FOOTNOTES:

[H] Die Wallfischfänger, um Nachts nicht zu viel Fortgang mit ihren

Schiffen zu machen, und Fischen vielleicht vorbeizulaufen, reefen

meist Abends ihre Segel, und da die Leute den Tag über Thran auskochen

und voll Fett sind, so machen sie auch Fettflecke in die Segel, auf

denen sie zum Einbinden liegen.

Capitel 8.

#Mütterchen Tot's Hotel.#

Tief in den Guiaven versteckt, und etwa nur vier-oder fünfhundert

Schritte von den äußersten Häusern von Papetee entfernt, lag eine der

gewöhnlichen lang-ovalen niederen Bambushütten dieser Inseln, mit

Pandanusblättern gedeckt, und wenig mehr anderem Hausgeräth, als ein

paar eisernen Kesseln und einem Dutzend oder mehr niederer, halb

ausgehöhlter Schemel, die den Eingeborenen über Tag zum Sitz, und über

Nacht zum Kopfkissen dienen.

Die Wände waren übrigens, statt dem Luftzug freien Raum zu gönnen wie

in den gewöhnlichen Indianischen Häusern, mit dünnen Bastmatten fast

überall verhangen, und der Wärme wegen konnte das nicht gut geschehen

sein, denn gerade dieser Platz hätte einer frischen Zugluft eher

bedurft, wo das Guiavendickicht wie eine Mauer fast den engen, darin

ausgehauenen Hof und Hausraum umschloß; aber der Besitzerin dieses

Platzes lag mehr daran ungestört und von neugierigen unberufenen Augen

nicht belästigt zu sein, als frische Luft zu haben -- obgleich sie

deren Wohlthat wohl auch zu schätzen verstand.

Die Wände, wenn man das mit Bast überhangene Gatterwerk überhaupt so

nennen darf, waren auch weiter durch Nichts belästigt was etwa einen

besonderen Reichthum der Inwohner hätte anzeigen können; an der einen

Seite hingen nur ein paar alte Kattun-Ueberwürfe, abgenutzt und

geschwärzt durch die Jahre sowohl wie auch vielleicht den Rauch der

Hütte, neben diesen aber und unter einer langen Reihe ausgeschliffener

Cocosnußschalen, die die Stelle von Trinkbechern versahen, paradierte

ein alter, einst weiß gewesener, aber jetzt in jede mögliche, wie

unmögliche Form hineingedrückter Filzhut, der in besseren Tagen

vielleicht einmal den pomadisirten Kopf eines Dandy im lustigen alten

England geziert, jetzt aber verdammt war, seine Tage in

Cocosnußölqualm und Guiavenholzrauch in einer Tahitischen Hütte zu

verträumen.

So kahl übrigens die Wände dreinschauten, so toll und wild stand alles

mögliche Geschirr und Geräth in den Ecken herum. Kalebassen, die auf

diesen Inseln den Bewohnern gewöhnlich zu Kommoden, Koffern,

Hutschachteln, Arbeitskörben, Speisekammern, Toiletten und Gott weiß

was sonst noch dienten, waren in Masse vorhanden, und hie und da eine

über die andere geschichtet; dabei lehnte, zwischen ein paar Besen,

einer Harpune und einem Ruder, eine alte rostige Flinte mit

Feuerschloß, und darüber, aber so versteckt hinter den Matten, daß es

nur von einzelnen Theilen der Hütte aus gesehen werden konnte, war ein

schmales kleines Bret befestigt, auf dem ein paar Bücher, und oben auf

eine dickleibige abgegriffene Bibel lagen.

Interessanter und mannichfaltiger erwiesen sich aber jedenfalls die

Bewohner wie gegenwärtigen Insassen dieses abgelegenen Platzes, den

viele der Indianer sogar in abergläubischer Furcht mieden, weil sie

»Mütterchen Tot«, wie die Eigenthümerin von den Matrosen gewöhnlich

nur schlichtweg genannt wurde, in dem Besitz übernatürlicher Kräfte

glaubten, und allerdings rechtfertigte ihr Ansehen eine solche

Vermuthung, wenn überhaupt auf irgend ein menschliches Wesen

anzuwenden, vollkommen.

»Mütterchen Tot« war ein Charakter, und Niemand betrat ihr Heiligthum

zum ersten Mal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden,

die selbst den Rohsten beschlich -- aber ihr ehrwürdiges Aussehen trug

wahrlich nicht die Schuld dabei.

Mütterchen Tot war übrigens -- ehe ich den Leser mit ihrem

_äußerlichen_ Menschen, dem Anzug, bekannt mache -- in Europa und zwar

in dem Reiche ihrer Großbritannischen Majestät vor langen, langen

Jahren geboren, Niemand aber konnte mehr an ihrem Dialekt erkennen ob

in dem bevorzugten England selber, dem ~»bonnie«~ Schottland oder der

»grünen Insel«, wie Irland von seinen poetischen Kindern genannt wird.

Sie mischte Alles durcheinander und ihre Sprache hatte dabei, durch

den langen Aufenthalt auf den Inseln, fast eben so viel Worte von

diesen angenommen, daß, wer nicht Tahitisch oder wenigstens eine der

Polynesischen Sprachen verstand, den Schlüssel zu all' den

wunderlichen Ausdrücken zu haben, kaum im Stande gewesen wäre Sinn

oder Verstand in ihre Rede zu bringen. Die Indianer und Fremden kamen

noch am leichtesten darüber hin, die ersteren glaubten sie spräche

Englisch, die anderen hielten es für Indianisch.

In ihrer Jugend nun aus ihrem Vaterland, wie die böse Welt behaupten

wollte, nach Sydney deportirt, war sie von dort auf einem Englischen

Wallfischfänger entwichen, oder eigentlich von dem Capitain

desselben, den ihre Reize bestrickt haben mochten (denn Leute die

Jahrelang draußen in See herumfahren sind nicht immer wählerisch)

entführt worden. Der Capitain riskirte damals Zuchthaus, aber was

riskirt die Liebe _nicht_, und setzte später die junge Dame, als er

heimwärts fuhr und in solcher Begleitung doch nicht in einen

Englischen Hafen wieder einzulaufen wünschte, auf den Sandwichs-Inseln

ab, dort ihr Fortkommen, was ihr auch vollkommen gelang, weiter zu

suchen.

Mütterchen Tot's Memoiren würden jedenfalls höchst interessante Daten

liefern, könnte sie nur eben veranlaßt werden näher auf sie einzugehn;

sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit, und das einzige

Individuum, das vielleicht noch darüber, wenigstens über einen Theil

derselben, Auskunft hätte geben können, und auf das ich gleich nachher

zurückkommen werde, durfte nicht.

Soviel ist gewiß, in der Gruppe der Sandwichs-Inseln hatte sie sich

lange Zeit aufgehalten, und bald auf Oahu bald auf Hawai, gehaust, war

dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundlichen und

Navigators-Inseln gegangen, und hatte dort zuerst angefangen eine

kleine Wirthschaft zu gründen, in der sie besonders Matrosen

beherbergte, und ihnen berauschende Getränke verkaufte, um die sie,

wie um manches Andere, bei ihr würfeln konnten. Von dort streifte sie

nach Neu-Seeland hinüber, wo sie wieder lange Jahre blieb, sich aber

von hier eine »Stütze ihres Alters«, wie sie einen kleinen einäugigen

Irischen Schuhflicker nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb,

mitbrachte.

In Neu-Seeland hatten sie die Missionaire vertrieben und auf ein

Schiff gepackt, das sie Beide in der Samoagruppe landete, und hier

bewogen die Missionaire ebenfalls wieder einen Capitain das, ihnen

keineswegs freundlich gesinnte Wesen an Bord zu nehmen und dießmal,

aus ihrem Bereich ganz und gar hinaus, den Gambiers-Inseln zuzuführen,

wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten.

Ein Typhoon aber, der das Schiff faßte und entmastete, strandete es an

Raivavai, und Mütterchen Tot fand wieder mit ihrem getreuen Begleiter

den Weg nach Tahiti, das ihr, als Mittelpunkt aller Europäer fast in

der Südsee, die besten Geschäfte und durch den Zwiespalt der

Protestantischen Missionaire mit den Katholiken, auch jedenfalls eher

eine sichere Ruhestätte wie irgend eine andere Insel versprach, wo nur

eine oder die andere Sekte allein gehaust, und dann auch geherrscht

hätte.

Dem kleinen Irischen Schuster war das Alles gleichgültig; auch er

hatte übrigens eine Vergangenheit, die in Sydney ihren

Culminationspunkt, den Felsen gefunden, zu dem hingetrieben das

Bächlein seines Lebens wild und toll genug gesprudelt hatte, bis es

mit dem gewaltigen Sturz in die Tiefe, die ersten Convulsionen nur

einmal vorüber, wieder seine völlige Ruhe, wenn auch nicht Klarheit

erlangt hatte.

Murphy -- er wußte selber nicht ob er je noch einen anderen Namen

gehabt -- war ebenfalls Einer jener wahren Patrioten die ~»had left

their country for their country's good«~ (zum Besten der Heimath, die

Heimath gemieden). _Wie_ er damals seine Freiheit wieder erlangt blieb

sein Geheimniß, soviel aber ist gewiß, daß er in dieser Zeit gerade

aufhörte ein Katholik zu sein, und das Studium der Bibel mit einem

Eifer begann, der ihm die Bewunderung der Protestantischen

Geistlichen, in deren Wirkungskreis er kam, hätte sichern müssen,

hätten diese nur eben zu ihm gelangen können, Zeuge seiner wirklich

angestrengten Thätigkeit zu sein. Wunderbarer Weise benahm er sich

aber bei diesem Studium fortwährend als ob er irgend ein entsetzliches

Verbrechen beginge, und in steter Furcht und Todesangst lebe dabei

ertappt zu werden. Witterte er einen Geistlichen in seiner Nähe (und

die frommen Männer machten sich manchmal die Freude ihn und seine

Gefährtin aufzusuchen, obgleich sie Beide lieber gehen als kommen

sahen, denn sie verzehrten nicht allein Nichts, sondern suchten nur

umher, Grund zur Anklage zu finden) so konnte Mütterchen Tot nicht

rascher bei der Hand sein eine vereinzelte Branntweinflasche zu

verbergen, die sich vielleicht in zu unerlaubter Nähe bei einem

Eingeborenen befand, als Murphy auch mit seiner Bibel in die nächste

Kalebasse hineinfuhr, und Alles darüber deckte, was ihm gerade unter

die Hände kam. Wenn er dabei die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht,

faßte er jetzt gewiß den ersten besten Schuh auf, der ihm unter die

Hände kam, und fing an daran herum zu schneiden und zu stechen und zu

nähen, als ob sein Leben an seiner Eile hinge.

Mütterchen Tot behandelte ihn dabei auf das Herabwürdigenste, und kein

Schimpfwort gab es auf Englisch, Irisch, Gälisch oder Schottisch, wie

in irgend einer der bekannten Polynesischen Sprachen und Dialekte, das

sie nicht schon an ihm abgestumpft, kein Geräth in ihrem ganzen Haus,

das sie nicht schon, bei irgend einer feierlichen oder unfeierlichen

Gelegenheit, nach seinem Kopf geschleudert hätte. Vor allen andern

aber war es die heilige Schrift selber auf die sie es in ihrem

schlimmsten und gefährlichsten Zorn abgesehen, und die sie dann im

Fall eines Streites mit ihrem höchst sanftmüthigen _Gatten_ (wenn ich

diesen ungerechtfertigten Namen überhaupt gebrauchen darf) häufig aus

der Hand riß und an den Kopf warf. Ja sie hatte schon mehrmals gedroht

das ganze heilige Buch bei der nächsten passenden Gelegenheit -- und

die Gelegenheit war eigentlich immer passend -- zu verbrennen;

wunderbarer Weise hielt sie aber immer eine eigene Scheu, die sie sich

aber nie selber eingestehen mochte, und jedenfalls mehr in einer

abergläubischen Furcht wie irgend einem religiösen Sinn wurzelte,

davon ab ihre Drohung auszuführen, während Murphy, der ihr doch nicht

so recht trauen mochte, seinerseits Alles that ihr das Buch, wenn er

ja einmal die Hütte verließ, aus den Augen zu bringen, und Kalebassen

und Ecken unaufhörlich damit wechselte. Nur bei vollkommenem

Waffenstillstand lag es, wenn nicht gebraucht, auf dem kleinen

Bücherbret auf einem Haufen verschiedener Traktätchen von Mäßigkeits-

und Bibelverbreitungsvereinen in Tahitischer Sprache, und Murphy hatte

seinen Sitz so gestellt, daß er das Buch fortwährend dabei im Auge

behielt.

Ich sagte vorhin daß Mütterchen Tots Aeußeres gerade nicht dazu dienen

konnte besondere Ehrfurcht einzuflößen, und allerdings war sie, was

ihre äußere Erscheinung betraf, nichts weniger als eitel. Zwischen 50

und 70 Jahren, denn wunderbarer Weise hielten Schmutz und Runzeln

ihre Züge mit einem solchen Schleier überzogen, daß man sie bald dem

einen, bald dem andern näher glaubte, hatte sie einen gewöhnlichen

~pareu~ von einst grellrothem aber jetzt verblichenen Kattun, mit

breiten hochgelben Streifen, um die Hüften geschlagen, und am Tag trug

sie ein dem ähnliches Obergewand, das ihre dürre Gestalt in weiten

Falten umhing; Abends aber, wenn die kühle Seebrise über die Küste

strich, obgleich sie die, von den Guiaven förmlich eingeschlossene

Hütte doch nicht erreichen konnte, wurde es dem ein heißes Klima

gewöhnten Mütterchen zu kühl, und sie zog einen alten erbsgelben

schmutzigen Männer-Oberrock, der früher einmal lange Haare gehabt

haben mochte, über ihr Kattunkleid, und knüpfte die zwei Knöpfe, die

ihm noch geblieben, fest zu bis unter den Hals. Der Rock ging ihr

dabei bis tief über die Knie nieder, und da seine Taschen ebenfalls

tief saßen, in deren einer sie den einzigen Genuß aufbewahrte, den sie

sich außer dem Brandy gönnte, ihre Schnupftabaksdose, so hatte sie nur

mit dieser Unannehmlichkeit zu kämpfen, daß sie so tief nach der ihr

unter den Händen fortweichenden Tasche niedertauchen mußte, und sich

gewöhnlich endlich gezwungen sah, ihre andere Hand auch noch mit zu

Hülfe zu nehmen, das scheue Taschenfutter zurückzuhalten.

Den Hals trug sie blos, und auf dem Kopf einen alten Strohhut, wie er

in ihrer Jugend wahrscheinlich einmal das Ziel ihrer Wünsche gewesen

-- das Alter hatte sich daran festgeklammert, und unter den breiten,

wunderlich geformten und mit ein paar künstlichen, aber selbst in der

Kunst verblichenen und zerdrückten Blumen geschmückten Seitenwänden

desselben hingen die grauen langen Haare wirr hervor.

Der Hut diente ihr gegen Sonnenbrand und Zugluft, am Tag wie Abends,

bis sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte suchte, über das sie

jedoch ein weites und gut in Stand gehaltenes Mosquitonetz gespannt

ließ; der Rock jedoch war unstreitig nicht ihr Eigenthum, oder wenn

doch, jedenfalls nur getheiltes, und Murphy, der wahrscheinlich

frühere Besitzer schien seine Ansprüche daran keineswegs aufgegeben zu

haben. Abends oder in Zeit der Kühle, bei Regenwetter oder sonstigen

Witterungsfällen, wo überhaupt das Tragen eines solchen Rocks unter

dieser Breite eine Entschuldigung fand, und nur den geringsten Grad

von Befriedigung gewähren konnte, hatte sich freilich Mütterchen Tot

darin eingeknöpft, und wollte Murphy dem Rechte des Besitzes nicht

ganz entsagen, so mußte er den Sonnenschein benutzen -- und das that

er auch. -- Jeden Tag wenigstens einmal, machte er den verzweifelten

Versuch in den Rock einzufahren, und darin auszuhalten, und blieb

darin zum Erstaunen aller, etwa in der Zeit eintreffenden Gäste, bis

ihm das Wasser am ganzen Körper herunter lief, und er das nutzlose

Kleidungsstück von den Schultern riß, aufpackte, zusammenrollte und

versuchte in eine Kalebasse zu zwingen, was er nach einer Weile

ebenfalls wieder aufgab, und sich dann seufzend an seine Bibel setzte

-- und der Rock blieb in der Ecke so lange liegen bis es Abends kühl

wurde und ihn Mütterchen Tot wieder brauchte.

Außerdem trug Murphy ein paar sehr abgenutzte Sommerhosen, von irgend

einem farblosen dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine

gelbgestreifte Weste, statt der fehlenden Knöpfe an den betreffenden

Stellen mit Bast zugebunden, und eine durch den Jahrelangen Gebrauch

schon total schwarz gebrannte Thonpfeife, die aber gewissermaßen mit

zu seinem Anzug gehörte, und ohne die er eben so leicht erschienen

wäre, wie ohne die Hosen oder die Weste. Nur der alte Filzhut schien

zum Staat an der Bambuswand zu hängen, und obgleich er ihn regelmäßig

abwischte, den Staub davon zu entfernen, erinnerte sich noch Niemand

ihn je darunter gesehen zu haben. Bei Murphy waren die Kleidungsstücke

alle in der Mitte, an Kopf und Beinen ging er barfuß.

Murphy war Schuhmacher, aber natürlich nur für Europäer, denen er

altes Schuhwerk ausbesserte oder, wenn sie ihm das Leder dazu

lieferten, auch Neues fertigte, und wenn die Missionaire ihn und seine

Begleiterin schon gewiß lange, des unerlaubten Verkaufs spirituoser

Getränke wegen, weiter geschickt, es wenigstens nicht so unter ihren

Augen geduldet hätten, so erwies sich der kleine einäugige Irländer

doch auch wieder so nützlich, ja manchmal sogar unentbehrlich in

_dieser_ Hinsicht, daß sie das andere Auge zudrückten und ihn lieber

duldeten als sich in den Fall gesetzt sehen wollten ihre Kundschaft

einem dort kürzlich hingezogenen _katholischen_ Schuhmacher

zuzuwenden. Murphy fühlte auch eine gewisse Verehrung für diese

Männer, die ihm, weniger vielleicht durch ihr sonstiges Wesen und ihre

Predigten, als durch ihre fabelhafte Kenntniß der Bibel imponirten,

und bediente sie stets auf das prompteste. Da aber geschah es -- wie

überhaupt bei vielen anderen Gelegenheiten -- wo er mit Mütterchen Tot

auf das bösartigste zusammenkam, denn wenn sie irgend etwas haßte auf

der Welt, so war es, ihren eigenen Worten nach, ein »schwarzröckiger

Missionair«. Oeffentlich durfte sie aber freilich Nichts gegen sie

unternehmen, als höchstens schimpfen wenn sie sich unter ihren

Freunden befand, aber heimlich ließ sie auch dafür keine Gelegenheit

verstreichen ihnen irgend einen Schabernak zu spielen, und die

zerbrochenen Brandyflaschen welche die frommen Männer nicht selten

Morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeit gegen die scharfen

Zwecken die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy

nur die Augen von einem fertigen Schuh verwandte. Nur der alleinige

Mangel an Concurrenz war im Stande gewesen, dem kleinen Iren die

Kundschaft bis jetzt zu erhalten.

Mütterchen Tot's Hauptgeschäft war eigentlich der _verbotene_

Brandyverkauf an die Indianer, den sie, trotz Consuln und

Missionairen, trotz Spioniren und Wachen der »Kirchenvorstände« in

vollem ununterbrochenen Gang zu halten wußte, und dabei eine Menge

Geld verdiente, von dem kein Mensch wußte wohin es kam, und dessen

Versteck aufzufinden selbst Murphys Scharfsinn bis jetzt entgangen

war. Von den Indianern bekam sie nur theilweise baar Geld, das jene

von den Europäern für Produkte gelöst, aber sie nahm auch alles

Andere, Cocosnüsse und Früchte, süße Kartoffeln, Hühner, Ferkel,

Matten, Tapa, Cocosöl, Perlmutterschaalen, Perlen; was ihr gebracht

wurde, es war einerlei, und sie wußte es wieder zu den höchsten

Preisen an die Schiffe, von denen sie ihre Spirituosen bezog,

abzusetzen. Auch zu dem Schmuggeln derselben hatte sie wieder ihre

besonderen Leute, großentheils unter den Europäern, und diese gerade

waren wiederum mit ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine

hübsche Gesellschaft in »Mütterchen Tot's Hotel«, wie die Bambushütte

von ihren Gästen sowohl wie ganz Papetee genannt wurde, versammelt,

und die alte Dame selber in bester Laune, denn gerade heute war ihr

wieder ein guter Wurf gelungen, und eine ganze Parthie neu

eingeführten Rum und Brandys glücklich in ihrem »Versteck« geborgen

worden, was sie auch wohl mit der klug benutzten politischen Aufregung

zu danken hatte, die beide Partheien zu viel beschäftigte ihre

Aufmerksamkeit so vollkommen dem sonst scharf genug bewachten Strande

zuzuwenden.

In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine

ziemlich tiefe kleine eiserne Pfanne in der, aus dem flüssigen

Cocosnußöl heraus, ein riesiger Docht flammte; auf dem nackten Boden

aber umher waren verschiedene kleine Feuer angemacht und mit faulem

Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die

Abends ziemlich lästigen Mosquitos fern zu halten. In diesem Rauch,

und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts saßen, oder

kauerten vielmehr auf den niederen Sesseln, zehn oder zwölf Männer,

Weiße und Indianer, mit drei oder vier Indianischen Mädchen zwischen

sich, in buntem Gemisch zusammen, während im Kreis zwischen ihnen eine

noch halb volle Flasche herumging, aus der sich Jeder, wenn er Bedarf

fühlte, die vor ihm stehende Cocosschale füllte und die Flasche dann

weiter schickte. Mrs. Tot saß unfern davon, wieder in Murphys weißen

Rock eingeknöpft, auf einem ordentlichen Rohrstuhl, der sie den ganzen

Kreis bequem überschauen ließ, und Murphy selber lehnte in seinem

gewöhnlichen Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer

Cocosnußschale brennen hatte, drückte den Kopf an die Wand und schlief

-- in wiefern das Schlaf genannt werden konnte, wenn sich Jemand mit

geschlossenen Augen, nur blindlings, aber ununterbrochen, der auf ihn

einstürmenden Mosquitos zu erwehren suchte.

Die Unterhaltung war indessen lebendig genug geführt worden, hatte

aber meist gleichgültigen Gegenständen gegolten, in die die Mädchen

hinein lachten und tollten, den Männern die Flasche wegnahmen und sie

versteckten, und sogar Murphy in seiner Ecke mit einer Feder unter der

Nase kitzelten, was ihn zwang entsetzliche Gesichter zu schneiden und

mit den Händen, zu ihrem unbeschreiblichen Ergötzen, rasch und heftig

nach dem angegriffenen Theil zu fahren. Sie blieben dabei immer »zu

windwärts von ihm«, wie sie's in ihrer Sprache nannten, d. h. an

seiner blinden Seite, an der sie am wenigsten eine rasche Entdeckung

zu fürchten hatten, und trieben es so arg mit ihm, bis er zuletzt,

ohne jedoch seine listigen wie boshaften Quälerinnen zu entdecken,

munter wurde, sich die Augen (selbst das blinde dieser Operation

unterwerfend) ausrieb, und mit einem halblaut gemurmelten Fluch auf

die Mosquitos seine Lampe wieder ein wenig auffrischte, daß sie heller

brannte.

»Und Ihr, O'Flannagan, mein Juwel,« mischte sich jetzt die Alte

hinein, die auf dem Stuhl zusammengekauert, die Füße halb

heraufgezogen und die zusammengeschlagenen Arme gegen die Knie

gelehnt, dem Gespräch theils behaglich zugehört, theils das Kreisen

der Flasche beobachtet, auch wohl einmal aufmerksam über den Lärm

hinübergehorcht hatte, ob sie draußen kein verdächtiges Geräusch

vernehme -- »Ihr wollt jetzt wieder eine Zeitlang auf der süßen Insel

bleiben? -- segne Euere Augen Kind, Ihr hättet zu keiner gelegneren

Zeit herüber kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr --

laßt mir jetzt den Narren da drüben zufrieden, Ihr Dirnen, oder ich

hetze ihn über Euch, g'rad wenn er aufwacht -- Wespenzeug.«

»Hallo Mutter Tot ist heute Abend böser Laune,« rief Eine der Mädchen

trotzig -- »sollen wohl ruhig hier sitzen im qualmigen Nest -- ehrbar

wie in der Predigt? Kommt Waihines, draußen im Freien ist's besser,

laßt sich die Schildkröte am Feuer räuchern.« Und lachend, die Melodie

ihres Tanzes trällernd, zu dem sie mit den Füßen den Takt schlug,

sprang sie, von den übrigen begleitet, denen der größte Theil der

Matrosen ebenfalls, theils fluchend theils lachend folgte, hinaus in's

Freie.

»Das glaub' ich, Mütterchen;« brummte indeß unser alter Bekannter vom

Strande, ohne sich weiter um den Lärm der Fortspringenden zu kehren,

»natürlich, um gleich wieder die paar kaum verdienten Schillinge, und

wer weiß was sonst noch, zu riskiren, Dir Deinen Wintervorrath an

»Bergthau« einzulegen?«

»Bah, Mann, es war keine Kunst den Branntwein an Land zu schaffen,«

brummte aber die Alte kopfschüttelnd, »und das Geld dießmal mit Sünden

verdient -- kein Mensch schaute danach, und ich hätte ihn selber

wollen im Canoe an Land und hier herauf bringen, wenn der Narr von

einem Schuster da in der Ecke nur für irgend was anderes noch, als

auseinandergegangenes Leder zu flicken, gut wäre.«

Murphy, der munter genug geworden war die letzten Worte wie ihre

schmerzhafte Anspielung zu verstehen, knurrte nur etwas in den Bart,

erwiederte aber Nichts, und fing sich an seine Pfeife zu stopfen, mit

der er von da an langsam aber sicher der Nähe der Flasche zu

arbeitete, vor allen Dingen einmal in Armes Länge von ihr zu kommen,

und das Weitere dann seinem guten Glück zu überlassen, denn die Alte

gönnte ihm keinen Tropfen ihres Getränks, daß sie als ihre

Privatspeculation betrachtete, wenn er nicht eben so gut wie jeder

Andere dafür bezahlte.

»Haha Mütterchen,« lachte aber sein Landsmann, ohne sich die Mühe zu

nehmen nach dem bezeichneten Individuum umzuschauen -- »nun die Arbeit

gethan ist wollt Ihr sie herunter setzen, ich sage Euch aber daß Ihr

Euch bald die Zeit wieder herbeiwünschen werdet wo sie Euch aufpassen

bis unter Euer Mosquitonetz, denn wenn die Franzosen hier doch noch

die Ueberhand kriegen, wird der Branntwein so billig wie der

Limonensaft, und der Kanaka kann ihn am Strand trinken, im offenen

Tageslicht.«

»Wenn die Wi-Wis nur der Henker holen wollte,« knurrte die Alte, die

heimlich diese Besorgniß schon lange theilte, »aber die Englischen

»Eisenseiten« halten ihnen den Daumen auf's Auge, und ich werde ja den

Tag noch erleben, wo wir sie hinaustreiben sehen aus der Bai, wie eine

Schaar räudiger Hunde.«

»Puh,« lachte Einer der schon halb angetrunkenen Indianer, indem er

von seinem Sitz hinunterrutschte, und sich, den Schemel unter den Kopf

schiebend, lang ausstreckte und dehnte zwischen die Trinker -- »puh,

die Beretanis nehmen den Mund voll -- sie sind lauter Worte und kein

Brandy -- morgen früh kein Schießcanoe mehr im Hafen.«

»Unsinn, Du Saufaus,« schimpfte aber die Alte, einen mürrischen Blick

nach ihm hinüberwerfend, »was weißt _Du_ von den Schießcanoes, daß Du

Deine Zunge mit hineinhängst wenn vernünftige Leute reden.«

»Was ich von den Schießcanoes weiß?« lallte aber der Insulaner -- »bin

d'ran vorbeigefahren heut Abend -- Toatiti ist nicht blind.«

»Der Bursche hat am Ende nicht so ganz Unrecht,« meinte O'Flannagan

kopfschüttelnd -- »der ehrwürdige Mr. Pritchard muß gar nicht so

vortreffliche Nachrichten mitgebracht haben, sonst hätten seine

Kameraden hier, schon einen ganz anderen Lärm geschlagen, und

bestätigt sich jetzt das, daß die Engländer segeln, dann haben wir

auch in acht Tagen die Franzosen wieder über dem Hals. Ich weiß nur

jetzt nicht recht was man sich wünschen soll.«

»Daß sie Beide der Teufel hole!« knurrte die Alte mürrisch in ihrem

wunderlichen Dialekt, »Einer ist so sehr darauf versessen einer armen

alten Frau das Bischen Lebensunterhalt zu entziehen, wie der Andere,

und wo die Einen Alles verbieten, erlauben die Andern Alles -- sie

geben sich ordentlich die größte Mühe die Inseln nur so schnell wie

möglich zu ruiniren. Aber hab' ich die Wahl, will ich doch noch lieber

die Franzosen als Herren wissen, denn Handel treiben die Missionaire

auch, und wer von ihnen ungeschoren bleiben will, muß ihnen dann ihre

Kattune und Bibeln abkaufen für gutes Cocosnußöl und

Perlmutterschaale; anstatt solch Eigenthum hier ansässigen Leuten zu

gönnen, klappert's in ihren eigenen Geldsäcken weiter.«

»Oh laßt Euer nichtsnutziges Indianisches Gewäsch, und redet daß es

ein anderer ordentlicher Mensch auch verstehen kann,« rief aber hier

Einer der Englischen Matrosen, der Zimmermann der ~Kitty Clover~

dazwischen, der mit der größten Aufmerksamkeit Mütterchen Tots Rede

gefolgt war, und um's Leben nicht herausbekommen konnte was sie

eigentlich gesprochen -- »wer ist todt und wo brennt's?«

»Laßt's gut sein, Mütterchen,« beschwichtigte diese O'Flannagan, des

Engländers Einrede jedoch soweit beachtend, daß er in seiner

Muttersprache die Unterhaltung weiter führte, »durch ihr Verbot des

Brandy wiegen sie das Alles wieder auf, und Ihr bleibt noch immer in

ihrer Schuld. -- Wie viel rechnet Ihr etwa, daß Ihr jährlich an

heimlichem Grogverkauf verdient?«

»Zählt einer armen Wittwe die Bissen die sie in den Mund steckt,

heh?« fuhr ihn aber die Alte an -- »daß ich zu leben habe an

Brodfrucht und Cocoswasser ist's eben genug, gönnt Ihr mir das etwa

auch nicht? -- Ihr verdient in einer Nacht mehr durch mich, wie ich

durch Euch das ganze Jahr.«

»Haha Mütterchen,« lachte aber der Ire -- »Ihr lernt das Prahlen wohl

von den Franzosen, und dabei riskirt Ihr ohnedieß auch nicht Euere

Haut, und sitzt wohl und sicher hier in Euerem behaglichen Haus,

während sie unsereinem, wenn sie ihn faßten, vielleicht kurzen Proceß

machten, statt aller Weitläufigkeit.«

»Bah, was riskirt _Ihr_,« brummte die Alte verächtlich -- »daß sie

Euch einstecken für ein paar Wochen, oder von der Insel verweisen dann

schifft Ihr Euch in Papetee ein, und steigt in Papara wieder an Land

-- es ist ordentlich erstaunlich, daß Ihr es unter den Umständen

wirklich wagt, einmal nach Dunkelwerden noch eine halbe Stunde für

funfzig schwere silberne Dollar zu arbeiten.«

»Ihr redet wie Ihr's versteht,« brummte Jim finster in den Bart --

»und ich habe auch gerade keine besondere Lust Euch das Ganze hier

weitläufig aus einander zu setzen; soviel aber kann ich Euch

versichern, ich wollte lieber zehntausendmal mit Eueren glattrasirten

Methodisten zusammenrennen, wie mit den großmäuligen Burschen, den

Franzosen, und -- habe dazu meine ganz absonderlichen Gründe, die eben

Niemand weiter etwas angehen, wie mich selber. Wenn das übrigens wahr

wird, was Taotiti da vermuthet, und die Engländer hier wieder klar

Fahrwasser machen, in das die Franzmänner nachher mit fliegenden

Fahnen einziehen, dann weiß meiner Mutter Sohn was er zu thun hat, und

jede andere Insel ist dann für mich bequemer wie Tahiti -- Ihr könnt

mir vielleicht eine Empfehlung nach Neu-Seeland mitgeben Mütterchen,

wie?«

Murphy verzog bei diesen Worten das Gesicht zu einem breiten Grinsen,

Mütterchen Tot wurde aber böse, und begann eben mit einer vollen

Ladung Schimpfwörter gegen den heimlichen, aber desto boshafteren

Angriff des Iren, als draußen ein leises Pfeifen gehört wurde, und

Mrs. Tot sowohl, wie Jim alles Andere in dem einen Gefühl größter

Wachsamkeit vergaßen.

»Hallo was ist das,« sagte Jim, stand auf von seinem Sitz, und zog

sich langsam nach einem entlegeneren Theil der Hütte hin, während

Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zustöpselte, und unter

sich schob, von wo sie Murphy, der jetzt recht gut den passendsten

Zeitpunkt wußte, eben so rasch wieder entfernte, und damit auf seinen

Platz zurückglitt -- »da kommt Jemand.«

»Das war To-to's Zeichen,« flüsterte die Alte, vorsichtig die Hand vor

die Flamme haltend, darüber hinwegschauen und den gleich erkennen zu

können der ihre Hütte noch zu dieser späten Stunde betreten würde --

»Toatiti, wahr' Deine Flasche.«

»Wahr meine Flasche?« knurrte der Indianer, auf dem Platz herumfühlend

wo er sie verborgen -- »das haben Andere gethan -- Oro's Zorn über

sie.«

In diesem Augenblick öffnete sich aber die niedere Bambusthür, und von

dem auf Wacht draußen postirten Insulaner dicht gefolgt, betrat, den

Hut tief in die Augen gedrückt, ein Matrose den inneren Raum, blieb in

der Thüre stehen, sich erst zu orientiren in was für Gesellschaft er

eigentlich kam, und schritt dann, wie mit einem Blick um sich her

vollkommen zufriedengestellt, zur Flamme. Hier warf er den Hut ab,

setzte sich auf einen der leeren Schemel nieder, und fing an seine

Thonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehört

hätte, und gar nicht beabsichtigte je wieder einen so angenehmen Platz

zu verlassen.

Niemand in der Hütte war übrigens mit größerem Erstaunen diesen

Bewegungen des Besuchs -- der für ihn kein fremder schien -- gefolgt,

als Mr. O'Flannagan, der in dem späten Wanderer mit einer keineswegs

freudigen Ueberraschung seinen früheren alten Spießgesellen, Jack, von

der ~Jeanne d'Arc~, erkannte, und sich dabei recht gut bewußt war, daß

er ihn halb und halb selber eingeladen, an Land zu kommen.

»Well Jim,« begann dieser würdige Mann, nachdem er sich die Pfeife

angebrannt, während die Anderen ihm schweigend, und durch seine

Kaltblütigkeit wirklich überrascht, zuschauten -- »wie geht's heut'

Abend, was stehst Du denn dahinten in der Ecke? -- habt Ihr Nichts zu

trinken hier?«

»Hol mich dieser und Jener« brummte aber Jim, der jetzt langsam

vorkam, und seinen alten Platz wieder einnahm, »wenn das nicht Jack

ist von der ~Jeanne~, nun mein Junge, hast Du den Platz hier wirklich

aufgefunden, und wo willst Du hin?«

»Freundlicher Empfang das, bei Jingo,« lachte Jack -- »hallo Mate da

drüben, wenn Du mit der Flasche fertig bist, lang' sie mir einmal

herüber.«

Die Anrede galt Murphy, der sich in diesem Augenblick unbeobachtet

genug geglaubt, einen heimlichen Angriff auf die erbeutete Flasche

wagen zu dürfen, und jetzt erschreckt absetzte und eine fast

unwillkürliche Bewegung machte das ~corpus delicti~ rasch wieder, und

bis zu geeigneterer Zeit zu verbergen, Toatiti war aber indessen auch

aufmerksam geworden, und in die Höh springend und mit dem Rufe:

»Hallo, weißer Mann -- hat meine Flasche,« holte er sich sein

Eigenthum wieder, mit dem er jedoch die gefährliche Nachbarschaft des

neugekommenen Fremden ebenfalls mied, und sich seinen Platz am anderen

Ende der Hütte suchte. Jim reichte Jack indessen eine andere Flasche

hinüber.

»Und wer seid _Ihr_, wenn man fragen darf, mein feiner Herr?« sagte

aber jetzt Mütterchen Tot, mit noch immer etwas vorsichtig gedämpfter

Stimme, als ob sie nicht recht traue daß nicht vielleicht noch eine

andere Gesellschaft draußen an der Hütte stehen könne -- »Ihr kommt

hier gerade so breitbeinig herein, als ob Ihr mit zum Haus gehörtet,

und müßt doch wissen daß ich, den streng gehaltenen Gesetzen der Insel

nach, keinen Fremden über Nacht bei mir beherbergen darf, selbst wenn

ich ihn kenne, was bei Euch aber nicht einmal der Fall ist.«

»Wer ich bin? -- hm, Jim da drüben wird Euch das am besten erzählen

können, wenn er sonst Lust dazu hat,« lachte der Matrose, zum ersten

Mal wieder absetzend mit der Flasche, und sich das Naß aus dem Bart

streichend.

»Aber wo kommst Du noch her so spät in der Nacht,« frug jetzt Jim

selber, »und wie in der Welt hast Du den schmalen Pfad durch die

Guiaven verfolgen können?«

»Verdammt wenig hab' ich überhaupt von einem Pfad gespürt,« lachte der

Seemann, »nein Kamerad, einen nichtswürdigen Kreuzzug habe ich durch

das niederträchtige Buschwerk hier gemacht nach allen Strichen und

Himmelsgegenden zu, und bin auf und ab lavirt, bis ich mich eben

bereit machte die Nacht unter Gottes freiem Himmel zuzubringen, als

ich noch zum guten Glück Euer freundliches Licht durch die Büsche

schimmern sah, und nun vor dem Wind Cours halten konnte, bis ich das

leise Pfeifen des Burschen da hörte, der mich noch immer so verstört

und mißtrauisch ansieht, als ob ich ihm alle Augenblicke wieder davon

laufen wolle. Hab' keine Angst, mein Junge, der Brandy ist

vortrefflich, und hier sucht mich doch kein Teufel, wenigstens nicht

bis es Tag wird, und man sich nicht mehr in den stachlichen

Orangengebüschen die Fetzen vom Leib, ja die Haut von den Knochen

reißt.«

»Du bist desertirt?« frug O'Flannagan rasch.

»Desertirt?« schrie die Alte, von ihrem Sitz aufspringend -- »und

halt' ich ein Versteck hier, für entlaufene Matrosen? was wollt Ihr da

hier? -- weshalb seid Ihr _hier_hergekommen?«

»Pst, pst Alte,« suchte sie Jack aber wieder zu beruhigen, und die

Flasche vorher noch einmal gegen das Licht haltend, that er einen

zweiten Zug, der eben nicht viel für einen dritten übrig ließ -- »nur

nicht solchen Lärm einer Kleinigkeit wegen; das haben bessere Männer

vor mir gethan -- Wetter noch einmal, der Brandy ist famos, und ich

wollte die Flasche hier hätte eine Schwester.«

»Aber sie haben Dich noch nicht vermißt?« sagte Jim, ihn über das

Licht aufmerksam betrachtend, »denn ich will doch nicht hoffen daß Du

eben, von den Spürhunden gehetzt, hier nur so zu Bau gekrochen bist.«

»Der Vergleich könnte passen,« schmunzelte Jack, wie mit sich selber

zufrieden; »erst mit Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven

verloren, und ich kann's ihnen nicht übel nehmen, denn ich wußte

selber nicht mehr wo ich war -- wie sollten sie's.«

»Da haben wir's!« rief aber die Alte in Zorn und Grimm mit der rechten

Faust in ihre linke offene Hand schlagend; »wegen dem fortgelaufenen

Lump soll ich mir hier das Dach über dem Kopf niederreißen und mich

wieder hinaus in alle Welt jagen lassen? weiter fehlte mir Nichts --

hinaus mit Dir mein Bursche, hinaus so schnell Du gekommen bist, oder

ich lasse Dich binden und knebeln und selber wieder auf Dein Schiff

zurückliefern, wohin Du gehörst, und das Du im Leben nicht hättest

verlassen sollen.

»Herrliche Gastfreundschaft hier auf der Insel,« lachte Jack, ohne

aber auch nur die mindeste Bewegung zu machen, als ob er dem Befehl

Folge leisten wolle -- »patriarchalische Freundschaft das, hol' mich

der Böse -- sie sagen's Einem doch erst ganz höflich, ehe sie Einen

wieder hinauswerfen. Nun Jim, wie ist's? -- willst Du mich nicht

lieber wieder an Bord zurückschicken lassen? -- Du weißt, _ich_ könnte

nachher gar keine Geschichte erzählen, Gott bewahre, nicht die

mindeste.«

»Unsinn,« knurrte der Ire, »es wäre mir verdammt egal was Du, einmal

erst wieder an Bord, erzählen oder erfinden könntest -- na, ich weiß

schon was Du sagen willst; die Alte hat aber in einer Hinsicht recht,

_hier_ kannst Du nicht bleiben, und _ich_ auch nicht, wenn sie Dich

wirklich bis an die Guiaven verfolgt haben, denn dann stöbern sie

auch, von ein oder dem andern _frommen_ Indianer geführt, die dabei

ein gutes Werk zu thun glauben, diese Hütte noch vor Tagesanbruch auf,

und könnten uns dabei im besten Schlaf erwischen.«

»Hol sie der Teufel!« rief Jack finster -- »sie mögen thun was sie

nicht lassen können, aber meiner Mutter Sohn geht heute Nacht nicht

wieder allein in die Guiaven hinaus, und wenn ich die ganze

Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~ hinter mir wüßte. -- Wenn Ihr mich aus

dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo, ich bin müde wie

ein gehetzter Wolf und will schlafen; kommen die Monsieurs nachher

wirklich noch hierher, was ich aber doch stark bezweifeln möchte, so

kann sie die alte würdige Dame da, mit dem allerliebsten Hut auf und

dem gewiß höchst modernen Anzug, leicht genug auf eine falsche Fährte

bringen -- so, jetzt wißt Ihr das Kurze und Lange davon.«

Mütterchen Tot, der vielleicht in ihrer ganzen jahrzehnte langen

Praxis ein solches Beispiel von keckem Trotz, _ihr_ gegenüber noch

nicht vorgekommen war, stand im ersten Augenblick wirklich starr vor

Ueberraschung -- jedenfalls sprachlos, dann aber war sie eben im

Begriff wie Gottes Zorn über den Unverschämten hereinzubrechen, der

ihr hier in ihrer eigenen Hütte zu trotzen, ja sie zu verhöhnen wagte,

als Jim dazwischen trat, und sie zurückhaltend den Arm des Matrosen

faßte und diesen bei Seite zog.

»Was _will_ der Mensch hier?« kreischte jetzt aber das gereizte Weib

mit lauter, gellender Stimme, ziemlich unbekümmert wie es schien, wie

viel Specktakel sie mache -- »was thut er hier, was sucht er bei mir,

daß er -- «

»Halt Mütterchen,« rief aber Jim rasch und heftig sie unterbrechend,

und den Arm drohend gegen sie aufgehoben -- »halt, oder Du schreist

Dich selber um den Hals -- der hier ist ein alter Kamerad von mir, und

ich werde ihn nicht in der Patsche sitzen lassen.«

»Aber hier in meinem Hause -- «

»Ruhig Mütterchen -- hier im Haus soll und kann er auch nicht bleiben

-- Du brauchst Dir deshalb keine Sorge zu machen; und Du, Jack,«

wandte sich Jim jetzt gegen diesen, der ziemlich geduldig das Ende der

Unterhaltung zu erwarten schien -- »Du stehst hier auf gefährlicherem

Boden als Du wahrscheinlich vermuthest, und je eher Du aus dem Schein

dieses Lichts kommst, desto besser für Dich -- vielleicht für uns alle

Beide.«

»Aber wie zum Teufel _kann_ ich fort?« rief der Matrose ärgerlich,

»das Dickicht draußen ist ordentlich zugewachsen, und mit dem Licht

schon in Sicht, habe ich meinen Weg noch gewiß eine halbe Stunde

förmlich durcharbeiten müssen, nur den Platz hier zu erreichen.«

»Du sollst auch nicht allein gehen,« unterbrach ihn Jim, »denn wir

müssen Dich eine ganze Strecke weit inland bringen, wenn Du es nicht

lieber vorziehst in der Nähe vom Strand zu bleiben und mit erster

Gelegenheit in einem Canoe nach irgend einer anderen Insel

überzusetzen.«

»Nein nein -- danke,« sagte Jack nach kurzem Ueberlegen -- »draußen in

See ist langsames und unsicheres Fortkommen, und der Henker traue den

verschiedenen Fregatten die jetzt im Ein- oder Auslaufen sind; sie

könnten Einem jeden Augenblick über den Hals kommen, und -- neugierig

sind sie alle. Nein, ich will's jedenfalls erst einmal eine kurze Zeit

hier in den Bergen versuchen -- auf Salzwasser komme ich noch immer

zeitig genug.«

»Gut, dann soll Dich Toatiti in die Berge bringen,« sagte Jim nach

einigem Nachdenken, und zwar in Tahitischer Sprache, mehr zu dem

Indianer selber, als zu Jack gewandt.

»Toatiti wird sich hüten,« knurrte aber dieser, seine Stellung

beibehaltend und sich nur etwas mehr auf die Seite hinüberdrehend,

»Toatiti liegt hier ausgezeichnet und ist sehr durstig.«

»Schwamm!« zischte der Ire zwischen den zusammengebissenen Zähnen

durch, aber er wußte auch daß mit den Insulanern, wenn sie einmal

keine Lust hatten, Nichts zu machen war, weder in Gutem noch Bösen,

und deshalb den anderen jungen Burschen zu sich winkend, flüsterte er

ihm etwas in's Ohr -- irgend ein Versprechen, seine Faulheit zu

beschwören, und mußte ihm dabei so dringend zugeredet haben, daß er

wirklich seine Tapa fester um sich her zog, die Haare aus dem Gesicht

schüttelte und sich bereit zeigte den Weißen »aus dem Weg« zu führen.

Der Insulaner der Südsee ist eigentlich nicht faul -- wir haben

wenigstens kein Recht für ihn, dem die Natur Alles gegeben was er

braucht, wenn er nur die Hand danach ausstreckt, eine eben solche

Thätigkeit zu verlangen, wie sie unser ganzes Klima, unser Boden,

unser übervölkerter Staat schon zur Bedingung unserer Existenz

gemacht, und uns also auch damit jedes Verdienst genommen hat, sie uns

angeeignet zu haben -- wir können einmal nicht ohne sie leben, und

deshalb auch nicht mit ihr prahlen. Es würde ebenso wenig Einem

unserer reichen Leute, unserer Rentiers und Capitalisten einfallen

Holz zu hacken oder Straßen zu bauen mit Schaufel und Spitzhacke --

»wir brauchen es nicht« sagen sie achselzuckend, »dafür haben wir

unsere Leute.« Dasselbe sagt der Insulaner -- »ich brauche es nicht«,

oder wenn er's nicht sagt liegt es in jeder Muskel seines Gesichts, in

jedem Nerv seines Körpers. Der Brodfruchtbaum ernährt ihn, und tausend

andere Fruchtbäume schütteln ihm selber das luxuriöseste Mahl auf den

Boden nieder; nur die Kleidung wurde früher von den Frauen und Mädchen

aus der Rinde gewisser Bäume herausgeschlagen, und dieser einzig

nöthigen Beschäftigung widmete wenigstens der weibliche Theil der

Bevölkerung einige Zeit; aber selbst das ist jetzt, sehr zum Schaden

der Insulaner, durch die erst von den Missionairen und später von

anderen Europäern eingeführten Cattune unnöthig gemacht und

aufgehoben, und die Missionaire selber verkauften ihnen die

Europäischen Stoffe, die ihnen durch ihre bunten Farben gefielen, um

einen Tauschartikel zu haben, für den sie ihren eigenen

Lebensunterhalt, wie anderes was sie zur Bequemlichkeit ihrer Existenz

gebrauchten, bekommen konnten. Den Frauen wurde damit die letzte

nützliche Beschäftigung genommen, und Bibellesen, das ihnen dafür

Ersatz geben sollte, konnte sie natürlich nur so lange fesseln, als es

eben den Reiz der Neuheit für sie hatte. Was kümmerten sie die Sagen

eines Volks von dem sie nicht einmal einen Begriff hatten wo und wann

es existirt, und jetzt gerade, wo das Glauben an die Wunder ihrer

eigenen Götter durch die fremden Männer erschüttert, ja über den

Haufen geworfen worden, sollten sie da gleich gläubig und

vertrauungsvoll zu noch viel wunderbareren Sachen aufschauen? --

Ach was -- die Sonne reifte ihre Früchte noch wie je -- im Schatten

ihrer wundervollen Wälder ruhte sich's so kühl wie sonst, und der

Zukunft _träumte_ es sich viel eher, wenigstens viel leichter

entgegen, als daß sie die Hand hätten »an den Pflug« legen sollen, wie

es die Missionaire fortwährend von ihnen verlangten. Wer etwas von

ihnen haben wollte mußte es gut bezahlen -- dann thaten sie es

vielleicht; aber gezwungen wollten sie noch immer nicht dazu werden.

»Und wo führt er mich hin?« sagte Jack mit einem leisen Anflug von

Mißtrauen als er sah, wie sich der Indianer fertig machte ihn zu

begleiten, »hab ich weit zu gehen?«

»Zu einem Haus in den Bergen,« erwiederte Jim, ihm die Worte leise

zuflüsternd -- »selbst Mütterchen Tot braucht den Ort nicht zu wissen,

obgleich sie Keinen verrathen würde, von dem sie nicht selber gleichen

Liebesdienst fürchten müßte -- der Platz liegt kaum eine halbe Meile

von hier entfernt, aber sicher versteckt, und ist wenigstens nicht,

wie der hier, als heimlicher Schlupfwinkel entlaufener Matrosen in

ganz Papetee, ja auf der ganzen Insel, berüchtigt -- bist Du fertig?«

»Brauch' ich etwa andere Vorbereitungen,« lachte Jack, »als meine

Jacke wieder zuzuknöpfen? -- aber die Flasche hier nehme ich mit, es

ist immer noch ein Tropfen darin, und der Nebel liegt dicht auf den

Bergen. Und nun ade, Mütterchen, und vergelt' Dir Gott die

freundliche Bewirthung -- bis _ich's_ vielleicht einmal im Stande bin.

Und Du, Kamerad?« wandte er sich plötzlich noch gegen den Mann von der

~Kitty Clover~, der die ganze Zeit, seit Jack die Hütte betreten,

keine Sylbe gesprochen, und den fremden Gesellen nur manchmal, wenn

das unbemerkt geschehen konnte, unter seinem Hutrand vor beobachtet

hatte, »hast Du nicht vielleicht Lust einen Abendspatziergang

mitzumachen? -- s'ist verdammt langweilige Arbeit so allein mit einer

Rothhaut draußen in den Büschen herumzukriechen.«

»Danke,« brummte aber der Matrose ohne aufzusehen -- »befinde mich

g'rade hier wohl wo ich bin.«

»Auch gut,« brummte der Andere finster -- »besser keine Gesellschaft

wie schlechte,« und mit einem kurzen Gruß nach Jim hinüber, winkte er

seinem Führer und verließ rasch und mürrisch das Haus.

Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambusthür

wieder hinter den Beiden schloß, und die Zurückbleibenden horchten

viele Minuten lang lautlos und aufmerksam den, bald in der Ferne

verhallenden Schritten. Der Mann von der ~Kitty Clover~, Bob mit

Namen, brach zuerst das Schweigen wieder, und sich mit finster

zusammengezogenen Brauen den Hut aus der Stirn rückend brummte er,

mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend, und die letzten Worte

des wunderlichen Burschen wiederholend, der hier so plötzlich zwischen

ihnen aufgetaucht und verschwunden war:

»Besser keine Gesellschaft wie schlechte? -- Wetter Kamerad, Du

würdest weit in der Welt herumsuchen müssen, wenn Du schlechtere

finden wolltest wie Dein eigenes süßes Ich.«

»Kennt Ihr ihn?« frug Jim rasch, sich zugleich nach dem Sprecher

umdrehend.

»Vielleicht nicht so gut wie Ihr,« lachte dieser trocken, »aber immer

doch gut genug froh zu sein, daß ihm _mein_ Gesicht nicht gerade alte

Scenen in's Gedächtniß zurückrief. Wir waren vor gar nicht so langen

Jahren Schiffskameraden, ja Vortopgäste zusammen, und er wurde

gepeitscht und später in Ketten an Land geschafft, weil er das M. und

D. nicht von einander zu unterscheiden wußte.«

»Das M. und D.?« sagte Jim erstaunt.

»Nun das Mein und Dein,« lachte der Wallfischfänger, »aber noch

schlimmere Sachen wurden ihm zur Last gelegt, und ein halbes Wunder

nur rettete ihn damals von der Raanocke -- verdient hatte er sie schon

zehnmal.«

»Aufgepaßt!« flüsterte da die Stimme der Alten rasch und vorsichtig

dazwischen -- »aufgepaßt, draußen sind wieder Schritte die da nicht

hingehören -- und der faule Gauch von einem Schuster kauert da

wahrhaftig wieder hinter seiner dickleibigen Bibel und schmiert die

Seiten voll Cocosöl -- hinaus mit Dir, Menschenkind, wohin Du gehörst,

und daß doch der Böse mit Dir und dem Buch davonflöge.«

Murphy schien allerdings vollständig ausgeschlafen zu haben, und hatte

sich, da ihm die Flasche wieder abhanden gekommen, seinen

allnächtlichen Tröster, die Bibel, vom Gesims geholt, über der er bei

dem matten Licht der unsteten Flamme brütete. Mütterchen Tot's

Zornrede störte ihn nun allerdings etwas in dieser löblichen

Beschäftigung, aber theils ärgerlich gemacht durch den Verlust des

Brandy, theils durch die unermüdlichen Angriffe der Mosquiten, derer

er sich heute Abend kaum erwehren konnte, war ein sonst an ihm kaum

denkbarer Geist, der Geist des Widerspruchs, in ihn gefahren, und

mürrisch über das Buch und das Licht wegsehend rief er mit seiner

feinen, jetzt ärgerlich erregten Stimme:

»Ach zum Henker, ich habe draußen Nichts zu suchen, und wenn man Einen

wie einen Menschen behandelte, könnte man auch wie ein Mensch

existiren. Laß die aufpassen die sich vor was zu fürchten haben;

Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier lange gut.«

»Nun _das_ hat mir noch gefehlt!« schrie Mütterchen Tot, von ihrem

Sitz empor und auf den Rebellen zufahrend, der nur eben Zeit genug

behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megäre zu

bringen. Mütterchen Tot schien aber seine Taktik schon zu kennen, und

mit einem Griff ihrer langen Arme um die Flamme herumgreifend

erwischte sie das Buch, hob es mit beiden Armen auf und schleuderte es

blitzesschnell und mit einem ingrimmigen Fluch nach dem Kopf des

kleinen Schusters, der nur durch rasches Untertauchen dem nicht

unbeträchtlichen Gewicht des Bandes entgehen konnte. »_Da_,« schrie

sie dabei, kirschroth vor Wuth -- »da Du Lump, da nimm das und

studier's, und nun hinaus mit Dir, oder so wahr da oben der Mond am

Himmel steht, ich gieße Dir das heiße Cocosöl über den Leib, und brühe

Dich wie ein unreines Schwein das Du bist -- Du -- Du Lederstecher

Du.«

»Zum Teufel noch einmal, Mütterchen,« rief aber Jim jetzt dazwischen,

der sich indessen ebenfalls zum Fortgehen bereit gemacht, und seine

Jacke zugeknöpft, seinen Hut aufgesetzt hatte -- »laßt den Lärm hier,

Ihr macht ja einen Skandal, daß die Hunde am Strand an zu bellen

fangen. Mir wird's unheimlich hier drin, und ich suche mir lieber ein

stilleres Quartier. Komm Kamerad, ich will Dich noch in gute

Gesellschaft bringen, heut' Abend, und morgen früh dann -- Teufel!«

unterbrach er sich aber rasch und erschreckt, denn draußen rasselten

plötzlich, wie auf ein gegebenes Kommando, eine Anzahl Gewehrkolben

auf den Boden, dicht an dem Eingang der Hütte nieder, und die Stimme

eines Befehlenden in Französischer Sprache wurde laut:

»Zwei von Euch um das Haus herum, ob es noch einen anderen Eingang

hat, und Ihr hier bleibt an der Thür; was mit Gewalt hindurch will den

stoßt Ihr nieder -- Feuer auf jeden Flüchtling.«

»Alle Wetter,« brummte Bob, jetzt ebenfalls aufspringend, und seine

Segeltuch-Hosen nach Art der Seeleute in die Höhe zerrend -- »Jack ist

ihnen zur rechten Zeit aus den Klauen gerutscht.«

Es blieb ihm keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Thür wurde

in diesem Augenblick aufgerissen, und sich bückend trat ein

Französischer See-Officier ein, dem eine Anzahl Marinesoldaten mit

aufgepflanztem Bajonett folgten, und somit ein Verlassen der Hütte,

die keine Fenster hatte, unmöglich machte.

Der Officier, dessen Blick den inneren Raum, soweit das nämlich das

ungewisse Licht der Cocosflamme erlaubte, überflog, haftete zuerst auf

Murphy selber der, sich wenig um die Patrouille oder Haussuchung

kümmernd, an die er durch eine lange Reihe von Jahren auch wohl schon

gewöhnt sein mochte, nur rasch und bestürzt seine Bibel aufgegriffen

hatte, und mit dem dicken Buch jetzt gar nicht schnell genug in seine

Hülfskalebasse hineinfahren konnte.

»Hallo Sir -- was habt _Ihr_ da so Kostbares zu verstecken he?« rief

er in Englischer Sprache, und ging langsam auf den kleinen Mann zu,

der fast instinktartig das erst halb hineingezwängte Buch bei Seite

und in den Schatten drückte, und nach einem angefangenen Schuh griff,

als ob er mitten in der Nacht seine mit Dunkelwerden aufgegebene

Arbeit wieder beginnen wolle.

»Und seid Ihr hierhergekommen, Sirrah, unsere Taschen zu visitiren?«

knurrte aber unwirsch der kleine Ire, der schon einen tückischen

Seitenblick nach der ihm verhaßten Uniform warf, und seinen ganzen

trotzköpfigen Muth oder eher Widerspruchsgeist zurückbekommen hatte,

als er fand daß der nächtliche Besuch _nur_ Soldaten und keine

Missionaire waren, »wenn's _mir_ Vergnügen macht, kann ich meine

Kalebassen und Taschen so voll stopfen wie und mit was ich will -- was

geht's Euch an?«

»Langsam mein Bursche, langsam,« lachte der Officier, unser alter

Bekannter Bertrand, durch die mürrische Antwort keineswegs böse

gemacht -- »wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's

doch noch zeigen müssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine

Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund

und Schiffskameraden darin entdecken können, der sich wahrscheinlich

von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin

zurückfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus -- Ihr

solltet sie ein wenig lichten.«

»Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug;« brummte

Murphy halblaut vor sich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die

Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem

Officier entgegen:

»_Deine_ Wohnung, _Deine_ Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders

als _meine_? und glaubt Ihr daß der schmutzige Schuster da eine

Wohnung für sich selber hat? -- Ist das auch eine Manier einer armen

alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie

zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer

seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr

dasteht wie von Gott verlassen?«

»Alle Wetter,« lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen

über die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme

phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte -- »das ist

eine _Dame_; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung daß

sich das schöne Geschlecht auch in solch alte Ueberröcke zurückziehen

könnte.«

»Ach was _schöne Geschlecht -- Dame_,« knurrte die Megäre, »was wollt

Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit,

und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.«

Der Officier hörte schon kaum mehr auf sie, sondern näher zum Licht

tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen

schützend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den,

neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der

Hütte befindlich, oder gar versteckt wären, einer eben nur

oberflächlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.

Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoßen der

Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den

hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber

sein scharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig

stehen und ließ sich dann sogar, als eben der Officier die Hütte

betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die

Hände gestützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in

die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen

gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mißtrauische und

finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe

vor, nach dem Officier hinüberschoß, wie die fest zusammengebissenen

Zähne hätten können ahnen lassen, daß doch nicht Alles mit ihm so gut

und richtig sei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von

Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen

behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben möchte.

»Was oder wen ich suche, Madame?« wiederholte Bertrand langsam und

fast wie mit sich selber redend -- »hm, Jack scheint sich richtig aus

dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu

haben. Ihr, da, zwei von Euch« wandte er sich dann in französischer

Sprache an die Soldaten, »sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht

irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht;

vielleicht können mir indessen diese beiden Burschen, die da so

schweigsam sitzen, etwas nähere Auskunft über den Gesuchten geben.

Heda Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen

Bob nicht als Matrose zu verkennen war, während selbst Jim einen

ziemlich seemännischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man

kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu

Salzwasser gehörig gelten konnte -- »ich suche einen entsprungenen

Mann von der ~Jeanne d'Arc~, der auf den Namen Jack hört, und sonst

ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer

Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann

mich Einer von Euch auf die Spur bringen?«

»Spur bringen?« brummte aber Bob dagegen -- »wenn's auf See wäre, aber

hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde,

mich nicht zwischen den verdammten Bäumen zu verlaufen -- da müßt Ihr

Euch schon einen Anderen suchen.«

»Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad?« frug

der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas

Aehnliches fast vermuthen wollte. »Er heißt Jack.«

»So heißen wir ziemlich Alle,« knurrte der Seemann -- »wenn man Eines

Namen nicht weiß auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack -- jeder

Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen

Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten

Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm über den Schädel

gießen.«

Bertrand hatte, während Bob sprach, zuerst Jim oberflächlich

betrachtet, und sich dann wieder in der Hütte umgesehen, in seiner

Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder

kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zügen des Mannes zurück, der

am Feuer mit zusammengezogenen Brauen saß und jetzt anfing in seiner

Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.

»Hallo Kamerad,« sagte er endlich, als die beiden Soldaten

zurückgekommen waren und gemeldet hatten daß sich Niemand weiter in

der Hütte befinde, »wo haben wir Beide denn schon einmal unser

Fahrwasser gekreuzt? -- Du bist ein Engländer?«

»Wenigstens nicht weit davon,« brummte Jim, sich noch mehr in seine

Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt -- »habe aber

nicht die Ehre -- Menschen gleichen sich wie Blätter und Eier --

tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.«

Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch

keine äußeren Eindrücke sein Gedächtniß zu beirren -- ein

thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist

vorüber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und

schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten daß er sich

den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf

schüttelnd, schritt er mit verschränkten Armen ein paar Mal auf und ab

in der Hütte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten,

ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.

Jim war dabei diese höchst unnöthige Aufmerksamkeit, die der Officier,

den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger

als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem

Platz zu fühlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der

Hütte zu.

Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß.

»Weiß der Teufel,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo mir die

Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes

war's das ist sicher -- nun vielleicht fällt's mir wieder ein -- ha

-- « sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem

Sitz erblickte -- »ah, der Herr schläft wohl hier, und will sich sein

Lager zurechtmachen? -- habt Ihr Erlaubniß an Lande zu bleiben, und

auf welches Schiff gehört Ihr?«

»Ich gehöre auf gar kein's,« entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel

der Hütte vor -- »die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde

d'rauf schlafen können, denk' ich.«

»Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst Du?« wandte er sich

jetzt zu Bob -- »oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen,

mit Deiner Furcht vor den Bäumen?«

»Verdamm es, nein,« brummte der Seemann, »ich gehöre zur ~Kitty

Clover~.«

»Dem Wallfischfänger?«

»Ja.«

»Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah?« frug der Officier

scharf -- »die ~Kitty Clover~ steht überhaupt in dem Verdacht andere

Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die

Missionaire schon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy

überschwemmt.«

»Die Missionaire können zu Grase gehen,« erwiederte Bob gleichgültig,

»die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was übrigens die ~Kitty

Clover~ thut geht _mich_ nichts an -- die ~Kitty Clover~ ist ein ganz

selbstständiges Frauenzimmer.«

Bertrand lachte. »Doch apropos,« rief er plötzlich, sich zu Murphy

wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel saß, und den in

der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauisch betrachtete, »was war's

denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von

Euch nach -- in der Kalebasse da drüben muß es sein, vielleicht daß

uns das auf Jacks Spur bringt.«

»Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekümmern?« rief

aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend,

der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und

nicht übel Willens schien es zum Aeußersten zu vertheidigen -- »hab

ich Euch nicht gesagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel weiß,

und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünsche die

gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben?

-- ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau

einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute

mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch

wohin Ihr selber gehört, was wollt Ihr von uns? -- was steht Ihr noch

da?«

»Komm hier Mütterchen,« lachte aber der eine Soldat, ein riesiger

Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite

schiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche

Kalebasse mit dem Bajonnet anspießte und nach vorn zog, wo das

allerdings höchst unverdächtige Buch zu Lichte rollte.

»Eine Bibel,« lachte der Officier, »und weshalb versteckst Du die vor

_mir_? -- hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wäre der Letzte

der Dich in Deiner Andacht störte -- laßt sie los.«

»Gottes Fluch über Euch!« schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige

Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. »Pest und Gift in

Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau

mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!« und zufällig vielleicht,

oder auch mit Absicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge

auszuschütten, stieß sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte

Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden

Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter

laut ausgestoßenen Flüchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das

sich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in

heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte übergießend.

»Alle Wetter Madonna,« rief Bertrand, der lachend zurücksprang, »Du

wirst Dir selber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten -- «

sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkürlich

zugewandte Antlitz des Iren, der sich überrascht nach der hellen

Flamme umschaute, und wie ein zündender Blitz sprang zu gleicher Zeit

die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon früher gegen

Jim erwähnt, seinem Gedächtniß mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener

Züge in die Seele rufend.

»~Sapristi~,« schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide

reißend und gegen den Iren anspringend -- »hab' ich Dich, Kamerad --

ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!«

»Verdammt!« knirrschte Jim zwischen den Zähnen durch, »aber noch habt

Ihr mich nicht!« und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem

Franzosen vor die Füße schleudernd, daß dieser auf die Seite springen

mußte nicht darüber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten

herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller

Gewalt gegen einen der Bambusstäbe an, der, jedenfalls schon zu einem

heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre benutzt, seinem Gewicht

nachgab und sich nach außen bog. Der Körper des Flüchtigen war im Nu

dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem

Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen führte, traf der

zurückschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie

Glas entzwei.

»Feuer! beim Teufel -- Feuer!« schrie Bertrand, wüthend gemacht, und

dem Knacken der Hähne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig

mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu

zersplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen.

Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene schien Bob, der

regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem

Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spöttisch mit

dem Kopf schüttelte. »Hm, möchte wissen was da im Winde ist --

verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war,« murmelte er vor

sich hin; »sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich,

denn auf einen bloßen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen --

hab's mir aber etwa gedacht, daß der Bursche wohl was erzählen könnte

-- wenn er nur wollte.«

Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen

nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurück.

»Laßt ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,«

sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem

leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend -- »wart' aber

Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? -- nun

hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet

sind, und das nächste Mal _kenn'_ ich Dich, darauf kannst Du Dich

verlassen. Und Du Mütterchen,« wandte er sich plötzlich an die alte

Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele

stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstürzung

ihres Hausstandes, bald nach dem unglücklichen Schuster hinüber warf,

an dem sie nur noch nicht recht wußte, wie sie einen Halt bekommen

sollte, ihren Grimm auszulassen -- »Du kannst mir vielleicht sagen wie

der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heißt, was er treibt

und wo er wohnt.«

Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft

zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte

sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, daß

er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel

herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus

kämen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben müsse in ihren alten

Tagen.

Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein daß

er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden würde, aus den

hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken.

Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel

der Menschheit mehr zu nützen, und sich an die Alte wendend da der

Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen würde, sagte er

ruhig:

»Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid,

red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem

Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.«

»Haufen Geld,« mumpelte die Alte mürrisch, aber auf einmal merkwürdig

besänftigt, in ihrem zahnlosen Mund -- »Haufen Geld, ja mit der Zunge,

da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter -- Haufen Geld

-- wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in

dieser schweren, drückenden Zeit? -- fort mit Euch, ich kenne Euch

schon von alten Zeiten her.«

»Schon gut, Madonna, also Du weißt nicht wo jener Bursche, der da eben

durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses

_außerordentlich_ vertraut scheint, sich über Tag aufhält, und wo er

wohnt?«

»Nein -- Nichts,« brummte die Alte mürrisch.

»Weißt auch nicht wie er heißt?«

Die Alte zögerte und sah halb unschlüssig Bob an, der aber sog ruhig

an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lächelnd vor sich

nieder -- sie schüttelte trotzig mit dem Kopf.

»Gut,« sagte Bertrand, sich die Lippen beißend, »vielleicht fällt

Dir's später ein; frischt sich aber Dein Gedächtniß, so kannst Du 500

Frank -- verstehst Du? -- 500 Frank verdienen, wenn Du mir

Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.«

»Fünfhundert Frank?« sagte die Alte ungläubig.

»Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt

bekommen -- und selbst für den Anderen sollst Du zweihundert haben,

wenn Du uns zu seiner Ergreifung behülflich bist.«

Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte

lauernd an -- Mütterchen Tot schien aber in der That in tiefem

Nachdenken verloren über den Vorschlag, und es bedurfte einiger

Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschütteln konnte -- wenn

sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.

»Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,« brummte sie

kopfschüttelnd -- »hat O'Flannagan sich -- «

»O'Flannagan?« frug Bertrand rasch.

»Ach zum Teufel!« rief die Alte, jetzt selber ärgerlich werdend --

»lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist --

was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und sich so

oder so nennen kann -- wen kümmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und

ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus -- versteht Ihr

das?«

»Ich versteh' Euch, Mütterchen,« lachte aber Bertrand -- »danke

übrigens für den Wink, und -- vergeßt die 500 Frank nicht. -- Doch

jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marsch!« und den

Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thür mit

gebückten Köpfen folgten, verließ er rasch das Haus, und bald verklang

der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne.

Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter

verschwimmenden Geräusch der ihm genug verhaßten Franzosen. Dann sich

den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas

weiter aus dem Gesicht schiebend, drückte er beide Hände neben den

Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß

das Haus zu verlassen.

Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in

der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal stehen, drehte sich um,

nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:

»_Mein_ Name ist Bob Candy,« und sich dann auf dem Absatz

herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thür.

Mütterchen Tot aber löschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den

jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine

Rücksicht zu nehmen, und drückte sich mürrisch und knurrend auf ihr

Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der

kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelästigt auf sein Lager

werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.

[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im

Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich

offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden

folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck:

#fetter Text# ]

Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band. · 第 6 / 7 题