Die schöne St. Ägidienkirche wurde nach dem Entwurfe des berühmten

Nürnberger Baumeisters Heideloff im gotischen Stile 1846 bis 1849

erbaut, da sie durch den großen Stadtbrand im Jahre 1842 fast bis

auf die Mauern zerstört worden war. Die durchbrochenen kunstvollen

Türme haben eine Höhe von fünfundsiebzig Metern. Auch die innere

Einrichtung des Gotteshauses ist nach Heideloffs Angaben im gotischen

Stil ausgeführt, wie der prächtige Altar und die Kanzel, Gestühle und

Emporen zeigen. Der Triumphbogen ist durch Professor Hermann aus Berlin

mit einem herrlichen Freskogemälde, der Bergpredigt, geschmückt worden.

Nach dem Entwurfe des Direktors der Dresdner Gemäldegalerie, Julius

Hübner, sind die fünf Fenster des Altarchores mit farbenprächtigen

Glasmalereien verziert. Die äußeren Fenster stellen Jesus im Tempel

und die Segnung der Kindlein dar. Professor Ludwig Otto in Dresden

malte zwei Fenster im Schiff. Das Lutherfenster mit dem Reformator,

zur Rechten ein römischer Kardinal, zur Linken Kurfürst Friedrich der

Weise. Das zweite Fenster zeigt den lehrenden Apostel Paulus, umgeben

von zwei römischen Kriegern.

Das schöne Gewölbe der Kloster- oder Marienkirche blieb unversehrt,

als die Hussiten 1429 um Weihnachten die ganze Stadt und das

Minoritenkloster mit Feuer verwüsteten. Im Jahre 1903 entdeckte

man beim Umbau des Archidiakonats in der St. Elisabethkapelle

Freskomalereien, deren Entstehung um das Jahr 1410 fällt. Der Stifter

der Kapelle ist Nikolaus Homut, ein Oschatzer, der Domherr in Wurzen

war. Von den Bildern sind die Verkündigung der Geburt Jesu, Petrus

und Paulus, St. Nikolaus und der Stifter Homut am trefflichsten in

den alten Farben erhalten. In der gotischen Gottesackerkirche, die

1587 geweiht wurde, ist der gotische Flügelaltar kunstgeschichtlich

bemerkenswert.

Trotz der Verheerungen durch große Brände und Kriege ist Oschatz

nicht arm an Kunstdenkmälern vergangener Zeiten. Ein Rundgang durch

die Stadt bietet namentlich in den älteren Teilen recht prächtige

Kleinstadtbilder, man sieht auch alte Bürgerhäuser mit Rundbogentoren

und muschelbedeckten Sitzen, schön geschnitzte Haustüren und allerlei

Inschriften.

Zur Hebung des geschichtlichen Sinnes und des Interesses für die

heimischen Kunstwerke der Vorfahren hat der Verein für Orts- und

Volkskunde erfolgreich gewirkt. Durch Forschen und Sammeln, durch

Bild und Schrift sucht er die städtischen und vaterländischen

Geschichtsquellen zu erschließen und dafür zu sorgen, daß die Zeugen

der denkwürdigen Vergangenheit der Stadt Oschatz und der engeren

Heimat der Mit- und Nachwelt erhalten bleiben. In der Sammlung, die

übersichtlich geordnet in zwei großen Zimmern des alten Schulgebäudes

Platz gefunden hat, wird der Besucher noch viele Erinnerungen aus alter

Zeit der Stadt Oschatz und seiner Umgebung finden, denn sie enthält

in ihren vier Abteilungen: Urgeschichte, Volkskunde, Ortsgeschichte

und Innungswesen viele interessante und wertvolle Altertümer. An

dem Gebäude ist eine Bronzetafel angebracht mit den Bildnissen

der Komponisten M. Carl Gottlieb Hering, Konrektor in Oschatz und

dessen Sohn Karl Eduard Hering (geb. 13. Mai 1807 in Oschatz). Die

Klavierschule des ersteren (gedruckt bei Oldecop in Oschatz) erwarb

ihm einen klangvollen Namen in der Musikwelt ganz Europas, denn sie

wurde in Frankreich, in der Schweiz, in Österreich und in Dänemark

nachgedruckt. Er ist auch der Komponist mehrerer zu wahren Volksliedern

gewordenen Kinderliedern. Das Weihnachtslied »Morgen, Kinder, wird’s

was geben«, sowie »Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp«, werden

noch heute von der Kinderwelt gern gesungen.

K. E. Hering, der als Domorganist und Musiklehrer am Landständischen

Seminar in Bautzen wirkte, machte sich verdient durch Veranstaltung

unentgeltlicher Volkskirchenkonzerte. Beim Lausitzer Musikfest 1865

erhielt sein tiefempfundenes Abendlied den Preis. Von seinen sangbaren

Männerchören ist besonders das große Chorwerk »Die Weihnachtsnähe« zu

nennen.

Die Musik pflegte man schon im frühen Mittelalter, denn

zur Unterstützung des Choral- und Meßgesanges bestand eine

Kalandbrüderschaft. Zur Zeit der Reformation entstand daraus die

Kantorei. Nachweislich ist die Oschatzer eine der ältesten, sie wurde

vom Superintendent Buchner 1540 aus dem alten Kaland gebildet und

pflegte an Festen die mehrstimmige Figuralmusik mit großem Fleiß. Ihre

Auflösung erfolgte 1857, infolge der Kriegs- und Zeitverhältnisse

war das musikalische Streben verlorengegangen. Schon 1818 hatte man

sich entschlossen, die geistliche Figuralmusik auf sich beruhen zu

lassen. Der lustige Kantoreischmaus war die Hauptsache, auch die

Motette während der Mittagstafel fiel weg, denn man machte, wie es im

Kantoreialbum heißt, »vielfach die Erfahrung, daß die Tischgesellschaft

die Vorträge des Aufwärters höher als die des Kantors, die Braten den

Kantaten, das Schlingen dem Singen vorzog«.

Von gleichzeitigen Schriftstellern wird den Bürgern das Lob des

Fleißes, der Betriebsamkeit und des lebendigen Eifers für das Kirchen-

und Schulwesen erteilt. Der Bürgerstand in Oschatz war im sechzehnten

Jahrhundert hoch entwickelt und geistig regsam. Die Lesefertigkeit

muß allgemein verbreitet gewesen sein; denn der Rat ließ die

landesherrlichen Verordnungen an eine Tafel heften und die Statuten

der Stadt aushängen, damit sie jedermann lesen könne. 1540 wird im

Visitationsbuch Oschatz höchlichst belobt als »Eyne volkreiche Comun,

daselbst Eyn fein Volk ist«.

Dem Bildungsbedürfnis entsprach eine in dieser Zeit blühende

lateinische Stadtschule mit tüchtigen Lehrern, die oft einen

ehrenvollen Ruf nach auswärts erhielten. Ein ehemaliger Zögling der

Oschatzer Schule war Joh. Rhenius, der Verfasser des Donat, einer

lateinischen Sprachlehre, die als geschätztes Schulbuch sehr lange

verwendet wurde. Der berühmte Professor der Geschichte Böhme in Leipzig

legte den Grund zur Wissenschaft in dieser Schule, und Professor

Eichstädt in Jena, ein Mitarbeiter Goethes, war ein Oschatzer Kind.

Oschatz gehört aber auch zu den wenigen Städten, die schon im

vierzehnten Jahrhundert eine Schule hatten, vielleicht war sie als

Pfarrschule noch älter. Zur Zeit der Reformation wurde die Jungfrauen-

oder Maidlinschule aufgerichtet, die in der Elisabethkapelle, später

in der am schönen Renaissancetor kenntlichen Kirchnerwohnung ihre

Schulstube hatte.

[Illustration: Abb. 2 =Oschatz= Volkskindergarten Untere Promenade]

Der ursprüngliche Name der Stadt ist ~ozzec~ = Holzhau, von ~drjewo~

= Holz und ~sec~ = Hau. So steht er auf dem ersten dreieckigen

Stadtgerichtssiegel, das einer Urkunde vom Jahre 1253 angehängt

ist. Die Schreibung des Stadtnamens unterlag den verschiedensten

Veränderungen. Der Stadtchronist Hoffmann führt zwanzig an. 1346

wurde zum ersten Male und seit 1594 stets Oschatz geschrieben. Die

Bildung dieser Form schreibt man den eingewanderten flämischen Tuch-

und Leinewebern zu, die, wie der Chronist Hoffmann berichtet, nach

niederdeutscher Weise das e wie a sprachen.

Die Stadt stand bis zu Kaiser Heinrich IV. unter kaiserlicher

Oberhoheit. Eine Urkunde vom 31. März 1065, nach der dieser Kaiser dem

Bischof Eberhard von Naumburg zwei Städte, Grimma an der Mulde und

Oschatz im Gau Daleminzi schenkt, hat sich als eine grobe Fälschung

des dreizehnten Jahrhunderts erwiesen. Das Stift Naumburg wollte die

Lehnshoheit über diese Städte gegenüber den Markgrafen von Meißen

dadurch begründen. Damals gingen viele kaiserliche Güter und Rechte auf

diese Weise verloren; denn der Kaiser war erst vierzehn Jahre alt,

aber schon für volljährig erklärt. Es ist zwar eine echte Urkunde,

die in der kaiserlichen Kanzlei 1060 bis 1064 ausgestellt wurde, aber

nur die Schenkung eines Dorfes Teitzig an der Mulde betraf. Auf der

Rückseite des Dokumentes vergaß man den Namen zu tilgen, und so ließ

sich die Fälschung erweisen. Die Urkunden der Stadt reichen bis ins

dreizehnte Jahrhundert. Die Stadtgeschichte hat aber einen schweren,

wie es scheint, unersetzlichen Verlust erlitten durch Abhandenkommen

des ältesten Stadtbuches. Oschatz konnte sich rühmen, das älteste

sächsische Stadtbuch zu besitzen. Der erwähnte Chronist Hoffmann hat es

noch zu seiner wertvollen Chronik von Oschatz und der noch vorhandenen

handschriftlichen Urkundensammlung benutzt. Es war 1321 angelegt und

enthielt ältere Einträge von 1317 an. Dieses Stadtbuch ist seit seiner

Benutzung durch Hoffmann 1813 und Hasche 1817 vollständig verschollen.

Alle Versuche, diese für die Geschichte der sächsischen Städtebücher

höchst wichtige Handschrift aufzufinden, sind bis jetzt gescheitert.

Schon 1589 wird sie von Petrus Albinus als ~oschizense chronicon

manuscriptum~ in seiner Meißnischen Land- und Bergchronica erwähnt. Das

erhaltene zweite Stadtbuch gehört zu den reichhaltigsten sächsischen

Städtebüchern. Es schließt sich unmittelbar an das erste an und reicht

von 1467 bis 1500.

In Oschatz erscheint seit 1300 ein ~Rulico scriptor~, seit 1317

ein ~Albertus scriptor~, es sind die frühesten mit Namen bekannten

Stadtschreiber unsres Landes.

Wechselvoll waren auch die Geschicke der Stadt im Laufe der

Jahrhunderte seit ihrer Entstehung.

Nach Unterwerfung der Daleminzier gründete Heinrich I. an wichtigen

Flußübergängen zur Sicherung seiner Herrschaft Burgen. Der Bezirk

um jede Burg wurde von einem Burggrafen verwaltet. Oschatz war ein

solcher Burgwartbezirk, und nach örtlicher Überlieferung krönte

eine Burg die Anhöhe am rechten Döllnitzufer, wo eine uralte Straße

nach Grimma zu durch eine Furt der Döllnitz führte. Zur Ansiedlung

war das sumpfige Gelände, der hintere Brühl, schon wegen der vielen

Überschwemmungen nicht geeignet. Als später döllnitzabwärts aus

denselben Gründen ein besserer Übergang über die Döllnitz hergestellt

und die Straße verlegt wurde, entstand der Ort ~ozzec~, in dem später

der markgräfliche Vogt wohnte, auf den das Burgwartsrecht überging.

Hier lag die sorbische Siedlung Praschwitz, die im ältesten Stadtbuche

auch Bratitz genannt wird. Der Chronist Hoffmann deutet den Namen als

einen Ort, wo die Daleminzier ihre Götter um Rat fragten, wenn sie

eine wichtige Unternehmung vorhatten. Die Feldflur Praschwitz gehört

heute größtenteils der Kirche, das ganze Stadtgebiet liegt in dieser

Mark. Die Unterstadt wird durch den langgestreckten Altmarkt gebildet,

der wohl der Ausgangspunkt der Besiedlung gewesen ist. Er war bereits

vorhanden, ehe die mehr planmäßige Oberstadt mit dem Neumarkt und den

ihn umgebenden regelmäßigen Straßen erfolgte. So geht Oschatz auf eine

doppelte Anlage zurück, die jedoch eine rechtliche Einheit bildeten und

innerhalb des Mauerrings lagen. Aus der hohen Lage und der ringartigen

Geschlossenheit des Gebietes an der Kirche schließt man auf eine

burgartige Befestigung dieses Teils. Hier liegt außer der Kirche auch

das alte Rathaus, der spätere Schleinitzer Hof, der dann als Siegelhaus

der Tuchmacher diente. Die schweren Tonnengewölbe und mächtigen

Mauern weisen auf das frühe Mittelalter hin. Mit dem Burgwartbezirk

fiel auch der Sprengel des Erzpriesters zusammen, der hier ebenfalls

seine Wohnung hatte. Die Kirche von Oschatz war erst die einzige des

ganzen Sprengels, zu der sich alle Ortschaften hielten, bis für sie

eigene Kapellen oder Pfarrkirchen gestiftet wurden. Der geistliche

Sprengel umfaßte elf deutsche Ortschaften und zweiundzwanzig sorbische

Niederlassungen.

[Illustration: Abb. 3 =Oschatz= Freitreppe am Rathaus Erneuert 1889]

Das Schicksal der Stadt war eng mit dem des angestammten Wettiner

Fürstenhauses verknüpft. Die Bürger trugen Leid und Freud, Not und Tod

mit den Fürsten. Diese aber erwiesen ihnen viele Wohltaten und widmeten

der Stadt ihre besondere Fürsorge. Von Krieg, Teuerung, Pest und Brand,

aber auch von frohen Festen und frommer Sitte weiß die Geschichte zu

berichten.

[Illustration: Abb. 4 =Oschatz= Marktbrunnen Altes Amtshaus]

Die Befestigung mit Mauern, Toren und Türmen verdankt die Stadt Otto

dem Reichen, so daß die Franziskanermönche 1228 von Heinrich dem

Erlauchten die Erlaubnis erhalten konnten »ihr Kloster nahe an die

Stadtmauer zu erbauen«. »Vestung« wird die Stadt zum ersten Male 1312

in einer Urkunde genannt, in der Friedrich der Freidige den Markgrafen

zu Brandenburg zweiunddreißigtausend Mark Silber zu zahlen verspricht

und darum mehrere Orte, darunter auch Oschatz verpfändet. Der Markgraf

war den Brandenburgern bei Großenhain in die Hände gefallen und saß in

Tangermünde als Gefangener. Friedrich der Freidige förderte den Bau der

Kirche durch Verehrung von Reliquien, die Anlaß zu vielen Wallfahrten

gaben, wodurch der Stadt große Einnahmen erwuchsen. König Adolph von

Nassau eroberte sein Land, Oschatz mußte sich dessen Statthalter,

dem Grafen Heinrich von Nassau ergeben. Der geflüchtete Markgraf

tauchte wieder auf, als Adolph gegen Albrecht von Österreich zog. Der

Statthalter fiel mit seiner zahlreichen Begleitung auf dem Ritt

von Döbeln nach Oschatz im großen Forst bei Oschatz dem Waffenbruder

Friedrichs, dem Ritter Ullrich von Maltitz in die Hände. Er mußte sich

durch Auslieferung mehrerer fester Städte lösen, darunter war auch

Oschatz.

Die fortwährenden Geldnöte der Fürsten benutzte die Stadt und brachte

nach und nach gar manche Rechte und Freiheiten an sich.

[Illustration: Abb. 5 =Oschatz= Alter Mauerturm an der Fronfeste]

So verstattete Wilhelm I. den Bürgern von allen Wagen, die durch

Oschatz fuhren, Pflastergeleite und Wagengeld zu nehmen. Er erlaubte

ihnen auch einen Jahrmarkt am St. Ägidiustage und belehnte sie mit

Zöllen. Um der Stadt nach der Zerstörung durch die Hussiten wieder

aufzuhelfen, gestattete ihnen der Kurfürst Friedrich der Sanftmütige,

den Fastenmarkt abzuhalten. Wegen der Erbteilung mit seinem Bruder

Wilhelm kam es zu dem verheerenden Bruderkriege. Die wilden, böhmischen

Söldner Wilhelms hausten in dem emporgeblühten Oschatz übel und

verbrannten hundert Häuser. Doch erholte sich die Stadt schnell

von allem Unglück. Unter Ernst und Albert erhielt sie erblich die

Obergerichte gegen Pacht, und die Verbindung zwischen Amt und Rat wurde

gelöst. Die Stadt übte nun selbst die niedere und obere Gerichtsbarkeit

über Hals und Hand aus. Georg der Bärtige hatte eine besondere Vorliebe

für Oschatz. Die Stadt nannte er seinen Schatz – seine Schatzkammer,

denn sie half ihm oft mit Geldvorschüssen aus. Der Einführung der

Reformation setzte er großen Widerstand entgegen und ließ an den

Kirchtüren den Befehl anschlagen, daß sich niemand zu Luthers Lehre

wende. Die Bürger ließen aber ihre Söhne in Wittenberg studieren, viele

nahmen in den nahen Kirchen des Kurfürstentums das Abendmahl, auch der

Rat hing der neuen Lehre an. Da sagte der Herzog von Oschatz: »Er hätte

diese Stadt allzeit gut katholisch befunden, auch vor seinen Schatz

gehalten. Nun aber Luther sie aufgewiegelt, wäre es ihm leid, daß

soviele Leute mit ihm in die Hölle fahren sollten!« Mehrere Familien

wurden vom Herzog stadt- und landesverwiesen. An diese ist gerichtet:

»~Dr.~ Martin Luthers Trostbrieff an die Christen aus Oschatz, die von

Herzog Georgen des Evangelii willen verjagt worden. d. d. 20. Jan.

1533.« Geistliche und Lehrer ließ der Herzog ins Gefängnis setzen, doch

breitete sich die neue Lehre immer mehr aus. Heinrich der Fromme führte

dann in Oschatz die Reformation durch. Bei Aufhebung des Klosters

erhielt es die Stadt mit der Klosterkirche und vier Mönchshölzern vom

Kurfürsten Moritz gegen eine geringe Kaufsumme. Sein Vogt Jobst Riegel

in Oschatz meldete ihm die Besetzung Wurzens durch den Kurfürsten

Johann Friedrich dem Großmütigen, das beiden Fürsten gemeinsam gehörte.

Da bot sich den Bürgern ein großartiges kriegerisches Bild, denn der

Herzog Moritz musterte zehntausend Mann Fußvolk und fünfhundert Reiter

auf der Viehweide und zog gegen den Kurfürsten, der bei Grimma stand.

Durch Philipp von Hessen kam ein Vergleich zustande. Scherzweise wird

der unblutige Zwist der »Fladenkrieg« genannt, da die Krieger nun zum

Osterfest in Ruhe ihre Osterfladen verzehren konnten.

Im schmalkaldischen Kriege hatte sich die Stadt ohne Not dem Marschall

des Kurfürsten, Heinrich von Schönberg, ergeben, der vor Oschatz

mit dreihundert Reitern erschienen war. Moritz bedrohte deshalb die

Oschatzer mit Leibesstrafen und Schleifung der Stadt, wenn sie ihre

Stadt nicht besser bewahren würden. In einem Schreiben an seine

Städte stellte er das Benehmen der Oschatzer als böses Beispiel

hin. Bei Verlust von Leben und Gut verbot er, sich auf schlichtes

Berennen und Drohen zu ergeben. Die Bürger von Oschatz mußten die

vom Kurfürsten aufgelegte Steuer an Moritz abliefern, obwohl der

Marschall drei Geiseln mitgenommen hatte. Da erschien der Kurprinz

mit seinem Heerhaufen, mit allerlei Sturmgerät und schwerem Geschütz

und belagerte die Stadt. Über fünf Wochen wehrten sich die Bürger

wacker, dann mußten sie sich ergeben. Die Stadt sollte sechstausend

Gulden Brandschatzung zahlen, doch auf Fürbitte des Superintendenten

Buchner, der den Kurprinzen von Torgau her kannte, wurde die Summe auf

die Hälfte ermäßigt und die Geiseln kamen frei, ein Bürger war in der

Gefangenschaft gestorben. Am Hospitaltore wurde eine fünfunddreißig

Pfund schwere Geschützkugel ausgegraben, die wahrscheinlich aus der

Zeit dieser Belagerung stammt.

[Illustration: Abb. 6 =Oschatz= Alte Bürgerhäuser, Breite Straße]

Die Stadt hatte schöne Einnahmen, besonders nach dem ihr Christian

I. das Hauptgeleite verschrieben hatte. Damals stand die Tuch-

und Leineweberei und Bierbrauerei in großer Blüte. In einem Jahre

wurden über viertausend Tuche hergestellt. Es war die fünftgrößte

Stadt im Lande und zählte dreitausendfünfhundert Einwohner. 1616

aber zerstörte ein großer Brand die Stadt mit Kirche und Rathaus,

vierhundertvierundvierzig Häuser lagen in Asche. Der Kurfürst Johann

Georg I. erließ den Bürgern die Steuern und schenkte der Stadt tausend

Gulden und viertausend Stämme zum Bau der Häuser. Bald begann der

verhängnisvolle Dreißigjährige Krieg. Von Schweden und Kaiserlichen

wurde die Stadt gebrandschatzt und ausgeplündert, die Stadtgüter wurden

verwüstet und das Vieh weggetrieben. Von den fünfhundertvierundvierzig

Häusern waren dreihundertsechsundzwanzig zerstört und fünfzig hatten

keine Wirte. Das Elend erreichte den Gipfel, als wiederholt die Pest

ausbrach und zweitausend Personen dahinraffte. So geriet die einst

blühende Stadt gänzlich in Verfall, der Wohlstand war aufs tiefste

erschüttert, ja sie kam durch den Wiederaufbau der städtischen Gebäude

und durch die Kriegslasten in so bedeutende Schulden, daß der Konkurs

ausbrach, trotzdem die Stadtgüter veräußert wurden.

Im Siebenjährigen Kriege wurde die Stadt vollends ausgesogen. Sie

sollte Lieferungen leisten und Kontributionen zahlen, obwohl Handel und

Verkehr stockte. Als sie neuntausend Taler schuldig war, aber nicht

imstande zu zahlen, da büßten der Rat und die wohlhabendsten Bürger

im Arrest, nur ein Strohlager war ihnen gestattet. Endlich machte der

Hubertusburger Friede diesen Sorgen ein Ende.

Der Kurfürst berief einen Landtag, um dem verheerten Lande zu helfen.

Oschatz erhielt die Erlaubnis zu einem Wollmarkte, der den Erwartungen

jedoch nicht entsprach. Auch zwei Bataillone des Infanterie-Regiments

Prinz Max wurden nach Oschatz in Garnison gelegt, die 1790 bei der

Unterdrückung der Bauernunruhen gegen die Gutsherrschaften in der

Oschatzer Gegend tätig waren.

Während der Napoleonischen Kriege hatte Oschatz viel zu leiden

unter dem Druck der französischen Einquartierung, lag es ja an der

Heeresstraße Leipzig–Dresden, auf der gewaltige Truppenmassen hin-

und hermarschierten. So ist es kein Wunder, daß die Bürger verarmten

und die Stadt gänzlich herunterkam. Als 1839 die Leipzig–Dresdner

Eisenbahn eröffnet wurde, legte sie den Fracht- und Postverkehr

vollends lahm. 1842 war für die Stadt das Schreckens- und Trauerjahr.

Ein gewaltiger Brand zerstörte die Stadt gänzlich. Das Unglück erregte

allgemeine Teilnahme. Doch verloren die Bürger den Mut nicht. Bald

blühte neues Leben aus Schutt und Asche empor. Unter großen Opfern (die

den Stolz der Bürger nach solchem Schicksal begreiflich erscheinen

lassen) wurden die herrlichen Türme der Stadtkirche, das Rathaus und

die Bürgerhäuser wieder aufgebaut. Doch lagen die Erwerbsverhältnisse

so sehr danieder, daß im Landtage beantragt wurde, Oschatz aus der

Klasse der Mittelstädte in die der Kleinstädte zu versetzen. Diese

Angelegenheit erregte das größte Aufsehen in ganz Sachsen. Man

glaubte nicht, daß die Stadt durch die Eröffnung der Eisenbahn und

den Brand so gelitten habe. Der Landtagsabgeordnete Sommer forderte

die Regierung auf, für die Stadt einzutreten, außer einem Almosen von

fünfhundert Talern habe sie in ihrer größten Not nichts erhalten. Man

versprach der Stadt eine Garnison, Aufhelfung der Tuchmanufaktur und

das Bezirksgericht. Auf Anregung des Gewerbevereins wurde Oschatz

später wieder in die Reihe der Mittelstädte zurückversetzt. Da in der

Stadt die Bedingungen zur Weiterentwicklung vorhanden waren und die

Versprechungen der Regierung zumeist erfüllt wurden, erholte sich

die Stadt allmählich, doch ist sie in bezug auf Einwohnerzahl und

Gewerbebetrieb von vielen Städten Sachsens überholt worden. Von den

früher so zahlreichen Gerbereien sind nur noch zwei in Betrieb. Die

Bierbrauerei hat ganz aufgehört (ehemals war das Oschatzer Bier auf

der ganzen Hohenstraße rühmlichst bekannt, was schon Petrus Albinus in

seiner Meißnischen Chronik erwähnt). Die einst so blühende Tuchmacherei

ist ganz eingegangen, und die letzte Tuchfabrik wurde im Weltkriege

stillgelegt. Auch die Hauptindustriezweige der Stadt, die Filz- und

Schuhwarenfabrikation, die Wagenfabrikation und die Erzeugung von

Woll-, Häkel- und Filetwaren haben im Weltkrieg stark gelitten. Die Not

der schweren Zeit teilt Oschatz mit allen andren Städten, Wohnungsnot,

Erwerbslosigkeit, riesenhafte Schuldenlast, Aufhören der Bautätigkeit.

Aus der Entwicklung der Stadt sehen wir, wie die Alten mit neuem

Mut und neuen Mitteln tatkräftig zu neuen Fortschritten trotz alles

Unglücks kamen. Die Geschichte der Stadt gibt uns so ein tiefes

Verständnis ihrer Gegenwart und den festen Willen für die Zukunft in

Gemeinsinn und Opferwilligkeit unsern Vorfahren nicht nachzustehen und

das Aufblühen der Stadt mit allen Kräften zu fördern.

Wegen der bequemen Eisenbahnverbindung durch die Hauptlinie

Leipzig–Dresden und seiner gastfreundlichen Bürgerschaft wird Oschatz

von Verbänden und Vereinen gern als Tagungsort gewählt. Auch viele

Fremde besuchen die freundliche, gartenreiche Stadt mit ihren schönen

Schmuckplätzen, die der Verschönerungsverein nebst dem prächtigen

Stadtpark mit tatkräftiger Unterstützung der städtischen Körperschaften

anlegte.

[Illustration: Abb. 7 =Oschatz= Der Kollmberg vom Stadtwald (Butterweg)

aus]

Im Stadtpark wechseln große Rasenplätze, von bunten Blumenbeeten

und schönen Baumgruppen geziert, mit Laub- und Nadelholzwald ab.

Die Sträucher und Wege zeugen von einer sorgfältigen Pflege der

Parkanlagen. Inmitten des Parkes liegt auf einer Anhöhe das Restaurant

»Zum Weinberg« mit schattigem Garten. Von hier aus genießt man einen

prächtigen Blick auf das Döllnitztal und auf die Stadt. In der Ferne

erhebt sich inmitten dunkler Wälder der Kollm, der wegen seiner

umfangreichen Aussicht von nah und fern besucht wird.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 1-2 · 第 3 / 5 段