3. In Berlin. 1856-57.

„Nur zu schnell waren die köstlichen Ruhetage im lieben Velmede zu

Ende gegangen. Die Ferienzeit war vorüber, und da man nach den

damaligen Bestimmungen mindestens ein Jahr auf einer preußischen

Universität studieren mußte, so richtete ich meinen Pilgerweg nach

Berlin. An der Ecke der Artilleriestraße, hart an der Spree, mit der

Aussicht auf den Monbijou-Garten, eroberte ich mir glücklich ein

stilles Stübchen, wo ich mein letztes Studienjahr zuzubringen

dachte.

Es war damals auch in Berlin schöne Zeit. Neander, den ich in meinem

ersten Semester neben meinen physikalischen und botanischen Studien

gehört hatte, war schon heimgegangen; aber Strauß, Hengstenberg und

Nitzsch standen noch in frischester Kraft. Bei Nitzsch besuchte ich

das praktische Seminar, wo wir Predigtübungen zu halten hatten; und

ich besinne mich noch gut, wie er solche Studenten, die mit

oberflächlichen Redensarten und schönen Worten ihre Predigt füllten,

als eitle Gecken abzutun wußte und ihnen den Hoffartsteufel

austrieb.

Ich blieb übrigens bei meiner Predigt, die ich vor ihm zu halten hatte,

stecken und mußte demütig mein Konzept herauslangen. Umgekehrt ging es

mir bei meiner Katechese in der Propstei-Schule an der Nikolaikirche so

gut, daß mein lieber Nitzsch mich besonders in sein Herz schloß und mich

auch zu seinem regelmäßigen Studenten-Familienabend einlud.

Indessen wurde in diesem ersten Wintersemester aus meinem Studieren

nicht sehr viel. Denn für meinen Dienst unter den Heiden mußte ich

versuchen, mir einige Kenntnisse in der Krankenpflege und in der

Arzneilehre zu erwerben. Pastor Müllensiefen, den ich noch aus der

Zeit her kannte, wo er meine Vettern Diest als Hauslehrer

unterrichtet hatte, und der jetzt Pastor an der Marienkirche war,

machte mich mit seinem Freunde, dem Regimentsarzt =Dr.= Lauer, dem

späteren Leibarzt des alten Kaisers Wilhelm, bekannt. Dieser nahm

mich als Lazarettgehilfen in das Lazarett des Kaiser-Franz-Regiments

auf. Jeden Morgen besuchte ich zunächst mit dem Assistenzarzt die

einzelnen Kranken und ließ mir von ihm zeigen, wie Verbände angelegt

und die chirurgischen Dienstleistungen verrichtet werden. Hernach

nahm ich an der Visite des Regimentsarztes selbst teil und lernte

dann die angeordneten Arzneien in der Apotheke bereiten.

Auf dem Wege zum Lazarett begegnete mir eines Tages ein früherer

Schulkamerad vom Joachimstalschen Gymnasium, namens Blankenburg. Ich

sah ihm gleich an, daß Schmalhans bei ihm Küchenmeister war. Er war

teils wegen seiner schlechten Ernährung, aber auch wegen seiner

schlechten Wohnung an seinen Nerven krank geworden. Ich wußte ihm

nicht besser zu helfen, als daß ich ihn einlud, ob er bei mir wohnen

wollte. Das wurde mit Freuden angenommen. Aber die Aufgabe war nicht

klein; denn die Nerven meines Freundes wurden mir förmlich zu

Haustyrannen, nach denen ich mich in allen Stücken richten mußte.

Trotzdem wurde ich meinem Stubengenossen bald zu großem Dank

verpflichtet. Er machte mich nämlich auf eine große Lücke in meiner

Ausbildung aufmerksam. Was ich an Bibelsprüchen und Kirchenliedern

auf der Schule und im Konfirmandenunterricht gelernt hatte, war über

alle Maßen wenig gewesen. Blankenburg zwang mich nun, sowohl

Kirchenlieder als auch ganze Stücke der Heiligen Schrift wörtlich

auswendig zu lernen. Ich war inzwischen mit dem Lazarettkursus

fertig geworden, und so wurde neben den übrigen Studien diese Arbeit

in der Tat mit allem Fleiß betrieben. Jeden Morgen ging ich in den

einsamen Monbijou-Garten, und dort, auf dem schönen Wege, der an der

Spree entlang führt, prägte ich mir Kirchenlieder und ganze Kapitel

aus der Bibel ein, und wenn ich nach Hause kam, überhörte mich mein

lieber Blankenburg.

Inzwischen war mein letztes Semester -- Sommer 1857 -- herangekommen.

Der jüngere Bruder meines Vaters, mein Onkel Karl, legte mir nahe, für

den Rest meiner Studienzeit zu ihm überzusiedeln. Ich war in der Tat in

meinen Ernährungsverhältnissen etwas zurückgekommen, da ich mit meinem

Freunde Blankenburg zusammen etwas zu sparsam hatte leben müssen, um uns

beide durchzuschlagen. Zudem wünschten meine Verwandten um ihrer beiden

jüngsten Söhne willen, die noch auf dem Gymnasium waren, meine

Gegenwart, da sie selbst den größten Teil des Sommers abwesend sein

mußten. So zog ich denn gleich nach Ostern in meine alte Heimat, in das

Finanzministerium, hinüber.

Von meinen Baseler und Erlanger Freunden hatte mich nur noch einer

nach Berlin begleitet. Es war ein Pfarrerssohn aus der Schweiz, mit

Namen Endres. Er hieß gewöhnlich nur „der kleine Schwyzer” und kam

meist am Nachmittag zu einer Tasse Kaffee und einer Partie Schach

ins Finanzministerium herüber. Auch beteiligte er sich wohl an den

kleinen Fußtouren, die ich mit meinen beiden jungen Vettern in die

Umgegend von Berlin unternahm. Sonst war bei der strammen Arbeit,

die das letzte Semester mit sich brachte, kaum irgend ein anderer

Verkehr möglich. Nur einige Male ging ich in das theologische

Studentenkränzchen, das ähnlich wie in Erlangen auch hier seine

Zusammenkünfte hatte. Hier feierten mein Freund Endres und ich auch

den Abschiedsabend unserer Universitätszeit. Reiche, köstliche drei

Jahre lagen hinter mir, als ich Anfang August 1857 von meiner

letzten Musenstadt Abschied nahm und mit dem Nachtzuge nach Hamburg

hinüberfuhr!”

Als Kandidat. 1857-1858.

„Mein Angesicht stand zunächst nach dem dicht bei Hamburg gelegenen

Wandsbeck, der Heimat des alten Matthias Claudius, der mir mit seinen

Schriften der treuste Freund meiner Jugend gewesen war und mir über so

viel öde Zeit, namentlich während meiner landwirtschaftlichen Laufbahn,

hinweggeholfen hatte und den ich fast auswendig konnte. Nach einer

köstlichen stillen Morgenstunde in dem Wandsbecker Waldtal wanderte ich,

der Stimme eines Glöckchens folgend, in einer halben Stunde hinüber zum

Rauhen Hause. Ich blieb den ganzen Tag unter der fröhlichen Kinderschar

und ihren ebenso fröhlichen Pflegern und lernte an der Hand meines

freundlichen Führers, des Hausvaters Pastor Riehm, die ganze Entstehung

und das Wachstum der Anstalt, Station auf Station, kennen. Am Abend aber

saß ich schon wieder im Postwagen und fuhr die Nacht durch hinüber nach

Bremen und von da zu Schiff die Weser hinunter nach Geestemünde.

Denn zwei Stunden von Geestemünde war einer meiner Baseler

Studienfreunde Pastor geworden. Er war in Basel mein englischer

Lehrer gewesen. Jeden Nachmittag war er für eine Stunde zu mir

gekommen, um mit mir englisch zu treiben. Er war dazumal schon

28 Jahre alt, und sein Lebensgang war sehr gewaltsam gewesen. Eines

Tages, kurz vor unserm ersten Baseler Weihnachtsfest, sagte er mir

einmal: „Heute vor vier Jahren brachte ich die Nacht auf einer

Fleischerbank in Neu-Orleans zu. Diese Bank war damals für längere

Zeit mein Nachtquartier, denn eine Wohnung besaß ich nicht. Ich

lebte von Spottgedichten, die ich für die Zeitungen lieferte.

Zigarren und Branntwein waren meine Hauptnahrung.”

Er war in der Schweiz als Hirtenbube in großer Armut aufgewachsen.

Freunde, die seine Talente bemerkten, hatten ihn unterstützt und bis

zur Universität gefördert. Mit eiserner Energie hatte er sich durch

Stundengeben auf der Universität unterhalten, zu gleicher Zeit aber

in seinem Trotz und seiner Wildheit solche Streiche gemacht, daß er

sich unmittelbar aus dem Karzer in ein Schiff flüchtete, das ihn

nach Amerika brachte. In jener tiefsten Zeit seines Lebens, als eine

Bank auf dem Fleischmarkt sein Nachtquartier war, ergriff ihn Gottes

Hand. Er erkrankte am gelben Fieber und stand nahe vor der Todestür.

Da nahm sich ein unbekannter Fremdling, der aber ein entschiedener

Jünger des Heilandes war, des gänzlich Verlassenen an. In seinem

unbekannten Wohltäter trat ihm das Erbarmen mit solcher Macht vor

die Seele, daß er, als er von seinem Krankenlager aufstand,

entschlossen war, ein anderes Leben zu beginnen.

Da er Jurisprudenz studiert hatte, so übersetzte er nun in kurzer

Zeit das Gesetzbuch des Staates Indiana ins Deutsche und erhielt

dafür eine sehr bedeutende Geldsumme. Diese wollte er benutzen, um

Theologie zu studieren. Allein in seinem doch noch ungebrochenen

Sinn verstand er nicht, mit dem Gelde umzugehen, und als er auf

deutschem Ufer landete, war fast alles Geld schon wieder seinen

Händen entschwunden. So war er genötigt, in Basel in einem

Studentenheim Quartier zu nehmen, wo man für ein geringes Entgelt

Wohnung und Nahrung erhielt. Abgemagert, in dürftigster Kleidung,

und, um durch die Kälte das Einschlafen zu verhindern, ohne

wärmenden Ofen saß er oft bis drei Uhr nachts auf und arbeitete mit

einem wahrhaft staunenswerten Eifer, während er bei Tage

Unterrichtsstunden gab, durch die er sich das nötige Kostgeld

verdiente.

Er trieb vor allem das Studium der alttestamentlichen Propheten,

und ihre Donner gegen die Israeliten waren ihm ein besonderer

Ohrenschmaus. Das unverständlichste Wort in der Schrift war ihm

das Wort „Gnade”. „Mit diesen beiden Fäusten muß es verdient

sein,” rief er einmal aus, indem er seine hageren Arme

ausstreckte, die frostig aus dem dünnen Jäckchen hervorguckten.

Ein anderes Mal tat er bei der Lektüre des Wandsbecker Boten, den

ich unter seiner Anleitung ins Englische übersetzte, eine Äußerung,

die so wild und roh war, daß ich ihm erklärte, ich wollte nun keine

Stunden mehr bei ihm haben und er solle mir nicht mehr auf mein

Zimmer kommen. In wildem Zorn hatte er mich verlassen. Da, gegen

Mitternacht, hörte ich, wie kleine Steinchen gegen mein Fenster

geworfen wurden. Mein Freund stand unten und forderte mich auf,

herunterzukommen; er habe mir etwas zu sagen. Ich tat es, und wir

gingen fast bis zum Anbruch des Morgens auf dem Petersplatz auf und

ab. Er bekannte, daß er bei seinem Vorsatz, mit eigener Kraft und

mit eigener Vernunft Gottes Wort zu treiben und Gottes Reich zu

bauen, aus der Friedelosigkeit nicht herauskomme, und versprach, es

sollte anders mit ihm werden.

Vor seinem Abschied aus Basel versammelte er seine Kollegen aus dem

Studentenheim und forderte sie aufs ernstlichste auf, nicht so zu

studieren, wie er es gemacht habe; dabei würden sie alle verloren

gehen. Er pries ihnen als das einzige Mittel der Seligkeit die freie

Gnade Gottes an. Als ich ihn spät abends an seinen Postwagen

brachte, sagte er zu mir: „Du siehst mich nicht wieder, oder ich bin

ein anderer Mensch geworden.”

Nun nach drei Jahren sollte ich ihn wirklich wiedersehen. Er hatte

in seiner ersten Stelle in der Schweiz gegen die Sünden der

Regierung, namentlich ihre Sonntagsentheiligung, so geeifert, daß er

infolgedessen seines Amtes entsetzt worden war. Aber Bremer

Kaufleute, die ihn hatten predigen hören, hatten seine Berufung in

jenes dem Staate Bremen gehörige Dorf durchgesetzt. Ich war

neugierig, wie ich meinen Freund, den ich als einen blutarmen Bruder

Studio verlassen hatte, nun als Pastor wiederfinden würde. Man hatte

mich in Bremen schon darauf aufmerksam gemacht, daß er seine

Schwester bei sich habe, ein armes Schweizer Landmädchen, das ihm

den Haushalt führe, und daß er mit ihr etwas tyrannisch verfahre aus

Angst, sie könne vornehm und hoffärtig werden.

Ich traf meinen Freund, wie er mit strahlender Freude eben seine

Hühner fütterte. Während er mich durch seinen großen Obstgarten

führte, kletterte er plötzlich auf einen Apfelbaum, der voll Früchte

hing, und mit gespreizten Beinen oben im Baum stehend, rief er:

„Alle diese Äpfel sind mein.” Dann sprang er in ein Kartoffelfeld

und rief wieder: „Alle diese Kartoffeln sind mein.” Den blutarmen

Schweizerknaben, der sein ganzes Leben mit Hunger und Not gekämpft

hatte, nun im Besitz eines so prächtigen Pfarrhofes zu sehen und all

seine Freude zu teilen, war wirklich schön. Seine Schwester hatte

uns mit aller Sorgfalt ein Mittagbrot bereitet, und ich hatte es

durchgesetzt, daß sie, die sonst nur als Magd aufgewartet hatte, mit

uns zu Tische saß. Am Nachmittag sollte auf dem Filialdorf eine

Kindtaufe sein. Als ich nun bei Tisch die Schwester fragte, ob sie

uns nicht dahin begleiten wolle, war mein Freund mit seiner Geduld

am Ende. Er sprang wütend vom Tisch auf und schrie mich an: „Ich

wollte, daß du zu Hause geblieben wärest. Meine Schwester soll nicht

mit auf Kindtaufen gehen; dann will sie auch feine Kleider haben,

und das geht nicht.” Ich war auch nicht faul und sagte: „Ich kann

den Weg zu deiner Tür wohl finden. Geht deine Schwester nicht mit,

dann nehme ich Abschied.” Da lenkte er ein.

Ehe wir uns zur Kindtaufe aufmachten, kamen noch Leute, die nach

Amerika auswandern wollten. Für diese Auswanderer herrschte die

schöne Sitte, daß sie vor ihrem Abschied noch einmal im Pfarrhause

das Abendmahl feierten. Vom Nebenzimmer aus hörte ich die Beichtrede

meines Freundes über die Worte: „Die Wasserwogen im Meer sind groß

und brausen greulich. Der Herr aber ist noch größer in der Höhe.” Da

zeigte sich die ganze gewaltige Größe des Mannes. Mit erschütterndem

Ernste konnte er Buße predigen und in die tiefsten Abgründe des

menschlichen Herzens hinabsteigen, aber ebenso gewaltig dann auch

von der Gnade Zeugnis ablegen, die viel größer ist als unsere Sünde.

Wir hatten dann einen schönen Weg durch Feld und Wald zur Kindtaufe

und einige friedsame Abend- und Morgenstunden, in denen mein Freund

ganz besonders köstlich und kräftig den Reichtum der Gnade Gottes

zum Gegenstande seiner Andachten und Gespräche machte. Dann ließ er

mich in Frieden pilgern. Gott hat an diesem merkwürdigen Mann noch

viel und ernst zu arbeiten gehabt, bis wirklich die Gnade das

stolze Herz zerbrochen und die Schlacken im Schmelztiegel

ausgeschmolzen hatte.

Als ich von da zu meiner lieben alten Mutter nach Velmede

zurückgekehrt war, fand ich einen Brief eines andern Baseler

Freundes vor, der mir mitteilte, daß er eben in Straßburg sein

Examen bestanden habe und bereit sei, meiner Einladung zu folgen und

mich in Westfalen aufzusuchen. Es war mein Freund Jules Steeg, mit

dem ich in Basel auf eine merkwürdige Weise zusammengeführt worden

war. Für jenen unglücklichen Pfarrersohn, der später in der

Fremdenlegion so schmerzlich endete, hatte ich in demselben Hause,

wo ich in Basel wohnte, ein Zimmer gemietet. Ich hoffte, ihn so

etwas mehr unter Augen zu haben und ihm in seiner Not gründlicher

beistehen zu können. Aber die Sache hatte sich zerschlagen. Da

jedoch das Stübchen einmal gemietet war, so war ich in das nahe

Studentenheim gegangen und hatte gebeten, den ersten Studenten, der

eine Wohnung suche und sie im Studentenheim nicht mehr bekommen

könne, zu mir zu schicken.

Wenige Stunden darauf trat ein zartes Männchen bei mir ein,

bräunlich wie David, mit schwarzen Haaren, aber herzinnig

freundlichen Antlitzes, das nicht nur große Intelligenz, sondern

auch Feuer der göttlichen Liebe verriet, das aus seinen Augen

strahlte. Er fragte in seinem gebrochenen Deutsch nach dem leeren

Zimmer, und wir waren schnell eins, daß er bei mir einziehen solle.

Sein Vater war im Nassauischen Schuhmacher gewesen und von dort nach

Paris gewandert. Dort war er hängen geblieben und hatte eine

französische Katholikin geheiratet. Das einzige Kind aus dieser Ehe

war dieser Jules. Er wäre vermutlich, wie die meisten Kinder aus

gemischten Ehen, in der katholischen Kirche erzogen worden, wenn

nicht der rastlose Eifer des Pariser Pfarrers Meyer die Familie

entdeckt und die mittellosen Eltern bewogen hätte, den munteren

Knaben in dem von Pastor Meyer geleiteten Pensionate der Kirche

Billettes aufziehen zu lassen. Er wurde von Pfarrer Meyer

konfirmiert, machte mit Hilfe einiger wohltätiger Freunde die höhere

Schule in Paris durch und langte nun auf seinem ersten Wege aus

seiner Heimatstadt voll glühenden Durstes, das Wort Gottes gründlich

erforschen zu können, in Basel an.

Es dauerte nicht lange, da waren wir beide innige Freunde. Während

er mir half, mein Französisch wieder aufzufrischen, wurde ich

hauptsächlich sein deutscher Lehrer, und zwar besonders an der Hand

der deutschen Lutherbibel, die wir bei unserer täglichen

Bibellektion mit dem hebräischen und griechischen Text verglichen.

Die Herrlichkeit der Schrift nahm damals das ganze Herz meines

Freundes ein, und ich sehe ihn noch, wie er des Morgens einmal in

meine Stube gehüpft kam, seine Bibel vor Freude und Lust fest an

seine Brust drückend, sodaß ich in ihm recht das Vorbild hatte von

dem, was Luther von sich sagt, daß er ein Doktor gewesen sei, hurtig

und lustig zur Heiligen Schrift.

Zugleich war er ganz erfüllt von der Schönheit des geistigen

Weinberges, den Gott in Paris, seiner Vaterstadt, mitten in die

Wüste hineingepflanzt hatte. Er wurde nicht müde, mir von seinem

Pfarrer Meyer zu rühmen und von den durch ihn erweckten Seelen, die

in den elenden Gassenkehrer- und Lumpensammlerquartieren von Paris

Brunnen gegraben hatten, von deren sprudelndem Wasser es grünte und

blühte. Sein großes Verlangen war, dort einmal arbeiten zu dürfen.

Er hatte auch seinem Pastor Meyer von unserer Freundschaft

geschrieben, und dieser hatte mir schon nach Basel durch ihn sagen

lassen, ob ich nicht, statt zu den Heiden in Indien oder Afrika zu

gehen, meinen Landsleuten, die im Pariser Heidentum zu versinken

drohten, helfen wolle.

Steegs Freund war der bereits oben erwähnte Schwalb (später Pastor

in Bremen). Dieser stammte aus einer armen jüdischen Familie, war,

wie Steeg, durch Pastor Meyer in das Pariser Pensionat aufgenommen

und von wohltätigen Gliedern der Gemeinde bis zum Studium der

Theologie gefördert worden. Er hatte ein Jahr vor uns in Basel

studiert und war von da nach Straßburg übergesiedelt, kam aber

einige Male zum Besuch seines Freundes Steeg herüber. So lernte ich

ihn kennen, und wir machten einmal einen gemeinsamen Weg zu Vater

Zeller nach Beuggen.

Bei unserm Gespräch merkte ich wohl, daß der fröhliche Glaube, den

Schwalb aus Paris mitgebracht hatte und der in Basel tiefer

gegründet worden war, ins Wanken gekommen war. Er konnte seine

Vernunft schlecht gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens,

und ich sah öfter einen finsteren und fast verzehrenden Zug auf

seinem Angesicht, der seine inneren Seelenkämpfe anzeigte, während

unser gemeinsamer Freund Steeg ihn vielleicht schärfer, als es sich

ziemte, angriff, wenn er bei Schwalb eine Abweichung von dem

einfachen Kinderglauben bemerkte. Dies war überhaupt ein Fehler, den

ich an Steeg rügen mußte, daß er öfter zu scharf war im Richten

gegen solche, die in irgend einer Weise von den Bekenntnissen der

Kirche abwichen.

Während ich dann nach Erlangen gegangen war, hatte Steeg seine

Schritte ebenfalls nach Straßburg gelenkt und dort mit seinem

Freunde Schwalb zusammen sein Studium fortgesetzt. Die Briefe meines

Freundes zeigten bald, daß er mehr und mehr von dem Schwalbschen

Geiste angehaucht worden war, und das hatte meine Seele tief

beunruhigt. Denn auch mich hatte mein Berliner Studium nicht aus

einer mehr und mehr zunehmenden Unklarheit herausgebracht, und es

war mir sehr schwer geworden, in diesem Zustande meinen alten heißen

Wunsch, zu den Heiden hinauszugehen, festzuhalten. Denn ich war

meiner Sache nicht gewiß, was ich den Heiden als geglaubte,

anerkannte und erfahrene Wahrheit verkündigen sollte.

Ich hatte meinem Freunde Steeg vorgeschlagen, daß wir uns in Barmen

treffen wollten, wohin auch Pastor Meyer aus Paris kommen wollte, um

dort an der Festwoche teilzunehmen, die die verschiedenen

christlichen Vereine des Rheinlandes jährlich veranstalteten.

Immerhin war im Blick auf meinen eigenen Herzenszustand und den

meines Freundes mein Herz banger Sorge voll, als ich ihm nach Barmen

entgegenreiste.

In Barmen angekommen, erfuhr ich, daß mein Freund bereits im

Missionshause eingetroffen sei. Aber ich fand ihn nicht gleich.

Dagegen traf ich einen lieben alten Freund wieder, den Hausvater

Busch, den ich von Basel aus kennen gelernt hatte, als er noch im

nahen Wiesental Lehrer war. Jetzt stand er in Barmen dem Hause für

Missionskinder vor. Er führte mich zu seiner Kinderschar, und

während ich ihn so herzlich mit den Kindern reden hörte, stieg

plötzlich in mir die Sehnsucht auf, ob ich nicht zunächst einmal

Lehrer armer Kinder werden könnte, um daran zu merken, wie viel und

wie wenig ich ihnen vom Glauben sagen konnte, ohne gegen mich selbst

unwahr zu sein.

Gleich darauf fand ich nicht nur meinen Freund Steeg, sondern auch

den lieben Pfarrer Meyer, und wir konnten ihm nun gemeinsam als

unserm geistlichen Vater unser Herz ausschütten und alle unsere Not

offenbaren. Dabei sprach ich ihm den Wunsch aus, der eben im Anblick

der Missionskinder in meinem Herzen aufgekommen war. Da schlug er

mit ganz entschiedener Freude ein. Er schilderte mir die Not der

armen kleinen Kinder in Paris und die tiefe Verborgenheit vor aller

Welt Augen, in der ich dort arbeiten könnte. So ging ich auf seinen

Vorschlag ein, ihm zunächst einmal nach meinem Examen für ein halbes

Jahr zu dienen.

Um gleich alles ins klare zu bringen, begleitete der treue alte

Meyer mich zugleich mit Steeg zu meiner Mutter nach Velmede, wo wir

gemeinsam einige reiche, stille Tage zubrachten. Selbstverständlich

war es der Mutter für ihr mütterliches Herz ein Lichtstrahl, daß

mein Weg zunächst statt nach Indien oder Afrika nur nach Paris gehen

sollte, und so hatte ich leicht ihr Jawort zu diesem Plane.

Nachdem Pfarrer Meyer uns verlassen hatte, entschlossen Steeg und

ich uns zu einer kleinen Fußreise, die zu gleicher Zeit als erste

Kollektenreise für die deutsche Mission in Paris dienen sollte.

Unser Weg ging zunächst in die Heimat meiner Kindheit, die ich

wenige Monate alt verlassen und in diesen 27 Jahren niemals

wiedergesehen hatte, ins Tecklenburger Land. In der Kirche in Ledde,

wo meine Mutter so oft gesessen hatte, wurde ich von dem alten

Küster an der Ähnlichkeit mit meiner Mutter erkannt, der ich in der

Tat von allen meinen Geschwistern am meisten ähnlich sah. Von dieser

Stunde an glich unsere Wanderschaft durchs Tecklenburger Land fast

dem Triumphzuge eines Königs, der in sein Reich wiederkehrt. Die

große Liebe, die sich meine Eltern im Lande erworben hatten, wurde

nun auf mich übertragen, und ich konnte es erfahren, wie das

Gedächtnis des Gerechten im Segen bleibt und daß seine Werke zwar

nicht ihm vorauslaufen, als ob sie ihm den Himmel verdienen könnten,

aber daß sie doch als Zeugen seines Pilgerlebens hinter ihm

hergehen.

Von da durchwanderten wir das Ravensberger Land und klopften an

manchem Pfarrhaus an. Überall wurden wir mit großer Herzlichkeit

aufgenommen und knüpften die ersten Beziehungen für das Werk in

Paris an. Steeg begleitete mich noch bis Velmede zurück und zog dann

wieder in seine französische Heimat. Es war das letzte Zusammensein

mit meinem Freunde. Wir hatten uns der Hauptsache nach noch einmal

zusammenfinden können. Aber dann kam doch die Stunde, wo er sich

überhob über solche, die sich kindlich und einfach an Gottes Wort

halten, und sich mit Schwalb zusammen als vollberechtigter Richter

über die Heilige Schrift einsetzte. Mehrere Jahre ist er noch Pastor

in Frankreich gewesen und dann in die Leitung des französischen

Schulwesens eingetreten.

Ich verlebte nun eine unbeschreiblich köstliche Zeit bei meiner

lieben Mutter, während welcher allerlei landwirtschaftliche Arbeit

auf dem väterlichen Gute sich mit fleißigem Studium zur Vorbereitung

auf mein Examen ablöste. Als meine Mutter nach Erfurt zu meinem

ältesten Bruder zog, der dort als Forstmann stand, folgte ich ihr,

um in Erfurt den vorgeschriebenen Seminarkursus durchzumachen.

Mehr noch als durch die Arbeit auf dem Seminar wurde mir Erfurt auf

eine andere Weise zu einer Vorschule für meine spätere Arbeit. Es

wurde nämlich an der Tür meines Bruders stark gebettelt, und ich

entschloß mich, die Bettler in ihrer Wohnung aufzusuchen. Da fand

ich denn unter anderem eine Bettlerniederlassung sondergleichen. In

einem entlegenen Hof der alten Stadt hatten sich die armen Leute aus

allerlei alten Wagen, wie sie von fahrenden Leuten benutzt und

später als unbrauchbar verkauft worden waren, und aus Resten

abgerissener Häuser usw. eine wahre Bettlerburg zurechtgebaut. Ich

erfuhr, daß gerade dieser Winkel wegen seines furchtbaren Schmutzes

und wegen der Verkommenheit seiner Bewohner, unter denen sich leider

auch eine große Schar von Kindern befand, weder von dem Geistlichen,

in dessen Sprengel die Bettlerburg lag, noch von den Armenvorstehern

aufgesucht wurde. Die Ärmsten waren von jedermann aufgegeben, und

ich war froh, wenigstens etwas für sie ausrichten zu können, indem

ich einigen unter ihnen dauernde Arbeit verschaffte.

Von Erfurt aus ging es dann im April nach Münster ins Examen. Mit

der =licentia concionandi= in der Tasche galt es am 21. April,

Abschied zu nehmen von der teuren Mutter und der lieben Heimat. Am

24. April 1858 abends langte ich in Paris an und fand zunächst im

Hause meines lieben väterlichen Freundes, Pastor Meyer, gastliche

Aufnahme.”

Im Amt.

Paris. 1858-1864.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also um die Zeit, als

Bodelschwingh nach Paris kam, hatte Paris unter seinen Einwohnern

etwa 80-100000 Deutsche. Scherzweise wurde Paris die dritte

deutsche Großstadt genannt, denn nächst Berlin und Hamburg waren in

keinem Ort der Welt so viele Deutsche versammelt. Künstler,

Studierende, Handwerker, Kellner und Dienstmädchen bildeten den

einen Teil dieser Einwanderer. Der andere, größere Teil aber bestand

aus ganz armen Leuten. Ihre Mittel hatten nicht gereicht, um nach

Amerika auszuwandern. So waren sie nach Paris gegangen, um dort

Arbeit und Verdienst zu finden. Jeder deutsche Stamm war unter ihnen

vertreten. Vor allem waren es Bayern, Elsässer und Hessen.

Sie lebten durch ganz Paris zerstreut. Zu 10, 20 und 30 Familien

hausten sie in einer Gasse beisammen. In den Steinbrüchen, auf den

Holzplätzen und in den Fabriken in und um Paris fanden sie ihre

Arbeit. Wer keine Arbeit hatte, mischte sich unter die französischen

Lumpensammler, die mit der Kiepe auf dem Rücken, die Laterne in der

linken und den Haken in der rechten Hand, nachts die Müll- und

Kehrichthaufen durchsuchten, die damals die Pariser Haushaltungen,

sobald es dunkel wurde, einfach auf die Straße zu schütten pflegten.

Von den erwachsenen Einwanderern lernten die wenigsten französisch.

Nur die notwendigsten Worte, soweit sie zur Arbeit und zum Einkauf

des täglichen Unterhalts nötig waren, eignete man sich an. Aber auch

dann blieb die Aussprache deutsch: Boulevard hieß Bullerwagen,

Champs Élysées Schandliese, rue de Sèvres rote Seif' u. s. f. Mit

den Kindern aber war es umgekehrt. Beim Spiel und in der Schule

lernten sie schnell das Französische und vergaßen die deutsche

Muttersprache. So kam es, daß viele Eltern sich nur noch notdürftig

mit ihren Kindern verständigen konnten. Darunter litt die Erziehung

natürlich aufs schwerste; und die heranwachsenden Kinder versanken

oft erschreckend schnell in dem Sumpf der Großstadt.

Das Rückgrat unter den Deutschen in Paris bildeten die Einwanderer

aus Hessen-Darmstadt. Früher waren die Hessen vielfach in den Osten

gewandert, um in den polnischen Seen den Blutegelfang zu betreiben,

wie Glaubrecht es so anschaulich in seiner Volkserzählung „Anna, die

Blutegelhändlerin” beschreibt. Dann hatte sich der Strom nach Paris

gewandt. Hier waren sie Gassenkehrer geworden. Die Straßenreinigung

von Paris war allmählich fast ganz in ihre Hand übergegangen. Um

vier Uhr morgens begann die Arbeit, ohne Unterschied von Sommer oder

Winter, Sonntag oder Werktag; Männer, Frauen und Kinder arbeiteten

zusammen unter der Aufsicht von französischen Unternehmern. Um neun

Uhr hörten die Kinder auf, um zwölf Uhr die Frauen und am Nachmittag

die Männer.

Der Verdienst war gering, aber regelmäßig. War die Familie sparsam,

so konnte nach fünf, acht oder zehn Jahren so viel zurückgelegt

sein, daß nicht nur die in Deutschland zurückgelassenen Schulden

bezahlt, sondern auch die Grundlagen zu einem Neuanfang in der

Heimat gewonnen waren. Denn der Sinn dieser Gassenkehrer war darauf

gerichtet, in die Heimat zurückzukehren. Ihr Beruf schloß sie von

dem Verkehr mit den Franzosen ab und verband sie untereinander. So

blieb das Heimatgefühl bei ihnen wacher als bei den übrigen

deutschen Landsleuten. Darum lag ihnen auch daran, für ihre Kinder

deutschen Unterricht zu bekommen, damit sie bei der Rückkehr in die

Heimat die deutsche Schule und den kirchlichen Unterricht mit Erfolg

besuchen könnten.

Die geistliche Versorgung dieser deutschen Einwanderer, soweit sie

evangelisch waren, lag in der Hand der kleinen Kirche Augsburgischer

Konfession. Ihre Anfänge führten in die Zeit des Dreißigjährigen

Krieges zurück, wo zahlreiche Deutsche und auch manche Schweden in

Paris Zuflucht gesucht hatten. Auch während der schlimmsten

Verfolgungen hatte diese kleine Gemeinde ausländischer Lutheraner

ihre Gottesdienste halten können. So kam es, daß sich ihr auch

Franzosen anschlossen und daß in der Zusammensetzung der Gemeinde

allmählich die französischen und elsässischen Elemente überwogen.

Napoleon hatte die Gemeinde anerkannt und ihr eine katholische

Kirche für ihre Gottesdienste überwiesen, der später durch die

französische Regierung eine zweite hinzugefügt wurde. Um die Zeit,

als Bodelschwingh nach Paris kam, stand Pfarrer Louis Meyer an der

Spitze dieser kleinen Kirchengemeinschaft, die zusammen mit den

übrigen lutherischen Gemeinden in Frankreich und dem Elsaß sich „die

Kirche Augsburgischer Konfession” nannte.

Louis Meyer stammte aus Mömpelgard, einer alten württembergischen

Kolonie in der Nähe von Belfort. Durch den großen Pariser Prediger

Adolf Monod, in dessen Hause er eine Zeitlang lebte, war er der

theologischen Freigeisterei entrissen worden. Mit Klarheit und Tiefe

hatte er das Evangelium ergriffen, und mit deutscher Gründlichkeit

und französischer Glut diente er seiner Gemeinde und seiner Kirche

auf und unter der Kanzel. Die große Verwahrlosung der deutschen

Einwanderer war ihm auf das Gewissen gefallen. So war ein besonderer

kleiner Missionsverein entstanden, der in engem Anschluß an die

Kirche Augsburgischer Konfession den Deutschen in Paris dienen

sollte. Einen jungen deutschen Kandidaten, namens Beyer, der sich

nur besuchsweise in Paris aufgehalten hatte, holte Meyer aus dem

Zuge, den er schon zur Heimreise nach Deutschland bestiegen hatte,

wieder heraus und gewann ihn zum ersten deutschen Missionar an

seinen Landsleuten. Ihm folgten andere deutsche Kandidaten und

Hilfsprediger, die meist von Meyer persönlich gewonnen wurden. Zu

ihnen gehörte nun auch der Kandidat von Bodelschwingh.

Napoleon hatte damals durch ganz Paris breite Straßenzüge, die

sogenannten Boulevards, brechen lassen. Dadurch hatten viele

Deutsche ihre Wohnungen im Süden der Stadt verloren und waren in den

Norden gezogen. Diese Leute, die auf ein Revier von drei Stunden

Länge und einer halben Stunde Breite zerstreut wohnten, sollte

Bodelschwingh sammeln. Einige Wochen blieb er in der gastlichen

Familie Pfarrer Meyers, um sich nach allen Seiten in Paris

umzusehen, dann nahm er das ihm zugewiesene Arbeitsfeld in Angriff.

Auf dem Montmartre mietete er sich in einem großen kasernenartigen

Gebäude, dem Château des Brouillards („Nebelschloß”), zwei Zimmer,

schaffte das geringe Mobiliar, das einem seiner Vorgänger gedient

hatte, hinein und begann von dort seine Streifzüge, um seine Herde

zu sammeln.

In einem Bericht an die Freunde der Arbeit in Paris aus dem Jahre

1865 schreibt er: „Es war an einem schönen Frühlingsmorgen des

Jahres 1858, wo zwei kleine Mädchen in hessischer Tracht im Alter

von etwa sieben und zehn Jahren den steilen Abhang des Montmartre

hinaufstiegen und in das Château des Brouillards eintraten. Sie

kamen aus einer der Sackgassen, die sich an der Mauer des großen

Kirchhofes von Montmartre befanden. Dort hatte ich sie tags zuvor

bei meiner ersten Entdeckungsreise auf der Straße an ihrer deutschen

Tracht erkannt. Da Vater und Mutter, zu denen sie mich führten,

bitterlich klagten, daß ihre Kinder ohne Unterricht aufwüchsen --

denn zur nächsten deutschen Missionsschule war es quer durch die

Stadt fast anderthalb Stunden Weges --, so hatte ich sie zu mir

eingeladen und ihnen für das erste Mal den Weg zu meinem Nebelschloß

gezeigt.

Inzwischen hatte ich das größere meiner beiden Zimmer zum

Schulzimmer und zugleich zur Hauskapelle eingerichtet. In einer

Nische der Wand hatte ich ein kleines Harmonium aufgestellt und

darüber den bekannten schönen Holzschnitt von Gaber, Christus am

Kreuz, gehängt. So ausgerüstet erwartete ich meine ersten geladenen

Gäste. Und richtig, zur bezeichneten Stunde klopfte es an die Tür,

und die beiden kleinen Hessinnen traten herein.

Es wird mir für mein ganzes Leben ein unvergeßlicher Augenblick

sein, als ich nun zum erstenmal die zwei kleinen Mädchen die Hände

falten ließ und Gott um seinen Segen bat. Es war mir vollauf so

feierlich zumute, als sollte ich in einer großen Pfarrkirche vor

Tausenden von Zuhörern meine Antrittspredigt halten, da ich nun

anhob, den beiden Kindern, unter Hinweisung auf das Bild, von dem

Mann mit der Dornenkrone zu erzählen, der um unserer Sünde willen an

das Kreuz erhöht ward. Der Eindruck meiner höchst ungeschickten

kurzen Erzählung -- denn ich hatte gar keine Übung, mit Kindern von

den Geheimnissen des Kreuzes zu reden -- war namentlich bei dem

kleineren der beiden Mädchen so mächtig, daß ich selbst dadurch

innerlich ganz ergriffen wurde. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck

innigsten Mitleides schaute die Kleine aus ihren dunklen Augen bald

auf das Bild, bald auf mich, und hin und wieder lief eine große

Träne über ihre braunen Wangen.

Es kann lächerlich oder anmaßend vorkommen, daß ich den Leser mit

dieser unbedeutenden Geschichte hinhalte. Aber mir war wirklich

nicht lächerlich zumute. Es ist ja doch etwas überaus Ernstes und

Großes um die Predigt vom Kreuz des Herrn. Und es ist doppelt und

dreifach groß und ernst für einen jungen Menschen, der zum

erstenmal, und das in Paris, mit dieser Predigt auftreten soll. Wie

war mir doch so bange zumute gewesen, als einige Wochen vorher der

Zug spät abends auf dem Nordbahnhofe hielt und der Schaffner sein

für den neuen Ankömmling wirklich unheimliches „Paris” in den Wagen

hineinrief! Während der Fiaker mit mir die lange Reise quer durch

die Stadt bis zum Hause meines väterlichen Freundes, Pfarrer Meyer,

machte, mußte ich schließlich die Augen fest zudrücken, so sehr

ängsteten mich die breiten Lichtstreifen der verschiedenen

Boulevards mit ihrer bunten, wogenden, in die tiefe Nacht

hineintaumelnden Volksmenge. „Hier sollst du armen Menschen von dem

Kreuze Christi predigen!” so dachte ich; „wie wird's dir gehen?”

Die Universitätszeit und die Examina sind an und für sich selten

dazu angetan, einem jungen Menschen zum fröhlichen Auftun des Mundes

zu verhelfen. Wie ich schon erzählte, war mir die Freudigkeit zur

Predigt von Christo in dieser Zeit je länger je mehr geschwunden.

Ja, ich war schließlich über allem Studieren so konfus im Kopf und

so unklar über die Grundwahrheiten des Christentums geworden, daß

ich nicht wußte, was ich mit gutem Gewissen den Leuten predigen

könnte.

Lediglich die Bemerkung in dem an mich ergangenen Rufe, daß ich in

Paris besonders ganz armen Kindern zu dienen habe, hatte mir

Freudigkeit gegeben, diesem Rufe zu folgen. Denn ich dachte bei mir

selbst: „Du willst einmal sehen, was du, ohne daß sonst ein Mensch

es hört und weiß, solch einem armen Kinde von dem Evangelium sagen

kannst. Was du dem sagen kannst und was es begreift und faßt, das

wirst du dann ja auch getrost weitersagen können.”

Es ist ja ohne allen Zweifel die allergrößte Not, in die ein

Menschenkind auf Erden geraten kann, wenn es in seinem Glauben

wankend wird, und ganz bejammernswert ist in diesem Fall ein armer

Prediger, wenn er noch halbwegs ehrlich ist. Die Hoffnung, aus

solcher Not herauszukommen, hatte mich, wie gesagt, nach Paris

getrieben.

Man begreift nun, daß mir jene erste Stunde mit den beiden

Gassenkehrerkindern eine wichtige Stunde war und daß mir, als die

beiden Kleinen wieder ihres Weges gezogen waren, das Herz in

Sprüngen ging. Ich wußte nun wieder, was ich vom Kreuze Christi zu

halten hatte, ich konnte mit Freudigkeit davon predigen; und von

dieser Stunde an ist mir auch nie wieder ein Zweifel gekommen.

Aber ich sollte durch Gottes Barmherzigkeit von meinen kleinen

Lehrmeistern noch mehr lernen. Ich hatte ihnen beim Abschied die

Weisung gegeben, sie sollten nicht allein wiederkommen, sondern auch

andere ihrer Gespielen von der Gasse mitbringen. Und richtig, sie

hielten Wort. Keuchend und schwitzend, aber mit triumphierenden

Gesichtern standen am andern Morgen meine beiden wackeren Erstlinge

wieder vor meiner Tür und hielten in ihrer Mitte mit ihren derben

Fäusten einen kleinen Burschen von etwa sechs Jahren. Er hatte ihnen

Last genug gemacht, bis sie ihn oben hatten. Mehrmals war ihm die

Sache leid geworden. Er war ihnen davongelaufen, und sie hatten ihn

wieder einfangen müssen. So war bei ihm fürs erste bitter wenig

Interesse für das Kreuz Christi zu spüren, die Gassen von Paris

zogen ihn weit stärker an.

Auch bei einer Anzahl der sich nun einfindenden andern Kinder,

Knaben wie Mädchen, behielt die Liebhaberei für das Herumtreiben auf

der Straße die Oberhand. Keineswegs bei allen kam ich mit der

Kreuzespredigt aus, sondern mußte zu andern Mitteln greifen, um

ihren alten Adam in den gehörigen Schranken zu halten. Aber bei

alledem ging es doch weit über all mein Bitten und Verstehn. Ohne

daß ich mich weiter ans Suchen gab, mehrten sich von Tag zu Tag

meine kleinen Gäste. Eins brachte das andere mit. Immer neue Kinder

klopften an meine Tür. Ich behielt dabei meine erste Lehrmethode

bei. Erst wurde ein kleines Lied gesungen und dann das Bild des

Gekreuzigten erklärt; seine Nägelmale, seine Dornenkrone, seine

Todesschmerzen gaben täglich für einzelne der Neuangekommenen

Ursache zu der innigsten Teilnahme und Herzensbewegung ab, und

diejenigen, die die Geschichte bereits gehört, hörten sie zum Teil

mit steigendem Interesse immer aufs neue.

Nicht allein aus dem nahen Batignolles und vom Montmartre selbst,

auch von Courcelles, aus dem Faubourg Saint-Honoré, aus den

Ortschaften draußen vor den Befestigungswerken, ja ganz besonders

von der fernen Villette und selbst aus Pré-Saint-Gervais, von wo die

Kleinen fast zwei Stunden zu marschieren hatten, stellten sich meine

Schüler ein, ungezwungen, eins von dem andern geladen. Es vergingen

wenige Wochen, da war mein Wohnzimmer und auch mein Schlafzimmer zu

eng, die immer neu Ankommenden aufzunehmen, und ich erschrak fast,

wenn es immer aufs neue klopfte, da ich die kleinen Gäste nicht mehr

zu beherbergen wußte.

Dieses unerwartete Sichsammeln der sehr zerstreuten Schar war mir

ein Wunder vor meinen Augen. Es wurde mir zur lebendigen Auslegung

und zur sichtbaren Erfüllung der Verheißung des Herrn: „Wenn ich

erhöht sein werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.”

Die wunderbare Anziehungskraft des Kreuzes Christi wurde mir

offenbar, und ich sah in dieser schönen Frühlingszeit meines

evangelischen Predigtamtes nach jener ersten seligen Erfahrung noch

manches liebe Kinderauge glänzen oder feucht werden bei den

allereinfachsten Erzählungen von der Liebe Christi, der uns geliebt

hat bis zum Tode am Kreuz.

Freilich weiß ich seitdem besser, als ich es damals wußte, wie wenig

in den meisten Fällen auf eine Träne zu geben ist; und ich weiß

leider auch, daß viele jener Kinder, die mir so sehr zur Stärkung

meines Glaubens dienten, die Welt längst wieder liebgewonnen und die

Kreuzesfahne Jesu verlassen haben. Aber dennoch ist eine Träne,

eines armen Kindes Träne, über das bittere Leiden Christi geweint,

etwas sehr Großes und Herrliches inmitten jener Taumelwelt, und sie

wiegt gewiß schwerer, als man denken mag, in der Wagschale unseres

Gottes.

Darum hat mich auch meine erste fröhliche Hoffnung beim Anblicke

dieser ersten Tränen nicht enttäuscht. Denn aus den zwei armen

Kindern, die sich zuerst bei mir einfanden, sind durch Gottes

Wunderwege in den sechs Jahren, die zwischen jener ersten und der

Stunde liegen, wo ich dies schreibe, zwei Gemeinden geworden: die

Gemeinden zu La Villette und Batignolles.”

Wer nun den Weg verfolgt, auf dem es zur Aufrichtung dieser beiden

blühenden deutschen Gemeinden kam, der beobachtet, daß der junge

Missionsprediger Bodelschwingh keinen weitangelegten Plan in sich

trug, sondern daß er lediglich die nächstliegenden Aufgaben in

einfältigem Glauben und mit tatkräftiger Liebe in Angriff nahm und

sich Schritt für Schritt vorwärts drängen ließ.

Die beiden Zimmer auf dem Montmartre boten schon nach kurzer Zeit

nicht mehr genügend Raum. Und das Ungeziefer, das die Kinder

zurückließen, machte den Aufenthalt darin qualvoll. Nun hatten die

Besuche, die Bodelschwingh bei den Eltern seiner Schulkinder machte,

ihn immer wieder in die weiter östlich gelegenen Gegenden von Paris

geführt, die damals zum Teil noch jenseits der engeren Stadtgrenze

lagen. Denn von dort her hatte sich der größte Teil der Kinder im

Nebelschlosse eingestellt.

Am Abend eines heißen Tages, den er wieder einmal auf der Suche nach

seinen verstreuten Landsleuten in jener Gegend zugebracht hatte,

entdeckte er in der Vorstadt La Villette einen kleinen grünen Hügel,

etwa sechzig Schritt lang und vierzig Schritt breit, völlig

unbebaut, nur mit einigen schattigen Bäumen bestanden. Müde wie er

war, und in dem Verlangen, ein wenig auszuruhen, ehe er den weiten

Heimweg bis zum Montmartre anträte, stieg er die wenigen Meter

hinauf.

„Es wehte da oben”, so heißt es in seinem Bericht aus dem Jahre

1861, „eine kühle, gesunde Luft, die mich erquickte. Einige arme

Kinder spielten friedlich miteinander. Es wurde mir ganz besonders

wohl und heimatlich zumute auf der stillen Anhöhe. Und indem ich an

den Rand des Hügels trat und dicht zu meinen Füßen die armen Hütten

von La Villette erblickte, in denen mir bereits so viel leibliches

Elend und sittliches Verderben zu Augen gekommen war, ohne daß ich

bisher eine Abhilfe aus solcher Not gefunden hätte, war es mir

plötzlich, als hörte ich eine Stimme, die sagte: ‚Dieser Hügel

gehört dem Herrn!’”

Diese Stimme ließ ihn nicht wieder los. Er forschte nach dem

Besitzer des Hügels und trat mit ihm in Verhandlung. Verkaufen

wollte er den Hügel nicht, wohl aber bei halbjähriger Kündigung

gegen einen geringen Preis vermieten. Auf einem gemieteten

Grundstück war natürlich an einen festen Bau nicht zu denken. So gab

Bodelschwingh einem Zimmermeister ein einfaches Blockhaus in

Auftrag, das noch heute steht. Ehe er aber seine Arbeit vom

Montmartre dauernd auf den Hügel verlegte, galt es für ihn, den für

den Fortgang seiner Arbeit und namentlich für den Unterricht der

Kinder so nötigen Mitarbeiter zu finden.

Nachdem er am 29. August, vier Monate nach seinem ersten Examen,

durch Pastor Meyer ordiniert worden war -- der preußische

Oberkirchenrat hatte ihm mit Rücksicht auf die dringenden Aufgaben

in Paris das zweite Examen erlassen --, brach er nach Deutschland

auf. Auf dem Kirchentage in Hamburg berichtete er in der

Michaeliskirche von seiner Arbeit in Paris.

„Am Schluß meines Berichtes”, so erzählt er, „bat ich nicht ohne

Zagen um einen Lehrer für meine Pariser Gassenkinder, dem ich zwar

bitter wenig Geld geben könne und dem es allein genug sein müsse,

Kinderaugen glänzen zu sehen, wenn ihnen von der Liebe Jesu ans Herz

geredet würde.”

Nach der Versammlung erschien ein junger Lehrer auf meiner Stube und

sagte: „Selber kann ich nicht kommen, aber eine Gabe sollen sie doch

haben.” Damit zog er einen Taler aus der Tasche. Ich sagte: „Wo der

Taler herkommt, kommt vielleicht auch der Geber her.” Er erklärte

mir aber, er könne seine Arbeit in Glückstadt nicht verlassen. Doch

der Blick, mit dem er mich dabei ansah, nahm mir nicht jede

Hoffnung. Ich fragte ihn über einige Umstände seines Lebens und

erfuhr, daß er bei dem bekannten Archidiakonus Versmann in Itzehoe

konfirmiert worden sei. Am andern Morgen fuhr ich nach Itzehoe und

fragte Pastor Versmann nach dem Geber der drei Mark. „Den nehmen Sie

mit,” war seine Antwort, „dann haben Sie das Rechte getroffen.” Kurz

darauf stand ich in Glückstadt in der Schule des jungen Lehrers und

hörte seiner biblischen Geschichtsstunde zu. Darauf war ich fertig,

und ich ließ ihn nicht los, bis ich sein Jawort hatte.

Wenige Wochen später trat _Heinrich Witt_[1] -- denn so hieß der

junge Lehrer -- in Paris in mein Stübchen. Damit war mir eine

schwere Last vom Herzen gefallen. Inzwischen war unsere Schule nebst

unserer Wohnung bereits in Angriff genommen worden. Sie kostete

alles in allem fix und fertig aufgerichtet 800 Taler und war etwa

15 Meter lang und 6 Meter breit. Der erste Teil war die

Pfarrerwohnung, in der Mitte lag die Lehrerwohnung, und das längste

Stück bildete die Schule, die durch Zurückziehen der hölzernen

Scheidewände, durch die Lehrer- und Pfarrerwohnung von ihr getrennt

waren, am Sonntag auf das Doppelte vergrößert und in einen

Predigtraum verwandelt werden konnte.

[1] Siehe „Lebensbild des Lehrers Heinrich Witt” von Lehrer Witt,

G. Ihloff, Neumünster i. H., 127 Seiten.

Am 11. Dezember 1858 zogen wir in unsere bescheidene Hütte ein und

begannen unser fröhliches gemeinsames Leben. Mein lieber Witt machte

jeden Morgen Feuer, worauf er sich vortrefflich verstand, während

ich den Morgenkaffee und das zweite Frühstück herrichtete, das wir

nach Pariser Sitte um 12 Uhr einnahmen. Das Abendbrot, das nach

unserer damaligen Gewöhnung unsere Hauptmahlzeit bildete, bereitete

uns eine in der Nähe wohnende Witwe, Mutter Schnepp.

Von nun an hatte ich es unbeschreiblich gut. Ein ganz neues Leben

begann für mich, nicht nur durch die Gemeinschaft, die uns beide bei

unseren täglichen Andachten und Mahlzeiten erquickte, sondern

besonders dadurch, daß meine armen verwilderten Kinder nun einen

überaus sorgsamen Unterricht, namentlich auch einen gründlichen

Religionsunterricht empfingen, sodaß mir die Konfirmandenstunden

dadurch überaus erleichtert wurden. Aber nicht nur in der Schule,

sondern auch in der Gemeinde war mir mein Freund Witt ein sehr

treuer Gehilfe, teils durch die Bibelstunden, die er hielt, -- ich

hatte außer in der Villette noch an drei andern Orten Gottesdienste

und Bibelstunden zu halten -- teils dadurch, daß er mit größter

Hirtentreue den armen verirrten Kindern nachging, deren es nur zu

viele gab.

Es ist mir namentlich unvergeßlich geblieben, wie er den Michel

Jakob gewann, einen auf den Gassen von Paris ohne jeden Unterricht

aufgewachsenen Knaben, der schon das zwölfte Jahr überschritten

hatte. Er trieb sich nachts gewöhnlich vor den Theatern umher, um

sich dort durch Öffnen und Schließen der Kutschwagen Geld zu

verdienen. Das brachte er dann auf unnütze Weise durch, sodaß er

schon oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht hatte. Im Sommer

durchstreifte er die großen Stachel-, Johannis- und Himbeerbeete,

die in unserer Vorstadt damals noch reichlich standen und in denen

er schwer zu finden war. Sein armer Vater hatte es an Schlägen nicht

fehlen lassen, blaue Flecke gab es an seinem Leibe übergenug, und

mit dem Stock sollte er nun auch in unsere Schule gezwungen werden.

Da kam er dann wohl einen Tag, aber den andern war er wieder

verschwunden; denn Schulzwang gab es damals in keiner Pariser

Schule.

Was tat nun mein Freund Witt? Abends spät, wenn er hoffen konnte,

daß Jakob von seinen Streifzügen heimgekehrt sei, erschien er in der

Wohnung der Eltern. Ohne ein Wort des Tadels setzte er sich neben

den armen Jungen: „Jakob, du hast heute nicht in die Schule kommen

wollen, so muß ich zu dir kommen”, nahm die Fibel vor und fing mit

aller Geduld und Sanftmut an, das ABC mit ihm zu treiben. Das tat er

nicht einmal, das tat er wieder und wieder. Diese Liebe hielt Jakob

nicht aus; sie war ihm doch zu stark. Nun kam er willig und

regelmäßig zur Schule.

Einmal an einem Karfreitagmorgen sah ich ihn, wie er vor Witts

Fenster einen langen Zweig einer wilden Rose anstarrte. (Wir hatten

uns in den Festungsanlagen wilde Rosen gesucht und vor unser Fenster

gepflanzt, um sie später zu veredeln.) Als er mich erblickte, war er

einen Augenblick verlegen. Dann fragte er: „Waren das solche Dornen,

Herr Pfarrer, die der Heiland am Karfreitag um sein Haupt hatte?”

Ich sagte: „Ja, Jakob, die Dornen an seinem Haupte waren noch

länger; und sie sind an seinem Kopf hängen geblieben, als er das

verlorene Schaf suchte.” Da blickte Jakob mich mit großen Augen an

und sagte: „Ich war auch verloren.” Dies war ein Beispiel von vielen

verlorenen Kindern unter der versinkenden Jugend der Weltstadt, an

denen mein Freund Witt mit unvergleichlicher Treue arbeitete und die

er, wie ich hoffe, am großen Tage wiederfinden wird.”

So fing denn der kleine Hügel von La Villette an, eine Oase in der

Wüste zu werden. Wer heute den Hügel besucht und die geordneten

Straßenzüge sieht, die ihn rings einschließen, wer namentlich den

Park durchwandert, der wenige Schritt vom Hügel entfernt seinen

Anfang nimmt und der in seiner märchenhaften Schönheit heute eine

der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt bildet, der kann sich kaum

noch eine Vorstellung davon machen, in welcher Wildnis damals die

beiden jungen Männer sich niedergelassen hatten.

An der Stelle des heutigen Parkes befanden sich große

Kalksteinbrüche mit tiefen Gruben und Höhlen. Das Gesindel und die

Verbrecher von Paris hatten dort ihre Schlupfwinkel. Und rings um

die Steinbrüche und den Hügel her standen armselige Buden und

Hütten, teils aus Brettern, teils aus gepreßtem Kalksteinstaub

hergestellt. Hier wohnten mitten unter der armseligen französischen

Bevölkerung die deutschen Einwanderer. Und in diese Wildnis hinein,

durch die noch keine geordneten Straßenzüge führten, drangen jetzt

Morgen für Morgen vom Hügel herunter die Lieder der Kinder, und am

Sonntagnachmittag, wenn die Gassenkehrer von ihrer Arbeit

heimkehrten -- denn einen Ruhetag gab es ja für sie nicht --, lud

die kleine Glocke die Bewohner der grauen, elenden Hütten zu Gottes

Wort in das kleine Blockhaus.

Durch die Teilung der Arbeit, die mit dem Eintreten Witts geschaffen

wurde, konnte sich Bodelschwingh nun auch in erhöhtem Maße den

Kranken widmen, sowohl denen, die in ihren elenden Wohnungen lagen,

als auch denen, die in den großen Pariser Spitälern Aufnahme

gefunden hatten. Über diese Arbeit in den Spitälern schreibt er

1860:

„Unter den unzähligen Stätten der Erde, an denen Deutschland seine

wanderlustigen und die Fremde liebenden Söhne und Töchter zu suchen

und wohin namentlich die rettende Liebe ihre oft mutwillig aus

Heimat und Vaterhaus gegangenen Kinder zu begleiten hat, um sie

nicht ohne eine Freundesstimme zu lassen, -- unter diesen Stätten

verdienen die Hospitäler der französischen Hauptstadt eine besondere

Teilnahme.

Wie Paris reich ist an öffentlichen Anstalten für weltliche Lust und

Freude, so ist es auch reich an öffentlichen Häusern des Elends und

der Schmerzen. Man zählt heute -- 1860 -- im ganzen 28 öffentliche

Hospitäler und Siechenhäuser, die reichlich 17000 Kranke, Sieche

und Greise beherbergen. Es ist ganz gewiß die unverhältnismäßig

große Zahl der öffentlich gepflegten Kranken ein trauriger Beweis

von den gelockerten Familienbanden der französischen Hauptstadt.

Ein Kranker paßt nicht wohl in das Pariser Familienleben hinein. Wie

man in Paris die Freude und den Segen einer deutschen Kinderstube

nicht kennt, sondern mit der größten Leichtigkeit die kleinen Kinder

von der Mutterbrust weg zur Amme aufs Land und von da nach kurzem

Aufenthalt im Elternhause in die Pensionen schickt, so kennt man

auch nicht die Heiligkeit und den Segen der Krankenstube. Man will

sich ja nicht gern zum Ernste mahnen lassen, und darum schafft man

den Kranken lieber von sich hinaus. Auf der andern Seite hat die

Leichtigkeit, mit der jeder Kranke ohne weiteres in ein Hospital

aufgenommen wird, und die Freigebigkeit, mit der er ganz umsonst

gepflegt wird, etwas Erfreuliches und Erquickendes.

Echt samaritermäßig wird an den Pforten der Pariser Hospitäler

niemand gefragt: „Wo kommst du her? Welches Glaubens bist du? Kannst

du bezahlen?” usw. Jeder wirklich kranke Mensch, der sich morgens

zwischen acht und neun Uhr an der Tür eines Hospitals einfindet,

wird aufgenommen. Findet er in dem betreffenden Hospital keinen

Platz, so wird er nach dem Zentralbüro der Hospitäler gesandt und

bekommt dann sicher sein Bett angewiesen, einerlei ob er Franzose

oder Engländer, Deutscher oder Italiener, ob er schwarz oder weiß,

katholisch, evangelisch oder mohammedanisch ist.

In allen Spitälern ist die Pflege der Kranken den Händen der

katholischen barmherzigen Schwestern anvertraut, und im ganzen muß

ich sagen, daß die meisten Schwestern ihren Namen „barmherzige

Schwestern” mit Ehren tragen und mit wirklich mütterlichem Herzen

für ihre Kranken sorgen, und zwar mit gleicher Treue für die

Fremdlinge und für die Kinder der eigenen Kirche.

Im schmerzlichen Gegensatz dazu ist zu sagen, welche

Gleichgültigkeit, welche Frivolität oftmals an diesen Stätten des

Schmerzes und des Todes anzutreffen ist, und zwar fast noch mehr bei

den Frauen als bei den Männern. Unmittelbar neben dem Bett eines

Sterbenden, der eben seinen letzten Kampf auskämpft, wird laut

gelacht, gespottet und leichtfertig geschwatzt.

Was nun die evangelischen Deutschen betrifft in den beiden

Hospitälern La Riboisière und St. Louis, die mir zugewiesen sind, so

habe ich darin im vergangenen Jahre 270 Protestanten gefunden,

darunter etwa 80 Deutsche. Diese deutschen Kranken sind zum größten

Teil einzelstehende junge Leute, vor allem Handwerker oder

Dienstmädchen. Dieses Häuflein der Protestanten befindet sich in

diesen Spitälern in einer ganz eigentümlichen Lage. Es wird, wie wir

hörten, bei der Aufnahme der Kranken ebensowenig Rücksicht genommen

auf die Sprache wie auf das Bekenntnis, sondern allein auf die Art

der Krankheit. Wo eben ein Bett frei ist, da bekommt der Kranke sein

Zimmer angewiesen.

So geschieht es denn, daß unsere deutschen Glaubensgenossen

zerstreut zwischen der fünfzigmal größeren Zahl französischer

Katholiken liegen. Und da viele von ihnen des Französischen nicht

mächtig sind, so befinden sie sich in einer Art Einzelhaft, in einer

völligen Abgeschlossenheit und Verlassenheit, bei der sie sich nur

durch Zeichen mit ihren Pflegerinnen und dem Arzt verständlich

machen können. Und solche Einzelhaft wirkt um so stärker, als diese

Kranken in der schmerzlichsten Weise von ihren eigenen Angehörigen

im Stich gelassen werden. So hatte eine hier verheiratete

Württembergerin ihre Schwester, die sie selbst nach Paris gelockt

hatte, sieben Monate unbesucht im Spital liegen lassen. Mehrmals

habe ich sie persönlich auf das dringendste ermahnt, sich nicht so

schwer zu versündigen. Namentlich in den letzten Tagen vor dem Tode

ihrer Schwester habe ich ihr wiederholt teils geschrieben, teils

gesagt, es sei der letzte Wunsch der Sterbenden, sie noch einmal zu

sehen und sich mit ihr zu versöhnen. Sie kam dennoch nicht; sie habe

ihrer Schwester vergeben, aber ihr Geschäft erlaube einen Besuch

nicht.

So kommt der Seelsorger in diesen Spitälern oftmals in die Lage, an

den Kranken Vater-, Mutter-, Geschwister- und Freundesstelle zu

vertreten. Dadurch wird ihm natürlich der Zutritt zu den Herzen sehr

erleichtert. Auch der Klang der Muttersprache kommt uns bei diesen

Kranken kräftig zu Hilfe. Es ist nicht zu sagen, mit welcher

Freudenstimme diese Verlassenen oftmals den ersten deutschen Gruß

erwidern, mit dem man an ihr Bett tritt. Da ist vielfach das Herz

vom ersten Augenblick an aufgetan, und die Worte der Ermahnung und

des Trostes können jetzt tiefer dringen und werden nicht

zurückgestoßen, weil sie sozusagen in lieber Begleitung kommen.

Namentlich sind es die Klänge der Kindheit, die in der Jugend

gelernten biblischen Sprüche und Liederverse, die hier wieder einmal

zu ihrem Rechte kommen. Es ist mir begegnet, daß eine Todkranke, die

ich zum erstenmal sah und von der auf die verschiedensten Fragen

kein Zeichen des Verständnisses herauszulocken war, sodaß ich nicht

einmal wissen konnte, welche Sprache sie eigentlich rede, plötzlich

lebendig wurde, als ich das bekannte deutsche Sterbegebetlein

„Christi Blut und Gerechtigkeit” anstimmte. Ihr Auge wurde hell;

über dem Versuch zu sprechen zitterten ihre Lippen einen Augenblick,

dann brach die Stimme durch, und die Kranke sprach laut und freudig

die Worte zu Ende.

Einem jungen Mann aus Nürnberg gingen sofort die Augen über, als ich

ihn deutsch anredete. Heimweh erfüllte seine Seele, und besonders

ward das Verlangen mächtig, seine verwitwete Mutter noch einmal zu

sehen, zu der er eine herzliche kindliche Liebe an den Tag legte und

an deren Trauer er mit Tränen dachte. Es war aber deutlich, und der

Kranke selbst spürte es auch, daß sein Wunsch auf Erden schwerlich

könne erfüllt werden. Darum wies ich ihn hin auf die bessere und

gewissere Hoffnung des Wiedersehens in der oberen Heimat. Die

Sprüche, die ich ihm vorsagte, waren ihm bekannt und ergriffen ihn

sichtlich. Namentlich war es der 23. Psalm, der ihm tief zu Herzen

ging, weil seine Mutter gerade diesen Psalm ihm in der Kindheit oft

vorgesagt hatte. Er gestand, es habe ihm daheim an christlicher

Unterweisung nicht gefehlt, aber er habe leider seit Jahren nicht

danach gelebt. Jetzt brachen die lange verschlossenen Quellen wieder

auf und überströmten sein Herz noch zur rechten Zeit mit der rechten

göttlichen Traurigkeit und mit dem rechten Troste. Als ich ihn

fragte, ob er von Herzen wünschte, noch einmal kindlich wie einst

glauben zu können, da antwortete er mir mit einem Ausdruck, den ich

nie vergessen werde, er wünschte, ich möchte mit ihm beten, und der

Druck seiner Hand sagte mir, wie sein ganzes Herz dabei gewesen.

Da es nicht möglich ist, daß ein Kranker öfter als im Durchschnitt

einmal wöchentlich von uns besucht wird, so kann man denken, daß

besonders die, die noch gar kein Französisch verstehen, auch mit

rechter Freude zu den Büchern greifen, die wir ihnen mitbringen. Ich

weiß, daß gar manche schmachtende Seele in ihren einsamen Stunden

bald einen heilsamen Schrecken, bald Stärkung im Glauben, bald

kräftigen Trost in der Anfechtung aus diesen Schriften geschöpft

hat.

Hätten wir Zeit, die einzelnen Lebenswege niederzuschreiben, die in

den Pariser Spitälern entweder eine Haltestelle oder für diese Erde

ihr Ende finden, so würde manches an den Tag kommen, das vielen zur

Lehre, zur Warnung und zur Ermunterung dienen könnte. Wie manches

mit den goldensten Hoffnungen, mit den hochfliegendsten Plänen

hinausgezogene junge deutsche Blut liegt hier an Leib und Seele

verderbt, befleckt, bleich und kümmerlich auf seinem Siechbette und

merkt nun erst, wie grausam es von der Welt und dem eigenen Herzen

betrogen worden ist. Wie manche tränenreiche Bekenntnisse kann man

hier vernehmen: „Ich bin meinen Eltern nicht gefolgt, ich habe den

Glauben meiner Kindheit vergessen, ich habe den schmalen Weg

verlassen, habe meine Zeit in der Fremde durchgebracht mit Prassen!”

Wie manchen Vorsatz des verlorenen Sohnes kann man aussprechen

hören: „Wenn ich noch einmal aufkomme, will ich umkehren ins

Vaterland und Vaterhaus und da sprechen: Vater, ich habe gesündigt

im Himmel und vor dir.”

Aber freilich geht es auch hier, wie es mit den meisten durch die

Not der Krankheit abgetrotzten Gelübden geht: sie werden nicht

gehalten. Weitaus der größte Teil, besonders der jungen Leute, die

wir im Spital kennen lernen, verschwindet trotz ihrer freiwilligen,

oft sehr aufrichtigen Versprechungen wieder völlig aus unserm Auge,

und wir müssen hier meist nur auf Hoffnung den Samen ausstreuen,

ohne mit unsern Augen eine Saat hervorsprießen zu sehen. Aber es

gibt auch köstliche Ausnahmen. Der auf dem Krankenbett gefaßte

Vorsatz zur Rückkehr ins irdische Vaterhaus wird doch von etlichen

ausgeführt, indem sie sich unmittelbar aus dem Spital auf den Weg in

die Heimat machen. Andere Angesichter bekommen wir in der Kirche

oder am Tisch des Herrn wieder zu sehen. Und, was besser ist als

dies beides, unter denen, die die Spitäler nicht wieder verlassen,

sondern dort ihre irdische Laufbahn beschließen, können wir denn

doch an viele mit ganz fröhlicher Zuversicht denken.

Ich entsinne mich nur eines einzigen Falles, daß mich ein

Sterbender, der wirklich selbst klar sein Ende kommen sah, bestimmt

abgewiesen hat und nichts von der Gnade Gottes in Christo wissen

wollte. Ein andermal fertigte mich ein armer, in unsäglichen

Schmerzen liegender Mensch ganz in der Weise Hiobs sehr bitter ab:

Er habe solches Elend nicht verdient; Gott suche ihn ungerecht heim;

ich solle ihn zufrieden lassen mit meinem Trost von der Gnade

Gottes, der nur aus Liebe züchtige. Ich ging traurig weg; doch als

ich noch einmal auf dem Rückwege durch den Saal an seinem Bett

vorüberging, reckte er mühsam seine abgezehrte Hand unter der Decke

hervor und reichte sie mir mit einem Blick entgegen, der wohl

deutlich sagen wollte: „Vergeben Sie mir!”

Dieser Arbeit in dem Hospital hätte sich Bodelschwingh nicht so

hingeben können, wenn ihm nicht auf dem Hügel und in der Gemeinde

neue Hilfskräfte zugewachsen wären. Zwei arme Witwen, Frau Rech und

Frau Götz, übernahmen den Diakonissendienst. Sie versorgten die

Kranken und trugen, was sie von der Sonntagspredigt behalten hatten,

zu denen, die nicht zur Kirche kommen konnten.

Ein eingewanderter Schweizer, Abraham Blanck, seines Handwerks ein

Schmied, tat von seiner elenden Hütte aus, an die er durch die

Wassersucht gefesselt war, Evangelistendienste. Bei dem ersten

Weihnachtsfest, das auf dem Hügel gefeiert wurde, hatte

Bodelschwingh mit den Schulkindern dem alten einsamen Blanck ein in

einen Topf gepflanztes Weihnachtsbäumchen gebracht und ihm

Weihnachtslieder gesungen. Das war für den Alten der Anfang zu einem

neuen Leben geworden. Der kindliche Glaube und das kindliche Gebet

wachten in ihm wieder auf. Und wenn er auch während der letzten drei

Jahre seines Lebens seine Hütte nicht mehr verlassen und niemals den

Hügel betreten konnte, so ging doch von dem Lager des alten treuen

Mannes eine Macht in die ganze Gemeinde aus.

Lehrer Witt verheiratete sich. Seine kluge, hingebende Frau übernahm den

Unterricht der Mädchen und machte bald auch der Junggesellenwirtschaft

ein Ende. Das junge Paar hatte zunächst die beiden Stübchen, die bisher

Pastor und Lehrer innegehabt hatten, bezogen, und Bodelschwingh hatte

sich wieder eine Mietswohnung in der Stadt gesucht. Aber auf die Dauer

ließ sich die Errichtung einer besonderen Wohnung für Pastor und Lehrer

doch nicht hinausschieben. Da der Hügel nach wie vor nur gemietet war

und darum auch jetzt noch an die Errichtung eines festen Hauses nicht

gedacht werden konnte, so kaufte Bodelschwingh ein Holzhaus, das bereits

in London auf einer Ausstellung gewesen war und nun binnen weniger

Wochen fix und fertig auf dem Hügel stand. So war für Pastor und

Lehrerfamilie eine neue behagliche Unterkunft geschaffen.

Aber die Erweiterung der Arbeit forderte auch größere Mittel. Sie

mußten, da es sich um Versorgung von Deutschen handelte, der

Hauptsache nach aus der deutschen Heimat kommen. Unermüdlich rührte

darum Bodelschwingh die Feder. Seine Mutter, seine Geschwister, die

Verwandten und Freunde waren die ersten, an die er sich wandte. Für

die Kirchenblätter in Hamburg, im Wuppertal, in Minden-Ravensberg

schrieb er an der Hand von Tatsachen hochanschauliche, zu Herzen

gehende Aufsätze. Seine alten Gastfreunde Volkening in Jöllenbeck,

Klein-Schlatter in Barmen, Sengelmann in Hamburg eröffneten

Sammelstellen; auch Louis Harms in Hermannsburg. Die 800 Taler, die

die erste Blockhütte gekostet hatte, schickte Volkening als Gabe des

Minden-Ravensberger Landes in einer Summe.

Den Dank für solche Mithilfe stattete Bodelschwingh nicht immer nur

schriftlich ab. Er kam selbst. Jährlich mindestens einmal reiste er

nach Deutschland. Bald hier, bald da sehen wir ihn auftauchen, im

Elsaß, in der Rheinprovinz, in Brandenburg, Berlin, Potsdam und

besonders im Ravensberger Lande. Wohin der junge hagere Edelmann,

dem die Mühsal des Pariser Lebens im Gesicht geschrieben stand, mit

seinen Predigten, Ansprachen und seinen kurzen Besuchen kam, gewann

er im Fluge die Herzen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”,

war der tiefe Eindruck, den man von ihm hatte. Aber mit den Herzen

flogen ihm auch die Gaben zu. Es konnte vorkommen, daß am Schluß

einer Versammlung sich Broschen, Ringe und andere Schmucksachen auf

dem Teller fanden, weil die Leute die Empfindung hatten, daß der

Inhalt ihrer Börse einfach nicht ausreichte.

Bei der Werbereise, die er im Herbst 1860 unternahm, reifte plötzlich in

ihm der Entschluß, sich zu verheiraten. So gut er es auch bei seinen

Freunden, den Witts, hatte, er fühlte sich doch oft abgehetzt und

übermüdet. Dazu quälte ihn, wie er später öfter erzählte, der Gedanke an

so manche junge deutsche Lehrerin und Erzieherin, die sich in den

Gottesdiensten auf dem Hügel einstellten mit leisen Hoffnungen im

Herzen. So mußte auch bei der entscheidendsten Wahl seines Lebens die

Barmherzigkeit mit andern ihn zur Tat treiben; und im Sturm, sich

selbst, seinen Verwandten und vor allem seiner Braut zur Überraschung,

eroberte er sich das Herz seiner Lebensgefährtin.

Sie war die zweite Tochter seines Oheims, des damaligen

Finanzministers Karl v. Bodelschwingh. Wohl hatte er sie schon

mehrere Jahre im Herzen getragen. Aber solange es noch seine Absicht

war, nach Afrika oder Indien zu gehen, hatte der Gedanke an ihre

zarte Gesundheit keine ernsthaften Pläne aufkommen lassen.

Inzwischen aber hatte ihn die Pariser Arbeit mehr und mehr

gefesselt. Er sah keine Möglichkeit, sich ihr so schnell wieder zu

entziehen, fühlte vielmehr die Verpflichtung, sich ihr mehr wie je

und in vollster Ausrüstung zu widmen. Darum zögerte er nicht lange.

Unter heißen Tränen gab ihm seine Braut das Ja. Nur zwei Tage blieb

er in Haus Heide, dem Gute der Schwiegereltern, dann machte er sich

wieder an die Werbearbeit für seine Pariser Gassenkehrer. Aber als

er in den Wagen stieg und die Braut noch immer kämpfte zwischen

Trauer und Freude, rief er: „Mein Herze geht in Sprüngen und kann

nicht traurig sein, ist voller Freud' und Singen, sieht lauter

Sonnenschein.”

So schnell sich der junge Bräutigam auch entschlossen hatte, so

sorgsam hatte er doch gewählt. Ida von Bodelschwingh war von klein

auf ein zurückhaltendes Kind gewesen. In dem großen Kreise von zehn

Geschwistern war sie vielleicht die Stillste. Früh war sie von dem

Strom ernsten religiösen Lebens erfaßt worden, der in der Zeit

Friedrich Wilhelms =IV=. auch die vornehmsten Kreise ergriff. Aber

die Auswüchse einer gekünstelten, wortreichen Frömmigkeit waren ihr

fern geblieben. Sie hörte die treusten, entschiedensten Prediger,

aber geschwärmt hat sie nie für einen von ihnen, sondern führte

einen selbständigen Christenstand. Es war ihr schwer, die Bälle und

Hoffeste mitzumachen, die sich nach der Stellung ihres Vaters als

Finanzminister nach der Meinung der Eltern nicht umgehen ließen, und

sie bat wohl mit Tränen, sie davon zu befreien, fügte sich aber ohne

Auflehnung, als der Vater fest blieb.

Sie hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen. Curtius und

Wiese, die auch ihres späteren Verlobten Lehrer aus dem

Joachimstalschen Gymnasium gewesen waren, hatten ihr zusammen mit

ihrer älteren Schwester Luise und einem kleinen Kreise von

Freundinnen Unterricht gegeben. Für die Ausbildung in der Musik

stellte der Vater ungewöhnliche Anforderungen. Schon früh um sechs

begann für sie das Üben auf dem Klavier, damit die drei bis vier

täglichen Übungsstunden durchgehalten werden konnten. Die Mutter,

sparsam und einfach, wie die damalige Zeit es war, hielt im Hause

auf große Pünktlichkeit und Ordnung und legte gerade so die sichere

Grundlage für die Heiterkeit und Sorglosigkeit des Hauses.

„Wer als Gast ins Finanzministerium kam,” so erzählt ihre nächste

Freundin, Frau von Zacha geb. von Löwenfeld, „fühlte sich von großer

Behaglichkeit und Fröhlichkeit umweht. Und im Grunde war Ida von

allen ihren Geschwistern die Heiterste. Gerade weil sie von Jugend

auf je und dann im Kampf mit der Schwermut lag, hatte sie, sobald

der Angriff wieder überwunden war, etwas Befreites und Befreiendes.

Da sie selbst viel gelitten hatte, sah sie schnell, wenn andere

litten, und auch die Schwächen anderer entgingen ihr nicht. Aber je

schärfer sie sah, je tiefer fühlte sie mit Gesunden und Kranken, und

das hingebende, selbstverständliche Mitleid, das sich nicht in

Zärtlichkeit, sondern in Fürsorge äußerte, machte sie schon damals

zur Wohltäterin für jeden, mit dem sie zusammentraf.

Dabei machte sie niemals irgend einen Unterschied des Standes. Sie

war gegen jeden gleichmäßig gütig. Hoheit blendete sie nicht, und

Niedrigkeit schreckte sie nicht. Auch verleitete sie ihr scharfes

Auge nie dazu, andern weh zu tun. So hat sie mir während unserer

fünfzigjährigen Freundschaft immer die Wahrheit ins Gesicht gesagt,

oft mit verblüffender Schärfe, aber ohne mich jemals zu verletzen.

Das ging auch Fernerstehenden so. Die Ehrlichkeit ihrer Liebe, auch

wenn sie scharf war, tat nicht weh, sondern überaus wohl.

Und ehrlich wie im Wesen war sie auch im Wort. Sie beschönigte

nichts; sie stellte die Dinge dar, wie sie waren. Nie hörte man von

ihr irgend eine Unwahrheit. Darum war auch ihr Urteil klar und

schnell gefaßt. Wenn andere sich zergrübelten, sagte sie: „Was quält

ihr euch? Die Sache liegt doch so einfach.” So sah sie auch ihren

eigenen Weg klar vor sich. Sie zersplitterte und zerstreute sich

nicht, sie ließ sich nicht verwirren von dem, was andere taten und

trieben, und wenn es ihre Nächsten und Liebsten waren. Sie war nicht

für das Weite und Große veranlagt; darum trachtete sie auch nicht

danach. Aber in ihrem Kreise war sie von unvergleichlicher Treue und

Hingabe.”

Im April 1861 wurde die Hochzeit in Haus Heide gefeiert. Die

Hochzeitsreise führte besonders zu den Freunden ins Minden-Ravensberger

Land. Volkening in Jöllenbeck segnete sie zu ihrer gemeinsamen Arbeit

in Paris. „Sie gehen unter die Löwen und Bären”, sagte er der jungen

Frau.

In Paris wartete das Londoner Holzhaus auf sie. Achtmal acht Meter

hatte es im Geviert. Unten wohnten Lehrer Witt mit Frau und Kindern

und Witwe Schnepp mit ihrem Sohn, die beiden Familien als Magd

diente. Darüber war die Pfarrwohnung. In den engen kleinen Stübchen

hatten natürlich nur die kleinsten Möbel Platz. Und es war gut, daß

die damalige Möbelmode von Paris Gelegenheit gab, solche kleinste

Möbel zu erwerben. Das Klavier konnte nur durch das Fenster

hinaufgeschafft werden.

Die ungewohnten und unbehaglichen äußeren Verhältnisse, zu denen

namentlich auch das harte Regiment von Frau Schnepp gehörte, wurden

tapfer ertragen. Pastor und Pastorin, die ja ihrer äußeren Herkunft nach

die Vornehmsten innerhalb der Gemeinde und des Mitarbeiterkreises waren,

sahen darin desto mehr Verpflichtung, sich selbst und ihr Haus allen zu

Dienst zu stellen. So wurde der kleine stille Hügel mit seiner

Pfarrwohnung in den Sommermonaten für die Familien der Mitarbeiter in

der Stadt und den Vorstädten zu einem Ausflugsort, wo man gern für

einige Stunden aufatmete. Im Winter freilich, solange die Eisenbahn noch

nicht bis La Villette durchgeführt war, waren die Wege fast

unergründlich, und für die Verwandten, die aus Deutschland zu Besuch

kamen, blieb als einziger Spazierweg nur der kleine Pfad übrig, der

rings um den Hügel durch die Gebüsche geschlagen worden war.

Noch im Laufe des Jahres 1861 konnte der Hügel endgültig käuflich

erworben werden. Nun war es auch möglich, Kirche und Schule aus

festem Material zu bauen. Beide wurden unter einem Dach errichtet,

und auch den französischen Gemeinden, die sich allmählich unter der

Arbeit französischer Pastoren in den jungen Stadtteilen gebildet

hatten, wurde Gastrecht in der von deutschen Mitteln erstehenden

Kirche gewährt. Unten waren die Schulräume, sowohl für die Kinder

deutscher wie französischer Zunge, oben die Kirche. Für den

französisch sprechenden Teil wurde ein besonderer Pastor angestellt,

der am Vormittag den Gottesdienst hielt, während der Nachmittag nach

wie vor den Deutschen vorbehalten blieb.

Aus dem verkauften Schmuck der Pastorin und andern Gaben erhielt die

Kirche eine Orgel, auf der die Pastorin statt des bisherigen

eintönigen Gesanges die rhythmischen Lieder mit der Gemeinde

einübte. Ein neues Gesangbuch und eine neue Gottesdienstordnung

wurden eingeführt, und die Haupt- und Nebengottesdienste wurden

liturgisch ausgestaltet. Da die Massenbegräbnisse auf den Pariser

Friedhöfen, wo Sarg auf Sarg in unaufhörlicher Reihenfolge versenkt

wurde, keine Stille aufkommen ließen, so wurde jeder Sarg der

Hügelgemeinde zunächst vom Trauerhause in die Kirche getragen und

hier in aller Sammlung die Trauerfeier gehalten, ehe der gemeinsame

Weg zum Friedhof angetreten wurde. Nicht nur den Erwachsenen,

sondern auch den Kindern der Gemeinde wurde diese letzte Ehre

erwiesen.

Das alte kleine Blockhaus wurde Kleinkinderschule, und zwei

Nonnenweierer Schwestern übernahmen die Arbeit darin. Zur festeren

Verbindung der Gemeindeglieder untereinander, namentlich auch derer,

die Sonntags nicht kommen konnten, schrieb Bodelschwingh „Das

Schifflein Christi”, ein kleines Monatsblatt, das zugleich die

Freunde in Frankreich und in der deutschen Heimat wach und warm

erhielt für die Aufgaben an den Deutschen in Paris.

Die Feder seiner Frau kam Bodelschwingh bei allen seinen

schriftlichen Arbeiten sehr zu Hilfe. Wenn es auch innerhalb des

Kollegiums der deutschen und französischen Pastoren Augsburgischer

Konfession Brauch war, alles Schreibwesen möglichst zu unterlassen

und statt dessen in den vierwöchentlichen Zusammenkünften die

schwebenden Fragen mündlich zu erledigen, so blieb doch für den

Schreibtisch immer noch eine Fülle von Arbeit übrig. Namentlich

besorgte Eltern und Verwandte, die ihre Angehörigen in Paris hatten

oder nach Paris reisen lassen mußten, baten um Rat, Auskunft und

Hilfe.

Aber viel mehr Zeit und Kraft nahmen die Besucher selbst in

Anspruch. Das Gastzimmer oben im Giebel wurde zu einer Herberge zur

Heimat, in der es von seltsamsten Gästen aus- und einging. Schon vor

seiner Verheiratung hatte Bodelschwingh einmal eine ganze Karawane

von 23 Missionsfrauen und -kindern, die aus Indien kamen und in die

Schweiz weiterreisten, in geborgten Betten quartiert. Jetzt wurden

er und seine Frau vollends zu Herbergsleuten für allerlei Volk.

Mehrmals waren es Angehörige vornehmer deutscher Familien, die sich

nach Paris geflüchtet hatten, um dort sich selbst und ihre

Vergangenheit zu vergessen, die aber doch schließlich durch die Not

gezwungen wurden, nachdem sie alle andere Hilfe durchprobiert

hatten, an die kleine Tür des Hügelpastors zu klopfen.

Mancher von ihnen hat ihn belogen, betrogen oder auch bestohlen, und

oft war es für die Pastorin nicht leicht, wenn ihr Mann bis spät in

die Nacht hinein auf den Außenstationen der Gemeinde war, mit irgend

einem ungewissen Herbergsgast allein gelassen zu sein. Aber daß

beide sich belügen, betrügen und bestehlen ließen, ohne verbittert

zu werden; daß sie wohl vorsichtiger wurden, aber doch ihre Herberge

nicht schlossen, sondern fortfuhren, den Verlorenen und Versinkenden

zu dienen, segnete Gott. Bisweilen gelang es, verlorene Söhne, die

aus der Heimat nach Paris geflüchtet waren, zu bewegen, sich den

deutschen Gerichten zu stellen, die erwirkte Strafe willig zu

ertragen und so den ersten Schritt zu einem neuen Anfang in der

Heimat zu machen. Und einige Male kamen aus deutschen Gefängnissen

rührende Beweise des Vertrauens und des Dankes von solchen, die

nicht umsonst in dem Hügelpfarrhaus eingekehrt waren. Aber es waren

nicht nur solche gefährdete Existenzen, die die Herberge benutzten.

Angehende Mitarbeiter in dem deutschen Missionswerk in Paris, alte

und neue Freunde, Bekannte und Verwandte stellten sich ein, und

manche dauernde Freundschaft wurde geschlossen, die zugleich

unmittelbar dem weiteren Ausbau der Hügelgemeinde diente.

Aber der helle Sonnenschein, der über dem Hügel lag, wurde von

ernsten Schatten abgelöst. Acht Tage nach der Geburt des ersten

Söhnchens erkrankte Ida von Bodelschwingh. Die Freude nach der

überstandenen Angst war zu groß für ihr zartes Gemüt und schlug bald

in desto schwereren Gemütsdruck um. Der treue Arzt, der Bruder Adolf

Monods, riet zur Reise in die Heimat. Der Pariser Rothschild stellte

seinen Salonwagen zur Verfügung. Für drei Monate wurde die kleine

Familie auseinandergerissen. Das Kind kam zur alten Großmutter, die

Mutter in die Pflege eines treuen befreundeten Arztes, und

Bodelschwingh kehrte allein in sein verödetes Heim zurück.

Aber die Arbeit litt unter seinem Schmerz nicht, und seine eigene

Seele versenkte er desto tiefer in die kräftigen Tröstungen Gottes.

Wenn er abends von seinen fernen Außenstationen nach dem Hügel

zurückkehrte, oft so spät, daß er keinen Omnibus mehr benutzen

konnte, dann lernte er, von Laternenpfahl zu Laternenpfahl wandernd

und im Schein des Laternenlichtes sich den Inhalt des Verses

einprägend, ein Kirchenlied nach dem andern auswendig. Seine

Predigten, die er für gewöhnlich frei gehalten hatte, schrieb er

eine Zeitlang wieder auf, um sie seiner Frau zu schicken, sobald es

ihr Zustand erlaubte.

Aber ehe er im Mai Frau und Kind wieder zurückholen konnte, traf ihn

und die ganze Familie ein neuer schwerer Schlag. Sein jüngster

Bruder Ernst, der Liebling der ganzen Familie, der jetzt als

Jägeroffizier in Cleve stand, wurde durch einen Hitzschlag seiner

Frau und seinen zwei kleinen Söhnchen entrissen. Bei großer

soldatischer Tüchtigkeit hatte er sein bewußtes Christenleben

durchgeführt, aber ohne irgendwie sich aufzudrängen, und sein

Freund, der spätere General von Oidtmann, rühmte es ihm nach, daß

Ernst von Bodelschwingh wohl regelmäßig mit ihm die Bibel läse, aber

ohne je auch nur den leisesten Versuch zu machen, ihn aus der

katholischen Kirche herauszuziehen. Gerade das bewog dann Oidtmann

zum Übertritt. So dunkel das Sterben dieses Bruders war, es kam kein

Ton der Klage in der Familie auf, und Bodelschwingh, der seinen

Bruder in Velmede beerdigte, schrieb an seine Frau:

Meine teure Ida!

Unser lieber Bruder ist genesen, genesen für die Ewigkeit. Träumend

hat ihn der Herr durch des Todes Türen geführt, ohne ihn seine

Bitterkeit kosten zu lassen. Die arme Elise ist ganz wunderbar

gestärkt, so auch unser Mutterchen. Sie hat noch am Abend vor

seinem Tode sagen können: „Halleluja! Willst du ihn erlösen, so

will ich dir danken.” -- Sie ist nicht hier, aber wir drei

Geschwister sind beisammen, Franz, Friedchen und ich. Morgen,

nachdem ich auf der Geschwister Bitte dem geliebten Bruder einige

Worte des ewigen Lebens habe nachrufen dürfen, eile ich mit den

Geschwistern zur lieben Mutter. Die Leiche nehmen wir mit, sie nach

dem Wunsche des Seligen an des Vaters Seite zu bestatten.

Sei ganz getrost um mich, mein liebes Weib. Solch einen Bruder darf

man ja getrosten Mutes in die Ewigkeit ziehen sehen. War doch

seines Jesu Kreuz seit langem sein einziger Ruhm.

Der Friede des Herrn sei mit dir!

Dein Friedrich.

Ende Mai zog dann die kleine Familie wieder auf dem Hügel ein. Die

Krankheitszeit über war aus der Gemeinde heraus, namentlich auch von

den Kindern gebetet worden, daß Mutter und Kind dem Hügelpastor

erhalten bleiben möchten. Darum war der Tag der Rückkehr für die

ganze Gemeinde ein großer Freuden- und Danktag. Auf ihn folgte noch

fast ein Jahr neuer gemeinsamer Arbeit an den Aufgaben im

unruhvollen Paris. Nur der Sonnabend bildete einen Ruhepunkt. Wenn

irgend möglich, zogen dann die Eltern Bodelschwingh mit ihrem

kleinen Ernst zur stillen Vorbereitung auf den Sonntag hinaus in den

Bois de Boulogne mit seinen einsamen Inseln und schattigen Plätzen,

wo die Nachtigallen sangen und die stillen Schwäne dahinzogen.

Aber die Krankheit seiner Frau hatte Bodelschwingh doch die Frage

aufs Gewissen gelegt, ob er ihr auf die Dauer das unruhige Leben in

Paris zumuten dürfte. Als sich ihm in dem jungen Württemberger Vikar

C. Berg (dem späteren württembergischen Prälaten) ein Nachfolger

zeigte, dem er mit größtem Vertrauen das begonnene Werk übergeben

konnte, und als sich ihm in der Heimat ein Arbeitsfeld bot, das ihm

Raum genug ließ, in Deutschland für das Missionswerk in Paris weiter

zu werben, war sein Entschluß gefaßt.

Dellwig. 1864-1872.

Wer das Tal der Ruhr hinaufwandert, läßt bei Schwerte die dunklen

Schornsteine und rauchgeschwärzten Häuser des westfälischen

Industriegebietes hinter sich und sieht, wenn er zwei Stunden durch

die lieblichen Weiden mit ihren schwarzbunten Herden flußaufwärts

gelangt ist, zu seiner Linken einen spitzen, hohen Kirchturm ragen:

das ist Dellwig, eines der ältesten Kirchdörfer der Grafschaft Mark.

Sein Turm hat schon seit 900 Jahren die Ruhr hinauf- und

hinuntergesehen, und all' die Geschlechter dieser 900 Jahre liegen

zu seinen Füßen begraben, sodaß der Kirchhof allmählich immer höher

wurde und man jetzt auf mehreren Stufen in die Kirche hinabsteigt.

Die Familie Neuschmidt aber, die am Rande des Kirchplatzes im

Schulhause wohnte, hat der Gemeinde vier Jahrhunderte hindurch die

Lehrer gestellt, indem immer der Sohn auf den Vater folgte. Es muß

ein zähes Geschlecht sein, das von einer solchen Lehrerfamilie

400 Jahre hintereinander unterrichtet und erzogen wurde; und es ist

es auch.

Wer aber den tief ausgewaschenen Talweg hinaufsteigt, bis er die

Wasserscheide des Haarstrangs erreicht, hat oben von der

Wilhelmshöhe einen weiten Rundblick. Jenseits der Ruhr nach Süden zu

liegen die stillen Wälder des Sauerlandes, altes kurkölnisches

Gebiet. Nach Norden geht der Blick in die Gegend der Lippe und bis

in die fruchtbare Soester Börde hinein. Der Westen ist verschleiert

durch den Dunst der Hochöfen von Dortmund. Hart am Fuße des Berges

aber, nach Nordosten zu, liegt das alte Städtchen Unna, wo Philipp

Nicolai zur Zeit der Pest seinen „Freudenspiegel des ewigen Lebens”

schrieb und der Christenheit den König und die Königin ihrer Choräle

schenkte: „Wachet auf! ruft uns die Stimme” und „Wie schön leuchtet

der Morgenstern”.

Dellwig hatte bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zwei Pfarrer

gehabt. Nachdem aber in der napoleonischen Zeit die Seelenzahl auf

1300 heruntergegangen war, beschloß man, die zweite Pfarrstelle

eingehen zu lassen. Der übriggebliebene Pfarrer war ein gemütvoller

Mann, der in jenen wirtschaftlich vielfach so schweren Jahren seinen

Gemeindegliedern recht und schlecht zur Seite stand. Aber, wie die

meisten der damaligen Amtsträger dem Vernunftglauben verfallen, kam

er über eine äußere Erledigung seiner Amtsgeschäfte kaum hinaus und

predigte meist vor leeren Bänken.

Einmal im Jahre hatte er sämtliche Gemeindeglieder der sechs nach

Dellwig eingepfarrten Ortschaften zu besuchen. Das tat er treulich

zu Anfang jeden Jahres. Er sammelte bei dieser Gelegenheit die

Abgaben ein, aus denen ein großer Teil des Pfarreinkommens bestand,

und erhandelte die Kühe, die den Sommer über auf den Pfarrwiesen

jenseits der Ruhr fettgeweidet wurden. Der Lehrer und Küster

Neuschmidt begleitete ihn, und ein Knecht mit einem Wagen und den

nötigen Säcken folgte.

In diese gemütlichen, aber für das innerste Leben der Gemeinde doch

recht dürren Zeiten kam erst ein Umschwung, als im Herbst 1854

Pastor Philipps in das niedrige alte Pfarrhaus in Dellwig einzog. Er

war ein Mann, der in der unsichtbaren Welt zu Hause war und tiefe

Einblicke getan hatte in die Geheimnisse der Menschenseele. Mit

Entschlossenheit verkündete er den Glauben an den Heiland der

Sünder. So fing seit Herbst 1854 ein neuer Luftstrom an, durch die

Gemeinde zu wehen.

Zehn Jahre hatte Philipps die Arbeit in Dellwig allein getan. Da

begannen seine Kräfte nachzulassen. Denn die Wege nach Billmerich

hinauf und nach der andern Seite bis Strickherdecke hinunter waren

weit, und Sonntags, wenn, wie es Sitte war, nicht in der Kirche,

sondern in den einzelnen Häusern der Gemeinde die Kinder getauft

wurden, ging die Arbeit oft über sein Vermögen, und ein ernstes

Halsleiden zeigte seine ersten Spuren. So entschloß man sich, die

eingegangene zweite Pfarrstelle wieder aufleben zu lassen. Der

erste, der für die neu zu besetzende Stelle eine Gastpredigt hielt,

war der bisherige Gassenkehrer-Pastor aus Paris. Als er auf die

Kanzel kam und, wie das seine Art war, seine klaren, dunklen Augen

durch die ganze Kirche wandern ließ, stieß einer von denen, die oben

auf der Männer-Prieche saßen, seinen Nachbar an und sagte leise:

„Wenn wir den doch zum Pastor bekämen! Den Mann hat man ja lieb,

noch ehe er ein Wort gesprochen hat.”

Und so kam es. Im Frühjahr 1864 nahmen Bodelschwinghs, nicht ohne

heiße Tränen der ganzen Gemeinde, von ihrem kleinen Hügel in Paris

Abschied und zogen mit ihrem Erstgeborenen in das Pfarrwitwenhaus

von Dellwig ein. Mit dem Aufhören der zweiten Pfarrstelle war auch

eines der beiden Pfarrhäuser, das oben neben der Kirche gelegen

hatte, verkauft worden. Das Pfarrwitwenhaus aber, worauf seit langem

keine Witwe Anspruch erhoben hatte, war für die Zwischenzeit einem

Schweinehändler überlassen gewesen. Seine Fachwerkwände waren zum

Teil schon sehr windschief, und der Lehm war an manchen Stellen

herausgefallen. Aber zum Einzug des neuen Pfarrers wurde das Haus,

so gut es nur irgend ging, hergerichtet. Immerhin mochte es damals

wohl das bescheidenste Pfarrhaus sein, das in der ganzen Grafschaft

Mark zu finden war. Aber gegenüber den engen Stübchen des Pariser

Holzhauses bedeutete es doch eine Verbesserung. Nach vorn, wo die

Brücke über den Dorfbach auf die Straße und zum Haus von Pastor

Philipps führte, lag ein kleines Blumengärtchen, hinter dem Haus

aber und zur Seite erstreckte sich ein schöner Obstbaumhof. Dort lag

auch die Scheune, wo die Pfarrkuh ihren Platz hatte.

Es war eine köstliche Zeit der Stille, die Bodelschwingh und seine

Frau nach der heißen Pariser Arbeitszeit in den ersten Jahren in

Dellwig verlebten. Man spürt es den Briefen der Pastorin, die aus

der damaligen Zeit erhalten sind, ab, wie sie in dieser ländlichen

Zurückgezogenheit aufatmete und wie auch ihr Mann, auf dem die Not

der Weltstadt und der tägliche Anlauf bisweilen schwerer gelastet

hatten, als er selbst es zugeben wollte, heiterer und mitteilsamer

wurde. Er konnte wieder ein wenig studieren, er konnte auch bei

seinem lebendigen Teilnehmen an allen Geschehnissen wieder die

Kreuzzeitung lesen, und oft saß seine Frau bei ihm auf seinem

Zimmer, während ihr Mann ihr vorlas. Sonnabends aber brauchte er

nicht, um sich auf den Sonntag vorbereiten zu können, auf die

unruhigen Straßen von Paris zu flüchten, wo er doch immer noch

ungestörter gewesen war als auf seinem überlaufenen Stübchen im

Hügelhaus, sondern er konnte in die „Hulmke” gehen, einen schönen

stillen Eichenwald, der sich damals noch an der Ruhr entlangzog, und

seiner Gewohnheit nach, ohne Feder und Tinte zu Hilfe zu nehmen,

seine Predigt meditieren.

Lieblich blühte das Familienleben auf. Zu dem kleinen Ernst gesellte

sich noch eine Elisabeth, ein Friedrich und ein Karl. Von Velmede

her kam zu Wagen die alte Mutter mit ihrer Tochter, der Tante

Frieda, gefahren, und von dem noch näheren Heide stellten sich die

Eltern und Geschwister der Pastorin ein, um sich an dem reichen

Glück mitzufreuen, das sich in dem Witwenhaus von Dellwig

entfaltete. Und als zum ersten Dellwiger Geburtstag der Pastorin als

Geschenk ihres Vaters gar ein Paar Ponys vor der steinernen Treppe

standen, die ins Haus hineinführte, gab es manche erquickliche Fahrt

zu lieben Verwandten und Nachbarn in der Nähe und Ferne. Auch die

alten Pariser Freunde und Mitarbeiter stellten sich ein, bald

einzeln, bald zu zweien und dreien. Sie freuten sich, in dem

stillen Pfarrhause für eine Weile dem Getriebe der Weltstadt

entrückt zu sein, und zogen auch wohl mit hinaus in eines der

Eichengehölze des Ruhrtales, um an den Rasenabhängen zu lagern,

während die Kinder die Abhänge hinunterkullerten und Blumen,

Erdbeeren und Brombeeren für Eltern und Gäste sammelten.

Wer aber heute durch die Gemeinde Dellwig wandert und nach den

früheren Pastorsleuten fragt, den umfängt nicht nur wie aus weiter

Ferne ein Sonnenstrahl jenes glücklichen Familienlebens im kleinen

Pfarrhaus, sondern überall umtönen ihn die Erinnerungen an die

stille, ernste Arbeit, die alsbald von dem Pastor und der Pastorin

in Angriff genommen wurde. Die Verkündigung des Evangeliums war

schon in Paris der Mittelpunkt der Arbeit gewesen. So wurde nun auch

in Dellwig in Früh- und Hauptgottesdienst, in Christenlehre und

wöchentlichen Bibelstunden der Same reichlich ausgestreut.

Noch heute erzählt man sich in Dellwig von den Predigten, die durch

Gleichnisse und Erzählungen für das Verständnis so sorgsam

zugerichtet waren und durch heiligen Ernst und lockende Liebe tief

in Herz und Gewissen griffen. „Ich weiß, wie euch zu Mute ist, ihr

lieben Dellwiger, ich habe ja selbst das Säelaken auf dem Rücken

gehabt”, sagte der Pastor wohl gelegentlich. Und wie es den

Bergleuten, die von Billmerich herunterstiegen, zu Mute war, wußte

er auch. Hatte er doch einst wie sie im Schoß der Erde vor Ort

gelegen. Die Konfirmanden und Katechumenen aber hatten den ersten

Platz in der Kirche; und noch findet sich in Dellwig manch sorgsam

geschriebenes Heft, worin die Konfirmanden am Sonntag nachmittag die

am Morgen gehörte Predigt eintrugen.

Treu teilten sich die beiden Kollegen in die Arbeit. Aber die

Krankheit von Pastor Philipps wuchs, und nach zwei Jahren konnte er

eines Sonntags nicht mehr. Sein Hals versagte den Dienst. Er merkte,

daß es zum Sterben ging. Unvorbereitet mußte Bodelschwingh statt

seiner auf die Kanzel. Er nahm den Text von den Vögeln und Lilien,

die nicht sorgen; und manches Auge in der Kirche wurde feucht, als

er so kindlich und zuversichtlich von der sieghaften Freudigkeit

sprach, mit der der sterbende Pastor dem Tode entgegengehen dürfe,

und als er der Gemeinde schon jetzt die Frau und die Kinder ihres

Abschied nehmenden Hirten so eindrücklich ans Herz legte.

Fortan bis kurz vor dem Tode des langsam hinsterbenden Kollegen

findet sich in den Kirchenbüchern keine Aufzeichnung mehr von

Bodelschwinghs Hand. Alle schriftlichen Arbeiten überließ er Pastor

Philipps. Er sollte die Freude der Arbeit bis zuletzt genießen. Und

wie froh war Bodelschwingh, nun die Feder ruhen lassen zu dürfen!

Sie war ja nie seine Freundin gewesen, und manchen herben Tadel des

Superintendenten mußte er einstecken für Berichte, die dem Schema

der Kirchenordnung nicht entsprachen oder zu spät abgeliefert waren.

Freilich mahnte ihn Pastor Philipps wohl in heiterem Ernst, er

möchte doch wenigstens für seine Predigt sich an Tinte und Feder

gewöhnen, damit er Zeit und Maß besser innehalte. „Du hast recht,

lieber Philipps,” war dann wohl die Antwort, „du hast recht. Ich

will mir auch Mühe geben. Aber es wird mir so sauer.” Doch schon bei

nächster Gelegenheit stand er wieder in der Tür und bat: „Ach,

Philipps, laß mich für meine Predigt ein bißchen in deinen Kuhkamp

laufen! Ich kann von meiner Pariser Art noch nicht lassen.”

Kaum einen weiteren Weg aber machte er in die Gemeinde, ohne vorher

bei seinem kranken Kollegen einzukehren und mit ihm zu überlegen.

Auf dem Rückweg sprach er wieder vor, um ihm von seinen Wegen durch

die Gemeinde zu berichten. Die Kinder des Philippsschen Hauses aber

wissen sich noch zu erinnern, wie sein Rock einmal, als er in ihr

Haus kam, ganz mit Holzfasern bestreut war. Während sie ihn

abbürsteten, ließen sie ihm keine Ruhe, bis er gestand, woher die

Fasern kamen.

Er hatte eine alte Frau getroffen, die sich mühsam mit ihrem

Holzbündel schleppte. Da hatte er nicht nachgelassen, bis sie ihm

ihr Bündel abgab und er es ihr nach Haus trug. Aber es war ihm

schrecklich, wenn aus dergleichen etwas gemacht wurde. Das verstand

sich ja für ihn von selbst; und noch heute erzählen die Leute von

Dellwig, daß er überall, wo er jemand unter einem Sack oder irgend

einer andern Last mühsam dahingehen sah, mit zufaßte und nicht eher

nachgab, bis der andere sich helfen ließ.

Aber es gab schwerere Lasten zu tragen als Holzbündel und Mehlsäcke.

Der Märker ist aus hartem Holz gemacht. Einer, der ihn kennt, sagt

von ihm: „Er schreibt seinen Haß oben in sein Hypothekenbuch, und

dieser Haß muß von Kind auf Kindeskind fortgeerbt werden.”

Unermüdlich war darum Bodelschwingh bemüht, solchen Haß, wie er ihn

in Dellwig reichlich vorfand, im Keime zu ersticken. War der Termin

für die streitenden Parteien vor dem Gericht zu Unna schon

angesetzt, so kam es öfter vor, daß Bodelschwingh durch einen Brief

oder einen persönlichen Weg zum Gericht einen Aufschub erwirkte.

Dann benutzte er die Zwischenzeit, um Frieden zu stiften.

Einmal sah man ihn vom Mittag bis zum Abend an der Arbeit, um mit

langen Bohnenstangen, an denen weithin sichtbare Papierstreifen

flatterten, eine strittige Grenze festzustellen. Aber als der Abend

kam, war man sich noch nicht einig, und Bodelschwingh sagte: „Leute,

wenn wir uns aufs Recht steifen, kommen wir nicht zum Ziel; wir

müssen den gütlichen Weg nehmen.” Und wirklich, die Leute gaben nach

und vertrugen sich.

Zwei andere Nachbarn stritten um eine Eiche, die auf der Grenze

stand und 30 Taler Wert hatte. Ehe entschieden war, wem der Baum

gehöre, ließ der eine, der ein besseres Anrecht zu haben glaubte,

die Eiche schlagen. Natürlich war dadurch der Kampf aufs äußerste

verschärft. Was tun? Bodelschwingh schickte seinen Wagen und ließ

die Eiche auf den Pfarrhof bringen, wo gerade das neue Pfarrhaus im

Bau begriffen war. Dann ging er zu den Streitenden und bat sie,

jeder von ihnen möchte ihm sein Anrecht an die Eiche zu Gunsten des

Pfarrhausbaues abtreten. Die beiden erklärten sich mit dieser

höheren Gerechtigkeit einverstanden. Obgleich keiner auch nur einen

Pfennig Geld bekam, war doch im Grunde die Eiche noch gut bezahlt,

da jeder von beiden nun die weiteren Prozeßkosten gespart hatte.

Auch von der Kanzel griff er in die jeweiligen Zwistigkeiten der

Gemeinde ein. Zwei Höfe in Altendorf, die nach Dellwig eingepfarrt

waren, lagen in Streit. Die eine Partei des Dorfes stand für diesen

Hof, die andere für den andern. Eide über Eide wurden geschworen. Da

rief er von der Kanzel herunter, daß es den Leuten noch nach

Jahrzehnten in den Ohren klang: „Schämt ihr euch nicht, ihr

Altendorfer?” Und auch hier gelang es ihm über Jahr und Tag, dem Haß

der streitenden Parteien wenigstens die schärfsten Spitzen

abzubrechen. Denn seine Liebe hatte schon damals eine Geduld und

eine Glut, denen nur ein ganz verhärteter Sinn auf die Dauer

widerstehen konnte.

Diese Glut konnte gelegentlich auch in hellem, heiligem Zorn

auflodern. Es war eine sogenannte Gebehochzeit in der Gemeinde

gewesen, bei der es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ganz

besonders ausgelassen und wüst zugegangen war, weil Eß- und

Trinkvorräte als Gaben der einzelnen Festteilnehmer herbeigeschleppt

wurden. Bodelschwingh und seine Frau hatten getan, was sie konnten,

um das Brautpaar zu bewegen, eine stille Hochzeit zu feiern.

Umsonst. Das Fest ging in der gewohnten üppigen Weise vor sich. Auch

der Sohn einer Witwe nahm daran teil. Als er am Morgen in

jämmerlichem Zustande nach Hause kam, gab es einen heftigen

Zusammenstoß zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn verließ das Haus und

kam nicht wieder. Als er am Abend noch nicht zurück war, machte sich

seine Mutter auf, um ihn zu suchen, und fand ihn erhängt im Holze.

Die Nachricht eilte durchs Dorf. Bodelschwingh war aufs tiefste

erschüttert. Er litt mit der unglücklichen Mutter, als wenn er das

Schreckliche an seinem eigenen Kinde erlebt hätte.

Noch stand die Leiche über der Erde, als in der Nähe des

Trauerhauses ein Richtfest mit dem üblichen Lärm und Branntweingenuß

gefeiert wurde. Bodelschwingh hörte den Lärm, nahm seinen Stock,

stürzte, aufs tiefste verwundet, zu der lärmenden Schar und rief:

„Während die Witwe über den Tod ihres Sohnes verzweifelt, seid ihr

hier am Tollen? Ich schlage jeden nieder, der nicht sofort nach

Hause geht.” Die Kinder, die ihren Pastor nie so gesehen hatten,

kletterten, so schnell sie konnten, über die Hecke und suchten das

Weite. Die jungen Burschen drückten sich still davon, nur einer

sagte im Davonschleichen: „Herr Pastor, man lebt doch nur einmal.”

Daran knüpfte Bodelschwingh am nächsten Sonntag an: „Man lebt nur

einmal, aber -- man stirbt auch nur einmal.” Und dann gab es eine

Predigt, die bei vielen den Grund der Seele traf und noch durch

Jahre nachklang.

Im Anschluß an dieses Ereignis führte Bodelschwingh einen Beschluß

des Presbyteriums herbei, wonach jedem Brautpaar die Trauung versagt

wurde, das sich nicht vorher verpflichtete, auf eine Gebehochzeit

zu verzichten. Auch sonst hielt er das Presbyterium an, von seinen

Pflichten und Rechten in bezug auf die Zucht der Gemeinde

nachdrücklich Gebrauch zu machen. Einen notorischen Trinker schloß

das Presbyterium vom Abendmahl aus, und über zwei streitende

Nachbarn, die sich nicht vertragen wollten, wurde derselbe Beschluß

verhängt. Aber nur im äußersten Notfall schritt Bodelschwingh zu

solchen Maßregeln. Er erwartete überhaupt nicht viel von ihnen, wenn

nicht gleichzeitig treue Liebe den also Gemaßregelten zu Hilfe kam.

Da die Beichte am Sonnabendnachmittag stattfand, das Abendmahl aber

erst am folgenden Sonntag, so benutzte Bodelschwingh die

Zwischenzeit, um den einzelnen Abendmahlsgästen nachzugehen. Er sah

sich dann gern nach besonderer Gelegenheit um, damit er die

Betreffenden, auf die er es abgesehen hatte, wie zufällig auf dem

Felde oder bei der Arbeit träfe, um sie nicht vor ihren Hausgenossen

und Nachbarn zu beschämen. So ging er auch einer Frau nach, die in

der Beichte gewesen war und von der er wußte, daß sie in

unversöhntem Streit mit ihrer Nachbarin lebte. Er traf sie draußen

bei der Arbeit. Sie wies ihn schroff ab; sie habe jetzt keine Zeit.

Dann wolle er warten, bis sie Zeit hätte; ob er sich so lange auf

die Bank vor das Haus setzen dürfe. Das konnte sie ihm nicht

abschlagen. Er hielt aus, bis sie ihn anhörte und bis er auch zu der

Feindin gegangen war und die Versöhnung zustande gebracht hatte.

Einmal freilich wurde er bei einem solchen Friedenswege von einem

Trinker zur Tür hinausgewiesen. Er gab, um den Mann nicht zu reizen,

für den Augenblick nach, ging aber nach einer Weile zur Niedertür,

wie man in Dellwig den zweiten Eingang ins Haus nennt, wieder

hinein, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Er bekämpfte das Böse am liebsten dadurch, daß er so wenig wie

möglich davon sprach und statt dessen das Gute an seine Stelle

setzte. Dabei half ihm seine Frau treulich. Sie begleitete ihn am

Sonntagnachmittag auf die Kindtauffeste, auf denen bis dahin noch so

manche Unsitte herrschte. Oft ging die Pastorin auch allein in die

Häuser, und ihr schlichtes, heiteres und doch so entschlossenes Wort

fand manche gute Stätte. In der Woche aber versammelte sie die

Frauen und Töchter der Gemeinde um einige große Kannen Kaffee und

einige Teller mit Zwiebäcken und nähte mit ihnen zusammen für die

Armen und die Kinder ihrer früheren Pariser Gemeinde.

Als Pastorin der Gemeinde bewährte sie sich besonders während der

Kriegszeiten 1866 und 1870, wo ihr Mann als Feldprediger bei der

Truppe war. In den einsamen und bangen Monaten waren ihr die

regelmäßigen Briefe ihres Mannes, durch die er sie in der Form eines

Tagebuches an allen kleinen und großen Erlebnissen eingehend

teilnehmen ließ, ein tröstlicher Ersatz.[1]

[1] Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von

F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

In beiden Feldzügen war er den westfälischen Infanterie-Regimentern

Nummer 15 und 55 zugeteilt, zu denen im Jahre 1870 noch das

8. westfälische Husarenregiment hinzukam. Den Wagen, der zu seinem

Dienstaufwand gehörte, benutzte er nie, sondern stellte ihn stets

den Verwundeten, Kranken und Schwachen zur Verfügung. Er selbst war

immer zu Pferde. Es gibt noch eine Zeichnung von der halbgeübten

Hand eines Fünfzehners, die den Feldprediger darstellt, wie er unter

den einschlagenden Granaten den Schützengraben entlang reitet, um

den Kämpfenden Zuspruch zu bringen.

Für Freund und Feind sorgte er während der Feldzüge ohne jeden

Unterschied, wo er nur konnte. Wie mancher einsamen Franzosenfrau,

an deren Nahrungsmitteln sich die hungernden Soldaten schadlos

halten mußten, hat er aufs sorgsamste den Requisitionsschein

ausgestellt! Für das schöne Kloster Peltre, das im Belagerungskampf

vor Metz dem Feinde immer wieder Rückhalt bot und darum in Flammen

aufgehen mußte, sammelte er in seiner Gemeinde Dellwig eine

Kollekte, die dem Wiederaufbau des Klosters zugute kam.

Im Rückblick auf seine Kriegserlebnisse vor Metz schrieb er in sein

Tagebuch aus dem Jahre 1870: „Es ist ein zweifaches Bild, das sich

meinen Augen darstellt. Das erste ist ein schmerzliches. Reichlich

zwei Meilen weit im Umkreise von Metz ist ein Gottesgarten in eine

Wüste verwandelt. Alle Äcker liegen unbestellt, und wo sie nicht

gänzlich zertreten sind, sind sie hoch mit Unkraut bewachsen. Ein

ganzer Gürtel von Dörfern und Schlössern, der zwischen den

kämpfenden Armeen liegt, ist niedergebrannt, alles Vieh ist

geschlachtet oder weggetrieben, alles Futter und Korn ist aufgezehrt

oder in den Lagerstätten verdorben. Die Bäume, auch die schönsten

Obstbäume, namentlich in der Nähe von Metz, sind abgehauen und

verbrannt oder von den verhungernden französischen Pferden ringsum

abgenagt, und statt der fehlenden Weizensaat ist eine andere Saat --

eine große Gräbersaat -- überreich ausgestreut. Und nun erst die

Lazarette mit all ihren Schmerzensbewohnern. Metz selbst ist ein

einziges großes Lazarett und rings ein großer Gürtel von mehr als

dreißig deutschen Lazaretten in den Ortschaften umher.

Dies ist die eine Seite des Bildes. Aber nun die andere Seite! Da

erscheint mir mitten in den verwüsteten Leichenfeldern ein

Gottesgarten, viel schöner als der, den die Kunst der Gärtner und

die Üppigkeit des Bodens und die Wärme der Frühlingssonne

heranreifen läßt. Über all dem Greuel der Verwüstung wölbte sich

Gottes Himmel, und dieser Himmel war uns in jenen Tagen so viel

näher als in Friedenszeiten. Überall auf den Höhen der Berge und in

den Tälern, in Feldern und Wäldern, in Wiesen und Gärten war

allezeit unser Gotteshaus fertig. Dazu hatten wir sozusagen _alle_

Tage Sonntag. Und, was das Schönste war, es gab alle Tage Menschen,

die gern und willig ihre Augen aufhoben zu den Bergen, von denen uns

Hilfe kommt. Es gab, was so viel köstlicher ist als alle Blüten der

Gärten, hie und da aufrichtig bußfertige Herzen, bußfertige Männer

und Jünglinge, die da gelobten, fortan zu suchen, was droben ist,

und nicht, was auf Erden ist.

Ich habe in jenen heißen Augusttagen auf den steinharten

ausgetrockneten Boden nicht nur Blutstropfen, sondern auch Tränen

fallen sehen, die köstlicher und fruchtbarer sind, als aller Tau des

Himmels. Ich weiß, daß mehr wie ein verlorener Sohn gesprochen hat:

„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.” Da ist kaum ein

Plätzchen in jenem breiten Umkreis, wo unsere Truppen gekämpft und

geharrt haben, das nicht von Gebeten und Seufzern und Lobgesängen zu

sagen weiß, die zu Gott emporgesandt worden sind.”

Als der Friede geschlossen war, wurde auf dem Kirchplatz von Dellwig

die Friedenseiche gepflanzt, und die Festversammlung sang nach der

Weise „Erhebt euch von der Erde”:

Ich höre Glockenklänge,

Ich sehe Fahnen wehn

Und mitten im Gedränge

Den schönen Eichbaum stehn.

Was hat das zu bedeuten?

Es ist mir wie ein Traum --

Das ist ja Friedensläuten!

Das ist der Friedensbaum!

Hier stehet die Gemeine,

Die Eiche pflanzt sie ein,

Die soll für Groß' und Kleine

Ein edles Denkmal sein.

Dann zog alles auf die Wilhelmshöhe hinauf. Da gab es Kaffee und

Kuchen und auch manches gute Lied und manches gute Wort. Noch lange

Zeit hindurch hat sich von Mund zu Mund das eine oder andere Lied in

der Gemeinde erhalten, das der Pastor zu solchen frohen, harmlosen

Festfeiern dichtete. Er ritt mit den Kindern Steckenpferd und jagte

mit den jungen Burschen hinter dem Fußball her. Von Anfang aber bis

zum Ende wurde Gott die Ehre gegeben, und alt und jung zog dankbar

nach Haus.

„Überwinde das Böse mit Gutem!” Das war die Regel, durch die

Bodelschwingh auch des Treibens in der Neujahrsnacht Herr wurde. Die

halbwüchsige Jugend des Dorfes sah es als ihr Vorrecht an, in dieser

Nacht vom Kirchturm herunter zu lärmen und bis zum Morgengrauen mit

der Glocke zu kläppen. Mit einer Schar von Jünglingen, die der

Pastor zu einem kleinen Verein gesammelt hatte, stieg er kurz vor

Mitternacht in den Turm hinauf und sang, als die Mitternachtsglocke

schlug, vom Turm herunter: „Wachet auf! ruft uns die Stimme”.

Diesmal schien alles ruhig zu verlaufen. Aber die Störenfriede waren

unbemerkt durch die offen gebliebene Turmtür nachgeschlichen und

hatten sich in der Kirche versteckt, um, sobald die Sänger den Turm

verlassen hatten, zu den Glocken hinaufzusteigen und den gewohnten

Lärm aufs neue zu beginnen. Bodelschwingh aber drang mit einigen

handfesten Burschen abermals in den Turm und nahm die Lärmmacher so

ernst ins Gebet, daß von da ab jede Neujahrsnacht statt unter dem

üblichen Skandal mit den schönen Liedern begonnen werden konnte, die

vom Turm herunter in die stille Gemeinde schallten.

So nahm er überall mit großem Ernst den Kampf gegen das Böse auf.

Ohne Niederlage ging es dabei freilich nicht ab.

Einhundert und einen Soldaten mußte Dellwig 1870 ins Feld ziehen lassen.

Vor dem Auszuge rief Bodelschwingh noch einmal die ganze Gemeinde zur

entschlossenen Umkehr zu Gott und gelobte dann in der gemeinsamen

Abendmahlsfeier mit allen 101 Ausziehenden, nach Sieg und Frieden und

glücklicher Heimkehr Gott die Treue zu halten. Nun war der Krieg

beendet. Der Kriegerverein hatte die Vereine der Nachbargemeinden zu

einem Fest auf die Wilhelmshöhe geladen. Der Pastor sollte die Festrede

halten. Er erinnerte in der Vormittagspredigt an das Gelübde, das man

damals getan hätte, und bat, diesmal von dem sonst üblichen wilden und

ausgelassenen Feste abzustehen, damit nicht von den Dellwigern gelte,

was 5. Mose 32, 5. 6 geschrieben steht: „Diese verkehrte und böse Art

fällt von ihm ab. Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder. Dankest

du also dem Herrn, deinem Gott, du toll und töricht Volk?”

Bodelschwingh erklärte sich bereit, die Festrede zu halten, wenn er

nicht nur den Anfang, sondern auch den Schluß machen dürfe. Mit

Freuden willigte man ein und versprach, die Feier um zehn Uhr enden

zu lassen. Das Fest begann so schön, wie man es sich nur wünschen

konnte. Aber als der Abend hereinbrach und die älteren Festgäste

anfingen, sich zurückzuziehen, nahm das junge Volk die Zügel in die

Hand. Der wilde ausgelassene Tanz begann. Überall erhitzte Worte und

erhitzte Gesichter. Die für den Schluß verabredete Stunde kam, aber

der Vorstand mühte sich vergeblich, sein Wort einzulösen. So nahm

das Gelage seinen wüsten Fortgang. Beschämt kam bald der eine oder

der andere an Bodelschwingh heran und bat, er möchte jetzt gehen; es

wäre ja doch nichts mehr zu machen. Aber er blieb. Er sah, wie sich

von zwölf Uhr an das Zelt wieder zu füllen begann. Denn nachdem die

Eltern zur Ruhe gegangen waren, stiegen Kinder und Dienstboten

heimlich aus und eilten aufs neue zum Festplatz. Erst als der Morgen

herankam, begann sich die Menge zu zerstreuen, und hinter dem

letzten Mann her verließ auch er das Zelt.

Er hat es nie bereut, ausgehalten zu haben. Denn er hatte bei dieser

Gelegenheit in manche Schäden des Gemeinde- und Familienlebens

tiefer hineingesehen als je vorher. Auch hielt er an der Hoffnung

fest, doch schließlich noch über die verderblichen Ausartungen

derartiger Volksfeste Herr zu werden. Seine Abberufung nach Bethel

hinderte ihn an der Weiterarbeit. Doch blieb es bis zuletzt seine

Überzeugung, daß Landrat, Amtmann und Pastor nur dann an solchen

ländlichen Festen teilnehmen sollten, wenn sie entschlossen seien,

das Fest bis zu Ende mitzumachen. Sonst würde ihr Erscheinen nur gar

zu leicht zu einem Deckmantel für nächtliche Ausschreitungen

schlimmer und schlimmster Art.

Desto fröhlicher wurde auf derselben Wilhelmshöhe das Missionsfest

gefeiert, das Bodelschwingh schon im ersten Jahre, nachdem er nach

Dellwig gekommen war, eingerichtet hatte. Von einem Jahr zum andern

stellten sich immer größere Scharen zu Fuß und zu Wagen von nah und

fern dazu ein, und während bis dahin die Synode Unna nur ein

einziges Missionsfest feierte, hatte bald jede Gemeinde ihr

besonderes Fest. Die gastlichen Dellwiger nahmen schon am Vormittag

die Festbesucher in ihren Häusern auf, um dann den Nachmittag über

oben auf der Wilhelmshöhe sich mit ihnen zu erquicken. Bis in sein

hohes Alter hinein hat Bodelschwingh, so oft er nur konnte, dieses

Missionsfest besucht und manch frohes Wiedersehen mit seinen alten

Gemeindegliedern gefeiert.

Alle freie Zeit aber, die ihm die Gemeindearbeit ließ, widmete er

neben dem „Schifflein Christi”, das über die Pariser Arbeit

berichtete, dem „Westfälischen Hausfreund”, den er ein Jahr nach

seinem Antritt in Dellwig begründete, um jede Woche einmal gesunde

Kost in die Häuser zu tragen als Gegengift gegen die verderblichen

Einflüsse einer gottfremden Presse. An Feinden fehlte es freilich

nicht.

„Unser Hausfreund Bodelschwingh,

Der liebe Bruder Kieserling,

Velsen I und Velsen II,

Selbst die Philipper sind dabei.

* * * * *

Zur Nieden und Herr Pötter,

Nehmt alle zwölf ihr: Götter!”

So spottete man wohl auf die zwölf Mitarbeiter des Blattes.

Aber je mehr man spottete, desto mehr kam der Hausfreund unter die

Leute und desto trefflichere Mitarbeiter kamen zu jenen zwölf hinzu,

um Beiträge für das Blatt zu liefern. Der geistreiche Pastor Niemann

in Hamm, hernach Konsistorialrat in Münster, und nach ihm Pastor

Pötter, der spätere Generalsuperintendent von Pommern, lieferten in

ihrer urwüchsigen Weise den politischen Teil; Pastor Philipps hatte

das große weite Reich der Natur und Geschichte zu bearbeiten.

Bodelschwingh selbst schrieb über das Reich der Gnade und die Arbeit

dieses Reiches auf der ganzen Erde, während der ehrwürdige Pastor

von Velsen in Unna, Bodelschwinghs Konfirmator, der der Druckerei am

nächsten wohnte, die Drucklegung besorgte.

Immer gute Speise bot das Blatt, aber nicht immer dieselbe Speise.

Bald begann es mit einem politischen Artikel, bald mit der

Besprechung eines Bibelabschnittes, bald mit einem patriotischen

Lied, bald mit irgend einem andern Stoff. So wurde es auch für

solche schmackhaft gehalten, die für die innerste Richtung des

Hausfreundes noch kein Verständnis hatten. Und mancher wurde auf

solche Weise, kaum daß er es selbst merkte, dem verderblichen

Einfluß der seichten Tagespresse entzogen.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 5 / 18 题