Gedächtnisrede zur Feier des 50jährigen Bestehens der Optischen
Werkstätte.
Gehalten am 12. Dezember 1896[3].
Hochgeehrte Gäste -- liebe Freunde und Mitarbeiter!
In diesen Wochen sind es 50 Jahre geworden, daß aus allerkleinstem
Anfang das Werk entstanden ist, das unter dem Namen von _Carl Zeiss_
heute die Tätigkeit einer großen Zahl von Menschen in dauerndem Verein
hält, ein wichtiges Element in der Wirtschaftstätigkeit unserer Stadt
geworden ist und auch für manche Angelegenheiten allgemeineren
Interesses einige Bedeutung gewonnen hat.
Da der Begründer dieses Werkes nicht mehr lebt, sonach niemand mehr da
ist, der noch in seiner Person das Ende des 50jährigen Zeitabschnittes
mit seinem Anfang verknüpfte und dessen Person so den Mittelpunkt einer
festlichen Erinnerung bilden könnte, haben wir von jeder Art besonderer
Feier abgesehen. Wir wollen den äußeren Markstein auf dem Weg unserer
täglichen Arbeit, den man in dem Ablauf eines halben Jahrhunderts zu
sehen gewohnt ist, lediglich zum Anlaß nehmen, auf diesem Weg einen
Augenblick Halt zu machen und unsere Gedanken zu sammeln in einem
Rückblick auf das hinter uns Liegende, und in dessen Betrachtung neue
Ermunterung zu rüstiger Fortsetzung unserer Arbeit, neues Vertrauen auf
ihre Zukunft suchen.
Die Geschichte dieser 50 Jahre enthält auch in dem sichtbar gewordenen
Geschehen, in dem Fortgang der äußeren Entwicklung unseres Instituts
wohl manches, was dem Gedächtnis aufbewahrt zu werden verdient --
manches, was für die Nächststehenden, manches, was auch für weitere
Kreise ein bleibendes Interesse hat, weil es entweder Merkzeichen
gewisser Fortschritte bietet, oder typische Vorgänge der allgemeinen
Wirtschaftsentwicklung oder die Eigenart unseres besonderen
Arbeitsfeldes exemplifiziert.
Meine Absicht hier geht indes nicht auf alles dieses. Was _davon_
späterer Erinnerung festzuhalten angemessen erscheint, wird mein Kollege
CZAPSKI demnächst in einer Darstellung der Geschichte unserer Werkstätte
denen, die solches interessiert, zugänglich machen[4]. _Meine_ Aufgabe
hier sehe ich nur darin, zu erzählen von der _inneren_ Geschichte
unserer Anstalt, von den Gedanken und Bestrebungen, die in ihr lebendig
und wirksam gewesen sind -- also von dem, was aus dem sichtbaren Verlauf
des Geschehens noch nicht ohne weiteres zu erkennen -- was vielmehr, um
dessen volles Verständnis zu vermitteln, nur der beibringen kann, der
auch das innere Geschehen durch alle bedeutsamen Phasen seines Verlaufs
persönlich miterlebt hat.
Man wird nun zum voraus gewärtig sein, daß in einem Gebilde menschlichen
Schaffens, welches durch ein halbes Jahrhundert hin über mehrfachen
Wechsel der Personen hinweg stetig in gleicher Richtung sich
fortentwickelt hat, nicht nur das Resultat von äußeren Einwirkungen und
von Antrieben der Umgebung vorliegen werde -- deren fortwährender
Wechsel in unserer rasch lebenden Zeit doch nur aus blindem Zufall eine
konstante Bahn hätte ergeben können. Man wird also zum voraus vermuten,
daß in solchem Gebilde etwas wirksam gewesen ist, was von innen heraus
den Gang der Entwicklung bestimmt hat -- eine durchgehende
lebenskräftige Idee, vergleichbar dem entwicklungsfähigen Keim, aus
welchem kraft innerer Anlage der Baum allmählich herauswächst, in seinem
Wachstum nicht bestimmt, höchstens nur beeinflußt durch die Einwirkungen
der äußeren Umgebung, fördernde und hemmende Umstände.
Was nun ist in unserem Fall der lebenskräftige Keim, aus dessen
inhaltsreicher Anlage dieser große Baum entstanden ist |in dessen
Schatten jetzt zahlreiche fleißige Menschen Obdach gefunden haben|? Was
ist der treibende Gedanke, der die Entwicklung dieses Unternehmens
geleitet hat?
Es entspricht ganz der Stimmung, in der wir heute uns hier vereinigt
haben -- der Stimmung pietätvoller Erinnerung an den Mann, der vor 50
Jahren zu allem, was jetzt uns vor Augen steht, den Grund gelegt hat --
daß die Antwort auf diese Frage sofort die Bedeutung des persönlichen
Wirkens von _Carl Zeiss_, der von ihm getragenen Ideen aufdeckt -- und
so ihn gleich in den Mittelpunkt unserer Betrachtung rückt.
Schon vor acht Jahren, als wir den Begründer unserer Werkstätte zu Grabe
geleiteten, habe ich an seinem Sarg in kurzen Worten ausgesprochen[5],
daß in ihm ein Mann geschieden sei, in dessen Wirken ein neuer
eigenartiger Gedanke Anfang und Vollendung gefunden hat; und bei einem
späteren Anlaß[6] wurde im Sinne dessen als sein bleibendes Verdienst
hingestellt: das geordnete Zusammenwirken von Wissenschaft und
technischer Kunst auf seinem besonderen Arbeitsfeld zielbewußt angebahnt
zu haben.
Der heutige Tag gibt nunmehr die Gelegenheit, dieses zu erläutern, näher
zu bestimmen und auch öffentlich zu rechtfertigen.
Zusammenwirken von Wissenschaft und technischer Kunst ist in der Optik
allerdings eine sehr alte Sache. Denn auf ihrem Gebiet hat die
praktische Arbeit schon viel früher wie auf fast allen anderen Gebieten
der Technik in direkter Wechselwirkung mit wissenschaftlichen Ideen und
unter deutlicher Leitung solcher gestanden. Die nahe Beziehung aller
Leistungen der praktischen Optik auf große wissenschaftliche Interessen
-- zu allererst der Astronomie -- brachte dieses von selbst mit sich.
Das Interesse an der Vervollkommnung der Beobachtungswerkzeuge hat fast
alle hervorragenden Förderer der Naturerkenntnis auch zu Förderern der
Künste gemacht, die auf Herstellung der Beobachtungswerkzeuge und deren
Vervollkommnung ausgehen. Man braucht nur KEPLER und NEWTON zu nennen,
um markiert zu sehen, wie jeder Fortschritt in der wissenschaftlichen
Erkenntnis der Eigenschaften und Wirkungen des Lichts immer unmittelbar
die Betätigung praktischer Kunst zur Verwertung solchen Fortschrittes
neu angeregt hat. So sind seit fast drei Jahrhunderten alle neuen
Zielpunkte dieser Betätigung bewußterweise aus der wissenschaftlichen
Lehre der Optik abgeleitet worden, die Mittel und Wege zur Betätigung an
der Hand der Doktrin gefunden worden.
Hierbei war aber der praktischen Arbeit des ausübenden Optikers immer
noch ein sehr weites Feld verblieben. Die Doktrin wies nur die typischen
Formen der Elemente der Konstruktionen nach, die bekannte Linsengestalt
der durch kugelförmige Flächen begrenzten Glasstücke, und gab die
allgemeinen Direktiven für ihre richtige Kombination für die
verschiedenen Zwecke, wie z. B. die Regel für das Zusammenfügen von zwei
solchen Glasstücken aus verschiedenem Material behufs achromatischer
Lichtsammlung u. dgl. Sache der persönlichen Erfahrung des geschickten
Praktikers, seiner Übung in der Beurteilung des erzielten Effekts,
seiner Findigkeit in der vorteilhaften Kombination und Abänderung der
Elemente, blieb es dabei, die jeweils beabsichtigte Wirkung
_befriedigend_ herauszubringen, also ein _gutes_ Fernrohr oder ein
_gutes_ Mikroskop nach dem jeweiligen Maßstab der Anforderungen
herzustellen; und auch der allmähliche Fortschritt in der Höhe der
Leistungen war nur zum geringeren Teil bedingt durch die Verbesserung
der technischen Ausführung, in viel höherem Grad durch das Auffinden von
vorteilhafteren, besseren Effekt herbeiführenden Kombinationen von
Linsen. Je höher die Anforderungen an die Leistung der optischen
Instrumente wurden, zu je komplizierteren Zusammensetzungstypen man sich
dadurch gedrängt sah, desto größere Bedeutung gewann die persönliche
Geschicklichkeit und praktische Begabung des ausübenden Optikers.
Beim Mikroskop hat schon in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts die
sich ausbreitende Anwendung des Instruments in der Erforschung der
organischen Welt und der hierbei rasch steigende Anspruch an hohe
Vergrößerung und vollkommene Bildschärfe, zu allmählich immer
verwickelteren Linsenkombinationen geführt, für deren Aufbau den
Optikern zwar auch neue Direktiven von theoretischen Gesichtspunkten aus
gegeben worden waren, deren erfolgreiche Ausführung an Hand dieser
Direktiven aber immer höher werdende Anforderungen an die Kunst stellte.
|Namentlich der neue Zusammensetzungstypus, den AMICI auffand -- man
weiß nicht genau, in welcher Art des Ineinandergreifens von
theoretischer Betrachtung und praktischer Erfahrung -- der auf die
Immersionslinsen hinleitete, hat um die Mitte des Jahrhunderts den
Aufbau des Mikroskopobjektivs zu einer Kunst entwickelt, die in ihren
besten Vertretern, wie z. B. HARTNACK und einigen anderen, die
Betätigung einer ganz eigenartigen Form intuitiven Schaffens zeigt, weil
sie Leistungen zustande brachte, von denen damals niemand sich
Rechenschaft geben konnte -- am wenigsten die ausübenden Personen
selbst.|
_Carl Zeiss_ ist, als er, von SCHLEIDEN angespornt, bald nach seiner
Niederlassung in Jena der Mikroskop-Optik sich zuwandte, gleichfalls den
eben charakterisierten Weg gegangen, und hat zunächst auf diesem,
schlecht und recht wie andere vor ihm und andere neben ihm, vorwärts zu
kommen gesucht unter Anlehnung an die Vorbilder, die sich ihm in den
Leistungen der älteren Meister boten. Kein Geringerer als SCHLEIDEN hat
ihm auch bezeugt, daß er nach kurzer Zeit zu sehr bemerkenswerten
Erfolgen gelangt ist. Zeiss selbst aber ist, wie er später erzählte,
hinsichtlich dieser Erfolge schon sehr früh recht skeptisch gewesen. Er
merkte, daß er, als Autodidakt an dieses Arbeitsfeld herangekommen, also
ohne Anteil an der Summe von traditioneller Erfahrung, die auf ihm
gewonnen war, den anderen gegenüber, die schon [durch] Jahrzehnte hin
jene eigenartige Kunst geübt hatten, sehr im Nachteil sei, und als
Autodidakt auch frei von allzu großer Verehrung für das traditionell
Gegebene fand er bald, daß diese ganze Art des Arbeitens im letzten
Grund für die Optik eigentlich höchst irrationell sei. Er sagte sich: da
alle Wirkungen, die eine Linsenkombination begleiten, auf Gesetzen
beruhen, die durch die wissenschaftliche Optik genau festgestellt, in
allen Einzelheiten mathematisch bestimmbar sind, und da auch alle
maßgebenden Eigenschaften des wirksamen Stoffes, des Glases, auf das
strengste meßbar sind -- so muß es für den Aufbau der Linsensysteme
jeder Art noch einen ganz anderen Weg geben, um eine verlangte Wirkung
mit Sicherheit des Erfolgs herbeizuführen. Es muß auf diesem Gebiet noch
eine ganz andere Art des Zusammenwirkens von wissenschaftlicher Lehre
und technischer Kunst möglich sein, als bisher bestanden hat; es muß
möglich sein, nicht nur die allgemeine Direktive für die zweckmäßige
Zusammensetzung der Elemente aus der Theorie zu entnehmen, sondern die
richtige Zusammensetzung selbst bis in ihre letzten Einzelheiten für
jede verlangte Wirkung. Wie der Architekt ein Bauwerk, bevor eine Hand
zur Ausführung sich rührt, schon im Geiste vollendet hat, nur unter
Beihilfe von Zeichenstift und Feder zur Fixierung seiner Idee, so muß
auch, dachte sich Zeiss, das komplizierte Gebilde von Glas und Metall,
wie das Mikroskop es erfordert, sich aufbauen lassen rein
verstandesmäßig, in allen Elementen bis ins letzte vorausbestimmt in
rein _geistiger_ Arbeit, durch theoretische Ermittlung der Wirkung aller
Teile, bevor diese Teile noch körperlich ausgeführt sind. Der
arbeitenden Hand dürfe dabei keine andere Funktion mehr verbleiben, als
die genaue Verwirklichung der durch die Rechnung bestimmten Formen und
Abmessungen aller Konstruktionselemente und der praktischen Erfahrung
keine andere Aufgabe, als die Beherrschung der Methoden und Hilfsmittel,
die für letzteres, die körperliche Verwirklichung, geeignet sind. --
Also: eine andere Grenzregulierung zwischen der Arbeit des Verstandes
und der Arbeit der Hand, zwischen wissenschaftlicher Theorie und
praktischer Kunst, grundsätzlich verschieden von der früheren Abgrenzung
der Funktionen beider. Das nun ist die Idee, die _Carl Zeiss_ in die
Mikroskop-Optik eingeführt und über alle Hindernisse hinweg zur
Verwirklichung gebracht hat: die Idee eines streng _rationalen_ Aufbaues
der optischen Konstruktionen für das Mikroskop; das ist der Keim, aus
dem alle inneren Fortschritte und alle äußeren Erfolge, die sein Wirken
gebracht hat, hervorgegangen sind. Das soll es besagen, wenn als das
Verdienst von _Carl Zeiss_ hingestellt wurde: das geordnete (nämlich das
_neu_geordnete) Zusammenwirken von Wissenschaft und technischer Kunst
auf seinem besonderen Arbeitsfeld zielbewußt angebahnt zu haben.
Die hier bezeichnete und auf unserem Arbeitsfeld für _neu_ erklärte Art
der Verbindung von Wissenschaft und Technik ist uns durch ihre längst
offenkundige Herrschaft auf vielen anderen Gebieten der Technik -- wie
im Maschinenbau, dem Ingenieurwesen und anderen -- jetzt schon so
geläufig, daß sie fast als etwas Selbstverständliches erscheint und man
sich leicht wundern könnte, die Einführung dieser Idee in unserem Gebiet
überhaupt als etwas Bemerkenswertes und Bedeutsames hingestellt zu
sehen. Könnte doch jetzt nur noch ein Stümper eine Dampfmaschine
wirklich zu bauen beginnen, ohne daß er vorher ganz genau wüßte, wieviel
Pferdekräfte sie entwickelt, wenn man sie, genau nach seinen
Vorschriften ausgeführt, zum erstenmal in Gang setzen wird; und wird
doch längst keine eiserne Brücke mehr gebaut, ohne daß der Erbauer, noch
ehe das Erz zu ihren Rippen aus der Erde geholt, schon genau angeben
kann, wieviel Zentimeter sie sich durchbiegen wird, wenn sie nach drei
oder vier Jahren fertig dasteht und der erste Eisenbahnzug sie befährt.
So ist es aber auch auf diesen Gebieten nicht immer gewesen, und so auch
nicht in der Optik. |Eine alte Sache ist die vorher geschilderte Art des
Eingreifens der wissenschaftlichen Theorie in die Technik nur auf den
Gebieten der Technik, deren Erzeugnisse auf Bewegungseffekte, also
phoronomische, geometrisch bestimmbare Wirkungen ausgehen -- wie bei der
Mechanik im engeren Sinne. Die Idee, auch Gebilde, durch die nicht
körperliche Formen an sich, oder Bewegungsformen als Effekt bezweckt
werden, bei welchen vielmehr bestimmte körperliche Formen an bestimmten
Stoffen eine zum voraus bestimmte physische Wirkung hervorbringen sollen
-- die Idee, auch solche Gebilde auf die gedachte streng rationale Art
zu gewinnen, ist auf allen Gebieten der Technik sehr neu -- weil die
Möglichkeit solchen Verfahrens mehrere sehr schwer zu erfüllende
Postulate einschließt.| Und wenn es nicht immer so gewesen ist, so
bezeugt nun gerade die Ausbreitung und die Macht, die jener Gedanke des
rationalen Aufbaues körperlicher Gebilde behufs Erzielens bestimmter
physischer Effekte jetzt gewonnen hat das Verdienst derer, welche die
Pfadfinder dieses Gedankens gewesen sind. Und zu diesen Pfadfindern
gehört auch _Carl Zeiss_.
Zum erstenmal auf irgend einem Feld der Technik überhaupt rein
durchgeführt ist jene Idee, glaube ich, erst im Anfang dieses
Jahrhunderts durch JOSEPH FRAUNHOFER, und zwar ist es zum erstenmal
geschehen gerade auf dem Feld der praktischen Optik -- und an einem
Objekt, das der nächste Verwandte des Mikroskops ist -- dem
astronomischen Fernrohr. Denn die ersten Gebilde der bezeichneten
Kategorie, die streng auf diesem Weg zustande gekommen sind, also die
frühesten Zeugen der Betätigung jener Idee auf dem Gebiet praktischen
Schaffens, sind die Objektive zu Fernröhren, die im Beginn der 20er
Jahre FRAUNHOFER von München aus den Astronomen in die Hand geben
konnte. Man darf also wohl die rationale Methode der Konstruktion
technischer Erzeugnisse zu physischen Effekten im allgemeinsten Sinne
die FRAUNHOFERsche Methode nennen.
Das Verdienst von Zeiss erleidet aber keine Einschränkung durch den
Umstand, daß der gleiche Gedanke gerade auf dem Gebiet der Optik, und an
einem dem Mikroskop so nahe verwandten Ding, wie das Fernrohr ist, schon
40 Jahre vorher mit Erfolg betätigt worden ist. Denn die genauere
Würdigung aller sachlichen Momente führt zu der Einsicht, daß diese
frühere Betätigung durch FRAUNHOFER zwar wohl einen Wink für die
Anwendung der gleichen Grundidee auch dem Mikroskop gegenüber gegeben
hat, aber kein irgendwie leitendes Vorbild für die Verwirklichung hat
bieten können -- trotz der Gleichheit des Arbeitsfeldes und trotz der
scheinbaren inneren Verwandtschaft der Aufgaben. Dieser auf den ersten
Blick befremdliche Schluß beruht auf einem erst viel später[7] erkannten
Gegensatz der beiden Grundprobleme der praktischen Optik, des
Fernrohr-Problems und des Mikroskop-Problems, im Theoretischen sowohl
wie in wesentlichen praktischen Bedingungen -- einem Gegensatz, der es
mit sich bringt, daß die Aufgabe der rationalen Darstellung, auch
nachdem sie für das Fernrohr gelöst war, für das Mikroskop doch einen
neuen, selbständigen Ansatz nehmen mußte, keine Übertragung des
Verfahrens zuließ[8].
Da ich auf die Rechtfertigung dessen in meinem Vortrag nicht näher
eingehen darf, begnüge ich mich zur Erhärtung des Gesagten mit dem
Hinweis auf eine äußere Tatsache, aus der hervorgeht, wie weit der
Gedanke von _Carl Zeiss_ dem Bewußtsein gerade seiner Fachgenossen fern
gelegen hat -- nicht nur zur Zeit als jener ihm nachzugehen begann,
sondern noch viel später. Denn noch vor etwa 15 Jahren, also zu einer
Zeit, als längst alle Dampfmaschinen und alle Eisenbahnbrücken nach
FRAUNHOFERscher Art gebaut wurden, konnte behauptet werden: die
Mikroskope könnten auf diese Art _nicht_ gebaut werden, und ein
angesehener und unterrichteter Schriftsteller der Mikroskopie, der einem
der besten Optiker der alten empirischen Schule persönlich nahe stand
und daher das Arbeitsfeld kannte, konnte daraufhin die Richtigkeit der
Angabe: daß sie hier in Jena seit 10 Jahren so gebaut würden, auch
öffentlich in Zweifel ziehen. Auch ist es noch gar nicht so lange her,
daß in den Augen vieler beim Mikroskop der Anspruch auf eine höhere
Wertschätzung seitens der Vertreter der alten empirischen Schule noch
mit der Erklärung begründet werden konnte: von ihnen werde es _nicht_
wie in Jena gebaut. Erst seit etwa 10 Jahren ist die umgekehrte
Versicherung: es werde _genau wie_ in Jena gebaut, allgemein die Stütze
für den Anspruch auf die höhere Schätzung geworden -- wiederum Beweis
dafür, daß die Idee des neuen Arbeitsplanes und die Möglichkeit ihrer
Würdigung außerhalb des Gesichtskreises der Zeitgenossen lag.
Die Geschichte unserer Werkstätte ist nun hinsichtlich des ersten
30jährigen Abschnittes grundlegender Tätigkeit und zum Teil noch über
diese Zeit hinaus nichts anderes als die Geschichte der Bestrebungen, in
welchen jener Gedanke einer neuen, anders geregelten Art des
Ineinandergreifens von Wissenschaft und Technik an den Aufgaben der
Mikroskop-Optik sich betätigt und allmählich verwirklicht hat. -- Die
vorher zur Sprache gebrachten Umstände aber: einerseits die historische
Priorität FRAUNHOFERs hinsichtlich der erstmaligen Einführung dieses
Gedankens in die Optik überhaupt, anderseits die eben betonte innere und
äußere Selbständigkeit seines nochmaligen Auftretens gegenüber einer
anderen Aufgabe des gemeinsamen Arbeitsfeldes -- diese Umstände bringen
es mit sich, daß in meiner weiteren Betrachtung das hiesige Geschehen
überall in Vergleich treten muß mit der Tätigkeit FRAUNHOFERs. Ich muß
so das Wirken meines verstorbenen Freundes heranrücken an die
phänomenale Figur, die auf dem gleichen Arbeitsfeld aus einem armen
Münchener Spiegelschleifer im Anfang dieses Jahrhunderts herausgewachsen
ist. In der Nähe dieser Figur muß allerdings manches kleiner sich
ausnehmen, was, in der gewöhnlichen Umgebung gesehen, mit weniger
abnormem Maßstab gemessen, größer erscheinen würde. Es gibt aber gar
keinen anderen Standpunkt für eine richtige Würdigung der Lebensarbeit
von _Carl Zeiss_, als ohne Scheu vor diesem Maßstab ihre Erfolge in
Parallele zu setzen zu dem Wirken des größeren Vorgängers -- obwohl,
nachdem die geschichtliche Nachforschung auch auf die Einzelheiten
dieses Wirkens Licht geworfen, jetzt an manchen Punkten mit bezug auf
ihn zu sagen ist: mutato nomine fabula de te narratur -- unter anderem
Namen die Geschichte von Dir erzählt!
Es handelt sich nämlich hier um einen Parallelismus in den Dingen
selbst, durchaus vergleichbar einer Erscheinung, die in der lebenden
Natur öfters uns entgegentritt. Wie etwa das Wirbeltierauge in ganz
verschiednen Tierreichen, ohne genealogischen Zusammenhang der
Entwicklung, sich wiederholt, und, irgendwo entstanden, immer wieder die
gleichen typischen Formen durchläuft, nur in Nebensächlichem modifiziert
durch die Verschiedenheit der äußeren Bedingungen -- so hat in unserem
Interessenkreis die vorhin dargelegte Idee des verstandesmäßigen
Aufbaues künstlicher Gebilde an zwei getrennten Stellen unabhängig
eingesetzt, nur übereinstimmend in der Zweckbeziehung auf die Wirkungen
des Lichts, und hat einen ganz parallelen Gang der Entwicklung
durchlaufen, in den Abweichungen nur die Verschiedenheit des
Ausgangspunktes und der die Entwicklung begleitenden Nebenumstände
bekundend.
Es hat nämlich die konsequente Verfolgung der zuvor charakterisierten
Idee in ihren beiden getrennten Gängen nicht nur im allgemeinen zu
gleichartigem Endergebnis geführt -- zu einem bedeutenden und dauernden
Fortschritt in der Leistungsfähigkeit und Vollkommenheit der Erzeugnisse
-- dort des Fernrohrs, hier des Mikroskops -- sondern der Weg des
Gelingens zeigt auch hier dieselben charakteristischen drei Etappen
wieder, durch die er bei FRAUNHOFER hindurchgegangen ist: als ersten
Schritt die Reform der Technik der praktischen Optik, die
Vervollkommnung der Methoden technischer Arbeit, als zweiten die
Vertiefung und Ergänzung der theoretischen Grundlagen, welche die
Behandlung der Aufgabe brauchte, und als letzten die Reform der
praktischen Grundlagen, der Bedingungen für die Beschaffung des
Urmaterials, des optischen Glases. Die Wiederholung dieser drei Stufen
des Fortgangs in gleicher Reihenfolge ist aber durchaus nicht auch im
Sachlichen eine Wiederholung dessen, was FRAUNHOFER im Verfolg seiner
besonderen Aufgabe schon getan hat -- so daß etwa, nachdem inzwischen
die Tätigkeit FRAUNHOFERs im ersten Viertel des Jahrhunderts genauer
bekannt geworden, jetzt zu sagen wäre: wie schade, daß dasselbe zweimal
hat getan werden müssen! Ganz im Gegenteil, die Wiederholung desselben
Entwicklungsganges von einem ganz anderen Ausgangspunkt aus -- nämlich
vom Mikroskop-Problem -- führte in allen wesentlichen Punkten zu
wichtigen und unentbehrlichen Ergänzungen der FRAUNHOFERschen Arbeit in
denjenigen sachlichen Momenten, die von seinem Ausgangspunkt aus nicht
in den Gesichtskreis der Aufgabe eintreten konnten -- so daß man
vielmehr sagen muß: das nochmalige Einsetzen desselben Grundgedankens an
einer anderen Sonderaufgabe der Optik und das nochmalige selbständige
Durchlaufen aller seiner Konsequenzen von dem neuen Ausgangspunkt aus
ist direkt notwendig gewesen, um diesem Grundgedanken eine vollständige,
das ganze Feld der praktischen Optik beherrschende Entwicklung zu
ermöglichen. Und das verleiht nun dem Wirken von _Carl Zeiss neben_
FRAUNHOFER eine selbständige Bedeutung.
Ich kann hier nicht auf die einzelnen Etappen des gemeinsamen
Entwicklungsganges eingehen, kann also auch nicht dartun, warum die
vorher bezeichneten drei Fortschritte notwendige Postulate der
Verwirklichung der Idee sind, warum vermöge des gegensätzlichen
Charakters des Grundproblems in Hinsicht auf das Mikroskop andere, neu
zu lösende Aufgaben vorlagen. Alles das muß ich der Vervollständigung
dieses Vortrages bei seiner Drucklegung vorbehalten[9].
Nur zwei Punkte, die das einzelne betreffen, darf ich auch hier nicht
ganz übergehen, weil in ihnen einzelnes eine besondere Bedeutung
gewinnt.
Die _Vervollkommnung der Technik_ optischer Arbeit gegenüber dem, was
dem alten empirischen Verfahren genügen konnte, ist die allererste
Voraussetzung für die Verwirklichung der rationalen Methode. Deshalb ist
es für den Erfolg ganz wesentlich, daß _Zeiss_ gleich von Anfang an ein
ganz klares Bewußtsein dessen hatte und gleich von Anfang an alles
darauf anlegte, in seiner kleinen Werkstatt eine sehr exakte Technik
einzubürgern, die unsichere Geschicklichkeit der Hand überall unter die
Kontrolle strenger Prüfungsmethoden zu stellen.
Auf dem Weg dieser Bestrebungen ist nun auch genau das Verfahren,
welches für FRAUNHOFER, wie man jetzt weiß, eine wichtige Grundlage des
Erfolges wurde, selbständig hier wieder erfunden worden, unter
Umständen, die jeden Zusammenhang seines hiesigen Auftretens mit seiner
ersten Entdeckung in München sicher ausschließen. Es ist dies die
sinnreiche Methode zur Prüfung der Formen sphärischer und ebener Flächen
mit Hilfe der sogenannten Farben dünner Plättchen, der Erscheinung, die
uns ungesucht im bunten Farbenspiel der Seifenblasen entgegentritt.
Diese Methode, nach welcher die Lichtwellen selbst den Maßstab zur
Messung der allerkleinsten Form- und Größenunterschiede darbieten
müssen, ist seit Beginn der sechziger Jahre auch hier der wichtigste
Hebel gesteigerter technischer Leistungen geworden und das ABC-Buch der
damals in hiesiger Werkstätte entstandenen neuen Schule exakter
optischer Technik.
_Zeiss_ hat indes diese technischen Fortschritte, wenn sie auch überall
direkt unter der Leitung seiner Idee standen, doch nicht persönlich
vollziehen können. Schon über die Jahre hinaus, in denen Auge und Hand
noch schwierig zu erlernende Fertigkeiten sich aneignen können, und
auch durch viele andere Ansprüche in seiner Zeit viel zu sehr beschränkt
für mühsame technische Studien war er darauf angewiesen, für diesen Teil
seiner Aufgabe von Anfang an die Geschicklichkeit, praktische Umsicht
und Findigkeit eines anderen zu benutzen, den er zum Gehilfen seiner
Arbeit frühzeitig gewonnen hatte. Er auch ist der Nacherfinder der eben
erwähnten wichtigen Methode. Wir freuen uns alle, ihn heute noch unter
uns zu haben, unseren treuen alten AUGUST LÖBER, den Begründer unserer
Schule subtiler Technik, den Senior unserer ganzen Genossenschaft und
den Lehrmeister, unmittelbar oder mittelbar, aller unserer tüchtigen
Optiker. Für das Vorwärtskommen von _Zeiss_ ist es von nicht geringer
Bedeutung gewesen, daß gleich der erste, den er in der Verfolgung seiner
Pläne als Mitarbeiter heranziehen konnte, so entgegenkommendes
Verständnis für die eigenartigen Aufgaben, so hoch entwickelten Sinn für
Präzision und Exaktheit, und so volle Hingabe seiner ganzen Person ihm
entgegenbrachte. Solange also des Werkes von _Carl Zeiss_ gedacht wird,
in unserem Kreis und außerhalb desselben, wird auch das Andenken an
seinen treuen frühesten Mitarbeiter lebendig bleiben, der am Gelingen
des Ganzen so wichtigen Anteil hat -- in dessen anspruchslosem Wirken
ein FRAUNHOFERscher Gedanke neu erwacht ist[10].
Als zweites erwähne ich noch die Einwirkung, die auch hier, wie 50 Jahre
früher bei FRAUNHOFER, der Grundgedanke von _Zeiss_ auf die Reform der
_Darstellung des optischen Glases_ geübt hat, weil die Art, wie dieses
hier geschehen, ein lehrreiches Beispiel bietet für die Macht, mit der
die innere Folgerichtigkeit alles Geschehens überall sich Geltung
schafft, wenn nur die Menschen ihren Faden nicht gewaltsam zerreißen.
_Zeiss_ ist sehr frühzeitig zum Bewußtsein gekommen, daß die Konsequenz
seines ursprünglichen Programms auch die Notwendigkeit des Eingreifens
in die Darstellung des optischen Glases einschließen konnte, wenn jenes
Programm nicht auf halbem Wege Halt machen solle. Er hat aber -- und
nicht nur er -- an diesen Gedanken lange Zeit mit innerem Widerstreben,
um nicht zu sagen mit Abscheu, gedacht -- sehr begreiflich, angesichts
der ganz unabsehbaren Schwierigkeiten, die dem Eintreten in ein völlig
fremdes Gebiet der Technik entgegenzustehen schienen. Das alles aber hat
nicht hindern können, daß jener Gedanke, wenn auch lange ganz unbewußt,
immer stärker die Behandlung der vorliegenden Aufgaben beeinflußte und
leitete. Jahrelang haben wir neben wirklicher Optik sozusagen noch
Phantasieoptik betrieben, Konstruktionen in Erwägung gezogen mit
hypothetischem Glas, das gar nicht existierte, indem wir die
Fortschritte diskutierten, die möglich werden würden, wenn einmal die
Erzeuger des Rohmaterials dahin zu bringen sein sollten, für
fortgeschrittene Aufgaben der Optik sich zu interessieren -- was sie
aber nicht taten. Und diese fast widerwillige Beschäftigung mit der
Frage, die Verfolgung von Konjekturen, die man damals kaum ernst nahm,
hat unbewußt nachherigem Fortschritt auch in dieser Richtung ebenso
wirksam vorgearbeitet, wie es eine bewußte planmäßige Behandlung kaum
besser hätte tun können. Denn auch in diesem allerdings absonderlichen
Verfahren bestimmten sich schon alle Ziele und markierten sich schon
alle Richtungen für eine zukünftige Reform der Glastechnik auf
wissenschaftlicher Grundlage. Dem späteren wirklichen Anfang war damit
jedes Herumtasten nach Ziel und Richtung erspart. Für den ideenreichen
und tatkräftigen Mann, den zu Anfang der 80er Jahre die dunkle Ahnung
seines eigentlichen Berufs in unseren Kreis geführt hat, bedurfte es
jetzt nur ganz kurzer Zeit, um nicht allein alles, was durch den frühen
Tod FRAUNHOFERs verloren gegangen war, zu erneuern, sondern an Hand der
allgemeineren Aufgabenstellung, die der Ausgang vom Mikroskop-Problem
einschloß, in wichtigen Punkten über die Ziele FRAUNHOFERs
hinauszugelangen -- so daß schon im Frühjahr 1887, als wir auch in
unserem Kreis das Andenken FRAUNHOFERs feierten, gesagt werden
durfte[11]: die Wiedererneuerung seiner verloren gegangenen Kunst und
ihre Fortentwicklung in seinem Geist sei der unverwelkliche Lorbeer, den
zu seinem 100jährigen Geburtstag unser Jena an seinem Grabe
niederzulegen habe.
Unser Freund _Otto Schott_ aber wird gewiß keine Verdunklung seines
persönlichen Verdienstes darin erblicken, wenn ich ausspreche: daß sein
erfolgreiches Eingreifen, welches anerkanntermaßen allen Aufgaben der
praktischen Optik neue Bahnen eröffnet hat, diesen Erfolg nicht gehabt
haben würde, wenn seine Arbeit nicht unmittelbar sich hätte anschließen
können an die fast 20jährige Vorarbeit, die aus dem Ideenkreis der
Optischen Werkstätte ihm entgegenkam. Hat er doch die praktische
Konsequenz dieses Gedankens rückhaltlos schon selbst gezogen darin, daß
er unter freiwilligem Verzicht auf die natürlichen Vorrechte, die ihm
aus der vollen Selbständigkeit seiner Arbeit im Chemischen und
Technischen zustanden, auch sein Unternehmen in dauernden Zusammenhang
mit der Carl Zeiss-Stiftung setzte[12].
Nachdem ich so den leitenden Gedanken in dem Wirken von _Carl Zeiss_
nach seinen inneren Momenten betrachtet habe, muß ich auch noch einige
Worte sagen über die besondere Art, wie seine Entwicklung durch die
äußeren Umstände beeinflußt worden ist.
_Carl Zeiss_ hat nicht, wie seinerzeit FRAUNHOFERs fast übermenschliche
Kraft vermochte, alles selbst leisten können, was für die erfolgreiche
Verwirklichung seiner ersten Idee, für die volle Entwicklung ihres
inhaltreichen Keimes zu leisten war. Weil seinem persönlichen Können
engere Grenzen gesteckt waren, ist er in viel höherem Grad als
FRAUNHOFER auf die Mitarbeit anderer angewiesen und in seinem Erfolg von
dieser abhängig geblieben. Der Schätzung seines persönlichen Verdienstes
tut dieses keinen Eintrag. Die Schranken der eigenen Kraft kühl ermessen
können, aus der Erkenntnis solcher Schranken aber nicht Entmutigung zu
schöpfen, sondern den Antrieb zum fortgesetzten Suchen nach der
richtigen Ergänzung ist auch ein Verdienst; nicht viele bringen es
fertig. Hat nun auch die Notwendigkeit solcher Ergänzung seinen Erfolg
in höherem Grad, als es sonst der Fall sein würde, von der Gunst äußerer
Umstände abhängig gemacht -- solcher Umstände nämlich, von denen das
Gewinnen geeigneter Mitarbeiter abhängig war -- so darf man doch nicht
sagen, daß sein Erfolg Sache des Glücks gewesen sei: er hat diese ihm
unentbehrlichen Mitarbeiter gefunden, weil er sie _gesucht_ hat -- und
unentwegt weiter gesucht hat noch in denjenigen Angelegenheiten,
hinsichtlich derer mehrfacher Mißerfolg andere vielleicht von neuen
Versuchen abgeschreckt haben würde. Soweit man in seinem Fall von Glück
reden darf, ist es also nur die Art von Glück, die der Spruch meint: der
Mensch ist seines Glückes Schmied.
Ein Moment aber bleibt doch übrig, auf welches dieses Wort nicht
Anwendung finden kann: der räumliche und persönliche Zusammenhang seiner
Wirksamkeit mit unserer Universität -- die geistige Atmosphäre, in die
er durch seine Niederlassung gerade in Jena gekommen ist, und gerade in
einer Zeit, da aus dieser Atmosphäre neue aufstrebende Gedanken sich
erhoben. Wie ich vorher schon andeutete, hat JACOB SCHLEIDEN ihn zuerst
auf die Optik überhaupt gelenkt und auf die besonderen Aufgaben, die das
Mikroskop darbot. SCHLEIDEN hat seine Arbeit fortgesetzt mit wärmstem
Interesse begleitet, ihr immer neue Anregung und wichtige Förderung
zuteil werden lassen. Noch in späten Jahren hat _Zeiss_ mit Stolz
erzählt, wie der geistreiche Naturforscher stundenlang in seiner kleinen
Werkstatt gestanden, seine oder seiner Gehilfen Arbeit aufmerksam
verfolgend; und mit dem Gefühl warmen Dankes hat _Zeiss_ jederzeit
ausgesprochen, daß sein Emporkommen ganz wesentlich bedingt gewesen ist
durch den Rückhalt, den die Anerkennung und die Empfehlung SCHLEIDENS
ihm, dem unbekannten Anfänger, damals geboten hat. Man würde aber sicher
fehlgehen, wenn man etwa in dem Interesse SCHLEIDENs nur, oder
wesentlich nur, den Ausdruck menschlicher Teilnahme für den tüchtigen
und strebsamen Mann erblicken wollte, als welchen SCHLEIDEN _Zeiss_ wohl
alsbald erkannt hat. Dem widerspräche schon die Tatsache, daß _Zeiss_
damals noch Neuling war im Gebiet der praktischen Optik, technische
Vorbereitung nur für Arbeiten anderer Art besaß -- und aus bloßem
Wohlwollen treibt man nicht leicht jemand an, etwas ganz Neues zu
beginnen mit völlig problematischer Aussicht des Erfolges. So muß also
das Verhältnis beider Männer zu einander wohl etwas anders gedacht
werden, denn als rein menschliche Anteilnahme des berühmten Mannes an
dem Fortkommen eines strebsamen Anfängers. Der Mitbegründer der
Zellenlehre greift in den Lebensgang von _Zeiss_ vielmehr deutlich ein
als der Vertreter der neuen Richtung wissenschaftlicher Interessen, die
um die Mitte des Jahrhunderts das Studium der lebenden Natur auf neue
Ziele und in neue Wege lenkte, zu ihrer Betätigung aber Hilfsmittel
verfeinerter Beobachtungskunst unentbehrlich fand und neue Kräfte für
die Vervollkommnung solcher Hilfsmittel in ihren Dienst zu ziehen suchen
mußte. In SCHLEIDEN und dessen Schülern hat die neue Richtung der
Biologie, die in den folgenden Jahrzehnten dem Mikroskop eine immer
wachsende Bedeutung für die wissenschaftliche Arbeit des Jahrhunderts
zugewiesen hat, gerade hier in Jena einen besonders kräftigen Anfang
genommen. Und das beleuchtet nun die tiefere Wechselbeziehung, die
zwischen dem geistigen Leben unserer Hochschule und der praktischen
Arbeit von _Carl Zeiss_ frühzeitig bestanden hat und die _innere_
Abhängigkeit seiner Erfolge von den Impulsen aus diesem Kreis.
Jene aus dem Verkehr der Personen sich ergebende Wechselwirkung hat über
SCHLEIDEN und seine nächsten Schüler hinaus die Optische Werkstätte
durch ihre ganze Geschichte begleitet und ihr namentlich aus dem
biologischen Interessenkreis fortgesetzt neue Anregungen und Antriebe zu
neuen Aufgaben zugeführt. Einige Zeitlang war sie vorwiegend durch meine
Person vermittelt, später hatte sie sehr mannigfaltige Wege gefunden. Um
wenigstens einen zu nennen, von den vielen aus dem Kreis der hiesigen
Hochschule, deren wir in diesem Zusammenhang dankbar zu gedenken haben,
nenne ich ANTON DOHRN, der bevor er sein kühnes Unternehmen am Golf von
Neapel begann, durch einige Jahre, hin unserer Universität angehörte.
Auch aus seinem kraftvollen und antriebreichen Wesen sind Strahlen
damals in unser Haus eingedrungen.
Bei dem allen aber hat es sich keineswegs nur um ein Mehr oder Minder
von begünstigenden und fördernden Umständen gehandelt, sondern in
entscheidenden Punkten um Sein oder Nichtsein. Denn in der äußeren
Geschichte der ersten 25 Jahre sind etliche Wendepunkte deutlich zu
erkennen, bei deren Betrachtung man zu dem Schluß kommt: daß von allem,
was jetzt als Ausfluß der Wirksamkeit von _Carl Zeiss_ unmittelbar oder
mittelbar sich darstellt, nach menschlichem Ermessen heute _nichts_
bestehen würde, wenn sein Weg ihn nicht in die Kreise dieser Hochschule
und unter den direkten Einfluß eines großen, mit von ihr ausgehenden
Antriebs zur Vervollkommnung der Beobachtungswerkzeuge geführt hätte.
_Carl Zeiss_ hat seinerseits der Wissenschaft reichlich wiedergegeben
für das, was sie ihm dargeboten hat. Konnte er auch direkt an
wissenschaftlicher Arbeit sich nicht beteiligen, so hat er doch durch
sein Wirken der Wissenschaft wertvolle Dienste geleistet. Auch unsere
Universität hat diesem schon Ausdruck gegeben, indem sie ihn, der kein
schulgerechtes Studium prästiert, am Abend seines Lebens noch mit dem
Prädikat des berufsmäßigen Gelehrten schmückte. Damals hat, im
Persönlichen, der berühmteste Vertreter der jüngeren Schule Jenaer
Naturforscher[13] das Band erneuert, welches durch den berühmtesten
Vertreter der älteren Schule ein Menschenalter zuvor geknüpft worden
war. Und die innere Gerechtigkeit, die in den Dingen waltet, hat es sich
fügen lassen, daß über alles Persönliche hinaus auch das Werk von _Carl
Zeiss_ selbst dauernde Beziehung gewonnen hat auf die Interessen unserer
Hochschule[14] -- so den Tribut des Dankes der Alma mater darbringt, die
seine Kindheit geleitet und gehütet hat
In meiner bisherigen Betrachtung habe ich von der Person von _Zeiss_ so
gut wie gar nicht zu reden gehabt; nur von seinem Wirken und seinen
Bestrebungen. Denn es liegt in der Natur einer Betrachtung, welche nur
auf die innere Geschichte der hiesigen Unternehmungen ausgeht, daß in
ihr die Personen ganz zurücktreten: sie erscheinen dabei nur sozusagen
als die zufälligen Akteure, in denen die Ideen Organe für ihre
Darstellung und Betätigung finden. Diejenigen Eigenschaften der Personen
aber, welche für ihre Rollen Bedeutung haben, kommen dabei ganz von
selbst zur Erscheinung, ohne daß es nötig wäre, sie besonders zu
schildern.
So ist es also aus allem zuvor Gesagten schon ersichtlich geworden, daß
derjenige, an dessen Namen der Anfang unserer Tätigkeit sich knüpft, ein
Mann von nicht gewöhnlicher Intelligenz und von nicht gewöhnlicher
Energie gewesen sein muß, [und zur vollen Würdigung dessen ist höchstens
noch hinzuweisen auf die erschwerenden äußeren Umstände, unter welchen
seine Berufsvorbereitung und namentlich der Beginn seiner selbständigen
Tätigkeit gestanden haben.] Und noch ein anderes wird aus meinen
Ausführungen gleichfalls klar ersichtlich: _Carl Zeiss_ muß einer von
denen gewesen sein, die fähig sind, Motive ihres Handelns, Argumente
ihrer Entschließung durch das bestimmen zu lassen, was noch nicht ist,
was nur ihren Gedanken nach sein sollte -- in deren Sinnen und Trachten
so das Zukünftige die Kraft der Kausalität gewinnt, bildend und
gestaltend einzuwirken auf das Gegenwärtige, Bestehende. So allein aber
vollzieht sich aller Fortschritt in menschlichen Dingen, großen und
kleinen.
Die weltklugen, die sogenannten praktischen Leute, die im genauesten
Sichanpassen an das jeweils Bestehende und Herrschende und in
möglichster Unterordnung unter dessen Ansprüche am weitesten zu kommen
vermeinen, pflegen diese anderen, die sonderbarerweise Motive und
Argumente aus etwas schöpfen, was noch gar nicht existiert, mit dem
bekannten Gemisch von Respekt und Geringschätzung »Idealisten« zu
nennen. Nun ja! Wenn das auch in den kleinen gleichgültigen Dingen des
alltäglichen Lebens nicht weiter zum Vorschein kam -- _Carl Zeiss_ war
wirklich ein solcher Idealist. Er war es in den Angelegenheiten, für die
er etwas bedeutet hat. Und weil er es war, hat sein Wirken auf seinem
Arbeitsfeld einen sichtbaren Fortschritt begründet und Erfolge
gezeitigt, die sein persönliches Dasein überdauern. Die anderen, die
»praktischen Leute« -- sie kommen, insoweit sie ihrer Maxime treu
bleiben, nicht in den Fall, wenn sie tot sind, für Fortschritte
verantwortlich gemacht zu werden.
Im übrigen aber genügt, es, das menschliche Bild des Begründers unserer
Firma noch in wenigen Zügen zu vervollständigen, die gleichfalls einige
Beziehung auf sein Wirken haben; was keine solche Beziehung hat, braucht
nicht späterem Gedächtnis aufbewahrt zu werden.
Wohlwollend, teilnehmend und freundlich ist er zu allen gewesen, die in
seiner Tätigkeit ihm nahe traten; aber auch strenge Anforderungen
stellte er an alle, weil er an sich selbst sie zu stellen gewohnt war.
Um sie geltend zu machen, hat er aber Tadel und Vermahnung wenig
gebraucht; mit gutem Mutterwitz begabt, dirigierte er die anderen lieber
mit etwas Spott und etwas Ironie, gemildert durch liebenswürdige
Bonhomie. So hat er Sie dirigiert, die alten unter meinen Mitarbeitern,
denen er vor 25 Jahren noch in alter patriarchalischer Art als der
gestrenge Prinzipal gegenüberstand -- so hat er als väterlicher Freund
auch mich dirigiert, der ich als ganz junger Mann, grün und unerfahren,
in seinen Wirkungskreis eintrat.
Was ihn aber nach seinem Charakter sehr hoch stellt: er war ein Mann von
strengem Pflichtgefühl und sehr entwickeltem Gerechtigkeitssinn. Zum
Beleg dessen könnte ich mancherlei anführen; ich erwähne nur, was mich
selbst nahe berührt: die liberale uneigennützige Art, in der er meine
dauernde Mitarbeiterschaft seinerzeit sich zu sichern suchte, fern von
jedem Gedanken, die Abhängigkeit, in der ich ihm gegenüber mich befand,
ohne Vermögen und ohne sonstigen Rückhalt im Leben, auch nur im
geringsten zu seinem Vorteil sich dienen zu lassen.
So steht also auch das menschliche Bild von _Carl Zeiss_ in der
Erinnerung aller derer, die ihn im Leben gekannt haben, und ihn gekannt
haben in der Zeit seines rüstigen Schaffens, da als ein erfreuliches
Vorbild menschlicher Tüchtigkeit und Tugend.
Die ganzen ersten drei Dezennien seit dem Bestehen der Optischen
Werkstätte müssen in der Geschichte des Instituts als die Periode des
grundlegenden Aufbaues angesehen werden. In diesem ganzen Zeitraum dreht
sich alles um die Vorbereitung und die Verwirklichung des neuen
Arbeitsplanes für die Konstruktion des Mikroskops -- um die Einbürgerung
und Befestigung der verfeinerten Technik der optischen Arbeit, die
allmähliche Beschaffung neuer theoretischer und experimenteller
Grundlagen und die erst erfolglosen, dann halb gelungenen, schließlich
erfolgreichen Versuche praktischer Durchführung des Planes. Wenn auch im
dritten Jahrzehnt die Hauptfunktionen einerseits der feineren
technischen, andererseits der wissenschaftlichen Arbeit schon ganz an
andere übergegangen waren, so steht doch in dem ganzen 30jährigen
Zeitraum _Zeiss_ selbst noch im Mittelpunkt aller Entwicklung, weil
alles, was in dieser Periode geschehen ist, noch als unmittelbare
Betätigung der ersten Grundgedanken, als Entwicklung aus den
ursprünglichen Kleinanlagen sich darstellt.
Im vierten Jahrzehnt wird dieses allmählich anders. Gerade der günstige
äußere Erfolg, den die bis dahin gewonnenen Fortschritte gegen Mitte der
siebziger Jahre herbeiführten, hat damals mehr und mehr Aufgaben in den
Vordergrund gerückt, die außerhalb des ursprünglichen Ideenkreises
lagen. Jener äußere Aufschwung führte bald zu einem Mißverhältnis
zwischen der inneren Organisation und dem Umfang der geschäftlichen
Tätigkeit: hinsichtlich der ersteren stand die Werkstätte in allen
wesentlichen Stücken noch auf dem Boden des kleingewerblichen Betriebs
-- in der Gliederung der technischen Arbeit, der inneren Einrichtung und
der kaufmännischen Verwaltung -- während der Umfang der Produktion, die
Größe des Personals und die Ausdehnung der geschäftlichen Beziehungen
längst dem Kleingewerbe entwachsen waren und schon durchaus dem Maßstab
der Großindustrie entsprachen.
Es war also wiederum eine Disharmonie zwischen den verschiedenen
Faktoren der Tätigkeit eingetreten, wie solche schon in der frühesten
Entwicklung des Unternehmens lange Zeit bestanden hatte, damals in dem
Vorauseilen der technischen Leistungsfähigkeit vor der Gelegenheit zu
ihrer erfolgreichen Betätigung -- eine Disharmonie der sachlichen Natur
nach von dieser früheren zwar sehr verschieden, in ihrer Bedeutung für
die Fortentwicklung des Ganzen ihr aber gleich: wie jetzt zu erkennen
ist, deutliche Anzeichen einer Durchgangsphase, gleichsam eines neuen
Jugendzustandes, der auf eine neue Entwicklung hindrängt.
Es ist für den gedeihlichen Fortgang des Unternehmens von entscheidender
Wichtigkeit, daß der Übergang in eine neue, leistungsfähigere
Wirtschaftsform zur richtigen Zeit sich vollziehen konnte. Wenn damals
das Tempo verfehlt worden wäre, wäre es wahrscheinlich für alle Zeit
verfehlt gewesen. Denn in der Zwitterform zwischen Kleingewerbe und
Großindustrie hätte, der inneren Widersprüche wegen, die Werkstätte
nicht für lange Zeit sich halten können: ein bloßes Fortvegetieren wäre
ihr Schicksal geworden und dabei wäre der Fortschritt, den der
Grundgedanke von Zeiss in sich trug, auf halbem Wege stecken geblieben.
Denn seine Vollendung konnte dieser Fortschritt, wie der Ausgang des
vierten Jahrzehnts hat erkennen lassen, nur durch die Lösung von
Aufgaben finden, die im Rahmen einer dürftigen Organisation und mit den
beschränkten Kräften und den bescheidenen Mitteln des Kleinbetriebes gar
nicht hätten bewältigt werden können. Ohne diese spätere Vollendung
wären aber die Resultate der ganzen Arbeit der vorangehenden 30 Jahre
der Hauptsache nach geblieben: schätzbares Material für die Geschichte
der Optik und vielleicht gute Vorbilder und wertvolle Anregungen für
spätere Nachstrebende -- weiter nichts! Denn ein gesicherter Besitz der
praktischen Optik ist jener Fortschritt nur dadurch geworden, daß er in
seiner letzten Etappe -- welche die Reform der Glasschmelzkunst schon
zur Voraussetzung hatte -- die unbedingte Überlegenheit der neuen
Arbeitsmethode über die alte empirische deutlich erweisen konnte.
Aber auch die Dienste, die unsere Werkstätte der Wissenschaft hat
leisten können, zumal in den 80er Jahren, nachdem die bahnbrechenden
Arbeiten von ROBERT KOCH der Mikroskopie ein neues wichtiges Arbeitsfeld
eröffnet hatten, sind in nicht geringem Maße durch die erhöhte
quantitative Leistungsfähigkeit bedingt gewesen, welche die gewonnenen
Verbesserungen und Neuerungen rasch weiten Kreisen dienstbar zu machen
vermochte. Für die Unterstützung und Ausbreitung der wissenschaftlichen
Bestrebungen, welche dem Mikroskop neue und besonders subtile Aufgaben
zuwiesen, war es durchaus nicht gleichgültig, daß verbesserte
Instrumente sehr vielen zugänglich gemacht werden konnten. Selbst der
sichtliche Einfluß, den die hier erreichten Fortschritte auf die Hebung
des durchschnittlichen Niveaus der Leistungen auch der Mitbewerber auf
dem Arbeitsfelde in kurzer Zeit gewannen, hängt sehr von dieser
Massenwirkung ab, mit welcher er sich geltend machen konnte. Denn sie
hat aus bloßen Vorbildern kräftige Antriebe auch für andere gemacht, dem
Fortschritt nicht nur Ansehen, sondern auch Macht verliehen.
So weist alles auf die besondere Bedeutung hin, welche im Fortgang des
Unternehmens damals seine rechtzeitige Überführung in die technisch und
wirtschaftlich leistungsfähigere Arbeitsform des organisierten
Großbetriebs gewinnen mußte.
Es ist aber wohl verständlich, daß zur Initiative gegenüber den ganz
neuen Aufgaben, die hierin sich einstellten, gerade diejenigen Personen
schon an sich wenig gestimmt und wenig geeignet sein konnten, deren
Interesse ganz von den Aufgaben des ursprünglichen Ideenkreises in
Anspruch genommen war. Auch stand _Carl Zeiss_ damals schon in den
Sechzigen; und unter der Nachwirkung der ungewöhnlichen Anspannung
seiner Kräfte, die das erste Mannesalter ihm auferlegt hatte, vielleicht
auch unter dem vorauseilenden Schatten des schweren Leidens, dem er
zuletzt erlag, begannen diese Kräfte damals schon sichtlich
nachzulassen. So war es ein besonderes Glück für unser Institut, daß zu
dieser kritischen Zeit die erlahmende Energie des Vaters sich
regenerieren konnte in der Tüchtigkeit und jugendlichen Kraft seines
ältesten Sohnes. Er, _Roderich Zeiss_, der im Beginn des vierten
Jahrzehnts in das Unternehmen eintrat, führte ihm in seiner Person die
frische Kraft zu, die zur Bewältigung jener neuen Aufgaben unbedingt
nötig war; und sein Anschluß an den Vater löste auch den geschäftlichen
Unternehmungsgeist aus, der sich nicht mehr scheute vor dem
unvermeidlichen Risiko, wie es der Übergang zum Großbetrieb mit sich
bringen mußte.
So fällt denn im vierten Jahrzehnt der Schwerpunkt derjenigen Aktion,
die für die zweite Periode in der Geschichte der Optischen Werkstätte
das Spezifische ist, mehr und mehr in die Person von _Roderich Zeiss_.
Auf seiner Initiative beruhen die wesentlichen Schritte
organisatorischer Funktion, die in dieser Periode sich vollzogen oder
wenigstens einleiteten: die Einrichtung einer regelrechten
kaufmännischen Verwaltung, die Beschaffung neuer und ausdehnungsfähiger
Lokalitäten, die gesteigerte Verwendung elementarer Kraft und vor allem
der Anfang zu rationeller Arbeitsteilung für die fabrikatorische
Tätigkeit, |die unter Einführung verbesserter Arbeitsmaschinen und
Einrichtungen und unter Heranziehen neuer technischer Kräfte damals
zunächst für die im engeren Sinn mechanischen Arbeiten, die
Metallbearbeitung, in Gang gebracht wurde.| Dem schließt sich an die
Einrichtung eigener Hilfsbetriebe für Tischlerei, Gießerei und anderer
Verrichtungen, um die tägliche Arbeit von den vielen äußeren
Erschwernissen zu entlasten, welche vorher die Abhängigkeit von Fremden
mit sich brachte. Endlich aber gehört hierher auch das Eintreten in die
Glasfabrikation, im Verein mit _Dr. Schott_, was ich vorher schon unter
einem ganz anderen Gesichtspunkt erwähnte. Unter dem Gesichtspunkt der
Geschäftspolitik, die darauf ausging, die neue Produktionsstätte für das
wichtigste Urmaterial des Optikers, das Glas, in räumlichen und
persönlichen Zusammenhang mit der Optischen Werkstätte zu bringen, ist
die Begründung des Glaswerks als einer Tochteranstalt der letzteren
sogar der bedeutsamste Akt der organisatorischen Arbeit der zweiten
Periode, wie sich in der Folge gezeigt hat; er war aber auch der
schwierigste hinsichtlich der Entschließungen, weil das neue Unternehmen
damals als ein kecker Sprung ins Dunkle sich darstellen mußte, mit
beträchtlicher Gefahr großen wirtschaftlichen Mißerfolges verknüpft.
Auch die Fortsetzung der inneren wirtschaftlichen und technischen
Arbeit, im Verfolg des ursprünglichen Programms hat in der jetzt
betrachteten Periode, dem vierten Jahrzehnt, noch wichtige Fortschritte
gebracht, sogar erst diejenigen Fortschritte, in welchen der Gedanke der
rationellen Konstruktion des Mikroskops seine eigentliche Bewährung und
die Anerkennung unbestrittenen Erfolgs gefunden hat. Hinsichtlich ihrer
Bedeutung für die Fortentwicklung des Ganzen treten aber selbst diese
Fortschritte durchaus zurück hinter der organisatorischen Tätigkeit, die
den Übergang der Werkstätte in die Wege des Großbetriebs vermittelt hat.
Nur einer von den Arbeiten optischen Interesses muß neben den
wirtschaftspolitischen Bestrebungen dieser Periode besonders gedacht
werden, weil sie zum Unterschied von den anderen gleichfalls außerhalb
des Gedankenkreises der ersten Periode liegt und also einen neuen Anfang
bedeutet hat: nämlich das Eintreten in diejenigen Aufgaben der Optik,
die auf die Anwendung der photographischen Methoden für Zwecke der
mikroskopischen Beobachtung, die Mikro-Photographie, Bezug haben.
Auch dieser Schritt, die Betätigung in den Konstruktionen für
mikrophotographische Zwecke, ist aus der persönlichen Tätigkeit von
_Roderich Zeiss_ hervorgegangen. Die Ergebnisse seiner gegen Mitte der
80er Jahre unternommenen selbständigen Studien auf diesem Gebiet sind
die Grundlagen, auf denen auch heute noch fortgearbeitet wird; und seine
Darstellung der Methodik der mikrophotographischen Beobachtung ist, wenn
auch einzelnes inzwischen überholt wurde, in der Hauptsache immer noch
das Beste, was als Anleitung für diese Art von mikroskopischer Arbeit
geboten werden kann.
So hat also die grundlegende Arbeit der drei ersten Jahrzehnte, die ihre
Ausgangspunkte in den Ideen und Plänen von _Zeiss_ Vater hat, in der
Zeit, da dessen persönliche Einwirkung auf die Fortentwicklung der
Werkstätte allmählich zurücktrat, noch eine erfolgreiche Fortsetzung und
wichtige Ergänzungen in der Tätigkeit des Sohnes gefunden. Auch seinem
Wirken ist eine ehrenvolle Stelle in der Geschichte der Optischen
Werkstätte gesichert und seinen besonderen Diensten die dankbare
Anerkennung derer, die die Angelegenheiten unseres Instituts auf von ihm
angebahnten Wegen weiter zu führen haben.
Noch zum dritten Male zeigt die Geschichte unserer Werkstätte deutliche
Marksteine einer neuen Entwicklungsphase. Denn auch im letzten, fünften
Jahrzehnt treten, neben dem Fortspinnen aller der Fäden, die in der
Arbeit der vorangehenden Perioden angeknüpft worden sind, wiederum neue
Aufgaben hervor, die, ganz außerhalb des bewußten Gedankenkreises dieser
früheren Perioden gelegen, der Arbeit des letzten Jahrzehnts ihr
besonderes Gepräge verleihen. Der Vorgänge, die in diesem Sinn aus der
Fortentwicklung des vorher Begonnenen heraustreten und die ich deshalb
hier noch zu erwähnen habe, sind es drei: die planmäßige _Ausdehnung des
Arbeitsfeldes_ der Werkstätte; die _Regelung des Rechtsverhältnisses
ihres Personals_ und die _Umwandlung der äußeren Verfassung der Firma_
durch ihre Überleitung an einen unpersönlichen Inhaber.
* * * * *
Das Arbeitsgebiet der Firma ist bis in den Anfang des fünften
Dezenniums, also bis gegen Ende der 80er Jahre hinein, fast gänzlich auf
die Mikroskopie beschränkt geblieben, auch nachdem sie längst ein
Großbetrieb mit fabrikatorischer Arbeitsorganisation geworden war und
die Ziffer ihres Personals schon bald die 400 erreicht hatte. Nur ein
kleines von jenem Gebiet abseits liegendes Feld des Instrumentenbaues
ist dabei, mehr nebenher, noch gepflegt worden, durch die fortgesetzte
Anfertigung solcher Instrumente, die ursprünglich für Zwecke der
eigenen Arbeit und die mit ihr verknüpften Studien hergestellt worden
waren.
In mehreren Rücksichten ist diese lange festgehaltene Einseitigkeit der
Betätigung und die mit ihr verbundene strenge Konzentration der
Interessen für die Intensität des Fortschrittes und die innere
Befestigung des Ganzen zweifellos wohltätig gewesen. Ebenso wichtig aber
ist es zweifellos für die Sicherung und die Fortentwicklung des Ganzen,
daß jene Beschränkung des Arbeitsfeldes auch noch zur rechten Zeit hat
aufgehoben werden können. Denn auf die Dauer hätte sie nicht
fortbestehen dürfen, ohne die Zukunft des Instituts ernstlich in Frage
zu stellen. Schon unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftlichen
Interesses und des Interesses der zahlreichen Personen, die allmählich
von dem gedeihlichen Fortbestehen der Werkstätte abhängig geworden
waren, mußte die eine Spezialität als eine viel zu schmale Basis für die
Stabilität des Unternehmens erscheinen. Wenn es dafür eines Beweises
bedürfte, so wäre auch dieser in den Erfahrungen der letzten Jahre
inzwischen schon erbracht.
Aber noch, unter einem ganz anderen -- und wie ich glaube sogar
wichtigeren -- Gesichtspunkt bedeutete die enge Begrenzung des
Arbeitsfeldes eine Gefahr. Innerhalb eines so beschränkten
Aufgabenkreises muß zu irgend einer Zeit einmal eine Periode der
Stagnation eintreten, weil Gedanken, die längere Zeit treibende Kraft
betätigt haben, einmal ausgelebt und erschöpft sein werden. Was als
Ganzes in eine solche Periode der Stagnation gerät, verfällt fast
rettungslos innerer Verflachung und dauerndem Verlust der tieferen
Triebkräfte. Nur aus einer Mannigfaltigkeit von Aufgaben, und zwar von
Aufgaben, die in verschiedenen Interessen wurzeln, kann ein Unternehmen
fortgesetzt die neuen Anregungen und Antriebe schöpfen, die, wenn auch
einzelnes zeitweilig stagniert, doch dem Ganzen das höhere Niveau der
Tätigkeit und Triebkräfte neuen Fortschrittes erhalten.
Das schließliche Durchdringen dieser Erwägungen hat die Bestrebungen
veranlaßt und geleitet, die eine planmäßige Ausdehnung des Arbeitsfeldes
auf ganz verschiedene Gebiete der praktischen Optik im Laufe des letzten
Jahrzehnts herbeigeführt haben. Dabei hat noch die besondere Rücksicht
mitgesprochen, innerhalb der eigenen Tätigkeit eine Gegenwirkung zu
gewinnen gegen die natürliche Routinetendenz der fabrikatorischen
Arbeitsform -- durch Pflege gerade solcher Interessen des
Instrumentenbaues, die nicht auf vielfältige Reproduktion gleichartiger
Erzeugnisse hinführen. So sind, nach mancherlei inneren Vorbereitungen,
seit dem Ausgang der 80er Jahre zu dem alten Betriebe nach und nach noch
drei neue Betriebsabteilungen hinzugekommen, die nach ihren
wissenschaftlichen und technischen Grundlagen und teilweise auch in
ihren merkantilen Angelegenheiten ganz verschiedenen Zweigen der
praktischen Optik angehören: der Bau _optischer Meßinstrumente_ -- in
Ausdehnung der früher nur nebenbei betriebenen Spezialarbeiten dieser
Art -- die Konstruktion der Linsensysteme für die _Photographie_ und die
Herstellung von _terrestrischen Fernrohren_. Und wir hoffen jetzt, daß,
noch bevor das nächste Jahr vorübergeht, unsere Werkstätte auch
beteiligt sein werde am Bau _astronomischer Fernrohre_[15] und daß damit
ihr Arbeitsgebiet seine natürliche Ergänzung finde durch die Betätigung
auch an denjenigen Aufgaben des Instrumentenbaues, aus welchen die
praktische Optik die frühesten und kräftigsten Antriebe zum
Herauswachsen aus der Kunst des ehrsamen Brillenschleifers, der ihr
erster Vertreter war, empfangen hat. So wäre alsdann gerade mit
Vollendung des ersten 50jährigen Lebensabschnittes unseres Institutes
auch der Kreislauf vollendet, der die Arbeit von _Carl Zeiss_ in der
naturgemäßen Entwicklung der in ihr enthaltenen Anlagen schließlich in
das eigene Arbeitsfeld seines großen Vorgängers FRAUNHOFER zurückleitet.
Das Tempo aber, in welchem diese äußere Erweiterung der Tätigkeit sich
vollzog, ist außer durch naheliegende praktische Gründe auch noch durch
eine besondere selbstauferlegte Rücksicht beschränkt worden, die auf
gemeinsame Interessen des ganzen Industriezweiges sich bezieht --
ähnlich dem Gedanken, der seinerzeit alle Beteiligten bestimmt hat, die
Verbesserung des optischen Glases, als der Grundlage für alle
Fortschritte der Optik, ohne jeden Vorbehalt zugunsten der hiesigen
Werkstätte, in den Dienst der Gesamtheit zu stellen.
Unser Eintreten in neue Betriebszweige mußte nämlich
unvermeidlicherweise uns in Wettbewerb bringen mit anderen, denen wir
bis dahin nicht als Konkurrenten gegenüberstanden. Es sollte nun dieser
neue Wettbewerb niemals darin bestehen, daß wir jenen anderen etwa
Terrain streitig machten, welches sie ihrerseits urbar gemacht hatten
und mit Erfolg bebauten; er sollte vielmehr nur in dem Maß eintreten,
als wir neues, bis dahin nicht bebautes Terrain in dem gemeinsamen
Arbeitsfeld unsererseits urbar machen konnten und so dieses gemeinsame
Arbeitsfeld entsprechend dem wachsendem Umfang unserer eigenen
Beteiligung erweiterten. Dieser Richtschnur gemäß durften wir in neue
Gebiete der praktischen Optik nur eintreten mit solchen Erzeugnissen,
die, aus unserer eigenen Arbeit hervorgegangen, überhaupt nicht oder
nicht in gleicher Art schon von anderen hergestellt waren. Daß wir aber
andererseits diejenigen Neuerungen, die wir aus unserem Ideenkreis
gewinnen, auch ganz in den Dienst der vorher dargelegten
Geschäftspolitik stellen wollen, liegt nicht nur im strengsten Sinn in
den Grenzen berechtigten Eigeninteresses, sondern ist auch sachlich
durchaus geboten. Denn, wie vielfältige Erfahrung lehrt, hat der
Fortschritt, der durch Neues möglicherweise erreicht ist, nur dann
bestimmte Aussicht, wirklich sich Geltung zu verschaffen, wenn der
Urheber selbst ihn zu vertreten in der Lage ist.
So viel über den ersten Punkt. Der zweite, die Regelung der Rechte und
Interessen der arbeitstätigen Personen zum Inhaber des Unternehmens, wie
sie im Laufe dieses letzten Jahrzehnts sich gestaltet hat, steht nicht
unter Gesichtspunkten innerer Geschäftspolitik, sondern durchaus unter
Gedanken des allgemeinsten sozialen Interesses.
Die immer zunehmende Zahl derer, die in ihrer ganzen bürgerlichen und
wirtschaftlichen Existenz von unserem Unternehmen abhängig wurden und
die daraus in concreto ersichtliche Bedeutung, welche die Organisation
der Großindustrie für die Gemeinden und für das Staatswesen gewonnen
hat, mußte denen, welche zum Aufbau einer solchen Organisation
mitgewirkt hatten, mehr und mehr die _Verantwortung_ zum Bewußtsein
bringen, unter die solche Mitwirkung sie stellt. Diese mußten sich
sagen, daß ihre wirtschaftliche Tätigkeit, wenn auch _gesetzlich_ sie
jetzt noch fast ganz als reine Privatsache gilt, wegen ihrer
einschneidenden Wirkung auf das Wohl und Wehe vieler und ihrer
offenkundigen Beziehung auf allgemeine Volksinteressen, in Wahrheit
schon längst eine wichtige öffentliche Funktion im großen
Volksorganismus geworden ist: gewissermaßen der Auftrag, in der
Organisation und Leitung der gemeinsamen Arbeit vieler mitzuarbeiten an
der Organisation und Leitung der wirtschaftlichen Tätigkeit des ganzen
Volkes. Damit aber ergab sich von selbst die Anerkennung der
grundsätzlichen Forderung: daß die Betätigung der leitenden Funktion
des Unternehmers in der Großindustrie nicht in erster Reihe unter
Rücksichten des eigenen Vorteils oder des Interesses einzelner stehen
dürfe, sondern in _erster_ Reihe geübt werden müsse unter den
Rücksichten, welche das soziale Interesse der staatlichen Gemeinschaft
fordert.
|Unter diesem obersten Gedanken hat die spezielle Richtschnur für die in
unserem Kreis allmählich angebahnte Ordnung des Verhältnisses zwischen
Personal und Unternehmer durch zwei Erwägungen sich bestimmt, von denen
die eine auf die persönlichen Beziehungen, die andere auf das
wirtschaftliche Verhältnis ausgeht. Die erste ist: Indem die neuere
Wirtschaftsentwicklung unabänderlich das selbständige Kleingewerbe auf
den meisten Arbeitsgebieten immer weiter zurückdrängt und damit
unvermeidlich einen immer größer werdenden Teil des ganzen Volkes unter
wirtschaftliche Abhängigkeit von den Industrieunternehmungen bringt,
bedroht sie die Grundlagen eines gesunden Volkstums, wenn dieser Prozeß
zur Folge hat, fortgesetzt eine immer wachsende Mehrheit des Volkes auch
in persönliche und bürgerliche Abhängigkeit von der kleinen Minderheit
der selbständig bleibenden Personen zu setzen, jene Mehrheit auch
menschlich und bürgerlich unfrei zu machen und so den größeren Teil des
Volkes auf eine Zwischenstufe zum Helotentum herabzudrücken. Also:
Garantien gegen den Mißbrauch der wirtschaftlichen Abhängigkeit zur
Beschränkung der persönlichen und bürgerlichen Freiheit der
Unselbständigen durch die Unternehmer und ihre Organe.
Die zweite Erwägung ist: Indem die wirtschaftliche Unselbständigkeit für
die große Mehrheit in vielen Rücksichten die Bedingungen des äußeren
Fortkommens gegenüber den Verhältnissen, die früher die kleingewerbliche
Einzelarbeit darbot, verschlechtert, bedroht zum Schaden des ganzen
Volkes die jetzige Wirtschaftsentwicklung die arbeitenden Volkskreise
mit zunehmender Verschlechterung ihrer relativen Lebenslage, wenn ihnen
nicht auch Anteil an dem wirtschaftlichen Vorzug der neuen Arbeitsform
eingeräumt wird. Die Großindustrie hat aber in der Kraft der
Organisation, durch welche das planmäßige und stetige Zusammenarbeiten
vieler sich vom bloßen Nebeneinanderarbeiten vieler unterscheidet, eine
spezifische Quelle des Mehrertrags menschlicher Tätigkeit, einen dritten
Wirtschaftsfaktor neben Arbeit und Kapital, der den Wirtschaftsertrag
des organisierten Ganzen erhöht über die Summe der möglichen
Arbeitserträge aller mittätigen Personen in der Einzelarbeit und des
marktgängigen Äquivalents der Kapitalnutzung. Also: Einrichtungen, durch
welche dieser spezifische Überschuß aus der Organisation, der
eigentliche Unternehmergewinn, seiner natürlichen sozialen Aufgabe
dienstbar wird, das wirtschaftliche Niveau der in organisierter Arbeit
tätigen Personen höher zu stellen, als es in selbständiger
kleingewerblicher Arbeit sein könnte[16].|
Die hier bezeichneten sozialen Bestrebungen haben die Regeln und Maximen
des praktischen Handelns in unserem Kreis schon seit längerer Zeit
wesentlich bestimmt. In die Erscheinung getreten sind sie zuerst in dem
vor acht Jahren erlassenen gemeinsamen Pensionsstatut der Optischen
Werkstätte und des Glaswerks, durch welches, im Gegensatz zu den
Pensionseinrichtungen in der Privatindustrie, den Angehörigen beider
Betriebe vertragsmäßiger Anspruch auf Pension nicht gegen das Vermögen
einer Pensionskasse, sondern gegen das Vermögen der Firma selbst
eingeräumt, der Unternehmer also grundsätzlich verpflichtet wurde, in
seiner ganzen Wirtschaftsführung dem normalen Verbrauch der menschlichen
Arbeitskraft in ganz gleicher Art Rechnung zu tragen wie der
Amortisation seiner leblosen Betriebsmittel. Den äußeren Abschluß haben
jene Bestrebungen kürzlich in dem Statut der Carl Zeiss-Stiftung
gefunden, dessen einschlägige Abschnitte die bisher praktisch geübten
Regeln, unter Ergänzung derselben in den Einzelheiten, nunmehr
kodifizieren und so zu ständigen Rechtseinrichtungen unserer Firma
machen.
Mit einigen Worten habe ich endlich auch der dritten Arbeit dieses
letzten Jahrzehnts, der Umwandlung der äußeren Verfassung der Firma, zu
gedenken, die teilweise unter denselben Gesichtspunkten wie das eben
Besprochene gilt.
Es ist eine fast typische Erscheinung der neueren Wirtschaftsentwicklung
geworden, daß Industrieunternehmungen, wenn sie eine gewisse äußere
Größe überschritten haben, von den persönlichen Inhabern aufgegeben
und -- ausnahmsweise in Genossenschaften -- gewöhnlich in
Aktiengesellschaften oder ähnliche Formen übergeleitet werden. Der
Vorgang wird fast regelmäßig gerechtfertigt mit dem Hinweis auf die
Bedenken und Gefahren, die bei großen Unternehmungen, die hohe
Anforderungen an einsichtsvolle Leitung stellen, aus der Abhängigkeit
von den persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des zufälligen
Besitzers sich ergeben und aus der Unberechenbarkeit der Umstände, die
den Besitzwechsel bestimmen. |Wenn man davon absieht, daß diese
Umwandlung des persönlichen Besitzes in unpersönlichen Kollektivbesitz
gewöhnlich ganz einseitig nur der besseren Sicherung des in den
Unternehmungen investierten Kapitals dienen will und gewöhnlich auch zu
ganz einseitiger Herrschaft seiner Interessen führt, und wenn man ferner
absieht von dem odiosen Beigeschmack, den das Gründerwesen dadurch
gewinnt, daß der glückliche Vorbesitzer fast immer seine problematischen
Anwartschaften auf zukünftige Nutznießungsvorteile zum voraus
kapitalisiert sehen will -- ist jene Tendenz des Unpersönlichwerdens der
großen Industriebetriebe eine im großen und ganzen wohl erfreuliche
Erscheinung. Denn unter dem mancherlei Widersinnigen, was die heutige
Wirtschaftsordnung einschließt, ist das Widersinnigste doch wohl dieses:
daß das Wohl und Wehe von beliebig vielen Menschen und ein vielleicht
wertvolles Stück des Nationalvermögens, das durch die Arbeit anderer
geschaffen wurde, unter dem Titel der Ausübung zufälligen
Eigentumsrechts in die Hand von Personen kommen kann, die vielleicht
ganz unvorbereitet oder unfähig zu irgend einer verantwortlichen
Tätigkeit sind. Angesichts dieser Gefahr ist es immerhin schon ein
Fortschritt, wenn die Verteilung des Eigentums auf eine große Anzahl von
Personen, von denen keine viel zu sagen hat, die Wahrscheinlichkeit
eröffnet, aus dem Unverstand der einen und der Klugheit der anderen
dauernd ein erträgliches Mittelmaß von Verstand gesichert zu sehen.|
Auch in unseren Angelegenheiten hat ein ähnlicher Vorgang und aus
ähnlichen Gründen sich vollziehen müssen. Nur konnte dabei, gemäß den
vorher angedeuteten Rücksichten sozialen Interesses, das
Unpersönlichwerden des Inhabers weder durch Genossenschaftsbildung unter
den zeitweilig tätigen Personen herbeigeführt werden, noch durch
unpersönliche Gestaltung des bloßen Eigentums an den Betriebsmitteln.
Das eine würde die Zukunft unter die Herrschaft der augenblicklichen,
ephemeren und zum Teil disparaten Interessen der zufällig mittätigen
Personen gestellt haben, das andere unter die Herrschaft des
sichmehrenwollenden Geldes. Beim einen wie beim anderen würden zum Herrn
Elemente geworden sein, die im Organismus des Ganzen in Wahrheit nichts
anderes sind als die dienenden Glieder, durch deren geordnete und
planmäßige Vereinigung die Organisation ihre spezifische
wirtschaftliche Kraft gewinnt, die sie zu einem dritten
Wirtschaftsfaktor macht, neben Arbeit und Kapital -- die Kraft, die
persönliche Arbeitstätigkeit aller einzelnen und die Mitarbeit der toten
Arbeitsmittel in ihrem wirtschaftlichen Wert weit zu erhöhen über den
Wert, den alles an sich, außerhalb des organisierten Ganzen, in der
Vereinzelung hätte.
So ist nun -- vielleicht zum erstenmal -- unternommen worden, in unseren
Angelegenheiten diesen dritten Wirtschaftsfaktor, die Organisation als
solche, zum Träger eines privaten Industrieunternehmens zu machen. Sie,
ihrer Natur nach etwas Unpersönliches, hat in der Form der _Stiftung_,
der selbständigen _juristischen_ Person, die Rechte und die
Handlungsfähigkeit einer lebendigen Person erhalten sollen. So
repräsentiert also der jetzige Inhaber der Firma nicht die ephemeren
Interessen aller in ihrem Umkreis mittätigen Personen -- die von Jahr zu
Jahr wechseln -- und nicht die Interessen des in ihrem Betrieb
investierten Kapitals -- das dem Inhaber gar nicht zu gehören braucht
und auch jetzt nur teilweise ihm gehört; er repräsentiert vielmehr den
Inbegriff alles dessen, was die Tätigkeit des Ganzen fortgesetzt und
wesentlich unterscheidet von dem bloßen Nebeneinanderarbeiten vieler
einzelner und dem mechanischen Lauf der Maschinen: die Summe der
technischen und wirtschaftlichen Erfahrung, die ein halbes Jahrhundert
angesammelt hat, die Kräfte aus der Kontinuität aller Aktionen, die
Summe technischer Schulung in aller Arbeit, das planmäßige
Ineinandergreifen der Tätigkeit aller einzelnen, die nachwirkende Kraft
der Leistungen aller Vorgänger, lebender und verstorbener -- also
sozusagen das ganze _geistige Kapital_, das in einer hochentwickelten
Organisation durch die stetige Arbeit vieler in diesen 50 Jahren
zusammengebracht ist und der folgenden Generation überliefert werden
soll.
Die Leitung des Unternehmens durch den unpersönlichen Inhaber soll also
grundsätzlich ihren Rechtstitel haben in dem Eigentum an dem _geistigen
Betriebsfonds der Organisation_ -- und die persönlichen Organe, durch
die jener seine Funktion ausübt, sollen so als die Vertreter der
Organisation erscheinen, also der dauernden Interessen des Ganzen
gegenüber allen Elementen, die darin in Verein getreten sind. Das ist
der Sinn der Einrichtungen, welche die jetzige Verfassung der Firma
ausmachen.
Der Umstand, daß in diesem letzten Abschnitt der Geschichte unseres
Instituts die Initiative wesentlich mir selbst und meinen gegenwärtigen
Mitarbeitern zugefallen ist, hat mich nicht abhalten dürfen, die
bewegenden Ideen auch dieses letzten Abschnittes in gedrängtem Umrisse
hier zu kennzeichnen. Der Verzicht hierauf würde nicht nur das
geschichtliche Bild der 50jährigen Entwicklung in wesentlichen Punkten
unvollständig gemacht, sondern auch jede Gelegenheit abgeschnitten
haben, heute des wichtigen Anteils zu gedenken, den auch _andere_ an dem
jetzt Erreichten haben und an dem, was etwa die Zukunft als seine
Erfolge zeitigen möchte. Ich rede hier _nicht_ von denen, die in
täglicher gemeinsamer Arbeit die Mühen und die Sorge dieser letzten
Jahre mit mir geteilt haben -- ohne deren hingebende, zum Teil
aufopferungsvolle Mitarbeit die neuen Aufgaben, vor welche dieses
Jahrzehnt uns gestellt hat, überhaupt nicht hätten bewältigt werden
können. _Sie_ haben das Bewußtsein unmittelbaren Anteils an dem jetzt
Bestehenden. Wohl aber ziemt es sich, zum Eintritt unseres Instituts in
das zweite halbe Jahrhundert seiner Tätigkeit ausdrücklich derer zu
gedenken, welche, _außerhalb_ unseres engeren Kreises stehend, die
Erfüllung gerade der letzten Aufgaben in besonderem Maße erleichtert und
gefördert haben.
Dank der verständnisvollen Teilnahme, mit welcher S. königl. Hoheit
unser allverehrter Großherzog und der seinem hohen Beruf leider so früh
entrissene Erbgroßherzog Carl August die Bestrebungen begleiteten, die
auf Befestigung und Pflege des in unserer Stadt zur Blüte gelangten
Zweiges feintechnischer Industrie abzielten, hat die Verfassung der
_Carl Zeiss_-Stiftung sich sozusagen anlehnen dürfen an die
Institutionen des Staates, um dieser Verfassung, unbeschadet voller
Bewegungsfreiheit der Stiftung, einen festeren Halt zu verschaffen, als
eine rein private Organisation hätte gewähren können. Das warme
Interesse aber, welches außer den genannten fürstlichen Herren auch der
frühere Staatsminister Gottfried Stichling und der ihm nachfolgende Chef
des Großherzogl. Kultus-Departements Adolf Guyet der Absicht
entgegenbrachte, die Unternehmungen der jetzigen _Carl Zeiss_-Stiftung
Zwecken des Gemeinwohls direkt dienstbar zu machen, hat alle
Schwierigkeiten und Bedenken überwinden lassen, die zur entscheidenden
Zeit angesichts mancher damals noch prekärer Umstände jener Anlehnung
entgegenstanden. Beide Männer, denen unser Staatswesen und zumal unsere
Hochschule in vielem zu Dank verpflichtet ist, sind nun auch schon
heimgegangen. Unter den Lebenden aber sind noch die zwei, welche an dem
Ausbau unserer Einrichtungen im einzelnen persönlich am meisten
beteiligt waren: der Kurator unserer Universität, Geh. Staatsrat
EGGELING, dessen altbegründete freundschaftliche Beziehung zu meiner
Person zu allem die ersten Wege geöffnet, dessen teilnehmender Rat auf
alles bedeutsamen Einfluß geübt hat -- und der damalige Chef des
Großherzogl. Finanzdepartements, wirklicher Geh.-Rat ROTHE. Er, der
erste Stiftungskommissar der _Carl Zeiss_-Stiftung, hat nunmehr durch
länger als 5 Jahre hin die Funktion geübt, die gemäß der Verfassung der
Stiftung als der praktisch wichtigste Ausfluß aus ihrer Anlehnung an die
Staatseinrichtungen angesehen werden muß. Er hat damit die Wege anbahnen
und befestigen helfen, auf welchen die Angelegenheiten unseres
Unternehmens in Zukunft zu leiten sind -- auf welchen er auch
hoffentlich noch für recht lange Zeit seine wertvolle Mitwirkung wird
fortsetzen können. Ihm aber steht noch ein besonderer Anteil auch an der
Gestaltung der jetzigen Einrichtungen selbst zu. Denn sein
weitausblickender Rat hat die früher bezeichneten Bestrebungen zuerst in
die Richtung gelenkt, in welcher der entscheidende Schritt nachher
geschehen konnte: die Konstituierung der selbständigen juristischen
Person als Träger der hiesigen Unternehmungen. So ist er in diesem Sinn,
wie Freund SCHOTT in einem anderen Sinn, _Mitbegründer_ der _Carl
Zeiss_-Stiftung geworden.
Ihnen allen, die ich hier nannte, die außerhalb unseres eigenen Kreises
die aufbauende Arbeit des letzten Jahrzehnts gestützt und gefördert
haben, sei am heutigen Tag warmer und aufrichtiger Dank im Namen derer
dargebracht, die an dieser aufbauenden Arbeit im Innern beteiligt waren.
* * * * *
So bin ich nun in meiner rückwärts schauenden Betrachtung an dem Punkt
angelangt, wo das Vergangene in das Zukünftige einmündet, das Geschehene
dem Kommenden die Hand reicht. Ich würde hier schließen können, wenn
nicht gerade die Gedanken der letzt betrachteten Periode eine besondere
Beziehung hätten auf die Grundlagen der zukünftigen Fortentwicklung des
Werkes, dem unsere Betrachtung gilt. Sie fordern also direkt dazu auf,
dem Rückblick auf das Vergangene noch einen Ausblick auf die Zukunft
folgen zu lassen -- nicht um ihren Schleier vorwitzig zu lüften, sondern
um uns zu deutlicherem Bewußtsein zu bringen, welche besonderen
Ansprüche die Zukunft an diejenigen stellen wird, die in unserem Kreis
ihren Aufgaben werden zu dienen haben.
Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß diese Ansprüche in mehreren Punkten
strengere sind, als auf dem Gebiet praktischer Tätigkeit der Regel nach
an die Personen und ihre Leistungen jetzt gestellt werden. Die
Unterordnung der Wirtschaftsführung der _Carl Zeiss_-Stiftung unter
größere soziale Aufgaben legt ihren Betrieben Pflichten und Lasten auf,
die andere Industrieunternehmungen zur Zeit noch nicht zu erfüllen
brauchen; und einstweilen ist es noch Sache nicht der Gewißheit sondern
nur der Annahme, daß der Vorteil der Elimination des Nutznießung
suchenden Kapitalisten oder Unternehmers aus dieser Wirtschaftsführung
auch auf die Dauer das ausreichende Äquivalent für jene größeren Lasten
sein werde.
Was aber schwerer ins Gewicht fällt und vielen Sorge macht, ist die
Notwendigkeit, aus unserem Wirkungskreis manches ausschließen zu müssen,
was zur Zeit meist für unentbehrlich in industriellen Unternehmungen
angesehen wird -- namentlich bei der Regelung der Rechte und Interessen
der verschiedenen Personengruppen innerhalb der Organisation. Wenn die
Einrichtungen der _Carl Zeiss_-Stiftung nicht in sich widerspruchsvoll
bleiben sollten, mußten insonderheit den leitenden Personen in allen
Stufen der inneren Tätigkeit manche Vorzüge und Vorteile vorenthalten
werden, welche in der Großindustrie öfters als die eigentlich wirksamen
Triebfedern erfolgreicher Betätigung gelten. Infolgedessen muß unsere
Organisation auf Kräfte und Eigenschaften der Menschen zählen, an deren
genügende Häufigkeit nicht alle glauben wollen: weniger Selbstsucht,
mehr Gemeinsinn -- weniger äußerer Ehrgeiz, mehr Sinn für den inneren
Wert menschlicher Arbeit -- weniger Gehorsam, mehr freie bewußte
Pflichterfüllung und einiges mehr -- und wer möchte bestreiten, daß der
im Nachteil ist, der in nicht ganz gangbarer Münze rechnet?
* * * * *
Keiner aber, der es unternimmt, in seinen Bestrebungen dem jeweils
Bestehenden und Geltenden einen kleinen Schritt vorauszukommen, darf
sich vermessen, etwas erreichen zu können, wenn er dabei _dauernd_ in
Gegensatz bliebe zu den herrschenden Ideen seiner Zeit. Was dauernd
vereinzelt bliebe, wird sicher einmal vom breiten Strom mitgenommen.
Die Hoffnung des Gelingens ist also in diesem Fall die Hoffnung auf den
Erfolg der Bestrebungen der vielen anderen, die in unserer Zeit darauf
ausgehen, auch die Wirtschaftstätigkeit der Völker sozialen und
sittlichen Ideen unterzuordnen, -- also die Erwartung: daß aus diesen
Bestrebungen der Zeitgenossen, trotz der heutigen großen Divergenz
ihrer Wege, doch allmählich eine gemeinsame Resultante sich ergeben
werde, kräftig genug, um die Denkungsart der Menschen und die
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen in der Richtung
auf jenes Ziel zu beeinflussen und so die zeitweilige Isolierung
rechtzeitig wieder aufzuheben.
Sollte aber diese Erwartung sich nicht erfüllen, sollte die
hochentwickelte äußere Kultur des 19. Jahrhunderts schon dem
unabwendbaren Verhängnis verfallen sein, endgültig auslaufen zu müssen
in einen immer wüster werdenden Kampf rein selbstsüchtiger Interessen,
so könnte es freilich geschehen, daß Einrichtungen, die auf die
Wirksamkeit edlerer Kräfte gerechnet haben, gerade deswegen noch etwas
_früher_ zugrunde gehen müssen, als auch das andere seinen
wohlverdienten Untergang findet, was wüstem Kampf vollkommener sich
angepaßt erhalten hat. Und dann könnte es schon kommen, daß die
weltklugen, die praktischen Leute wieder einmal Recht behielten und eine
gewisse Zeitlang sagen dürften: seht die Toren, die nicht im breiten
Strom mitschwimmen wollten, weil seine Wasser trüb waren! Solchen
Befürchtungen äußeren Mißerfolgen gegenüber darf es aber, wenn nicht
jeder Antrieb des Fortschrittes lahm gelegt, jedes Bewußtsein sittlicher
Verantwortung in den Menschen aufgehoben sein soll, keine andere Antwort
geben, als das Wort des strengen Römers: die siegreiche Sache hat den
Göttern gefallen, die besiegte Cato!
* * * * *
In unseren Verhältnissen liegt jedoch erfreulicherweise heute nichts,
gar nichts, was darnach angetan wäre, an das Gekrächze der Raben zu
erinnern. Ganz im Gegenteil -- die äußere und innere Lage unseres
Instituts hat noch zu keiner früheren Zeit so großes Vertrauen in die
Zukunft gerechtfertigt, wie wir heute es haben dürfen. Gar nicht zu
reden davon, daß die letzten Jahre seine wirtschaftlichen Grundlagen
schon in einem Maß konsolidiert haben, wie es gewiß nur bei wenigen
Unternehmungen der Privatindustrie erreicht sein wird, und daß auch
seine innere Organisation jetzt viel besser ausgebaut und befestigt ist,
als es noch vor wenigen Jahren sein konnte -- vor allem liegen auch
erfreuliche Anzeichen dafür vor, daß der _Geist_, in dem die Personen
zusammenzuwirken sich gewöhnt haben, den Anforderungen entgegenkommt,
die unsere Organisation zu stellen hat. Denn mit unverhehlter
Genugtuung darf ich es aussprechen, daß die Firma _Carl Zeiss_ in allen
Schichten ihres Personals, von den obersten Beamten bis zum schlichten
Arbeiter, eine sehr große Zahl von solchen besitzt, die mit voller
persönlicher Hingabe ihren Aufgaben obliegen, viele weit über das Maß
dessen hinaus, was man als pflichtmäßige Leistung fordern könnte. Auch
ist in dem unvermeidlichen Interessenstreit, der im Zusammenarbeiten
vieler fortgesetzt zum Austrag kommen muß, die Firma durchaus verschont
geblieben von solchen Streitformen, wie sie anderwärts die Beziehungen
zwischen Prinzipal und Gehilfen, Unternehmer und Arbeiter öfters
verbittern.
Aus all diesem darf vermutet werden, daß in weiten Kreisen meiner
Mitarbeiter, die große Arbeiterschaft einbegriffen, bewußtes Verständnis
für das Wohl des Ganzen und Bereitwilligkeit zu steter Rücksichtnahme
auf dessen Interesse sich schon eingebürgert haben. Und hierauf vor
allem gründet sich die Hoffnung, daß die Einrichtungen der _Carl
Zeiss_-Stiftung, auch wenn sie etwa eine Zeitlang gewisse Sonderheiten
im Vergleich zum allgemein Geltenden behalten, eine Zeitlang in einer
gewissen Isolierung verbleiben müßten, die Nachteile solcher Umstände zu
überwinden fähig sein werden.
Sie, meine Mitarbeiter, aber darf ich heute wohl ausdrücklich auf die
Bedeutung hinweisen, die in diesem Zusammenhang _Ihre_ Stellungnahme zu
unseren Einrichtungen für die Erhaltung und die gedeihliche
Fortentwicklung unseres Instituts gewinnt. Keine Einrichtung kann eitel
Harmonie zwischen den Interessen und Wünschen aller herstellen wollen.
Auch in unserer Organisation kann es sich nicht darum handeln, die
natürlichen Unterschiede und Gegensätze der verschiedenen Interessen
aufzuheben oder zu verdecken, sondern nur darum, im Rahmen geordneter
Einrichtungen sie immer von neuem in vernünftiges Gleichgewicht zu
setzen -- die Interessen der einzelnen und der Gruppe zueinander und zu
den dauernden Interessen der Gemeinschaft. Die Vertretung der
Sonderansprüche aber darf dabei nicht das Bewußtsein dessen verlieren,
daß in dem richtig verstandenen Eigeninteresse jedes einzelnen und jeder
Gruppe das dauernde Interesse des Ganzen immer eine wichtige Komponente
bildet -- damit jeder sich sage: nur ein Narr sägt den Ast an, auf dem
er selbst sitzt.
Aber noch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt sehe ich allen, die in
unseren Arbeitsverband, sei es auch nur vorübergehend, eintreten, eine
besondere Verpflichtung auferlegt, an die ich heute namentlich unsere
Arbeiterschaft wohl ebenfalls erinnern darf. Wenn es, wie wenigstens
viele meinen, eine Lebensfrage auch für unser Volk geworden ist, daß auf
dem Weg _friedlichen_ Fortschritts seine breiten arbeitstätigen
Schichten für die Vertretung ihrer Interessen gegenüber denen anderer
Stände bald den Schutz eines besseren _Rechts_ finden, so wird es für
eine Arbeiterschaft, die unter ein vorgeschrittenes Recht _schon
gekommen_ ist, eine Ehrenpflicht gegen die Gesamtheit der
Standesgenossen, den praktischen Beweis zu erbringen, daß solches Recht
durchaus vereinbar ist mit dem Fortbestand leistungsfähiger
Arbeitsorganisation auch auf einem Tätigkeitsgebiet, das besonders hohe
Anforderungen an wohlgeordnetes Zusammenwirken vieler stellen muß.
Wie ich schon sagte: ich sehe erfreuliche Anzeichen dafür, daß solche
Rücksichten und Pflichten hier Verständnis finden.
So kann ich also meine heutige Betrachtung nun schließen mit dem
Ausdruck der _freudigen_ Hoffnung, daß nach abermals 50 Jahren ein
_anderer_ wiederum zu einem ähnlichen Rückblick auf die alsdann
100jährige Geschichte unseres Instituts Veranlassung haben werde; und
daß dieser andere alsdann werde bezeugen können: die _zweite_ Hälfte des
100jährigen Zeitabschnittes habe ein Geschlecht vorgefunden, gewillt und
fähig, dasjenige zu erhalten, fortzusetzen und zur Entwicklung zu
bringen, was durch die Arbeit der _ersten_ Hälfte begründet wurde. Und
dann werden alle die vielen freundlichen und ermunternden Wünsche ihre
Erfüllung finden, die im Laufe der letzten Wochen von den
allerverschiedensten Seiten uns zugegangen sind -- von persönlichen
Freunden der Firma und ihrer Mitarbeiter, von Vereinen, Korporationen
und Instituten -- Wünsche, die sämtlich zusammenstimmen mit dem Wunsch,
unter welchem ich schon vor einigen Monaten das Statut der Stiftung
meinen Mitarbeitern überreichte: _daß die Optische Werkstätte Carl Zeiss
auf den Grundlagen ihrer neuen Verfassung weiterhin blühen und gedeihen
möge -- zum Segen aller, die in ihren Verband eintreten, zum Dienste des
Gemeinwohls, zur Ehre deutscher feintechnischer Industrie!_
* * * * *
Anhang 1. Der Gegensatz ist aber keineswegs, wie man zuerst vermuten
wird, in dem ganz verschiedenen Maßstab der Konstruktionen an sich
begründet, der das Verhältnis beider Dinge äußerlich wie das der
Turmuhren zu den Taschenuhren erscheinen läßt. Selbst die technischen
Bedingungen der praktischen Ausführung werden durch die Verschiedenheit
der Dimensionen nicht so verschieden gemacht, wie es bei anderen
technischen Erzeugnissen sein würde. Denn das hierfür Entscheidende, der
Maßstab für die Genauigkeit der Formgebung, ist doch noch für beides
trotz des Größenunterschiedes der gleiche, weil er für beides in der
Wellenlänge des Lichts gegeben ist. Nur mittelbar hat auch der
Unterschied der Größen eine, allerdings sehr bedeutsame Verschiedenheit
in wesentlichen Bedingungen der Aufgabenstellung zur Folge. Beim
Fernrohr kann wegen der Rücksichten auf die Dimensionen und Massen von
vornherein nur ein System aus wenigen Elementen, 2 oder 3 getrennten
Glasstücken, in Frage kommen; beim Mikroskop ist die Zahl der
verwendbaren Elemente praktisch fast unbegrenzt. Infolgedessen hat im
letzten Fall die Konstruktion einen Spielraum von Möglichkeiten und
Abwandlungen, die im ersten gar nicht in Betracht kommen; das Mikroskop
führt also auf eine viel allgemeinere Form der optischen Aufgaben. Ganz
ausschlaggebend für den Gegensatz ist aber der antagonistische Zug der
beiden Probleme im Theoretischen, also hinsichtlich der Grundlagen für
die richtige und vollständige Vorausbestimmung des beabsichtigten
Effekts. Dieser entspringt aus einem wesentlichen Unterschied in den
Bedingungen der optischen Wirkung selbst; denn wenn auch in beiden
Aufgaben im letzten und allgemeinsten derselbe physische Vorgang in
Frage steht, ein gewisser Effekt aus der Lichtstrahlung der Gegenstände,
der in beiden Fällen als Abbildung der letzteren erscheint, so bedeutet
es doch, wie man jetzt weiß, einen ganz durchgreifenden Unterschied in
wesentlichen Bedingungen für das Zustandekommen jenes Effekts, daß im
einen Fall die großen und fernen Gegenstände, die das Fernrohr abbildet,
in ihren Dimensionen außerordentlich hohe Multipla von der Länge der
Lichtwellen darstellen, die kleinen und nahen aber, die das Mikroskop
uns zeigen soll, in den Dimensionen auf die Größenordnung dieser
Lichtwellen selbst herunterrücken. Und dieser letztere Umstand, im
Verein mit dem vorhererwähnten anderen Unterschied, bedingt nun, daß die
Aufgaben der praktischen Optik nicht einem Grundproblem entsprechen,
sondern _zwei_ verschiedenen, deren Lösung dann aber auch den ganzen
jetzigen Aufgabenkreis -- wie er zurzeit in unserem Gesichtskreis liegt
-- erschöpft, andere speziell verschiedene Ausgangspunkte nicht mehr
übrig läßt. Denn alles, was zwischen den beiden extremen Aufgaben liegt,
wie namentlich die neuerdings sehr in den Vordergrund des Interesses
gerückten Linsensysteme für photographische Abbildung, die das dritte,
das Projektions-Problem, darstellen, führt immer teilweise auf das eine,
teilweise auf das andere Grundproblem zurück, wie auch der Erfolg
gezeigt hat. _Zeiss_ hat nun unter demselben leitenden Gedanken:
Bestimmung aller Elemente praktischer Konstruktionen durch erschöpfende
Vorausbestimmung ihrer Wirkungen das zweite Grundproblem der praktischen
Optik zur Behandlung gebracht und einstweiliger Erledigung
entgegengeführt, wie 50 Jahre früher FRAUNHOFER das erste; er hat
dadurch, indem er dessen Grundidee selbständig wieder aufnahm, dieser
Idee das ganze Gebiet der Optik unterworfen. Das ist, wie ich glaube,
der richtige Ausdruck zur Bezeichnung seines Verhältnisses zu dem großen
Vorgänger.
Nur ganz kurz will ich die vorher angedeuteten, in beiden
Entwicklungsgängen gemeinsamen drei Etappen des Fortschrittes noch
betrachten, um auf die Unterschiede hinzuweisen, die der neue
Ausgangspunkt an dem in den allgemeinen Zügen übereinstimmenden Fortgang
mit sich gebracht hat.
Wie FRAUNHOFER -- was übrigens erst viel später weiteren Kreisen bekannt
wurde, lange nachdem _Zeiss_ seine Arbeit begonnen hatte -- die _erste_
Grundlage seines Erfolges in einer durchgreifenden Verbesserung der
Technik der optischen Arbeit sich geschaffen hat -- in der
Vervollkommnung der Arbeitsmethoden und namentlich in der Verfeinerung
der Hilfsmittel zur Regelung und Kontrolle der praktischen Arbeit -- so
hat auch Zeiss an diesem Punkte sein Wirken begonnen. Er hat von Anfang
an unter dem klaren Bewußtsein gestanden, daß die rationale Konstruktion
des Mikroskops (in dem öfters erläuterten Wortsinn) viel höhere
Anforderungen an die technische Arbeit zu stellen habe, als das damalige
empirische Verfahren -- daß sie viel exaktere Formgebung, viel
strengeres Einhalten ziffernmäßig vorgeschriebener Maße in allen
Elementen der Konstruktion verlangen müsse, als die empirische Methode
es nötig macht. Die letztere verlangt nur das Vermeiden _grober_ Fehler;
die kleinen bleiben innerhalb des Spielraums, den das empirische
Ausprobieren des besten Erfolges nicht nur zuläßt, sondern sogar
wünschenswert macht. Die richtige Ausführung eines in allen Einzelheiten
durch Rechnung vorher festgestellten Linsensystems verlangt dagegen eine
annähernd mathematisch genaue Verwirklichung aller vorgeschriebenen
Formen und Maße, wenn nicht die ganze verstandesmäßige Vorarbeit
ihren eigentlichen Zweck verfehlen soll. Dieses aber müßte eintreten,
wenn sie aus einer Unsicherheit der technischen Formgebung und
Dimensionsbestimmung noch solche Abweichungen von den theoretisch
bestimmten richtigen Elementen übrig ließe, daß befriedigender Erfolg
nur durch nachträgliches Zurückgreifen auf empirische Nachhilfe zu
gewinnen wäre.
Für _Zeiss_ hat es die klare Erfassung dieser neuen Aufgabe der Technik
wohl erheblich erleichtert, daß er seine technische Schulung nicht in
der Optik, sondern in der sog. Präzisionsmechanik empfangen hat -- auf
einem Arbeitsgebiet, in welchem der Sinn für strenge und exakte
technische Arbeit eine bessere Erziehung fand, als außerhalb Münchens
damals die Technik der Optiker bieten konnte. So ist denn vom ersten
Anfang an sein Streben in seiner kleinen Werkstatt darauf gerichtet
gewesen, die Geschicklichkeit der Hand, die für alle feinere Arbeit
unentbehrlich ist, unter planmäßige strenge Kontrolle und .... [zu
stellen].
* * * * *
Anhang 2. Dank der Tüchtigkeit und dem unablässigen Eifer LÖBERs ist das
erste Postulat für die Durchführung des leitenden Gedankens, die
Verfeinerung der Technik, sehr früh schon erfüllt gewesen -- viel
früher, als die Erfüllung anderer ebenso wesentlicher Postulate auch nur
annähernd ähnliche Fortschritte machen konnte. So hat denn diese
verfeinerte Technik lange Jahre hin noch der alten Methode der
Mikroskopkonstruktion dienen müssen, bei der Zeiss wohl oder übel
einstweilen verbleiben mußte, weil die neue Methode wegen des Fehlens
der übrigen Voraussetzungen noch nicht durchzuführen war. Für diese alte
Methode aber war die exakte Formgebung, die keinen Spielraum für
zufällige Abweichungen läßt, nicht nur kein Vorteil, sondern eher eine
Beengung, weil sie die Möglichkeiten guten Gelingens verminderte, die
beim empirischen Verfahren gerade eine schlechtere Technik in der
Mannigfaltigkeit zufälliger Abweichungen der Konstruktionselemente offen
hält. Durch viele Jahre hin hat in der Tätigkeit von _Zeiss_ diese
Diskordanz zwischen ihren Faktoren bestanden, die ihn tatsächlich in
Nachteil setzte gegenüber den anderen, welche das alte empirische
Verfahren rein und unverfälscht handhabten, nicht angekränkelt durch die
[vorauseilenden Gedanken] aus einem fremdartigen Ideenkreis -- ein
Zustand, wieder vergleichbar einer Erscheinung in der organischen Natur:
daß in den Jugendzuständen mancher Lebewesen öfters Organe sich finden,
die aller Zweckmäßigkeit zu widersprechen scheinen, weil sie ihre
richtige Funktion erst in einem späteren Entwicklungsstadium gewinnen,
nachdem andere Organe, denen sie in der Entwicklung vorauseilten,
nachgewachsen sind. Das Nachwachsen des noch fehlenden ergänzenden
Organs entspricht nun der vorhererwähnten zweiten Etappe in der
Entwicklung der gleichen Grundidee auf FRAUNHOFERs Wegen.
Wie bei FRAUNHOFER die neue Technik erst leistungsfähig wurde in
Verbindung mit den von ihm geschaffenen neuen Grundlagen für eine
erschöpfende theoretische Bestimmung der in Betracht stehenden
Lichtwirkungen und zwar durch eine wesentliche Ergänzung der damaligen
wissenschaftlichen Erkenntnisse der Optik, so ist auch in dem neuen
Entwicklungsgang der weitere Fortschritt von der Lösung
wissenschaftlicher Aufgaben getragen. Hier aber tritt nun die Bedeutung
des Ausgangspunktes deutlich hervor. _Zeiss_ selbst und diejenigen,
welche hinsichtlich der theoretischen Aufgaben seine Mitarbeiter wurden,
gingen von der als selbstverständlich erscheinenden Annahme aus, daß das
Mikroskop-Problem im Grundsätzlichen durchaus ebenso, und mit den
gleichen wissenschaftlichen Hilfsmitteln, erschöpfend zu behandeln sei,
wie FRAUNHOFER das Fernrohr-Problem behandelt hat. Bestätigt hat sich
dies aber nur hinsichtlich einer gewissen Art von Mikroskopen von jetzt
ganz untergeordnetem Interesse, die in der Tat als verkleinerte,
umgekehrte Fernrohrobjektive sich behandeln lassen und auch schon von
FRAUNHOFER selbst so behandelt wurden. _Das_ Mikroskop dagegen, das den
subtileren Forschungen der biologischen Wissenschaft dient, war, wie
sich zeigte, auf diesem Weg absolut nicht zustande zu bringen; alle
Versuche zur theoretischen Konstruktion desselben blieben ganz und gar
erfolglos, solange sie unter obiger Voraussetzung geleitet wurden und an
den Konsequenzen der Voraussetzung streng festhielten. Dieses negative
Resultat aller Bemühungen um die Verwirklichung des neuen
Konstruktionsplanes hat nun zu der Einsicht geführt, daß in den
wissenschaftlichen Lehren der Optik, die sich an FRAUNHOFERs Aufgabe
völlig bewährt hatten, da sie an der neuen Aufgabe versagten,
eine Lücke sein _müsse_, daß also diese Lehren erst noch einer
Ergänzung bedürften, damit eine theoretische Vorausbestimmung auch der
Mikroskopkonstruktionen möglich sei. Diese Erkenntnis hat nun auch die
erforderliche Ergänzung herbeigeführt, indem sie hinleitete auf die
Untersuchung und Feststellung der besonderen Bedingungen, welche für die
Abbildung von Objekten in Geltung treten, deren Dimensionen nicht mehr
große Vielfache von der Länge der Lichtwellen sind -- und damit war nun
dem FRAUNHOFERschen Gedanken auch in der Mikroskop-Optik die dauernde
Herrschaft gesichert[17].
Hierbei hat aber dieser Gedanke dadurch, daß er von _Zeiss_ an einem
ganz anderen Ausgangspunkt wieder aufgenommen wurde, zum zweitenmal zu
einer Erweiterung auch der wissenschaftlichen Optik geführt. In der Tat
gibt es keine schärfere Probe auf die Richtigkeit und Vollständigkeit
wissenschaftlicher Theorien, als den Versuch, mit ihrer Hilfe
komplizierte Vorgänge und Effekte, auf welche sie Anwendung finden, in
allen Einzelheiten vorauszubestimmen; jeder Mangel und jede Lücke kommt
dabei in dem Mißerfolg des Versuchs sicher zum Vorschein. -- Unter den
Verdiensten von _Zeiss_ ist es gewiß nicht das kleinste, daß er in
festem Vertrauen auf die Kraft wissenschaftlicher Einsicht, auch für die
Behandlung praktischer Aufgaben, an seinem ersten Plane, trotz
jahrelanger Mißerfolge, unentmutigt festgehalten und dadurch schließlich
eine Bereicherung der Wissenschaft herbeigeführt hat.
Der Grundgedanke, von dem die Arbeit von _Zeiss_ ausgeht, hat endlich
auch die Keimanlage noch für einen _dritten_, ganz anders gearteten
Fortschritt in sich enthalten, eine Anlage, die gleichfalls schon 50
Jahre früher bei FRAUNHOFER wenigstens den Anfang ihrer Entwicklung
zeigt -- nämlich den Antrieb zur durchgreifenden Reform in der
Darstellung des optischen Glases.
Das alte empirische Verfahren in der Behandlung technischer Aufgaben
wird immer dabei stehen bleiben, die Eigenschaften des Rohmaterials, auf
dessen Benutzung die Aufgabe führt, als etwas schlechthin Gegebenes
anzusehen. Denn jenes Verfahren hat keine eingehende, auf genauer
Erforschung aller Merkmale gerichtete Kenntnis der Eigenschaften des
Materials, und braucht sie nicht zu haben, kann also auch über die
Abhängigkeit der erreichten Erfolge von diesen Eigenschaften nicht im
einzelnen sich Rechenschaft geben.
Man benutzt also in diesem alten Verfahren das körperliche
Konstruktionsmaterial so wie es traditionell vorliegt, auf Grund der
Erfahrungen, welche gerade in _seiner_ Benutzung allmählich gewonnen
sind, und erst wenn etwas neues kommt, probiert man, ob dasselbe
vielleicht noch besser sich eigene. Das andere, das rationale Verfahren
-- um das mein Bericht überall sich dreht -- welches ein technisches
Erzeugnis für bestimmte praktische Effekte aus wissenschaftlicher
Erkenntnis aller Bedingungen des gesuchten Effektes gewinnen will, hat
dagegen die Abhängigkeit aller Wirkungen von den besonderen numerisch
bestimmten Eigenschaften der angewandten Materialien bei jedem Schritt
im Auge und wird bei jedem Schritt die Einschränkung gewahr, welche der
meist ganz enge Spielraum des traditionell Gegebenen der möglichst
zweckmäßigen Auswahl der stofflichen Mittel auferlegt. So muß die
_rationale_ Methode praktischer Tätigkeit -- und auch _nur_ diese --
überall die Tendenz entwickeln, die Darstellung des Urmaterials für ihre
Arbeit unter die Leitung ihrer besonderen Zwecke zu bringen, auf
rationelle Anpassung seiner Eigenschaften an die besonderen
Anforderungen seiner Verwendung kräftig hinzudrängen. Wir sehen die
Wirkungen dessen jetzt auf allen Gebieten vorgeschrittener Technik.
Auch da, wo zum erstenmal der Gedanke streng rationalen Aufbaues
technischer Erzeugnisse in voller Reinheit sich betätigt hat, ist die
hier benannte Konsequenz desselben schon in die Erscheinung getreten.
Man weiß jetzt, daß schon FRAUNHOFER an die Darstellung des optischen
Glases für seine Fernrohre nicht nur persönlich herangetreten ist,
sondern herangetreten ist mit der deutlichen Idee, aus der Abhängigkeit
seiner optischen Eigenschaften von seiner chemischen Zusammensetzung und
durch rationelle Benutzung dieser Abhängigkeit der praktischen Optik
freiere Bahn für die Behandlung ihrer Aufgaben zu schaffen.
|Auch die Parallelentwicklung des FRAUNHOFERschen Grundgedankens in
unserem Kreis hat den gleichen Zielpunkt wiedergefunden.| Die Art aber,
wie dieses hier geschehen, bietet ein lehrreiches Beispiel für die
Macht.... [usw. wie oben im Haupttext S. 71].
Anhang 3. So habe ich nun auch diese letzte Etappe charakterisiert, in
welcher der Fortgang der von _Carl Zeiss_ begonnenen [Arbeiten]
schließlich nochmals mit FRAUNHOFERS Wegen zusammentrifft. Aber auch
hier zeigt sich am Ende wieder die Bedeutung des neuen eigenartigen
Ausgangspunktes darin, daß auch hier die Wiederholung desselben
Schrittes keine bloße Wiedererneuerung FRAUNHOFERscher Arbeit geblieben
ist. Denn vermöge der allgemeineren Aufgabenstellung, die das
Mikroskop-Problem gegenüber dem Fernrohr-Problem auch in Hinsicht auf
die Anforderungen an das Urmaterial mit sich brachte, sind die Ziele des
neuen Anlaufes sofort über die Ziele hinausgegangen, die auch nur
möglicherweise im Gesichtskreis FRAUNHOFERs liegen konnten. Das kommt
deutlich namentlich an einem Punkt zum Vorschein: obwohl in unseren
damaligen optischen Interessen eine Rücksichtnahme auf die besonderen
Bedürfnisse der photographischen Optik noch nicht angebahnt war, zeigte
sich nachher, daß die letztere ganz [außerordentlichen Gewinn von der
systematischen Vervollständigung des Urmaterials ziehen konnte] ....[18]
Fußnoten:
[Fußnote 3: [Nach der von E. ABBE für den Vortrag selbst benützten
Abschrift des Manuskripts. Einige Abschnitte, die im Manuskript allem
Anschein nach nur im Interesse der Abkürzung des mündlichen Vortrags
gestrichen waren, sind entweder in | | im Text oder als Anhang am Schluß
des Vortrags mit abgedruckt.]]
[Fußnote 4: [Zu dieser Darstellung bin ich leider nicht gekommen. Vieles
Dahingehörige finden Interessenten in »F. AUERBACH, Das Zeisswerk und
die Carl Zeiss-Stiftung in Jena«, 2. Aufl., Jena, G. Fischer, 1904.
Cz.]]
[Fußnote 5: [Das Konzept zu dieser Trauerrede ist abgedruckt in ABBE,
Gesammelte Abhandlungen, Bd. II, pag. 339-341.]]
[Fußnote 6: [Bei Errichtung der »Carl Zeiss-Stiftung« s. unten das
Statut der C. Z.-Stiftung, § 2, Name.]]
[Fußnote 7: [und zwar von E. ABBE.]]
[Fußnote 8: [s. hierzu die Ausführungen im ersten Teil von Anhang 1 am
Schluß des Vortrags.]]
[Fußnote 9: [Das hierzu vorliegende von A. selbst herrührende Material
ist leider unvollständig, mag aber trotzdem und trotz der dadurch
herbeigeführten Wiederholungen in Anhängen am Schluß dieses Vortrags
Platz finden; s. Anhang 1.]]
[Fußnote 10: [Vgl. die Ergänzungen dieser und der folgenden Ausführungen
in Anhang 2.]]
[Fußnote 11: [Vgl. die Gedenkrede auf J. FRAUNHOFER</SC> IN E. <SC>ABBEs
Gesammelten Abhandlungen, Bd. II, pag. 319-338.]]
[Fußnote 12: [S. die Ergänzung dieser Ausführungen in Anhang 3.]]
[Fußnote 13: [Gemeint ist offenbar ERNST HAECKEL.]]
[Fußnote 14: [Durch die Carl Zeiss-Stiftung. Vgl. insbesondere das
Ergänzungsstatut am Schlusse des vorliegenden Bandes.]]
[Fußnote 15: Diese Hoffnung hat sich zur angegebnen Zeit erfüllt.]
[Fußnote 16: Beim mündlichen Vortrag hatte ABBE, unter Weglassung der
obigen Abschnitte in | |, gleich fortgefahren: »Ohne hier die besonderen
Erwägungen anzuführen, die unter diesem obersten Gesichtspunkt das
Vorgehen zu leiten hatten, erwähne ich nur, daß die hier bezeichneten
....... wesentlich bestimmt haben.«]
[Fußnote 17: Diese ganze Arbeit wurde bekanntlich von E. ABBE selbst
vollzogen.]
[Fußnote 18: Fortsetzung fehlt.]