Die kleine Schrift, die die große Entscheidung für Bodelschwingh
gebracht hatte, war aus Basel gekommen. Als es sich nun für den
Beginn seiner theologischen Studien um die Wahl einer Universität
handelte, fühlte er sein ganzes Herz nach Basel gerichtet. Da er
aber nicht lediglich einem Gefühl folgen wollte, so fragte er in
Berlin seinen alten Seelsorger Snethlage um Rat. „Gehen Sie nach
Basel!” sagte dieser, schickte ihn aber zu seinem Kollegen, dem
Domprediger Hoffmann, der bis vor kurzem Missionsinspektor in Basel
gewesen war, um auch dessen Meinung einzuholen. Auch Hoffmann sagte:
„Gehen Sie nach Basel!” Und so sah er seinen Weg entschieden.
Er eilte zur Mutter. Sie stimmte der Wendung, die sein Lebensweg
genommen hatte, aus tiefstem Herzen zu und sah darin die Erfüllung
ihres verborgenen Herzenswunsches. Zugleich entdeckte sie ihrem
Sohn, daß auch sein Vater, ohne es je seinem Kinde auszusprechen,
die Hoffnung gehegt habe, daß einer seiner Söhne einmal das Studium
der Theologie ergreifen möchte. Nur Ernst von Senfft war aufs
tiefste erschüttert. Er hatte die geniale Begabung seines Freundes
für das Praktische zur Genüge erkannt, und nun beschwor er ihn, bei
dem alten Berufe zu bleiben. Er war überzeugt, daß der Entschluß
seines Freundes nichts als das Aufwallen einer religiösen Stimmung
sei, die ihn nur auf Abwege bringen könne.
Aber die Stimme des Freundes konnte nichts mehr ausrichten.
Wichtiger als seine eigene Entscheidung war ihm die Gewißheit, daß
Gott über ihn entschieden hatte. Und wenn es auch Jahre dauerte, so
erlebte er es doch schließlich bei seinem Freunde Senfft, daß, wenn
jemandes Wege Gott gefallen, er nicht nur seine Feinde, sondern erst
recht seine Freunde mit ihm zufrieden macht.
So machte sich der im 24. Jahre stehende Student über
Frankfurt a. M., wo sein Bruder Ernst stand, nach Basel auf.
„Der Aufenthalt bei meinem Bruder Ernst”, so heißt es in den
Erinnerungen weiter, „brachte mir eine besondere Erquickung. Ich war
ja so ganz mit ihm aufgewachsen, so viele Jahre lang hatten wir ein
Wohn- und Schlafzimmer geteilt, so viele Wege hatten wir miteinander
zur Schule gemacht. Aber nun erst konnten wir unsere Herzen ganz
gegeneinander aufschließen. Ernst war von einem unbeschreiblich
kindlichen Zutrauen zu mir. Wir gingen in der Nacht am Ufer des
Mains auf und ab, und er erzählte mir von den schweren Kämpfen, die
er habe, um seinem Versprechen nicht untreu zu werden, das er
zusammen mit seinem Freunde von Oidtmann Gott gegeben hatte, daß sie
in ihrem Soldatenleben nichts tun wollten, was ihr Gewissen
befleckte. Er bat mich brüderlich und herzlich, ihn in diesem
schweren Glaubenskampf zu unterstützen und gemeinsame Sache mit ihm
zu machen. Er sagte mir auch, daß es ihm von ganz besonderem Segen
sei, den lieben Vater, der an ihm, seinem Benjamin, wie er ihn zu
nennen pflegte, mehr noch als an seinen andern Kindern gehangen
hatte, im Himmel zu wissen; denn er könne sich vorstellen, daß der
Vater erfahre, wie er, sein Sohn, auf Erden wandele. Und dies sei
ihm eine Stärkung im guten Kampf. Auch bat er mich, ihm von Basel
gute Schriften zu schicken, um mit ihnen den ihm unterstellten
Soldaten zu dienen.
Am andern Tage -- es war am 6. November 1854 -- langte ich abends
spät in Basel an, das mir nun für anderthalb Jahre eine ganz
besonders reiche Segensstätte werden sollte. Ich stieg in einem
kleinen Gasthof ab, der dicht am Rhein lag. Hier wurde ich gleich
freudig überrascht, als ich auf meinem Nachttisch eine Bibel liegen
fand, die sich als Eigentum des Wirtshauses herausstellte, und als
ich von der alten Magd, die das Zimmer bediente, erfuhr, daß der
Wirt in jedes Zimmer eine Bibel lege. Das war mir bis dahin auf
meiner Pilgerreise noch nicht vorgekommen.
Ich fand auf dem Petersplatz bei ein paar alten Fräulein ein gar
freundliches Zimmer, das ich auch die anderthalb Jahre nicht wieder
verlassen habe. Die beiden alten Damen hatten eine württembergische
Magd, die auch schon bei Jahren war. Sie hieß Rösli Schwarz. Es war
für mich, der ich nach ernster Sammlung und stillem Studium
verlangte, eine große Wohltat, durch diese Magd alle Mahlzeiten im
Hause bekommen zu können, auch mein Mittagbrot. Ich hatte aber auch
außerdem manchen Segen durch diese treue Person. Sie hatte eine
Schwester, die an einen Missionar in Afrika verheiratet war, und sie
trug die Heidenmission, die ja auch mir so sehr anlag, unablässig
auf betendem Herzen. Sie war eine von den Verborgenen und Stillen im
Lande, durch die Gott gewiß nicht die kleinsten Taten tut.
So oft eine frohe Nachricht aus den Heidenländern kam, konnte ich es
ihr gleich anmerken; denn dann glänzte ihr Angesicht vor Freude. So
oft aber auf dem Missionsfelde etwas Schmerzliches vorgefallen war,
ging sie gebeugt einher als eine, die selbst an solcher Niederlage
mit schuld war, weil sie, wie sie sich selbst anklagte, im Wachen
und Beten nachgelassen habe. Es ist selbstverständlich, daß ich bei
solchem Herzenszustande an ihr eine mütterliche Pflegerin hatte, und
bis auf diese Stunde (1887), wo sie als eine bald 80 jährige
Pfründnerin zu Fellbach bei Stuttgart lebt, bekomme ich von ihr
alljährlich die rührendsten Gaben und Liebeszeichen. Durch sie wurde
ich auch mit manchen Württemberger Zuständen näher bekannt,
namentlich mit dem lieben Korntal, wo sie längere Zeit ihres Lebens
gewohnt hatte.
Ebenso angenehm wie mein kleines Zimmer und meine häusliche
Verpflegung war auch die Umgebung meiner Wohnung. Dicht vor meinem
Fenster ragten die schönen hohen Ulmen und Linden des großen
Petersplatzes empor. An der linken Seite, von der die Treppe nach
der Unterstadt hinabführte, lag die Peterskirche, an der der würdige
Pfarrer La Roche stand. Schaute ich rechts zu meinem Fenster hinaus,
so begrenzte hier der alte Wall meine Aussicht. Ich brauchte aber
nur den Kamm des Walles zu übersteigen, so sah ich auf der andern
Seite des Wallgrabens den großen Friedhof der Stadt liegen und
darüber hinweg die Vogesen. Wenn ich quer über den Petersplatz ging,
so hatte ich von der andern Seite des Platzes aus nur noch ein
kurzes Gäßchen zu durchschreiten, dann stand ich an dem schönsten
Tor der Stadt, dem alten Spalentor, vor dem jetzt das neue
Missionshaus liegt. Damals war jenseits des Tores noch freies Feld.
So suchte ich mir dort in der Frühlings- und Herbstzeit jeden Morgen
zwischen den grünen Matten die schönsten Wege auf, um in der Stille
ein Kapitel in meinem griechischen Neuen Testament zu lesen. Da habe
ich unbeschreiblich köstliche Feierstunden zugebracht.
Die alte Universität von Basel lag dicht über dem Rhein, oberhalb
der Rheinbrücke. Die Hörsäle blickten fast sämtlich vom steilen
Abhang herunter in den lieben Rheinstrom hinein, der in einem
prachtvollen Bogen die Stadt durchströmt. Ein wenig oberhalb der
Universität liegt das herrliche Münster von Basel, aus rotem
Sandstein gebaut, in das ich oft und gern eintrat und in dem ich
manche wertvolle Predigt gehört habe.
Es war damals gute Zeit in Basel, so gut, wie sie vorher und nachher
Studenten vielleicht kaum erlebt haben. Ein kleiner Kreis frommer
Männer hatte seit längerer Zeit aus freiwilligen Mitteln dafür
gesorgt, daß immer ein entschieden biblischer Theologe an der
Universität angestellt war. Als Nachfolger des trefflichen Beck, der
nach Tübingen gegangen war, stand damals Professor Auberlen in
seiner vollen Liebesglut. Er war einer von denen, die, wie
Woltersdorf und Hofacker, ihre Kraft im Dienste ihres Herrn
verzehrten. Denn nur bis in den Anfang seiner dreißiger Jahre hat er
seine Pilgerschaft geführt, und man merkte es ihm an, daß er seinen
Lehrerberuf nahe vor den Toren Jerusalems trieb. Unangetastet von
allen kritischen Grübeleien, ließ er die ganze Schrift von Anfang
bis zu Ende in herzlichster Freude stehen, wie sie stand. Er hatte
eine ungemein einfältige biblische Belesenheit, und seine frischen,
warmen Vorträge fanden lebendigen Widerhall in den Herzen seiner
Zuhörer.
Aber als entschlossener Freund biblischer einfältiger Theologie stand er
nicht einsam da. Da war unser lieber Professor Joh. Riggenbach, der
vorher während seines neunjährigen Pfarramtes sich auf dem Boden der
Praxis aus den Irrgängen des Rationalismus zum fröhlichen Glauben
durchgerungen hatte, eine rechte Johannesnatur, nicht streitbar, aber
reich an Liebe und Demut. Da war der alte Preiswerk, unser Hebräer, den
wir Levi nannten. (Da ich auf dem Gymnasium kein Hebräisch getrieben
hatte, so wurde ich ihm zu besonderem Dank verpflichtet, weil er mich
fast allein in die hebräische Grammatik einführte.) Er war neben seiner
Professur Prediger an St. Leonhard und predigte damals stets über das
Alte Testament, kurz und kernig und immer so, daß er zum Schluß mit
wenigen Worten von der Weissagung auf die Erfüllung hinwies und aus dem
Schatten des Alten Bundes in das Licht und die Helligkeit des Neuen
Testamentes eintrat. Da war Hagenbach, der ausgezeichnete
Kirchenhistoriker, und schließlich der Lizentiat Stockmeyer, später
Antistes der Baseler Kirche, dessen scharfsinniger und gewissenhafter
Auslegung paulinischer Briefe ich manches verdanke.
Außerdem war gerade damals ein junger Philosoph Steffensen aus Kiel
nach Basel gekommen, fast noch ein Jüngling mit wallendem Haar und
ausdrucksvollem, schönem Gesicht. Er war von seinem Beruf durch und
durch ergriffen und trug die Geschichte der Philosophie mit einer
Glut der Begeisterung vor, daß man aus den verschiedenen Fakultäten
in sein Kolleg lief. Dabei hatte er eine prachtvolle Diktion, sprach
völlig frei und oft mit solcher Anstrengung, daß er am Schluß ganz
erschöpft war. Doch hatte ihn keineswegs seine Philosophie so
berückt, daß er sich nicht hätte gefangen geben können unter den
Gehorsam des Glaubens. Mit einigen von uns ging er gelegentlich
spazieren, wobei wir über dies und jenes Problem disputierten.
Aber wieviel gesunde Speise damals auch die Universität bot, noch
lieber war mir das Missionshaus. Auf die Fürsprache von Hoffmann in
Berlin, dem früheren Missionsinspektor, war es mir gestattet worden,
an dem Unterricht der Missionszöglinge teilzunehmen. Da ging es dann
freilich weniger gelehrt, aber doch noch inniger und zutraulicher zu
als auf der Universität. Es war besonders der Pfarrer Geß, später
Generalsuperintendent in Posen, der uns mit seiner Tiefe und
Einfachheit in die Heilige Schrift einführte. Wir lasen das Alte und
Neue Testament im Urtext, und zwar so, daß wir nicht nur selbst
übersetzten, sondern auch selbst auszulegen versuchten, Geß uns aber
verbesserte.
Später nahm ich an den Predigtübungen teil, die Inspektor Josenhans
leitete. Aber auch zu allen andern Gelegenheiten stand mir das
Missionshaus offen. Besonders lieb waren mir immer die Abschiedsfeiern
der ausziehenden Missionare. Ich lernte hier mit steigender Freude die
Seligkeit eines Dienstes in der Nachfolge Christi kennen, in der man um
seinetwillen Vater und Mutter, Vaterland und Freundschaft verlassen kann
und dabei in der Gewißheit eines beständigen Beisammenseins vor seinem
Angesicht kurze irdische Scheidestunden nicht zu achten braucht. Wenn
ich an solche Feiern und überhaupt namentlich an meine Sonntage im
lieben Basel denke, so fällt mir ein, daß ich oft am Abend so voll
Freude über alles Erlebte war, daß ich mit Jauchzen und Springen in
meine Wohnung eilte und über dem, was Gott schon auf Erden schenkt,
manchmal in der Nacht vor Freude nicht schlafen konnte.
Unter denen, die zu dieser meiner Freude beitrugen, steht mir
besonders das Angesicht des lieben alten Missionars Graf Zaremba vor
Augen. Wir pflegten wohl zu sagen, daß, wenn man ihn ansehe, man
unmittelbar in den Himmel hineinsehe. Sodann war es =Dr.= Ostertag,
der Bibelmann, der, schon an seinen Augen erblindend, sich doch noch
am Unterricht der Missionszöglinge beteiligte und mit seinen
köstlichen Predigten viel dazu beitrug, daß uns die Augen
aufgeschlossen wurden für die Herrlichkeiten des Reiches Gottes.
Unter den Lehrern am Missionshaus war auch noch ein junger Kandidat
Haug, bei dem ich zwar keinen Unterricht hatte, der mich aber oft
aufsuchte und mit mir spazieren ging. Einmal an einem Pfingstmorgen
sagte er mir: „Heute vor vier Jahren habe ich mein Augenlicht
wiederbekommen, und zwar auf das Gebet des lieben Pfarrers
Blumhardt.” Durch Haug wurde ich auf solche Weise zuerst auf
Blumhardt aufmerksam.”
Neben den Vorlesungen auf der Universität und im Missionshaus
benutzte Bodelschwingh jede Gelegenheit, um mit seinen Lehrern in
persönliche Berührung zu kommen. Namentlich auf ihren Spaziergängen
begleitete er sie und besprach sich mit ihnen. Auf peinlich
nachgeschriebene Kollegienhefte legte er keinen Wert. Dagegen faßte
er zu Hause den Ertrag des Hörsaals und der Besprechungen, die er
mit seinen Lehrern gehabt hatte, in eigener Bearbeitung zusammen. So
begann er schon in Basel die selbständige Ausarbeitung einer
Glaubenslehre.
Dazu kam nun ein reiches Freundschaftsleben. „Mit der jüngeren
Generation”, schreibt er, „hatte ich damals schon bemoostes Haupt
nicht sehr viel Umgang, weil ich niemals den Tabaksdunst der Pfeife
vertragen konnte und darum die studentischen Versammlungen gern
mied. Doch gab es in der Studentenverbindung „Schwyzer Hüsli” eine
Anzahl lieber frischer junger Leute. Sie nahmen mich, wie es in der
Studentensprache hieß, als Konkneipant bei sich auf, und mit einigen
von ihnen knüpfte ich ein enges Freundschaftsband.
Ganz besonders aber zog mich ein Student an, der nicht diesem Kreise
angehörte. Er stand, wie ich, im ersten Semester und hieß Jakob
Riggenbach. Er gehörte einer alten Baseler Kaufmannsfamilie an, hatte
sich zunächst dem Kaufmannsstande gewidmet und war erst später, ebenso
wie ich, zur Theologie übergegangen. Er war eine hohe, Achtung
gebietende Gestalt, noch fünf Jahre älter als ich. Heiße Kämpfe des
Leibes und der Seele standen in seinem Angesicht geschrieben. Da er in
der reformierten Kirche die persönliche Seelsorge vermißte und
namentlich den Gebrauch der Löseschlüssel in der Privatbeichte, so hatte
er sich eine Zeitlang zur irvingianischen Gemeinde geflüchtet; doch
hatte er auch dort nicht gefunden, was er suchte, und sich mit großem
Mut wieder von ihr getrennt. Schließlich hatte der Friede Gottes aber
die Oberhand bei ihm gewonnen, und sein freundliches, mildes Auge hatte
etwas besonders Anziehendes für mich. Er konnte es nicht viel und lange
in den Kollegien aushalten, und mir ging es ebenso. Deswegen streiften
wir miteinander oft in den nahen Bergen umher, manchmal mehrere Tage
ausbleibend, wobei wir auch befreundete Pfarrhäuser in der Landschaft
besuchten. Immer führten wir die Schrift mit uns und besprachen sie
gegenseitig.
Bei einer solchen Wanderung kehrten wir auch einmal bei einem
Pfarrer ein, in dessen Gemeinde viel geistiges Leben war. Der
Pfarrer selbst aber hatte einen großen Schmerz, der damals schon
anfing, sein Vaterherz zu zerreißen. Er hatte einen 15 jährigen
Sohn, der sich auf das entschiedenste gegen den Geist des
Elternhauses auflehnte. Da der Sohn die höhere Schule in Basel
besuchte, so bat mich sein Vater, ihm doch nachzugehen. Ich wußte,
daß der Sohn Wege ging, die ihm sein Vater verboten hatte. Aber ich
war auch nicht einverstanden mit dem Vater, daß er dem Sohn mehr
verbot, als er halten konnte.
Der Junge hatte einen glühenden Zug zum Theater und verwandte darauf
jeden Groschen, den er erübrigen konnte. Sein Vater aber hatte ihm
den Theaterbesuch verboten. Nun stellte ich mich eines Abends in der
Nähe des Theaters auf, wo der Junge durchkommen mußte. Und richtig,
es dauerte nicht lange, da kam er mit scheuen, hastigen Schritten
dahergestürzt. Er erschrak, als ich ihn beim Arm faßte. Flehentlich
bat er, ich möchte ihn doch nicht zurückhalten; er müsse ins
Theater. Ich sagte ihm dagegen, daß er nichts gegen das klare Verbot
des Vaters tun dürfe, versprach ihm aber, mich bei seinem Vater zu
verwenden, damit er die Erlaubnis bekäme, mitunter einmal mit gutem
Gewissen ins Theater zu gehen. Der Junge heulte laut, gab aber
endlich doch nach.
Leider erreichte ich beim Vater nichts. Die Schule in Basel schickte
schließlich den Jungen fort; und nun ging es immer mehr mit ihm
bergab. Ich hörte lange nichts von ihm, bis er mir eines Tages aus
einem jener schrecklichen Lazarette schrieb, in denen die Soldaten
der afrikanischen Fremdenlegion untergebracht sind. Als ich den
Brief an seinen Vater weitergab, antwortete er mir mit einem
durchdringenden Schmerzensschrei. Aus Haß gegen das Christentum ging
der unglückliche Mensch schließlich so weit, daß er Mohammedaner
wurde. Er ist dann gestorben und verschollen -- ich weiß nicht, wo.
Dies Erlebnis aber war mir ein schmerzliches Warnungszeichen dafür,
daß christliches Leben niemals gewaltsam aufgepreßt werden darf, wie
es bei diesem unglücklichen Sohn seitens des Vaters geschehen war.
Unter den jüngeren Freunden, mit denen ich in Basel zusammen
studierte, war auch Theodor Zahn, der, während Riggenbach mir um
fünf Jahre voraus war, mir um sieben Jahre nachstand, denn er war
damals erst 17 Jahre alt. Er wohnte ganz in meiner Nähe, und wir
arbeiteten öfters zusammen. Doch war er mir an Tüchtigkeit weit
überlegen, und ich konnte ihm in der Schnelligkeit seiner Auffassung
auf wissenschaftlichem Gebiete nicht folgen. Auch gingen unsere
Anschauungen, nicht sowohl über das Eine, was not ist, -- denn er
war ein lieber, entschieden gläubiger Jüngling -- wohl aber über die
Art der Vorbereitung auf das Predigtamt weit auseinander. Ihm war es
in Basel nicht wissenschaftlich genug. Wir sind später zusammen nach
Erlangen gezogen, haben dort in einem Hause gewohnt und an einem
Tisch gegessen. Aber auch hier war mir sein wissenschaftlicher Flug
zu hoch. Er ist denn auch in der Tat nach den ihm von Gott
verliehenen Gaben einen andern Weg gegangen als ich. Er ist jetzt
Professor in Erlangen und steht als ein treuer biblischer Theologe
in rechtem Ansehen.
Auch mein Freund Gustav Bossart, der zuletzt an meinem Krankenbett in
Berlin gesessen hatte, stellte sich in den ersten Baseler Sommerferien
zu einer Fußwanderung ein. Er hatte sein Assessor-Examen gemacht und von
seinem Vater das Geld zu einer Reise in die Schweiz und nach Italien
bekommen. Unsere Wege waren inzwischen weit auseinander gegangen; nicht
nur äußerlich, sondern auch innerlich. Als wir das Aare-Tal
hinaufwanderten, fragte ich ihn, ob er mir erlaube, jeden Morgen und
Abend ein Kapitel aus dem Neuen Testament mit ihm zu lesen. Er bat aber,
daß ich ihm diese Qual nicht antun möge; er habe mit allem, was die
Schrift enthielte, völlig gebrochen. Dagegen gelobe er, daß er
seinerseits während unserer Wanderschaft sein Kneipenleben aufgeben
wollte.
Auf dem Wege nach dem Rhonegletscher hinauf hatten wir unter emsigem
Gespräch nicht genau auf den Weg geachtet und uns verirrt. Umkehren
wollten wir nicht, weil wir weiter oberhalb einen Richtweg zu
erreichen hofften. Aufwärtssteigend und an den Büschen uns
festhaltend, schien uns der Weg nicht zu gefahrvoll. Aber bald kamen
wir an eine Stelle, an der ein weiteres Vorwärtsdringen ganz
unmöglich war. Als wir rückwärts blickten, fing uns an zu
schwindeln. Denn unter uns gähnte der Abgrund, den wir beim
Hinaufklimmen übersehen hatten. Da klebten wir nun an der Felswand
und wußten weder vorwärts noch rückwärts zu kommen. In diesem
Augenblick fing mein Freund an zu fluchen. Ich gewann den Mut, ihn
ernstlich zu strafen. Es sei kein Augenblick zum Fluchen, sondern es
gälte, zu Gott zu rufen. Mein Freund ließ sich meine Strafe
gefallen, und Gott ließ es uns gelingen, ohne daß unser Fuß glitt,
die sichere Straße wieder zu gewinnen.
Wir kamen auf diese Weise bis Mailand und Genua, wo wir von einem
kleinen Boot aus, das wir uns gemietet hatten, im Mittelländischen
Meer badeten. Der Rückweg führte uns ins Engadiner Land, wo mein
Freund Riggenbach in Vertretung eines Pfarrers einer kleinen
einsamen Gebirgsgemeinde in einem stillen Dörfchen zu dienen hatte.
Mit großer Herzlichkeit wurden wir aufgenommen, und mit großer
Unbefangenheit hielt Riggenbach seine einfachen köstlichen
Andachten, bei denen er auf den Knien zu beten gewohnt war. Ich
merkte, daß mein Freund sich hiervon nicht abgestoßen fühlte; denn
es kam kein Wort des Widerspruchs über seine Lippen. Nachts
schliefen wir zusammen in einem Bett, denn Riggenbach hatte nur
eins.
Riggenbach begleitete uns bis ins Rheintal und erzählte unterwegs
ergreifend von einem Sterbenden, der noch etwas Schweres auf dem
Gewissen hatte und zum Frieden kam, als er es glücklich über seine
Lippen gebracht hatte.
Als Bossart und ich in Zürich am schönen Seeufer entlang
schlenderten, traf mein Freund einen alten Bekannten aus Berlin, der
mit dem Züricher Leben und Treiben genau vertraut war. Dieser bat
ihn, ihn doch den Abend zu besuchen. Ich ahnte nichts Gutes. Und wie
ich es gefürchtet, so kam es. Mein Freund hatte versprochen, bald
wiederzukommen. Aber er blieb aus. Da ich mancherlei zu lesen und zu
schreiben hatte, legte ich mich nicht schlafen, sondern blieb auf.
Endlich um drei Uhr morgens polterte es die Treppe herauf. Ein
Mensch in jämmerlicher Verfassung kam herein, dem ich sogleich zu
Bett helfen mußte, ohne daß ich ihm natürlich ein Wort des Vorwurfs
sagte. Den andern Tag lag tiefe Scham auf seinem Angesicht; ja, mehr
als das.
Als wir abends in Basel ankamen, hörten wir, daß die Cholera, die
schon bei unserer Abreise geherrscht hatte, noch immer neue Opfer
fordere. Trotzdem wollte mein Freund nicht gleich weiterreisen,
sondern noch einige Tage bei mir bleiben. So überließ ich ihm mein
Bett und machte das meine auf meinem Sofa. Als ich mich niederlegen
wollte, sagte er: „Friedrich, gib mir eine Bibel!” Und er las lange
darin, während ich mich schon zum Schlafen anschickte. Der andere
Tag war ein Sonntag. „Ich gehe mit dir in die Kirche,” sagte er
gleich. Auch bat er mich, jetzt abends und morgens die Schrift mit
ihm zu lesen, ging auch einige Male mit mir ins Kolleg zu Professor
Auberlen.
Bei seinem Abschied geleitete ich ihn eine halbe Tagereise weit in den
Schwarzwald hinein. Dann trennten wir uns. Es war ein stiller,
hoffnungsreicher Abschied, nicht mit viel Worten, aber voll inniger,
dankbarer Freude, daß wir uns endlich wiedergefunden hatten. Er besuchte
noch einmal meine liebe Mutter in Velmede und brachte einige stille Tage
bei ihr zu. Bald danach starb er an einer kurzen Krankheit, und ich habe
auf Erden sein Angesicht nicht wiedergesehen.
Auf der Reise, die mich mit meinem Freunde Bossart durch die Schweiz
nach Italien führte, waren wir eines Tages infolge eines schweren
Gewitters ganz durchnäßt worden, sodaß wir uns, in unser Quartier
gelangt, gleich zu Bett legen mußten, um unsere Kleider am Herde
trocknen zu lassen. Da hatte denn die Magd in meiner Tasche mein
kleines Neues Testament entdeckt, und ich hatte es ihr auf ihre
Bitte geschenkt. Wir waren mittlerweile bis zur Isola Bella im Lago
Maggiore gelangt. Während sich mein Freund mit andern Reisenden,
deren Bekanntschaft er gemacht hatte, unterhielt, ruhte ich im
Schatten der Lorbeeren aus. Da ich nun mein Neues Testament nicht
mehr bei mir hatte, so zog ich ein anderes Buch heraus, das ich noch
in meiner Wandertasche bei mir führte. Es war ein kleines Buch von
Dichtungen eigenen Fabrikats, die ich jetzt auf der Wanderschaft
hatte vermehren wollen. Aber als ich eine Weile hineingesehen hatte,
kamen mir im Vergleich zu dem, was Gott an köstlichen geistlichen
Liedern geschenkt, meine Lieder elend vor. Auch erschien mir die
Gefahr, mich in solchen eigenen Erzeugnissen zu sonnen, so groß,
daß ich einen Stein suchte, einen Bindfaden darum band und das
Machwerk in die Tiefe des Sees schleuderte. Ich war froh, wieder ein
Stück des alten Adams abgetan zu haben und leichter weiterpilgern zu
können.
Mehr als einmal bin ich mit meinen Baseler Freunden den Weg zum
lieben Vater Zeller nach Beuggen am Rhein gepilgert. In den
Franzosenkriegen vor hundert Jahren war das Schloß von Beuggen
Kriegslazarett gewesen, und der Lazarett-Typhus hatte in furchtbarer
Weise darin gehaust. Zuletzt hatte man keine Wärter mehr bekommen
können, die sich in das entsetzliche Todeshaus hineinwagen wollten.
So hatte man schließlich den Sterbenden nur noch das Essen in die
Tür hineingeschoben und sie sich selbst überlassen. Noch lange Zeit
hatten in einzelnen Teilen des Hauses Knochengerippe umhergelegen.
So war das Schloß eine Stätte des Grauens, in die sich niemand
hineintraute, bis Zeller, getrieben von der Liebe Christi, es wagte,
sich vom Großherzog von Baden das Schloß auszubitten, um hier mit
verwahrlosten Kindern seinen Einzug zu halten. Da ist denn an der
Stätte des Todes ein fröhliches, frisches Leben aufgesproßt, das bis
auf diesen Tag nicht versiegt ist.
Auf seinem Arbeitspult hatte Zeller ein großes Corpus juris stehen,
daneben Goethes Faust und die Bibel. „Ich habe”, sagte er mir,
„diese Bücher neben einander stehen lassen, um beständig zum Dank
gegen Gott ermuntert zu werden, daß ich von dem toten Buchstaben des
irdischen Gesetzes zum ewig lebendigen Gesetzbuch des Wortes Gottes
geführt wurde und von den verführerischen Gärten des menschlichen
Geistes in ihrer höchsten Blüte, wie wir sie in Goethes Faust
finden, zu dem einfältigen Evangelium von Christo.”
Besonders erinnerlich ist mir ein Sommerabend, an dem ich mit meinem
mir vertrautesten Freunde aus dem Missionshaus, Hendrichs, von
Beuggen nach Basel heimkehrte. Wir saßen, unter dem Schatten eines
Baumes ausruhend, am Ufer des Rheines, und mein Freund sprach von
dem unbeschreiblichen Glück und der Sicherheit, die er genieße, seit
er an den Heiland glaube. Es könne ihm nun gar nichts widerfahren,
als was ihm nötig und selig sei. Denn auch jeder Widersacher, der
ihm etwas anhaben wolle, helfe ihm nur dazu, sich selbst zu
verleugnen und sich zum Heiland zu flüchten, und jeder Stoß, den
sein alter Adam bekomme, sei ihm lieb, weil dadurch der neue Adam
desto mehr Luft bekomme. Es war mir dieses Gespräch von besonderem
Segen und ist mir unvergeßlich geblieben in Erinnerung an meinen
treuen Freund, der nun schon lange Jahre in Indien an der Küste von
Malabar schläft, wo er seinen Lauf mit Freuden vollendet hat.
Neben Hendrichs stand mir ein anderer angehender Missionar sehr nahe:
Gottfried Hauser. Daß ich mit ihm verbunden wurde, hatte seine besondere
Veranlassung. Es bestand nämlich im Missionshause zu Basel die
Einrichtung, daß die Missionare in dem letzten Jahre vor der Ausreise
auf das Missionsfeld zu zwei und zwei auszogen, um in den Dörfern des
Baseler und badischen Landes Bibelstunden zu halten oder auch die Kinder
zu sammeln in der Weise der heutigen Sonntagsschulen, die man damals
aber noch nicht kannte. So war mir mit Gottfried Hauser zusammen das
Dorf Birsfelden, südlich von Basel, zugeteilt worden. Eine Witwe, eine
fromme alte Bauersfrau, hatte hier ihr Haus für die Versammlung
geöffnet. Es waren vor allem Kinder, die hier zusammenkamen und die von
Hauser und mir in der Weise von Frage und Antwort unterwiesen wurden,
während einige ältere Personen zuhörten. Mit welchem Zittern und Zagen
habe ich mich auf diese Stunden vorbereitet, zumal dabei auch öffentlich
gebetet zu werden pflegte! Aber wie manchen Segen habe ich auch aus
diesen Stunden mitgebracht für meine eigene Seele!
Von einem höchst merkwürdigen Mann muß ich noch einiges sagen, der
mir in besonderer Weise nahetrat: das war der Vater Spittler. Von
Beruf Buchhändler war Spittler zu Anfang des Jahrhunderts aus dem
Württemberger Land nach Basel gekommen. Er wohnte im sogenannten
„Fälkli”, einem alten Gebäude, das früher zum Augustinerkloster
gehört hatte und einen Falken im Wappen führte. Das Fälkli war die
Heimat der von Spittler gegründeten Buch- und Traktatgesellschaft.
In innigster Dankbarkeit gegen jenes kleine Büchlein über Tschin,
den Chinesenknaben, das von hier aus mir nach Gramenz geschickt
geworden war, konnte ich es nicht lassen, mir im „Fälkli” immer neue
Traktate zu kaufen und nach allen Richtungen zu verteilen,
namentlich unter den Kindern. Auch versorgte ich von hier aus,
unserer letzten Verabredung entsprechend, meinen Bruder Ernst in
Frankfurt mit den Schriften, die er sich für seine Soldaten von mir
erbeten hatte.
Das Zimmer des alten Spittler steht mir noch lebendig vor Augen. Es
erschien mir sehr ehrwürdig, wie das eines alten Einsiedlers, in
alter deutscher Weise ausmöbliert. Die Wände waren mit allerlei
Missionskarten behangen. Eine dieser Karten stellte die christlichen
Länder dar. Auf ihr waren überall durch Lichter und kleine Fackeln
die Gegenden bezeichnet, in denen der eingeschlafene Glauben wieder
im Erwachen war oder wo für die Ausbreitung des Reiches Gottes sonst
irgend etwas geschah. Zwischen diesen Lichtern und Fackeln aber lag
der größte Teil der Christenheit im Halbdunkel oder im schwarzen
Schatten.
Der alte Spittler erklärte mir die Karte selbst. Während das Baseler
Missionshaus unter den Heiden leuchtete, sah er es als seine
Hauptaufgabe an, in der abgefallenen Christenheit das Wort Gottes
wieder auf den Leuchter zu stellen. Durch ihn waren fast alle
Anstalten der christlichen Barmherzigkeit, die in und um Basel
blühten, ins Leben gerufen worden. Sobald er auf einem Punkt fertig
war, ging er wieder einen Schritt weiter. Augenblicklich galten
seine Liebe und seine Kraft ganz besonders der Pilgermission.
Jenseits des Rheins, auf dem letzten Vorsprung des Schwarzwaldes,
hatte er eine kleine alte Kirche gekauft mit einigen Äckern umher.
Die Kirche samt ihrem Turm hatte er so ausgebaut, daß darin seine
Zöglinge samt ihren Lehrern Unterkunft fanden. St. Chrischona hieß
das Kirchlein. Und ich bin manchmal auf die herrliche Höhe
hinaufgestiegen, von der man bei klarem Wetter über den Jura weg die
Alpenkette überschauen kann.
Nun waren damals die Gedanken des alten Spittler besonders auf die
alte christliche Kirche in Abessinien gerichtet. Dahin hatte er
bereits seine Pilger geschickt, um diese alte eingeschlafene Kirche
wieder wachzurufen. Von Abessinien aus aber sollte es weitergehen zu
dem südlicher wohnenden wilden afrikanischen Stamm der Gallas. Bald
merkte ich, daß Vater Spittler sein Auge auf mich warf, ob ich wohl
bereit sei, nach Abessinien zu ziehen.
Durch meine Verbindung mit dem Baseler Missionshaus, das Inspektor
Josenhans leitete, standen aber meine Gedanken damals nicht nach
Abessinien, sondern nach Indien. Und wenn ich auch beschlossen
hatte, zunächst mein theologisches Examen in Preußen zu machen, so
wollte ich doch so bald wie möglich nach Basel zurückkehren, um
meinen Freunden Hauser, Hendrichs und dem dritten aus unserm engeren
Freundeskreis, namens Strobel, nach Indien zu folgen.
Jetzt aber wurde ich in meinem Vorhaben erschüttert. Denn eines
Tages erschien in Begleitung meiner Dienstmagd, der Rösli Schwarz,
eine schwarze Mädchengestalt auf meinem Zimmer. Es war Pauline
Fatmele, die Tochter eines Gallafürsten aus dem Süden Abessiniens.
Sie war, nachdem ihr Vater neben ihr erschlagen worden war, von
einem Sklavenhändler zum andern schließlich an den Hof des
Vizekönigs von Ägypten verkauft worden. Dort war sie einem deutschen
Reisenden geschenkt worden, und dieser hatte sie nach Stuttgart
gebracht. Von da war sie nach Korntal in eine christliche Familie
gekommen. Hier war in wunderbarer Weise ein fröhliches christliches
Glaubensleben in ihr erwacht. Der alte Spittler war ihr Taufpate
geworden und hatte sie nun nach Basel kommen lassen. Da meine Magd
ja auch aus Korntal war, so hatte Fatmele sie besucht, und auf diese
Weise kam es, daß sie mit meiner Magd zusammen mein Zimmer betrat.
Das reine, kindliche, mächtige Glaubensleben der schwarzen
Fürstentochter machte, obwohl sie nur eine Viertelstunde bei mir
blieb, einen großen Eindruck auf mich. „Wenn ich jetzt Flügel
hätte,” sagte sie mir, „dann möchte ich gern in meine Heimat
fliegen, um zu erzählen, wie lieb Gott Europa hat.” Ihr Wunsch wurde
ihr nicht erfüllt. Wenige Tage darauf bekam sie Bluthusten, aus dem
sich die galoppierende Schwindsucht entwickelte, und im
Diakonissenhause zu Riehen, wohin sie der alte Spittler brachte,
starb sie nach wenigen Wochen seligen Leidenskampfes, vielen zur
Stärkung des Glaubens. Chrischonabrüder bliesen an ihrem Grab die
Posaunen. Auf ihrem Sterbebett aber hatte sie den Vater Spittler
gebeten, ihr Volk nicht zu vergessen, wenn sie selbst auch nicht
hinziehen könne.
So kam es, daß der alte Spittler einen Beschluß des Komitees
herbeiführte, durch den ich armer, junger Student berufen wurde, als
Bote der Pilgermission an den Hof des Königs Theodorus nach
Abessinien zu gehen. Ich sollte zunächst bei Bischof Gobat in
Jerusalem das Abessinische lernen und mich von da mit einigen
Pilgermissionaren nach Abessinien und dann weiter südwärts zu den
Gallas aufmachen. Solche Aussicht zog mein Gemüt lebhaft an, und ich
stand im Geiste schon auf dem Ölberg, um von da aus mit dem Kämmerer
aus dem Mohrenlande meinen Weg anzutreten.
Jetzt aber erfuhr der Inspektor des Missionshauses, Pfarrer
Josenhans, von dem Plan des alten Spittler. Er ließ mich auf sein
Zimmer kommen und ergoß sich in einem Strom von Zorn über meinen
lieben alten Freund und sein unüberlegtes Handeln, mich mit solchen
Plänen zu umstricken. Jetzt kamen auch mir ernste Bedenken gegen den
Plan des alten Spittler. Aber als ich zu ihm ging, um ihm diese
Bedenken vorzutragen, da gab es nun auf Spittlers Seite eine solche
Schilderung der Verkehrtheit des Missionshauses, daß ich gar nicht
wußte, wie ich daran war.
Spittler vertrat ungefähr den Standpunkt des alten Vater Goßner, der von
dem vielen Studieren und der Gelehrsamkeit seiner Missionare gar nichts
hielt, sondern sie einfach hinaussandte und sie draußen sich selbst
ihren Unterhalt verdienen ließ. Deswegen bildete er seine
Pilgermissionare auch besonders in allen Handwerken und in der
Landwirtschaft aus, um ihnen so die Möglichkeit zu gewähren, sich ihren
Unterhalt in den Heidenländern selbst zu erwerben. Josenhans dagegen
vertrat die Notwendigkeit einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung,
auch in den alten Sprachen, und glaubte, seinen Missionaren durchaus ein
auskömmliches Gehalt geben zu müssen, damit sie ihre ganze Kraft dem
Dienste des Wortes widmen könnten.
Beide Anschauungen haben ihr Berechtigtes, und es wäre auch wohl
möglich, auf demselben Missionsgebiet, je nach den verschiedenen
Gaben, beide zu vereinigen. Es wäre darum auch nicht nötig gewesen,
daß die beiden vortrefflichen Männer sich um dieser verschiedenen
Anschauungen willen so ereiferten. Aber das Entscheidende für mich
war, daß ich merkte, daß es bei beiden auf meine Person abgesehen
war und daß hierdurch ihr Eifer ein falscher Eifer war. Es war
gerade Fastnachtszeit. Alles lief auf den Straßen von Basel in
Fastnachtskappen umher, und ich weiß noch, wie ich zu einem meiner
Freunde sagte, es wäre mir lieber, daß der alte Spittler und
Josenhans sich Schellenkappen aufgesetzt hätten und auf der Gasse
von Basel miteinander herumgesprungen wären, als daß sie sich in
solcher Weise um meine arme Person zankten.
An sich war mir die Sache gut. Denn ich hatte mich in der Tat zu
sehr an Menschen gehängt und zu hoch an Menschen hinaufgeblickt. Ich
wies die Versuchung von mir, mit halber theologischer Bildung ohne
weiteres in die Heidenwelt hinauszugehen, wie es der alte Spittler
wünschte; und die Dankbarkeit gegen das Baseler Missionshaus ließ
den überwiegenden Wunsch in meinem Herzen bestehen, dereinst in die
Arbeit auf dem Baseler Missionsgebiet einzutreten.
Am 21. März, kurz vor meiner Abreise aus Basel, am Abend des
Karfreitags, hielt ich meine erste öffentliche Predigt in der
kleinen Elisabethkirche über Jes. 53, 11 und 12; es war mir eine gar
herzbewegliche Stunde. Am 22. März nahm ich Abschied von meinen
Lehrern und Freunden und von der lieben Stadt, die mir eine zweite
Heimat auf Erden geworden war, um über Frankfurt a. M., wo damals
meine Mutter wohnte, nach Erlangen zu gehen.”