FOOTNOTES:

[F] Das westliche Ufer dieser Inseln wird stets das Leeufer genannt,

da der Wind, mit nur seltenen Ausnahmen, immer von Osten kommt.

[G] Missionair Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von dem

würdigen ~»Matriarchen« Kaahumanu~, der Gattin Kamehamea des Ersten --

eine Frau von beinah dreihundert Pfund Gewicht.

Capitel 6.

#Ein Ball in Papetee.#

Es läßt sich denken, in welche Aufregung die kleine Colonie durch die

erst beschriebenen Vorfälle gebracht wurde, denn während die

Insulaner, viel zu sehr dem Frieden geneigt, bei weitem in der

Majorität den Engländern zuhielten, und eine neue Religion wie ein

neues Regiment schon deshalb fürchteten, als es wieder auf's Neue eine

Umwälzung in ihren kaum regulirten Sitten und Gebräuchen hervorrufen

mußte, bestand der größte Theil der in Papetee selber angesiedelten

Fremden aus Franzosen, und deren heißes Blut revoltirte in Feuer und

Flamme gegen einen Zwang, der ihnen plötzlich aufgelegt werden sollte,

und um so drückender war, da sie die Hoffnung nicht einen Augenblick

aufgaben, durch das nächst einkommende Kriegsschiff -- und die von den

Insulanern so gefürchtete ~Reine blanche~ kreuzte in diesen Gewässern

-- das ganze, durch die Missionaire jetzt nur künstlich aufgebaute

System wieder umgeworfen zu sehen.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß während dieser Zeit der von

~Du Petit Thouars~ allerdings nicht ganz auf rechtlichem Wege

hergestellte und von den Häuptlingen gezeichnete Vertrag, zu dessen

Unterschrift man selbst Pomare zwang, nicht allein nicht mehr

beachtet, sondern vollständig anullirt wurde. Frei und offen predigten

die Protestanten gegen das Pabstthum und die beabsichtigte Occupation

der Franzosen, und die Römischen Priester, die ihre Kapelle auf einem

kleinen reizenden Hügel in Mativaibai errichtet hatten, konnten sich

in dieser Zeit nur auf einen sehr kleinen Kreis ihnen ergebener oder

doch wenigstens nicht feindlich gesinnter Insulaner verlassen. Im

Allgemeinen fürchteten die Indianer den Platz, der in seinen

Ceremonieen etwas Geheimnißvolles für sie hatte, und ihnen von ihren

Geistlichen in solchen Farben geschildert war, daß sie sich scheuten

ihn nach Dunkelwerden zu passiren. Ja sie würden ihn zerstört und jene

Priester wieder gewaltsam von dort vertrieben haben, hätten nicht Mr.

Nelson vorzüglich wie auch die Brüder Smith, Brower und Mc. Kean ihr

Möglichstes gethan sie von einem so unüberlegten und bösen Schritt

zurückzuhalten, zu dem sie der Feuereifer des frommen Dennis, wie der

unersättliche Ehrgeiz Rowes unaufhaltsam trieben.

Der Französische Theil der Bewohner hielt sich indessen vollkommen

ruhig, und wenn auch Consul Mörenhout, in dem Gefühl seiner

beleidigten Würde, im Anfang René antreiben wollte der

Gewaltthätigkeit wegen Klage auf Schadenersatz einzureichen, die er,

bei Vertheidigung der Französischen Flagge gelitten, weigerte sich

dieser auf das Bestimmteste dagegen.

»Ich bin von den Indianern freundlich aufgenommen,« sagte er, »und

wäre der Letzte einer einfachen Schlägerei wegen, bei der ich eben so

viel, vielleicht mehr, ausgetheilt habe als bekommen, neuen Grund zu

Streitigkeiten und Ursache zu späteren Forderungen meiner Landsleute

zu geben. Ich hätte gescheuter sein sollen als mich in Sachen zu

mengen die mich Nichts angehen.«

Die Franzosen in Papetee waren damit nicht ganz einverstanden -- sie

wollten vor allen Dingen wieder neue Haltpunkte für unter Englischem

Einfluß ausgeübten Uebergriffe, und auch die Eingeborenen schienen

mißtrauisch gegen den Fremden geworden zu sein, den sie, als den

Gatten einer ihrer eingeborenen Mädchen, und in dem früheren Hause

des alten Mr. Osborne wohnend, schon gewissermaßen als einen der

ihrigen, gar nicht mehr als einen Wi-Wi betrachtet hatten, und der

doch jetzt feindlich und gewaltthätig gegen sie aufgetreten war. Das

so sehr freundliche Verhältniß, in dem er bis dahin mit ihnen

gestanden, schien jedenfalls gelockert, wenn auch nicht ganz gelöst.

René hatte aber viel zu guten und leichten Muth, sich etwas derartiges

groß zu Herzen zu nehmen; wie er auf der einen Seite fest gegen seine

Landsleute blieb, und sich auf der anderen nichts Böses gegen die

Insulaner bewußt war, verkehrte er nach wie vor mit beiden Theilen,

und wußte sie beide wieder für sich zu gewinnen. Solche kleine

Neckereien und Mißverständnisse dienten aber keineswegs dazu, ihn

manches Andere was ihm störend in den Weg trat, übersehen zu lassen,

und nur die Heimath, seine Sadie, sein kleines herziges Mädchen

konnten ihm manchmal ganz jenen frohen fast wilden Uebermuth

wiedergeben, mit dem er sich einem drückenden Verhältniß damals

entzogen, und einem neuen Leben förmlich in die Arme geworfen hatte.

Nichts destoweniger blieb das gesellschaftliche Leben der Inseln unter

den verschiedenen und so wenigen Franzosen, ein höchst

freundschaftliches; eigene Interessen, ja eigene Gefahr verband die

Leute auch schon fester mit einander, als es irgend etwas anderes im

Stande gewesen wäre zu thun, und das leichte französische Blut schwamm

überhaupt oben auf.

Besonders viel trug hierzu die Belardsche Familie bei, die sich

wirklich unendliche und anerkennenswerthe Mühe gab in Papetee einen

freundschaftlichen Ton zu erhalten, ja eigentlich erst zu schaffen, wo

schon die Mischung der verschiedenen Racen etwas derartiges unendlich

schwierig machte. Die Europäer hatten meistens all ihre alten

Gewohnheiten, aber auch ihre Vorurtheile herübergebracht in eine ganz

neue Welt, in die weder die einen, noch die anderen passen wollten,

und konnten nur durch unermüdliche Ausdauer Einzelner, die sich der

letzteren wenigstens entledigt hatten, dazu gebracht werden sich

gemeinschaftlich zu amüsiren -- man wollte weiter Nichts von ihnen.

Ein wirkliches Hinderniß aber für größere Gesellschaften blieb der

Mangel an Europäischen oder vielmehr weißen Damen, von denen sich nur

sehr wenige auf der Insel befanden, und zu einem wirklich

gesellschaftlichen Leben doch unumgänglich nöthig, ja unentbehrlich

waren. Mit den eingeborenen und mit Europäern fast durchschnittlich

nur »oberflächlich getrauten« Frauen konnte man auch in solcher Art

nicht gut verkehren; die Indianerinnen waren hübsch und lebendig, auch

gutmüthig und liebenswürdig, paßten aber nirgends weniger hin als in

Gesellschaft gebildeter _Frauen_, während mit der Protestantischen

Bevölkerung, die in dieser Hinsicht fast nur aus den Familien der

Missionaire bestand, ein näherer Verkehr ganz außer Frage blieb.

Selbst den feindlichen Stand abgerechnet, den diese beiden Theile der

Gesellschaft gegenwärtig einnahmen, hätten sie sich nie in dieser

Beziehung vereinigen können, da die strengen orthodoxen Geistlichen

jede Art von Spiel und Tanz schon als eine Sünde des Fleisches gegen

den Geist ansahen, nur in ihrer zurückgezogen ernst gehaltenen

Lebensart den Pfad zum Himmel zu finden glaubten, und von den, darin

viel zuversichtlicheren Franzosen häufig verspottet, aber gewiß nie

aufgesucht wurden.

Nun lag diesen aber auch daran den Eingeborenen sowohl, wie vorzüglich

den Missionairen zu beweisen, daß sie keineswegs durch die im

Englischen Interesse geschehenen Schritte eingeschüchtert, sondern im

Gegentheil noch voll frischen Muthes wären, und noch mochten kaum

vierzehn Tage nach den vorherbeschriebenen Vorfällen vergangen sein,

als Mrs. Belard, von ihren Landsleuten dabei unterstützt, fest darauf

bestand, allen politischen wie gesellschaftlichen Hindernissen zum

Trotz, einen _Ball_ zu geben, und allerdings blieb ihr dabei Nichts

übrig, als sich über das, wogegen sie sich lange gesträubt,

wegzusetzen und eingeborene Frauen, von denen man sich ja die

geachtetsten aussuchen konnte, wirklich mit dazu zu ziehen; wenn auch

der Ball dadurch einen etwas wilden Charakter bekam.

Aber die Missionaire traten ihnen selbst hierbei störend in den Weg,

denn diese hatten zu großen Einfluß auf den wirklich anständigen Theil

der weiblichen Bevölkerung Tahitis, auf die Frauen und Töchter der

ersten Häuptlinge, denen der Tanz als etwas rein sündliches, von ihren

finsteren Lehrern streng verboten und mit strengeren Strafen, wo sie

im Stande waren die in Kraft treten zu lassen, belegt war. Selbst

Sadie fürchtete nicht allein den Unwillen der Geistlichen zu erregen,

sondern ihr religiöser Sinn, vielleicht mit einer Art Scheu vor den

fremden Menschen verbunden, hielt sie zurück selbst von dem Gedanken

an solche Vergnügungen.

René wollte sich aber daran nicht binden, doch erst als Sadie sah und

fühlte, daß sie ihm mit einer längeren Weigerung weh thun, ja

vielleicht auch Unfrieden im Hause anstiften würde, fügte sie sich

endlich seinem Wunsch; aber das Herz schlug ihr dabei, als sie ihm

ihre Einwilligung gab, und es war, als ob sie eine unrechte Handlung

begehen solle. Aengstlich suchte sie dabei nach Entschuldigungen für

ihre Zusage, und ihr gutes Herz ließ sie deren bald genug finden. René

war ja doch nun einmal Europäer und er mußte gewiß gern bei seinen

Landsleuten sein -- wußte Sadie doch selber wie glücklich es sie

machte, manchmal einen Bewohner von Atiu bei sich zu sehen, und das

lag doch nur solch kleine kleine Strecke von Tahiti entfernt, und die

Feranis wohnten so entsetzlich weit, sollte sie da die Ursache sein,

die ihn zurückhielt?

Bei Brouards war sie deshalb auch schon, und bei Belards einmal mit

René gewesen; nur noch nicht bei Mrs. Noughton, der Amerikanerin,

deren kalt abstoßendes Benehmen ihrem ganzen Wesen weh that; auch René

fühlte kein Bedürfniß die Leute aufzusuchen, wenn ihn nicht gerade

eine Geschäftssache in ihr Haus führte.

Trotz allen ihnen in den Weg gelegten Hindernissen wußten Belards

jedoch jede Schwierigkeit zu überwinden -- die Franzosen wollten

tanzen, und es bedurfte stärkerer Sachen als der Predigt eines

Missionairs, sie daran zu verhindern. Mr. Belard gab deshalb einen

Ball, und alle Franzosen Papetees wie die Officiere der noch im Hafen

liegenden ~Jeanne d'Arc~ waren eingeladen.

Sadie fürchtete sich vor dem Abend, sie wußte selbst nicht warum,

aber sie durfte sich nicht weigern zu gehen, denn erstlich hatte

selbst Mr. Nelson seine Einwilligung gegeben, daß sie wenigstens Theil

an der Gesellschaft nehmen dürfe, und dann war sogar Lefevre mit

Aumama eingeladen -- Monsieur Belard _mußte_ Damen zum Tanzen haben --

sie konnte sich da nicht ausschließen, _durfte_ René nicht so kränken.

Der Vorbereitungen bedurfte es dabei nicht viele -- ihre Tracht, wenn

auch nach Europäischem Schnitt, war so schlicht und einfach wie nur

möglich, und frische Blumen im Haar schmückten das liebreizende

Antlitz der jungen Frau schöner als es Diamanten und Perlen vermocht

hätten -- vielleicht wußte sie das auch.

Monsieur Belard wohnte in einem reizenden kleinen Gartenhaus in der

~Broomroad~, der nächsten Querstraße vom Strand ab, tief versteckt

zwischen breitblättrigen Brodfrucht und Papayas, von Palmen das Dach

überrauscht, und den Vorhof dicht bepflanzt mit Orangen und Bananen,

des Schattens wegen. Das Haus selber war leicht und luftig gebaut,

hatte aber doch schon Glasfenster und grüne Jalousieen, mit breiter

hoher Verandah und einen ziemlich großen bequemen Saal, der zu dem

heutigen Feste mit Blumen und Palmzweigen ganz einfach, aber höchst

geschmackvoll decorirt war. Wunderlich stachen dagegen freilich

einzelne Stücken aus einer civilisirten Welt ab, die ihren Weg nach

der Südsee gefunden, und zu den einfach hölzernen Wänden und der

tropischen Vegetation nicht so recht passen wollten. Auch die Meublen

waren zusammengewürfelt, wie Glück und Zufall einzelne Stücke nach

diesem entlegenen Theil der Welt herübergeführt, oder auch schon des

Tischlers Hand in neuerer Zeit sie aus einheimischem Holze gefertigt

hatte. So stand auf einer gelbgebeitzten Kommode eine Alabasteruhr

zwischen Manila Perlmuttermuscheln und blank polirten Zähnen der

Spermacetifische -- einen kleinen Mahagoni-Eckschrank schmückten ein

paar allerliebste französische Porcellanvasen voll duftender

Orangenblüthen, und längs der einen Wand standen zwei vortrefflich

gepolsterte und mit Damast überzogene Sophas, mit denen wieder ein

schmaler und langer, von Tannenholz aufgeschlagener Tisch nicht

harmoniren wollte, der die eine Ecke füllte, aber mit den kostbarsten

Produkten dieses an Früchten erfüllten Landes bedeckt war.

Doch wunderlicher und bunter als die Geräthschaften war die

Gesellschaft selbst gemischt.

Der wirklich gebildete Kreis von Bekannten reichte nämlich zu einem

solchen Fest nicht aus, die Linie mußte weiter gezogen werden und in

so engen Raum beschränkt auf der kleinen Insel, war man nicht einmal

im Stande noch unter den Wenigen die sich hier befanden, auszuscheiden

-- es müßten denn _sehr_ triftige Gründe dazu vorgelegen haben. Alles

deshalb, was nur einigermaßen auf Bildung Anspruch machte und aus dem

Mutterland oder überhaupt der civilisirten Welt stammte, die

protestantische Geistlichkeit ausgenommen, _war_ eingeladen, und die

kleine Villa versammelte in den eigenthümlichsten Trachten dabei, ein

so wunderlich gemischtes Völkchen wie sich wohl noch je, seit Papetee

stand, auf einem so kleinen Raum zusammengefunden hatte.

Als René mit Sadie den Saal betrat, wo sie Mad. Belard in ihrer

lebendigen aber doch herzlichen Weise empfing, waren eben die

Officiere der ~Jeanne d'Arc~ eingetroffen. Das Vorstellen ging rasch

und ungezwungen genug vorüber; René hatte schon einige von diesen

vorher kennen gelernt und wurde auf das freundlichste von ihnen

begrüßt.

Madame Brouard war noch nicht erschienen, und da Mad. Belard

anderweitig und in der That überall in Anspruch genommen wurde, und

René viel mit den Officieren zu sprechen hatte, blieb Sadie allein,

und sah sich eben etwas verlegen nach irgend einem Bekannten um, nicht

so ganz verlassen in dem fremden Zimmer zu stehen, als Mr. und Mrs.

Noughton den Saal betraten, und nach der üblichen Einführung an Sadie

vorüber gehen wollten.

Mrs. Noughton wandte den Kopf nach der andern Seite und sah Sadie

nicht, und die arme kleine Frau stand einen Augenblick schüchtern und

unschlüssig da, ob sie die, stets etwas kalt gegen sie gewesene Fremde

anreden solle oder nicht; aber René ging gerade mit zweien der

Officiere den Saal hinunter und ließ sie da _ganz_ allein.

»Madame Noughton,« sagte sie leise, und berührte mit ihrer

Fingerspitze den Arm der jetzt dicht an ihr Vorbeigehenden.

Mrs. Noughton drehte langsam den Kopf nach ihr um und sah sie an.

»Ich freue mich Sie auch hier zu treffen,« sagte Sadie.

Mrs. Noughton neigte höflich das Haupt gegen sie, Mr. Noughton machte

eine etwas steife Verbeugung, und die beiden Gatten gingen, ohne

weiter ein Wort mit ihr zu wechseln, vorbei, dem andern Ende des

Saales zu.

Sadie stand wie in den Boden gewurzelt, und das Herz schlug ihr

ängstlich und verlassen in der Brust.

»Sie haben Dich gar nicht erkannt in den fremden Kleidern,« murmelte

sie endlich leise und halb lächelnd vor sich hin -- »sie haben

geglaubt es wäre Jemand ganz Anderes, Fremdes -- oder -- « das Blut

stieg ihr in vollem Strome in die Schläfe und von da zum Herzen

zurück, und sie hätte in diesem Augenblick Gott weiß was darum gegeben

zu Hause, bei ihrer kleinen Sadie sein und die fremde kalte

Gesellschaft verlassen zu können. Aber das ging nicht, und als sie

sich, wieder etwas mehr gefaßt, nun im Saale umschaute, sah sie wie

Mr. und Mrs. Noughton ganz allein und steif auf zwei Stühlen saßen und

Jedes starr vor sich niedersahen. In diesem Augenblick begann das in

dem Nebenzimmer aufgestellte und von der ~Jeanne d'Arc~ mit

herübergebrachte Musikcorps seine fröhlichen Weisen zu spielen; mehr

und mehr Gäste traten zugleich in den Saal, unter ihnen mehre bekannte

Gesichter -- eine Hand legte sich ihr plötzlich auf die Schulter -- es

war Aumama, die ihr lachend in's Auge schaute, und der trübe Schatten

der sich eben angefangen über Sadies Seele zu legen, wich dem ersten

freundlichen Eindruck der ihr entgegen trat.

»Was sitzen die Beiden da drüben so ganz allein und steif?« flüsterte

dabei Aumama, die bemerkt hatte daß Sadie nach ihnen hinüberschaute.

»Segne mich, wie still und ehrbar sie sind, als ob sie in der Kirche

wären -- Mr. Aue könnte nicht steifer sitzen.«

Sadie lächelte, aber sie wandte den Kopf ab von der Gruppe -- es war

ihr als ob sich die beiden Leute nur so steif und abgeschlossen dort

hinten hingesetzt hätten, nicht mit ihr zu sprechen -- und was hatte

sie ihnen gethan? -- »Und Aumama, Du bist auch hierhergekommen zu den

Fremden?« sagte sie endlich leise -- »ich glaubte Du fühltest Dich

nicht wohl zwischen ihnen?« --

»Nein, das thu' ich auch nicht,« erwiederte rasch und flüsternd die

junge Frau -- »ich habe zu Hause geweint und gezankt -- ich wollte

fort bleiben, aber Lefevre -- « sie wandte den Kopf ab und schwieg, und

setzte endlich langsam hinzu -- »es ging nicht anders.«

»Ich wäre auch lieber daheim geblieben,« sagte Sadie treuherzig.

»Und ich weiß nicht,« fuhr Aumama, auf sich selber niedersehend fort,

»mir ist meine Tracht bis jetzt noch nie aufgefallen, ja im Gegentheil

hab' ich das lange weite Oberkleid oft weit eher für überflüssig

gehalten, nur heute -- « und sie schaute halb verlegen umher -- »komme

ich mir hier so sonderbar so fremd selber und unbedeutend vor, als ob

ich nicht hergehöre zwischen die geputzten Leute -- sie mit allem um

sich hergehangen was nur die fremden Kaufleute in ihren Läden haben,

ich barfuß und nicht einmal ihre Sprache redend. Ob ihnen denn auch

wohl so zu Muth gewesen ist, als sie zuerst unser Land betreten? Bei

Dir ist es wohl anders -- Du hast Dich schon ganz ihrer Tracht

angepaßt.«

»Wohl ist mir's auch nicht darin,« sagte Sadie kopfschüttelnd, »aber

ich fühle daß es nun einmal nicht anders geht; vielleicht fügst Du

Dich auch hinein.«

»Nein,« erwiederte Aumama rasch -- »nie im Leben; je mehr ich mit den

Fremden in Berührung komme, desto mehr fühl' ich daß wir nicht für

einander gemacht sind. Sie sind stolz dabei, und worauf? -- sie tragen

Schuhe, weil sie nicht mit ihren unbehülflichen dünnen Sohlen unsere

Korallen betreten können -- ich hab' es neulich gesehen, wie sich die

Frauen badeten und nicht einen Schritt auf dem scharfen Boden zu thun

vermochten. Also deshalb stecken sie die Füße in solche Hülsen, und

soll ich dann mich schämen daß ich sie nicht trage, weil ich da eben

gehen kann, wo sie es nicht im Stande sind?«

»Und doch thust Du es,« sagte Sadie lächelnd.

»Weil wir eben Thörinnen sind, und das Fremde höher achten wie unsere

eigenen heimischen Sitten. -- Aber sieh was für goldblitzende Kleider

die Feranis von dem Schiff draußen tragen,« unterbrach sie sich jetzt

selber, als ihr die blitzenden Uniformen der Officiere des

Kriegsschiffs in's Auge fielen. »Und das sind doch nun auch Christen,

Sadie, und gute Menschen vielleicht und tragen so bunten Staat, und

uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck.

»Wir wissen auch nicht ob es nicht sündhaft ist so eitel Gold und Putz

zu tragen,« sagte leise Sadie -- »wenigstens nicht wenn wir zu Gottes

Altar gehn -- die Männer dort beten vielleicht nie, da können sie dann

freilich tragen was sie wollen. Aber sie drehen wieder hierher um, und

dort kommt auch Mad. Belard -- sie ist die freundlichste von allen

fremden Frauen.«

Das Gespräch der beiden Frauen wurde hier unterbrochen, und in der

That betraten auch jetzt rasch nach einander mehre andere Gäste den

Saal, von denen Einige, ebenfalls mit eingeborenen Frauen, die beiden

Freundinnen herzlich begrüßten, und jedes weitere Gespräch zwischen

ihnen unterbrachen.

Und was für bunte Gesellschaft war da versammelt.

Die Officiere der Corvette erschienen natürlich in ihrer Uniform, und

Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard wie René und einige Andere waren

in schwarzem Frack, wie überhaupt in dem Europäischen Ballcostüm

gekommen. Das besonders kam übrigens den inländischen Frauen und

Mädchen wunderlich vor, und sobald es nur heimlicher Weise geschehen

konnte, kicherten und flüsterten sie nicht wenig darüber.

Ein großer Theil der anderen Gäste ging jedoch in die leichte und

bequeme Tracht gekleidet, die das Klima eigentlich bedingt und

fordert; helle Sommerstoffe, weit und luftig gearbeitet und den

Gliedern vor allen Dingen Freiheit der Bewegung lassend. Strenge

Etikette konnte überhaupt an einem Ort nicht stattfinden, wo diese

schon zwei Dritttheile des schönen Geschlechts unrettbar

ausgeschlossen hätte, und mehr als zwei Dritttheile gehörten der

eingeborenen Race an, die nur zum Theil hatte bewogen werden können

Schuhe und Strümpfe anzuziehen, sonst aber nur über dem ~pareu~ das

weite loose Obergewand, und darunter die nackten Füße trug.

Aumama bildete den Typus dieser, aus den schönsten Mädchen jenes

wunderschönen Stammes ausgewählten Schaar. Der Pareu den sie trug

bestand aus einem halbseidenen mattgrünen mit tiefrothen Fäden

durchzogenen und gemusterten Stoff, in der That nur ein einfaches

Stück Zeug, das um die Lenden geschlagen und an der linken Seite

eingesteckt wurde; über dieses aber trug sie das, erst durch die

Europäer und wahrscheinlich durch die Missionaire eingeführte

Obergewand, das vorn offen, und mit langen Aermeln an den Handgelenken

geknöpft, bis etwas über die Knie herunterfiel, und aus feinem

französischem Stoff bestand, der durch einen rothseidenen dünnen

Chinesischen Shawl im Gürtel zusammengehalten wurde, und die Formen

des Körpers mehr verrieth als verhüllte. Durch das schwarze lockige

und seidenweiche, mit wohlriechendem Cocosnußöl getränkte Haar wand

sich ihr, von Orangenblüthen durchflochten, das Gewebe eines reizenden

grünen und rothen Schlinggewächses, und die goldenen Ohrringe waren

fast von den darüber niederhängenden Knospen des ~cape Jasmin~

überdeckt. Aumama, die Behende, wie sie in der bilderreichen Sprache

ihres Landes hieß, war eine der schönsten Frauen der Insel, und wie

bei den meisten ihres Alters, stand ihr die etwas dunklere Hautfarbe

nur zu ihrem Vortheil, während die großen lichtklaren und doch so

tiefschwarzen Augen Diamanten gleich, rein und feurig über den von

zartem Roth angehauchten, lichtbronzenen Wangen glühten.

Mehrere andere Indianerinnen waren ähnlich wie Aumama gekleidet,

wenigstens mit demselben Schnitt des Gewandes und ähnlichen Stoffen,

die Capitaine von Wallfischfängern in letzterer Zeit auf Speculation,

theils von Frankreich, Deutschland oder England mitgebracht. Zwei der

Frauen nur hatten sich so weit civilisirt, Strümpfe und Schuhe zu

tragen; aber die neue Tracht saß ihnen nicht bequem, sie scharrten

beim Gehen fortwährend mit den Füßen; sie waren noch nicht gewohnt

diese hoch genug zu heben die Sohlen auch frei vom Boden zu bringen,

und die Strumpfbänder mochten sie auch wohl drücken, denn wie sie sich

nur unbemerkt glaubten, faßten sie da hinunter den, solchen Zwanges

ungewohnten Blutgefäßen Luft zu geben.

Sadie vielleicht allein von allen übrigen eingeborenen Mädchen schien

sich in die fremde Tracht vollkommen gut gefunden zu haben, und

bewegte sich mit solcher Leichtigkeit darin, als ob sie von Jugend auf

daran gewöhnt gewesen wäre. Nichts desto weniger ging sie fast so

einfach gekleidet als ihre früheren Gespielinnen, in einem schlichten

Oberkleid von ungebleichter Seide, die rothe Schärpe ebenso geknüpft

wie Aumama, nur anders den Schnitt des Kleides selbst, das bis auf die

Knöchel hinunterging und die niedlichen in weißen Strümpfen und feinen

dünnen Lederschuhen steckenden Füße eben sichtbar werden ließ. In den

Haaren trug sie einen zierlich geflochtenen Kranz von Mandelblüthen,

und um den Hals eine einfache Schnur rother Korallen.

Von den Officieren der ~Jeanne d'Arc~ waren bis jetzt nur der Capitain

mit dem ersten Lieutenant und einigen Seecadetten anwesend; der zweite

Lieutenant, den Geschäfte länger an Bord hielten, wie mehre andere

Marine-Officiere wurden aber auch noch erwartet, und René ging eben

mit dem Capitain der Corvette, mit dem er schon vor einiger Zeit

bekannt und gewissermaßen befreundet geworden, im Saal auf und ab, als

Monsieur Bertrand, der Name des Seconde-Lieutenants erschien und

augenblicklich auf den Capitain zuging, ihm irgend eine Meldung zu

machen. René trat ein paar Schritte abseits, den Rapport, der

vielleicht geheim war, nicht zu überhören, aber sein Auge haftete

unwillkürlich auf dem jungen Mann, dessen Züge ihm so bekannt

vorkamen, und dessen er sich doch, trotz alle dem nicht deutlicher

erinnern konnte.

In diesem Augenblick drehten sich die Officiere nach ihm um, und der

Capitain war eben im Begriff die jungen Leute einander vorzustellen,

als Beide auch fast zu gleicher Zeit, »Delavigne«, »Bertrand« riefen

und einander fest umschlangen und küßten.

Schulkameraden waren es aus frühster Jugendzeit, und es läßt sich

denken, mit welchem Jubel sie Beide hier, fast bei den Antipoden, die

Erinnerung an die Heimath, an das Vaterland, nach so vieljähriger

Abwesenheit begrüßten.

Wir mögen uns losgerissen haben von Allem was uns einst lieb und

theuer gewesen, zerrissen mag das Band sein, das uns an die

verlassene Küste, wo unsere Wiege gestanden, fesselte; gleichgültig

hören wir wohl von fremden Menschen darüber sprechen, hören selbst

ungerührt den Ort nennen der unserer Kinderspiele Zeuge war, Zeuge der

heranwachsenden Kraft. Im Herzen zittert's und zuckt's dann vielleicht

nur ein wenig; lang verklungene Saiten wurden berührt, und sie

_wollten_ rauschen in der alten Weise, als sich noch eben zeitig genug

die Hand des Menschen stark und kräftig darauf legte, und sie

verstummen machte mit dem festen Willen. Unsere Nerven mögen von Eisen

sein, und das Unglaubliche ertragen, aber laß ein Bild selber

auftauchen aus jener Zeit, laß uns die Züge wieder vor uns sehen, mit

denen wir Freud und Leid getheilt, denen wir unsere Lust und Seligkeit

entgegenjubelten, denen wir den ersten Schmerz klagten und uns

ausweinten an seiner Brust, und die Hülle springt, die unsere Brust

umschloß, die erstarrte Thräne schmilzt und das Heimweh rüttelt zum

ersten Mal an den Stäben unserer Herzenskammer, und streckt die

scharfe entsetzliche Kralle aus nach dem Heiligthum, das wir von da an

wahren müssen wie unseren Augapfel, wenn sie nicht Halt gewinnen soll

daran, zu unserem Leid.

Die beiden jungen Leute schienen auch in der That Alles um sich her

vergessen zu haben, in dem einen seligen Gefühl des Wiederfindens,

nach so langer, langer Zeit, hätte sie nicht des Capitains Stimme

wieder zu sich selbst und dem Bewußtsein des Platzes gebracht, an dem

sie sich befanden.

»Hallo,« lachte dieser, »wie mir scheint mag ich da die Introduction

sparen, denn die Herren sind jedenfalls genauer mit einander bekannt,

wie ich vermuthen durfte.«

»Das in der That,« sagte Bertrand, der sich überhaupt auch zuerst von

den Beiden wieder sammelte, indem er des Freundes Hand ergriff und

fest in der seinen hielt -- »nicht hoffen konnt' ich, hier an der

fremden Küste einen so alten lieben Jugendgefährten, ja Spielkameraden

aus der Knabenzeit zu treffen, und die Ueberraschung ist um so größer,

je größer die Freude ist.«

»~Eh bien~, Bertrand, dann unterhalten sie auch Ihren Freund ein

wenig,« sagte der Capitain, »aber vergessen Sie nicht um 11 Uhr --

bekommen Sie vorher Nachricht wenn er etwa noch bis dahin eingefangen

sein sollte?«

»Ich erwarte den Führer der Patrouille selber hier, sobald er

zurückkehrt.«

»Um so viel besser -- aber da drüben sehe ich ein paar Damen

eintreten, denen ich guten Abend sagen muß -- ich werde Sie nachher

bitten mir das Nähere dieses freudigen Wiedersehens mitzutheilen« --

und mit einer leichten und freundlichen Verbeugung verließ er die

jungen Leute, die jetzt Arm in Arm, kaum noch ihrer Umgebung bewußt,

an eines der Fenster traten, dort erst dem ersten glücklichen Gefühl

des Wiedersehens auch Worte zu leihen.

»Und so halt ich Dich denn wieder, René, nach so langer Trennung, Dich

den Flüchtigen eigentlich, der uns unter den Augen fort entschwand,

und keinem Freundesruf achten wollte der ihn zurückhalten sollte mit

seinem wilden ungestümen Sinn. Und wo hast Du Dich nun so lange

herumgetrieben? Mensch Du bist braun geworden wie ein Indianer.«

»Ich weiß nicht wo ich da anfangen soll zu erzählen,« sagte René, dem

Blick in herzlicher Liebe begegnend, den jener fest auf ihn geheftet

hielt, »und wahrlich, ich hatte es schon fast aufgegeben je im Leben

einen Freund von über dem Wasser drüben wieder zu finden in der

fremden Welt. Die Zeit die ich hier verlebt, dünkt mich in diesem

Augenblick so entsetzlich lang, und ist mir doch auch wieder so rasch

so unglaublich rasch verflogen. Oh Bertrand, Du mußt mir viel, viel

von daheim erzählen; wie Ihr dort gelebt, wie Ihr -- oder nein --

nein, auch lieber nicht; die Heimath liegt hinter mir, auf nimmer

Wiedersehn, und es ist vielleicht besser ich löse die Schlösser nicht

muthwillig, die mir das alte Bilderbuch meiner Jugend so freundlich

und fest verschlossen halten. Ich bin fertig mit _Frankreich_; aber

von _Dir_ möcht ich hören, wie es Dir geht, was Du treibst, was Du

_hoffst_, denn nach der Hoffnung eines Menschen beurtheilt sich der

Mensch selber meist am besten und leichtesten.«

»Und weshalb auf nimmer Wiedersehn?« sagte Bertrand erstaunt, »unsere

Schiffe haben sich jetzt die Bahn gebrochen nach diesem fernen Punkt,

und wenige Monden können uns wieder in der Schallweite unserer alten

Kirchenglocken landen. Es mag ein Paradies sein das uns hier umgiebt,

kann es uns aber je der Heimath Reiz ersetzen? Du bist unstät, ein

Flüchtling auf fremdem Boden so lange Du Dich gewaltsam fern von ihm

hältst, und wie das Vaterhaus dem wegemüden Wanderer als theures Ziel

den langen schweren Pfad wohl vorgeschwebt, so öffnet Dir die Heimath

die Arme, und grüßt Dich, ja hält Dich, mit all ihrem unendlichen

Zauber, sobald Du nur erst einmal wieder das schöne Land betreten.

Sieh ich bin Seemann, René, und das _Meer_ sollte meine Heimath sein;

ich weiß auch ich gehöre eigentlich nicht auf's feste Land, und die

Zeit die ich dort zubringe, ist meiner Pflicht meist abgestohlen, und

dennoch hängt das Herz mit allen Fasern an jenem Fleck der mir das

Leben gab, und wenn ich auch, doch einmal draußen, vernünftig genug

bin solchen Gedanken keinen Raum zu gönnen, ist es, als ob mir das

Herz aus der Brust herausspringen wolle, sobald wir den Bug unseres

Schiffes einmal heimwärts kehren. Ich habe das im Anfang für eine

Krankheit gehalten und unseren Doktor gefragt, und der hat mir eine

Masse unsinniges Zeug dagegen verschrieben, aber es half Nichts; das

Uebel saß tief im Herzen und war im Nu gehoben sobald ich an Land

sprang.«

»Und doch hab' ich recht, Bertrand,« sagte René, der mit einem leisen,

fast wehmüthigen Lächeln den Worten des Freundes gelauscht hatte. »So

lange Du noch frei und unstät in der Welt umherstreifst zeigt der

Compaß Deines Herzens dem einen heiligen Magnet, dem Vaterlande zu,

mag Dir dort Leid geblüht haben, oder Lust, aber -- es giebt einen

Fall, wo der Mensch selbst die Heimath vergessen kann und -- glücklich

sein.«

»Nie, nie!« rief Bertrand rasch.

»Ich bin verheirathet!« sagte René leise.

»_Du?_ -- verheirathet?« sagte der Freund erstaunt -- »und mit wem? --

wo? -- wann?«

»Zuerst zeig ich Dir meine kleine Frau,« lächelte René, »ich brauche

vielleicht nur des einen Beweises, Dich zu überzeugen daß Du Unrecht

hast; dann erzähle ich Dir meinen -- Lebenslauf kann ich wohl kaum

sagen, eher meine Abenteuer, denn das Schicksal hat mich im tollen

Spiel einem entzogen mich muthwillig einem anderen in die Arme zu

werfen, bis mein schwanker Kahn den Hafen fand, der ihm Glück und Ruhe

brachte, und den verlaß ich nicht wieder. Ich kenne die Stürme die

draußen toben und bin es müde geworden ihnen wieder und wieder die

Stirn zu bieten.«

»Und Deine Frau?« frug Bertrand, »warum will sie nicht mit Dir

zurück?«

Die Trompeten schmetterten in diesem Augenblick den Beginn des Tanzes,

und René schaute umher nach Sadie. Schon wirbelten die Paare vorüber

und die junge Frau stand an der anderen Seite des Saales, noch neben

Aumama, an ihrer Seite aber jetzt Monsieur Brouard, seinen rechten

Arm, von dem sie sich leise zu befreien suchte, um ihre Taille gelegt,

und augenscheinlich bemüht sie zum Tanz zu nöthigen, den sie ihm

weigerte.

Wie ein Stich zuckte es durch René's Herz -- er wußte selbst nicht

weshalb, und das Blut schoß ihm in die Schläfe; Bertrand aber, der

seinem Blick gefolgt war, schaute überrascht, und wie von einem

plötzlichen Gedanken erfaßt, zu ihm auf.

»Und Deine Frau?« wiederholte er leise.

»Siehst Du sie nicht da drüben, wie sie sich ziert,« lachte René

jetzt, die Hand auf des Freundes Achsel legend.

»Die Insulanerin?« rief der Officier fast wie erschreckt, und so laut,

daß die ihm nächsten Paare nach ihm umschauten, und selbst Sadie

ängstlich nach René herüber blickte.

»Die Missionaire stecken ihr noch etwas in den Füßen,« fuhr René, wie

entschuldigend gegen den Freund gewendet fort, »aber -- gefällt sie

Dir nicht?«

»Es ist ein liebes, holdes Kind,« sagte der junge Mann, plötzlich ganz

still und ernst werdend -- »so hold und schön wie der sonnige Himmel

ihres Heimathslandes.«

»Und weshalb seufzest Du da so schwer?« lachte René.

»Aber weshalb befreist Du sie nicht von dem alten Gecken, der sie da

quält und peinigt?« sagte Bertrand rasch -- »sie hat ihm schon zehnmal

den Tanz abgeschlagen, und er läßt immer nicht nach -- er würde sich

das bei einer _weißen_ Dame nicht unterstehen.«

»Du hast recht,« sagte René schnell, und that einen Schritt nach vorn,

setzte aber plötzlich langsamer und lächelnd hinzu: »es ist Einer

meiner Freunde und kennt Sadie, wie den etwas puritanischen Geist,

der sie manchmal noch von unsern Sitten und Gebräuchen als etwas,

ihrer eigenen Religion widerstrebendem, zurückschrecken läßt. Doch

komm Bertrand, wir dürfen uns der Gesellschaft nicht so lange

entziehen, Madame Belard da drüben -- ha wer ist jene junge Dame die

dort mit Deinem Capitain jetzt tanzt? -- ich habe sie noch nicht auf

Tahiti gesehen.«

»Sie kommt von der Südseite der Insel, wie ich heute gehört,«

erwiederte Bertrand, »wo sie in der Familie eines dort angesiedelten

Franzosen gelebt. -- Aber Deine _Frau_ winkt Dir da drüben.«

»Monsieur Brouard wird zudringlich, wie mir scheint,« entgegnete René

mit einem halb spöttischen Lächeln die Unterlippe beißend -- »komm mit

mir Bertrand, und ich zeige Dir mein Weib,« und den Arm des Freundes

fassend, ging er mit ihm, die Tänzer vermeidend, zu der anderen Seite

des Saales hinüber, wo ihm Sadie, sich jetzt ernstlich von dem alten

Herrn losmachend, rasch entgegen kam.

»Ihre kleine Frau ist entsetzlich spröde,« rief ihm hier Monsieur

Brouard mit einem etwas verlegenen Lächeln entgegen -- »sie will unter

keiner Bedingung mit mir den ersten Walzer tanzen.«

Sadie sah bittend zu dem Gatten auf, und René, ihren Arm lächelnd in

den seinen ziehend, sagte mit einer leichten etwas kalten Verbeugung

zu Herrn Brouard:

»Ich habe Sie bis jetzt für unwiderstehlich gehalten, Monsieur,

verzeihen Sie dem noch rohen Geschmack der Insulanerin, die selbst

Ihren _unausgesetzten_ Bemühungen gegenüber ihr Recht zu wahren

suchte. Ich hatte schon den ersten Tanz vorher engagirt.«

»Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung,« sagte der Kaufmann, sich

verlegen, aber auch jedenfalls pikirt über die etwas kurze Abfertigung

zurückziehend, während René, ohne sich weiter um Herrn Brouard zu

kümmern, Sadiens Hand ergriff und sie mit herzlichen Worten dem

Jugendfreund als sein liebes, braves Weib, als seine Sadie jetzt

vorstellte.

»Euch Beiden erzähl' ich nachher von einander,« setzte er dann lachend

hinzu, »und nun Sadie, darfst Du es mir nicht machen, wie Brouard --

nicht wahr ich bekomme keinen Korb, wenn ich Dich jetzt um den Walzer

bitte?«

»Aber René« sagte, leise sich zu ihm biegend, und hoch erröthend die

junge Frau, »was wird Mr. Nelson, was Mr. Dennis sagen, wenn sie

erfahren daß ich hier _getanzt_ -- ich thue doch wohl nicht recht

damit, und möchte Dir aber auch noch viel weniger weh thun, mit einer

Weigerung.«

»Thorheit, Sadie, haben wir nicht zusammen die Tänze meines Vaterlands

vor Mr. Osbornes Augen getanzt auf Atiu?« frug René, mit einem leisen

Vorwurf in dem Klang der Stimme.

»Auf Atiu,« wiederholte Sadie leise und das Wort rief liebe liebe

Bilder wach in ihrer Seele -- »auf Atiu!«

»Der alte Mann hatte seine Freude daran, wenn wir fröhlich waren.«

»Aber Mr. Dennis,« sagte Sadie schüchtern.

René zog die Brauen zusammen und sah einen Augenblick finster vor sich

nieder; aber Sadie legte ihre Hand auf seinen Arm und schaute ihm mit

ihrem bittenden herzlichen Blick ins Auge. Er sah auf zu ihr, sah das

halbe Lächeln in ihren Zügen, und rasch seinen Arm um sie schlingend,

flog er mit ihr den früher oft und gern geübten Tanz dahin in den

Reihen der fröhlichen schwingenden Paare.

Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz

war nicht bei dem Fest; in ihrer Brust wogte und stach es mit

vorwurfsvoller Stimme und quälte das arme unschuldsvolle Herz mit

trüben, ängstlichen Bildern. »Du sündigst jetzt« sagte sie sich leise

und immer und immer wieder vor, und des ehrwürdigen Bruder Dennis

Stimme klang dabei fortwährend in ihrem Ohr -- »Du hast Dich dem

wilden sündhaften Tanz ergeben, und der böse Feind greift schon nach

dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Lust und Leichtsinn.«

»An was denkst Du Sadie?« flüsterte ihr René zu, wie er mit ihr

wirbelnd und sie fest in seinem Arm dahin flog, während die

eingeborenen Frauen besonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit

den Augen folgten.

Sadie schüttelte leicht und erröthend mit dem Kopf, und zwang sich

fröhlich zu sein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde stärker und

stärker, und wie schwindelnd lehnte sie sich endlich an Renés Schulter

und bat ihn sie zu einem Stuhl zu führen.

»Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen,« lachte der junge

Mann, sie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeschlagenen Armen

stand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar -- »nur

erst ein paar Tänze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der

Schwindel verliert sich schon von selber. Es ist eine Art Seekrankheit

die wohl die meisten Menschen überstehen müssen.«

»Ah Monsieur Delavigne -- hierher, wenn ich bitten darf, für einen

Moment nur,« rief in diesem Augenblick die fröhliche Stimme der Mad.

Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin zu kommen.

Sadie deshalb dem Freunde übergebend, folgte er dem Ruf.

»Monsieur,« rief ihm aber die lebendige kleine Frau schon von weitem

entgegen, »ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzutheilen;

dort drüben, und ich werde indessen die Sorge für Ihre kleine Frau

übernehmen, ist eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann

Ihre Bekanntschaft zu machen, und sich schon nach allen Ihren

Verhältnissen auf das Genaueste und Peinlichste erkundigt hat. Soviel

rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.«

»Sie sind zu gütig, Madame,« lachte René, »wenn dem wirklich so ist,

scheint die Sache in der That gefährlich zu werden.«

»Spotten Sie nicht vor der Zeit,« warnte Madame Belard -- »Sie

bekommen es mit keinem gewöhnlichen Mädchen zu thun, und werden einem

Paar Augen Stand halten müssen, denen schon stärkere Herzen erlegen

sind als ein junger leichtsinniger Franzose wahrscheinlich in seiner

Brust mit herum trägt.«

»Und die Dame?«

»Warten Sie, dort drüben spricht sie noch mit Madame Choupin, der

Stiefmutter von Brouards Frau, der möchte ich nicht gerne in die Hände

laufen.«

»Die junge Dame dort?« rief René rasch, »ah ich habe sie schon vorher

bemerkt: sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.«

»Das Alles wird sie Ihnen gleich selber mittheilen, Monsieur; aber

aufrichtig gesagt,« setzte sie schelmisch hinzu, »bin ich selber

neugierig welch Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen nehmen

kann. Sie _müssen_ ihr doch fremd sein.«

»Sympathie,« lachte René, »lieb ist mir's aber dabei daß gerade ein so

reizendes Wesen sich für mich interessirt.«

»Sie müßte denn im Auftrag von Madame Choupin« -- sagte Mad. Belard,

Renés Arm ergreifend und mit einer komischen Mischung von Besorgniß

und Schadenfreude zu ihm aufschauend.

»Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame,« sagte aber René rasch und

mit komischer Angst, »schon der Gedanke ist grausam -- oder -- gönnen

Sie mir mein Glück nicht?«

»_Gönnen_? was wollen Sie damit sagen, Monsieur, -- oder woher wissen

Sie überhaupt daß Ihnen ein Glück bevorsteht? eitles Männervolk; Ihr

Herren der Schöpfung werdet aber hier auf den Inseln viel zu sehr

verwöhnt, und hätte ich früher gewußt was ich jetzt weiß, nie im Leben

würde ich meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben

haben.«

»Da kommt Mad. Choupin,« sagte René leise, und Madame Belard erschrak

und wandte sich rasch ab, den Platz zu verlassen, als sie das boshafte

Lächeln auf Renés Lippen bemerkte, und sich nun umdrehend sah wie Mad.

Choupin die andere Richtung eingeschlagen, und die junge Dame im

Gespräch mit Mad. Brouard zurückgelassen hatte. Madame Belard drohte

ihm lächelnd mit dem Finger und sagte leise:

»Wenn Sie jenen alten Drachen näher kennten, würden Sie mir vollkommen

recht geben, und ihn fürchten wie ich, aber -- die Luft ist rein, so

kommen Sie, denn ich muß mich auch noch um meine anderen Gäste

bekümmern, und habe nicht Zeit hier Stundenlang mit Ihnen zu

plaudern.« -- Und seine Hand ergreifend führte sie ihn der Stelle zu,

wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anscheinend in tiefem

Gespräche stand, behielt aber kaum Zeit für die ersten Worte,

»Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis,« als die Instrumente

auf's Neue begannen und sich die Paare zur Française anstellten.

»Desto besser, unter dem Tanz werden Sie noch schneller mit einander

bekannt,« rief die kleine muntere Frau, von dem Paar zurücktretend;

»dort aber kommt auch _mein_ Tänzer, ~Monsieur le capitain~, und ich

muß Sie für jetzt Ihrem Schicksal überlassen; doch -- unsere

Verabredung Monsieur, um die Auflösung dieses Räthsels wünsch' ich

nicht zu kommen.« Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine

Antwort zu gestatten, trat sie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden

Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes

thun, als der schönen Fremden den Arm bieten, den sie auch mit einer

freundlichen Verneigung und einem eigenen schelmischen Lächeln dabei,

annahm.

Die ersten Minuten gingen so mit der Anordnung des Tanzes vorüber,

ohne daß er im Stand gewesen wäre ein Wort weiter mit seiner schönen

Unbekannten zu wechseln, die erste Gelegenheit aber die sich ihm bot

ergreifend, sagte er leise:

»Madame Belard hatte mich durch einige freundliche, aber jedenfalls

nur in Neckerei und Spott hingeworfene Worte ermuthigt zu glauben, daß

Sie, mein Fräulein, _wünschten_ mich kennen zu lernen; da ich aber gar

nicht weiß womit ich solch ein Glück verdient hätte -- «

»Sie wissen noch nicht ob das ein Glück für Sie werden wird,

Monsieur,« lachte aber die Schöne schelmisch, und René sah wirklich

etwas überrascht zu ihr auf, denn die nämlichen Worte hatte Madame

Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die beiden Damen mit

einander im Einverständniß sein? -- aber weshalb? --

»Es ist jedenfalls schon ein Glück in diese schönen Augen schauen zu

dürfen,« sagte er jedoch, sich rasch sammelnd -- »und Böses kann da

wahrlich nicht geschehen.«

»Haben Sie ein gutes Gewissen?« frug die junge Dame.

René lachte -- »Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht schwerer zu

tragen, wie wir Sterblichen überhaupt und durchschnittlich, und auch

nicht leicht genug um zu befürchten, daß mir das Herz davonflöge über

Nacht.«

»Sie sind ein weggelaufener Matrose,« sagte die junge Dame jetzt

lachend und sah neckend zu ihm auf. René erröthete; da aber seine

Geschichte, wie er diese Inseln betreten, auf Tahiti gar kein

Geheimniß war, sagte er ruhig:

»Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite

vorzuführen?«

»Ob _man_ versucht hat?« lachte die Schöne, »Sie mögen selber

urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache näher interessirt, als Sie

vielleicht glauben -- Sie sind mein Gefangener.«

»Auf Gnade und Ungnade,« lachte René, gern in den leichten Ton des

wirklich wunderschönen Mädchens eingehend, dessen Reize erst jetzt wie

es schien, nach und nach seinem Auge sichtbar wurden. »Aber tausend

solche Gefangene haben Sie wohl schon solcher Art gemacht, und werden

uns deshalb auch wohl auf unser Ehrenwort entlassen müssen, Ihrem

Triumphwagen scheinbar frei zu folgen.«

»Auf Ehrenwort? -- geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie

wissen _wem_?«

»Wem?« sagte René erstaunt, aber ihr Gespräch wurde hier durch den

Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot sich

von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort weiter zu

wechseln, bis die Française beendet war. René nahm jetzt seiner

Tänzerin Arm, und sie den Saal niederführend sagte er fragend:

»Und nun, mein Fräulein, lösen Sie mir das Räthsel -- Sie tragen eine

Maske, legen die Hand daran sie zu lüften, und ziehen sie neckisch

wieder zurück. Ihr Spiegel sagt Ihnen schon, daß der Allmächtige Ihnen

einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt über uns arme Sterbliche;

mißbrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen also gegeben -- Sie bedürfen

dessen nicht.«

»Ein Wallfischfänger ist doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu

lernen,« lachte die Schöne laut auf, »und dennoch scheint es fast als

ob Sie selbst dort einen wesentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt

hätten, nicht außer Uebung zu kommen. Oder haben Sie das Alles schon

wieder hier auf den Inseln profitirt?«

»Mein Fräulein,« bat der junge Mann.

»Sie haben recht,« sagte die junge Dame da plötzlich ernster werdend,

»es wird Zeit daß wir unsere beiderseitigen Stellungen einnehmen, die

uns gebühren; also nochmals Monsieur, Sie sind mein Gefangener, René

Delavigne!«

»Von Herzen gern.«

»Halt -- nicht für mich etwa, Monsieur, sondern für meinen Vater,

_Jonathan Lewis_, Capitain des dreimastigen Wallfischfängers ~»the

_Delaware_,«~ gut gekupfertes Schiff erster Klasse A, und derzeit -- «

»Miß Lewis? -- aber wie ist das möglich?« unterbrach sie René in

vollem, unbegrenzten Erstaunen.

»Derzeit« fuhr aber das schöne muthwillige Mädchen ernsthaft fort,

»wahrscheinlich und mit Gottes Hülfe schon zu Hause, in Bedford, von

seinem Kreuzzug heimgekehrt.«

»Aber Sie, eine Französin, des alten durch und durch Jankee Capitains

Tochter?« rief René, immer noch ungläubig.

»Weigern Sie sich mir zu gehorchen, weil mir der schriftliche

Verhaftsbefehl gebricht?« frug Miß Susanne.

»Sie sind grausam, Miß.«

»Nun denn, so will ich Ihnen mit zwei Worten das scheinbar

unerklärliche Räthsel lösen. Erstlich bin ich keine Französin, sondern

im New-York Staat in Nord-Amerika geboren, früh aber meiner Mutter

durch den Tod beraubt schickte mich der Vater -- wie Sie mir bezeugen

werden, ein etwas rauher Seemann -- nach Louisiana hinunter, wo seine

Schwester an einen französischen Pflanzer verheirathet war. Ist Ihnen

das nun klar?«

»Ja, aber _jetzt_?«

»Aber _jetzt_? ah, wie ich _hierher_ gerade komme?« lachte die

Jungfrau -- »Sie verlangen also in der That meine Legitimation? Ist

das auch etwas ungalant, will ich es doch den außerordentlichen

Umständen zu Gute halten. Schwächlich von Gesundheit, und von den

Sümpfen Louisianas mit wirklicher Gefahr für mein Leben bedroht,

schien es, als ob mir der rauhe Nord dafür keine Linderung bieten

sollte, denn dort hinauf zurückgekehrt, verschlimmerte sich mein Uebel

eher, als daß es sich gehoben hätte. Die Aerzte dort verordneten mir

daher eine Luftveränderung nach irgend einem milderen aber auch

gesunden tropischen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff

ein Schiff zum Wallfischfang auszurüsten, sandte mich mit einem

Jugendfreund von sich voraus nach Tahiti, mich hier dann später zu

besuchen und vielleicht wieder abzuholen.«

»Und war der Delaware hier?«

»Nicht wahr _das_ interessirt Sie?« lachte Susanne.

»Der Delaware interessirt mich allerdings,« lächelte René, »und Sie

werden mir den Grund nicht streitig machen.«

»Nicht ich, Monsieur -- Sie haben volle Ursache, aber ich gebe Ihnen

auch mein Wort, daß sich der Delaware damals für _Sie_ interessirte,«

fuhr Susanne fort, »denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie

von ihm entsprungen waren, und eilte deshalb wieder besonders von hier

fort den »entsprungenen Matrosen«, wie er mir erzählte, auf jener

Insel wieder »abzuholen«. Wer mir damals gesagt hätte daß _ich_ so

glücklich sein sollte ihn wieder einzufangen.«

»Warum waren Sie nicht früher an Bord,« sagte René, »ich wäre nie

davongelaufen.«

»Trau' Jemand Euch Männern,« rief Susanne abwehrend -- »kaum auf

festem Land, und mit keiner Sylbe mehr all jener heiligen Bande

gedenkend die den Flüchtigen jedenfalls noch im alten Vaterland

fesselten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiel seiner

Landsleute zu folgen, und sich ein armes Mädchen zu beschwatzen, das

ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.«

»Sie thun mir Unrecht, Mademoiselle.«

»Oh? -- Ihnen sind die gemachten Contrakte wohl stets heilig?«

René biß sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause:

»Also tadeln sie mich, daß ich mich dem Leben an Bord eines

Wallfischfängers, dem ich nicht anders hätte für Jahre vielleicht

entgehen können, durch die Flucht entzogen habe.«

»Nein,« sagte Susanne lachend, und das große schwarze seelenvolle Auge

zu ihm aufhebend begegnete sie einen Moment seinem Blick, und glitt

dann wie musternd und mit kaum unterdrücktem Muthwillen an seinem

Anzug nieder -- »ich begreife nur nicht,« fuhr sie dabei fort, »wie

Sie je den unglückseligen Gedanken gefaßt haben konnten _an Bord_ zu

gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe, und Sie dann mir

als gewöhnlicher Matrose, in all dem Schmutz und entsetzlichen Leben

eines »~Whalers~« unter dem wüsten rohen Volk denke -- die

Glacéhandschuh trugen Sie damals noch nicht, wie? -- und auch wohl

nicht den Frack? -- Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wären?

aber die Einzelheiten müssen Sie mir nächstens einmal erzählen,

versprechen Sie mir das?«

»Mit Vergnügen.«

»Und _aufrichtig_?«

»Wie meinem Beichtvater.«

»Hm, ich weiß nicht ob ich mich _damit_ gerade begnügen möchte -- doch

wir werden ja sehen. Und Ihre -- _Frau_?«

»Steht dort drüben mit jenem Französischen Officier -- darf ich Sie zu

ihr führen?«

»Ich danke,« sagte die junge Dame mit etwas kalter Höflichkeit -- »ich

komme aus Louisiana -- und Sie dürfen mir nicht verargen, daß ich

gerade kein günstiges Vorurtheil habe für -- braune Haut.«

René sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Susanne begegnete fest

dem Blick, der in seiner innersten Seele zu wurzeln schien, dort die

geheimsten Gedanken errathen zu wollen.

Es war ein wunderschönes Mädchen wie sie da vor ihm stand; die volle

üppige Gestalt doch so zart und schlank in dem elastischen Reiz der

Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blühender Frische

übergossen, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangen nimmt; die

Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines so sanften Ausdrucks

fähig daß sie den ernsten Schatten Lügen straften, wenn er streng und

zürnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel öffnend wenn

ihr Glanz in milder Ruhe strahlte.

René schaute in diese Sterne voll Gluth und Leben, bis er fast vergaß

weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die süßen vollen

Lippen erst gesprochen; denn wie ein leises Lächeln über die ernsten

Züge glitt, war es wie spielendes Sonnenlicht auf der murmelnden

Quelle im Waldesdunkel, mit tausend blitzenden funkelnden Lichtern

tief hinableuchtend bis auf den reinen Grund.

»Sie sind beleidigt,« sagte sie endlich leise -- »Sie hätten lieber

gehabt, daß ich eine Unwahrheit gesagt, der Gegenwart zu schmeicheln.«

»Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt,« erwiederte

René, »und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.«

»_Sadie_ -- ein schöner, klangvoller Name -- ich wollte ich hieße

Sadie,« sagte Susanne -- »wir in Nord-Amerika wählen unsere Namen fast

nur aus der Bibel.«

»Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen?« unterbrach in

diesem Augenblick die Stimme des Capitains der ~Jeanne d'Arc~, das

Gespräch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Susanna, mit feiner Hand

eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gleis. »Sie haben Glück,

Monsieur Delavigne -- aber für jetzt möchte ich die Dame wenigstens um

den mir versprochenen Tanz bitten.«

Miß Lewis nahm, mit einer leisen dankenden Neigung des Kopfes seinen

Arm, und René freundlich zunickend sagte sie:

»Ich muß sie nachher noch einmal sprechen -- werden Sie kommen?«

René verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor

seiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht.

Als er zurückschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit

Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze

angetreten, und an dem nächsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit

untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dießmal keinen Theil

nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen

vor den Augen, ohne daß er im Stande gewesen wäre ein einziges Bild

aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und

wieder die schöne Fremde -- zogen die kalten Worte, die sie

gesprochen, vorüber, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht

Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz.

Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich

zugewandt; um ihn nur wieder zurückzustoßen? -- war das Ganze eine

gewöhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die _Macht_ fühlen zu lassen,

die sie über Männerherzen auszuüben gewohnt sei, und ihm dann lachend

die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? »Bah -- « um seine Lippen

zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufstieg daß sie

sich _ihn_ zum Spiel ihrer Laune ersehen haben könnte -- und was sonst

war ihr Zweck? »Thörichtes Mädchen«, murmelte er leise vor sich hin,

»Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber

den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein

anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.«

Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren

Auge -- die liebliche Gestalt in dem prächtigen Ballstaat -- die

vorüberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr

sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte

Töne aus der Heimath -- Weisen nach denen er selbst in schönerer Zeit

-- heiliger Gott _die_ Erinnerung -- -- Er barg die Augen mit der

linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher stürmten die Gedanken

auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.

Mehre Minuten mußte er so gestanden haben, als eine leichte Hand

seinen Arm berührte, und fast erschreckt blickte er empor.

»Bist Du krank?« sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue

seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er

bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurückzurufen aus den Scenen

in denen er jetzt -- zum ersten Mal wieder nach langen Jahren --

geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft

zurückgeschleudert hatte wohin sie gehörten -- in die Vergangenheit.

Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen

vielleicht -- vielleicht durch jenes schöne, kalte Bild, das ihn anzog

und abstieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm

und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum

minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.

Sadie -- wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht

und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten

gedeckten Fluren wirft, so tauchte plötzlich das holde Bild in all

seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die

mit den weichen vollen quellenden Tönen nicht mehr allein durch das

Ohr, nein durch alle Poren unseres Körpers in die Seele dringen und

die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer

feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner

Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fühlte er auch das Wohlthuende

ihrer Nähe, das den bösen Geist zurückdrängte der ihn beschlich, und

leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flüsterte er

das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte -- »Sadie!«

»Du bist krank, René,« sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster

drehend -- »Du siehst bleich und angegriffen aus -- laß uns zu Hause

gehen« -- setzte sie dann rasch und leiser hinzu -- »Dir wird wohler

dort, viel wohler, und -- mir auch.«

»Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,« erwiederte René lächelnd -- ein

eigenes Gefühl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor

dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten,

und das Auge der Liebe täuschte es nicht. René fühlte das auch wohl,

und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren

Fragen zu entgehen, die er fürchtete, setzte er mit lauter fröhlicher

Stimme hinzu: »nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und

leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmähte

Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär' Sünde sie von der Thür zu

weisen.«

»Ich weiß nicht von wem Sie sprechen,« sagte in diesem Augenblick eine

lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat

zu ihnen hinan -- »aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wär' es,

sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu

engagiren, daß sie nicht den _ganzen_ Abend auch nur zusehen muß, wie

sich ihre Gäste amüsiren.«

René hätte in diesem Augenblick keine erwünschtere Entschuldigung

finden können, einer ihm jedenfalls peinlichen Besorgniß, ja mehr

noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend,

bot er der Frau Belard den Arm. Diese aber, die ihm noch scherzend den

Text las über seine für sie keineswegs schmeichelhafte Unhöflichkeit,

bat er jetzt mit all jenem liebenswürdigen Leichtsinn, der ihm so gut

stand vielleicht weil er ihm so ganz natürlich war, um Verzeihung, des

begangenen Fehlers wegen, den er schon wieder gut machen wolle, wenn

sie nur eben freundlich genug sein würde ihm Gelegenheit dazu zu

gönnen.

»Hallo Sadie,« sagte in diesem Augenblick Aumama, die an ihre Seite

trat, »Du machst ja ein merkwürdig ernstes Gesicht -- bist Du schon

müde?«

Sadie schüttelte lächelnd mit dem Kopf.

»So leicht nicht, Aumama,« sagte sie leise, ihren Arm um der Freundin

Schulter legend, »und mir gefällt das Tanzen wundergut, wenn ich nur

wüßte« setzte sie wieder ernster werdend und leiser hinzu -- »ob wir

auch recht thun mit solcher Lust, und vielleicht nicht gar eine Sünde

begehen, von der wir uns selber vorlügen, daß das Ganze ja doch nur

eine unschuldige Freude sei.«

»Und was ist's sonst?« lachte Aumama, »nimm mir den Tanz, und ich geb'

Dir mein Leben in den Kauf. -- Nur die Gesellschaft -- und die Art

hier _wie_ sie's treiben gefällt mir nicht. -- Das Umfassen hemmt die

freie fröhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich

schwindlich, daß sich die Stube mit mir im Kreise wirbelt. Auch die

Wände, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob

ich draußen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und

nieder würfen. Nein, gieb mir den freien offenen Plan, die blühenden

Zweige und blinkenden Sterne über uns, die lustige Trommel zum

Einschlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele,

wie Du mich willst. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke

Dir um die Schläfe jagt, wie das Blut da durch die Adern schießt, und

zu flüssigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurückkehrt. Bah, hier der

Tanz ist kalt -- kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir

das Herz nicht erwärmen, ob sie auch blasen und Specktakel machen mit

ihren wunderlichen Instrumenten, aus Leibeskräften. Nicht einmal eine

Trommel haben sie dabei, und das nennen sie Musik.«

»Du bist ein wunderliches Mädchen,« lächelte Sadie -- »fremde Völker

haben doch auch fremde Sitten.«

»Eben deshalb sollen sie uns die unseren lassen,« trotzte Aumama --

»aber, was ich Dich fragen wollte,« setzte sie ernster hinzu -- »wer

ist das weiße Mädchen das mit René so lange tanzte, und so viel mit

ihm zu sprechen hatte?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Sadie -- »eine Fremde, glaub' ich, die von

Papara oder dessen Nachbarschaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben

wird; -- warum?«

»Mir gefiele das nicht, wär' ich wie Du,« sagte die Freundin mit dem

Kopfe schüttelnd -- »sie hat ein glattes listiges Gesicht und ihr

Blick -- ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist oft

nicht nöthig wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen.«

»Und was haben die Dir gesagt?« frug Sadie.

»Nichts was mich freute,« antwortete Aumama, »aber auch Nichts was ich

wieder erzählen möchte; man soll keinem Menschen etwas Uebles

nachreden, noch dazu auf den bloßen Verdacht hin.«

»Du bist ärgerlich auf die fremden Frauen,« sagte Sadie lächelnd,

»weil Du nicht mit ihnen umgehen kannst wie wir es gewohnt sind unter

einander; es ist wohl möglich daß Du ihnen dabei unrecht thust. Aber

René hat seitdem gar nicht wieder mit ihr gesprochen.«

»Aber auch mit Niemand Anderem,« sagte Aumama schnell -- »er stand da

am Fenster und stützte den Kopf in die Hand, bis Du zu ihm kamst.«

Sadie schwieg und sah sinnend vor sich nieder; ihr Blick haftete aber

nicht lange am Boden, sondern suchte den Gatten, in dem wilden Gewirr

des Tanzes, dem sich René wieder mit vollem Eifer hingegeben. Aber

die, nach der ihr Blick dann umherschweifte, fand sie nicht; Miß Lewis

hatte den Saal verlassen und René lachte und plauderte noch immer mit

seiner lebendigen Tänzerin, der Frau Belard.

Doch neue Gäste kamen zum Tanz, in dem jetzt gerade eine kurze Pause

eintrat, den Tänzern Gelegenheit zu geben sich an den hie und da

angebrachten und mit Früchten, Kuchen und Wein bedeckten Tafeln zu

erfrischen, und kaum schwieg die Musik, als Manche der wilden Mädchen,

froh eines lästigen Zwanges enthoben zu sein, in die Mitte des Saales

sprangen und sich dort bald von einem großen Theil der Männer umgeben

fanden.

»Kommt!« rief Eine der fröhlichen Schaar, sich jetzt wenig an die

geputzten Fremden kehrend, deren unbekannte Weisen und monotones

Drehen im Ring herum sie schon lange geärgert und ermüdet hatte,

»Komm! denn der scharfe Ton

Hat mich gelangweilt schon,

Komm!

Zuckt mir's durch Fuß und Knie,

Zuckt mir's im Herzen hie!

Komm!«

»Frieden, Wahine -- gieb Ruhe -- fort mit Dir, Mädchen!« riefen

einzelne lachende Stimmen dazwischen -- »hier ist kein Platz für Euere

wilden Tänze, wo fremde Frauen sind -- auseinander mit Euch!«

»Fort?« riefen aber Andere dazwischen, denen der wilde bekannte Laut

die Pulse schon rascher klopfen machte --

»Fort? laß sie schwatzen da,

Herzchen wir kommen ja,

Fort --

Rasch nur die Trommel her,

Stehn wir nicht müßig mehr.

Fort!«

und den Takt auf den Lenden schlagend mit ihren flachen Händen, und

singend und lachend begann die muntere Schaar, trotz dem Einspringen

einzelner Männer, die vielleicht nicht mit Unrecht fürchteten daß der

Tanz in dem Uebermuth des jubelnden Schwarmes ausarten könnte, den

wilden ~Upepehe~, den Lieblingstanz ihres Stammes.

Die neuangekommenen Gäste, zwei Marine-Officiere der ~Jeanne d'Arc~,

mischten sich gleich lachend unter die jubelnden Dirnen, die sie fast

Alle kannten, und Mad. Belard beschwor jetzt René, seinen Einfluß

aufzubieten das zügellose Volk wieder zur Ordnung zurückzubringen, was

aber mit nicht wenig Schwierigkeiten verbunden war. In der Mitte

gestört, stoben sie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Hand den

begonnenen Tanz auszuführen, und es wurde auch in der That erst dann

möglich sie wieder zu vollkommener Ordnung zu bringen, als die

Trompeten, auf Renés Zeichen, von Neuem zu einem Tanze einsetzten und

dadurch die Mädchen, die denen entgegen nicht ihren eigenen Takt

beibehalten konnten, zwangen aufzuhören.

Als die Musik nun aber, nicht wieder durch eine neue Pause neue

Störung zu verursachen, in dem begonnenen Stücke blieb, sahen sich die

letztgekommenen Officiere ebenfalls nach Tänzerinnen um. Von weißen

Damen schien aber nur noch Mrs. Noughton übrig geblieben zu sein, die

trotz allen Aufforderungen auch noch nicht einen Schritt heut' Abend

getanzt, sondern wacker an der Seite ihres eben so langweiligen

Gatten auf dem einen Canape ausgehalten hatte. Madame Belard war mit

Monsieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Capitain, und

Fräulein Susanne blieb verschwunden. Mrs. Noughton weigerte sich aber

auch dießmal mit einer steifen Verbeugung an dem Tanze Theil zu nehmen

und Einer der neugekommenen Officiere schaute eben, leicht getröstet,

im Saal umher, sich unter den anwesenden Insulanerinnen Eine

herauszusuchen, mit der er möglicher Weise im Walzer fortkäme, als er

Sadie bemerkte, deren Europäische Tracht ihm gerade nicht besonders

auffiel. Rasch auf sie zu tretend, legte er seinen Arm um ihre Taille

und sagte:

»Komm Wahine, dann wollen wir einmal versuchen wie wir herum kommen,

und halt das Köpfchen steif, daß Du mir nicht schwindlich wirst; ich

drehe Dich schon.«

René hatte sich mit Bertrand wieder zusammengefunden, und schritt eben

langsam der Stelle zu wo Sadie stand, als er sah wie sie sich in dem

Arm des Fremden sträubte und sich ihm zu entwinden suchte; der junge

Officier aber, schon seit Monden langem Aufenthalt auf den Inseln

gewohnt mit den Frauen Tahitis umzugehen, glaubte nur hier eine etwas

spröder als gewöhnliche Schöne gefunden zu haben, und rief lachend:

»Zum Teufel, mein Mädchen, stemme Dich nur nicht, ich thue Dir

Nichts;« Sadie aber war so erschreckt, daß sie nicht vermochte einen

Laut über die Lippen zu bringen und sich von dem starken Manne schon

emporgehoben fühlte, als René mit einem Sprung an ihrer Seite war, und

seine Hand mit einem Eisengriff in des Soldaten Schulter heftend, mit

vor Zorn bebender und kaum hörbarer Stimme sagte:

»Zurück da, Monsieur -- das ist mein Weib.«

»Sollst sie behalten, Kamerad,« lachte der junge, etwas rohe

Marine-Officier, »aber ein Tänzchen muß sie erst mit mir machen, davon

hilft ihr kein Gott.«

»Lassen Sie mich los, Monsieur!« rief auch in diesem Augenblick Sadie,

die durch Renés Gegenwart ermuthigt, ihre Sprache wieder gewann, und

der Officier, durch das flüssige Französisch der Insulanerin

überrascht, ließ kaum in seinem Griff um ihre Taille nach, als er sich

auch schon von dem, kaum seiner Sinne mehr mächtigen René gefaßt und

mehre Schritte zurückgeschleudert fand.

»Teufel!« schrie er, und die Hand fuhr fast unwillkührlich nach dem

leeren Degenkoppel, Bertrand sprang aber dazwischen, und der Officier

auch, sich rasch besinnend wo er sich befand, und daß er hier das Fest

nicht stören durfte, biß nur die Zähne auf einander und winkte dem,

trotzig zu ihm hinüberschauenden René ihm zu folgen. Aber andere Augen

hatten ebenfalls den Wink gesehen und verstanden, und ehe René im

Stande war sich von Sadie frei zu machen, und dem stillen aber wohl

begriffenen, ja erwarteten Ruf zu folgen, fühlte er eine Hand auf

seiner Schulter, und der Capitain der ~Jeanne d'Arc~, der gerade

zufällig mit seiner Tänzerin dort stehen geblieben, und Zeuge des

ganzen blitzesschnell in einandergreifenden Vorfalls gewesen war, bat

ihn, nur wenige Minuten auf seiner Stelle zu bleiben, bis er ihm

Antwort bringe von draußen. Dann ohne weiteres dem Officier folgend,

erreichte er diesen gerade an der Thür, faßte seinen Arm und führte

ihn mit sich hinaus.

In dem Saal war indessen für den Augenblick Todtenstille eingetreten;

die Musici, vor denen der Streit stattgefunden, hatten auch fast wie

verabredet, aufgehört zu blasen so wie die Tänzer stockten. Auch die

übrigen Gäste, wenn auch nur wenige von ihnen die Ursache des so

plötzlich aufgetauchten Streites kannten, sahen daß er schon zu weit

gegangen war, anders als mit Blut wieder gesühnt zu werden, und

standen in jener peinlichen Erwartung, dem Ausgang des Ganzen

entgegenzusehen, die wir uns wohl stets bei irgend einer nahenden

Gefahr, mag sie uns oder einen Andern bedrohen, beschleichen fühlen.

Nur die eingeborenen Mädchen, denen nicht entgangen war daß Einer der

Betheiligten den Saal verlassen hatte, glaubten damit natürlich Alles

beigelegt, und zuerst die feierliche und so plötzliche Stille um sich

her einen Augenblick erstaunt beobachtend, gewann das leichte Element

bei ihnen doch nur zu bald wieder die Oberhand.

»Hierher Waihines!« rief plötzlich die lachende Stimme Nahuihuas,

der Schwester Aumamas, mit der Lefevre schon fast den ganzen Abend

getanzt --

Schnell!

Schnell wie der gier'ge Hai

Schneidet die Fluth entzwei,

Schnell --

»Ruhe Wahine!« flüsterte es rasch um sie her, und das Mädchen schwieg

erschreckt, mitten in ihrem Gesang, als sie die ernsten finstern

Gesichter all' erblickte, die sich rasch und bestürzt auf sie

richteten.

Madame Belard wußte aber wie dieser böse Geist zu bannen sei, und dem

Orchester ein Zeichen gebend, daß jetzt rasch wieder in den

unterbrochenen Tanz einfiel, ergriff sie den Arm Renés und den halb

Widerstrebenden mit sich fortziehend, flüsterte sie leise und

dringend:

»Ei, Sie ungezogener Mensch, den eine Dame zum Tanz förmlich mit

Gewalt _zwingen_ muß. Sie haben mir meinen Tänzer fortgejagt, und sind

jetzt auch verpflichtet dessen Stelle zu übernehmen. Ueberdieß fühlen

Sie denn nicht daß Alles auf Sie achtet?« setzte sie leiser hinzu.

»Machen Sie wieder gut was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den

Leuten daß Sie gar nicht daran denken Skandal anzufangen!«

René fühlte mehr wie er verstand, daß sie recht hatte; einen Blick

nach Sadie zurückwerfend, die er jetzt in Bertrands Schutz sah, kam

ihm auch die Erinnerung an das Vergangene, und sich zu seiner

liebenswürdigen Tänzerin niederbiegend bat er leise:

»Vergebung, theuerste Frau, Vergebung für den fatalen Auftritt den

ihnen hier meine Hitze bereitet, aber -- «

»Ich weiß Alles,« beruhigte ihn Madame Belard, »ein Mißverständniß nur

-- ruhig Monsieur, Sie sollen mir nicht wieder hitzig werden und

aufbrausen, so lange _ich_ jetzt in Ihrem Schutze bin -- ein

Mißverständniß war die ganze Ursache, der junge Officier, der Sie gar

nicht kannte, kann nicht die Absicht gehabt haben Sie oder Sadie

wissentlich beleidigen zu wollen, und würde vielleicht eben so leicht

daran denken sich einen Finger abzuschneiden, als Streit zu suchen

hier bei mir.«

»Aber er hat -- «

»Ich weiß ja Alles,« unterbrach ihn wieder Madame Belard, in

gutmüthiger Ungeduld mit dem Kopf schüttelnd, als sie zum Ausruhen

abgetreten waren und Nichts als eingeborene Frauen um sich sahen, die

nicht verstanden was sie sprachen. »Er hat Ihre Frau nach _unseren_

Begriffen von dem was sich schickt und gehört, beleidigt, und wäre das

auf einem Europäischen Ball vorgefallen, so könnte nichts anderes als

Degen oder Pistol den Streit entscheiden; hab' ich recht?«

»_Wäre_ das?« wiederholte René erstaunt -- »und ist das nicht hier, bei

_meiner_ Frau genau dasselbe?«

»Nein, nein und abermals nein!« sagte aber Madame Belard ungeduldig;

»nach Insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit -- «

»Aber meine Frau ist -- «

»Eine Insulanerin, Sie mögen's drehen und wenden wie Sie wollen; und

wenn sie eine Ausnahme macht von den übrigen, von denen sie allerdings

wie Tag und Nacht verschieden ist, so liegt der doch nicht auf der

_Haut_ zu Tage, und das junge fröhliche Stück von einem Officier, das

in seinem Uebermuth, von den Schiffsbanden auf einen Abend frei zu

sein, nur hier herein springt, sich, wie es keine weiße Tänzerin

bekommen kann, nach dem schönsten Indianischen Gesicht umschaut und

da aus Versehen gerad' auf _Ihre_ Frau trifft, hätte eben so gut

vermuthen können einen Neger in weißer Haut zu finden, als eine

Indianerin, die sich so ganz ihrer eigenen Sitten entschlagen, und

Europäischen Gebräuchen mit ihrer Sprache und Haltung zugewandt hat.«

»Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das schon von vorn herein

verrathen.«

»Als ob Ihr Männer überhaupt je sähet womit sich eine arme Frau

herausgeputzt hat, diesen Herren der Schöpfung zu gefallen,« spottete

die junge Frau halb im Scherz halb im Ernst; »entweder Ihr mustert

ganz genau und auf das peinlichste, immer dabei Eueren schlechten

Geschmack bewährend, oder Ihr wißt nicht einmal ob wir Seide oder

Cattun getragen, wenn wir Stunden lang in Euerer Gesellschaft gewesen

sind -- Gott ist der Mensch grob,« seufzte sie dann nach einer kleinen

Pause, als René schwieg und vor sich nieder schaute, mit komischem

Ernst; »handgreiflich leg' ich's ihm in den Weg, und nicht eine kleine

unbedeutende Schmeichelei sagt er mir dafür.«

»Liebe Madame Belard,« bat René.

»Ich bin schon wieder gut,« lachte die kleine Frau, »aber René,«

setzte sie ernster, und einen Blick umherwerfend ob sie Niemand

überhöre, hinzu -- »seien Sie auch vernünftig, setzen Sie sich über

eine kleine Vernachlässigung Ihres sonst so lieben Weibchens eher

einmal hinweg, als Sie es nöthig hätten wenn sie -- eben von --

unserer Farbe wäre. Der Fremde kann nun einmal unsere

Privatverhältnisse nicht so leicht durchschauen, und wird der

_farbigen Eingeborenen_ nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit

zollen, als ob sie ihm ebenbürtig wäre.«

»Und ist sie das nicht?« rief René erstaunt, und Madame Belard biß

sich auf die Lippen; sie zögerte augenscheinlich mit einer Antwort,

die sie sich scheute gerade auszusprechen.

»Lieber René,« sagte sie endlich nach einer kleinen Pause mit

wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie sie bis jetzt noch nie zu ihm

gesprochen, »Sadie ist ein liebes herziges Kind, eine Frau die man

lieber gewinnt mit jedem Tag, und ihre ganze Seele liegt in ihrem

Blick, aber -- «

»Aber? Madame Belard?«

»Sie haben sich mit ihr die Rückkehr in die Heimath abgeschlossen,«

setzte die kleine Frau endlich entschlossen hinzu -- »Sie haben sich

auf Ihre Bambushütte und den Meeresstrand beschränkt, und -- ich weiß

nicht ob Sie daran gut gethan haben.«

»Und paßt Sadie nicht in jede Gesellschaft?«

»Ja -- aber die Gesellschaft paßt nicht für sie;« lautete die rasche

Antwort; »wenn sie von der Gesellschaft als das aufgenommen würde was

sie wirklich ist, in all' ihrer Anmuth und holden Weiblichkeit, keine

andere Frau könnte höher stehen, aber wir leben nun einmal in einer

Welt von Vorurtheilen, und -- können nicht durch die Wand mit dem

Kopf.«

»Aber ich will von der Welt Nichts mehr -- mir genügt das Glück das

ich besitze -- sie sollen mir das nur unverkümmert lassen.«

Madame Belard schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

»Sie kennen sich selber nicht, Delavigne, und sind hier in

Verhältnisse gekommen, die Sie noch nicht übersehen können; gebe Gott

daß ich unrecht habe, aber Sie passen so wenig zu dem thatenlosen

Leben dieser Inseln wie -- ich, und ich will auch meinem Gott danken,

wenn Monsieur Belard einmal ebenso denken lernt und die Segel wieder

heimwärts setzt.«

»Und was sollte mich hindern ebenfalls nach Hause zurückzukehren?«

frug René, doch sein Auge suchte dabei den Boden als er sprach, und

nur als Madame Belard gar nicht antwortete sah er auf, und vor ihm

stand, mit einem eigenen Lächeln auf den zarten Lippen, _Susanne_;

aber ohne ihn anzureden schüttelte sie nur leise und wie mißbilligend

mit dem Kopf und schritt langsam der Stelle zu, auf welcher sich Herr

und Madame Brouard eben zum Fortgehen anschickten. Ihm blieb jedoch

keine Zeit weiter, denn durch die Tänzer schritt der Capitain der

~Jeanne d'Arc~, und mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen Madame

Belard René's Arm ergreifend, führte er ihn mit hinaus in's Freie, wo

die kühle Seeluft seine heiße Stirn fächelte, und die Sterne gar

freundlich und traut auf sie herniederschienen.

»Mr. Delavigne,« begann er hier, freundlich des jungen Mannes Hand

fassend und drückend, »es ist zwischen Ihnen und einem meiner

Officiere ein mir höchst fataler, ja schmerzlicher Fall vorgekommen.«

»Ich stehe dem Herrn mit Vergnügen jeden Augenblick zu seiner

Genugthuung bereit,« erwiederte René ruhig.

»Ich weiß das, ich weiß das,« beseitigte es der Capitain -- »aber die

Sache ist, daß Sie Beide recht und Beide unrecht haben.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte René.

»Ich will mich deutlicher erklären,« fuhr der Capitain fort; »Sie sind

selber zu gut mit den hiesigen Verhältnissen bekannt, als daß ich

nöthig hätte Ihnen den Standpunkt anzugeben, auf dem die Indianischen

Mädchen den Europäern gegenüber stehen; Sie müssen den geringen

moralischen Zwang kennen, den sich beide Theile hier auferlegen, und

Monsieur Rodolphe konnte keine Ahnung haben, daß Eine von Tausenden

eine solche Ausnahme ihres Geschlechts hier machte.«

»Er ist vollkommen gerechtfertigt Genugthuung zu verlangen,«

erwiederte René, dem es weh that das Geschlecht der Indianer so

herabgewürdigt zu sehen; doppelt weh vielleicht weil er fühlte wie

viel Wahrheit das Gesagte enthalte.

»Tollköpfiges Geschlecht,« murmelte der Capitain, den Kopf ärgerlich

herüber und hinüber werfend, »aber Ihr sollt Euch nicht schießen,

Mann, Ihr sollt Euch mit einander vertragen, und einsehen daß Euch

Gott Euere gesunden Glieder gegeben hat, sie zur Ehre Eueres

Vaterlandes einzusetzen, wenn's Noth thut, aber nicht da in die

Schanze zu schlagen, wo es nur eines offenen Wortes zwischen beiden

Theilen bedarf, sich zu überzeugen daß Beide unrecht hatten.«

»Monsieur Rodolphe wird schwerlich, nach dem Vorhergegangenen, das

erste Wort zum Frieden bieten,« sagte René vor sich hin.

»So thun _Sie_ es, Delavigne,« rief der Capitain.

»Ich? -- nie« -- zischte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen

durch -- »er hat mein Weib beleidigt und jeder Andere hätte wie ich

gehandelt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Versöhnung reichen,«

setzte er finster hinzu, »wenn Monsieur Rodolphe mit mir zu Madame

Delavigne geht, und die Dame dort, der begangenen Rohheit wegen, um

Entschuldigung bittet. Sie wissen selber Capitain, daß nach unseren

Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt.«

»Aber Delavigne, das würde bei -- das würde bei -- das würde in Europa

nöthig sein, aber hier -- «

»Und sind unsere Gesetze der Ehre hier anderer Art?« frug René ihm

scharf dabei in's Auge schauend.

Capitain Sinclair biß sich auf die Lippen -- er konnte Nichts darauf

erwiedern wenn er René nicht kränken und einen zarten, höchst

schwierigen Punkt berühren wollte; aber er wußte auch daß sich

Rodolphe gerade wieder _seinen_ Begriffen von Ehre nach, einer

Insulanerin gegenüber, deren Ehen mit den Weißen als viel zu leicht

und zu wenig bindend angenommen wurden, nie dazu verstehen würde.

Es blieb da weiter keine Wahl, und tief aufseufzend und ärgerlich sich

abdrehend sagte der Capitain, der gern das Aeußerste vermieden hätte,

aber die Unmöglichkeit auch einsah:

»So macht was Ihr wollt; schießt Euch beide ein paar Kugeln durch die

Jacken -- so sind ein paar Tollköpfe weniger auf der Welt -- aber ich

will mit der ganzen Sache Nichts weiter zu thun haben -- Nichts davon

wissen -- die Folgen über Euch!«

Er kehrte raschen Schrittes in das Haus zurück, von der anderen Seite

aber näherte sich dem jungen Mann ein Marineofficier und sagte

höflich:

»Monsieur Delavigne, wenn ich recht bin?«

»So ist mein Name.«

»Sie wissen, was -- «

»Ich stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»An wen wünschen Sie daß ich mich wende?«

»Lieutenant Bertrand wird so freundlich sein -- «

»Ah -- besten Dank, Monsieur, und guten Abend.«

Mit höflichem Gruß trennten sich die beiden Männer, und René folgte

dem vorangegangenen Capitain, Bertrand in Kenntniß zu setzen und um

seinen Beistand zu bitten, und seine Frau nach Hause abzuholen. Der

Abend war ihm verleidet worden gegen weitere Lust und Freude.

Unbemerkt, wenigstens unbeachtet hatte er dabei gehofft den Saal

wieder betreten zu können, Madame Belard schien ihn aber schon in

Angst und Sorge erwartet zu haben, und seinen Arm ergreifend führte

sie ihn den Saal entlang.

»Was haben Sie gethan?« flüsterte sie dabei, »Sie wilder Mann; und die

arme Frau sitzt da drin und weint und sorgt und grämt sich, und weiß

-- ahnt noch nicht einmal das Schlimmste.«

»Wo ist Sadie?« frug René leise, sich im ganzen Saal vergebens nach

ihr umschauend.

»Auf meinem eigenen Zimmer -- ich führe Sie dorthin.«

»Nur einen Augenblick, Madame,« bat René, »ich habe nur einem Herrn da

drüben zwei Worte zu sagen; entschuldigen Sie mich nur einen Moment,

ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

»Und so soll es doch zum Aeußersten getrieben werden?« flüsterte

erbleichend Madame Belard.

René zuckte die Achseln -- aber Bertrand, ebenfalls im Begriff den

Saal zu verlassen, stand nur wenige Schritte von ihm entfernt --

wenige Worte leise geflüstert, genügten -- sie drückten einander die

Hand, und René eilte rasch zu seiner ihn ängstlich erwartenden

Führerin zurück.

»Was Ihr für entsetzliche Männer seid,« sagte sie dabei, als sie den

Saal verlassen hatten und die Treppe hinaufstiegen, der höher

gelegenen Wohnung zu -- »mit kaltem Blut verabreden sie da einander zu

morden oder zu verstümmeln, und machen sich weiß dabei daß es nöthig,

unumgänglich nöthig wäre. Guter Gott wie wird das jetzt enden. -- Aber

da gehen Sie hinein, und gehen Sie zu Haus mit ihr, so rasch Sie

können -- sie sehnt sich zu ihrem Kind, und ich möchte mich selber

hinsetzen und weinen, wenn ich daran denke wie das arme süße Wesen,

das hier Kummer und Sorge trägt unverschuldet, von mir eingeladen war

sich zu amüsiren, und jetzt zu Hause geht, das Herz voll zum

Ueberlaufen von Wehmuth und Leid. Sie dürfen mit ihr hier auf Papetee

nicht mehr unter weiße Männer gehen, René, oder Sie können der armen

Frau noch selber das Grab hier graben auf der fremden Insel.«

Und damit, ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, öffnete sie

die Thür ihres Zimmers, ließ René eintreten und kehrte dann selbst zu

ihren Gästen zurück, dort keinen Verdacht zu erwecken daß irgend etwas

Außerordentliches vorgefallen sei, was den Frohsinn hätte stören

dürfen.

Capitel 7.

#Unterwegs.#

René betrat rasch das kleine sonst so freundliche jetzt aber nur von

einer einzigen düster brennenden Lampe kaum erleuchtete Gemach -- eine

eigene Angst, über die er sich eigentlich keine Rechenschaft zu geben

wußte, preßte ihm das Herz zusammen, und nur zum Theil beruhigte es

ihn, als ihm Sadie entgegen kam und beide Hände für ihn ausstreckte.

Er zog sie leise an sich, und sie schmiegte ihr Köpfchen fest, fest an

seine Schulter, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen Laut

auszustoßen.

»Arme Sadie,« flüsterte er leise, und küßte sie auf die heiße glühende

Stirn -- fester drückte sie sich an ihn, aber sie athmete kaum, und

René fühlte wie sie in seinem Arm zitterte.

»Wir wollen zu Hause gehen, mein süßes Lieb,« sagte er flüsternd zu

ihr niedergebeugt, und sie nickte heftig an seiner Brust, aber ohne zu

reden -- das Herz war ihr so voll -- so voll und so weh. Schweigend

nahm er seinen Hut, den Madame Belard schon für ihn zurechtgestellt,

und seinen Arm um ihre Schulter legend, sie zu stützen zugleich und zu

führen, verließ er mit ihr das erleuchtete, Luft und Leben athmende

Haus, durch eine Hinterthür das Freie suchend, da vorn, den hellen

Fenstern gegenüber, hundert von Eingeborenen standen und lagen, den

Tönen der Instrumente, den wunderlichen Melodien lauschend, bis hie

und da eine Aehnlichkeit im Takt durch die Glieder Einzelner zuckte,

und sie zum Tanz antrieb aus freier Hand, mitten auf der Straße

draußen.

Durch den Garten, unter den thauigen Bananen und Orangen schritten sie

hin, langsam und schweigend den schmalen Pfad entlang, auf den der

Mond nur mühsam durch Palmenkrone und Brodfruchtwipfel einzelne seiner

Strahlen konnte niederwerfen. Eine schmale Pforte führte auf die

äußere Straße, und dieser folgend erreichten sie bald den düsteren

Palmenhain, der vom Fuß der Hügel ab bis dicht an den Strand reichte

und von dessen Wellen selbst seine Wurzeln bespühlen ließ.

»Du solltest Dich freuen an unseren Sitten und Vergnügungen,« sagte

endlich René leise, als sie schon lange schweigend neben einander

hingeschritten und René nur ängstlich bemüht gewesen war, die dicht an

ihn angeschmiegte Gestalt des jungen Weibes vor allen Unebenheiten des

Weges zu bewahren. »Du solltest tanzen und fröhlich sein, und hast nur

Schmerz dort gefunden und Herzeleid.«

Sadie wollte sprechen; René fühlte wie sie sich von seinem Herzen halb

emporrichtete, aber es war auch als ob ihr die Kraft oder das Wort

dazu fehle.

»Bist Du mir böse, Sadie?« sagte René endlich nach langer Pause, und

suchte dabei ihr Antlitz zu sich emporzuheben.

»Nein René,« flüsterte die Frau leise und schüttelte langsam den Kopf

-- »nein, nicht böse -- aber -- aber eine Bitte hätte ich an Dich.«

»Und nenne sie mein Herz.«

»Du warst so glücklich in Atiu« -- fuhr Sadie nach kurzem Zögern fort,

-- »kein Schmerz, kein Weh drohte unseren Frieden zu stören. Dort --

waren keine weißen Männer und Frauen weiter,« fuhr sie mehr Muth

gewinnend, aber doch immer noch schüchtern fort, »dort warst Du Einer

der Unseren geworden, Alle hatten Dich lieb, und ich selbst -- war ein

Kind des Bodens und fand dort meine Heimath. Hier sind wir fremd, und

der Charakter des Landes ist, durch _Deine_ Landsleute, wie auch

durch die Engländer ein anderer geworden. Die weißen Menschen dünken

sich besser in ihrer Farbe,« fuhr sie wieder leiser fort, »als wir,

denen die Sonne dunklere Haut gegeben. Sage mir Nichts dagegen, René,

ich _weiß_ es, und so weh es mir thut, ich wollte es gern ertragen um

_Deinetwillen_ -- wenn ich nicht eben _Deinet_willen Dich bitten müßte

wieder mit mir fort von hier zu ziehen.«

»Meinetwillen, Sadie?« sagte René, aber es war ihm nicht Ernst mit der

Frage und Sadie wußte es.

»Wenn Du es nicht selber _fühlst_, René,« sagte sie traurig, »mit

Worten kann ich es Dir nicht beschreiben; ich kann Dich auch nur

versichern daß ich die Ueberzeugung habe wie wir Beide recht, recht

unglücklich werden würden, wenn wir hier blieben.«

»Aber mein Geschäft,« sagte René.

»Trägt nicht die Cocospalme Milch im Ueberfluß,« bat Sadie, sich

fester an ihn schmiegend, »hängt nicht die Brodfrucht voll und reif am

Zweig, und die Orange bietet Dir die Frucht, indem sie ihre duftenden

Blüthen auf Dich niederschüttelt; hast Du nicht mich -- Dein Kind? --

liegt nicht der Frieden Gottes auf jenem stillen kleinen Inselreich,

das Seine Huld mit Allem ausgestattet was lieb und schön und gut und

fruchtbar ist? Sieh René,« setzte sie lauter, fester hinzu, »ich habe

Alles gethan was Du von mir verlangt; ich habe mir Deine Sitten

angeeignet, so weit es in meiner Macht stand, ich trage Euere

Kleidung, ich spreche Euere Sprache, ich habe mein Herz Dir gegeben,

Dir, nur Dir allein -- und meinem Kind. Nur -- nur die Farbe konnt'

ich nicht ändern, die Gott meiner Haut gegeben -- ich bin ein Kind

dieser Inseln, und als solches hast Du mich lieben gelernt, und zu

Deinem Weib genommen. Aber meine Schwestern hier auf Tahiti sind

anderer Art -- nicht mit so treuer Sorgfalt erzogen wie ich, leben sie

meist wüst und wild in den Tag hinein -- und Deine Landsleute tragen

viel die Schuld. Du hast heute erfahren in welcher Achtung die

Insulanerin bei ihnen steht -- willst Du noch länger Zeuge sein wie

sie mich kränken und niederdrücken? -- und doch hast Du nicht den

zehnten Theil von dem gesehen was mir wie Messer in die Seele schnitt,

nicht die kalten verächtlichen Blicke einzelner Frauen -- nicht die

leichtfertigen Worte gehört, die mir, heimlich oft, oft ohne Furcht

und Scheu in die Ohren geflüstert wurden, und das Blut in die Wangen

jagten. _Ich_ gehöre nicht unter jene Menschen, ich passe auch nicht

für sie, sie nicht für mich, und willst Du hier bleiben auf Tahiti,

magst Du Dich nicht trennen von dem jetzt vielleicht lieb gewonnenen

Leben, so laß mich daheim bei meinem Kind, René, dorthin gehör' ich,

den Platz füll' ich aus, und unsere Hütte mag Dir selber eine Heimath

werden -- aber Atiu wird es uns doch nie ersetzen. -- O zögest Du

zurück, René.«

René erwiederte Nichts; schweigend schritten sie neben einander hin,

und tolle Bilder zuckten ihm durch Sinn und Hirn, denen er nicht Form,

nicht Deutung zu geben vermochte. Das geschäftige, wenn nicht

gesellige Leben Papetees war ihm schon theilweis zum Bedürfniß

geworden, dem er nicht gern entsagen, das er sich aber noch weit

weniger gestehen mochte, und doch auch wieder fühlte er in

unbestimmter Ahnung die Gefahr, die seiner häuslichen Glückseligkeit

hier drohen könne. Er sah sich in Kampf und Streit mit Europäern, von

den Indianern angefeindet seiner Religion und Abstammung, von den

Europäern verachtet seiner Heirath wegen, und durch das Alles, wie ein

blendender neckischer Strahl, zuckte das weiße, wunderschöne Antlitz

des fremden Mädchens, das kalt und höhnisch auf ihn niedersah und

seiner Angst und Qual da unten nur zu spotten schien. _Jetzt_ gerade

sollte er Papetee verlassen, wo sie hier erschienen war, daß sie wohl

gar nachher sich rühmte, er sei vor ihr geflohen? -- bah -- was war

sie ihm? -- ihre Schönheit konnte ihn nicht locken, Sadie war schöner

-- und ihr Geist? -- ihr fehlte die milde Weiblichkeit die der

Geliebten jenen unendlichen Reiz verlieh. -- Und ihre Farbe -- blindes

thörichtes Menschenvolk, den Werth eines Herzens nach der Schaale oder

Farbe zu schätzen, und die süße Frucht gar deshalb zu verachten, weil

sie von der Sonne etwas mehr gebräunt. Und doch war gerade das jetzt

dem jungen ehrgeizigen Mann ein bitteres schmerzliches Gefühl, _daß_

sie mit jenem kalten Lächeln auf ihn niedersehen _konnte_; der Gedanke

wurde ihm zur Qual, und ein Seufzer hob seine Brust. Es war zum

_ersten_ Mal der Wunsch daß die Geliebte seiner Farbe wäre, und Sadie

hörte und verstand den Seufzer, denn sie senkte das Köpfchen und

schritt lautlos neben ihm hin.

So erreichten sie den stillen freundlichen Platz der ihre Heimath war,

das matte gedämpfte Licht das aus dem einen verhangenen Fenster quoll,

beleuchtete den Schlaf ihres Kindes, die Palme die ihren breiten

Wipfel darüber hing, rauschte leise und feierlich, und es war als ob

sie dem Schlaf des Lieblings lausche und ihm bunte freundliche Träume

zuflüstere über sein kleines Bett.

Fast unwillkürlich blieben die beiden Gatten stehen, und wie ihr Blick

auf dem friedlichen Dache ruhte, das ihnen das Theuerste umschloß, als

René der tausend glücklichen, seligen Stunden gedachte, die er schon

dort mit seinem trauten Weib verlebt, und nun auch die frühere Zeit

-- die erste Zeit seiner Liebe, seiner Hoffnungen, des errungenen, so

schwer errungenen Glücks in vollen lebendigen Farben emporstieg vor

seinem inneren Geist, wie er damals den Augenblick gesegnet in dem er

dieses Paradies zuerst betrat, da überkam ihn ein recht weiches,

reuiges Gefühl, und sein Weib, sein treues braves Weib fest an sich

ziehend, preßte er seine Lippen an ihre glühende Stirn, und das

Liebeswort »Sadie« erstarb in dem langen, heißen Kuß.

»Komm,« flüsterte sie endlich, und entzog sich leise seiner Umarmung

-- »komm!« und seine Hand ergreifend, führte sie den Gatten an das

Bett des Kindes.

Oh wie so süß der kleine Liebling ruhte; die Lampe, von einem breiten

Bananenblatt verdeckt, warf nur den matten grünen Schein über den

schlummernden Engel hin; die langen seidenen Wimpern lagen voll und

dicht auf den von Schlaf gerötheten blühenden Wangen, und ein liebes

herziges Lächeln spielte um die fein und zart geschnittenen Lippen.

Engel flüstern mit dem Kind, wenn es im Schlafe lächelt, und das

Mutterherz sieht des Schutzgeistes Fittiche ausgebreitet über dem

Liebling.

Komm lieber Leser, komm -- siehst Du die Gruppe dort, das Herz des

Weibes an des Mannes Brust, Mutter- und Vaterliebe dem Schlaf der

Unschuld lauschend und Gottes Segen niederflehend auf das Haupt des

schlummernden Kindes? -- Und darüber die rauschende Palme, das Bild

des Friedens? um sie her aber den stillen rauschenden Wald, und der

Sterne blitzende Schaar die Zeugen des erneuten Bundes? -- komm,

leise, leise daß Du es mir nicht störst, das freundliche Bild. --

Wohin? -- nach dem Strand führ' ich Dich -- hörst Du die Brandung

rauschen über die Riffe hin? -- sie donnert ihre alte ewige Weise

unverdrossen fort, aber doch heimlicher, ruhiger heut' Nacht, als ob

sie selber sich scheue den heiligen Frieden zu stören, der auf der

wunderschönen Insel ruht, und wie des Mondes Scheibe dort oben über

den Gebirgshang herübersteigt und sein Licht über die See gießt,

blitzt ihm die Brandungswelle im weiten silbernen Streif den Strahl

zurück. Komm, dort unten liegt mein Canoe, und jenes freundliche Licht

leuchtet uns auf unserer Bahn. So, steig nur ein und fürchte sein

Schwanken nicht, der Luvbaum schützt es vollkommen vor jedem

Umschlagen, jeder weiteren Gefahr, und durch die Corallenriffe hin

steuere ich Dich in dem scharfgebauten Kahn über das Mond beleuchtete

Wasser anderen, wenn auch nicht so friedlichen Scenen zu.

Klares Wasser unter uns -- tief, tief liegt es dort unten in

»purpurner Finsterniß« und lichte glühende Punkte ziehen und blitzen

durch die geheimnißvolle, dem Menschenauge noch unerschlossene Welt.

Dort unten baut der Korallenbaum nach rechts und links hinüber seine

Wälle und Dämme, gegen die Jahrtausende die wilde Brandung schlägt,

und im Innern dort hat er sich sein stilles Haus gebaut und sein

cristallenes Dach gewölbt, und jetzt bei Nacht entzündet er die grünen

Lichter alle, und wie ein Feeendom blitzt es und strahlt's zu Dir

hinauf.

»Die Sterne, wenn sie alt werden und sterben, fallen sie in's Meer,«

sagt Dir der Indianer, »und dort feiern sie ihre Wiedergeburt und

tanzen und werden wieder jung« -- aber glaub's ihm nicht; tief unten

in dem Corallenwald, dessen eng und dicht verschlungene Zweige

neidisch das ihnen anvertraute Geheimniß wahren wollen, tanzt das

fröhliche Nixenvolk, das eigene Haar von blitzendem Licht

durchflochten, den frohen Reigen, huscht unter den Bäumen hin, herüber

und hinüber, und fährt hinauf und hinunter oft wie ein zündender

leuchtender Strahl. Und der träumende Fischer oben, der in seinem

Canoe liegt und staunend niederschaut in die ihm fremde wunderbare

Welt, sieht die Lichter und folgt ihrem Zucken und Schießen mit den

Augen, und glaubt auch manchmal daß er unter, neben sich -- doch nein,

hätt' er die Geister wirklich je belauscht, er würde nie zum Strande

wiederkehren; nur an der Schwelle darf er stehen, wie die Natur uns

Alle auf der Schwelle läßt, und keinen Blick erlaubt in ihr geheimes

wunderbares Wirken.

Weiter -- schau nicht zu lang hinab, Dich schwindelt; und siehst Du

den lichten Streif da drüben, der schon zweimal herüber und

hinüberschoß, und dort zu Hause scheint, wo der Corallenhang die

weiten Arme aufwärts wirft -- das ist ein Hai, der unserem Kahne

lauernd folgt -- ein Wächter seinen Gebietern da unten.

Sieh, am Bug kräuselt und zischt die Fluth und aus dem silberglühenden

Schaum blitzt sie Diamanten gleich funkelnde knisternde Lichter aus

über das ruhige Wasser, auf dem sie eine Weile rasten und dann

zerfließen. Mehr und mehr schwindet das Ufer zurück, und wir sehen den

Schatten der Palme nicht mehr in der klaren Fluth, wie sie den Wipfel

weit weit hinüberreicht sich zu spiegeln, und Morgens die Thautropfen

niederzuwerfen in ihr eigenes Bild. Der Berg mit seinen gewaltigen

Umrissen tritt massenhaft hervor, und links von uns donnert und

schäumt die Brandung und springt höher empor, und rollt lauter und

heftiger, als ob sie sich unserem Nahen widersetzen und uns

zurückscheuchen wolle aus ihrer Nähe.

Dicht an der Corallenbank hin gleiten wir -- so dicht, daß wir mit dem

Ruder die hochaufzackenden starren Zweige berühren und Seeigel und

Stachelei in ihren schimmernden strahligen Betten im matten

Phosphorschein können liegen sehen -- schärfer kräuselt das Wasser am

Bug und einen Gluthstreifen zieht hinter dem Canoe die aufgerührte

Welle. Weiter -- von düsterer Nacht gedeckt, auf dem der Mond wie ein

Silberschleier liegt, und nur den eigenen Strahl zurückzublitzen

scheint, dehnt sich das waldbewachsene Ufer aus an unserer Rechten,

mit seinen dunklen Orangen- und Guiavenschatten, seinen

fächerblätterigen Pandanus und wehenden Palmen.

Weiter -- die aufgescheuchte Möve, die im raschen Kreisschwung über

die Fluth streicht stößt nieder nach dem dunklen Schatten des Canoes,

flattert zurück, kehrt wieder, und abschweifend in weitem gewaltigen

Bogen verschwindet sie in dem dämmernden Zwitterlicht, und nur der

scharfe Schrei tönt noch aus dunkler Ferne zu uns her, die Bahn

verrathend der sie jetzt folgt.

Sieh wie düster das Vorgebirge sich da hinauslagert in See, einem

riesigen Ungeheuer gleich das vom Gebirge niedergestiegen und sich

hier hineingeworfen in die klare Fluth, die heißen Flanken zu kühlen

und den lechzenden Schlund -- und das Brausen des Wassers -- ist es

doch fast als ob das schwere Athmen des Kolosses herübertöne in langen

gewaltigen Pausen.

Daran hin gleitet der Kahn; so dicht -- durch die Palmen am Ufer

kannst Du das südliche Kreuz erkennen, wie es sich um des Südpols Axe

dreht -- und dort drüben die Lichter? dort liegt die Grenze unserer

Poesie -- die Compaßlichter sind's der im Hafen ankernden Schiffe, und

in den offenen Luken liegen eherne Feuerschlünde, wie schlafend jetzt

im Bau, jeden Augenblick aber bereit die eisernen Todesboten

hinüberzusenden an diese stillen Ufer.

Unter jenem stolzen Schiff fahren wir hin -- der Talbot ist's -- und

der Mann dort, der das Kinn auf den Arm gestützt, träumend nach uns

herüberschaut der wachthabende Matrose, der schon lange das nahende

Boot beobachtet hat, und heimlich den Kopf schüttelt was die stillen

Ruderer hier draußen in der Bai thun so spät in der Nacht. Wie stolz

und symmetrisch die Masten, mit ihrem spinnewebartigen Gewirr von

Tauen und Stagen scharf und klar abzeichnen gegen das hellere

Firmament, und wie leicht und elastisch der stattliche Bau auf dem

Wasser ruht, der Möve gleich die schlummernd die weiche Woge gesucht,

sich in Schlaf zu schaukeln durch die stille Nacht.

Und da drüben? -- der schlanke wespenartige Bau kündet ein anderes

Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~, bedroht wie es fast scheint von dem

Talbot hier und dem Vindictive da drüben, jenem gewaltigen Koloß, der

die Mündungen seiner Kanonen auch hier herüber gerichtet hält; aber

die Zähne gerade so weisend wie der stärkere Feind und mit

entschlossenem Trotz liegt die Corvette still und ruhig in so

gefährlicher Nachbarschaft, und mit der Morgensonne grüßt nicht

rascher der erste Strahl die stolzen Flaggen Albions, als ihre drei

Farben lustig im Winde flattern.

Welch ein eigenes wunderliches Bild in der Fluth da unten, wie die

Schatten der dunklen Raaen herüber und hinüberziehen, und die Sterne

ihr Bild daneben suchen in dem unheimlich düsteren Wasserspiegel.

Horch auf dem Kriegsschiff tönen die Schläge einer Glocke, »sechs

Glasen« schlägts, es ist elf Uhr, und kaum hat die Glocke der

Ankerwinde, vorn auf dem Vorcastle des Vindictive dem Compaßschlag

geantwortet, als in rascher Reihenfolge, die ~Jeanne d'Arc~ mit dem

Talbot zu gleicher Zeit, und nach ihnen alle Schiffe in der Bai die

Stunde schlagen. Alles ist wieder still und ruhig wie vorher, so

lautlos liegt die Nacht auf dem kaum athmenden Meer, daß man den

Schritt der einzelnen Wache auf dem nächsten Deck des französischen

Kriegsschiffs deutlich hört, und das leichte Summen einer heimischen

Melodie tönt leise, mit dem regelmäßigen Gang, zum Takt über das

Wasser. Da beginnt noch ein Schiff die versäumte Zeit langsam

nachzuschlagen -- die französische Schildwacht lacht, und zählt, mit

Singen einhaltend, die schläfrigen rauhen Schläge einer gesprungenen

Glocke.

Von dort her kommen sie, von dem Wallfischfänger der gerade in unserer

Bahn liegt, und der Mann der die Wacht hatte schlief so sanft in Lee

vom Boot und träumte so süß, als das Schlagen der Glocken wieder und

immer wieder zu ihm herübertönte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs

-- erst fein und dann tief -- er zählte sie von _allen_ Schiffen, und

als wieder Alles still und ruhig geworden, und er in seinem Halbschlaf

lange gewartet hatte daß die klappernden Töne seines eigenen faulen

Schiffes, der einst so rüstigen ~Kitty Clover~, wie immer den Nachtrab

aufbringen sollte, da erst fiel es ihm ein daß er selber heute das Amt

habe die alte lebensmüde Glocke sprechen zu machen, und mit einem

leise gemurmelten Fluch suchte er sich zusammen, stand auf und den

Klöppel anziehend daß er im Mißton sechsmal gegen die geborstene Seite

dröhnte, brummte er bei jedem traurigen Schlag:

»Verdamme Dich -- altes -- geborstenes -- klapperndes -- schnarrendes

-- Lärmeisen Du! S'ist ein Skandal für die ganze Nachbarschaft,«

setzte er dann knurrend hinzu, als er den Lagerplatz wieder suchte

unter dem Boot, den Mondstrahlen wenigstens aus dem Weg zu gehen, und

nicht aufzuwachen am andern Morgen mit geschwollener Physionomie.

Der Mond fällt jetzt voll und licht gegen die Flanke des schmutzigen,

von Rauch und Theer geschwärzten, thranigen Fahrzeugs der ~_Kitty

Clover_~ -- die Segel die gestern zum Trocknen gelöst worden, hängen

halbaufgegeit, die breiten Theerstreifen der Reefer zeigend[H] an den

Raaen; die kurzen Masten mit dem breiten Sitz für den Ausguck darauf,

die Boote aufgezogen und mit Cocosblattmatten dicht bedeckt, die heiße

Sonne über Tag davon abzuhalten, das zerfetzte Kupfer am Bug, das

Zeichen einer langen Reise, Alles kündet das Geschäft des

Wallfischfängers, und doch liegt er hier träge und faul, mitten fast

in der guten Jahreszeit, zu ruhen und träumen, statt im Norden oben

den Fischen aufzulauern und seinen Rumpf zu füllen.

Dicht unter seinen Krahnen gleiten wir hin, und freier dehnt sich die

Bai hier vor uns aus. -- Siehst Du da drüben die kleine Palmen

bewachsene Insel, links der Einfahrt zu? -- ~Motuuta~ ist's, der

Königssitz der Pomaren, der stille Zeuge ihrer früheren Macht und

häuslichen Glückseligkeit. -- Vorbei; so ist die Zeit der Pomaren,

vorbei; ihre Macht ist zum Spott geworden zwischen Engländern und

Franzosen; zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit

Kanonenkugeln würfeln, oder es auch dem einen Gegner, als nicht der

Mühe werth des Streits, freiwillig überlassen.

Weiter -- aus den dunklen Schiffen heraus, deren düstere Rumpfe lange

Schatten werfen, und das weiche Mondlicht um sich her einzusaugen

scheinen, gleiten wir vor. Funken sprühend ordentlich in der

elektrischen Fluth, schießen wir dahin, das leichte Ruder den

scharfgebauten Kahn fast über die Welle hebend die ihn trägt. Da

drüben liegt der Strand -- weit und silbern dehnt sich der

mondbeschienene Muschelkies und blitzt und funkelt, und die Woge

quillt auf dagegen und saugt und breitet darüber hin, zurückweichend

nur den funkelnden Schaum ihm lassend, der in Atome auseinanderfließt.

Erreicht haben wir jetzt das lange niedere, palmenbewachsene Land, den

rechten Arm der Bai, die ihn schützend vorhält gegen den Passat, und

kleine hochgebaute Gerüste laufen ein Stück hier in See hinaus, von

dem sandigen Strand ab, Seebooten auch bei niederem Wasserstand die

Anfahrt zu gestatten.

Aber was braucht das Canoe solcher Hülfe, das schattige Ufer zu

erreichen? -- risch hin, mehr über wie durch das Wasser schießt's auf

der klaren Fluth, und das Ruder das es vorwärts treibt, hebt es und

zwingt es, selbst über Coralle und Sandbank fort, dem weißen

Muschelkies entgegen. Bambusstäbe sind hier überall dem Grund

eingestoßen, ein Zeichen für Fischer und Boote von tieferem Wasser;

mitten zwischen ihnen durch springt das Canoe, und wie die aufgebogene

Spitze in vier Zoll Wasser den Sand berührt, hebt sich das schlanke

Boot und sitzt fest. -- Nur hinaus, ob uns das warme salzige Naß den

Fuß auch netzt, am Cocosbasttau ziehen wir den Kahn hoch hinauf auf's

trockene Land, daß ihn die rückkehrende Fluth nicht hebt und

fortführt, und durch der Gärten schattiges Grün, durch die der

Mondenstrahl nicht einmal zur Erde dringt, führe ich Dich einen

Schleichweg hinauf zu heimlichem Platz.

Reich' mir die Hand hier, denn der Pfad ist schmal, und dort gleich

hinter der Bananen letzte Reihe, denen der Brodfruchtbaum noch

Schatten giebt, beginnt das Dickicht der Guiaven, und über dem Pfad

reichen die niederen Büsche sich die Zweige traulich herüber und

schlingen die Arme fest in einander, tiefer und tiefer niederdrückend

in den Weg, bis des Menschen Hand, mit scharfem Stahl bewehrt, wieder

eine neue Bahn abzwingt den zudringlichen. Weiter -- halte Dich fest an

mich und hebe den Fuß, denn alte niedergebrochene Cocosnüsse und

Hülsen decken den Boden und -- was Du zertratst, und was unter Deinem

Fuße wich? -- reife Guiaven sind's, die den Boden hier decken, kehre

Dich nicht an sie, über und neben Dir wachsen mehr, und jetzt --

siehst Du das Licht dort durch die Zweige blitzen? hörst Du die

gellenden Töne keifender Menschenstimmen? -- wir sind am Ziel und ich

führe Dich jetzt ein bei _Mütterchen Tot_.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band. · 第 5 / 7 题