2. In Erlangen. 1856.

Erlangen stand in bezug auf die theologische Fakultät damals in sehr

hoher Blüte. Hofmann, Thomasius, Delitzsch, Harnack zogen namentlich

aus Norddeutschland große Scharen junger Theologen an, und es

herrschte ein reges wissenschaftliches Streben voller Ernst,

Frohsinn und Tüchtigkeit. Bei Hofmann war es mir schwer, daß ihn

viele Studenten und namentlich die, die ihn am wenigsten verstanden,

zu sehr vergötterten und daß seine Ausdrucksweise durchaus eine

andere sein mußte als die anderer Theologen. Ich habe mich am

meisten an seiner Auslegung der Psalmen erquickt, obwohl man ihm

gerade hier am wenigsten Tüchtigkeit zuschrieb. Auch freute es mich,

daß der hochgelehrte Mann für Studenten ein Missionskränzchen hielt,

in das ich mich auch aufnehmen ließ und in dem ich vor einer

größeren Studentenschaft einen Vortrag hielt.

Es war eine ganze Reihe meiner Baseler Freunde mit mir nach Erlangen

übergesiedelt, und es war merkwürdig, daß wir Baseler uns ganz

besonders zu den Philadelphen hingezogen fühlten, die aus der

Leipziger Schule stammten und streng konfessionell-lutherisch

gerichtet waren. Die Baseler waren das Gegenteil. Trotzdem fanden

wir uns in der Woche mit den Philadelphen in einem theologischen

Kränzchen zusammen, wo einer von uns eine von ihm durchgearbeitete

theologische Frage vorzutragen hatte, über die dann disputiert

wurde. Oft ging es hierbei sehr scharf her, sodaß es nötig wurde,

für den andern Tag einen Versöhnungsspaziergang anzuordnen.

Viel Freude machten uns unsere gemeinsamen Wege nach dem schönen

Nürnberg. Am liebsten zogen wir Sonntags ganz früh aus und kamen mit

dem Läuten der Glocken in der Stadt an, um hier in einer der

prachtvollen Kirchen dem Gottesdienst beizuwohnen. Nachmittags

wurden dann die Herrlichkeiten der alten Reichsstadt gründlich

durchmustert, die alte Hohenzollernburg nicht ausgenommen, und

abends kehrten wir zu Fuß zurück. Zu Himmelfahrt sind wir auch mit

den Philadelphen nach Neuendettelsau zu Löhe gepilgert, um ihn

predigen und nachmittags auf seiner Filiale katechisieren zu hören.

Meine Gefährten kehrten am Tage nach Himmelfahrt wieder nach

Erlangen zurück, ich aber zog noch an demselben Abend auf das liebe

Schwabenland los, wo ich mir mit meinem Baseler Freunde, Gottfried

Hauser, ein Stelldichein gegeben hatte, ehe er nach Indien aufbrach.

Ich hatte mir zu dieser Reise einen Kittel von grauer Leinwand

machen lassen und mich zum Schutz gegen den Regen mit einem Stück

Wachstuch versehen, das ich mir um die Schultern legen konnte.

Auf dem Wege durch die fränkische Schweiz wurde ich von einem reisenden

Handwerksburschen eingeholt, der sich mir als Buchbinder zu erkennen

gab. Durch ihn erfuhr ich zum erstenmal die verschiedenen Regeln, welche

Handwerksburschen auf ihrer Pilgerfahrt und in ihrem Nachtquartier

befolgen. Auch kamen wir in Religionsgespräche hinein, und ich mußte

staunen, bis zu welchem Grade schon damals grundstürzende Gedanken über

Gottes Wort unter den Handwerksburschen verbreitet waren. Wir blieben

gemeinsam in einer kleinen Dorfschenke auf einer Kammer über Nacht und

zogen auch des andern Tages noch einige Stunden miteinander weiter unter

manchen fröhlichen und ernsten Gesprächen. An einem Scheidewege trennten

wir uns, der Buchbinder seinen Weg nach Frankfurt, ich den meinen nach

Stuttgart einschlagend. Zum Abschied schenkte ich ihm mein Neues

Testament, schrieb ihm auch von Stuttgart aus noch einen längeren Brief,

um ihm eine Anleitung zum Lesen des Neuen Testamentes zu geben.

Als ich 32 Jahre später im Vereinshaus in Leipzig einkehrte, wo ich,

wie vorher in den Blättern angezeigt worden war, einen Vortrag

halten sollte, wurde mir mitgeteilt, es sei etwas für mich abgegeben

worden. Es war das Neue Testament, das ich meinem Reisegefährten

geschenkt hatte, und mein Brief aus Stuttgart. Nach dem Vortrag

stellte sich dann richtig ein ehrwürdiger Buchbindermeister mit

langem, grauem Bart ein. Es war mein damaliger Reisegefährte, der

mir sagen wollte, daß jene kurze Pilgerfahrt samt meinem Briefe und

dem Büchlein ihre Früchte für ihn und sein Haus getragen hatten.

Mein Weg ging über Kirchheim unter Teck nach Welzheim. Dort traf ich

mit meinem Freunde Hauser zusammen, und hier wurde er bei

Gelegenheit eines Missionsfestes von Inspektor Josenhans ordiniert.

Von da ging es weiter nach Fellbach, dem Heimatsort meines Freundes.

Fellbach war damals einer der Orte im Württemberger Lande, an

welchem das christliche Gemeinschaftsleben grünte und blühte. Die

Fellbacher hatten ein eigenes Vereinshaus gebaut, wo sie unter sich

ihre Andachtsstunden hielten, doch so, daß sie auch gern ihren

trefflichen Pfarrer zu sich einluden.

Ehe wir in diesem Vereinshaus den Abschied meines Freundes feierten,

machten wir noch eine gemeinsame Fußwanderung durch die Dörfer in

einem größeren Umkreise von Stuttgart, die der Mission besonders

zugetan waren. Überall wurden wir von den lieben Bauersleuten

beherbergt und mit großer Liebe aufgenommen und verabschiedet.

Überall steckten die Leute auch dem abziehenden Freunde Geld für

seine Reise nach Indien in die Hand, und ich konnte es nicht immer

abwehren, daß sie auch mir eine Gabe aufpreßten. „Sie werden es

schon brauchen,” sagten sie; denn ich hatte immer noch meinen grauen

Reisekittel an. Auf diesem Wege kam ich auch nach Calw, wo ich den

merkwürdigen alten =Dr.= Barth, den Leiter des Calwer Verlages,

kennen lernte.

Die Reise nach Calw, auf der Inspektor Josenhans uns begleitete, ist

mir in besonders lebendiger Erinnerung geblieben. Denn Josenhans

erzählte unterwegs von dem wunderbaren Gesicht, das er einmal in

Basel gehabt habe. Er sei etwas leidend gewesen, in fieberhaftem

Zustande, aber völlig wach. Plötzlich fangen vor seinen Augen die

Herrlichkeiten der Stadt, namentlich die Kaufläden von Basel, an zu

tanzen und stürzen nacheinander in den Abgrund. Dann sieht er, wie

die Türme der Stadt zu wanken anfangen und zusammenbrechen. Jetzt

sinken auch die Berge des Schwarzwaldes, des Jura und der Alpen in

sich zusammen. Vor sich sieht er nichts als eine unabsehbare Ebene.

Er macht sich auf und läuft über die Ebene weg auf Stuttgart zu. Da

begegnet ihm sein Sohn, ein zwölfjähriger Knabe, (er saß bei uns im

Wagen, während sein Vater dies erzählte) und sagt: „Vater, komm! Sie

warten schon alle.” Und wie er aufblickt, sieht er eine unermeßliche

Schar, die niemand zählen kann, auf einem weiten, weiten Felde

stehen. Aber sie sind nicht alle gleichartig: die Freude auf den

Gesichtern der einen ist durcheinandergemischt mit dem Schrecken auf

den Gesichtern der andern. Da tritt einer auf -- Josenhans erkennt

in ihm den Kirchenvater Augustinus -- und ruft mit gewaltiger

Stimme: „Kommt! Laßt uns dem Herrn entgegengehen!” Und eine

ungezählte Schar macht sich strahlenden Antlitzes auf und folgt ihm.

Es sind die Gläubigen aus der katholischen Kirche. Aber eine ebenso

große Schar wird blaß und grau, schrumpft zusammen und verkriecht

sich in die Löcher der Erde. Jetzt tritt ein zweiter auf: es ist

=Dr.= Martin Luther. Und Luther ruft wieder überlaut: „Kommt! Laßt

uns dem Herrn entgegengehen!” Und wieder folgt ihm eine Schar, die

niemand zählen kann, mit erhobenen Häuptern. Aber wieder schrumpft

eine andere ebenso große Schar zusammen und verkriecht sich in die

„Mauselöcher”. Dann tritt Calvin auf und erhebt seine Stimme; und

noch einmal wiederholt sich dasselbe wie bei Augustin und Luther.

Jetzt aber stehen sie alle still und blicken unverwandt gen Osten.

Da mit einemmal wird es hell wie ein Blitz vom Aufgang bis zum

Niedergang -- --. In diesem Augenblick fiel der Sohn des Inspektors,

der der Erzählung atemlos zugehört hatte, seinem Vater laut

schluchzend in die Arme, sodaß dieser große Mühe hatte, ihn wieder

zu beruhigen, und seine Erzählung nicht zu Ende brachte; aber wir

wußten ja, wem die ungezählten Scharen entgegengegangen waren.

Nach Fellbach zurückgekehrt, rüsteten wir uns auf den Abschied

meines Freundes. Am letzten Abend versammelten sich noch einmal alle

gläubigen Christen Fellbachs in dem Versammlungshause. Verschiedene

der alten Väter traten auf und gaben dem scheidenden jungen

Missionar einen Gruß aus dem Worte Gottes mit auf den Weg. Andere

beteten aus tiefbewegtem Herzen. Er selbst mußte ihnen ebenfalls ein

Abschiedswort sagen, und ich auch. Dann legten sie noch mehrere

hundert Gulden Reisegeld zusammen, und beim Hinausgehen aus dem Saal

war viel Schluchzens.

Am andern Morgen wanderten wir zu Fuß nach Stuttgart. Bis zur Anhöhe

über dem Dorf gaben uns noch viele das Geleit. Dann wanderten mein

Freund und sein Vater, sein Schwager und ich allein weiter. Die

Mutter war schon längst gestorben. Auf dem Bahnhofe in Stuttgart

stand der Zug zur Abfahrt nach Basel bereit. Der alte Vater hielt

sich tapfer bis zur letzten Umarmung und dem letzten Kuß, den er

seinem Gottfried gab. Aber in dem Augenblick, als das Antlitz des

Sohnes, der am Wagenfenster stand, entschwand, wandte sich der alte

Mann zu mir, fiel mir um den Hals und schluchzte: „Gottfried, mein

Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?”

Von Stuttgart aus wanderte ich zunächst dem Hohenstaufen zu. Von da

hätte ich es nicht weit bis zu dem damals schon so berühmten Boll

mit seinem Pfarrer Blumhardt gehabt. Aber ich hatte eine Abneigung,

solche Orte zu besuchen, die gewissermaßen als Wallfahrtsorte galten

und zu denen die Menschen vielfach mehr aus Neugierde als eines

inneren Bedürfnisses wegen gehen. Doch während ich die einsame,

kahle Berghöhe des Hohenstaufen hinaufkletterte, zog ein schweres

Gewitter herauf. Ich sah von oben schnell nach allen Seiten in das

schöne Schwabenland hinein und eilte dann bergab in der Hoffnung,

das Städtchen Göppingen noch vor Ausbruch des Gewitters zu

erreichen. Aber das Unwetter ereilte mich unterwegs in seiner vollen

Wut. Ich wurde durch und durch naß und hielt es nun für besser,

geradezu vorwärts zu marschieren, bis ich vor der Tür von Bad Boll

stand. Der liebe Vater Blumhardt nahm sich dann auch des wider

Willen zu ihm getriebenen Studenten aufs väterlichste an, und ich

gewann solches Zutrauen zu ihm, daß ich ihm mein ganzes Herz

ausschütten konnte. Ich blieb einige Tage bei ihm, die mir von

großem, bleibendem Segen geworden sind und unser Gemeinschaftsband

knüpften bis an das Ende der Tage.

Dann ging es über Ulm und Augsburg, wo die prachtvollen Dome und

Kirchen besucht wurden, wieder zurück in die freundliche Musenstadt

an der Regnitz, wo freilich aus dem Studieren nicht mehr viel wurde,

da ich in diesem sehr heißen Sommer viel an Kopfweh, Nasenbluten und

Schlaflosigkeit litt und schließlich so von Kräften kam, daß ich für

drei Wochen das Studentenkrankenzimmer in der Universitätsklinik

aufsuchen mußte.

Nach Schluß des Semesters gab ich mir mit meinem lieben Freunde

Riggenbach in Würzburg ein Stelldichein. Er hatte sich entschlossen,

als Pastor zu den Deutschen nach Nordamerika zu gehen, und wir beide

wollten die letzten Tage vor seinem Abschied noch miteinander

verleben. Wir suchten zunächst den Pastor Fabri auf, den späteren

Inspektor des Barmer Missionshauses, der mich schon in Erlangen

besucht hatte. Wir blieben einige Tage in dem kleinen lieben

Pfarrdörfchen, und Fabri gewann unser Herz durch seine äußerst

anregenden Gespräche über die tiefsten Fragen des Reiches Gottes. An

Leib und Seele erfrischt, zogen wir dann weiter dem Norden zu. Wir

wanderten viel zu Fuß, wie einst in den schönen Schweizer Bergen,

und es war mir von großem Segen, zu erleben, mit welcher Einfalt und

Treue mein Freund abends und morgens eine Stelle aus der Heiligen

Schrift vornahm, sie mit wenigen Worten auslegte und dann

niederkniete zum Gebet. Wie war man für den ganzen Tag dann gestärkt

und erquickt, und wie schön schlief's sich abends ein! Es gehört

gewiß mit zum Köstlichsten, was man auf Erden haben kann, mit einem

solchen Freunde durchs deutsche Vaterland zu wandern.

Unsere Pilgerschaft ging das Lahntal hinauf zu meiner Schwester

Sophie, die in Berleburg an den Landrat von Oven verheiratet war,

dann zu meiner lieben Mutter nach Velmede und von da nach Bremen, wo

wir bei dem Besitzer des Auswandererschiffes, das mein Freund

benutzen wollte, die herzlichste Aufnahme fanden. Der liebe Pastor

Mallet stand noch in ungebrochener Kraft, und die Kanzel, auf der

später Schwalb, mein Studiengenosse von Basel her, den Unglauben

verkündete, hatte damals noch der treffliche Treviranus inne. Bei

Mallet gingen wir noch einmal gemeinsam zum heiligen Abendmahl.

Andern Tages geleitete ich meinen Freund nach Bremerhaven und von da

noch ein Stück auf dem Auswandererschiff in die See hinaus, von wo

ich über und über seekrank auf dem Lotsenboote wieder in den Hafen

gelangte. Dann ging es zur lieben Mutter nach Velmede.”

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 4 / 18 题