Nun ging auch die Herbstbestellung an, und ich lernte mit vier

Pferden die Eggen im Kreise herumschleudern, um die steinharte

Erdkruste zu zerkleinern. Inzwischen hatte auch die Rübenernte

begonnen, die bis tief in den November hinein dauerte. Alle Arbeit,

die vorkam, machte ich mit. Am sauersten wurde mir das Säelaken, in

das ein halber Scheffel Roggen eingebunden war und mit dem ich den

tiefen Acker durchschreiten mußte. Hierbei wurde ich völlig lahm.

Als das Frostwetter eintrat, bekam ich meine Arbeit auf dem großen

Pachthof, wo nun tüchtig gedroschen wurde. Drei Drescher waren

jedesmal zusammen auf dem Scheunenflur. Drei Tage wurde gedroschen

und den vierten aufgemessen. Das Aufmessen hatte ich besonders zu

beaufsichtigen. Die Drescher bekamen von Roggen und Weizen jedesmal

den 15. Scheffel, von Hafer und Gerste jedesmal den 16. zum

Eigentum. Das war ihr Lohn. Geld bekamen sie nicht. Daneben hatte

ich die Futterausgabe und die Aufsicht über die Ställe. Hier bei den

Ochsen, Schafen und Kühen war es im Winter gar heimlich und

angenehm.

Mitunter galt es tagelang auf dem Kornboden stehen und das Getreide

einmessen, das auf die Oder-Kähne verladen wurde, um nach Stettin

und anderen Hafenstationen ausgeführt zu werden. Eine andere

Winterarbeit war das Köpfen der Weiden. Abgesehen von den

Gartenbäumen ist fast der einzige Baum des Oderbruchs die Weide, die

die zahllosen Gräben der Niederungen begrenzt. Jedes Jahr wurde eine

bestimmte Abteilung dieser Weiden abgeholzt, d. h. nur die drei- bis

vierjährigen, und zwar über dem Kopf des Stammes. Diese Arbeit wurde

mit einem kleinen scharfen Beil verrichtet und kostete mich erst

einige Übung, denn die einzelnen Äste durften nicht splittern.

Sobald der Frühling ins Land kam, ging es an die Vorbereitung der

wichtigsten Arbeit des ganzen Jahres, an die Rübenbestellung.

Hierbei lernte ich eine heilsame Kunst, nämlich die, treu auf dem

bestimmten Posten auszuharren. So verlangte es der alte Herr Koppe

von allen seinen jungen Leuten. Nachdem der Acker zubereitet war,

wurde zunächst der Same mit Hilfe einer sogenannten Hopser-Schnur

gelegt. Die Schnur hatte hundert Knoten in gleich weitem Abstande.

Je zwei Knoten, die mit bestimmten Bändern bezeichnet waren,

gehörten immer einer Samenlegerin. Diese hatte da, wo ihre beiden

Knoten waren, zwei Löcher zu graben, den Samen hineinzulegen, wieder

zuzuscharren und mit dem Fuß daraufzutreten. An den beiden Enden der

langen Schnur aber standen zwei Leute mit dem Hopser. Diese riefen

jedesmal, wenn die Schnur weiterrückte, „Hopp”. Auf solche Weise

mußten 700 Morgen mit Samen belegt werden -- eine Arbeit, die die

größte Sorgfalt erforderte. Es galt aufzupassen, daß keine der

Samenlegerinnen zurückblieb und keine unordentliche Arbeit machte.

Die größte Freude machte es mir, in den langen, langen Streifen die

kleinen Rüben regelmäßig aufgehen zu sehen, und der Kummer war groß,

wenn irgendwo schlecht gearbeitet worden war. Hatte man sich die

Reihenfolge der einzelnen Legerinnen aufgeschrieben, so konnte man

noch nach Wochen wissen, an wem die Schuld lag. Dann kam das

Verhacken und Verziehen und abermalige Verhacken der Rüben. Vierzehn

Wochen habe ich so ununterbrochen aushalten müssen, ohne mittags

nach Hause zu kommen. Mein Mittagessen bekam ich in einem kleinen

Korb an irgend einen Grabenrand hinausgeschickt.

So eintönig diese Arbeit scheint, so machte sie mir doch große

Freude. Ihre Eintönigkeit erleichterte ich mir dadurch, daß ich in

der Frühstücks- und Mittagspause meinen armen Rübenhackerinnen

schöne Geschichten vorlas. Auch führte ich in meiner Tasche entweder

Matthias Claudius oder eine andere Sammlung bei mir und lernte,

hinter meinen Arbeiterinnen auf- und abgehend, unbemerkt manches

schöne Gedicht auswendig. Hiernach kamen die Klee- und die Heuernte

und dann die Getreideernte mit ihrer heißen Arbeit und ihrer Freude

des Einfahrens, woran alle vierzig Pferde beteiligt waren.

Als wir eben die Rübenernte begonnen hatten, gab es für mich ein

wichtiges Ereignis. Der Krieg gegen Österreich drohte auszubrechen.

Meine sämtlichen älteren landwirtschaftlichen Mitarbeiter, auch der

erste Inspektor, ja selbst der ältere Bruder meines Prinzipals, der

Administrator von Wollup, wurden zu den Fahnen einberufen. So blieb

meinem Prinzipal nichts anderes übrig, als mich zum ersten Inspektor

avancieren zu lassen. Die Not ist ja der beste Lehrmeister. Ich

bekam jetzt ein Reitpferd und hatte mich vom Morgen bis zum Abend

tüchtig zu tummeln. Am Abend hatte ich die Löhne auszuzahlen, und

oft saß ich bis tief in die Nacht, um mit meiner Rechnung in Ordnung

zu kommen. Denn es war eine Haupttugend des alten Koppe, daß er eine

so sorgfältige Rechnungslegung verlangte und von jedem Arbeiter,

jedem Ochsen, jedem Pferd jeden Abend genau aufgeschrieben haben

mußte, was und worauf sie gearbeitet hatten.

Mitten in diese tapfere Arbeit, die mir viel Freude machte, kam die

Nachricht, daß mein Vater, als die Kriegswolken sich dichter

zusammenzogen, sich zum Eintritt in die Armee gemeldet und sich sein

früheres Regiment als Oberst ausgebeten hatte. In einem seiner

Briefe kam es mir so vor, als ob er dächte, mir wäre die Not des

Vaterlandes gleichgültig. Ich trat mit diesem Briefe zu meinem

Prinzipal und sagte: „Es hilft mir nichts, ich muß mich heute noch

in Berlin als Soldat melden.” Als ich in Berlin bei meinem Vater

eintrat, sagte er: „Dein Bruder Franz hat sich bereits bei den

Garde-Jägern gemeldet; ich wünsche, daß auch du dort eintrittst.”

Ich fuhr sofort nach Potsdam, meldete mich beim Kommandeur des

Jägerbataillons und wurde als Freiwilliger angenommen. Um dies

meinem Vater mitzuteilen, kehrte ich noch einmal nach Berlin zurück.

Als ich bei ihm eintrat, war er sehr traurig. Denn soeben war die

Nachricht gekommen, daß sich Preußen in Olmütz vor Österreich

gedemütigt hatte und das Schwert wieder in die Scheide gesteckt

wurde.

Nun sorgte mein Vater dafür, daß meine Meldung für ungültig erklärt

wurde und ich wieder auf mein Arbeitsfeld zurückkehren konnte. Noch

an demselben Tage langte ich um Mitternacht auf meinem todmüden

Pferde in Kienitz an zur großen Freude meines Prinzipals, um am

andern Morgen wieder meinen Dienst zu übernehmen. Als nach einiger

Zeit auch meine Kollegen zurückkehrten, wollte mein Prinzipal mich

nicht wieder Lehrling werden lassen, sondern schickte mich für den

Rest meiner Lehrzeit nach Wollup zu seinem Bruder, einem äußerst

liebenswürdigen Manne, dem ich das Hauptbuch abschließen half und

bei dem ich auch die in Kienitz nicht vorkommenden Zweige der

Landwirtschaft kennen lernte, namentlich die dort blühende

Branntweinbrennerei.

An herzlicher Freundlichkeit in beiden Familien Koppe hat es mir

nicht gefehlt. Im übrigen aber war das Leben für mich mit viel

Kampf und Not verbunden. Das Dasein der jungen Landwirte ist meist

sehr traurig, weil sie vielfach für höhere Genüsse keinen Sinn

haben. In die Kirche ging niemand. Das war insofern freilich kaum

recht zu ändern, weil es mit dem Geistlichen in Kienitz überaus

dürftig aussah. Ich ging aber aus Trotz, um nicht als Feigling

dazustehen, und gerade weil ich darüber ausgelacht wurde, mitunter

in die Kirche. Morgens beim Frühstück las ich meinen Tacitus,

römische Geschichte. Im Hause war eine Schwester des Professors

Steinmeyer, ein vortreffliches Mädchen, die „Fränzchen” genannt

wurde. Mit ihr spielte ich, während die andern Karten spielten,

manche Partie Schach. Denn für das Kartenspiel hatte ich mich nicht

erwärmen können; ich hatte es wohl einige Male versucht, wurde aber,

weil ich keinen Ernst bei der Sache zeigte, abgesetzt. Am liebsten

ging ich Sonntags still durch die Felder, die ich hatte bestellen

helfen, oder auch wohl an das Ufer der Oder, wo ich vom Deich eine

liebliche Aussicht über die weiten fruchtbaren Fluren genoß. Der

Abschied von diesem arbeitsreichen Ackerfeld wurde mir immerhin

nicht ganz leicht, als es im Frühjahr 1851 galt, des Königs Rock

anzuziehen, um mein freiwilliges Soldatenjahr abzudienen.”

Als Soldat in Berlin. 1851.

Am 1. April 1851 trat ich beim Kaiser-Franz-Grenadier-Regiment ein

und ließ mich gleichzeitig in der Universität als Student

einschreiben, diesmal als Jurist, während ich vor zwei Jahren

Philosoph gewesen war. Auf eine gemütliche Wohnung kam es mir ganz

besonders an, weil ich wußte, wie wichtig das für einen Studenten

ist, damit ihm sein Zimmer angenehmer bleibt als die Kneipe. Auch

liebte ich damals sehr die Romantik, sodaß es mir wichtig war, in

dem alten Berlin eine romantische Wohnung zu bekommen. Ich fand eine

solche in der Klosterstraße, gerade gegenüber der alten

Klosterkirche.

Am Anfang waren meine Eltern noch in Berlin, da mein Vater Mitglied

des Landtages war. Aber bald kehrten sie nach Westfalen zurück. Ich

hatte sie zum Abschied auf den Bahnhof geleitet, von dem sie den

Nachtzug benutzten, und ich erinnere mich noch deutlich, daß es mir

eigentümlich bange zu Mute war, als ich beim Schein der Laternen

durchs Brandenburger Tor zurückwanderte in die große, böse,

versuchungsvolle Stadt, in der ich einen wirklich treuen Freund

nicht besaß.

Mein früherer Freund, Gustav Bossart, war zwar auch Student in

Berlin. Aber unsere Wege waren weit auseinander gegangen, und für

meine Seele hatte ich an ihm keinen Halt mehr. Ja, ich mied ihn

sogar. Meine Kameraden aber unter den Freiwilligen waren

meistenteils recht lose Gesellen, die nichts als Narrenteidinge im

Kopfe hatten. Nur einer war darunter, der Sohn eines armen Schäfers

aus Pommern, der sich mit eisernem Fleiß durchgearbeitet hatte, um

Theologie zu studieren. Er stand leider bei einer andern Kompagnie.

Aber ich sah ihn doch mitunter, und er erzählte mir einmal mit

großer Freude, daß ihn sein Hauptmann habe zu sich kommen lassen,

weil er sein blasses und müdes Gesicht bemerkt hatte, -- er mußte

sich damals aufs äußerste durchhungern -- und wie er ihn aus eigenen

Mitteln aufs freundlichste versorgt und ihm einen Mittagstisch

verschafft habe. Auch fand ich einen unter unsern Unteroffizieren,

der sich vor der gewöhnlichen Sorte auszeichnete und für seine Leute

vortrefflich sorgte.

Mein Kompagnieführer war mein Vetter, August von Witzleben, ein

strammer Soldat, der es mit der Ordnung sehr genau nahm, aber von

dem Einen, was not ist für seine Soldaten, nichts wußte. Interessant

war mir jedesmal der Wachdienst, und ich freute mich immer, wenn ich

an die Reihe kam. Am interessantesten war meine letzte Wache, die

mir mein Vetter offenbar aus besonderer Freundlichkeit ausgesucht

hatte, nämlich vor dem Palais des alten Kaisers, des damaligen

Prinzen Wilhelm. Es war die zweite Nacht vor der Enthüllung des

Denkmals Friedrichs des Großen. Ich hatte den Vorzug, in der frühen

Morgendämmerung, ehe noch jemand auf der Straße sich blicken ließ,

die Probe der Enthüllung vornehmen zu sehen und früher als andere

das Bild des alten Fritz zu schauen.

An demselben Tage, vor meiner Ablösung, war ein gewaltiges Gedränge vor

dem prinzlichen Palais. Viele fremde Offiziere fuhren in ihren Wagen

vor, und ich mußte beständig auf meiner Hut sein. Unter andern kam auch

mein alter Freund, Prinz Friedrich Wilhelm, und ich hatte die Freude,

auch vor ihm mein Gewehr zu präsentieren. Er sah mich einen Augenblick

scharf an, erkannte mich aber offenbar nicht in meinem Soldatenrock. Als

er fort war, kam mit einem Male mitten aus dem Getümmel des

zusammengedrängten Volkes mutterseelenallein ein kleines Stümpchen von

höchstens zwei Jahren die Rampe heraufgestiegen, gerade auf mich los. Da

es in Gefahr war, von den Wagen überfahren zu werden, nahm ich es bei

der Hand und führte es herunter, zum großen Jubel des zuschauenden

Publikums.

Am folgenden Tage stand das ganze Gardekorps teils auf dem

Schloßplatz, teils auf dem Opernplatz in Parade, und ich erinnere

mich noch deutlich, wie ich des Königs Stimme selbst vernahm, als

er laut rief: „Achtung!”, ihm nach dann die Generale: „Achtung!”

und so herunter bis zu unserm Regimentskommandeur immer eine

Stimme nach der andern: „Achtung!” und dann: „Präsentiert das

Gewehr!” In demselben Augenblick fiel der Vorhang vom Denkmal des

alten Fritz, und 101 Kanonenschüsse donnerten zum Zeichen, daß des

großen Königs Andenken erneuert worden war, und in begeisterter

Stimmung marschierten wir im Paradeschritt vor des Königs und

sämtlicher Prinzen und Prinzessinnen Augen an dem Denkmal vorüber

und die Linden hinunter.

Kurze Zeit danach hatten wir am Kreuzberg unser großes Feldmanöver

zu Ehren des russischen Feldmarschalls Paskewitsch. Dieses Manöver

war nach Gottes Führen und Regieren für meinen ganzen Lebensweg von

Entscheidung. Es war ein heißer Tag. Nach längeren, scharfen

Bewegungen, zum Teil im Laufschritt, hieß es plötzlich auf dem

weiten zugigen Felde: „Halt! Gewehr ab!” Da standen wir. Von der

Stunde ab fühlte ich mich nicht wohl, ohne daß jedoch sofort eine

Krankheit ausgebrochen wäre. In meinem jugendlichen Trotz wollte ich

nicht nachgeben und machte an den folgenden Tagen noch die

Felddienstübungen mit. Aber es wurde mir immer saurer, und ich litt

an Atemnot. Die Atemnot glaubte ich am besten durch kräftige

Anstrengungen der Lunge überwinden zu können. Es war gerade damals

ein köstliches Wellenbad in Moabit eingerichtet, wo ich gern mit

meinen Kameraden badete. Ich gewann noch eine Wette beim Schwimmen,

aber damit war auch meine Kraft zu Ende. Ich mußte mich revierkrank

melden, da ich keine Kraft mehr zum Marschieren hatte und mein Atem

immer kürzer wurde.

Zwei Tage lag ich recht elend auf meiner einsamen Stube in der

Klosterstraße, von meinen guten jüdischen Wirtsleuten gepflegt. Da

besuchte mich mein Freund, Gustav Bossart, den ich sehr

vernachlässigt hatte, und bewies sich nun recht als Helfer in der

Not. Er brachte die Nacht an meinem Bette zu und schaffte mich dann,

da er sah, wie ernst die Sache wurde, in das Militärlazarett in der

Grünen Straße, wo ich mit zwei andern Freiwilligen, zu denen zu

meiner großen Freude mein lieber Schäferssohn gehörte, ein Zimmer

teilte. Der Bataillonsarzt erkannte die Krankheit nicht sogleich;

als aber der Regimentsarzt kam, sagte er sofort: „Hier will ich Blut

sehen”, d. h. ich sollte zur Ader gelassen werden. Der junge

Militärarzt hatte noch wenig Übung in der Kunst des Aderlassens;

darum floß wohl dreimal so viel Blut, als der Arzt bestimmt hatte.

Es mochte aber so Gottes Wille sein zur Rettung meines Lebens. Denn

es zeigte das Blut einen hohen Grad von Lungenentzündung, sodaß ich

am nächsten Tage trotz des starken Blutverlustes noch einmal zur

Ader gelassen wurde.

Die Lungenentzündung war mit einer Entzündung des Rippenfells verbunden,

und es folgten nun dunkle Fieberstunden, die mich fast drei Tage lang

ohne Besinnung ließen. Doch waren die Fieberphantasien meist

freundlicher Art. Es ist mir darin etwas von dem klar geworden, was

Paulus erfahren hat: „Außer dem Leibe wandeln”. 2. Kor. 12, 2. Es war

mir nämlich so, als ob ich selbst die Schmerzen gar nicht mehr erlitte,

die mein armer Leib zu tragen hatte. Ich sah in der Nacht, als meine

Krankheit auf dem Höhepunkt war, einen Menschen, in welchem ich mich

selbst erkannte, auf einem hohen Berggrat liegen. Die eine Hälfte des

Menschen war ganz ein Eisklumpen, die andere stand in rotglühender

Hitze. Zunächst nämlich war nur die eine Hälfte meiner Lunge entzündet.

Dies war die Seite, die ich in der Gluthitze schaute. Ich konnte den

Menschen in seiner Qual bedauern, während ich mich selbst ganz wohl

fühlte.

Übrigens war meine Pflege jämmerlich. Der gute flachsköpfige Soldat,

der bei mir Nachtwache halten sollte, schlief die ganze Nacht durch,

und meine Bitte um einen Schluck frischen Wassers zur Linderung der

Gluthitze blieb vergeblich. Nur mein Freund Bossart saß tagsüber

öfter an meinem Bett. Eines Morgens aber, als ich eben aus einem

kurzen Fieberschlummer aufwachte, saß statt seiner mein guter Vater

da. Gerade in den ersten Tagen meiner Krankheit war des Vaters

Bruder Karl, mein späterer Schwiegervater, als Minister nach Berlin

versetzt worden. Er hatte mich zum Mittagessen eingeladen, und als

statt meiner die Nachricht kam, daß ich krank im Lazarett läge,

hatte er meinen Vater benachrichtigt. Der Vater blieb drei bis vier

Tage bei mir, bis ihn die liebe Mutter ablöste, die freilich die

Pflege besser verstand als die Lazarettgehilfen, zumal sie ja den

Vater so oft in der Lungenentzündung gepflegt hatte.

Die Krankheit ging aber nicht so schnell vorüber. Durch den

übermäßigen Blutverlust bei den beiden Aderlässen war eine Art

Wassersucht eingetreten, zu der dann noch ein typhöser Zustand

hinzukam. Doch erinnere ich mich noch mit Freuden daran, wie mich

einmal ein starker Grenadier auf die Arme nahm und die drei Treppen

hinunter in den Garten trug, wie er mich in einen Lehnstuhl, der

zwischen blühenden Blumen auf dem Rasenplatz stand, legte und wie

mich dann ein Gefühl des Dankes und der Freude über meine Genesung

ergriff. Einige Wochen später wurde ich zu meinem Onkel ins

Finanzministerium transportiert. Hier bekam ich mein Quartier in dem

schönen Gartensaal, wo wir als Kinder so glücklich gewesen waren.

Nach fünf Wochen hatte sich die Kraft so weit eingestellt, daß ich

die Reise in die Heimat antreten konnte.

Diese ernste Krankheit blieb mir ein Zeichen der Erbarmung und

Freundlichkeit meines Gottes. Ich hatte ihn öfter gebeten, wenn er

sähe, daß die große Stadt mit ihren Versuchungen mir gefährlich

werden würde, dann möge er mich selbst hinausführen an seiner Hand.

Ich konnte seine Gnadenführung deutlich erkennen. Namentlich die

ersten beiden Tage im Lazarett, ehe ich die Besinnung verlor, hatten

einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich lag ja mit den

beiden Freiwilligen auf dem Krankenzimmer und zwar zwischen beiden.

Der eine, der Schäferssohn aus Pommern, auch an der Brust leidend

wie ich, wenn auch nicht gerade an Lungenentzündung, war freundlich,

dankbar, still, ergeben, voll Lied und Lobgesang im Herzen. Der

andere, ein junger Kaufmannssohn aus Elberfeld, infolge seines

leichtsinnigen Lebens erkrankt, war beständig am Schimpfen und

Fluchen, worüber er von meinem Nachbarn zur Linken mit großer

Offenheit gestraft wurde. Als meine Krankheit zu schwer wurde, bekam

ich ein Zimmer allein. Von meinen beiden Leidensgefährten habe ich

nie wieder etwas gehört, aber der Eindruck blieb mir, was es doch

für ein Unterschied sei zwischen einem gottlosen Menschen und einem

Kinde Gottes.

Weil meine Krankheit einen chronischen Charakter annahm, so hatte

ich, als ich in die Heimat reiste, einen langen Urlaub bekommen.

Aber auch jetzt wollten sich die alten Kräfte nicht so schnell

wieder einstellen. Als ich mich darum nach abgelaufenem Urlaub bei

dem alten Regimentsarzt stellte, erklärte mich dieser für dauernd

dienstuntauglich. Doch bekam ich meine definitive Entlassung erst

neun Monate nach meinem Diensteintritt und zwar, wie es in meinen

Militärpapieren hieß, „als ein mit der Muskete ausgebildeter

Halbinvalide”.

Als Landwirt in Pommern. 1852-1854.

„Nun war guter Rat teuer. Was sollte weiter aus mir werden? Als ich von

dem alten Doktor wieder auf die Straße kam und der Droschkenkutscher

mich fragte, wohin er fahren solle, sagte ich zu ihm, das wisse ich

selbst nicht. Er möge fahren, wohin er Lust hätte. So fuhr er mich auf

die nahegelegene Post, und ich entschloß mich flink, da die Postpferde

gerade angespannt wurden, um nach Luckau zu fahren, einen kleinen

Abstecher zu meinem Freunde Ernst von Senfft zu machen, der damals auf

dem Hauptgute des alten Herrn Koppe in die Lehre getreten war.

Ernst von Senfft war in der Berliner Zeit, wo wir zusammen das

Friedrich-Wilhelms-Gymnasium besuchten, mein nächster Freund geworden

und seitdem auch geblieben. Die Freundschaft zu ihm war mit ein Grund

gewesen, weshalb ich den landwirtschaftlichen Beruf ergriffen hatte, in

der Hoffnung, mit ihm gemeinsam landwirtschaftliche Studien treiben zu

können. Während der Schülerzeit hatte ich von Berlin aus meinen Freund

einige Male auf das Gut seines Vaters, Gramenz in Hinterpommern,

begleitet, und es bestand ursprünglich die Absicht, daß wir dort

gemeinsam unsere erste landwirtschaftliche Lehrzeit zubringen sollten.

Aber gerade als wir diesen Plan in die Wirklichkeit umsetzen wollten,

wurde mein Freund berufen, den Prinzen Friedrich Wilhelm (unseren

späteren Kronprinzen und Kaiser) nach Bonn auf die Universität zu

begleiten. Auf diese Weise waren wir auseinander gekommen und freuten

uns nun um so mehr des Wiedersehens.

Ich brachte einige schöne, stille Wochen mit meinem Freund zusammen zu

und lernte zugleich bei dem originellen alten Koppe manches, was ich im

Oderbruch nicht hatte lernen können. Die Abende aber las ich mit Ernst

Senfft, nach unserer gemeinsamen alten Jugendlust, Homers Ilias und

dergl. mehr. Während unseres dortigen Zusammenseins traf eine Einladung

des Vaters meines Freundes ein. Dessen Berufung als Oberpräsident von

Pommern stand bevor. So konnte er sich wenig um seinen Besitz kümmern

und forderte uns auf, daß wir im kommenden Frühling gemeinsam unsere

bisher in der Landwirtschaft erworbenen Kenntnisse auf den Gütern in

Hinterpommern verwerten sollten. Da die Ärzte vor der Hand bei dem

Zustand meiner Lunge ein wissenschaftliches Studium nicht für geraten

hielten, so willigte mein Vater ein.

Um mich auf meine Tätigkeit noch weiter vorzubereiten, folgte ich

der Anregung eines andern Freundes, den ich in Kienitz kennen

gelernt hatte, und ging zu dessen Bruder Franz Bieler nach Machern

bei Friedeberg, einem trefflichen Landwirt, in dessen Hause ich

viele Freundlichkeit und Förderung genoß.

In den ersten Tagen des April 1852 langte ich zugleich mit meinem

Freunde Ernst in Gramenz an. Wir bezogen miteinander das Vorwerk

Raffenberg, eine halbe Stunde von dem Hauptgute Gramenz entfernt.

Raffenberg sollte von meinem Freunde Ernst bewirtschaftet werden,

während mir zunächst die beiden andern Güter, Schoffhütten und

Zechendorf, zugeteilt wurden, die ich von Raffenberg aus inspizieren

sollte.

Der alte Herr von Senfft hatte Gramenz in den dreißiger Jahren für

60000 Taler erworben. Er hätte bei diesem günstigen Ankauf ein

sorgenfreies Leben führen können, denn das Hauptgut, das für sich

allein 500 Morgen groß war, besaß sehr alte fruchtbare Ländereien

und war darum recht wertvoll. Allein der rastlose Geist des alten

Herrn war darauf gerichtet, alles unbebaute Land urbar zu machen. Um

das dafür nötige Vieh halten zu können, legte er großartige

Rieselwiesen an, zu deren Bewässerung das Wasser in drei großen

Bassins durch aufgeführte Dämme gesammelt wurde. Allein diese

Anlage, die Hunderttausende verschlang, brachte den gewünschten und

erhofften Ertrag nicht, zumal gleichzeitig über 100 verschiedene

Häuser gebaut wurden, sowohl für die wirtschaftlichen Zweige als für

die Tagelöhner. Die Wasser des pommerschen Landrückens waren zu arm

und darum der Ertrag der Wiesen zu gering. Infolgedessen befand sich

der alte Herr beständig in den drückendsten Sorgen. Da sollten wir

jungen Leute nun raten und helfen, und die Hoffnung, die er auf uns

setzte, ging dahin, daß binnen kurzem alle Sorgen von ihm genommen

sein würden.

Immerhin war, äußerlich angesehen, Gramenz ein prachtvoller Besitz,

zwei Meilen (15 Kilometer) lang, eine halbe Meile (3 bis

4 Kilometer) breit, von rieselnden Bächen und anmutigen Tälern

durchzogen und an seinem Rande von lieblichen Seen umgeben, die mit

Buchenwald eingefaßt waren. Was aber die Hauptsache war, um den

Aufenthalt für mich segensreicher zu machen als meine drei letzten

landwirtschaftlichen Orte Kienitz, Wollup und Machern: es bestand

von alter Zeit her ein kirchlicher Sinn in der Gemeinde, und der

Pfarrer Diekmann meinte es sehr treu. In der aufs freundlichste

ausgestatteten Dorfkirche wurden erquickende Gottesdienste gehalten,

zu denen wir uns regelmäßig Sonntags einfanden.

Wir beiden jungen Leute führten auf unserem Vorwerk ein eigenartiges

Junggesellenleben. Die Schäfersfrau besorgte uns unsere Küche. Wir

hatten jeder unser Reitpferd. Das meines Freundes hieß Soliman,

meins Dido. Ich hatte es bald so gewöhnt, daß es, wenn es auf der

Weide ging, auf einen Pfiff herankam und ich ihm bloß die Gerte, die

ich in der Hand hatte, ins Maul zu legen brauchte. Dann ließ es sich

ungesattelt in allen Gangarten reiten, indem ich es mit der Gerte,

deren beide Enden ich gefaßt hatte, lenkte.

Wir beiden Freunde sahen uns gewöhnlich nur morgens und abends,

gönnten uns aber doch bisweilen in einer trauten Einsamkeit an

irgend einem Bachufer ein Ruhestündchen, um unsere klassischen

Studien fortzusetzen. Unsere Freundschaft war sehr innig, auch in

bezug auf die äußeren Dinge. Wir waren beide genau gleich groß,

sodaß uns unser Zeug gegenseitig paßte. So hielten wir denn auf

völlige Gütergemeinschaft, und jeder schaffte nach seinen Mitteln

etwas in den gemeinsamen Kleiderschrank an, wobei man mit Vorliebe

das anzog, was der andere angeschafft hatte.

So scharf und heiß unsere Arbeit meist den Tag über war, so fehlte

es doch auch nicht an Erquickungen. Abends ritten wir oft auf unsern

schnellen englischen Vollblutpferden nach dem nur eine Meile

entfernten Buchwald hinüber, wo die älteste Schwester meines

Freundes an einen Herrn von Glasenap verheiratet war und wo damals

ein liebliches Familienleben aufblühte. Glasenaps hatten sich am

Ufer eines Sees ein gar freundliches Landhaus gebaut. In den schönen

Sommernächten fuhren wir oft noch spät unter fröhlichen Liedern auf

dem See, nachdem wir vorher ein erfrischendes Bad genommen hatten.

Auch in Gramenz selbst, ehe der alte Herr nach Stettin übersiedelte,

gab es in dem lieben Familienkreise manche freundliche Stunde.

Übrigens merkten wir beide, Ernst und ich, bald, daß die Sachen

nicht standen, wie sie stehen sollten. Waren in den früheren Jahren

große Fehler begangen, indem man zu große Flächen Wald urbar machte

und stattliche Gehöfte auf ihnen aufrichtete, ohne die nötigen

Mittel zu haben, um das urbar gemachte Land auch ertragfähig zu

machen, so war es neuerdings ein besonders schwerer Mißgriff

gewesen, daß man sich auf englische Pferdezucht und gar auf

Trainierung kostbarer Rennpferde eingelassen hatte. Vor allem aber

hatte der liebe alte Landesökonomierat Koppe, der sonst der

kundigste Ratgeber war, den man hätte finden können, seinem Freunde

Senfft geraten, eine große Zuckerfabrik zu bauen. Doch für den

Zuckerrübenbau waren viele Flächen noch zu jung und zu arm.

Noch schlimmer war es, daß der alte Herr von Senfft nicht nachließ,

seinen Pächtern immer neue Flächen zu entziehen in der Meinung, dadurch,

daß er das Pachtland in eigene Bewirtschaftung übernahm, besser

abzuschneiden. Der Sohn war hierin mit seinem Vater gar nicht

einverstanden. In seiner romantischen Art konnte er wohl, wenn wir

abends über einen der kleinen mit Eichen umstandenen Pachthöfe ritten,

unter einer der alten Eichen still halten und sich dann in die Seele

solch eines alten vertriebenen Erbpächters hineinzudenken, wie er seine

mit ihm ausgetriebenen und zu Tagelöhnern hinuntergesunkenen und

hinuntergestoßenen Leidensgefährten versammelte, um ihnen eine Rede zu

halten, in der er sie zum Aufruhr gegen ihren Bedränger aufforderte, der

sie von ihrem väterlichen Herd verstoßen und sie, voll unersättlicher

Gier nach erweiterten Grenzen, aus dem Schatten ihrer alten Eichen

verdrängt habe.

Der alte Senfft war in der Tat einer der wunderbarsten Menschen, die

ich je kennen gelernt habe. Schärfere Widersprüche können kaum in

ein und demselben Herzen angetroffen werden. Voll inniger,

ungeheuchelter Frömmigkeit, sich seines Heilands niemals schämend,

auch am Hofe des Königs nicht, für seine eigene Person mit dem

Geringsten zufrieden, ja, ängstlich sparsam, ohne jeden Adelsstolz,

hatte er doch auf der andern Seite Eigenschaften, die einem geraden

Charakter, wie z. B. meinem Vater, unbeschreiblich schwer waren. Er

liebte heimliche Wege, um zu seinen Zielen zu gelangen, und ließ

sich niemals hinter seine Geheimnisse schauen. Das schwerste aber

war uns Jungen seine Landgier. Diese besondere Gier verschloß ihm

die Augen gegen manche furchtbare Härte, ohne die die bisherigen

Pächter sich nicht aus ihren alten Wohnstätten vertreiben ließen.

Dazu kam, daß er in der Bewirtschaftung seiner Güter vielfach

Unmögliches forderte und darum von seinen Beamten, von deren

Vortrefflichkeit er oft geradezu kindliche Ansichten hatte, vielfach

hintergangen wurde. Unter solchen schwierigen Umständen, in die sein

Sohn und ich ahnungslos hineinversetzt waren, konnte es wohl

vorkommen, daß wir zueinander sagten: „Wir müssen beten, sonst sind

wir verloren.” So schwer legte sich mitten unter allerlei

Knabenscherzen die große Sorge auf unser Herz.”

Einige Wochen nach seiner Ankunft in Gramenz schrieb der junge

Inspektor Bodelschwingh seinem Vater:

Raffenberg bei Gramenz, Himmelfahrtstag 1852.

Lieber Vater!

Sei nicht böse, daß ich Dich so lange auf einen vernünftigen Brief

habe warten lassen. Die unerwartete Bedeutsamkeit und Ausgedehntheit

meiner hiesigen Stellung hat mich bis jetzt bei einer steten

aufgeregten Tätigkeit kaum zur Besinnung kommen lassen. Die

Feiertage selbst waren bis jetzt teils durch notgedrungenes langes

Schlafen, regelmäßigen Kirchenbesuch und gezwungenen Gramenzer

Familienaufenthalt, teils mit weitläufigem Rechnungswesen und

reformatorischen Beratungen so ausgefüllt, daß ich bis jetzt

vergeblich nach einer ruhigen Stunde gespäht habe, die mir nun

endlich ein feierlich schöner Himmelfahrtsabend freundlich gewährt.

Zuerst will ich nur gleich vorausschicken, daß unter allen

Wohltaten, für die ich dem lieben Gott Dank schuldig bin, kaum eine

mir größer erscheint, als daß er mich hierher geführt hat. Ich muß

wirklich meine hiesige Stellung nach allen Richtungen hin, sowohl

was ihren Wert für meinen Lebenslauf direkt, als für meine ganze

geistige Ausbildung im allgemeinen anlangt, eine ausgesucht

glückliche nennen. Hier hast Du zuerst eine flüchtige Beschreibung

meines landwirtschaftlichen Wirkungskreises.

Schoffhütten, das größere der beiden mir unterstellten Vorwerke,

Raffenberg, meinem Wohnort, am nächsten gelegen (3,8 Meilen

Entfernung), hat bei einer Viehhaltung von ca. 10 Pferden,

12 Ochsen, 20 Kühen und 700 Schafen ein Areal von etwa 800 Morgen

Acker mit 100 Morgen natürlichen Wiesen, außerdem eine unberechnete

Fläche teils verpachteten, teils noch nicht urbaren Landes, im

ganzen 2400 Morgen. Der bis jetzt unter den Pflug genommene Teil des

Schoffhütter Ackers ist seiner Bodenmischung nach unbezweifelt der

beste unter allen Gramenzer Ländereien, aber teils von den früheren

Pächtern ausgesogen, teils überhaupt noch ohne Kultur. Das Terrain

ist dabei im höchsten Grade unübersichtlich, unzählige Gräben und

steile Abhänge; die ganze Beackerungsweise ist mir vollständig neu.

Dabei sind größere Entwässerungsarbeiten eines in diesem Jahre neu

hinzugenommenen Schlages, Roden, Planieren usw. im Gange.

Das zweite mir unterstellte Vorwerk Zechendorf (der Wirtschaftshof

liegt über eine halbe Meile von dem Schoffhütter entfernt, sonst

sind beide Feldmarken nur durch einen kleinen Gramenzer Pächter

voneinander getrennt) hat 700 Morgen Acker, Wiese und Bruch,

6 Pferde, 12 Ochsen, die nötigen Kühe und 3 bis 400 Schafe. Es ist

erst seit vorigem Jahre teils aus der Verpachtung genommen, teils

neu zugekauft und befindet sich noch auf allen Punkten im Zustande

gänzlicher Verkommenheit und Verarmung. Hier sind noch bedeutende

Meliorationsarbeiten in Angriff genommen.

Überall handelt es sich um eine erste mühsame Bestellung, überall ist

Mangel an allem, darum aber herrscht auch über jedes mühsam

neugeschaffene Stück Land desto größere Freude. Die Handarbeitskräfte

auf beiden Vorwerken sind mehr als zureichend, da außer 20 eigenen

Tagelöhnerfamilien gegen 40 Pächter täglich einen Dienstmann stellen

müssen, sodaß ich täglich gegen 80 Leute zu beschäftigen habe. Auf jedem

Vorwerk ist ein Hofmeister, beides recht gescheite, eifrige, tüchtige

Männer, die bis dahin direkt unter den angrenzenden Inspektoren von

Raffenberg und Ernsthöhe gestanden hatten, außerdem aber und seit der

bedeutenden Erweiterung der Betriebe in diesem Frühjahr ganz

vorzugsweise unter dem Oberinspektor selbst. Der hat mich aber seit dem

großartigen Gramenzer Fabriktrubel völlig im Stich gelassen (es handelte

sich um eine Meinungsverschiedenheit über Anlage und Betrieb der

Zuckerfabrik). Über eine Meile von Gramenz entfernt bin ich

selbständiger, als mir lieb ist. Herr von Senfft kümmert sich eigentlich

gar nicht um die spezielle Bewirtschaftung; nach meinen entfernten

Vorwerken kommt er höchstens fünf- bis sechsmal im ganzen Jahr; mich hat

er erst einmal flüchtig besucht.

Außer diesen beiden Vorwerken, von denen mir in ihren jetzigen

Verhältnissen jedes einzelne eine reichliche und angenehme

Beschäftigung gewähren würde, habe ich nun unser hiesiges

Raffenberg, ein Gut von 2200 Morgen schweren Weizenbodens mit

700 Morgen Wiesen, täglich selbst tätig mitwirkend, unter Augen, da

Ernst Senfft allein von der Arbeit erdrückt werden würde. Namentlich

des hiesigen Rübenbaus, über 200 Morgen (ich selbst habe auf meinen

Vorwerken aus Mangel an aller Kultur erst dreißig Morgen bauen

können), habe ich mich speziell angenommen.

Außer Raffenberg passiere ich nun auf meinem täglichen Ritt noch

Ernsthöhe, 1500 Morgen leichteren Bodens, auch erst seit wenigen

Jahren aus der Wildnis emporgearbeitet, und auch hier bleibe ich mit

dem ganzen Wirtschaftsbetriebe bei dem ewigen Ineinandergreifen der

Vorwerke mit Leuten und Gespannen immer im Zusammenhange. Außerdem

muß ich mindestens ein- bis zweimal wöchentlich, außer Sonntag, nach

Gramenz, wo mir 450 Morgen Zuckerrüben unterstellt sind, dazu die

dortige Rieselwirtschaft und die Wäsche und Schur von 5000 Schafen,

wovon die beiden letztgenannten Sachen mir noch ganz fremd sind. So

ist das Feld für meine landwirtschaftliche Tätigkeit so unendlich

groß, daß ich gar nicht im Stande bin, es auch nur einigermaßen

auszunutzen und meine Pflicht, wie ich möchte, zu erfüllen.

Gleichwohl hat diese ersten Wochen über die eigentliche

Landwirtschaft nur den geringeren Teil meiner Aufmerksamkeit in

Anspruch genommen. Was mich viel lebhafter und inniger beschäftigt

hat, war das Schicksal der Tagelöhner, besonders auf meinen

entfernten Vorwerken, aber auch in Gramenz. Bei diesen Leuten, die

unter rohen Inspektorhänden auf etwas brutale Weise verkümmert und

verkommen waren, war es meine erste Sorge, wenigstens dem gröbsten

Elend abzuhelfen, wobei mir übrigens Herr von Senfft auf die

entschiedenste und freundlichste Weise zu Hilfe kam, da er

eigentlich von der Größe des Elends gar keinen Begriff hatte.

Schoffhütten und Zechendorf sind nämlich nicht, wie Raffenberg und

Ernsthöhe, neue Vorwerke, sondern beides alte Dörfer, mit

ehrwürdigen Bäumen aller Art schön ausgestattet, die die alten

Pächterwohnungen nach westfälischem Stil umgeben. Die Pächter sind

nun zum großen Teile aus ihren Wohnsitzen verdrängt, und statt

ihrer, soweit sie nicht selbst in Tagelöhner umgewandelt und als

Tagelöhner wohnen geblieben sind, ist allerlei Gesindel eingezogen,

das man aus Gramenz weggebracht hatte. Diese Leute, überschuldet wie

sie waren und daher nicht imstande, von ihrem Verdienst zu leben,

waren seit mehreren Monaten ohne Kartoffeln, ohne Getreide. Sie

trieben sich teils bettelnd umher, teils lagen sie faul zu Hause,

mißmutig, etwas zu tun, weil ihnen doch all ihr Verdienst auf ihre

gemachten Schulden abgerechnet wurde. Da war es nun meine erste

Sorge, gewaltsam und eigenmächtig einzugreifen. Da dies aber nicht

geschehen konnte, ohne daß ich mich auf das genaueste um die

Familienverhältnisse der Leute kümmerte, so bin ich fast täglich in

allen Stätten des großen Elends herumgekrochen und habe in vielen

Familien förmlich die Haushaltung geführt.

_Pfingsten._ Am Himmelfahrtstage zu früh unterbrochen und aufs neue

in den Strudel hineingetrieben, bin ich heute vom Gramenzer

Mittagstische direkt wieder nach Raffenberg umgekehrt, um endlich

den angefangenen Brief zu Ende zu bringen. Du kannst Dir denken, daß

nach der Behandlung, die die Tagelöhner bis dahin genossen, ich in

diesem Punkte eine unglaublich leichte und dankbare Stellung habe.

Obgleich ich mir eine Strenge und Härte anzwinge, die ich mir bis

dahin nie zugetraut habe, sind mir alle meine Leute in so kurzer

Zeit so ganz zugetan und anhänglich geworden, daß ich mich fast

täglich der Ausbrüche ihrer Dankbarkeit gewaltsam erwehren muß.

Ich denke übrigens, indem ich die Leute aus dem Elend gerissen, auch

Herrn von Senfft bedeutend genutzt zu haben. Indem ich die Kräfte

der eigenen Leute aufs äußerste durch Akkordarbeiten ausnutzte, das

Gramenzer Betteln durch Hilfe an Ort und Stelle zu Ende brachte,

Frauen und Kinder beim Rübenbau beschäftigte, ist es mir mit der

Zeit möglich geworden, gegen 40 fremde Arbeiter und Pächterknechte

teils zu entlassen, teils nach Gramenz zu schicken und hier wieder

die Annahme von noch teureren fremden Leuten zu vermeiden. In

ähnlicher Weise habe ich eine Menge kleiner Einrichtungen gemacht,

die ich erst in Zechendorf, dann in Schoffhütten ausprobte und von

da hierher nach Raffenberg verpflanzte. Ich habe den Leuten statt

des bloßen teuren Roggens, von dem sie ausschließlich lebten,

Kartoffeln und Gerste angeschafft, womit sie ein Drittel billiger

auskommen. Ich zahle ihnen ihren Tagelohn statt vierteljährlich

wöchentlich aus, wodurch sie zu doppeltem Fleiß angefeuert werden.

Für die ganz verkommenen Familien lasse ich Suppe kochen, die sie

für ein billiges erhalten, damit auch die Frau ohne häusliche Sorgen

täglich mitarbeiten kann. Manchen messe ich ihr Mehl für ihre Suppe

zu und bestimme danach, wie lange sie mit ihrem Scheffel auskommen

müssen, weil ich erfahren hatte, daß sie in der Not, aber wohl auch

zum Branntweinsaufen, das empfangene Korn teilweise wieder

verkauften.

Ich halte mich notgedrungen beständig in Zusammenhang mit den

Speisekammern fast sämtlicher Leute. Die Vorräte an Mehl,

Kartoffeln, Salz und Milch muß ich stets im Gedächtnis haben. Das

Ganze ist im eigentlichen Sinne des Worts meine eigene Haushaltung.

Denn indem ich das Schicksal sämtlicher Leute von der Gramenzer

Inspektoren-Kamarilla losband, habe ich auch ihre ganzen Schulden,

gegen 300 Taler, persönlich auf mich genommen, zwar nicht mit der

Verpflichtung, sie der Gramenzer Gutskasse wieder zu bezahlen, aber

doch mit dem Versprechen, darin mein Bestes zu tun. Ich erhalte nun

wöchentlich aus der Gutskasse meinen vollen Tagelohn für alle Leute,

mit dem ich nach besten Kräften für die Leute wirtschafte. So habe

ich also außer meiner ausgedehnten landwirtschaftlichen Tätigkeit

auch eine große Familienhaushaltung, die neben manchem andern

Lehrreichen auch für mich das Gute hat, daß ich im steten

Zusammenhange mit so großer Armut und so großen Entbehrungen mit

meinem eigenen Lose recht von Herzen zufrieden sein kann und mir

auch für die Zukunft jede Entbehrung leicht werden wird.

Übrigens ist meine jetzige Lebensweise auch keineswegs üppig zu

nennen. Am frühen Morgen Raffenberg mit einer Tasse Milch und einem

Stück Brot im Magen verlassend, kehre ich der Regel nach erst abends

gegen zehn dahin zurück, zu müde, mehr wie einen Teller saure Milch

zu vertilgen. Den Tag über auf meinen Vorwerken wird nach Umständen

gelebt, mitunter ein Butterbrot, mitunter ein paar Kartoffeln oder

Eier, mitunter gar nichts. Dabei befinde ich mich aber so gründlich

wohl und kräftig, daß ich es nicht beschreiben kann.

Mein täglicher Ritt beträgt in gradester Richtung mindestens zwei

gute Meilen, wozu dann häufig noch die dritte und vierte kommt. Der

Weg ist indessen entweder so hart oder bei nassem Wetter so

schlüpfrig, das Terrain so hügelig, so viel Moraste, Gräben und

mühsame Pfade, daß von scharfem Reiten selten die Rede ist und daß

die Zeit zu Pferd mir immer eher eine angenehme Erholungszeit für

Geist und Körper als eine Anstrengung ist. Die Szenerie ist zum

großen Teile wirklich so lieblich und wird für mein Auge mit jedem

Tage so viel lieblicher, daß ich Euch auf Eurer Reise im Thüringer

Walde gar nicht zu beneiden brauche.

Jeden frühen Morgen führt mich mein Weg durch den im frischen üppigen

Grün prangenden Buchenwald, meist auf selbstgesuchten näheren Pfaden, wo

ich oft Zweig für Zweig zurückbiegen oder gebückt durch Laubengänge

kriechen muß. Und des Abends, so wie gestern zum Beispiel, kehre ich im

Mondschein wieder zurück, am liebsten an den Bachufern entlang, wo die

Nachtigallen seit drei Wochen schon fleißig am Singen sind. Meine

Feldmarken selbst aber sind wie aus der schönsten westfälischen

Landschaft herausgeschnitten, mit Eichengruppen, kleinen Wiesen, Hecken

und zerstreuten Pächterwohnungen mannigfach verziert; dazu dann eine

weite herrliche Aussicht über das ganze Gramenzer Gelände (denn

Schoffhütten und Zechendorf liegen wohl mehrere hundert Fuß über den

Gramenzer Wiesen). Da geht mir nicht selten das Herz so auf, daß ich

laut aufjauchzen möchte vor Fröhlichkeit.

Zu andern Zeiten kann ich dann freilich auch eine gewisse Wehmut

nicht zurückweisen, wenn ich die schönen alten Pächtereien, auf

denen oft ein und dieselbe Familie hundert Jahre gewohnt hatte, nun

verwaist und verlassen stehen sehe, und nicht selten trifft man auf

Leute, denen in Erinnerung an ihre alten Wohnstätten, die sie als

ihr Eigentum anzusehen sich gewöhnt hatten, die Tränen in die Augen

treten. Wie weit da nun Recht oder Unrecht waltet, kann ich nicht

beurteilen, geht mich auch gar nichts an. So viel weiß ich aber, daß

so viele Leute ihres heimatlichen Landes beraubt sind, ohne daß bis

jetzt Herrn von Senfft der geringste Nutzen daraus erwachsen ist.

Denn das den Pächtern genommene Land ist teilweise in Hände geraten,

die es noch mehr mißhandelt haben wie jene.

Der jetzige Oberinspektor aber, dahinter sind wir bald genug

gekommen, ist in der Tat ein höchst untüchtiger Mann, der seiner

Stellung nicht im geringsten gewachsen ist. Er hat in sehr wilder

und leichtsinniger Weise darauf losgewirtschaftet, Land und Leute

verdorben und Herrn von Senfft großen Schaden gemacht. Es ist daher

auch bald ein drückendes Verhältnis zwischen Ernst und mir auf der

einen Seite und ihm auf der andern Seite eingetreten. Wir kamen

zuerst mit unsern Verbesserungsvorschlägen zu ihm. Aber da wir von

ihm zurückgewiesen wurden, hielten wir uns bald für verpflichtet,

sie durch Herrn von Senfft selbst durchzusetzen, der uns in allen

Stücken ein fast zu großes Vertrauen schenkt. Dadurch ist nun der

Mann moralisch sehr heruntergedrückt, während unser Wirkungskreis

sich sehr erweitert hat. Einmal mißtrauisch geworden, haben wir uns

bald verpflichtet gefunden, überall mit zuzusehen, haben in der

Fruchtfolge geändert, im ganzen Leutewesen reformiert, ohne des

Oberinspektors Einwilligung das Rechnungswesen umgestaltet usw.

Dadurch sind wir allmählich sehr mächtig geworden und sind fast

wider unsern Willen in eine Stellung hineingeraten, der wir gar

nicht recht gewachsen sind.

Zum Schluß will ich nur noch sagen, daß unser Familienleben, nämlich

Ernst Senffts und meins, einzig ist und daß die Freude, mit dem

unvergleichlichen Jungen zusammen leben zu können, alle andern Freuden,

die mir hier Natur und Beruf reichlich gewähren, weit übersteigt. In

einem kleinen Zimmer, mit allem möglichen Studentenflitter ausgestattet,

hausen wir auf das lustigste, präsidieren bei Tafel über zwei

Wirtschaftslehrlinge und einen Schulmeister, denen gegenüber wir die

Würde zweier Wirtschaftsprinzipale einzunehmen wissen. Daß bei unserer

jetzigen Tätigkeit nicht viel von theoretisch-wissenschaftlichen Studien

die Rede sein kann, magst du leicht denken. Gleichwohl passiert es uns

gar häufig, daß wir uns des Abends unwillkürlich aus übergroßer

Müdigkeit aufrütteln und uns über irgend einem unserer guten alten

Klassiker bis tief in die Nacht hinein ergötzen oder uns an

beiderseitigen reichen Erinnerungen aus den letzten Jahren, die wir noch

lange nicht alle ausgetauscht haben, beglücken.

In der leisen Hoffnung, wenn nicht Dich selbst, so doch eins der

Schwesterchen mit Herrn von Senfft von Berlin ankommen zu sehen, bin

ich freilich diesmal getäuscht worden, hoffe aber doch noch einmal,

Dir und ihnen unsere Herrlichkeit hier zeigen zu können.

Verzeih mein wildes, unruhiges, unordentliches Geschwätz noch

einmal, indem ich hoffe, bald vollständigere Nachricht geben zu

können, und grüße die Mutter und die Schwestern

von Deinem gehorsamen Sohn

Friedrich.

„Da der alte Herr”, so heißt es in den Erinnerungen weiter, „die

gewöhnlichen Tänzereien bei den Erntefesten nicht litt, so erlaubte

er meinem Freunde und mir, unsere Erfindungskraft anzustrengen, auf

welche Weise dennoch fröhliche Volksfeste gefeiert werden könnten,

um den Tagelöhnern und ihren Kindern nach der heißen Sommerarbeit

einen Festtag zu gewähren. An irgend einem hochgelegenen Waldrande

unter Eichen und Buchen wurden eine ganze Reihe von Feldküchen

eingerichtet und ganze Körbe voll Kuchen und Obst hinausgeschafft.

Mit Lied und Lobgesang im Kirchen- und Volkston wurde begonnen. Dann

folgte eine Ansprache an die Versammlung, die auf die reiche Güte

Gottes hinwies. Jetzt ging's an die fröhliche Mahlzeit, die von den

Gesängen der Kinder unterbrochen wurde. Dann wurde zu den

mannigfaltigsten Spielen eingeladen, die für die Größeren und die

Kleineren, für die Burschen und für die Mädchen besonders

eingerichtet waren. Am Abend wurde mit Gesang und Gebet geschlossen.

Eins dieser Feste, das wir an einem besonders herrlichen Platz

meines hochgelegenen romantischen Schoffhütten feierten, nahm

freilich ein trauriges Ende. Denn der Pommer liebt leider den

Schnaps über alle Maßen. Lieschen Senfft, die Schwester meines

Freundes, hatte den Honoratioren der Gesellschaft eine Überraschung

bereitet. In einer besonders dichten Waldecke hatte sie einen

kleinen Platz aushauen lassen, zu welchem ein ganz verborgener Pfad

führte. Hier war künstlich eine schöne Laube zurechtgeflochten, mit

Blumen geschmückt und mit Rasenbänken versehen, zwischen denen die

schönsten Kaffeetische mit allerlei Zubehör aufgeschlagen waren.

Während nun unsere Dorfbewohner fröhlich schmausten und Kaffee

tranken, hatten wir uns hierher zurückgezogen. Da kam plötzlich die

Nachricht: „Man prügelt sich.” Irgend ein Nichtsnutz hatte in ein

anderes Waldgestrüpp ein Schnapsfaß eingeschmuggelt. Dem hatten eine

Anzahl junger Burschen so fleißig zugesprochen, daß alsbald nach

pommerscher Weise auch das Prügeln begann. Denn Schnaps und blutige

Prügeleien waren hier alte Volkssitte. Die Männer liefen mit langen

Knütteln bewaffnet herzu, um Frieden zu stiften. Da galt es denn für

meinen Freund und mich, mitten zwischen die Knüppel zu springen, und

nur mühselig gelang es uns, den Blutströmen zu wehren. Der traurige

Abschluß unseres Festes war der Anlaß, daß hinfort keins dieser

fröhlichen Volksfeste mehr gefeiert wurde.

Übrigens diente während der Erntezeit dieses ersten Sommers ein

merkwürdiges Ereignis dazu, mir die Augen über die ganzen

Verhältnisse noch mehr zu öffnen. Mein Freund und ich waren spät

abends noch zu einem Moorbrand gerufen worden, dessen Löschen uns

bis tief in die Nacht hinein beschäftigt hatte. So hatte ich nur

wenig Schlaf gefunden, als ich am andern Morgen um fünf Uhr schon

wieder mein Pferd bestieg, um meinen gewohnten Weg nach meinem

Vorwerk einzuschlagen. Dort bin ich aber von niemand bemerkt worden.

Dagegen kam ich nach etwa sieben Stunden auf dem Pferde sitzend

wieder in Raffenberg an. Meine Dido hatte ihre beiden Knie und ich

meinen Kopf etwas wund. Ich stieg noch selbst vom Pferde und wollte,

wie ich es gern, wenn ich nach Haus kam, zu tun pflegte, das kleine

Töchterchen unserer Wirtin auf den Arm nehmen. Diese bemerkte aber

etwas Besonderes an mir, gab mir das Kind nicht, sondern geleitete

mich auf mein Zimmer, brachte mich zu Bett und sorgte für kalte

Umschläge auf meinen Kopf. Erst mit hereinbrechender Nacht wachte

ich auf und sah den lieben alten Herrn von Senfft an meinem Bette

sitzen.

Offenbar bestand die Lösung des Rätsels darin, daß ich infolge

meiner geringen Nachtruhe auf dem Pferde eingeschlafen war und daß

meine Dido, durch keinen Zügel gehalten, gestürzt war. Da ich das

gelehrige Tier daran gewöhnt hatte, sowohl frei hinter mir

herzugehen, indem ich ihm den Zügel über den Hals legte, als auch

still zu grasen, wenn ich mich irgendwo ein wenig ausruhen wollte,

so hatte mich Dido auch nach unserm beiderseitigen Sturz nicht

verlassen, bis ich nach etwa fünf- bis sechsstündigem Liegen auf der

Erde wieder so weit zur Besinnung kam, daß ich in den Sattel kommen

konnte. So hatte denn das Pferd von selbst seinen Weg nach Hause

eingeschlagen. Merkwürdig war nur, daß von dem Vorgefallenen nichts

in meiner Erinnerung geblieben war.

Der Arzt stellte eine Gehirnerschütterung fest, und ich hatte etwa

vierzehn Tage völlige Ruhe nötig. Erst allmählich lernte ich wieder

gehen und lesen, da mir beides anfangs schwer gefallen war. Für

diese Ruhezeit nahm mich der alte Herr von Senfft mit nach Gramenz

und ließ mich auf das treuste pflegen. Zugleich fand ich hier

Gelegenheit, tiefere Blicke in die auf mannigfache Weise zerrütteten

Verhältnisse zu tun und auch die Persönlichkeiten zu durchschauen,

die dem Bestehen des Ganzen gefährlich waren. Zu meinem Freunde

zurückgekehrt, teilte ich ihm alles mit, was ich wahrgenommen, und

nicht ohne heiße Kämpfe wurden nun einige Persönlichkeiten aus dem

Sattel gehoben, die bis dahin in der höchsten Gunst des alten Herrn

gestanden hatten, aber sonst als Tyrannen gefürchtet waren.

Damit brach nun allerdings für mich eine sehr ernste Zeit an. Der

alte Herr forderte mich auf, und die Umstände ließen es auch nicht

wohl anders zu, die Leitung des ganzen Gutes zu übernehmen. Da ich

von Kienitz her mit dem Zuckerrübenbau sehr genau vertraut war, so

glaubte er wohl, ein besonderes Recht dazu zu haben, mir die neue

Aufgabe zuzumuten. Denn an den Zuckerrüben schien in der Tat die

Rettung der ganzen Lage zu hängen. Da er selbst, wie schon bemerkt,

nach Stettin übergesiedelt war und sich nur noch gelegentlich in

Gramenz aufhielt, so mußte ich meinen Wohnsitz von Raffenberg nach

Gramenz verlegen.

Im Herbst 1853 verließ mich mein Freund Ernst, um in Berlin sein

Einjährigenjahr abzudienen. Aber Gott schenkte mir ein paar tüchtige

neue Gehilfen. Der eine war der Bruder meines früheren Lehrmeisters

in Mechern, Bieler, der schon in Kienitz mit mir zusammen gearbeitet

hatte, und der andere der Sohn meines früheren Religionslehrers, des

Dompredigers Snethlage, Moritz, der anstelle von Ernst Senfft die

Bewirtschaftung von Raffenberg übernahm.

Es war kein Geringes, was auf meine Schulter gefallen war. Im

Äußeren schenkte Gott gerade für dieses Jahr viel Segen und Hilfe,

sodaß die materiellen Nöte zu schwinden schienen. Aber um so größer

waren die Nöte und Gefahren, die auf meiner Seele lagen, und oft

stieg ich an der Stelle, wo ich, wie ich vermutete, an jenem Morgen

bewußtlos gelegen hatte, vom Pferde -- die Stelle lag an einem

schattigen Bachufer mitten im Walde verborgen --, um Gott um Hilfe

anzuschreien. Es waren im ganzen zwölf Inspektoren, ältere und

jüngere, die alle der Leitung und Aufsicht bedurften. Dazu fühlte

ich aber keineswegs die Kraft in mir. Sonntagmorgens ging man wohl

nach alter Ordnung in die Kirche, aber den ganzen Sonntagnachmittag

pflegten wir auf der Kegelbahn zuzubringen, und an viel Leichtsinn

und Verirrungen mancherlei Art fehlte es unter uns nicht.

Doch wir jungen Leute fanden in unsern geistlichen Nöten einen

besonders treuen Freund. Das war der Posthalter von Gramenz, ein

früherer Wirtschaftsinspektor, der aber, weil er leidend war, diesen

leichteren Posten übernommen hatte. Er hieß Otto Mellin. Oft wenn

jemand einen Brief holte oder brachte, hörte er gleichzeitig dessen

verborgenste Klagen mit an und teilte Freud und Leid mit jedermann.

In besonderen Fällen aber, und wenn Zeit und Stunde es erlaubten,

nahm er den Betreffenden mit in sein kleines freundliches Stübchen,

das hinter dem Postbüro lag. Dort schlug er in der Bibel die Stelle

auf, die ihm für die besondere Not die rechte Arznei zu liefern

schien.

Unverhofft merkten wir, der eine wie der andere unter uns jungen

Leuten -- denn laut wurden diese Sachen nicht verhandelt --, daß man

in Otto Mellin einen Freund gefunden und an derselben Quelle Hilfe

und Trost geschöpft hatte. Unser lieber Pastor Diekmann, der kräftig

und treu sein Amt verwaltete, war persönlich zu heftig, sodaß man

sich nicht zu ihm traute. So bot der liebe Mellin, der in unsern

schalkhaften Freundeskreisen immer „Seine Majestät die Post” hieß,

einen Ersatz für das, was wir bei unserm Pastor an Seelsorge nicht

fanden.

Durch Freund Mellin machte ich in einer Hütte, die zu Gramenz

gehörte, die Bekanntschaft eines armen Kranken, die für mich von

besonderem Wert wurde. Der Besuch in dieser Hütte war um so

bedeutsamer für mich, als er in großem Gegensatz stand zu einer

früheren Erfahrung. Der alte Herr von Senfft hatte mir einmal im

ersten Jahre eine Rolle mit 100 Talern geschenkt mit dem Auftrag,

sie zum Besten der Armen zu verwenden, und zwar in den beiden

Vorwerken, die mir zuerst anvertraut waren. Besonders in einem

dieser Vorwerke herrschte noch in ungezügelter Grausamkeit der

Branntwein. Von dieser Macht des Branntweins hatte ich gleich in

einer der ersten Katen, in die mich meine Armenbesuche führten,

einen besonders erschreckenden Eindruck. Bei den alten pommerschen

Katen waren die vier Pfosten der Hütte ohne jede Schwelle einfach

auf vier Steine gesetzt. Je mehr nun diese Pfosten an ihrem unteren

Ende faulten, desto tiefer sank die Hütte zur Erde herunter. Solange

der Branntwein in solch schornsteinlosen Hütten nicht das Regiment

führte, ließ sich ganz glücklich darin leben. Ja, es hatte früher

einen langjährigen Krieg der Bewohner dieser alten Hütten gegen die

modernen Schornsteinhäuser gegeben.

Aber in der obenerwähnten Hütte, in die ich nur mit gebücktem Kopf

hatte eintreten können, herrschte der Branntwein. Der Mann soff,

solange er etwas hatte, die Frau auch, und selbst ihren Kindern

gaben sie zur Betäubung des Hungers von dem unseligen Naß. Als ich

nun durch die niedrige Tür in den einzigen Raum, den der Katen

enthielt, hineingekrochen war, sah ich auf dem Strohlager an der

Erde eine Leiche liegen. Es war die Leiche der Mutter des Hauses.

Während ich noch, entsetzt von dem Anblick der Not und des Grauens,

dastand, bewegte sich die Decke, und ein schmutziger Kinderkopf und

bald noch einer guckten unter der Decke hervor, verkrochen sich aber

bald wieder, denn es war bitter kalt. Draußen lag Schnee und drinnen

brannte kein Feuer.

Bei dieser armen Familie versuchte ich zuerst mein Heil mit meinen

100 Talern, wurde aber gründlich zuschanden. Denn der Roggen, den

ich ihnen schenkte, und die Kleider, die ich für die armen

zerlumpten Kinder kaufte, wurden, soweit es möglich war, wieder in

Branntwein verwandelt. Ähnlich ging es mir bei andern Familien.

Meine 100 Taler waren im Umsehen ausgegeben; aber ausgerichtet hatte

ich _nichts_. Und diese Lehre war mir nicht zum Schaden, denn ich

lernte, daß mit bloß menschlichen Künsten der Gutmütigkeit gegen

menschliches Elend und gegen Sünde, von der das Elend stammt, nichts

auszurichten ist.

Wie ganz anders sah es aber in der Hütte aus, in die mich mein

Freund Mellin führte! Auch in ihr wohnte große Armut und Krankheit

und Elend dazu. Aber statt des Branntweins hatte hier der Friede

Gottes das Regiment! Seit 28 Jahren, fast von seiner Jugend an, lag

hier auf verhältnismäßig sauberem Lager ein Lazarus: „der kranke

Fritz”, so hieß er im Dorf. Aber er besaß, was mehr war als die

Schätze Ägyptens: er wußte, was er an Jesus Christus hatte, nämlich

die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden. Und das

machte ihn reich und glücklich. Der Vergleich mit den armen

Branntweinsäufern, die mit keinem Mittel menschlicher Weisheit aus

ihrem Elend gerissen werden konnten, zugleich mit der Erinnerung an

meine vergeblich ausgegebenen 100 Taler -- und dem gegenüber der

kranke Fritz mit seinem reichen Besitz der unvergänglichen

köstlichen Perle machten einen tiefen Eindruck auf mich. Der kranke

Fritz wurde von da ab im Verborgenen mein Freund. Gott allein weiß

es, und die Ewigkeit wird es klarmachen, was ich ihm verdanke!

Mitten in diese für mich so bewegte Arbeits- und Kampfeszeit fiel

ein Ereignis besonderer Art. Ich war eines Abends im Monat Mai 1854

nach Buchwald hinübergeritten, wo mir ja immer der Eintritt in das

liebe Glasenapsche Familienleben offen stand. Da wurde ein Brief

durch einen besonderen Boten von Gramenz hinter mir her geschickt.

Er war von der Hand meiner lieben Mutter und begann: „Ehe Du diesen

Brief liest, mein lieber Sohn, bitte Gott, daß es Dir zum Segen

werde, was ich Dir mitteilen muß.” Und nun kam die Nachricht von dem

seligen Heimgang meines Vaters.

Der Vater hatte sich schon mehrere Jahre zuvor wieder eine Arbeit

vom König ausgebeten. Und zwar hatte er gewünscht, daß ihm wieder

ein Landratsamt zugewiesen werden möchte. Er trachtete nicht nach

hohen Dingen, und solch ein geringer Posten wäre ihm in der Tat das

liebste gewesen. Statt dessen hatte ihn der König im Jahre 1852 zum

Regierungspräsidenten in Arnsberg ernannt anstelle des jüngeren

Bruders meines Vaters, der das Finanzministerium in Berlin übernahm.

Auch dieser Posten war ihm recht, und er hat ihn mit größter

Freudigkeit und Treue die zwei letzten Jahre seines Lebens

verwaltet.

Etwa ein Jahr vor der mir ganz überraschend gekommenen

Todesnachricht hatte mich schon einmal ein Brief der Mutter

plötzlich den weiten Weg von Gramenz nach Westfalen machen lassen.

Die Mutter schrieb, daß der Vater tödlich erkrankt sei und die Ärzte

wenig Aussicht für sein Leben ließen. Als ich nach Berlin zu meinen

Verwandten kam, war die dort eingetroffene Nachricht noch

hoffnungsloser, sodaß ich nichts anderes mehr erwarten konnte, als

des Vaters Antlitz hienieden nicht mehr zu sehen.

Ich kam von Soest mit der Post abends zehn Uhr in Arnsberg an, wo

das elterliche Haus dicht bei der katholischen Kirche an einem

freien Abhang gelegen war. Der Mond stand hell am Himmel. Ich traute

mich zunächst nicht in das Haus hinein, sondern ging von allen

Seiten herum, um an den etwa vorhandenen Lichtern zu erkennen, was

ich darin wohl vorfinden würde. Noch stand ich einen Augenblick an

das Geländer des Abhangs gelehnt, als plötzlich die Haustür aufging

und ein Mann heraustrat. Es war der Doktor. Ich lief ihm nach und

faßte ihn beim Arm. „Gehen Sie nur getrost hinein,” sagte er, „seit

heute mittag ist die Krisis zum Leben eingetreten.”

Drinnen fand ich außer der Mutter und den beiden Schwestern auch

meine beiden Brüder, die bereits vor mir eingetroffen waren, Franz

von seiner Oberförsterei, Ernst, der den Soldatenstand erwählt

hatte, von seiner Garnison in Frankfurt a. M. Ich war der weiteste

und letzte. Am Morgen nach meiner Ankunft hörte ich, an der Tür

stehend, den Vater zur Mutter sagen: „Frau, was machst du für ein

Gesicht! Ich glaube, der Friedrich ist auch da.” So mußte ich denn

hinein. Dann haben wir miteinander, wie schon so oft, die selige

Zeit der Wiedergenesung des Vaters mit innigster Dankbarkeit und

Freude gefeiert. Denn sobald die Krisis eingetreten war, ging es bei

der kräftigen Natur des Vaters meist schnell wieder mit ihm

aufwärts. Es war dies das letzte Zusammensein, das ich auf Erden mit

dem teuren Vater hatte. Noch einmal kosteten wir alle mit vollen

Zügen das friedsame Glück unseres Familienlebens.

Bei Gelegenheit dieser seiner Erkrankung hatte Vater vor der Feier

des heiligen Abendmahls einmal gesagt: „Herr, wenn du siehst, daß es

mir und den Meinen heilsam ist, daß ich noch bleibe, so will ich

wohl bleiben; wenn du aber siehst, daß ich von dir abkommen sollte,

so nimm mich nur gleich dahin!” Dem Pastor Bertelsmann aber sagte er

damals: „Ein armer bußfertiger Sünder stirbt allezeit in Frieden.”

Von dieser Zeit ab äußerte er öfter das Verlangen, daß ihm Gott

doch ein langes untätiges Alter ersparen möchte und, wenn er nicht

mehr arbeiten könne, mit ihm eilen möchte aus der Zeit in die

Ewigkeit.

Besonders schwer lag meinem Vater meine Zukunft auf der Seele. Weil

er arm war und mir kein eigenes Gut kaufen konnte, mich auch die

Bewirtschaftung unseres kleinen Familienbesitzes Velmede nicht hätte

befriedigen können, so hatte ich meinem Vater öfter erklärt, daß ich

gern mein Leben lang als Verwalter fremder Güter arbeiten wolle. In

der Tat erscheint mir das noch jetzt viel leichter, als selbst

Besitzer zu sein, wenigstens unter den Verhältnissen, in denen sich

die meisten Besitzer der östlichen Provinzen befinden. (1884

geschrieben.) Einmal ist es die Last der Sorge, die einen großen

Teil von ihnen drückt, da sie mit Schulden beladen sind. Aber noch

mehr sind die Umstände qualvoll, daß sie sich immer in den Gewinn

der Ernte gewissermaßen mit den Tagelöhnern zu teilen haben und

dabei der beständige Kampf nicht aufhört, wieviel sie diesen geben,

wieviel sie selbst behalten sollen. Für einen Verwalter fremden

Gutes, der keinen eigenen Gewinn für sich daraus zu ziehen hat, ist

dagegen die Lage unvergleichlich leichter, und die Sorgen sind so

viel geringer.

Gleichwohl war dieser Gedanke meinem Vater schwer; und er hatte den

Wunsch, da meine Gesundheit sich inzwischen wieder vollkommen

gekräftigt hatte, daß ich noch einmal eine Universität beziehen

möchte. Was ich aber nach seiner Meinung studieren solle, sagte er

nicht. Bloß wenn vom juristischen Studium die Rede war, sagte er:

„Junge, das ist für dich zu trocken, das hältst du nicht aus.” -- So

blieb diese Frage offen. Ich reiste von Arnsberg nach Pommern

zurück, um zunächst meine dortige Arbeit fortzusetzen, in der ich

dann, ein Jahr später, durch die Nachricht von dem Tode meines

Vaters überrascht wurde.

Durch eine Hungersnot, die infolge einer Mißernte im südlichen Teil

des Regierungsbezirks Arnsberg herrschte, hatte Vater im Frühling

1854 eine ihn besonders bedrückende Last auf sich liegen. Er liebte

es nicht, solche Nöte vom grünen Tisch aus zu bekämpfen, sondern

hatte sich persönlich nach dem armen Wittgensteiner Land aufgemacht.

Er hatte zu Fuß die armen Ortschaften durchwandert und war selbst in

die Hütten eingetreten, an deren Tür der Hunger klopfte, um nach

eigenem Augenschein desto leichter und gründlicher Abhilfe schaffen

zu können.

Eines Nachmittags wurde er von einem Regenschauer überrascht, sodaß

er durchnäßt in dem kleinen Städtchen Medebach anlangte. Dort war

es, wo ihm Gott seine Sterbestunde bescherte. So wie er es sich

gewünscht hatte, wurde er mitten aus seiner frischen, fröhlichen

Arbeit herausgerufen. Die Mutter konnte auf die Nachricht von seiner

Erkrankung noch zu ihm eilen und einige Tage das ihr allezeit

köstliche Glück genießen, ihn selbst pflegen zu dürfen und mit ihm

stille, selige Stunden zu feiern. Sie war diesmal voller Hoffnung,

daß es wieder zum Leben gehen würde. Dann aber war plötzlich

Lungenschlag eingetreten, der beiden nur eben so viel Zeit ließ,

voneinander Abschied zu nehmen, ohne daß zu einem langen

schmerzlichen Scheiden Zeit geblieben wäre.

Als beide Schwestern, Frieda und Sophie, die zuerst die

Trauernachricht erreichte, in das Zimmer traten, wo die Mutter neben

der Leiche des Vaters saß, da sahen sie zu ihrem Erstaunen nicht ein

von Schmerz zerrissenes, sondern von Dank verklärtes Antlitz, ebenso

voll Frieden als das verblichene Antlitz des Vaters selbst. „Aber du

weinst ja nicht?” fragt eine der Schwestern. „Wie sollte ich

weinen,” war ihre Antwort, „da Gott ihn mir 28 Jahre lang gelassen

hat und wir so unbeschreiblich glücklich zusammen gewesen sind!” Es

war freilich noch etwas Größeres, das ihre Tränen stillte und ihre

Traurigkeit in Freude verwandelte: Sie wußte, daß sie nicht in

Ewigkeit geschieden waren, sondern vielmehr im Vaterhause ewig

verbunden sein sollten.

Ich mußte manches entbehren von dem Segen, der meinen Geschwistern

in diesen Tagen geschenkt wurde. Der Brief meiner Mutter nach

Gramenz hatte nahezu drei Tage gebraucht, und wiewohl ich mich auf

der Stelle aufmachte und Tag und Nacht reiste, so fand ich doch nur

das bereits mit Erde zugedeckte Grab meines Vaters. Und doch waren

es Tage unerwartet reichen Segens und Friedens, die uns um das Grab

versammelten Geschwistern zuteil wurden, als wir noch einige Tage

bei der Mutter blieben. Bei unserer lieben Mutter war es immer so,

daß gerade während der Zeit des ersten und tiefsten Schmerzes der

Glaube in ihr sich am sieghaftesten bewies und die Freude über die

Tröstungen Gottes viel größer war als der Schmerz. Besonders groß

aber war ihre Freude, als sie während unseres Beisammenseins merkte,

daß wir fünf Geschwister alle uns mit ihr auf demselben Wege

befanden und ihren Glauben und ihre Hoffnung teilen konnten.

Jedes von uns Geschwistern hatte in jener Zeit in großer Versuchung

und Gefahr gestanden oder doch in ernster und schwerer Entscheidung

seines Lebens. Noch vor dem Tode des Vaters hatte sich meine

Schwester Sophie mit dem Landrat Julius von Oven, mein Bruder Franz

mit Clara von Hymmen verlobt. Mein jüngster Bruder Ernst stand bei

den Jägern in Frankfurt a. M. Wir Geschwister waren nie gewohnt

gewesen, uns über alles auszusprechen, was den tiefsten Herzensgrund

bewegte. Aber diesmal öffnete uns die ernste große Stunde den Mund.

Mehr wie jemals sonst konnten wir einander ins Herz sehen lassen. Es

war uns allen zu Mute, als wenn der Vater, den doch keiner von uns

vor seinem Sterben gesehen hatte, noch vorher jedem seine Hände aufs

Haupt gelegt und jedem einen ganz besonderen Segen mitgegeben hätte,

und wir konnten uns vorstellen, daß er das, was er leiblicherweise

zu tun nicht mehr vermocht hatte, doch im Geiste getan hatte und daß

er jetzt im ewigen Vaterhause unser aller segnend und liebend

gedenke.

Acht Tage dauerte dies unser köstliches Beisammensein. Dann mußte

ich in meine große schwere Arbeit zurück. Während der Reise war es

nicht eigentlich meine Sorge, wie ich die noch übrigen fünf Monate

bis zur Rückkehr meines Freundes Ernst die Verwaltung des großen

Gutes leiten sollte, sondern ein anderes bedrückte mich. Mehr wie je

vorher hatte ich ein Verlangen nach einer stillen Stunde der

Einkehr, zu der während der Arbeitslast der Woche keine Zeit war. Am

Sonntag hätte es ja sein können. Aber es war ja unsere Gewohnheit,

daß wir jungen Leute den ganzen Sonntagnachmittag auf der schönen

Kegelbahn zubrachten, die auf der Insel im Garten recht traulich

angelegt war. Und wer wollte uns jungen Leuten diesen Zeitvertreib

verargen? Trotzdem hätte ich mich gar zu gern hiervon freigemacht,

um den Sonntagnachmittag still für mich allein zu haben. So bat ich

Gott, er möge mir einen Weg zeigen, wie ich davon loskäme, ohne eine

Unwahrheit zu sagen und ohne mehr von mir zu verlangen, als ich

damals öffentlich zu bekennen die Kraft hatte.

Da sah ich es denn als eine Erhörung meines Gebetes an, was mir

gleich bei meiner Ankunft in Gramenz widerfuhr. Mein Pferd, der

Soliman, ein ausgezeichnetes, ausdauerndes Roß, war während der

langen Ruhezeit übermütig geworden. In dem Augenblick, wo ich mich

zum erstenmal wieder in seinen Sattel schwang, stieg das Tier steil

in die Höhe und überschlug sich rückwärts, sodaß ich unter das Pferd

auf das Steinpflaster des Hofes zu liegen kam. Ich hatte weiter

keinen Schaden genommen, als daß mein rechter Ellbogen kräftig

blutete und der Knochen etwas verletzt war. Aber ich mußte doch

meinen Arm mehrere Wochen lang in der Binde tragen; und während der

Gramenzer Zeit erstarkte er überhaupt nicht wieder so weit, daß ich

eine Kegelkugel damit hätte schieben können. So hatte ich den mir

erbetenen stillen Sonntagnachmittag.

Gott schenkt uns mitunter Zeiten in unserer Pilgerschaft, wo wir

nicht im dunklen Glauben, sondern im seligen Schauen seiner

Gnadenwege einhergehen können und wo jeder Tag uns ein neuer Beweis

seiner Barmherzigkeit und Treue ist. Solch eine Zeit brach jetzt für

mich an. Ich benutzte sogleich meinen ersten Sonntag, um mich,

während die andern Kegel schoben, still in Gottes Wort zu vertiefen,

das mir seit meiner frühsten Kindheit ja genug gepredigt worden, mir

aber nicht wieder recht persönlich nahegetreten war. Ich stand auch

wochentags eine Viertelstunde früher als sonst auf, um unter den

alten Linden im Garten auf- und abzuwandeln und dort ungestört meine

Morgenandacht zu halten. Jedes Wort der Schrift -- ich pflegte

jedesmal ein Kapitel aus dem Neuen Testament zu lesen -- sah ich nun

mit ganz andern Augen an als je zuvor.

Dazu kam noch ein Erlebnis eigener Art. Ich hatte seit einiger Zeit

die Gewohnheit, den Kindern, die mir beim Reinigen der großen

Zuckerrübenfelder halfen, außer ihrem Lohn einen der kleinen

Traktate zu geben, die entweder aus Stuttgart oder Straßburg oder

auch aus Basel stammten und die ich von dem Kolporteur bezog, den

der alte Herr von Senfft angestellt hatte. Viele Tausende dieser

Traktate hatte ich schon verteilt, doch selbst gelesen hatte ich

noch keinen.

Eines Sonntagnachmittags aber, als die andern wieder am

Kegelschieben waren, fiel mein Blick auf einen dieser kleinen

Kindertraktate. Er hieß: „Tschin, der arme Chinesenknabe”, und kam

aus Basel. Er erzählte von einem armen Chinesenkinde, das englische

Soldaten während des bekannten Opiumkrieges der Engländer gegen

China in Schutz genommen hatten, nachdem des Kindes Vater, weil er

den Engländern Dienste geleistet hatte, von den Chinesen ergriffen

und hingerichtet worden war. Um das arme Waisenkind zu retten,

brachten es die Soldaten mit nach England. Hier nahmen sich

christliche Freunde des armen Knaben an, er wurde treulich

unterrichtet, kam zum kindlichen Glauben und wurde getauft. Dann

aber erkrankte er, wie so viele Kinder des Südens, die in unser

kaltes Land kommen, an der Lunge und siechte langsam dahin. Er hatte

aber beständig nur ein Verlangen, nämlich daß er seinen Landsleuten

auch von dem Heiland sagen könnte, den er selbst gefunden hatte, und

er sprach es einmal mit großem, heiligem Ernst aus: „Was soll ich

einmal am Tage des Gerichts sagen, wenn meine Brüder mich fragen

würden, warum ich, obwohl ich den Weg des Heils gewußt, ihnen

solches nicht mitgeteilt hätte?”

In dem Augenblick, wo ich diese einfachen Worte las, war es

plötzlich, als ob mir in bezug auf meinen Lebensberuf die Schuppen

von den Augen fielen. Ich hatte bis dahin niemals auch nur einen

leisen Gedanken in meinem Herzen gehabt, noch hatten es weder Vater

noch Mutter noch irgend ein anderer Mensch mir je von fern

nahegelegt, daß ich Pastor werden möchte. In diesem Augenblick aber

wurde es mir so vollständig gewiß, daß mir Gott diesen Beruf

geschenkt habe, daß auch kein leiser Zweifel von der Stunde an über

mich kam, und ich konnte Gott mit Freudentränen dafür danken.

Doch teilte ich zunächst keinem Menschen etwas von meiner Freude

mit, auch nicht meiner Mutter, auch nicht meinem Freunde Mellin,

sondern nahm mir vor, mir von Gott selbst weitere Fingerzeige geben

zu lassen. Daran fehlte es dann auch nicht. Im Anschluß an jenes

Büchlein hatten sich meine Gedanken zunächst auf die Arbeit unter

den Heiden gerichtet. Dahin ging meine Sehnsucht.

Inzwischen war die Erntezeit hereingebrochen. Es war eine gewaltige

Ernte, die in den fünf großen Gütern einzubringen war. Es trat

anhaltende Hitze ein. Das Korn reifte schnell und gleichzeitig,

sodaß es auch möglichst schnell hintereinander geerntet werden

mußte. Es wurde mir sehr bange, wo ich die Arbeiter für die Ernte

herbekommen sollte, damit sie nicht verdürbe.

Eines Tages hatte ich mich schon mit Tagesanbruch auf mein Pferd

gesetzt, um in einem Nachbardorf Arbeiter für meine Ernte zu werben.

Als ich damit fertig war, ritt ich hinüber nach dem kleinen

Städtchen Bublitz, wo, wie ich wußte, eben ein Missionsfest gefeiert

wurde. Die Feier neigte sich schon ihrem Ende zu. Ich band mein

Pferd draußen an und trat, um doch noch einiges zu hören, in die

Kirche ein. Ich merkte gleich, daß der Pastor den Text hatte: „Die

Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige; bittet den Herrn der

Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!” Herzandringend

schilderte er die Not hinsiechender, sterbender, verderbender

Menschenseelen und des Herrn Jammer über sie, und zuletzt fragte er

mit großem Ernst, ob denn unter der ganzen Gemeinde, unter allen,

die im Gehorsam gegen den Befehl Christi um Arbeiter in seine Ernte

bäten, nicht auch ein solcher wäre, der sich selbst für diesen

Dienst stellen wollte. Da hieß es laut in mir: „Ja, ja, ich will

gern kommen.” Fröhlich, ja, frohlockend jagte ich heimwärts, um

zunächst die irdische Erntearbeit in Gang zu bringen.

In fliegender Eile gingen nun die letzten Monate meiner Gramenzer Zeit

zu Ende. Mein Freund Ernst Senfft kam, um mich abzulösen. Die äußeren

Verhältnisse hatten sich auch weiterhin entschieden gebessert. So konnte

ich, da auch einige tüchtige Wirtschaftsinspektoren gefunden waren,

meinem Freunde die Aufgabe getrost in die Hand legen. Am 11. Oktober

nachts schnürte ich mein Bündel. Das Andachtsbuch meiner Eltern, der

liebe Bogatzky, war inzwischen auch mein Freund geworden, und es war mir

eine nicht geringe Stärkung meines Glaubens, was mir Bogatzky an diesem

Abend mit auf den Weg gab, Apostelgeschichte 26, 17: „Ich will dich

erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt

sende.”

Als Student.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 2 / 18 题