Erlangen stand in bezug auf die theologische Fakultät damals in sehr
hoher Blüte. Hofmann, Thomasius, Delitzsch, Harnack zogen namentlich
aus Norddeutschland große Scharen junger Theologen an, und es
herrschte ein reges wissenschaftliches Streben voller Ernst,
Frohsinn und Tüchtigkeit. Bei Hofmann war es mir schwer, daß ihn
viele Studenten und namentlich die, die ihn am wenigsten verstanden,
zu sehr vergötterten und daß seine Ausdrucksweise durchaus eine
andere sein mußte als die anderer Theologen. Ich habe mich am
meisten an seiner Auslegung der Psalmen erquickt, obwohl man ihm
gerade hier am wenigsten Tüchtigkeit zuschrieb. Auch freute es mich,
daß der hochgelehrte Mann für Studenten ein Missionskränzchen hielt,
in das ich mich auch aufnehmen ließ und in dem ich vor einer
größeren Studentenschaft einen Vortrag hielt.
Es war eine ganze Reihe meiner Baseler Freunde mit mir nach Erlangen
übergesiedelt, und es war merkwürdig, daß wir Baseler uns ganz
besonders zu den Philadelphen hingezogen fühlten, die aus der
Leipziger Schule stammten und streng konfessionell-lutherisch
gerichtet waren. Die Baseler waren das Gegenteil. Trotzdem fanden
wir uns in der Woche mit den Philadelphen in einem theologischen
Kränzchen zusammen, wo einer von uns eine von ihm durchgearbeitete
theologische Frage vorzutragen hatte, über die dann disputiert
wurde. Oft ging es hierbei sehr scharf her, sodaß es nötig wurde,
für den andern Tag einen Versöhnungsspaziergang anzuordnen.
Viel Freude machten uns unsere gemeinsamen Wege nach dem schönen
Nürnberg. Am liebsten zogen wir Sonntags ganz früh aus und kamen mit
dem Läuten der Glocken in der Stadt an, um hier in einer der
prachtvollen Kirchen dem Gottesdienst beizuwohnen. Nachmittags
wurden dann die Herrlichkeiten der alten Reichsstadt gründlich
durchmustert, die alte Hohenzollernburg nicht ausgenommen, und
abends kehrten wir zu Fuß zurück. Zu Himmelfahrt sind wir auch mit
den Philadelphen nach Neuendettelsau zu Löhe gepilgert, um ihn
predigen und nachmittags auf seiner Filiale katechisieren zu hören.
Meine Gefährten kehrten am Tage nach Himmelfahrt wieder nach
Erlangen zurück, ich aber zog noch an demselben Abend auf das liebe
Schwabenland los, wo ich mir mit meinem Baseler Freunde, Gottfried
Hauser, ein Stelldichein gegeben hatte, ehe er nach Indien aufbrach.
Ich hatte mir zu dieser Reise einen Kittel von grauer Leinwand
machen lassen und mich zum Schutz gegen den Regen mit einem Stück
Wachstuch versehen, das ich mir um die Schultern legen konnte.
Auf dem Wege durch die fränkische Schweiz wurde ich von einem reisenden
Handwerksburschen eingeholt, der sich mir als Buchbinder zu erkennen
gab. Durch ihn erfuhr ich zum erstenmal die verschiedenen Regeln, welche
Handwerksburschen auf ihrer Pilgerfahrt und in ihrem Nachtquartier
befolgen. Auch kamen wir in Religionsgespräche hinein, und ich mußte
staunen, bis zu welchem Grade schon damals grundstürzende Gedanken über
Gottes Wort unter den Handwerksburschen verbreitet waren. Wir blieben
gemeinsam in einer kleinen Dorfschenke auf einer Kammer über Nacht und
zogen auch des andern Tages noch einige Stunden miteinander weiter unter
manchen fröhlichen und ernsten Gesprächen. An einem Scheidewege trennten
wir uns, der Buchbinder seinen Weg nach Frankfurt, ich den meinen nach
Stuttgart einschlagend. Zum Abschied schenkte ich ihm mein Neues
Testament, schrieb ihm auch von Stuttgart aus noch einen längeren Brief,
um ihm eine Anleitung zum Lesen des Neuen Testamentes zu geben.
Als ich 32 Jahre später im Vereinshaus in Leipzig einkehrte, wo ich,
wie vorher in den Blättern angezeigt worden war, einen Vortrag
halten sollte, wurde mir mitgeteilt, es sei etwas für mich abgegeben
worden. Es war das Neue Testament, das ich meinem Reisegefährten
geschenkt hatte, und mein Brief aus Stuttgart. Nach dem Vortrag
stellte sich dann richtig ein ehrwürdiger Buchbindermeister mit
langem, grauem Bart ein. Es war mein damaliger Reisegefährte, der
mir sagen wollte, daß jene kurze Pilgerfahrt samt meinem Briefe und
dem Büchlein ihre Früchte für ihn und sein Haus getragen hatten.
Mein Weg ging über Kirchheim unter Teck nach Welzheim. Dort traf ich
mit meinem Freunde Hauser zusammen, und hier wurde er bei
Gelegenheit eines Missionsfestes von Inspektor Josenhans ordiniert.
Von da ging es weiter nach Fellbach, dem Heimatsort meines Freundes.
Fellbach war damals einer der Orte im Württemberger Lande, an
welchem das christliche Gemeinschaftsleben grünte und blühte. Die
Fellbacher hatten ein eigenes Vereinshaus gebaut, wo sie unter sich
ihre Andachtsstunden hielten, doch so, daß sie auch gern ihren
trefflichen Pfarrer zu sich einluden.
Ehe wir in diesem Vereinshaus den Abschied meines Freundes feierten,
machten wir noch eine gemeinsame Fußwanderung durch die Dörfer in
einem größeren Umkreise von Stuttgart, die der Mission besonders
zugetan waren. Überall wurden wir von den lieben Bauersleuten
beherbergt und mit großer Liebe aufgenommen und verabschiedet.
Überall steckten die Leute auch dem abziehenden Freunde Geld für
seine Reise nach Indien in die Hand, und ich konnte es nicht immer
abwehren, daß sie auch mir eine Gabe aufpreßten. „Sie werden es
schon brauchen,” sagten sie; denn ich hatte immer noch meinen grauen
Reisekittel an. Auf diesem Wege kam ich auch nach Calw, wo ich den
merkwürdigen alten =Dr.= Barth, den Leiter des Calwer Verlages,
kennen lernte.
Die Reise nach Calw, auf der Inspektor Josenhans uns begleitete, ist
mir in besonders lebendiger Erinnerung geblieben. Denn Josenhans
erzählte unterwegs von dem wunderbaren Gesicht, das er einmal in
Basel gehabt habe. Er sei etwas leidend gewesen, in fieberhaftem
Zustande, aber völlig wach. Plötzlich fangen vor seinen Augen die
Herrlichkeiten der Stadt, namentlich die Kaufläden von Basel, an zu
tanzen und stürzen nacheinander in den Abgrund. Dann sieht er, wie
die Türme der Stadt zu wanken anfangen und zusammenbrechen. Jetzt
sinken auch die Berge des Schwarzwaldes, des Jura und der Alpen in
sich zusammen. Vor sich sieht er nichts als eine unabsehbare Ebene.
Er macht sich auf und läuft über die Ebene weg auf Stuttgart zu. Da
begegnet ihm sein Sohn, ein zwölfjähriger Knabe, (er saß bei uns im
Wagen, während sein Vater dies erzählte) und sagt: „Vater, komm! Sie
warten schon alle.” Und wie er aufblickt, sieht er eine unermeßliche
Schar, die niemand zählen kann, auf einem weiten, weiten Felde
stehen. Aber sie sind nicht alle gleichartig: die Freude auf den
Gesichtern der einen ist durcheinandergemischt mit dem Schrecken auf
den Gesichtern der andern. Da tritt einer auf -- Josenhans erkennt
in ihm den Kirchenvater Augustinus -- und ruft mit gewaltiger
Stimme: „Kommt! Laßt uns dem Herrn entgegengehen!” Und eine
ungezählte Schar macht sich strahlenden Antlitzes auf und folgt ihm.
Es sind die Gläubigen aus der katholischen Kirche. Aber eine ebenso
große Schar wird blaß und grau, schrumpft zusammen und verkriecht
sich in die Löcher der Erde. Jetzt tritt ein zweiter auf: es ist
=Dr.= Martin Luther. Und Luther ruft wieder überlaut: „Kommt! Laßt
uns dem Herrn entgegengehen!” Und wieder folgt ihm eine Schar, die
niemand zählen kann, mit erhobenen Häuptern. Aber wieder schrumpft
eine andere ebenso große Schar zusammen und verkriecht sich in die
„Mauselöcher”. Dann tritt Calvin auf und erhebt seine Stimme; und
noch einmal wiederholt sich dasselbe wie bei Augustin und Luther.
Jetzt aber stehen sie alle still und blicken unverwandt gen Osten.
Da mit einemmal wird es hell wie ein Blitz vom Aufgang bis zum
Niedergang -- --. In diesem Augenblick fiel der Sohn des Inspektors,
der der Erzählung atemlos zugehört hatte, seinem Vater laut
schluchzend in die Arme, sodaß dieser große Mühe hatte, ihn wieder
zu beruhigen, und seine Erzählung nicht zu Ende brachte; aber wir
wußten ja, wem die ungezählten Scharen entgegengegangen waren.
Nach Fellbach zurückgekehrt, rüsteten wir uns auf den Abschied
meines Freundes. Am letzten Abend versammelten sich noch einmal alle
gläubigen Christen Fellbachs in dem Versammlungshause. Verschiedene
der alten Väter traten auf und gaben dem scheidenden jungen
Missionar einen Gruß aus dem Worte Gottes mit auf den Weg. Andere
beteten aus tiefbewegtem Herzen. Er selbst mußte ihnen ebenfalls ein
Abschiedswort sagen, und ich auch. Dann legten sie noch mehrere
hundert Gulden Reisegeld zusammen, und beim Hinausgehen aus dem Saal
war viel Schluchzens.
Am andern Morgen wanderten wir zu Fuß nach Stuttgart. Bis zur Anhöhe
über dem Dorf gaben uns noch viele das Geleit. Dann wanderten mein
Freund und sein Vater, sein Schwager und ich allein weiter. Die
Mutter war schon längst gestorben. Auf dem Bahnhofe in Stuttgart
stand der Zug zur Abfahrt nach Basel bereit. Der alte Vater hielt
sich tapfer bis zur letzten Umarmung und dem letzten Kuß, den er
seinem Gottfried gab. Aber in dem Augenblick, als das Antlitz des
Sohnes, der am Wagenfenster stand, entschwand, wandte sich der alte
Mann zu mir, fiel mir um den Hals und schluchzte: „Gottfried, mein
Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?”
Von Stuttgart aus wanderte ich zunächst dem Hohenstaufen zu. Von da
hätte ich es nicht weit bis zu dem damals schon so berühmten Boll
mit seinem Pfarrer Blumhardt gehabt. Aber ich hatte eine Abneigung,
solche Orte zu besuchen, die gewissermaßen als Wallfahrtsorte galten
und zu denen die Menschen vielfach mehr aus Neugierde als eines
inneren Bedürfnisses wegen gehen. Doch während ich die einsame,
kahle Berghöhe des Hohenstaufen hinaufkletterte, zog ein schweres
Gewitter herauf. Ich sah von oben schnell nach allen Seiten in das
schöne Schwabenland hinein und eilte dann bergab in der Hoffnung,
das Städtchen Göppingen noch vor Ausbruch des Gewitters zu
erreichen. Aber das Unwetter ereilte mich unterwegs in seiner vollen
Wut. Ich wurde durch und durch naß und hielt es nun für besser,
geradezu vorwärts zu marschieren, bis ich vor der Tür von Bad Boll
stand. Der liebe Vater Blumhardt nahm sich dann auch des wider
Willen zu ihm getriebenen Studenten aufs väterlichste an, und ich
gewann solches Zutrauen zu ihm, daß ich ihm mein ganzes Herz
ausschütten konnte. Ich blieb einige Tage bei ihm, die mir von
großem, bleibendem Segen geworden sind und unser Gemeinschaftsband
knüpften bis an das Ende der Tage.
Dann ging es über Ulm und Augsburg, wo die prachtvollen Dome und
Kirchen besucht wurden, wieder zurück in die freundliche Musenstadt
an der Regnitz, wo freilich aus dem Studieren nicht mehr viel wurde,
da ich in diesem sehr heißen Sommer viel an Kopfweh, Nasenbluten und
Schlaflosigkeit litt und schließlich so von Kräften kam, daß ich für
drei Wochen das Studentenkrankenzimmer in der Universitätsklinik
aufsuchen mußte.
Nach Schluß des Semesters gab ich mir mit meinem lieben Freunde
Riggenbach in Würzburg ein Stelldichein. Er hatte sich entschlossen,
als Pastor zu den Deutschen nach Nordamerika zu gehen, und wir beide
wollten die letzten Tage vor seinem Abschied noch miteinander
verleben. Wir suchten zunächst den Pastor Fabri auf, den späteren
Inspektor des Barmer Missionshauses, der mich schon in Erlangen
besucht hatte. Wir blieben einige Tage in dem kleinen lieben
Pfarrdörfchen, und Fabri gewann unser Herz durch seine äußerst
anregenden Gespräche über die tiefsten Fragen des Reiches Gottes. An
Leib und Seele erfrischt, zogen wir dann weiter dem Norden zu. Wir
wanderten viel zu Fuß, wie einst in den schönen Schweizer Bergen,
und es war mir von großem Segen, zu erleben, mit welcher Einfalt und
Treue mein Freund abends und morgens eine Stelle aus der Heiligen
Schrift vornahm, sie mit wenigen Worten auslegte und dann
niederkniete zum Gebet. Wie war man für den ganzen Tag dann gestärkt
und erquickt, und wie schön schlief's sich abends ein! Es gehört
gewiß mit zum Köstlichsten, was man auf Erden haben kann, mit einem
solchen Freunde durchs deutsche Vaterland zu wandern.
Unsere Pilgerschaft ging das Lahntal hinauf zu meiner Schwester
Sophie, die in Berleburg an den Landrat von Oven verheiratet war,
dann zu meiner lieben Mutter nach Velmede und von da nach Bremen, wo
wir bei dem Besitzer des Auswandererschiffes, das mein Freund
benutzen wollte, die herzlichste Aufnahme fanden. Der liebe Pastor
Mallet stand noch in ungebrochener Kraft, und die Kanzel, auf der
später Schwalb, mein Studiengenosse von Basel her, den Unglauben
verkündete, hatte damals noch der treffliche Treviranus inne. Bei
Mallet gingen wir noch einmal gemeinsam zum heiligen Abendmahl.
Andern Tages geleitete ich meinen Freund nach Bremerhaven und von da
noch ein Stück auf dem Auswandererschiff in die See hinaus, von wo
ich über und über seekrank auf dem Lotsenboote wieder in den Hafen
gelangte. Dann ging es zur lieben Mutter nach Velmede.”