meldete, so erschreckt, daß er auf der
Stelle im ersten epileptischen Anfall zusammenbrach. Seine geistige
Fähigkeit hatte schon gelitten, als er in Bethel Aufnahme fand.
Desto mehr war Herr Kneipp, so hieß er, gehoben und beglückt, als
ihn Vater in seinen persönlichen Dienst zog. Unermeßlich muß die
Geduld gewesen sein, die Vater mit ihm hatte. Manchmal waren beide
Eltern im Arbeitszimmer des Vaters um ihn bemüht, wenn ihm plötzlich
die Feder aus der Hand gefallen und er bewußtlos zu Boden gesunken
war.
Die Erinnerung an diese Zeit, auch als sie schließlich um seiner
zunehmenden Schwäche willen ein Ende fand, begleitete den Kranken
durch den Rest seiner Tage, sodaß ich sein von Glück strahlendes
Gesicht und seinen im Hochgefühl der Freude sich wiegenden Schritt
immer noch deutlich vor Augen habe. Man fand ihn eines Morgens tot
im Bett. Unbemerkt hatte er sich im Anfall herumgeworfen und war in
seinem Kopfkissen erstickt.
Aber was wurde aus denen, deren Arbeitskraft versagte? Wer nicht
mehr die Hände rühren konnte, konnte sie doch noch falten und so das
Herz der Menschen und Gottes bewegen. Und das konnte auch der
Schwächste und Elendeste noch. „Ihr könnt noch die Hände falten” --
wie oft hat das Vater gerade den ganz Schwachen zugerufen und sie
damit in die vordersten Reihen der Mitarbeiter gestellt!
So wuchs eine Gemeinde heran, die unter Gottes gewaltige Hand
gebeugt, beides war, still und tätig, demütig und hochgemut, elend
und doch gesund, „als die Sterbenden, und siehe, wir leben”.
Und wer will es dieser Gemeinde verdenken, daß, wo sich Vater
zeigte, die Herzen rauschten, nicht aus Menschenvergötterung, aber
aus Dank gegen Gott? Und Vater ließ es sich gefallen. Von Natur war
ihm jede Berührung mit Kranken, sonderlich unsauberen, peinlich;
nicht einmal ein Butterbrot, das von einer andern als von unserer
Mutter Hand geschnitten und gestrichen war, aß er ohne Widerstreben.
Aber kaum einer hat ihm das angemerkt. All den stürmischen
Begrüßungen der Kranken gab er nicht nur nach, sondern gab sich
ihnen hin. Wie oft hat ein Kranker, der seinen Dank nicht in Worte
fassen konnte, seinen Kopf tief in seine Seite hineingebohrt oder
ihm unversehens einen Kuß aufgebrannt! Er hat dem nicht gewehrt,
sondern zum Dank mit seiner linden Hand die Wange und die Stirn
gestreichelt.
Die Brüder.
Der Dienst an den Epileptischen konnte natürlich nicht getan werden
ohne einen Kreis gleichgesinnter Pfleger und Pflegerinnen. Neben die
Diakonissen traten die Diakonen, neben die Schwestern die Brüder.
Die ersten Brüder kamen aus der Diakonenanstalt Neinstedt am Harz.
Sie bildeten den Grundstock einer kleinen Bruderschaft, die sich im
Jahre 1877 zu einer besonderen Diakonenanstalt zusammenschloß.
Zwischen dem Diakonissenhause Sarepta und dem Hause der
Epileptischen Bethel war noch ein Platz frei. Hier entstand die
Heimat der Brüder, das Haus Nazareth.
Woher sie kamen? Ein Schustergeselle stellte sich aus dem
Hannöverschen ein, dem sein Freund aus einer Predigt erzählt hatte,
die Vater in dem kleinen hannöverschen Bad Essen gehalten und in der
er für den Dienst an den Kranken geworben hatte. Ein Landwirt
meldete sich, der im August 1870 als Paderborner Husar vor Metz
inmitten seines Regimentes im feindlichen Kugelregen gehalten und in
dieser Gefahr das Gelöbnis getan hatte, er wollte Gott sein Leben
weihen, wenn er ihn gesund wieder ins Vaterland brächte. Der Sohn
eines der reichsten und größten Höfe aus dem Herzen des Ravensberger
Landes kam. Auch ein Kaufmann, der seinem Kompagnon seinen Anteil an
dem reichen Ertrage des Geschäftes allein überließ. Und so einer
nach dem andern. Mehr noch als bei den Schwestern waren es meist
Angehörige der körperlich arbeitenden Stände, selten, zu selten
jemand, der ähnlich den Gliedern des alten Johanniter- und
Templerordens eine umfassende Bildung besaß.
Aber die Herzensbildung war ja gerade im Dienst an den Epileptischen
das Entscheidende, der innere Friede, die Gelassenheit des Gemüts.
Als eine Säule im Sturm stand Bruder Nispel als Hausvater unten in
Eben-Ezer unter den aufgeregten Kranken. Wie natürlich und gemütlich
ging es zu! Da kommt ein Kranker die schmale Treppe heraufgestürmt.
Irgend etwas muß zwischen ihm und einem Mitkranken vorgefallen sein,
das sein Gemüt so in Wallung bringt. Zitternd vor Erregung steht er
vor dem Hausvater und kann kaum mit der Sprache heraus. Da langt
Hausvater Nispel zur Kiste mit Zigarren, die oben auf dem Schrank
steht. „So, Wilhelm, nun wollen wir uns erst mal eine anstecken.”
Und Wilhelm nimmt mit bebender Hand das köstliche Kraut, der
Hausvater hilft beim Anzünden, und während die ersten hastigen Züge
des Kranken die Rauchwolken herausstoßen, hat auch der Hausvater in
aller Muße seine Zigarre in Brand gesetzt. Nun qualmen die beiden
miteinander. Viel Worte sind nicht mehr nötig. Die kleine
Freundlichkeit und die große Ruhe haben die Hauptsache getan, und
still und zufrieden geht Wilhelm wieder an seine Arbeit zurück.
Vater selbst rauchte nicht. „Aber”, so konnte er oft sagen, „ich
danke Gott für das gute Kraut.” So wenig er für seine Person den
Tabak schätzte, so war er ihm doch oft in der Pflege der aufgeregten
Kranken ein lieber Bundesgenosse, den er gegen Fanatiker in Schutz
nahm.
Als im Jahre 1872 das große Haus „Bethel” fertiggestellt war, in
welchem 200 epileptische Kranke jeden Alters und Geschlechts
untergebracht waren, wurde das ganze Haus zunächst einem Inspektor
unterstellt, dem nun ihrerseits wieder die Brüder und Schwestern
untergeordnet waren. Aber als der erste Inspektor, namens Unsöld,
nach jahrelanger treuer Arbeit in seine schwäbische Heimat
zurückkehrte, wurde seine Stelle nicht neu besetzt. Von jetzt an
stellte Vater die Kranken weiblichen Geschlechts ausschließlich in
die Obhut der Schwestern und die männlichen Geschlechts in die Obhut
der Brüder. Station um Station wurden die männlichen Kranken aus dem
Hause hinaus verlegt, bis das ganze Haus nur den weiblichen Kranken
gehörte. Unter der geräuschlosen Leitung von Schwester Luise hat so
das alte liebe Haus Bethel allen andern Häusern vorangearbeitet in
Stille, Sparsamkeit und Fleiß.
Als weitere Häuser für weibliche Kranke nötig wurden, wurden
dieselben Wege innegehalten. Sie alle standen ausschließlich unter
der Leitung von Hausmüttern, die dem Diakonissenhause angehörten.
„Hausmütter”, das war das entscheidende Wort. Überall sollte der
mütterliche Sinn der Frau, so viel wie nur irgend möglich, das Haus
durchdringen.
Aus demselben Grunde aber mußten die Brüder heiraten. Neben den
Hausvater, der der einzelnen Station epileptischer Kranker vorstand
und sie mit einigen ledigen Brüdern verwaltete, mußte die Hausmutter
treten, die mit mütterlichem Geiste das Haus erfüllte. Beide
Hauseltern aber konnten, wenn ihnen Kinder geschenkt wurden, an
ihren eigenen Kindern die rechte väterliche und mütterliche Art
lernen, mit der sie ihre Kranken versorgten und ihnen das ferne
Elternhaus und die verlorene Heimat ersetzten.
Aus den Diakonissen durften die Brüder die Lebensgefährtin nicht
wählen. Diese Ordnung wurde vom ersten Augenblick an durch Vater
aufgerichtet und durchgehalten. Nicht aus einer Möncherei heraus.
Aber bei den Schwestern wurde der Entschluß vorausgesetzt, ihr
Leben, ohne durch die Ehe gebunden zu sein, ungehindert dem Dienst
des Nächsten zu widmen, es sei denn, daß Gott durch die Verhältnisse
ganz klar andere Wege zeigte. In diesem Entschluß sollten sie durch
ihre nächsten Mitarbeiter, die Brüder, nicht wankend gemacht werden.
Es ist, soviel ich weiß, auch niemals geschehen.
Nicht in der Pflege der Epileptischen, wohl aber auf den übrigen
Krankenstationen arbeiteten Schwestern und Brüder in jener ersten
Zeit zusammen, sowohl im Diakonissenhause Sarepta als auch in andern
Krankenhäusern hin und her im Lande. Die Leitung des Hauses, auch
die der einzelnen Stationen für männliche Kranke, lag in der Hand
der Schwester. Unter ihr, in möglichst großer Selbständigkeit, aber
doch ebenso unter ihr wie die jungen Schwestern, arbeiteten die
Brüder.
Denn auf dem Gebiete der Krankenpflege reichte Vater als etwas
Selbstverständliches der Frau die Palme. Er hatte während seiner
Krankheit als junger Rekrut in Berlin und hernach während der
Feldzüge 1866 und 1870 aus eigener Erfahrung erprobt, daß die
Begabung des Mannes in diesem Stück hinter der der Frau
zurücksteht. Der Mann sieht auf das Ganze, die Frau auf das
Einzelne. Die Arbeit in der Pflege des Kranken aber besteht in
erster Linie aus vielen Kleinigkeiten. Doch über diese Dinge wurde
von Vater keine Theorie aufgestellt. Er handelte aus unmittelbarem
Empfinden heraus, wenn er dem mütterlichen Blick und Herzen der Frau
die erste und letzte Sorge für die Kranken, auch für die männlichen
Kranken anvertraute, und wenn er von den Diakonen die Anerkennung
einer auf diesem Gebiete den Mann überragenden Würde der Frau als
ganz selbstverständlich erwartete.
Aber auf seiten der Schwester gehörte dazu, daß sie solche Würde sich
nicht zum Stolz und zur Herrschsucht gereichen ließ; auf seiten des
Bruders, daß die Einsicht in die Schranken ihm nicht zur Last wurde und
zur Fessel, sondern zum Antriebe, unter ehrlicher Anerkennung des
Tatbestandes doch zugleich sein Bestes daranzusetzen. Wo das geschah --
und es kam auf einzelnen Krankenstationen in dem Zusammenarbeiten
zwischen Schwestern und Brüdern vor --, da erreichte die Pflege der
Kranken eine Höhe und die Atmosphäre, die das Haus durchwehte, eine
Reinheit und Kraft, die für Vater zu den schönsten Erfahrungen seines
ganzen Lebens gehörte.
Doch es konnte nicht ausbleiben, daß er auf diesem Gebiete
Schwestern sowohl wie Brüdern eine Höhe und innere Reife und eine
Zartheit des Taktes zumutete, hinter der bald der eine, bald der
andere Teil, bald beide zurückblieben. Kam doch bei Vater noch seine
ritterliche Art hinzu, die es ihm fast von Natur leicht und zur Lust
machte, sich der Frau auf diesem bestimmten Gebiete unterzuordnen.
Da hat er manchen Sohn und manche Tochter des Volkes zu sehr mit
seinem eigenen Maß gemessen, statt an jeden den Maßstab anzulegen,
der der eigenen Entwicklung des betreffenden Bruders, der
betreffenden Schwester entsprach. So ist denn auch diese Art der
Zusammenarbeit immer mehr zurückgegangen und schließlich ganz
aufgehoben worden. Da, wo bisher Diakonen und Diakonissen zusammen
gearbeitet hatten, traten bezahlte Pfleger an die Stelle der
freiwilligen und, ebenso wie die Schwestern, nur gegen Taschengeld
arbeitenden Diakonen. Das ist Vater immer schmerzlich geblieben. Und
das hohe Ideal, dem in jener ersten Anfangszeit mit der Tat
zugestrebt wurde, sollte nie von der Christenheit aus dem Auge
gelassen werden.
Doch lag die Sache nicht so, daß Vater, weil ihm diese Schranke in der
Begabung des Mannes klar war, nun die Brüder etwa lieber so bald wie
möglich in einem geistlichen Beruf gesehen hätte, statt in der
schlichten Pflege der Kranken. Womit hätte er dann das immer stärker
heranstürmende Heer der Notleidenden versorgen sollen? Nur durch die
Pflege des körperlichen Menschen kam er ja an den verborgenen inwendigen
Menschen heran. Darum waren ihm im Grunde diese Unterschiede zwischen
Mann und Weib gering gegenüber der unermeßlichen an Schwestern und
Brüder herandrängenden Not. Was lag schließlich daran, wenn der einzelne
von der Frau ein wenig besser, vom Mann ein wenig geringer versorgt
wurde, wenn er nur überhaupt versorgt wurde! Hier war wirklich keine
Zeit für Schreibtischtheorien über die Grenzen der Frau und die Grenzen
des Mannes. Sie würden sich von selbst herausstellen, wenn nur jeder an
seinem Teil Hand anlegte an die unendliche Aufgabe, die sich auftat.
Nur wer Lust hatte und willig war, einerlei ob Weib oder Mann, sein
ganzes Leben im allergeringsten, verachtetsten, verborgensten Dienst
an der leiblichen Not des Nächsten zuzubringen, war in Vaters Augen
überhaupt für irgend welche sogenannte geistliche Arbeit zu
gebrauchen. Wer aber aus solch geringem Dienst emporschielte nach
höheren geistlichen Aufgaben und den Dienst in der blauen Schürze,
wie Vater den Dienst des Diakonen so gern nannte, nur als
Sprungbrett ansah für eine vermeintlich gehobene Laufbahn, den sah
er schon als innerlich ungeeignet an für den Gesamtbereich der
christlichen Bruderhilfe.
Wenn der Mangel an geeigneten männlichen Pflegekräften besonders
hart drückte, kam es vor, daß Vater wieder und wieder an die
Anstalten der äußeren Mission schrieb mit der Bitte, man möchte doch
diejenigen männlichen Kräfte, die sich in diesen Anstalten meldeten,
aber aus Mangel an Platz abgewiesen werden müßten, auf den Dienst in
der blauen Schürze aufmerksam machen. Aber selten geschah es, daß
jemand solchem Ruf folgte. Darin erblickte Vater ein ernstes
warnendes Zeichen für den Tiefstand der Christenheit, deren erweckte
Glieder wohl den hohen Dienst des Wortes unter den Heiden begehrten,
doch den geringen Dienst unter den Kranken und Schwachen der Heimat
ablehnten.
Keineswegs aber war es so, daß Vater dem Diakonen den Weg von der
blauen Schürze zum Gemeindehelfer, Jugendleiter, Stadtmissionar oder
Seemannspfleger verwehren wollte. In all diese Berufe sind später
Mitglieder des Hauses Nazareth eingetreten und haben sich darin
bewährt. Und standen sie auf einsamem Posten, so wußten sie, wie
schnell und gern ihr Leiter, Pastor Kuhlo, zur Stelle war, um mit
seinem kindlichen Glauben das Herz zu erquicken und mit den
seelenvollen Klängen seines nie rastenden Hornes Berge von Sorgen
hinwegzublasen und Täler voll Kleinmut mit Dank und Lob zu füllen.
Daheim in Nazareth aber führte währenddem Pastor Göbel, der aus der
Brüdergemeinde gekommen war, in stiller Weisheit und Treue das
Steuer der Brüderschaft.
Die übrigen Mitarbeiter.