dessen Turm weit über die höchsten Eichen emporsteigt (Abb. 18). Vor
dieser »alten Ritterburg«, die heute noch gut erhalten ist, steht ein
steinerner Tisch mit der Inschrift: »Thylow von Lindenaw 1242«. In
einer künstlich gemauerten Felswand dient ein gotischer, wie in den
Felsen gehauener Bogen als Eingang zur Burg. Die begleitenden Säulen
haben keinen Fuß, »damit sie durch die Zeit eingesunken erscheinen«.
Der Felsen ist zum Teil verwittert, überwachsen, »wodurch die Täuschung
des Altertums vollendet wird«. Man tritt zuerst in eine Grotte, die
nach gotischer Art ebenfalls in den Felsen gehauen erscheint, mit
altgotischen Bänken als Ruhesitze der Knappen und Wächter der Burg.
Das Gewölbe schließt ein altes Gittertor von einem nur schwach von
oben erleuchteten Gang ab, an dessen Ende ein aus Stein gehauener
betender Ritter steht. Der »schauerliche Eindruck« wurde früher noch
dadurch erhöht, daß beim Eintritt »das eiserne Gittertor von selbst
schnell und mit einem Geprassel aufsprang, so daß die Wände furchtbar
wiederhallten.« Der Turm besitzt drei Stockwerke, im zweiten Stockwerk
liegt der Rittersaal mit dreifach gekuppelten Spitzbogenfenstern mit
schönen Glasmalereien. Der Bau der äußeren Turmmauer wurde nach Lange
1795 beendet. Unsre Abbildungen geben Glasewalds Entwurf (Abb. 19) und
eine alte Zeichnung wieder.
[Illustration: Abb. 19 »=Die Ritterburg=« im Schloßgarten zu Machern
(Nach: Glasewald, »Beschreibung des Gartens zu Machern«)]
Von den erhaltenen Bauwerken ist vor allem noch der Tempel der
Hygiea zu nennen, den Glasewald ebenfalls entworfen und in seinem
Buche dargestellt hat (Abb. 20). Zu beiden Seiten des Tempels stehen
in kleineren Nischen zwei Vasen, »die im Dunkeln durch die darin
angezündeten Lampen ein sanftes Licht verbreiten und dem Ganzen eine
mystische Feierlichkeit geben.«
[Illustration: Abb. 20 =Tempel der Hygiea= im Garten zu Machern
(Nach einem Blatte bei Gasch, Kunstantiquariat Dresden)]
Wir erkennen aus dieser Schilderung, daß auch hier wie im Seifersdorfer
Tal Architektur und Plastik die Grundstimmung der einzelnen Gartenteile
ergeben. Das Pyramidengrab, die Ruine einer alten Ritterburg, ein
Amor, der aus einer Laube, oder eine Nymphe, die aus dunkler Grotte
lauscht, eine Köhlerhütte an abgeschiedenem Platz und anderes bestimmen
den Charakter. Die Architekturen sind hier reifer durchgebildet und
der Stil der Stimmung angepaßt, die sie auslösen sollen. Dazu war
nötig, wie es Glasewald ausspricht, darauf zu achten, daß sie nicht
auf einmal zu überschauen sind. Dies Prinzip geht klar aus dem alten
Grundplan hervor. Der leitende Gedanke ist, den Garten in Einzelteile
zu zerlegen, darauf sind die Gehölzpflanzungen zugeschnitten. So treten
die Bäume zu dichten, für sich abgeschlossene Gruppen zusammen, ganz
ähnlich wie im regelmäßigen Stil, nur sind hier die Wege in krummen
Linien gezogen. Die Zusammensetzung der Gehölzpflanzungen ist eine
durchaus gemischte, künstlerische Ziele sind schwer erkennbar. Die Zeit
hat die Gegensätze, die in den Anpflanzungen gesucht wurden, verwischt,
sicher nur zum Vorteil der Anlage. Mit ihrem schönen alten Baumwuchs,
den großen beherrschenden Teichen, und den die Stimmung alter Zeit am
klarsten überliefernden Bauwerken gehört sie heute zu den schönsten und
kunstgeschichtlich wertvollsten Gärten Sachsens aus dieser Zeit.
Das Bautzener Corvinusdenkmal in Gefahr
Von Museumsdirektor ~Dr.~ _Biehl_
Das Denkmal des Königs Mathias Corvinus von Ungarn am Bautzener
Schloßturm (von 1486), das mit Recht als eine der großartigsten
Schöpfungen spätgotischer Bildnerei in Mitteldeutschland gilt,
ist durch Verwitterung und durch die Folgen mangelhafter
Restaurierungsversuche früherer Zeiten in seinem Bestand schwer
gefährdet. (Abb. 1.)
Da unter dem Druck der gegenwärtigen trostlosen Verhältnisse leider
keine öffentlichen Mittel für seine Wiederherstellung aufgewendet
werden können, obwohl die zuständigen Behörden regstes Interesse dafür
an den Tag gelegt haben, so sei der Versuch gestattet, im Leserkreise
der Heimatschutz-Mitteilungen für eine _Hilfsaktion von privater Seite_
zu werben. Vielleicht ist die Hoffnung nicht zu kühn, daß dem bedrohten
Kunstwerke durch das tatkräftige Eingreifen sächsischer Kunstfreunde
Hilfe gebracht werden kann. Ich halte es deshalb für nützlich, an
dieser Stelle etwas näher auf den jetzigen Zustand des Denkmals
einzugehen und einige Vorschläge zu seiner dringend wünschenswerten
Instandsetzung zu machen.
Schon eine flüchtige Betrachtung vom Erdboden aus läßt erkennen, daß
das Denkmal vielerlei Schäden aufweist. Eine eingehende Untersuchung
aus nächster Nähe ergibt, daß das ursprüngliche Sandsteinmaterial an
zahlreichen Stellen (insbesondere an Traufstellen) stark zermürbt
ist. Die schlimmsten Schäden befinden sich an der rechten Hand und
im Haar des Corvinus, an der linken Hand des rechten Engels und an
verschiedenen Gewandfalten sämtlicher drei Figuren. Die szeptertragende
Faust des Königs ist derart krank, daß leiseste Berührung genügt, um
Sandsteinteilchen zum Abbröckeln zu bringen. Die linke Hand des rechten
Engels ist durch einen tiefen Sprung bereits teilweise vom Handgelenk
getrennt. Es steht zu befürchten, daß schon eine der nächsten Frost-
und Tauperioden sie zum Herabfallen bringen wird. Sodann sind die
Simse über der Thronnische schwer mitgenommen. Die rechte Ecke des
Hauptgesimses über den Säulenkapitellen löst sich in allmählich
herabrieselnde Sandkörnchen auf.
Die Ergänzungen, die zu Restaurierungszwecken 1895 gelegentlich
der ungarischen Millenniumsfeier aus Draht und Zement am Denkmal
vorgenommen wurden, haben sich als _nicht_ haltbar erwiesen.
Insbesondere ist das damals ergänzte Szepter des Corvinus wieder
auseinander gesprungen, es wird nur noch durch den im Innern
befindlichen Draht notdürftig in seiner Lage gehalten. Der Draht
liegt stellenweise offen zu Tage und ist stark von Rost zerfressen.
Den gleichen Verfall zeigen die Ausbesserungen am Rankenwerk der
Gesimskehlen über und unter der Nische und am Kapitell des rechten
Nischensäulchens. Kleinere Zementergänzungen, z. B. an Nase und Kinn
des Königs, beginnen sich wieder loszulösen. Außerdem ist anzunehmen,
daß sich unter der Ölfarbenhaut, welche das ganze Denkmal überzieht
und die Feinheiten der Oberflächenbehandlung völlig verdeckt,
noch weitere Schäden verbergen. Ohne Zweifel bedarf das Denkmal
_baldigster gründlicher_ Restaurierung. Möglicherweise können schon
die Einwirkungen des letzten strengen Winters kaum wieder gut gemacht
werden. (Abb. 2 und 3.)
Zunächst scheint es mir geboten, den schädlichen und störenden
Ölfarbenanstrich zu entfernen. Das kostbare Werk wird erst dann zu
seiner vollen Wirkung gelangen. Natürlich dürfte das Denkmal nicht ohne
weiteres im ganzen abgelaugt werden, da bei einem derartigen Vorgehen
erfahrungsgemäß auch etwaige noch vorhandene Spuren der ursprünglichen
farbigen Fassung vertilgt werden.
[Illustration:
Phot. Meister, Bautzen
Abb. 1
=Denkmal des Königs Mathias Corvinus von Ungarn am Schloßturm in
Bautzen=
Sandstein, zirka 9 ~m~ hoch, 4 ~m~ breit]
Daß das Denkmal ehemals polychrom behandelt war, daran ist kaum zu
zweifeln. Um aber Art und Umfang der Originalbemalung festzustellen,
dürfte sich zunächst einmal der _Versuch_ nötig machen, die
Ölfarbenhaut auf _trockenem Wege_ – durch Abklopfen, Abschaben und
Abziehen – wenigstens _stellenweise_ zu entfernen. Sollten sich durch
glückliche Umstände größere Reste der alten Polychromie erhalten haben,
so würde es sich empfehlen, nur die vorhandenen Farben aufzufrischen,
unter Umständen stellenweise zu übergehen und einige Retouchen und
Tönungen vorzunehmen. Jedenfalls sollte dann nicht ohne weiteres
ein völlig neuer, naturalistischer Farbenüberzug über das Denkmal
gelegt werden. In dieser Hinsicht hat man schlimme Erfahrungen bei
der Restaurierung der berühmten Naumburger Stifterfiguren und der
»Paradies-Skulpturen« am Freiburger Münster gemacht. Beide Werke sind
nach sachverständigem Urteil infolge zu starker moderner Bemalung _für
den künstlerischen Genuß heute so gut wie verloren_ (vergleiche Max
Sauerlandt, Deutsche Plastik des Mittelalters, K. R. Langewiesche,
Düsseldorf und Leipzig 1911, Seite 11).
[Illustration:
Phot. Kaubisch, Bautzen
Abb. 2
=Thronnische des Corvinusdenkmals in Bautzen=]
Als Beispiel besonders _gut gelungener Wiederherstellung_ einer
ehemals polychromen gotischen Skulptur, die auch durch einen
monotonen Ölfarbenanstrich entstellt worden war, möchte ich die
kürzlich vollendete Freilegung der vielgenannten »Nürnberger Madonna«
im Germanischen Nationalmuseum anführen. Man begnügte sich dabei
mit Recht, die alte Fassung so gut wie möglich unter den späteren
Ölfarbenschichten hervorzuholen, ohne die in der Fassung vorhandenen
Schäden durch Neubemalung ganz zu verdecken. Allerdings ist zuzugeben,
daß die Aufgabe bei der Nürnberger Statue eine ungleich leichtere
war, da es sich dort um Holz als Material und nicht um zerbröckelnden
Sandstein, wie beim Corvinusdenkmal, handelt. Immerhin dürfte es
sich lohnen, das Nürnberger Beispiel fruchtbringend zu verwerten.
(Vergleiche Bericht von E. H. Zimmermann im Anzeiger des Germanischen
Nationalmuseums 1921, Seite 3 bis 7 mit Abbildungen).
Weiterhin muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß am
Corvinusdenkmal unter dem Ölfarbenanstrich _überhaupt keine Spuren_
der alten farbigen Fassung mehr vorhanden sind und daß der Sandstein
bereits von innen heraus so weit verwittert ist, daß er nach Abnahme
der deckenden Ölfarbenhaut völlig zerfällt. Bei verschiedenen
Skulpturen des Dresdner Zwingers war dies leider der Fall. Unter
diesen Umständen würde es sich fragen, ob man mit der Abnahme des
Ölfarbenanstriches weitergeht. Dies dürfte meiner Ansicht nach nur
dann geschehen, wenn man auf Grund der neuesten Erfahrungen im
Restaurierungswesen mit Sicherheit imstande wäre, den kranken Stein
durch Imprägnieren mit einem Steinerhaltungsmittel neue Festigkeit und
Kohärenz zu verleihen.
Jedenfalls wäre es sehr zu bedauern, wenn man nach Entfernung des
Ölfarbenanstrichs genötigt wäre, _integrierende_ Bestandteile der
Figuren durch sogenannte Führungen, das heißt durch so gut wie
möglich nachgearbeitete und eingepaßte Sandsteinstücke zu ergänzen.
Man muß sich darüber klar sein, daß dann schließlich nur noch eine
_moderne Kopie_ an Stelle des unwiederbringlich verlorenen Originals
treten würde. Dieser Gedanke ist unerträglich bei der Bedeutung,
die dem Corvinusdenkmal als einer der seltenen spätgotischen
Monumentalskulpturen _mit notorischer Porträtähnlichkeit_ zukommt.
Es sei in diesem Zusammenhang an die urkundlich beglaubigte Tatsache
erinnert, daß das Modell der Statue _dreimal_ nach Budapest geschickt
werden mußte, um dem König Gelegenheit zu geben, die Ähnlichkeit
nachprüfen und verstärken zu lassen. (Vergleiche _Manlius_ in Hoffmanns
~scriptores rerum lusaticarum, 1719, lib. VI, cap. 115 pag. 394~.)
Sollte es _nicht_ möglich sein, die Figuren des Denkmals im originalen
Zustand an der jetzigen Stelle zu erhalten, so wäre es wohl das
Richtigste, sie in das Bautzener Museum zu überführen und am Schloßturm
wetterbeständige, getreue Kopien anzubringen.
Die baldige Herstellung von _Gips_- oder _Kunststeinabgüssen_ nach den
Figuren des Corvinusdenkmals erscheint auf alle Fälle als eine der
vordringlichsten Aufgaben Bautzener Denkmalpflege. Noch wünschenswerter
wäre natürlich die Anfertigung guter _Kopien_ in hartem (etwa Postaer)
Sandstein durch einen zu dieser Arbeit geschickten Bildhauer.
Bei einer Restaurierung des Denkmals möchten sodann der vollen
künstlerischen Wirkung halber die heute leeren Rahmenfelder zu beiden
Seiten der Thronnische wieder entsprechend gefüllt werden. Aus alten
Abbildungen wissen wir, daß sich auf diesen Flächen ehemals _plastische
Wappen_ der von König Mathias beherrschten Länder befanden. Als Quelle
hierfür kommen in erster Linie die »Lausitzischen Merkwürdigkeiten«
Samuel Großers vom Jahre 1714 in Betracht. Großer bringt nach Seite 152
(des ersten Teiles) einen Kupferstich, der zur Rechten des Königs drei
und zu seiner Linken vier übereinandergereihte, in gotischen Ranken
aufgehängte Wappen zeigt. Die Beschreibung dazu lautet: »Um und um sind
die Wapen der Königreiche Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Böhmen, wie auch
der Hertzogthümer Österreich, Schlesien, Steyer, Mähren, Lausitz.«
[Illustration:
Phot. Kaubisch, Bautzen
Abb. 3
=Oberteil der Figuren am Corvinusdenkmal in Bautzen=]
Johann Benedikt Carpzow (Ehrentempel der Oberlausitz, 1719, Seite
244/45) bestätigt die Angaben Großers unter Berufung auf eine
Beschreibung Benjamin Leubers (~Descriptio arcis Ortenburg cap. VII
pag. 76~) und fügt noch hinzu, daß sämtliche Wappen »_aus guten Stein_«
gehauen seien.
Unter Zugrundelegung des Großerschen Stiches gibt Fritz Rauda in seinen
Untersuchungen über »die mittelalterliche Baukunst Bautzens« (Görlitz,
1905) eine Rekonstruktion des Denkmals.
Auch Cornelius Gurlitt greift in seiner beschreibenden Darstellung der
älteren Bau- und Kunstdenkmäler Sachsens (33. Heft: Bautzen, 1909) auf
Großer zurück, irrt aber offenbar, wenn er auf Seite 186 angibt, daß
sich im Giebelfelde die Wappen des Königreichs Ungarn und ein solches
mit dem Reichsadler (~sic!~) befinden, und daß die schmäleren Felder
seitlich vom Mittelteil die Wappen der übrigen Provinzen des Reiches
(Kroatien, Dalmatien, Österreich, Schlesien, Steiermark, Mähren und
Lausitz) enthalten hätten.
Die beiden _heute noch vorhandenen_ Wappen unter der Stephanskrone im
Giebelfeld sind als die Wappen von Ungarn, Dalmatien, Böhmen und Mähren
anzusprechen.
Ungarn: vier Streifen,
Dalmatien: drei Leopardenköpfe,
Böhmen: aufgerichteter, gekrönter, doppelschwänziger Löwe
(nach rechts),
Mähren: geschachter, gekrönter Adler.
Die _seitlich der Thronnische aufgehängten_ Wappen trugen nach dem
Großerschen Kupferstich folgende Bilder:
Zur Rechten des Königs,
oben: zwei Kronen (vermutlich Galizien),
in der Mitte: Rabe mit Ring im Schnabel (persönliches Wappen des
Mathias Corvinus),
unten: aufgerichteter, nach links gewendeter Löwe (Deutung ungewiß;
vermutlich Luxemburg),
Zur Linken des Königs,
oben: Drache (Steiermark),
darunter: Querbalken (vermutlich Österreich),
dann: Adler (vermutlich Schlesien),
unten: nach rechts gewendeter Ochse (Lausitz).
Daß die Wappendarstellungen des Großerschen Kupferstiches im einzelnen
genau sind, kann mit Fug bezweifelt werden, da auch die noch
_erhaltenen Teile_ des Denkmals bei ihm willkürlich abgeändert und in
die Formensprache des Barock übersetzt erscheinen.
Im besonderen erregt die asymmetrische Verteilung der seitlichen
Wappen durch den Kupferstecher Bedenken, zumal da das oberste
Wappen zur Linken des Königs _unorganisch_ in das Gesims des
Seitenfeldes einschneidet. Es ist zu beachten, daß diese Anomalie
auf dem (allerdings ziemlich undeutlichen) kleinen _Holzschnitt_ der
Manlius-Ausgabe von 1719 vermieden wurde. Im Text erwähnt Manlius
übrigens _zehn_ Wappen statt _neun_.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird für den ursprünglichen Entwurf
des Denkmals und zumal für die Anordnung der Wappenschilde das große
_Staatssiegel_ des Königs maßgebend gewesen sein, welches Wilhelm
Fraknói in seinem Buch über Mathias Corvinus, Freiburg 1891, auf Seite
59 abbildet. Dort wird die Mittelnische mit dem thronenden König von
schmäleren Feldern mit je drei übereinander aufgehängten Länderwappen
flankiert.
Die Verwendung von Siegeln als Vorbilder für Werke der Großplastik
ist nichts Ungewöhnliches. Ich erinnere an das Denkmal Ludwigs des
Bayern im Nürnberger Ratssaal, das nachweisbar auf das Siegel eines
Handelsprivilegs vom Jahre 1332 zurückgeht. (Vgl. Mummenhof, Das
Rathaus in Nürnberg, 1891, S. 35.)
Daneben kommt für die Feststellung der in Bautzen fehlenden
Wappenschilde auch noch das große Sandsteinwappen des Mathias vom Jahre
1488 über der Freitreppe des Rathauses zu Görlitz in Betracht, wo oben
im gevierten Hauptschild die Wappen von Ungarn, Böhmen, der Lausitz
und von Mähren und an der Unterseite des Tragbalkens nochmals auf
kleineren Einzelschilden die Wappen von Ungarn, Galizien, Österreich
und Schlesien erscheinen. (Vgl. Lutsch, Schlesische Kunstdenkmäler
1903, Spalte 105/06 des Textbandes.)
Für eine zeitgemäße Wiederherstellung der verstümmelten Krabben und der
schwer beschädigten Kreuzblume am Giebel des Bautzener Denkmals wäre
auch die stilverwandte prachtvolle Tür mit dem Wappen des Corvinus im
Obergeschoß des Breslauer Rathauses zum Vergleich heranzuziehen. (Abb.
bei Lutsch a. a. O. Tafel 50.)
Betont muß werden, daß die Ergänzung der _fehlenden_ Teile nicht in
sklavischer Nachahmung alter Formen, sondern in einer Ausdrucksweise
erfolgen möchte, die modernem Kunstempfinden entspricht. In der
Formensprache der Gotik kann sich ein heutiger Künstler kaum noch
überzeugend ausdrücken. Die Gefahr, in öde Manier zu verfallen, ist
dabei schwer zu vermeiden. Es dürfte genügen, wenn Altes und Neues
harmonisch aufeinander abgestimmt wird, ohne daß das _Neue_ versuchte,
alt zu erscheinen.
Zum Schluß sei nochmals der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese
Zeilen dazu beitragen möchten, dem bedrohten Denkmal opferwillige
Helfer erstehen zu lassen. Der Untergang des seltenen spätgotischen
Monumentalwerkes – das vermutlich auf den Breslauer Bildschnitzer und
Maler _Hans Olmützer_ (tätig um 1483 bis 1518) zurückgeht – würde
für Bautzen und die ganze Lausitz einen völlig unersetzlichen Verlust
bedeuten.
[Illustration]
[Illustration: =Blick auf Oschatz von Osten=]
Oschatz
Kulturgeschichtliches Städtebild von _G. Vödisch_
Aufnahmen von Georg Marschner, Dresden und Hermann Kočzyk, Oschatz
Als Wahrzeichen des sächsischen Tief- und Hügellandes zwischen Elbe
und Mulde gilt der Kollm, und jeder Oschatzer fügt mit Stolz hinzu:
und die weithin sichtbaren gotischen Türme der St. Ägidienkirche. Wer
sie sah, wird sich ihrer gefreut haben und der schmucken, freundlichen
Stadt, die sie hoch überragen. Man sieht der Stadt mit ihren breiten,
regelmäßigen Hauptstraßen ihr ehrwürdiges Alter nicht an, und doch
sind über tausend Jahre verflossen, seit sie entstanden ist. Trotz der
Anlage neuer Zugänge und mancherlei Umbauten hat sich aber die innere
Stadt ein altertümliches Gepräge bewahrt und birgt viele Kunstdenkmäler
der Gotik und Renaissance. Reste der alten Stadtmauer, des Stadtgrabens
und zweier mächtigen Türme im Zwinger aus den Jahren 1377 und 1479,
sowie der zu prächtigen Promenaden mit breiten Gängen von Linden und
Kastanien umgewandelte Wallgraben erinnern daran, daß Oschatz ehemals
wohlbefestigt war.
Das schöne, eigenartige Städtebild, das sich dem Beschauer vom Neumarkt
aus bietet, wird allgemein gerühmt. Der alte Brunnen ist 1589 vom
Steinmetz Gregor Richter aus Leipzig nach dem Vorbild des goldnen
Brunnens daselbst gebaut worden. Die krönende Brunnenfigur, ein Löwe,
hält einen Schild mit dem Stadtwappen in der Tatze. Das Rathaus,
durch den Brand von 1842 teilweise zerstört, wurde nach dem Plane des
großen Baumeisters Semper wieder aufgebaut und hebt sich mit seinem
Renaissancegiebel scharf vom blauen Himmel ab. Hinter der von Linden
beschatteten ehemaligen Hauptwache der Ulanen erheben sich die zwei
mächtigen Türme der Stadtkirche.
[Illustration: Abb. 1 =Oschatz=, Markt mit Rathaus und St.
Ägidienkirche, sowie Marktbrunnen]
Der Stolz der Bürger des Mittelalters war ja neben einer hohen Kirche
ein prächtiges Rat- oder Kaufhaus. Dieses Rathaus am Markte wurde 1537
bis 1546 erbaut. Den Neubau unterstützte Herzog Georg der Bärtige
sehr wesentlich; darum finden sich an der prächtigen Freitreppe die
Rundbilder dieses Fürsten und seiner Gemahlin Barbara nebst allen
Wappen seiner Länder. Darunter ist auch das polnische Wappen, seine
Gemahlin war eine Tochter des Polenkönigs Kasimir IV. An die
Glanzzeit der Stadt Oschatz erinnert auch die Ratsstube. Die Lage
der Stadt an einer uralten, belebten Heer- und Stapelstraße, der
Hohenstraße, begünstigte eine rasche, wirtschaftliche Entwicklung und
rief ein gewisses Kulturbedürfnis hervor, das sich auch in der schönen
Ausgestaltung der Innenräume zeigte. Die Ratsstube wurde jedenfalls bei
dem großen Brande 1616, der die Stadt bis auf fünfundzwanzig Häuser
zerstörte, stark beschädigt. Die Jahreszahl 1619 an der Vertäfelung
weist auf eine Erneuerung hin. Der stimmungsvolle Raum zeigt reichen
Ornamentschmuck; die geschnitzten Deckbalken sind bunt bemalt und
vergoldet. Kunstvolle, durchbrochene Tür- und Schrankbeschläge auf
roter Unterlage zeigen die Freude am farbigen Schimmer. Ihrem Stile
nach gehört die Stube in die Zeit der Hochrenaissance. Die elliptisch
geschlungenen Schneckenornamente über der mit dem Stadtwappen gezierten
Eingangstür zeigen schon den Übergang zum Barockstil. Die Stadt führt
als Wappen den schwarzen meißnischen Löwen auf goldnem Schild mit drei
roten Sternen. Die Markgrafen von Meißen trugen Oschatz zunächst als
Lehen vom Stifte Naumburg, weshalb die Sterne beigefügt sind. 1884
bis 1885 wurde die Stube unter Steches Leitung stilgerecht erneuert.
»Die Ratssessionsstube ist von um so höherem künstlerischen Wert, als
nur wenige derartige altehrwürdige Räume in unsrem Vaterland erhalten
sind.« Eine Tür führt in das feuerfeste Ratsarchiv, wo neben anderen
seltenen Urkunden und Briefen von Luther, Melanchthon, Spalatin, Justus
Jonas auch eine Handschrift auf Pergament in Großfolio in gotischen
Buchstaben vom ältesten und berühmtesten deutschen Rechtsbuche, dem
Sachsenspiegel, aufbewahrt wird. Die Handschrift stammt aus dem Jahre
1382.
Im Torbogen des Rathauses hängen die Brüderköpfe. Sie befanden sich
früher am Stadthof, dem Marstall, in der Brüderstraße. Man hielt sie
fälschlich für die Köpfe von Friedrich dem Freidigen und Diezmann. Im
Laufe der Zeit wurden sie zum Wahrzeichen der Stadt erhoben. Der Rat
der Stadt übte die Gerichtsbarkeit aus. Davon zeugt ein Stein, der sich
über der Tür des unterirdischen Gefängnisses im Rathause befand und
auch im Schwibbogen angebracht ist. Das Gefängnis nannte man nach einer
Inschrift dieses Steines »den schwarzen Sack«. Die Inschrift, eine
Stelle aus der Vulgata, lautet:
~ESAIE 50 · PONAM · SACCV̅ · OPERIMENTV̅ · EORVM · 1538~
= Jesaias 50. Ich (kleide den Himmel mit Dunkel und) mache seine Decke
als einen Sack. Gegenüber hängen die steinernen Flaschen. Sie stammen
aus dem Jahre 1526 und wurden am Pranger zänkischen Weibern zur Strafe
an den Hals gehangen. In den rechts vom Eingange liegenden Korbpranger,
auch Narrenhäuschen genannt, wurden Feld- und Gartendiebe gesteckt.
Dieses käfigartige Gefängnis wurde 1532 angelegt. Am Eingange links
steht der Prangerstein mit dem Halseisen. Von Gebäuden am Neumarkte
ist noch das Gasthaus zum Stern historisch merkwürdig. Hier kehrte
Dienstag nach ~Miseric. Dom.~ im Jahre 1548 Philippus Melanchthon
ein. Das Eckhaus an der Hospitalstraße trägt noch die Inschrift »Zum
Großen Christoph«, nach einem Bilde, das früher das Haus zierte und
darstellte, wie Christophorus das Christkind durch den Fluß trägt.
Das alte Amthaus, erkenntlich an dem zierlichen Giebel, wurde vom
Kurfürsten Johann Georg I. nach dem Brande von 1616 erbaut.
Das Gasthaus zum Schwan, wohl eins der ältesten Gebäude mit gewaltigen
Mauern und Türen mit Spitzbogen, war früher das Absteigequartier
der Landesherrschaft, als noch die Poststraße durch Oschatz führte.
An einem Eckstein steht die Jahreszahl 1591. Am Altmarkte blieb bei
dem großen Brande von 1616 das Gasthaus zum weißen Roß als erstes
von fünfundzwanzig Häusern stehen. In einem Unterziehbalken der
altertümlichen Gaststube ist die Jahreszahl 1564 eingeschnitten. Am
19. April 1813 stieg im Gasthaus zum Löwen Goethe auf seiner Reise von
Leipzig nach Teplitz ab. In der Zeit zwischen dem Mittagessen und der
Weiterreise um drei Uhr dichtete er die Parodie: »Gewohnt, getan!« Sie
beginnt: »Ich habe geliebt, nun lieb’ ich erst recht!«