1. In Basel. 1854-56.

Die kleine Schrift, die die große Entscheidung für Bodelschwingh

gebracht hatte, war aus Basel gekommen. Als es sich nun für den

Beginn seiner theologischen Studien um die Wahl einer Universität

handelte, fühlte er sein ganzes Herz nach Basel gerichtet. Da er

aber nicht lediglich einem Gefühl folgen wollte, so fragte er in

Berlin seinen alten Seelsorger Snethlage um Rat. „Gehen Sie nach

Basel!” sagte dieser, schickte ihn aber zu seinem Kollegen, dem

Domprediger Hoffmann, der bis vor kurzem Missionsinspektor in Basel

gewesen war, um auch dessen Meinung einzuholen. Auch Hoffmann sagte:

„Gehen Sie nach Basel!” Und so sah er seinen Weg entschieden.

Er eilte zur Mutter. Sie stimmte der Wendung, die sein Lebensweg

genommen hatte, aus tiefstem Herzen zu und sah darin die Erfüllung

ihres verborgenen Herzenswunsches. Zugleich entdeckte sie ihrem

Sohn, daß auch sein Vater, ohne es je seinem Kinde auszusprechen,

die Hoffnung gehegt habe, daß einer seiner Söhne einmal das Studium

der Theologie ergreifen möchte. Nur Ernst von Senfft war aufs

tiefste erschüttert. Er hatte die geniale Begabung seines Freundes

für das Praktische zur Genüge erkannt, und nun beschwor er ihn, bei

dem alten Berufe zu bleiben. Er war überzeugt, daß der Entschluß

seines Freundes nichts als das Aufwallen einer religiösen Stimmung

sei, die ihn nur auf Abwege bringen könne.

Aber die Stimme des Freundes konnte nichts mehr ausrichten.

Wichtiger als seine eigene Entscheidung war ihm die Gewißheit, daß

Gott über ihn entschieden hatte. Und wenn es auch Jahre dauerte, so

erlebte er es doch schließlich bei seinem Freunde Senfft, daß, wenn

jemandes Wege Gott gefallen, er nicht nur seine Feinde, sondern erst

recht seine Freunde mit ihm zufrieden macht.

So machte sich der im 24. Jahre stehende Student über

Frankfurt a. M., wo sein Bruder Ernst stand, nach Basel auf.

„Der Aufenthalt bei meinem Bruder Ernst”, so heißt es in den

Erinnerungen weiter, „brachte mir eine besondere Erquickung. Ich war

ja so ganz mit ihm aufgewachsen, so viele Jahre lang hatten wir ein

Wohn- und Schlafzimmer geteilt, so viele Wege hatten wir miteinander

zur Schule gemacht. Aber nun erst konnten wir unsere Herzen ganz

gegeneinander aufschließen. Ernst war von einem unbeschreiblich

kindlichen Zutrauen zu mir. Wir gingen in der Nacht am Ufer des

Mains auf und ab, und er erzählte mir von den schweren Kämpfen, die

er habe, um seinem Versprechen nicht untreu zu werden, das er

zusammen mit seinem Freunde von Oidtmann Gott gegeben hatte, daß sie

in ihrem Soldatenleben nichts tun wollten, was ihr Gewissen

befleckte. Er bat mich brüderlich und herzlich, ihn in diesem

schweren Glaubenskampf zu unterstützen und gemeinsame Sache mit ihm

zu machen. Er sagte mir auch, daß es ihm von ganz besonderem Segen

sei, den lieben Vater, der an ihm, seinem Benjamin, wie er ihn zu

nennen pflegte, mehr noch als an seinen andern Kindern gehangen

hatte, im Himmel zu wissen; denn er könne sich vorstellen, daß der

Vater erfahre, wie er, sein Sohn, auf Erden wandele. Und dies sei

ihm eine Stärkung im guten Kampf. Auch bat er mich, ihm von Basel

gute Schriften zu schicken, um mit ihnen den ihm unterstellten

Soldaten zu dienen.

Am andern Tage -- es war am 6. November 1854 -- langte ich abends

spät in Basel an, das mir nun für anderthalb Jahre eine ganz

besonders reiche Segensstätte werden sollte. Ich stieg in einem

kleinen Gasthof ab, der dicht am Rhein lag. Hier wurde ich gleich

freudig überrascht, als ich auf meinem Nachttisch eine Bibel liegen

fand, die sich als Eigentum des Wirtshauses herausstellte, und als

ich von der alten Magd, die das Zimmer bediente, erfuhr, daß der

Wirt in jedes Zimmer eine Bibel lege. Das war mir bis dahin auf

meiner Pilgerreise noch nicht vorgekommen.

Ich fand auf dem Petersplatz bei ein paar alten Fräulein ein gar

freundliches Zimmer, das ich auch die anderthalb Jahre nicht wieder

verlassen habe. Die beiden alten Damen hatten eine württembergische

Magd, die auch schon bei Jahren war. Sie hieß Rösli Schwarz. Es war

für mich, der ich nach ernster Sammlung und stillem Studium

verlangte, eine große Wohltat, durch diese Magd alle Mahlzeiten im

Hause bekommen zu können, auch mein Mittagbrot. Ich hatte aber auch

außerdem manchen Segen durch diese treue Person. Sie hatte eine

Schwester, die an einen Missionar in Afrika verheiratet war, und sie

trug die Heidenmission, die ja auch mir so sehr anlag, unablässig

auf betendem Herzen. Sie war eine von den Verborgenen und Stillen im

Lande, durch die Gott gewiß nicht die kleinsten Taten tut.

So oft eine frohe Nachricht aus den Heidenländern kam, konnte ich es

ihr gleich anmerken; denn dann glänzte ihr Angesicht vor Freude. So

oft aber auf dem Missionsfelde etwas Schmerzliches vorgefallen war,

ging sie gebeugt einher als eine, die selbst an solcher Niederlage

mit schuld war, weil sie, wie sie sich selbst anklagte, im Wachen

und Beten nachgelassen habe. Es ist selbstverständlich, daß ich bei

solchem Herzenszustande an ihr eine mütterliche Pflegerin hatte, und

bis auf diese Stunde (1887), wo sie als eine bald 80 jährige

Pfründnerin zu Fellbach bei Stuttgart lebt, bekomme ich von ihr

alljährlich die rührendsten Gaben und Liebeszeichen. Durch sie wurde

ich auch mit manchen Württemberger Zuständen näher bekannt,

namentlich mit dem lieben Korntal, wo sie längere Zeit ihres Lebens

gewohnt hatte.

Ebenso angenehm wie mein kleines Zimmer und meine häusliche

Verpflegung war auch die Umgebung meiner Wohnung. Dicht vor meinem

Fenster ragten die schönen hohen Ulmen und Linden des großen

Petersplatzes empor. An der linken Seite, von der die Treppe nach

der Unterstadt hinabführte, lag die Peterskirche, an der der würdige

Pfarrer La Roche stand. Schaute ich rechts zu meinem Fenster hinaus,

so begrenzte hier der alte Wall meine Aussicht. Ich brauchte aber

nur den Kamm des Walles zu übersteigen, so sah ich auf der andern

Seite des Wallgrabens den großen Friedhof der Stadt liegen und

darüber hinweg die Vogesen. Wenn ich quer über den Petersplatz ging,

so hatte ich von der andern Seite des Platzes aus nur noch ein

kurzes Gäßchen zu durchschreiten, dann stand ich an dem schönsten

Tor der Stadt, dem alten Spalentor, vor dem jetzt das neue

Missionshaus liegt. Damals war jenseits des Tores noch freies Feld.

So suchte ich mir dort in der Frühlings- und Herbstzeit jeden Morgen

zwischen den grünen Matten die schönsten Wege auf, um in der Stille

ein Kapitel in meinem griechischen Neuen Testament zu lesen. Da habe

ich unbeschreiblich köstliche Feierstunden zugebracht.

Die alte Universität von Basel lag dicht über dem Rhein, oberhalb

der Rheinbrücke. Die Hörsäle blickten fast sämtlich vom steilen

Abhang herunter in den lieben Rheinstrom hinein, der in einem

prachtvollen Bogen die Stadt durchströmt. Ein wenig oberhalb der

Universität liegt das herrliche Münster von Basel, aus rotem

Sandstein gebaut, in das ich oft und gern eintrat und in dem ich

manche wertvolle Predigt gehört habe.

Es war damals gute Zeit in Basel, so gut, wie sie vorher und nachher

Studenten vielleicht kaum erlebt haben. Ein kleiner Kreis frommer

Männer hatte seit längerer Zeit aus freiwilligen Mitteln dafür

gesorgt, daß immer ein entschieden biblischer Theologe an der

Universität angestellt war. Als Nachfolger des trefflichen Beck, der

nach Tübingen gegangen war, stand damals Professor Auberlen in

seiner vollen Liebesglut. Er war einer von denen, die, wie

Woltersdorf und Hofacker, ihre Kraft im Dienste ihres Herrn

verzehrten. Denn nur bis in den Anfang seiner dreißiger Jahre hat er

seine Pilgerschaft geführt, und man merkte es ihm an, daß er seinen

Lehrerberuf nahe vor den Toren Jerusalems trieb. Unangetastet von

allen kritischen Grübeleien, ließ er die ganze Schrift von Anfang

bis zu Ende in herzlichster Freude stehen, wie sie stand. Er hatte

eine ungemein einfältige biblische Belesenheit, und seine frischen,

warmen Vorträge fanden lebendigen Widerhall in den Herzen seiner

Zuhörer.

Aber als entschlossener Freund biblischer einfältiger Theologie stand er

nicht einsam da. Da war unser lieber Professor Joh. Riggenbach, der

vorher während seines neunjährigen Pfarramtes sich auf dem Boden der

Praxis aus den Irrgängen des Rationalismus zum fröhlichen Glauben

durchgerungen hatte, eine rechte Johannesnatur, nicht streitbar, aber

reich an Liebe und Demut. Da war der alte Preiswerk, unser Hebräer, den

wir Levi nannten. (Da ich auf dem Gymnasium kein Hebräisch getrieben

hatte, so wurde ich ihm zu besonderem Dank verpflichtet, weil er mich

fast allein in die hebräische Grammatik einführte.) Er war neben seiner

Professur Prediger an St. Leonhard und predigte damals stets über das

Alte Testament, kurz und kernig und immer so, daß er zum Schluß mit

wenigen Worten von der Weissagung auf die Erfüllung hinwies und aus dem

Schatten des Alten Bundes in das Licht und die Helligkeit des Neuen

Testamentes eintrat. Da war Hagenbach, der ausgezeichnete

Kirchenhistoriker, und schließlich der Lizentiat Stockmeyer, später

Antistes der Baseler Kirche, dessen scharfsinniger und gewissenhafter

Auslegung paulinischer Briefe ich manches verdanke.

Außerdem war gerade damals ein junger Philosoph Steffensen aus Kiel

nach Basel gekommen, fast noch ein Jüngling mit wallendem Haar und

ausdrucksvollem, schönem Gesicht. Er war von seinem Beruf durch und

durch ergriffen und trug die Geschichte der Philosophie mit einer

Glut der Begeisterung vor, daß man aus den verschiedenen Fakultäten

in sein Kolleg lief. Dabei hatte er eine prachtvolle Diktion, sprach

völlig frei und oft mit solcher Anstrengung, daß er am Schluß ganz

erschöpft war. Doch hatte ihn keineswegs seine Philosophie so

berückt, daß er sich nicht hätte gefangen geben können unter den

Gehorsam des Glaubens. Mit einigen von uns ging er gelegentlich

spazieren, wobei wir über dies und jenes Problem disputierten.

Aber wieviel gesunde Speise damals auch die Universität bot, noch

lieber war mir das Missionshaus. Auf die Fürsprache von Hoffmann in

Berlin, dem früheren Missionsinspektor, war es mir gestattet worden,

an dem Unterricht der Missionszöglinge teilzunehmen. Da ging es dann

freilich weniger gelehrt, aber doch noch inniger und zutraulicher zu

als auf der Universität. Es war besonders der Pfarrer Geß, später

Generalsuperintendent in Posen, der uns mit seiner Tiefe und

Einfachheit in die Heilige Schrift einführte. Wir lasen das Alte und

Neue Testament im Urtext, und zwar so, daß wir nicht nur selbst

übersetzten, sondern auch selbst auszulegen versuchten, Geß uns aber

verbesserte.

Später nahm ich an den Predigtübungen teil, die Inspektor Josenhans

leitete. Aber auch zu allen andern Gelegenheiten stand mir das

Missionshaus offen. Besonders lieb waren mir immer die Abschiedsfeiern

der ausziehenden Missionare. Ich lernte hier mit steigender Freude die

Seligkeit eines Dienstes in der Nachfolge Christi kennen, in der man um

seinetwillen Vater und Mutter, Vaterland und Freundschaft verlassen kann

und dabei in der Gewißheit eines beständigen Beisammenseins vor seinem

Angesicht kurze irdische Scheidestunden nicht zu achten braucht. Wenn

ich an solche Feiern und überhaupt namentlich an meine Sonntage im

lieben Basel denke, so fällt mir ein, daß ich oft am Abend so voll

Freude über alles Erlebte war, daß ich mit Jauchzen und Springen in

meine Wohnung eilte und über dem, was Gott schon auf Erden schenkt,

manchmal in der Nacht vor Freude nicht schlafen konnte.

Unter denen, die zu dieser meiner Freude beitrugen, steht mir

besonders das Angesicht des lieben alten Missionars Graf Zaremba vor

Augen. Wir pflegten wohl zu sagen, daß, wenn man ihn ansehe, man

unmittelbar in den Himmel hineinsehe. Sodann war es =Dr.= Ostertag,

der Bibelmann, der, schon an seinen Augen erblindend, sich doch noch

am Unterricht der Missionszöglinge beteiligte und mit seinen

köstlichen Predigten viel dazu beitrug, daß uns die Augen

aufgeschlossen wurden für die Herrlichkeiten des Reiches Gottes.

Unter den Lehrern am Missionshaus war auch noch ein junger Kandidat

Haug, bei dem ich zwar keinen Unterricht hatte, der mich aber oft

aufsuchte und mit mir spazieren ging. Einmal an einem Pfingstmorgen

sagte er mir: „Heute vor vier Jahren habe ich mein Augenlicht

wiederbekommen, und zwar auf das Gebet des lieben Pfarrers

Blumhardt.” Durch Haug wurde ich auf solche Weise zuerst auf

Blumhardt aufmerksam.”

Neben den Vorlesungen auf der Universität und im Missionshaus

benutzte Bodelschwingh jede Gelegenheit, um mit seinen Lehrern in

persönliche Berührung zu kommen. Namentlich auf ihren Spaziergängen

begleitete er sie und besprach sich mit ihnen. Auf peinlich

nachgeschriebene Kollegienhefte legte er keinen Wert. Dagegen faßte

er zu Hause den Ertrag des Hörsaals und der Besprechungen, die er

mit seinen Lehrern gehabt hatte, in eigener Bearbeitung zusammen. So

begann er schon in Basel die selbständige Ausarbeitung einer

Glaubenslehre.

Dazu kam nun ein reiches Freundschaftsleben. „Mit der jüngeren

Generation”, schreibt er, „hatte ich damals schon bemoostes Haupt

nicht sehr viel Umgang, weil ich niemals den Tabaksdunst der Pfeife

vertragen konnte und darum die studentischen Versammlungen gern

mied. Doch gab es in der Studentenverbindung „Schwyzer Hüsli” eine

Anzahl lieber frischer junger Leute. Sie nahmen mich, wie es in der

Studentensprache hieß, als Konkneipant bei sich auf, und mit einigen

von ihnen knüpfte ich ein enges Freundschaftsband.

Ganz besonders aber zog mich ein Student an, der nicht diesem Kreise

angehörte. Er stand, wie ich, im ersten Semester und hieß Jakob

Riggenbach. Er gehörte einer alten Baseler Kaufmannsfamilie an, hatte

sich zunächst dem Kaufmannsstande gewidmet und war erst später, ebenso

wie ich, zur Theologie übergegangen. Er war eine hohe, Achtung

gebietende Gestalt, noch fünf Jahre älter als ich. Heiße Kämpfe des

Leibes und der Seele standen in seinem Angesicht geschrieben. Da er in

der reformierten Kirche die persönliche Seelsorge vermißte und

namentlich den Gebrauch der Löseschlüssel in der Privatbeichte, so hatte

er sich eine Zeitlang zur irvingianischen Gemeinde geflüchtet; doch

hatte er auch dort nicht gefunden, was er suchte, und sich mit großem

Mut wieder von ihr getrennt. Schließlich hatte der Friede Gottes aber

die Oberhand bei ihm gewonnen, und sein freundliches, mildes Auge hatte

etwas besonders Anziehendes für mich. Er konnte es nicht viel und lange

in den Kollegien aushalten, und mir ging es ebenso. Deswegen streiften

wir miteinander oft in den nahen Bergen umher, manchmal mehrere Tage

ausbleibend, wobei wir auch befreundete Pfarrhäuser in der Landschaft

besuchten. Immer führten wir die Schrift mit uns und besprachen sie

gegenseitig.

Bei einer solchen Wanderung kehrten wir auch einmal bei einem

Pfarrer ein, in dessen Gemeinde viel geistiges Leben war. Der

Pfarrer selbst aber hatte einen großen Schmerz, der damals schon

anfing, sein Vaterherz zu zerreißen. Er hatte einen 15 jährigen

Sohn, der sich auf das entschiedenste gegen den Geist des

Elternhauses auflehnte. Da der Sohn die höhere Schule in Basel

besuchte, so bat mich sein Vater, ihm doch nachzugehen. Ich wußte,

daß der Sohn Wege ging, die ihm sein Vater verboten hatte. Aber ich

war auch nicht einverstanden mit dem Vater, daß er dem Sohn mehr

verbot, als er halten konnte.

Der Junge hatte einen glühenden Zug zum Theater und verwandte darauf

jeden Groschen, den er erübrigen konnte. Sein Vater aber hatte ihm

den Theaterbesuch verboten. Nun stellte ich mich eines Abends in der

Nähe des Theaters auf, wo der Junge durchkommen mußte. Und richtig,

es dauerte nicht lange, da kam er mit scheuen, hastigen Schritten

dahergestürzt. Er erschrak, als ich ihn beim Arm faßte. Flehentlich

bat er, ich möchte ihn doch nicht zurückhalten; er müsse ins

Theater. Ich sagte ihm dagegen, daß er nichts gegen das klare Verbot

des Vaters tun dürfe, versprach ihm aber, mich bei seinem Vater zu

verwenden, damit er die Erlaubnis bekäme, mitunter einmal mit gutem

Gewissen ins Theater zu gehen. Der Junge heulte laut, gab aber

endlich doch nach.

Leider erreichte ich beim Vater nichts. Die Schule in Basel schickte

schließlich den Jungen fort; und nun ging es immer mehr mit ihm

bergab. Ich hörte lange nichts von ihm, bis er mir eines Tages aus

einem jener schrecklichen Lazarette schrieb, in denen die Soldaten

der afrikanischen Fremdenlegion untergebracht sind. Als ich den

Brief an seinen Vater weitergab, antwortete er mir mit einem

durchdringenden Schmerzensschrei. Aus Haß gegen das Christentum ging

der unglückliche Mensch schließlich so weit, daß er Mohammedaner

wurde. Er ist dann gestorben und verschollen -- ich weiß nicht, wo.

Dies Erlebnis aber war mir ein schmerzliches Warnungszeichen dafür,

daß christliches Leben niemals gewaltsam aufgepreßt werden darf, wie

es bei diesem unglücklichen Sohn seitens des Vaters geschehen war.

Unter den jüngeren Freunden, mit denen ich in Basel zusammen

studierte, war auch Theodor Zahn, der, während Riggenbach mir um

fünf Jahre voraus war, mir um sieben Jahre nachstand, denn er war

damals erst 17 Jahre alt. Er wohnte ganz in meiner Nähe, und wir

arbeiteten öfters zusammen. Doch war er mir an Tüchtigkeit weit

überlegen, und ich konnte ihm in der Schnelligkeit seiner Auffassung

auf wissenschaftlichem Gebiete nicht folgen. Auch gingen unsere

Anschauungen, nicht sowohl über das Eine, was not ist, -- denn er

war ein lieber, entschieden gläubiger Jüngling -- wohl aber über die

Art der Vorbereitung auf das Predigtamt weit auseinander. Ihm war es

in Basel nicht wissenschaftlich genug. Wir sind später zusammen nach

Erlangen gezogen, haben dort in einem Hause gewohnt und an einem

Tisch gegessen. Aber auch hier war mir sein wissenschaftlicher Flug

zu hoch. Er ist denn auch in der Tat nach den ihm von Gott

verliehenen Gaben einen andern Weg gegangen als ich. Er ist jetzt

Professor in Erlangen und steht als ein treuer biblischer Theologe

in rechtem Ansehen.

Auch mein Freund Gustav Bossart, der zuletzt an meinem Krankenbett in

Berlin gesessen hatte, stellte sich in den ersten Baseler Sommerferien

zu einer Fußwanderung ein. Er hatte sein Assessor-Examen gemacht und von

seinem Vater das Geld zu einer Reise in die Schweiz und nach Italien

bekommen. Unsere Wege waren inzwischen weit auseinander gegangen; nicht

nur äußerlich, sondern auch innerlich. Als wir das Aare-Tal

hinaufwanderten, fragte ich ihn, ob er mir erlaube, jeden Morgen und

Abend ein Kapitel aus dem Neuen Testament mit ihm zu lesen. Er bat aber,

daß ich ihm diese Qual nicht antun möge; er habe mit allem, was die

Schrift enthielte, völlig gebrochen. Dagegen gelobe er, daß er

seinerseits während unserer Wanderschaft sein Kneipenleben aufgeben

wollte.

Auf dem Wege nach dem Rhonegletscher hinauf hatten wir unter emsigem

Gespräch nicht genau auf den Weg geachtet und uns verirrt. Umkehren

wollten wir nicht, weil wir weiter oberhalb einen Richtweg zu

erreichen hofften. Aufwärtssteigend und an den Büschen uns

festhaltend, schien uns der Weg nicht zu gefahrvoll. Aber bald kamen

wir an eine Stelle, an der ein weiteres Vorwärtsdringen ganz

unmöglich war. Als wir rückwärts blickten, fing uns an zu

schwindeln. Denn unter uns gähnte der Abgrund, den wir beim

Hinaufklimmen übersehen hatten. Da klebten wir nun an der Felswand

und wußten weder vorwärts noch rückwärts zu kommen. In diesem

Augenblick fing mein Freund an zu fluchen. Ich gewann den Mut, ihn

ernstlich zu strafen. Es sei kein Augenblick zum Fluchen, sondern es

gälte, zu Gott zu rufen. Mein Freund ließ sich meine Strafe

gefallen, und Gott ließ es uns gelingen, ohne daß unser Fuß glitt,

die sichere Straße wieder zu gewinnen.

Wir kamen auf diese Weise bis Mailand und Genua, wo wir von einem

kleinen Boot aus, das wir uns gemietet hatten, im Mittelländischen

Meer badeten. Der Rückweg führte uns ins Engadiner Land, wo mein

Freund Riggenbach in Vertretung eines Pfarrers einer kleinen

einsamen Gebirgsgemeinde in einem stillen Dörfchen zu dienen hatte.

Mit großer Herzlichkeit wurden wir aufgenommen, und mit großer

Unbefangenheit hielt Riggenbach seine einfachen köstlichen

Andachten, bei denen er auf den Knien zu beten gewohnt war. Ich

merkte, daß mein Freund sich hiervon nicht abgestoßen fühlte; denn

es kam kein Wort des Widerspruchs über seine Lippen. Nachts

schliefen wir zusammen in einem Bett, denn Riggenbach hatte nur

eins.

Riggenbach begleitete uns bis ins Rheintal und erzählte unterwegs

ergreifend von einem Sterbenden, der noch etwas Schweres auf dem

Gewissen hatte und zum Frieden kam, als er es glücklich über seine

Lippen gebracht hatte.

Als Bossart und ich in Zürich am schönen Seeufer entlang

schlenderten, traf mein Freund einen alten Bekannten aus Berlin, der

mit dem Züricher Leben und Treiben genau vertraut war. Dieser bat

ihn, ihn doch den Abend zu besuchen. Ich ahnte nichts Gutes. Und wie

ich es gefürchtet, so kam es. Mein Freund hatte versprochen, bald

wiederzukommen. Aber er blieb aus. Da ich mancherlei zu lesen und zu

schreiben hatte, legte ich mich nicht schlafen, sondern blieb auf.

Endlich um drei Uhr morgens polterte es die Treppe herauf. Ein

Mensch in jämmerlicher Verfassung kam herein, dem ich sogleich zu

Bett helfen mußte, ohne daß ich ihm natürlich ein Wort des Vorwurfs

sagte. Den andern Tag lag tiefe Scham auf seinem Angesicht; ja, mehr

als das.

Als wir abends in Basel ankamen, hörten wir, daß die Cholera, die

schon bei unserer Abreise geherrscht hatte, noch immer neue Opfer

fordere. Trotzdem wollte mein Freund nicht gleich weiterreisen,

sondern noch einige Tage bei mir bleiben. So überließ ich ihm mein

Bett und machte das meine auf meinem Sofa. Als ich mich niederlegen

wollte, sagte er: „Friedrich, gib mir eine Bibel!” Und er las lange

darin, während ich mich schon zum Schlafen anschickte. Der andere

Tag war ein Sonntag. „Ich gehe mit dir in die Kirche,” sagte er

gleich. Auch bat er mich, jetzt abends und morgens die Schrift mit

ihm zu lesen, ging auch einige Male mit mir ins Kolleg zu Professor

Auberlen.

Bei seinem Abschied geleitete ich ihn eine halbe Tagereise weit in den

Schwarzwald hinein. Dann trennten wir uns. Es war ein stiller,

hoffnungsreicher Abschied, nicht mit viel Worten, aber voll inniger,

dankbarer Freude, daß wir uns endlich wiedergefunden hatten. Er besuchte

noch einmal meine liebe Mutter in Velmede und brachte einige stille Tage

bei ihr zu. Bald danach starb er an einer kurzen Krankheit, und ich habe

auf Erden sein Angesicht nicht wiedergesehen.

Auf der Reise, die mich mit meinem Freunde Bossart durch die Schweiz

nach Italien führte, waren wir eines Tages infolge eines schweren

Gewitters ganz durchnäßt worden, sodaß wir uns, in unser Quartier

gelangt, gleich zu Bett legen mußten, um unsere Kleider am Herde

trocknen zu lassen. Da hatte denn die Magd in meiner Tasche mein

kleines Neues Testament entdeckt, und ich hatte es ihr auf ihre

Bitte geschenkt. Wir waren mittlerweile bis zur Isola Bella im Lago

Maggiore gelangt. Während sich mein Freund mit andern Reisenden,

deren Bekanntschaft er gemacht hatte, unterhielt, ruhte ich im

Schatten der Lorbeeren aus. Da ich nun mein Neues Testament nicht

mehr bei mir hatte, so zog ich ein anderes Buch heraus, das ich noch

in meiner Wandertasche bei mir führte. Es war ein kleines Buch von

Dichtungen eigenen Fabrikats, die ich jetzt auf der Wanderschaft

hatte vermehren wollen. Aber als ich eine Weile hineingesehen hatte,

kamen mir im Vergleich zu dem, was Gott an köstlichen geistlichen

Liedern geschenkt, meine Lieder elend vor. Auch erschien mir die

Gefahr, mich in solchen eigenen Erzeugnissen zu sonnen, so groß,

daß ich einen Stein suchte, einen Bindfaden darum band und das

Machwerk in die Tiefe des Sees schleuderte. Ich war froh, wieder ein

Stück des alten Adams abgetan zu haben und leichter weiterpilgern zu

können.

Mehr als einmal bin ich mit meinen Baseler Freunden den Weg zum

lieben Vater Zeller nach Beuggen am Rhein gepilgert. In den

Franzosenkriegen vor hundert Jahren war das Schloß von Beuggen

Kriegslazarett gewesen, und der Lazarett-Typhus hatte in furchtbarer

Weise darin gehaust. Zuletzt hatte man keine Wärter mehr bekommen

können, die sich in das entsetzliche Todeshaus hineinwagen wollten.

So hatte man schließlich den Sterbenden nur noch das Essen in die

Tür hineingeschoben und sie sich selbst überlassen. Noch lange Zeit

hatten in einzelnen Teilen des Hauses Knochengerippe umhergelegen.

So war das Schloß eine Stätte des Grauens, in die sich niemand

hineintraute, bis Zeller, getrieben von der Liebe Christi, es wagte,

sich vom Großherzog von Baden das Schloß auszubitten, um hier mit

verwahrlosten Kindern seinen Einzug zu halten. Da ist denn an der

Stätte des Todes ein fröhliches, frisches Leben aufgesproßt, das bis

auf diesen Tag nicht versiegt ist.

Auf seinem Arbeitspult hatte Zeller ein großes Corpus juris stehen,

daneben Goethes Faust und die Bibel. „Ich habe”, sagte er mir,

„diese Bücher neben einander stehen lassen, um beständig zum Dank

gegen Gott ermuntert zu werden, daß ich von dem toten Buchstaben des

irdischen Gesetzes zum ewig lebendigen Gesetzbuch des Wortes Gottes

geführt wurde und von den verführerischen Gärten des menschlichen

Geistes in ihrer höchsten Blüte, wie wir sie in Goethes Faust

finden, zu dem einfältigen Evangelium von Christo.”

Besonders erinnerlich ist mir ein Sommerabend, an dem ich mit meinem

mir vertrautesten Freunde aus dem Missionshaus, Hendrichs, von

Beuggen nach Basel heimkehrte. Wir saßen, unter dem Schatten eines

Baumes ausruhend, am Ufer des Rheines, und mein Freund sprach von

dem unbeschreiblichen Glück und der Sicherheit, die er genieße, seit

er an den Heiland glaube. Es könne ihm nun gar nichts widerfahren,

als was ihm nötig und selig sei. Denn auch jeder Widersacher, der

ihm etwas anhaben wolle, helfe ihm nur dazu, sich selbst zu

verleugnen und sich zum Heiland zu flüchten, und jeder Stoß, den

sein alter Adam bekomme, sei ihm lieb, weil dadurch der neue Adam

desto mehr Luft bekomme. Es war mir dieses Gespräch von besonderem

Segen und ist mir unvergeßlich geblieben in Erinnerung an meinen

treuen Freund, der nun schon lange Jahre in Indien an der Küste von

Malabar schläft, wo er seinen Lauf mit Freuden vollendet hat.

Neben Hendrichs stand mir ein anderer angehender Missionar sehr nahe:

Gottfried Hauser. Daß ich mit ihm verbunden wurde, hatte seine besondere

Veranlassung. Es bestand nämlich im Missionshause zu Basel die

Einrichtung, daß die Missionare in dem letzten Jahre vor der Ausreise

auf das Missionsfeld zu zwei und zwei auszogen, um in den Dörfern des

Baseler und badischen Landes Bibelstunden zu halten oder auch die Kinder

zu sammeln in der Weise der heutigen Sonntagsschulen, die man damals

aber noch nicht kannte. So war mir mit Gottfried Hauser zusammen das

Dorf Birsfelden, südlich von Basel, zugeteilt worden. Eine Witwe, eine

fromme alte Bauersfrau, hatte hier ihr Haus für die Versammlung

geöffnet. Es waren vor allem Kinder, die hier zusammenkamen und die von

Hauser und mir in der Weise von Frage und Antwort unterwiesen wurden,

während einige ältere Personen zuhörten. Mit welchem Zittern und Zagen

habe ich mich auf diese Stunden vorbereitet, zumal dabei auch öffentlich

gebetet zu werden pflegte! Aber wie manchen Segen habe ich auch aus

diesen Stunden mitgebracht für meine eigene Seele!

Von einem höchst merkwürdigen Mann muß ich noch einiges sagen, der

mir in besonderer Weise nahetrat: das war der Vater Spittler. Von

Beruf Buchhändler war Spittler zu Anfang des Jahrhunderts aus dem

Württemberger Land nach Basel gekommen. Er wohnte im sogenannten

„Fälkli”, einem alten Gebäude, das früher zum Augustinerkloster

gehört hatte und einen Falken im Wappen führte. Das Fälkli war die

Heimat der von Spittler gegründeten Buch- und Traktatgesellschaft.

In innigster Dankbarkeit gegen jenes kleine Büchlein über Tschin,

den Chinesenknaben, das von hier aus mir nach Gramenz geschickt

geworden war, konnte ich es nicht lassen, mir im „Fälkli” immer neue

Traktate zu kaufen und nach allen Richtungen zu verteilen,

namentlich unter den Kindern. Auch versorgte ich von hier aus,

unserer letzten Verabredung entsprechend, meinen Bruder Ernst in

Frankfurt mit den Schriften, die er sich für seine Soldaten von mir

erbeten hatte.

Das Zimmer des alten Spittler steht mir noch lebendig vor Augen. Es

erschien mir sehr ehrwürdig, wie das eines alten Einsiedlers, in

alter deutscher Weise ausmöbliert. Die Wände waren mit allerlei

Missionskarten behangen. Eine dieser Karten stellte die christlichen

Länder dar. Auf ihr waren überall durch Lichter und kleine Fackeln

die Gegenden bezeichnet, in denen der eingeschlafene Glauben wieder

im Erwachen war oder wo für die Ausbreitung des Reiches Gottes sonst

irgend etwas geschah. Zwischen diesen Lichtern und Fackeln aber lag

der größte Teil der Christenheit im Halbdunkel oder im schwarzen

Schatten.

Der alte Spittler erklärte mir die Karte selbst. Während das Baseler

Missionshaus unter den Heiden leuchtete, sah er es als seine

Hauptaufgabe an, in der abgefallenen Christenheit das Wort Gottes

wieder auf den Leuchter zu stellen. Durch ihn waren fast alle

Anstalten der christlichen Barmherzigkeit, die in und um Basel

blühten, ins Leben gerufen worden. Sobald er auf einem Punkt fertig

war, ging er wieder einen Schritt weiter. Augenblicklich galten

seine Liebe und seine Kraft ganz besonders der Pilgermission.

Jenseits des Rheins, auf dem letzten Vorsprung des Schwarzwaldes,

hatte er eine kleine alte Kirche gekauft mit einigen Äckern umher.

Die Kirche samt ihrem Turm hatte er so ausgebaut, daß darin seine

Zöglinge samt ihren Lehrern Unterkunft fanden. St. Chrischona hieß

das Kirchlein. Und ich bin manchmal auf die herrliche Höhe

hinaufgestiegen, von der man bei klarem Wetter über den Jura weg die

Alpenkette überschauen kann.

Nun waren damals die Gedanken des alten Spittler besonders auf die

alte christliche Kirche in Abessinien gerichtet. Dahin hatte er

bereits seine Pilger geschickt, um diese alte eingeschlafene Kirche

wieder wachzurufen. Von Abessinien aus aber sollte es weitergehen zu

dem südlicher wohnenden wilden afrikanischen Stamm der Gallas. Bald

merkte ich, daß Vater Spittler sein Auge auf mich warf, ob ich wohl

bereit sei, nach Abessinien zu ziehen.

Durch meine Verbindung mit dem Baseler Missionshaus, das Inspektor

Josenhans leitete, standen aber meine Gedanken damals nicht nach

Abessinien, sondern nach Indien. Und wenn ich auch beschlossen

hatte, zunächst mein theologisches Examen in Preußen zu machen, so

wollte ich doch so bald wie möglich nach Basel zurückkehren, um

meinen Freunden Hauser, Hendrichs und dem dritten aus unserm engeren

Freundeskreis, namens Strobel, nach Indien zu folgen.

Jetzt aber wurde ich in meinem Vorhaben erschüttert. Denn eines

Tages erschien in Begleitung meiner Dienstmagd, der Rösli Schwarz,

eine schwarze Mädchengestalt auf meinem Zimmer. Es war Pauline

Fatmele, die Tochter eines Gallafürsten aus dem Süden Abessiniens.

Sie war, nachdem ihr Vater neben ihr erschlagen worden war, von

einem Sklavenhändler zum andern schließlich an den Hof des

Vizekönigs von Ägypten verkauft worden. Dort war sie einem deutschen

Reisenden geschenkt worden, und dieser hatte sie nach Stuttgart

gebracht. Von da war sie nach Korntal in eine christliche Familie

gekommen. Hier war in wunderbarer Weise ein fröhliches christliches

Glaubensleben in ihr erwacht. Der alte Spittler war ihr Taufpate

geworden und hatte sie nun nach Basel kommen lassen. Da meine Magd

ja auch aus Korntal war, so hatte Fatmele sie besucht, und auf diese

Weise kam es, daß sie mit meiner Magd zusammen mein Zimmer betrat.

Das reine, kindliche, mächtige Glaubensleben der schwarzen

Fürstentochter machte, obwohl sie nur eine Viertelstunde bei mir

blieb, einen großen Eindruck auf mich. „Wenn ich jetzt Flügel

hätte,” sagte sie mir, „dann möchte ich gern in meine Heimat

fliegen, um zu erzählen, wie lieb Gott Europa hat.” Ihr Wunsch wurde

ihr nicht erfüllt. Wenige Tage darauf bekam sie Bluthusten, aus dem

sich die galoppierende Schwindsucht entwickelte, und im

Diakonissenhause zu Riehen, wohin sie der alte Spittler brachte,

starb sie nach wenigen Wochen seligen Leidenskampfes, vielen zur

Stärkung des Glaubens. Chrischonabrüder bliesen an ihrem Grab die

Posaunen. Auf ihrem Sterbebett aber hatte sie den Vater Spittler

gebeten, ihr Volk nicht zu vergessen, wenn sie selbst auch nicht

hinziehen könne.

So kam es, daß der alte Spittler einen Beschluß des Komitees

herbeiführte, durch den ich armer, junger Student berufen wurde, als

Bote der Pilgermission an den Hof des Königs Theodorus nach

Abessinien zu gehen. Ich sollte zunächst bei Bischof Gobat in

Jerusalem das Abessinische lernen und mich von da mit einigen

Pilgermissionaren nach Abessinien und dann weiter südwärts zu den

Gallas aufmachen. Solche Aussicht zog mein Gemüt lebhaft an, und ich

stand im Geiste schon auf dem Ölberg, um von da aus mit dem Kämmerer

aus dem Mohrenlande meinen Weg anzutreten.

Jetzt aber erfuhr der Inspektor des Missionshauses, Pfarrer

Josenhans, von dem Plan des alten Spittler. Er ließ mich auf sein

Zimmer kommen und ergoß sich in einem Strom von Zorn über meinen

lieben alten Freund und sein unüberlegtes Handeln, mich mit solchen

Plänen zu umstricken. Jetzt kamen auch mir ernste Bedenken gegen den

Plan des alten Spittler. Aber als ich zu ihm ging, um ihm diese

Bedenken vorzutragen, da gab es nun auf Spittlers Seite eine solche

Schilderung der Verkehrtheit des Missionshauses, daß ich gar nicht

wußte, wie ich daran war.

Spittler vertrat ungefähr den Standpunkt des alten Vater Goßner, der von

dem vielen Studieren und der Gelehrsamkeit seiner Missionare gar nichts

hielt, sondern sie einfach hinaussandte und sie draußen sich selbst

ihren Unterhalt verdienen ließ. Deswegen bildete er seine

Pilgermissionare auch besonders in allen Handwerken und in der

Landwirtschaft aus, um ihnen so die Möglichkeit zu gewähren, sich ihren

Unterhalt in den Heidenländern selbst zu erwerben. Josenhans dagegen

vertrat die Notwendigkeit einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung,

auch in den alten Sprachen, und glaubte, seinen Missionaren durchaus ein

auskömmliches Gehalt geben zu müssen, damit sie ihre ganze Kraft dem

Dienste des Wortes widmen könnten.

Beide Anschauungen haben ihr Berechtigtes, und es wäre auch wohl

möglich, auf demselben Missionsgebiet, je nach den verschiedenen

Gaben, beide zu vereinigen. Es wäre darum auch nicht nötig gewesen,

daß die beiden vortrefflichen Männer sich um dieser verschiedenen

Anschauungen willen so ereiferten. Aber das Entscheidende für mich

war, daß ich merkte, daß es bei beiden auf meine Person abgesehen

war und daß hierdurch ihr Eifer ein falscher Eifer war. Es war

gerade Fastnachtszeit. Alles lief auf den Straßen von Basel in

Fastnachtskappen umher, und ich weiß noch, wie ich zu einem meiner

Freunde sagte, es wäre mir lieber, daß der alte Spittler und

Josenhans sich Schellenkappen aufgesetzt hätten und auf der Gasse

von Basel miteinander herumgesprungen wären, als daß sie sich in

solcher Weise um meine arme Person zankten.

An sich war mir die Sache gut. Denn ich hatte mich in der Tat zu

sehr an Menschen gehängt und zu hoch an Menschen hinaufgeblickt. Ich

wies die Versuchung von mir, mit halber theologischer Bildung ohne

weiteres in die Heidenwelt hinauszugehen, wie es der alte Spittler

wünschte; und die Dankbarkeit gegen das Baseler Missionshaus ließ

den überwiegenden Wunsch in meinem Herzen bestehen, dereinst in die

Arbeit auf dem Baseler Missionsgebiet einzutreten.

Am 21. März, kurz vor meiner Abreise aus Basel, am Abend des

Karfreitags, hielt ich meine erste öffentliche Predigt in der

kleinen Elisabethkirche über Jes. 53, 11 und 12; es war mir eine gar

herzbewegliche Stunde. Am 22. März nahm ich Abschied von meinen

Lehrern und Freunden und von der lieben Stadt, die mir eine zweite

Heimat auf Erden geworden war, um über Frankfurt a. M., wo damals

meine Mutter wohnte, nach Erlangen zu gehen.”

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 3 / 18 题