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Friedrich

v. Bodelschwingh

_Ein Lebensbild_

von

G. v. Bodelschwingh.

Durchgesehene Auflage.

Nicht im Buchhandel zu haben.

Zu beziehen nur vom Pfennigverein der Anstalt Bethel

Bethel bei Bielefeld.

Alle Rechte, insbesondere das

Übersetzungsrecht, vorbehalten.

* * * * *

Für die Vereinigten Staaten

von Nordamerika: Copyright

1922 by Verlag des Pfennigvereins

der Anstalt Bethel

bei Bielefeld.

Inhalts-Verzeichnis.

=I.=

1831-1872.

Seite

=I.= Voreltern und Eltern 5

=II.= Die Jugendzeit

=a)= Coblenz 12

=b)= Berlin 17

=c)= In der westfälischen Heimat 29

=III.= Die Ausbildung

=a)= Als Eleve im Oderbruch 33

=b)= Als Soldat in Berlin 39

=c)= Als Landwirt in Pommern 44

=d)= Als Student

1. in Basel 67

2. in Erlangen 83

3. in Berlin 89

=e)= Als Kandidat 91

=IV.= Im Amt

=a)= Paris 100

=b)= Dellwig 124

=II.=

1872-1910

Bethel.

=I.= Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung

=a)= Die neue Heimat 157

=b)= Das Mutterhaus 162

=c)= Die Epileptischen 172

=d)= Die Brüder 184

=e)= Die übrigen Mitarbeiter

1. Unsere Mutter 189

2. Mutter Emilie und Schwester Lottchen 194

3. Wilhelm Heermann 202

4. Pastor Stürmer 205

5. Otto Mellin 210

6. Die Ärzte 213

=f)= Der Anstaltsvorstand 217

=g)= Wachstum nach außen 222

=II.= Neue Aufgaben

=a)= Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf 226

=b)= Der Bau der Zionskirche 238

=c)= Arbeiterheim 244

=d)= Das Kandidatenkonvikt 255

=e)= Afrika 261

=f)= Lutindi 276

=III.= Die Ausgestaltung

=a)= Als Pastor der Gemeinde 282

=b)= Frühlingszeit 292

=c)= Gebet, so wird euch gegeben 311

=d)= Ruhezeiten 325

=e)= Kaiser Friedrich 335

=f)= Amrum 338

=g)= Metz, Hunsrück und Ems 349

=h)= Tante Frieda 351

=IV.= Herbstfrüchte

=a)= Die theologische Woche 356

=b)= Freistatt 362

=c)= Die Theologische Schule 369

=d)= Gastein 381

=e)= Als Abgeordneter in Berlin 383

=f)= Das Wanderarbeitsstättengesetz 392

=g)= Hoffnungstal 396

=V.= Das letzte Lebensjahr 409

Vorbemerkung.

Während der sommerlichen Ferienzeiten, die wir Geschwister vom Jahre

1883 ab mit unseren Eltern an irgend einem stillen Erholungsort

zubrachten, pflegte uns unser Vater Erinnerungen aus seinem Leben zu

diktieren. Sie umfassen die ersten vierzig Jahre seines Lebens und

reichen bis zu seinem Eintritt in die Arbeit in Bethel. Für die

Darstellung der Zeit von 1831-1872 boten mir diese Erinnerungen, die

der Raumersparnis wegen nicht ganz gebracht werden konnten,

wesentlichen Anhalt. Sie erschienen vollständig in der Monatsschrift

„Beth-El”, Jahrgang 1909, 1912-14 und 1918/19. (Verlag des

Pfennigvereins der Anstalt Bethel bei Bielefeld.) Da, wo diese

Erinnerungen im Text wörtlich angeführt sind, sind sie durch

Anführungsstriche gekennzeichnet.

=I.=

1831-1872.

Voreltern und Eltern.

Die Heimat der Familie v. Bodelschwingh liegt zwischen Ruhr und

Lippe im Herzen des westfälischen Industriebezirks, wo heute die

rauchenden Schornsteine den Tag dunkel machen und die grellen

Feuergarben der Hochöfen die Nacht erhellen. Wer jetzt mit dem

eilenden Zuge jenes Gebiet durchreist, der ahnt kaum, daß mitten in

dieser lärmenden, flammenden Welt noch manche stille Zeugen der

alten Zeit stehen. Zu diesen Zeugen gehört auch die ehrwürdige

Wasserburg, die zwei Stunden westlich von Dortmund am Ausgange einer

kurzen, engen Waldschlucht sich aus breitem Wassergraben erhebt. Das

ist Haus Bodelschwingh, dessen Name um die Wende des 12. und 13.

Jahrhunderts zum erstenmal in alten Urkunden auftaucht.

Eine märkische Familie Speeke, die hier wohnte, nimmt um diese Zeit

nach ihrem Wohnsitz den Namen Bolschwich, später Bolschwingh und

Bodelschwingh an. Unter der alten Fehmlinde zu Dortmund, die erst

vor wenigen Jahren dem Bau des neuen Bahnhofes weichen mußte, sollen

Herren aus dem Hause Bodelschwingh forterbend das Gericht der

heiligen Fehme geübt haben. Aber gewiß ist das nicht. Die spärlichen

Urkunden melden nur, daß ein Sohn des Hauses Bodelschwingh im Dienst

des deutschen Ordens ostwärts zog, um sich und seinen Nachkommen im

Baltenlande eine neue Heimat zu gewinnen. Ein anderer fiel im Kampf

gegen die Türken und liegt in Ungarn begraben. Im Dom zu Mainz

findet sich das Grabmal eines Wennemar v. Bodelschwingh mit der

Jahreszahl 1543, der nach den alten Berichten des Domkapitels seinem

fürstlichen Bischof ein treuer Ratgeber gewesen sein muß, und um

die gleiche Zeit meldet das Kirchenbuch der Stadt Elberfeld, daß

Friederike v. Bodelschwingh um ihres evangelischen Bekenntnisses

willen mancherlei Ungemach zu leiden hatte.

Ein Sohn aus dem Hause Bodelschwingh heiratete im Jahre 1633

Felicitas v. Oeynhausen, die wegen ihrer Herzensgüte bei arm und

reich hochgeschätzte Erbin des zwischen Dortmund und Hamm gelegenen

Gutes Velmede. Aus diesem Hause Bodelschwingh-Velmede stammt Ernst

v. Bodelschwingh, der Vater des späteren Pastor Friedrich

v. Bodelschwingh.

Ernst v. Bodelschwingh, geb. 1795, hatte nach seiner Schulzeit die

nassauische Forstakademie in Dillenburg besucht und war dann im

Herbst 1812 zum Studium der Rechtswissenschaften nach Berlin

gegangen. Hier traf ihn im Frühjahr 1813 der Aufruf des Königs

Friedrich Wilhelm =III=. „An mein Volk”. Wenn er sich zu den

preußischen Fahnen meldete, so war damit der elterliche Besitz in

dem damals unter französischer Herrschaft stehenden Westfalen

bedroht, und ein Freund warnte ihn, daß er sich nicht leichtsinnig

um sein Erbe bringe. „Aber”, rief Bodelschwingh aus, „was ist eine

Handvoll Erde gegen mein Vaterland!” und eilte, kaum siebzehn Jahre

alt, nach Breslau. Um aber Eltern und Besitz möglichst zu schützen,

ließ er sich unter falschem Namen in die Liste der freiwilligen

Jäger eintragen.

Er kämpfte in den Schlachten von Groß-Görschen, Bautzen und an der

Katzbach und war bei Leipzig in dem besonders blutigen Ringen des

Yorckschen Korps um das Dorf Möckern. Bei der Verfolgung der

zurückflutenden französischen Armee kam es hinter Freiburg auf den

Höhen über dem Unstruttale zum Gefecht, und hier erhielt der junge

Jägerleutnant, hart über dem Herzen, einen Schuß durch die Lunge. Er

hatte am Tage dem bedrängten Stadtschreiber des Städtchens

Lauchstädt beim Ausschreiben der Quartierzettel geholfen, und dieser

kleine Dienst rettete ihm das Leben. Denn als der Transport der

Verwundeten Lauchstädt passierte, holten der Stadtschreiber und

seine Frau den todesmatten jungen Leutnant, der den Transport bis

Halle an der Saale nicht überstanden haben würde, in ihr Haus. Das

Bett war zu kurz für den fast sechs Fuß langen Kranken. So bekam er

sein Strohlager an der Erde, und sein treuer Bursche Schneeberg --

wie oft hat das später der Sohn des Verwundeten den Pflegern und

Pflegerinnen seiner Kranken erzählt! -- bettete sich zu den Füßen

seines Herrn und sagte: „Herr Leutnant, wenn Sie etwas wünschen,

dann treten Sie nur.” Denn zum Sprechen war der Kranke zunächst zu

schwach.

Die Wunde des jungen Leutnants schloß sich nur langsam, und die alte

Frische wollte nicht wiederkehren. Die Eltern, die nach langem,

bangem Warten endlich die Nachricht des Stadtschreibers erhielten,

machten sich auf den Weg, um ihren Sohn zu holen. Im Angesichte der

Stadt eilte die Mutter dem Wagen voraus und trat unverhofft in die

Stube, wo ihr blasser Sohn in die Kissen gelehnt auf dem Stuhle saß.

Die übergroße Freude ließ das Blut des Kranken aufwallen, sodaß sich

die Wunde aufs neue öffnete. Aber gerade das war der Anfang der

Genesung. Denn aus einem verborgenen Eiterherd kamen Reste der

Uniform zum Vorschein, die bisher die Heilung gehindert hatten.

Freilich blieben die Kräfte noch lange geschwächt. Als 1815 der

Krieg mit Napoleon abermals ausbrach, verweigerten darum die Eltern

ihrem Sohn, sich bei der Truppe zu stellen. Da machte er sich zu Fuß

von Göttingen, wo er studierte, querfeldein auf den Weg nach

Velmede, seiner Heimat. „Mutter, ich kann wieder marschieren,” so

trat er ins Zimmer und erkämpfte sich die Erlaubnis der Eltern.

An dem Tage, wo er von Unna aus zur Armee aufbrach, erlitt dicht vor

Unna das Gefährt zweier junger Mädchen, der beiden Schwestern von

Diest, die denselben Weg zum Rhein reisen wollten, einen Unfall. Die

Pferde hatten gescheut, der Kutscher war schwer verwundet, und so

blieb den beiden nichts anderes übrig, als zur Weiterreise den

Postwagen zu nehmen. Das war derselbe Weg und derselbe Wagen, den

auch der junge Leutnant v. Bodelschwingh benutzen mußte, um die

Truppe zu erreichen. So lernte Ernst v. Bodelschwingh in einer der

beiden Schwestern seine spätere Lebensgefährtin, Charlotte v. Diest,

kennen, und durch diesen Unglücksfall wurde der Grund gelegt zu

einer Ehe, durch die ein Strom von Glück über ungezählte

Unglückliche kommen sollte.

So spärlich die Nachrichten über die Bodelschwinghs fließen, so reich

sind sie andrerseits über die Familie v. Diest. Über Ort und Gau der im

Jahre 838 zum ersten Male erwähnten deutsch-niederländischen Stadt Diest

erwarb Otto v. Diest im Jahre 1090 das Herrschaftsrecht und wurde zum

Stammvater eines Hauses, dem die Herzöge von Brabant und Flandern und

manche andere alte und berühmte niederländische Geschlechter ihre

Töchter zu Frauen und ihre höchsten Ämter zur Verwaltung gaben. In

Münster, Lübeck, Utrecht und Straßburg finden wir Bischöfe v. Diest; und

Arnicus v. Diest, der in seiner Einsiedelei als „ein Freund Gottes”,

aber auch als Freund der Tiere, Kinder und Kranken lebte, wurde um das

Jahr 1200 heilig gesprochen.

Früh bekannte sich die Familie zum evangelischen Glauben. Johann

v. Diest, Prediger zu Antwerpen, wurde 1571 von seinem Krankenbett zum

Scheiterhaufen geführt, und sein Sohn wurde auf dem Heimwege von der

Synode in Dordrecht 1583 aufgegriffen und in einem Sacke ertränkt.

Schließlich konnten sich die Evangelischen der belgischen Niederlande

nur noch durch die Flucht ihren Verfolgern entziehen; und so finden wir

von jetzt ab die Familie v. Diest im kurbrandenburgischen Staatsdienst

oder, wie einst auf den Bischofsstühlen, so jetzt auf evangelischen

Kanzeln und Lehrstühlen der rheinischen Städte. Samuel v. Diest,

Professor der Theologie und Philosophie an der Universität Duisburg,

trat als ein entschlossener Kämpfer für den Frieden der in bitterem

Streit liegenden Lutheraner und Reformierten hervor, „um gegenseitige

Duldung und brüderliche Gesinnung herbeizuführen, welche vor allem auch

bis zur Gemeinschaft des Wortes und Sakramentes gehen müßte”. Und doch

blieb solche edle Weitherzigkeit bei den Diests frei von feigem

Nachgeben. Denn als der preußische Resident v. Diest in Cöln im Jahre

1714 von den dortigen Studenten durch Gewalt an der Abhaltung

evangelischer Versammlungen in seinem Hause verhindert werden sollte,

wandte er sich an König Friedrich Wilhelm =I.=, der mit zähem Nachdruck

sich hinter seinen Residenten stellte und Kur-Cöln zum Nachgeben zwang.

Eins der wenigen übriggebliebenen Glieder dieses alten Geschlechts

war der Tribunals-Präsident Heinrich v. Diest, der erst in Cleve,

dann in Burgsteinfurt gelebt hatte. Er und seine Frau aber waren vor

und während der Freiheitskriege gestorben und hatten ihre Kinder in

bescheidenen Verhältnissen zurückgelassen. Zu diesen Kindern

gehörten auch jene beiden jungen Mädchen, Charlotte und Angelie

v. Diest, mit denen Ernst v. Bodelschwingh in Unna zusammentraf und

von denen die ältere später seine Frau wurde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Feldzuge vollendete Ernst

v. Bodelschwingh sein Studium und arbeitete als Referendar in

Arnsberg, Berlin und Münster. Die Ferienzeiten aber führten ihn

immer wieder zurück ins Elternhaus nach Velmede.

Nur anderthalb Stunden von dem väterlichen Gute entfernt lag

Kappenberg, der Wohnsitz des vielleicht besten deutschen Mannes des

ganzen Jahrhunderts, des Reichsfreiherrn vom Stein. Sein Auge fiel

auf den jungen Referendarius, und Stein zog ihn in seine Nähe. So

kam eine Freundschaft zustande, die bis zum Tode des Reichsfreiherrn

anhielt und die für Leben und Amt Ernsts v. Bodelschwingh die größte

Bedeutung gewann.

1822 wurde er zum Landrat des Kreises Tecklenburg ernannt. Das

Landratsamt in dem Städtchen hatte keine geeignete Wohnung. Aber

die Witwe des früheren Landrats, Frau v. Diepenbrock-Grueter, die

dicht unterhalb der Stadt Tecklenburg in Haus Mark wohnte, bot

einen Teil des Hauses zur Wohnung an. So konnte denn der Landrat

sein „Lottchen”, wie er zeitlebens seine Frau nannte, heimführen.

Die junge Landrätin war freilich ihrer Schwiegermutter keine

willkommene Tochter. Die alte Frau v. Bodelschwingh stammte aus

dem Hause Plettenberg, das einst dem deutschen Ritterorden in Hans

v. Plettenberg einen seiner größten Ordensmeister gestellt hatte.

Sie war bei kleinem, zartem Körper eine stolze und sehr

willenskräftige Natur. Im Stillen hatte sie sich eine der Töchter

des Freiherrn vom Stein an die Seite ihres ältesten Sohnes

gewünscht. Darum blieb sie lange Zeit ihrem Sohne gram, obwohl er,

wie sie selbst sagte, ihr niemals Kummer gemacht hatte. Namentlich

aber mußte ihre Schwiegertochter viele Jahre hindurch unter

schwerer Zurücksetzung leiden. Doch die junge Landrätin trug es

still und gewann dadurch das Herz ihrer Schwiegermutter in einer

Weise, daß die alternde Frau schließlich niemand lieber um sich

hatte als ihr „Lottchen”. „Kinder, vergeßt es nie, was ihr für

eine Mutter habt!” rief sie einmal ihren Enkeln zu. Und als es zum

Sterben mit ihr ging, war es wiederum ihre Schwiegertochter, der

sie ihr ganzes Herz ausschüttete, wie ein Beichtkind dem

Beichtvater, und von der sie sich Trost und Stärkung holte für den

letzten Gang.

Ihr Mann, der „Franzherr”, wie ihn seine Leute nannten, war ihr im

Tode längst vorangegangen. Er war ein Mann von gewissenhafter Treue

und größter Herzensgüte. Das Gut war zum Teil verpachtet, und der

Pachtzins mußte jährlich in bar bezahlt werden. Ein Pächter, der in

jenen schweren Zeiten die Summe nicht rechtzeitig hatte aufbringen

können, kommt zum Gutsherrn, um ihn um Stundung zu bitten. Der weist

ihn an seinen Rentmeister, dem die Einkassierung des Pachtgeldes

oblag. Dieser aber bleibt hart. So kehrt der bedrängte Pächter zum

Gutsherrn zurück und bittet ihn, ihm das Geld vorzustrecken, damit

er es dem gestrengen Rentmeister zahlen könne. Der Franzherr gibt

ihm das Geld, und der Pächter trägt es zum Rentmeister hinüber. Aber

der findet unter der Summe ungängige Münzen und lehnt sie ab. Und

noch einmal kommt der Pächter zu seinem Herrn, um sich die

gewünschten Münzen einzutauschen und so mit dem Gelde seines eigenen

Pachtherrn die Pacht zu bezahlen.

Die Landrätin in Tecklenburg, seine Schwiegertochter, hatte nach

einer beängstigenden Nacht eines Morgens zu ihrem Mann gesagt: „Ich

weiß nicht, warum ich so unruhig bin, ich glaube, unserm Vater geht

es nicht gut.” Noch denselben Morgen kam ein reitender Bote mit der

Nachricht, daß der Vater krank sei. Sofort warf sich der Landrat

aufs Pferd. Aber als er Velmede erreichte und die Magd, die ihm

begegnete, fragte: „Wie geht es dem Vater?” sagte sie nur: „Der ist

eingegangen zu seines Herrn Freude.” Der Sohn dieses Vaters aber,

der Landrat von Tecklenburg, stand mit gleicher Treue und mit großer

Umsicht in seinem Amt. Noch nach Jahrzehnten haben die Augen der

Tecklenburger geleuchtet, wenn der Name ihres ehemaligen Landrats

genannt wurde.

Der Osten Deutschlands hatte in den Jahren 1813-15 den großen

Frühling vaterländischen Erwachens erlebt. Jetzt erlebte der Westen

ein neues Erwachen des alten Glaubens der Väter. Statt des

Rationalismus, der keinen Menschen mehr befriedigte, wurde der

Geschmack an dem Evangelium lebendig. Auf vielen Kanzeln erstanden

Männer, die den sehnenden Herzen und Gewissen den Sünderheiland

predigten.

Die Kirche in dem Städtchen Tecklenburg blieb freilich von diesem

neuen Frühlingshauch unberührt; aber im benachbarten Lengerich

spürte man ihn und drüben in dem kleinen Walddorf Ledde, nur eine

kurze Stunde von Haus Mark entfernt. So sehen wir auch die

Tecklenburger Landrätin mit ihrem Mann in Ledde unter der Kanzel des

feurigen jungen Predigers Walter wie auch in Lengerich, wo Pastor

Smend stiller, aber auch tiefer von dem neuen Leben erfaßt war.

Fünf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren, und jetzt, wo sie ihr

sechstes Kind erwartete, war es für sie eine Zeit, wo ihr Herz unter

dem Wehen des Geistesfrühlings mehr als je in Sprüngen ging und ihre

Liebe zu dem, der sie zuerst geliebt hatte, besonders hell brannte.

Nie vorher hatte sie einem ihrer Kinder mit solcher Freudigkeit und

Sammlung des Herzens entgegengesehen. So kam der 6. März 1831 heran.

Es war ein Sonntag. Die Hausgenossen waren zur Kirche gegangen. Die

Landrätin hatte still für sich eine Predigt des Württembergers

Hofacker gelesen. Nun weihte sie das Kind, das sie erwartete, noch

einmal, wie sie es früher schon getan, ihrem Herrn zum Eigentum und

Dienst. Am Abend desselben Tages hielt sie ihren kleinen Friedrich

in den Armen.

Die Jugendzeit.

Koblenz. 1832-1842.

Zwei Monate später mußte die Familie v. Bodelschwingh ihr

liebgewonnenes Tecklenburger Land verlassen. Es ging dem Rheine zu

nach Cöln, wohin der Landrat als Oberpräsidialrat versetzt worden

war. Noch in demselben Jahre wurde er Regierungspräsident von Trier.

Von hier schrieb später seine Frau an ihre Schwester: „Von Fritz

läßt sich nur sagen, daß er ein recht aufgeweckter Junge ist und das

Soldatenspiel so fleißig übt, als wenn es ihm damit schon ein großer

Ernst wäre.” Und der kleine Fritz selbst erinnerte sich aus dieser

Zeit an die großen Taubenschwärme, die um die Porta Nigra, das

uralte Römertor, flogen, und -- an den Sarg, in welchem sein kleiner

Bruder Ernst lag. „Die Kränze,” so erzählte er, „hüllten den Sarg

ein, die Lichter brannten, und als der Sarg aufgehoben wurde, da war

es mir, als würde er gradeswegs in den Himmel getragen.” So nah und

dicht ragte dem Kinde unter der Unterweisung der treuen Mutter die

unsichtbare Welt schon damals in die sichtbare hinein.

Dann, 1834, kam die Ernennung des Vaters zum Oberpräsidenten der

Rheinprovinz, und der kleine Fritz weiß noch, wie eines Tages die ganze

Familie auf der „Eiljacht” moselabwärts von Trier nach Koblenz fährt.

„Koblenz”, so erzählt er später, „wie freundlich blickst du aus

Kindheitstagen mich an! Wie haben die schönen Fluten der Mosel und des

herrlichen Rheinstroms, in denen ich schwimmen lernte, wie haben die

schönen Berge, in die so mancher fröhliche Weg uns hineinführte, mich

erfreut und erquickt! Aber ganz besonders traut bleibst du mir, alte

Wohnung in der Oberpräsidium-Straße! Welch ein Kinderparadies warst du

für uns! Welche Schätze mancherlei Art, gruselige und heitere, botest du

uns dar: einen großen Flur, wo wir nach Herzenslust unsere Kreisel

treiben konnten, eine unbeschreiblich gemütliche Wohnstube, wo die

Mutter in allen Anliegen aufgesucht werden durfte; ein Hinterhaus nach

dem Garten zu, wo unser Hauslehrer wohnte und wir zu arbeiten hatten,

dazwischen ein langer, langer Gang mit einer Glastür, durch die es auf

die Rumpelkammer des Hauses mit ihren altertümlichen Truhen ging und von

da auf einen langen Boden, wo wir unsere Mäusefallen aufstellten. Vom

Ende dieses Bodens aber, das war unser Geheimnis, gelangten wir durch

ein losgelöstes Brett mittels eines kühnen Sprunges auf den Heuboden des

Kutschers Franz. Kein schöneres Spiel, als hier von oben nach unten

Kobolz zu schießen oder, was noch viel schöner war, oben in der

verborgensten Ecke des Heubodens sich ein Häuschen zu bauen. Da wurden

die schönsten Geschichten erzählt. Und, o Wonne, wenn es nun gar am

Schloß rappelte und Kutscher Franz den Heuboden betrat! Da hielten wir

alle den Atem an, bis er mit seiner Tracht Heu wieder verschwunden war.

Aber einmal, als wir Kinder an der Glastür vorbeikamen, klopfte es

von innen, und oben durch die Scheiben guckte ein Kerl. Eigentlich

war es gar kein Kerl, sondern ein alter Hut, der oben auf der

Rumpelkammer gelegen hatte und der nun auf einem mit einem weißen

Tuche behangenen Stocke in die Höhe gehalten wurde. Natürlich ein

furchtbarer Schreck der kleinen Gesellschaft und Fersengeld, was nur

die Füße laufen wollten. Was half es, daß der Bruder Ludwig die Tür

aufmachte und lachend den alten Hut auf dem Stocke zeigte. Der

Schreck blieb nun einmal. Und so oft der Spaß wiederholt wurde in

wechselnden Gestalten, die durch das Fenster guckten, -- bald war es

eine große ausgestopfte Puppe, bald ein ausgehöhlter Kürbiskopf --

die Furcht vor der Glastür verlor sich nicht.

Ganz besonders schön war unser Garten, der in zwei Terrassen zur

alten, dicken Stadtmauer hinunterführte. In dieser Mauer legten wir

unsere Räuberhöhlen an und bargen unsere selbstgeschnitzten Waffen

darin: Säbel, Pistolen, Streitäxte, Bogen und Pfeile. In der Mitte

des Gartens lief eine Allee von Linden, in deren prachtvoll

verschlungenen Kronen wir Kinder manche Stunde zubrachten. Von allen

Obstbäumen bleibt der große Birnbaum oben rechts in der Ecke des

Gartens besonders unvergeßlich. Er trug so treu jedes Jahr mehrere

Waschkörbe voll Birnen, daß der Tag, an dem wir ihn abernteten,

jedesmal ein Familienfest war. Hinter dem Birnbaum war ein

Himbeerbeet, das beliebteste Versteck, wenn wir Anschlag spielten.

Unten im Garten aber hing an vier Balken eine lange Schaukel, auf

der wir Kinder alle zugleich Platz hatten. Oben links in der Ecke

stand eine Geißblattlaube, wo so manches Mal unser Vesperbrot

verzehrt wurde, und an der Mauer waren die prachtvollsten weißen und

blauen Weintrauben. Das alles genossen wir nicht allein, sondern mit

treuen Spielgefährten zusammen, die sich täglich bei uns

einstellten.

Besonders reich wurde unser Leben, als der Vater noch einen Garten

am Rhein hinzukaufte, dem Dörfchen Pfaffendorf gegenüber. Diesen

Garten, der unser eigentlicher Gemüse- und Obstgarten war, halfen

wir Kinder bepflanzen und bestellen. Wir konnten alle klettern wie

die Katzen. Darum war es uns auch ein Kleines, über den hohen

Gartenzaun zu kommen. Als das aber der Vater erfuhr, verbot er es

uns, damit wir es andern Kindern nicht vormachten. Wir sollten

fortan immer den Schlüssel mitnehmen und nur durch die ordentliche

Tür aus- und eingehen.

Nun hatten mich einmal die Geschwister, als sie kurz vor Mittag nach

Hause gingen, aus Versehen in dem Garten eingeschlossen in der

Meinung, ich sei schon voraus, während ich ganz vertieft hoch in den

Zweigen eines Kirschbaums saß. Plötzlich merkte ich, daß alles still

um mich her war. Ich stieg vom Kirschbaum und stand alsbald vor der

verschlossenen Tür. Es wäre mir ja ein kleines gewesen, über den

Gartenzaun hinüberzuklettern, wie ich dies schon oft getan hatte.

„Aber der Vater hat es ja verboten”, so hieß es in meinem Herzen. Da

mein Rufen nichts half, legte ich mich schluchzend auf die Bank in

der Gartenlaube, die ganz von Gebüschen eingeschlossen war. Eine

Nachtigall, die dort in dem Busch ihr Quartier hatte, kam ganz

zutraulich auf den Tisch geflogen, der vor der Bank stand, auf der

ich endlich über meinen Tränen einschlief.

Inzwischen war zu Hause große Unruhe gewesen. Die Geschwister hatten

gesagt, ich müsse gewiß schon vor ihnen aus dem Garten gegangen

sein. Und wenn sie mich doch vielleicht eingeschlossen hätten, so

wüßte ich ja, daß ich zu Mittag zu Hause sein müßte, und wäre gewiß

über den Zaun gesprungen. So hatte man mich denn überall gesucht,

nur da nicht, wo ich zu finden war. Da, mit einemmal, hörte ich mich

beim Namen rufen. Der Vater stand vor mir und sagte: „Mein Sohn, wie

konntest du uns das antun?” Ich antwortete, aufs neue in Tränen

ausbrechend: „Vater, du hast es uns doch verboten, über die Mauer

zu klettern.”

Sehr lebhaft stehen mir noch die schweren Erkrankungen meines Vaters

in Erinnerung. Zweimal lag er in Koblenz an seiner durchschossenen

Lunge todkrank, beide Male an Lungenentzündung. Das eine Mal kam es

so weit, daß die Ärzte ihn aufgegeben hatten. Es war spät am Abend,

da holte uns die Mutter alle herein in das vermeintliche

Sterbezimmer. Wir Kleinen nahmen mit heißen Tränen vom lieben Vater

Abschied, der noch in der Nacht das heilige Abendmahl empfing.

Nachdem die Mutter uns zu Bett gebracht hatte, suchte sie, wie sie

mir später erzählte, eine verborgene Stelle auf, legte sich dort auf

ihr Angesicht und bat Gott um ein ganz gehorsames Herz, mit dem sie

sagen könne: „Herr, dein Wille geschehe!” So hielt sie lange an mit

Beten und Rufen, bis es endlich ganz still in ihr wurde und sie ihr

Jawort geben konnte zu dem Opfer, das sie bringen sollte. Kaum aber

hatte sie in ihrem Herzen das Opfer vollbracht, da war es ihr, als

bekäme sie einen freundlichen Zuspruch: „Nun sollst du ihn noch

einmal behalten.” Und siehe da, wie sie von leiser Hoffnung getragen

in das Krankenzimmer zurückkehrt, da merkt sie, daß der

eigentümliche Schweiß eingetreten ist, der eine Wendung zur Genesung

ankündigt. Noch ganz deutlich habe ich das glückliche Angesicht der

Mutter vor Augen, wie sie sich morgens über unser Bett neigte und

uns Kleinen mit der Freudenbotschaft begrüßte: „Liebe Kinder, der

Vater wird wieder besser.”

War es bei dieser Krankheit oder bei der vorhergehenden, das weiß

ich nicht mehr gewiß, aber das weiß ich, daß ich oftmals auf dem

Bette des Vaters saß, als er in der Genesung begriffen war, und daß

er ein kleines Buch in der Hand hatte, aus dem er mir den ersten

Leseunterricht gab. Auch meine älteren Geschwister hatten alle aus

demselben kleinen Buch lesen gelernt. Es enthielt zugleich den

ersten Religionsunterricht in kurzen Sätzen mit lauter einsilbigen

Wörtern und fing an: ‚Mein Kind, Gott ist sehr gut, er hat dich sehr

lieb.’”

Treue Hauslehrer -- einer von ihnen kam, von Zeller empfohlen, aus

der Anstalt Beuggen am Rhein -- setzten den Unterricht bei dem

kleinen Friedrich und seinen Geschwistern fort. Sie waren auch die

Begleiter der heranwachsenden Kinder bei den schönen Wanderungen den

Rhein aufwärts bis ins Nahetal oder den Rhein abwärts in die

westfälische Heimat zu der zwar gefürchteten, aber doch zugleich

innig geliebten Großmutter. Vorübergehend wurde auch die

Bürgerschule von Koblenz besucht und auf dem Heimweg zwischen der in

ein katholisches und ein evangelisches Lager geteilten Schuljugend

manch heißer Strauß ausgefochten.

Vornehme Gäste kamen ins Oberpräsidium, auch der preußische

Kronprinz und die Kaiserin von Rußland. Aber die Mutter blieb

dieselbe schlichte Frau und wurde es noch immer mehr. Einmal, als

die Köchin erkrankt war und die zum Diner geladenen Gäste nicht mehr

abbestellt werden konnten, auch keine andere Hilfe sich zeigte,

blieb sie in der Küche und besorgte das ganze Essen, ohne sich ihren

Gästen zu zeigen.

Unvergeßlich blieb auch ihren Kindern, was sie von ihrer Reise nach

Berlin erzählte, wo ihr Mann, der zur Huldigungsfeier des Königs

Friedrich Wilhelm =IV.= an den Hof gerufen worden war, abermals an

Lungenentzündung krank lag. Als sie mit der Post bis Cassel gelangt

war, hieß es: „Zwölf Stunden Aufenthalt.” Das war keine Kleinigkeit

für die um ihren todkranken Mann geängstete Frau. Da ihr ein Paar

Schuhe fehlten, machte sie sich auf den Weg in die Stadt. Die

prunkenden Läden liebte sie nicht, und so suchte sie eine Nebengasse

auf, in der sie das Schaufenster eines Schusters fand, mit einem

einzigen Paar kleiner Schuhe besetzt. Sie trat ein und fand darin

das vergrämte Gesicht einer Frau. Sie merkte gleich, daß sie die

Schuhe kaufen mußte, ob sie ihr paßten oder nicht, und fragte

teilnehmend, warum denn nur ein Paar Schuhe übriggeblieben seien. Da

kam es heraus, daß der Mann an der Schwindsucht darniederliege und

nicht mehr arbeiten könne. Bald saß die Oberpräsidentin am Bette des

Kranken. Nachdem sie unten im Laden die Frau erfreut hatte durch den

höchsten Preis, den sie irgend für die Schuhe anbringen konnte,

erquickte sie nun vollends den Mann aus dem reichen Schatz ihres

Herzens und stärkte ihn für seinen Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.

Darüber wurde ihr eigenes sorgenvolles Herz, das durch den langen

Aufenthalt in doppelte Unruhe gebracht war, still. Und als sie nach

zwei Tagen in Berlin ankam, fand sie ihren Mann schon auf dem Wege

zur Genesung. Gerade in der Stunde, wo sie am Bette des armen

kranken Schusters in Cassel gesessen hatte, war die Krisis

eingetreten.

Solche Erfahrungen machten es immer mehr zu ihrem inneren Besitz und

Grundsatz, durch keine Verlegenheit verlegen zu werden und durch

keine Verdrießlichkeit verdrossen. „Es ist alles gut, was wir nicht

selbst verschuldet haben”, pflegte sie oft zu sagen; und wo etwas

besonders Schweres kam, sagte sie: „Gott hat gewiß etwas besonders

Gutes damit im Sinn.” Darin war sie vollkommen eins mit ihrem Mann,

der von Natur noch glücklicher veranlagt war als sie und an dem

alle, die mit ihm in Berührung kamen, mit einer unbegrenzten Liebe

emporsahen.

Schon ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt schrieb Professor

Clemens Perthes in Bonn: „Ich fand in Koblenz viel verändert; statt

des alten guten, aber schwachen P. einen jungen überaus kräftigen

Mann als Oberpräsidenten, der mit eigener Hand überall eingriff und

schon ein gutes Maß Schmutz aus dem alten Schlendrian aufgewühlt

hat. Bodelschwingh ist aus Vinckes Schule, ebenso kräftig und

sorgsam, aber gewiß viel besonnener als dieser, dabei von einem

schönen, männlichen Äußeren, Meister in allen körperlichen Übungen,

Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Durch sein einfaches

Auftreten paßt er ganz vorzüglich für die Rheinlande, denen wohl

nicht leicht ein größerer Verlust zugefügt werden könnte, als wenn

der Oberpräsident wirklich, wie es heißt, Finanzminister werden

sollte. Es muß eine Lust sein, unter Bodelschwingh zu arbeiten.” In

der Tat gelang es der hingebenden Treue und Umsicht Bodelschwinghs

im Bunde mit seinen von ihm hingerissenen Mitarbeitern, die

rheinische Provinz, um die Frankreich mit so heißen Bemühungen

geworben hatte, wieder fest mit dem Mutterlande zu verknüpfen.

Auch die Verhaftung des Cölner Erzbischofs von Droste-Vischering,

die er infolge des Mischehen-Streites auf Befehl der Krone

persönlich zu vollziehen hatte, konnte dem evangelischen Mann das

Vertrauen der meist katholischen Rheinländer nicht entziehen. So

tief waren alle trotz unvermeidlicher sachlicher Differenzen von der

Rechtlichkeit seiner Person überzeugt.

Berlin. 1842-1848.

Nach achtjähriger Tätigkeit in Koblenz wurde Ernst v. Bodelschwingh

1842 zur Leitung des Finanzministeriums nach Berlin berufen. Er

hatte eigentlich schon damals das Ministerium des Innern übernehmen

sollen, den wichtigsten Posten im preußischen Staate, doch hatte er

es beim König durchgesetzt, ihm das Finanzministerium zu geben, dem

zu jener Zeit noch außer den eigentlichen Finanzfragen ein großer

Teil der Aufgaben unterstellt war, die später von dem Ministerium

des Handels und der öffentlichen Arbeiten erledigt wurden. Die

Erfahrungen als Landrat und in den verschiedenen Ämtern der

Rheinprovinz hatten ihm gerade diese praktischen Gebiete besonders

vertraut gemacht. Aber das Losreißen in Koblenz war sauer. Und nicht

nur dem Oberpräsidenten wurde der Abschied von seiner ihm so ans

Herz gewachsenen Provinz schwer, sondern auch seiner ganzen Familie.

Der Rhein hatte es ihnen allen angetan. Und als der damals

elfjährige Friedrich längst zum Mann und Greis geworden war, hörte

man ihn noch manchmal vor sich hinsummen:

An den Rhein, an den Rhein,

Zieh' nicht an den Rhein,

Mein Sohn, ich rate dir gut.

Da geht dir das Leben so lieblich ein,

Da blüht dir so freudig der Mut.

Siehst die Mädchen so frank

Und die Männer so frei,

Als wär's ein adlig Geschlecht.

Gleich bist du mit glühender Seele dabei,

So dünkt es dich billig und recht.

Während der Vater mit den älteren Kindern schon nach Berlin vorausgeeilt

war, reiste die Mutter mit den jüngeren Geschwistern hinterher. Schon

seit Jahren war Karl, der um zwei Jahre ältere Bruder Friedrichs,

leidend, und der kleine Friedrich hatte während der Reise nicht nur den

Kanarienvogel, der in seinem Käfig an der Decke des Wagens hing, und die

Meerschweinchen, die in einer Kiste mitgeführt wurden, zu versorgen,

sondern auch als Krankenpfleger dem leidenden Bruder Handreichungen zu

tun. Nach zehntägiger Fahrt in der Postkutsche wurde die neue Heimat

erreicht und das Finanzministerium, das bis heute, wenn auch in

veränderter Form, auf demselben Platze am Kastanienwäldchen steht,

bezogen.

Von da war es ein kurzer Weg zum Joachimstalschen Gymnasium in der

Burgstraße jenseits des Lustgartens. Die Aufnahme ging glatt

vonstatten. Aber als es vom Lateinischen zum Griechischen vorwärts gehen

sollte und das Gymnasium mit den außerordentlichen Ansprüchen an höchste

Leistungen auf dem Gebiete der klassischen Sprachen auch an den kleinen

Quartaner und Tertianer herantrat, da bedurfte es der größten Anspannung

der Willenskraft, um das geforderte Ziel notdürftig zu erreichen. Erst

nach zwei Jahren gab es ein Aufatmen. Statt des Finanzministeriums

übernahm der Vater das Kabinettsministerium und im Jahre darauf außerdem

auch noch das Ministerium des Innern. Damit war ein Wohnungswechsel

verbunden, erst in die Wilhelmstraße, dann in die Straße Unter den

Linden. Jetzt war der Weg zum Joachimstalschen Gymnasium zu weit

geworden, und Friedrich bezog mit seinen Brüdern das damals in der

Kochstraße gelegene Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Mit wachsender Lust,

unter verständnisvollen Lehrern, ging es an die Arbeit, und lange,

nachdem er die Schule verlassen hatte, verfolgte ihn das Heimweh nach

den Bänken seines lieben Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.

In der Freizeit wurde, wie einst in Koblenz, geturnt, geschwommen,

gerudert und Schlittschuh gelaufen. Jetzt kam auch das Reiten hinzu.

Einmal freilich setzte Cora, das Reitpferd seines Vaters, den jungen

Friedrich im Tiergarten ab und trabte ohne ihn durch das

Brandenburger Tor nach Hause. Von den älteren Brüdern lernte er das

Fechten, das er so lieb gewann, daß er bis zum Jahre 1854 sich nicht

von seinem doppelten Fechtzeug mit Rapier, Schutzhaube und Bandagen

trennen konnte. Und zeit seines Lebens führte er über seinem rechten

Auge einen Denkzettel mit sich in Gestalt einer Narbe, die ihm sein

kleiner Bruder Ernst geschlagen hatte. Seiner Überlegenheit sicher,

hatte der ältere Bruder, ohne sich durch Bandagen zu schützen, dem

jüngeren das scharfe Rapier in die Hand gedrückt, und dieser, nicht

faul, hatte ihm im kühnen Dreinschlagen den Hieb gerade über dem

Auge beigebracht.

Bald kam auch das edle Weidwerk hinzu. Der König hatte seinem

Minister für die Stunden der Erholung vor den Toren Berlins ein

Jagdgebiet zur Verfügung gestellt. So liefen denn die Söhne hinter

dem Vater her, erst um das geschossene Wild zu tragen, dann um auch

selbst die Flinte in die Hand zu nehmen. Auf Hasen und Hühner wagte

Friedrich den Schuß, aber auf den Rehbock nur ein einziges Mal. Die

Augen des verendenden Tieres hatten es ihm angetan. Seitdem konnte

er nicht wieder darauf anlegen.

Noch größer waren die Freuden der gemeinsamen Wanderungen mit dem

geliebten Vater oder auch allein mit den Brüdern und Freunden. Dem Vater

waren von Jugend auf weite Märsche Lust und Erholung gewesen. Noch vor

den Freiheitskriegen war er einmal von Berlin nach Westfalen zu Fuß

gegangen. Zugleich mit der Post hatte er Berlin verlassen, und eher als

die Post hatte er die Heimat erreicht. Später, als Student in Göttingen,

war er in einem Tage auf den Brocken gegangen, hatte dort am andern

Morgen den Sonnenaufgang erlebt und war noch am selben Abend wieder in

Göttingen gewesen. Zehn Meilen hin, zehn Meilen zurück, d. h. etwa

150 Kilometer in zwei Tagen. Als Referendar war er sogar einmal in elf

Wochen von Westfalen durch Süddeutschland und die Schweiz an die

oberitalienischen Seen bis Mailand gewandert und wieder zurück, ohne

irgend ein Gefährt unter den Füßen zu haben als nur auf den

schweizerischen und italienischen Seen das Deck der Schiffe, die ihn von

einem Ufer zum andern trugen. So gab es auch jetzt mit den

heranwachsenden Söhnen unter frohen Liedern eine Reise über Rheinsberg

und Hohen-Zieritz mit den Erinnerungen an Friedrich den Großen und die

Königin Luise nach der Insel Rügen. Eine Fußreise nach Süddeutschland

machten die Brüder zusammen mit einigen Freunden ohne den Vater. 87

deutsche Burgen wurden begrüßt oder bestiegen, und in sieben deutschen

Strömen bis hinunter zum Neckar wurde gebadet.

Unter solchen Freuden glitten die schalen Vergnügungen der

Hauptstadt fast unbeachtet an Friedrich vorüber, zumal schon damals

weitere und engere Freundschaftsbande ihn ganz in Anspruch nahmen.

Schon als Quartaner auf dem Joachimstalschen Gymnasium war er für

einen fälschlich angeklagten Klassengenossen, Gustav Bossart,

eingetreten. Ritterlich war er zum Direktor vorgedrungen und hatte

sich, wenn auch unter lautem Schluchzen, für die Redlichkeit des

Beschuldigten verbürgt. Das hatte ihm zugleich das Herz des

Direktors und seines Kameraden gewonnen.

Bald darauf erschütterten tiefe Zweifel an der Güte Gottes das Herz

des jungen Bossart. Während sie unter dem Sternenhimmel miteinander

dahingingen, gestand er sie seinem Freunde Friedrich. Es handelte

sich um das alte Problem des ewigen Gerichtes und der ewigen Gnade.

Was konnte Friedrich sagen? Das Firmament strahlte zu ihnen

herunter, und während er sein Auge aufhob, kam es über ihn wie eine

Erleuchtung: Ist nicht beides gleich unfaßlich, die Endlichkeit und

die Unendlichkeit des Himmelsraumes? Wenn es mir wirklich gelänge,

bis an sein Ende zu kommen, was würde ich dann jenseits seines Endes

erblicken? „So”, sagte er seinem Freunde Bossart, „ist es auch mit

den Fragen, die dich bewegen. Sie lassen sich beide nicht zu Ende

denken. Es gibt im Reich der Gnade und im Reiche der Natur eine

Grenze, die dem menschlichen Geist gesteckt ist, bei der das Denken

aufhört und der Glaube anfängt, der, ohne die letzten Dinge

ergründen zu können, Gott traut.” -- Mit unermüdlicher Treue hat der

Knabe, der Jüngling und der heranreifende Mann an dieser

Freundschaft festgehalten; und wir werden ihr später noch einmal

begegnen.

Unter den Häusern, die denen Bodelschwinghs besonders verbunden

waren, stand obenan das Haus des damaligen Generals v. Diest. Der

General war der einzige noch überlebende Bruder der Ministerin. Nach

der Schlacht bei Auerstedt, an der er als junger Offizier teilnahm,

hatte er sich überzeugt, daß nur von Osten her die Befreiung

Preußens kommen konnte. So war er über Holland nach Rußland gegangen

und in russische Dienste getreten. Als Vermessungsoffizier hatte er

der russischen Armee ausgezeichnete Dienste getan, hatte die

Feldzüge 1812 und 13 auf russischer Seite mitgemacht und war

schließlich so sehr in das Vertrauen des russischen Kaisers

hineingewachsen, daß dieser alle Mittel aufwendete, um ihn in seiner

Armee zu behalten. Aber er konnte außerhalb der Luft seines

befreiten Vaterlandes nicht leben. In preußische Dienste

zurückgekehrt, war er schließlich Generalinspekteur der Artillerie

geworden und lebte jetzt als „der schöne Diest”, wie die Berliner

Jungen ihn nannten, in Berlin. Er war in der Tat eine hervorragend

schöne Erscheinung, aber in dem stattlichen Manne lebte ein kindlich

frommer, demütiger Sinn, der ganz mit dem Geist seiner Geschwister

Bodelschwingh übereinstimmte. Seine drei Kinder standen in gleichem

Alter mit den älteren Kindern des Hauses Bodelschwingh, und so oft

die beiden Geschwisterkreise sich zusammenfanden, was jede Woche

mehrmals geschah, gab es das fröhlichste Leben. „Denn die Diests

konnten lachen aus dem Effeff.”

Zu dem innersten Freundeskreis gehörte in den ersten Berliner Jahren

besonders auch der westfälische Ober-Präsident von Vincke, dessen

erste Frau eine Kusine des Ministers von Bodelschwingh gewesen war.

Klein und unscheinbar von Person, war dieser Mann vor und nach den

Freiheitskriegen einer der größten Wohltäter seiner engeren und

weiteren Heimat geworden. Er hatte einen klaren Blick für das

Kleinste und für das Größte und entwickelte bei äußerster

persönlicher Anspruchslosigkeit für die wichtigsten wie für die

unscheinbarsten Dinge den gleichen Eifer. An den Akten pflegte er in

echt preußischer Sparsamkeit jeden freien Streifen Papier

abzuschneiden, um ihn zu seinen schriftlichen Notizen zu benutzen.

Im blauen Kittel, um seinen darunter befindlichen guten Anzug zu

schonen, visitierte er in Westfalen die Landräte und Amtleute,

reiste auch in demselben blauen Kittel von Westfalen nach Berlin.

Immer führte er eines oder mehrere dieser Kleidungsstücke bei sich,

um sie seinen Freunden und Bekannten zu empfehlen oder zu schenken

und ihnen bei der ersten Anprobe behilflich zu sein, die bisweilen

nicht ohne Schwierigkeit vor sich zu gehen pflegte, da der Kittel

ohne Knöpfe war und über den Kopf fix und fertig auf den Körper

gezogen werden mußte. Er konnte keine Reise von Westfalen nach

Berlin unternehmen, ohne sich mit allerlei Paketen zu beladen für

die in Berlin studierenden Söhne seiner westfälischen Freunde und

Bekannten.

Eine Reise, auf der Friedrich mit seinem Vater den alten aus

Westfalen gekommenen Oberpräsidenten nach Eberswalde begleitete,

blieb ihm unvergeßlich. Nachdem die Dienstgeschäfte erledigt waren,

durcheilte der kleine über siebzigjährige Mann die Stadt, um die

westfälischen Schüler der dortigen Forstakademie aufzusuchen und

sich von ihnen Grüße und Aufträge für ihre Verwandten nach Münster

zu holen. Als er 1844 starb und auf seinem Gute „Haus Busch” im

westfälischen Lennetal begraben wurde, setzte man ihm auf seinen

Grabstein nur die Worte: =Vixit propter alios= -- er lebte für

andere.

In demselben Sinne hatten auch Bodelschwinghs ihr Leben

eingerichtet. Darum ging es im Hause einfach und sparsam zu. Wenn es

freilich galt, bei festlichen Gelegenheiten den Staat zu vertreten,

wurde nicht gespart. Der junge Friedrich hatte den Kandidaten, der

seinen jüngeren Bruder unterrichtete, bisweilen auf seinen Gängen zu

armen Leuten begleitet. Bei der Rückkehr nach Hause fiel ihm der

Abstand zwischen den behaglichen und stattlichen Räumen seines

Elternhauses und den Stuben der armen Leute schwer aufs Herz. Und

einmal, als die Tafel für Gäste des Finanzministeriums festlich

gedeckt und mit allerlei Prunkgeschirr und köstlichen Speisen

besetzt war, fing der Knabe bitterlich an zu weinen im Gedanken

daran, wie reichlich es hier zuging und wieviel statt dessen die

armen Leute entbehren mußten. In beiden Fällen kostete es die Mutter

Mühe, ihn über diesen Unterschied, unter dem er litt, zu beruhigen.

Bedeutsam für Friedrich v. Bodelschwingh und seine spätere Arbeit wurde

es auch, als 1845 an einige Gymnasien und an die Kadettenanstalten die

Aufforderung kam, zu Gespielen des Prinzen Friedrich Wilhelm, des Sohnes

des Prinzen von Preußen, geeignete Altersgenossen vorzuschlagen. Unter

den Vorgeschlagenen war auch der junge Bodelschwingh. Mit sieben oder

acht Kameraden fand er sich von nun an wöchentlich einmal, namentlich

Sonntags, bei dem jungen Prinzen ein, im Winter in Berlin, im Sommer in

Babelsberg bei Potsdam.

Er erzählt darüber: „Wir waren zumeist zwischen 14 und 15 Jahren

alt. Jedesmal, wenn ein neuer Gespiele hinzukam, begrüßte ihn der

Prinz auf das zutraulichste und bot ihm gleich das Du an. Im Winter

tummelten wir uns in dem geräumigen Turnsaal. Im Sommer, in

Babelsberg, war unser Treiben meist noch viel freier und fröhlicher,

weil wir nicht so unter den Augen des Generals von Unruh, des

Gouverneurs des Prinzen, waren. Hier wurden nicht nur die

gewöhnlichen Laufspiele gespielt, sondern wir durften uns wohl auch

die Pferde aus dem Stall holen, große und kleine, und so, beritten,

allerlei Spiele spielen, die sonst Knaben zu Fuß zu treiben pflegen.

Am meisten Freude machte uns die kleine Flotte auf dem See, mit der

wir unsere Seeschlachten lieferten. Ich erinnere mich noch, wie wir

eines Tages den Prinzen Friedrich Karl angriffen, der eine kleine

Fregatte kommandierte. Aber bei dem Versuch, mit meinem Freunde

Zastrow zusammen die Fregatte zu entern, wurden wir von dem Prinzen

durch verschiedene Eimer Wasser in die Flucht geschlagen.

Unser Prinz Friedrich Wilhelm war wohl der gesittetste unter uns

Knaben, der in keiner Weise uns seine hohe Geburt fühlen ließ,

sondern ganz wie mit seinesgleichen seine Spiele mit uns trieb und

sich von uns Kleinen etwas gefallen ließ, da wir zumeist gelenkiger

und hurtiger waren als er. Öfter kam auch Emanuel Geibel, um mit uns

kleine Aufführungen einzuüben.”

Aber die tiefsten Erinnerungen und Einflüsse blieben doch auch in

dieser Berliner Zeit dem Elternhause vorbehalten. Die Ministerin sah

es bei dem mühevollen und unruhigen Leben ihres Mannes als ihre

Hauptaufgabe an, Frau und Mutter des Hauses zu sein. Darum hatte sie

sich schon bald nach ihrer Ankunft in Berlin, unter Hinweis auf

ihren kränker werdenden Sohn Karl, beim König und der Königin die

Erlaubnis ausgebeten, den Hoffestlichkeiten fern bleiben zu dürfen.

Ihr Mann konnte sich diesen natürlich nicht entziehen. Aber ehe er

ins Schloß fuhr, pflegte er vorher mit den Seinen die Abendandacht

zu halten. Dann meldete er sich beim König und der Königin, ging

nacheinander, bald den einen, bald den andern anredend, durch die

Reihe der Festsäle, und manchmal, noch ehe die Kinder eingeschlafen

waren, hörten sie den Wagen ihres Vaters wieder zurückkommen. Dann

fand ihn der Rest des Abends wieder an seinem Schreibtisch; und früh

um fünf Uhr war er aufs neue bei der Arbeit.

Nachmittags aber, nach dem einfach und eilig eingenommenen

Mittagbrot und der kurzen daran sich anschließenden Ruhepause,

fand sich die ganze Familie zum Kaffee zusammen, im Sommer im

Garten, im Winter im geräumigen Saale. Dann gehörte der Vater ganz

seinen Kindern, scherzte und tollte mit ihnen in größter

Heiterkeit, als wenn niemals die ungeheure Last seines Amtes auf

ihm gelegen hätte. Und wenn gelegentlich einmal sein Bruder Karl

dazu kam, der ihm später im Finanzministerium folgte, dann mischte

auch dieser sich in das fröhliche Spiel, und die Kinder sahen zu,

wie die beiden schon ergrauten Brüder sich mit Kissen warfen. In

der Erinnerung an solche Stunden sagte später der Sohn: „Ich

glaube nicht, daß es einen so edlen, glücklich veranlagten Mann

wie unseren Vater noch einmal gab.” Die Brüder unterhielten sich

einmal über ihn. Der eine: „Solchen Menschen wie Vater gibt es nur

einmal in Preußen!” Der zweite: „In Preußen? In Deutschland!” Der

dritte: „In Deutschland? Nein, in Europa!” „Und”, fügte die

Tochter hinzu, „dabei war er ein strenger Vater.”

Auch die Dienstboten nahmen an diesem Glück des Hauses teil. Durch

den treuen Pastor Smend von Lengerich, der durch seine Briefe der

seelsorgerliche Freund des Hauses geblieben war, wurde die

Verbindung mit dem Tecklenburger Land wach erhalten, und mehr wie

ein Tecklenburger Kind trat in Berlin in die Dienste des früheren

Landrates und seiner Frau und wurde, auch wenn es sich verheiratet

hatte, nicht vergessen, sondern als bleibendes Glied des Hauses

angesehen.

Aber ohne seine Bürde war das Glück des Hauses nicht. Das ernste

Leiden des dritten Sohnes Karl führte zu dauerndem Siechtum. Nie

dachte die Mutter, obwohl sie selbst die Kaiserswerther Schwestern

in die Charité eingeführt hatte, daran, sich eine Diakonisse zu

Hilfe zu nehmen. „Die Schwestern gehören den Armen”, pflegte sie zu

sagen. Die Kranken im eigenen Hause pflegte sie selbst. So hatte sie

einen schwindsüchtigen Studenten aufgenommen und bis zum Tode

gepflegt und blieb nun auch die Pflegerin ihres Sohnes, der in

kindlichem Glauben sein Ende erwartete, bis seine Mutter ihm die

Augen zudrücken konnte.

Auch ihr Bruder, der General von Diest, siechte dahin, und auch bei

ihm, der seit langem Witwer war, hielt sie in treuster Pflege bis

zuletzt aus. An dem Tage, an dem er starb, schrieb sie in ihr

Tagebuch: „Todestag? -- Gott sei Dank, daß ich mit Gewißheit sagen

darf, nicht Todestag, sondern seliger Heimgang meines treuen, noch

einzigen Bruders Heinrich. Sein großes schweres Leiden machte ihn

keinen Augenblick zweifelnd an der Liebe seines Gottes. Des Herrn

Kraft ist in dem Schwachen mächtig, und wie er ihn bekannt hat vor

den Menschen als seinen Helfer, Erlöser und Seligmacher, so wird der

Herr auch ihn jetzt bekennen vor seinem himmlischen Vater und sagen:

‚Gehe ein zu deines Herrn Freude!’ Seine Lagerstatt war mir ein

stilles Heiligtum, und sein letzter Atemzug war für ihn der Anbruch

eines Tages, wo er zum Anschauen dessen gelangt, was er hier

geglaubt. Ich mußte ihn mit den Worten begleiten: ‚Der Erlöste des

Herrn ist nach Zion kommen mit Jauchzen, seine Zunge wird voll

Rühmens und sein Mund voll Lachens sein!’”

Ernster noch, aber doch von ähnlicher heiliger Freude begleitet, war

der Weg zum Grabe ihres ältesten Sohnes. Er war einst als kleines

Kind in Tecklenburg schwer krank gewesen. Da hatte ihn die Mutter in

leidenschaftlichem Gebet Gott abgetrotzt: Er sollte ihr das Kind am

Leben erhalten. Das Kind genas wirklich. Es war ein geweckter, für

alle Eindrücke sehr empfänglicher Knabe geworden. Nun in Berlin

schlug die Verführung der großen Stadt ihre Krallen in den

hochbegabten, von Kraft und Schönheit strotzenden Studenten der

Rechtswissenschaft. „Mit seinem Glauben verlor er die Kraft zu Kampf

und Sieg,” schrieb später sein Bruder Friedrich. Die Mutter sah ihn

bergab gleiten. Aber er ließ sich nicht halten. Bittere

Selbstanklagen stiegen in ihr auf in Erinnerung an jene Krankheit

und jenes Gebet in Haus Mark. Dazu kam die Sorge um ihren

heißgeliebten Mann, an dessen Herzen der Kummer nagte. Jede Nacht

blieb sie auf und wartete, bis ihr Sohn zurück war. Wenn sie endlich

seinen Schritt hörte, kam kein Wort des Scheltens über ihre Lippen,

nicht einmal einen Gedanken des Vorwurfs duldete sie in ihrem

Herzen. Sie litt still um ihn und für ihn und klagte sich selbst an.

Eines Nachmittags trat er ganz ruhig ins Zimmer. Seine Hand war

verbunden. In einem studentischen Lokal war er mit einem politischen

Gegner seines Vaters aneinander geraten. Es war zu einer Forderung

und zum Duell gekommen. Er wußte, daß sein Gegner, der ein sehr

guter Schütze war, ihn töten wollte. Er selbst hatte in die Luft

geschossen und hatte dann seine Hand mit der abgeschossenen Pistole

vor die Brust gelegt. So war ihm die Kugel des Gegners, der auf die

Brust gezielt hatte, in das Handgelenk gefahren.

Die Wunde schien ungefährlich. Aber als Friedrich, der in der

dritten Nacht bei seinem Bruder gewacht hatte, um die Wunde, wie es

damals Sitte war, mit Eis zu kühlen, dem Kranken mit anbrechendem

Morgen ins Gesicht sah, erschreckten ihn dessen veränderte Züge.

Eine Blutvergiftung hatte sich angebahnt, die schnell zum Tode

führte. „Doch konnte er noch”, so schreibt Friedrich, „der Mutter

sein ganzes Herz in allen Stücken aufschließen und dem Vater auch.”

Am Morgen vor seinem Tode feierten Vater und Mutter und die beiden

ältesten Geschwister, Frieda und Franz, mit dem Sterbenden zusammen

das heilige Abendmahl. „Der liebe Pastor Snethlage” (Hofprediger

des Königs) -- schreibt Friedrich -- „konnte in solchen Stunden mit

seinem heiligen, stillen Ernst und seiner großen Einfachheit so nahe

ans Herz dringen. Ich erinnere mich, daß es mir vorkam, als wäre der

Himmel ganz nahe auf der Erde, wie ich es vorher nie gespürt. Am

Nachmittag ging ich wieder in die Schule, da wir das Ende nicht für

so nah hielten. Aber kurz vor vier Uhr, ehe die Schule schloß, hatte

ich einen ganz besonderen Eindruck, den ich nicht beschreiben

konnte. Es war mir so, als wenn die Stunde des lieben Bruders nun

doch schon geschlagen hätte. Ich eilte nach Hause und in das

Sterbezimmer hinein. Da saß die Mutter dicht an dem Bett, dem Bruder

gegenüber. Sie hatte ihm eben die Augen zugedrückt, nachdem sie ihm

in seinem letzten Augenblick zugerufen hatte: „Fürchte dich nicht,

ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du

bist mein!”

In dem Briefe, den Ludwig am Morgen des Duells an seinen Vater

geschrieben hatte, hieß es: „In wenigen Stunden werde ich nun doch

meinem Dir bekannten Gegner mit der tödlichen Waffe in der Hand

gegenüberstehen, und nach dem, was vorausgegangen ist, ist nicht

daran zu denken, daß die Sache ohne Unglück ablaufen könne. Ich

erkenne es daher als meine heilige Pflicht, mich darauf

vorzubereiten, daß ich vielleicht heute noch vor meinem Richter

erscheinen und von meinem Leben Rechenschaft geben muß. Aber ich

fühle auch, wie wenig ich darauf vorbereitet bin. Die Schuld meines

ganzen Lebens lastet schwer auf mir, und ich kann mich nur zweifelnd

und mit Zittern fragen, ob ich Gnade und Vergebung hoffen darf. Ich

habe mich streng geprüft, welche Gefühle ich meinem Gegner gegenüber

hege, und kann aufrichtig versichern, daß ich keinen Groll gegen ihn

empfinde. Das Duell wird daher in keiner Weise ein Akt der Rache für

mich sein. Ich schlage mich, weil ich mich nicht stark genug fühle,

den herrschenden Standesansichten entgegenzutreten, weil ich

einsehe, daß ich sonst eine ehrenhafte Stellung in der Welt nicht

behaupten kann.

Es kann und muß mich sehr beruhigen, daß ich an dem Duell ganz

schuldlos bin. Mein Gegner zwingt mich dazu, und es ist von meiner

Seite durch meinen Sekundanten alles geschehen, was eine friedliche

Beilegung herbeiführen könnte.

Ich komme nun zu der schwersten Pflicht des Abschiedes von Dir,

treuer, bester Vater, von meiner lieben, guten Mutter und meinen

Geschwistern. So sage ich Euch denn, teuerste Eltern, in dieser

ernsten Stunde den wärmsten und aufrichtigsten Dank für die große

Liebe, die Ihr mir mein ganzes Leben durch bewiesen habt, und bitte

Euch, daß Ihr mir verzeihen wollt, wenn ich sie so schlecht

vergelte. Ach, ich fühle es jetzt nur zu bitter, was ich an Euch

verschuldet, und alle Sorge, aller Schmerz, den ich Euch bereitet,

lastet schwer auf mir. Aus tiefstem Herzen und mit aufrichtigster

Reue flehe ich daher für alle meine Verirrungen um Eure Verzeihung

und versichere Euch vor Gott, daß in diesem Augenblick wenigstens

die wärmste Liebe und Dankbarkeit gegen Euch mein Herz erfüllt und

daß es mir unendlich schwer fällt, nur diesen schriftlichen Abschied

von Euch nehmen zu können. Ach, ich bin Eurer Verzeihung ja gewiß;

möchte ich ebenso gewiß der göttlichen Verzeihung sein können! Fleht

für Euren armen sündigen Sohn, daß ihm Gnade werde!

Meine Geschwister beschwöre ich, daß ihnen mein Tod eine ernste

Warnung fürs ganze Leben sein möge, die Sünde zu fliehen und einen

ernsten, Gott wohlgefälligen Wandel zu führen. Ja, werdet Ihr alle

der Trost meiner armen Eltern, liebt und verehrt sie und bedenkt,

daß Ihr das nie wieder gutmachen könnt, was Ihr an ihnen

verschuldet! Vergeßt nie die letzte Bitte Eures Bruders, der Euch

beschwört, daß Ihr Euer ganzes Leben hindurch unsern teuern Eltern

Freude bereiten möget und dadurch einen Teil der großen Schuld

abtragt, die auf mir in dieser meiner letzten Stunde so schwer

lastet.

So lebt denn zum letzten Male wohl, mein lieber guter Vater, meine

innig geliebte Mutter, und Ihr alle, meine teuren Geschwister, und

betet für Euren unglücklichen Sohn und Bruder Ludwig.” Diesen

letzten Teil des Briefes schrieb sich jedes der Geschwister ab und

führte ihn in seiner Bibel bei sich.

Zum siebenten Mal seit der Verwundung 1813 erkrankte der Vater an

der Lungenentzündung. Neun Tage und Nächte hindurch brachte die

Mutter an seinem Bett zu. Mehrere Male fanden die Kinder sie nebenan

auf den Knien liegend. Der König schickte seinen Leibarzt. Am

neunten Tag, als die Krisis eintrat, glaubte der Arzt, daß sich die

Krankheit zum Tode neige. Er trat in das Zimmer, wo die Kinder auf

die Nachricht des Arztes warteten. Der Arzt stand vorn, die Mutter

etwas hinter ihm. Während der Arzt den Kindern mitteilte, daß ihr

Vater nur noch kurze Zeit zu leben haben würde, schüttelte die

Mutter hinter ihm leise lächelnd mit dem Kopf. Das sah Franz, der

Älteste, und konnte sich eines zuversichtlichen Lächelns nicht

erwehren. Nicht wenig befremdet über den gefühllosen Sohn verließ

der Arzt das Haus. Aber die Mutter, die aus vielfacher Erfahrung

heraus auf dem Gesichte des Kranken die Wendung, nicht zum Tode,

sondern zur Genesung gesehen hatte, behielt recht.

Kaum hergestellt, hatte der Minister auf dem ersten vereinigten

Landtage der preußischen Provinzial-Abgeordneten die Krone zu

vertreten. Heinrich von Treitschke, der Geschichtsschreiber

Preußens, sagt darüber: „Eben von schwerster Krankheit genesen, fast

allein, selbst ein parlamentarischer Neuling, bot v. B. dieser

stürmischen Versammlung die Stirn. Es ergab sich, daß er allein

unter allen Ministern ein ungewöhnliches Rednertalent besaß. Höchst

unscheinbar gekleidet, fiel er sogleich auf durch seine hohe

kriegerische Gestalt und durch den treuherzigen Blick seiner offenen

großen Augen. Ursprüngliche Kraft, unschuldige Frische sprachen aus

seinem ganzen Wesen, und General von Gerlach, der einen „liberalen”

Minister durchaus nicht liebte, sagte wohl: „So ungefähr muß Adam

ausgesehen haben.” Der letzte hervorragende Vertreter des alten

absolutistischen Beamtentums, hielt er sich verpflichtet, die

Willensmeinung des Königs, sofern sie nur dem Rechte nicht offenbar

widersprach, mit der ganzen Selbstverleugnung des altgermanischen

Vasallen zu verteidigen. Er hatte bei der Beratung des Patents immer

wieder und wieder Bedenken hervorgehoben, die ihm sein schlichter

Geschäftsverstand aufdrängte, aber der Monarch hatte gesprochen, und

an seinem Willen ließe sich nichts mehr ändern.”

In der westfälischen Heimat. 1848-1849.

Dreiviertel Jahre später, 1848, brach die Revolution aus, und

Bodelschwingh erhielt seine Entlassung. In tiefstem Schmerz trat er

den Weg in die westfälische Heimat an. In Minden auf dem Bahnhof

wurde der verabschiedete Minister erkannt, und ein Mann spottete

hinter ihm her: „Oller Ex, oller Ex.” „Laßt ihn spotten,” sagte er

zu seinen Kindern, „es ist uns gut so.”

Der König erwog ernstlich, Bodelschwingh als leitenden Minister

zurückzurufen, und richtete eine Vorfrage an ihn, ob er bereit wäre

zu kommen. Bodelschwingh aber lehnte in einem ausführlichen

Schreiben ab. Diese Tatsache widerlegt stärker als alles andere den

später gegen Bodelschwingh erhobenen Vorwurf, als hätte er am

19. März die Zurückziehung der Truppen veranlaßt. Nie würde

Friedrich Wilhelm =IV.= einen Minister zurückgerufen haben, dem er

die tiefe Demütigung der königlichen Würde zur Last legen mußte, die

eine Folge der Zurückziehung der Truppen war.

Zeitweise beschäftigte den verabschiedeten Minister der Gedanke, mit

den Seinen nach Amerika auszuwandern. Aber dann entschloß er sich,

die heimatliche Scholle zu pflügen, und gerade jetzt nach den

schmerzlichen Erlebnissen brach die glücklichste Zeit für die

Familie an. Das alte Gutshaus in Velmede war schon vor den

Freiheitskriegen abgebrochen worden und hatte längst durch ein neues

ersetzt werden sollen. Da aber infolge des Krieges ein großer Teil

des Vermögens verloren gegangen war, so war der Neubau bis jetzt

unterblieben. Nur die alte, strohgedeckte Wagenremise stand noch,

die sich einst die Eltern des Ministers zum Wohnhaus eingerichtet

hatten und in der jetzt der Förster wohnte. Hier zog nun die Familie

ein.

Bald ging es an den Bau eines einfachen einstöckigen Landhauses, an

das Zuschütten des alten Hausgrabens und an die Einrichtung des

neuen Blumen- und Obstgartens. Überall legten der Vater und seine

Söhne selbst mit Hand an. Dazwischen aber tauchten all die alten

Freuden aus Koblenz und Berlin wieder auf. In der Seseke, dem

kleinen Fluß, der das Gutsland durchschnitt, wurde geschwommen,

gefischt und gerudert; auch die Jagdflinte wurde wieder über den

Rücken geworfen und mit dem geliebten Vater um die Wette das Land in

die Länge und Breite durchstreift.

Aber inzwischen mußten weitere Schritte ins Leben hinein getan werden.

Der Konfirmationsunterricht bei dem Hofprediger Snethlage in Berlin war

unterbrochen worden. So brachte der Vater den nun schon siebzehnjährigen

Friedrich nach Unna. Pastor von Velsen, als Mensch und als Christ eine

gleich anziehende Persönlichkeit, wollte den Primaner nicht mit den so

viel jüngeren Konfirmanden zusammen unterrichten und gab ihm auf seinem

Zimmer die Konfirmationsstunden. „Das waren selige Wege nach dem lieben

Unna hinaus,” schrieb er, „und tiefer als die Konfirmationsfeier selbst

blieben diese Stunden in der Seele haften.”

Dann kam die Aufnahme in das Gymnasium zu Dortmund. Aber heimisch

wurde er hier nicht. Dazu war die Heimat zu nah. Einige Male machte

er am Sonntag zu Fuß den weiten Weg von Dortmund nach Unna, um den

Konfirmator wiederzusehen, dessen Predigten ihm mehr zu Herzen

gingen, als es sonst ein menschliches Wort bis dahin getan hatte.

Aber für gewöhnlich ging es mit den Brüdern Franz und Ernst jeden

Sonnabend Nachmittag auf Fußwegen quer durch die Felder die drei

Stunden weit zu Eltern und Geschwistern nach Velmede. „Dabei

begegnete es mir einmal,” erzählt er, „als das Elternhaus aus der

Ferne winkte, daß ich mich wiederholt umblickte, weil es mir vorkam,

als ob ein Reiter auf dem schmalen Fußpfade hinter mir her

galoppierte, bis ich erkannte, daß es mein eigenes Herz war, welches

so laut vor Freude und Wonne klopfte beim Anblick des geliebten

Vaterhauses.” Und am letzten Busch kamen Vater und Mutter und die

beiden Schwestern Frieda und Sophie den Brüdern entgegen. Dann ging

es gemeinsam ins Elternhaus, das vorher nie so genossen worden war

als jetzt, wo die Söhne nicht jeden Tag darin zubringen konnten.

Am Sonntagmorgen stand der Vater, der in gesunden Tagen nie den

Gottesdienst versäumte, für den Weg in die Kirche nach Methler

bereit, und die Kinder folgten ihm, während die Mutter sich alle

vierzehn Tage mit den Mägden abwechselte. Am Nachmittag ging es dann

unter die Eichen des Mühlenbruchs, wo die Söhne einen lauschigen,

stillen Sitzplatz für die Eltern und Schwestern errichtet hatten und

wo nun an dem flackernden Feuer die Kartoffeln geröstet wurden. „Wie

konnte der Vater jubeln durch den Mühlenbruch wie ein Kind!”

schreibt der Sohn. Und in einem Brief der Tochter Sophie heißt es:

„An jeder Blume, jedem Blatt und Strauch hatte er seine kindliche

Freude. Es ist ja auch ein wahrhaft erfrischender Anblick, den Mann

zu sehen, der durch alle Unnatur der Welt, alle Schlechtigkeit und

Niedrigkeit der Menschen, alle die ertötendsten Geschäfte des

täglichen Lebens und durch viel bittere Enttäuschungen sich

hindurchgerettet und sich den reinen, heiteren, ungetrübten Sinn

eines Kindes zu erhalten gewußt hat. So heiter, frisch und kräftig

habe ich ihn eigentlich noch nie gekannt.”

Ostern 1849 entließ das Gymnasium in Dortmund den jungen Friedrich

von Bodelschwingh mit dem Zeugnis der Reife. Da er nur ein halbes

Jahr in Berlin und nur ein Jahr in Dortmund die Prima besucht hatte,

so würde er am liebsten noch ein halbes Jahr auf das geliebte

Friedrich-Wilhelms-Gymnasium nach Berlin zurückgekehrt sein, um

trotz des guten Dortmunder Zeugnisses die klassischen Studien zu

vertiefen. Aber der Vater riet ab.

Die Ausbildung.

Als Eleve im Oderbruch. 1849-1851.

„Meine landwirtschaftliche Lehrzeit ist unzweifelhaft die reichste

meines Lebens gewesen und wird mir auch wahrscheinlich immer die

angenehmste Erinnerung bleiben, sodaß ich sie um keinen Preis

missen möchte, sollte ich auch jede beliebige andere Karriere

ergreifen. Wenn Zeit und Mittel es gestatten, so will ich einem

jeden unbedingt raten, dem Juristen sowohl wie dem Forstmann und

Bergmann, vor allem aber dem zukünftigen Soldaten, daß er sich

durch ein landwirtschaftliches Lehrjahr für seinen späteren Beruf

vorbereitet.” F. v. B. an seinen Vater 1853.

Was nun werden? Schon während der Zeit in Dortmund hatte

Bodelschwingh gelegentlich ein Bergwerk befahren und als Hauer

mitgearbeitet. Eigentlich gefesselt hatte ihn diese Arbeit nicht.

Sollte er Jura studieren? Aber die unsicheren politischen

Verhältnisse schreckten ihn ab. Dagegen brachte ihn die vielfache

Beschäftigung mit seinem Vater in Garten, Feld und Wald zu dem

Gedanken, zunächst einmal die Landwirtschaft zu ergreifen. Um sich

für die praktische Tätigkeit als Landwirt vorzubereiten, ging er zum

Studium der Botanik und der Physik für den Sommer 1849 nach Berlin,

wo er außer den beiden genannten Fächern Philosophie und Geschichte

hörte. Im Herbst 1849 brachte ihn dann sein Vater auf seine neue

Arbeitsstelle.

„Ich besinne mich noch darauf,” schreibt er, „daß es gerade die

Nacht vom 14. auf den 15. September war, wo wir in Begleitung meines

neuen Lehrherrn, des alten Koppe, zu Wagen von Berlin nach Kienitz

im Oderbruch fuhren. Die Nacht war für mich sehr lehrreich, weil der

alte Herr meinem Vater, den er schon als früheren Finanzminister

kannte und liebte, viel aus seinem Leben erzählte. Der alte Koppe

war in der Tat eine ausgezeichnete und in vieler Beziehung für

meinen neuen Beruf vorbildliche Persönlichkeit. Er war auf einem

Gute in der märkischen Lausitz Hütejunge gewesen. Sein Gutsherr

hatte ihn als einen munteren, geweckten Knaben, der in allen Stücken

besonders treu war, kennen gelernt und liebgewonnen. Er hatte ihm

dann zu seiner weiteren Ausbildung verholfen, sodaß er später zum

Gutsverwalter aufrückte.

Wir fuhren in jener Nacht durch die Güter eines der reichsten Herren

dort in der Mark. Diese Güter hatte der alte Koppe lange Zeit

verwaltet und hatte seinem Herrn in seinen Vermögensverhältnissen

durch große Umsicht und Treue sehr fortgeholfen. Als dann die beiden

wertvollen königlichen Domänen Kienitz und Wollup bei Küstrin

pachtfrei wurden, reichte ihm sein Herr gegen die Teilung des

Reingewinnes die Mittel dar, die Pachtung anzutreten. Mit großen

Opfern kaufte sich Koppe später von dieser Verpflichtung, den

Reingewinn zu teilen, frei. Trotzdem brachte er es so weit, daß er

seiner Frau das Gut, auf dem er als Hütejunge gedient hatte, zum

Geburtstagsgeschenk machen konnte und daß er seine sämtlichen Söhne

und Schwiegersöhne ebenfalls entweder mit einem großen Gut oder mit

großartigen Pachtungen auszustatten in die Lage kam.

Dies alles verdankte er nächst dem Segen Gottes seiner großen Treue

im Kleinen und seiner pünktlichen Sorgfalt. Er wurde der Begründer

des landwirtschaftlichen Rechenwesens in seiner jetzigen

Genauigkeit, wodurch man in die Lage gesetzt ist, von jedem Zweige

der Landwirtschaft am Schluß des Jahres genau zu wissen, was er an

Gewinn oder Verlust gebracht hat. Während, wie Koppe in jener Nacht

erzählte, sein Vorgänger z. B. keine Ahnung gehabt hatte, ob er bei

seiner Pferdezucht gewinne oder zusetze, -- das zweite war

tatsächlich der Fall -- gab sich Koppe über jeden einzelnen Betrieb

seiner Wirtschaft genau Rechenschaft. Bis in sein hohes Alter

behielt er die gleiche Pünktlichkeit bei: Punkt fünf Uhr stand er

fertig angezogen an seinem Schreibtisch und erwartete, daß auch auf

denselben Glockenschlag die Inspektoren und Eleven hereintraten, um

die Arbeitseinteilung zu besprechen. Dabei sorgte er treulich für

seine Arbeiter und ging ihnen auch in seinem kirchlichen Leben mit

gutem Beispiel voran.

Ich wurde zunächst seinem zweiten Sohn, dem er die Bearbeitung der

Domäne Kienitz übertragen hatte, als Eleve anvertraut. Die Domäne

Kienitz war damals zwar nicht eins der größten, aber doch eins der

bestbewirtschafteten Güter des Oderbruchs. Auch war sie das einzige

Gut des Oderbruchs, das eine Zuckerfabrik besaß. Von den 2200 Morgen

wurden jedes Jahr 700 mit Zuckerrüben bestellt. Der Viehbestand

setzte sich zusammen aus 40 Ackerpferden, 24 Kühen, 100 Ochsen und

mehreren 1000 Schafen. Das Gut lag nur eine halbe Stunde von der

Oder entfernt. Die breiten mit Weiden bestandenen Wassergräben, die

das Gut durchzogen, und ein einziger Sandhügel von 2 bis 3 Morgen,

der mit Birken und Tannen bepflanzt war, bildeten die geringe

Abwechslung in dieser einförmigen, aber überaus fruchtbaren Ebene.

Mein Prinzipal war in einiger Verlegenheit, was er mit dem etwas

ungewöhnlichen Lehrjungen anfangen solle, der als Studiosus von der

Universität kam und von dem er zu denken schien, er würde besondere

Ansprüche machen. Auf dem ersten Spaziergang mit ihm ins Feld hinaus

kamen wir zu den Ochsenpflügern, die den Acker für die Rüben, die im

nächsten Frühjahr gelegt werden sollten, aufbrachen. Es war eine

lange außerordentlich dürre Zeit gewesen und darum der Acker so hart

wie eine Dreschtenne. Die sogenannten Rigolpflüge waren jeder mit

fünf starken Ochsen bespannt, zwei hinten und drei vorn, und der von

ihnen umgebrochene Acker war anzusehen wie ein Feld voller

aufgebrochener Steinblöcke. Die einzelnen Erdschollen waren zum Teil

zentnerschwer. Ein Mann mußte den Pflug führen, während ein anderer

die Ochsen langsam antrieb, die unter beständigem Keuchen und

Stöhnen einen Erdblock nach dem andern herausholten.

Ich fragte meinen Prinzipal, ob ich das Pflügen wohl lernen dürfe.

Diese Frage schien ihm eine große Erleichterung zu gewähren. Denn

ihm war nun aus der Verlegenheit geholfen, und ich war an der

Arbeit. Etwa vier Wochen lang habe ich dann einen solchen Rigolpflug

geführt. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Die Ochsen wurden

zweimal am Tage umgespannt, aber der Pflüger mußte von morgens fünf

bis abends acht Uhr aushalten, und es war damals in den

Septembertagen noch eine recht heiße Sonnenglut. Die Knöchel

schwollen mir vor Anstrengung dick an, und ich war bald von der

Sonne braun gebrannt trotz einer großen grünen Mütze, die ich auf

dem Kopfe trug. Hierauf lernte ich auch mit den Pferden pflügen,

deren immer sechs vor einen Pflug gespannt waren, drei in einer

Reihe, wobei ich gleichzeitig den Pflug führen und die Pferde

regieren mußte.

Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild · 第 1 / 18 题