[D] Die Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen
_weiblich_ und wie der Matrose behauptet aus einem allerdings nicht
gerade schmeichelhaften Grund für das schöne Geschlecht: weil die
Takelage, Segel etc. mehr koste als alles Uebrige.
[E] Gumbo's, der Spottname der Franzosen in Louisiana, nach einem dort
bereiteten Lieblingsgericht derselben.
Capitel 5.
#Die Königin Pomare.#
Der Sturm hatte nachgelassen, aber noch schleuderte der West den
Wellenschaum gegen das Leeufer[F] der Insel, und die schweren
Palmenwipfel, die den Palast Aimatas, der vierten der Pomaren,
umgaben, schwankten herüber und hinüber und schüttelten die schweren
Tropfen aus der Fruchtgeschmückten Krone.
_Der Palast der Pomaren_ -- ein Zauber lag sonst auf dem Heiligthum,
das ein frohes gutmüthiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit
allem ausgeschmückt, was seine Phantasie nur Großes und Erhabenes zu
erfinden vermochte.
Was lag daran ob nur Bambusstäbe das leichte Dach von Pandanusblättern
stützten, nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den
inneren Raum zierten und verhingen -- was lag daran ob die Häuptlinge
aus einfachen Calebassen ihren Brodfruchtpoe verzehrten und den Saft
der Cocosnuß dazu tranken, sie waren die von Oro beschützten Fürsten,
und der Grund schon heilig, den ihr Fuß betrat.
Und jetzt? -- Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten einfachen
Sitten der Insulaner verdrängt -- die Missionaire, anstatt sich ihrem
einfachen Leben anzupassen, lenkten die Gier dieser sonst so
anspruchslosen bescheidenen Wesen auf die fremden Sachen die sie in
Masse mitgebracht; der Schutz der Könige selber ward durch Geschenke
-- tolles Zeug das nur bunt drein schaute und zu weiter Nichts diente
als den Platz ungemüthlich, unheimlich zu machen auf dem es stand --
zu erhalten gesucht, und wie sich die Fürsten mehr den Fremden
hingaben, deren eigenthümliche Geschenke sie gewannen, wie sie von
ihrer Höhe niederstiegen und ihre Götter selbst zuletzt gegen
Glasperlen und andere bunte Sachen eintauschten, einen anderen _Gott_
anzuerkennen, den ihnen jene schwarzen finsteren Männer brachten, da
war die königliche Macht dahin, wenn auch der äußerliche Prunk noch
blieb, ja für den Augenblick, wie das letzte Aufflackern einer Lampe,
vielleicht noch auf kurze Zeit erhöht und verstärkt wurde.
Was die Königliche Majestät auf den Sandwichs Inseln, wo
Republikanische Missionaire zuerst Gottes Wort hinüberbrachten, erhob,
daß nämlich die Glieder der Königlichen Familie, besonders die
Frauen[G] der Christlichen Religion anhingen, und sie mit dieser Macht
auch das Volk dahin brachten sich zuletzt, wenigstens äußerlich, dem
neuen Cultus zu unterwerfen, das hatte auf den Gesellschaftsinseln, wo
die Priester einer Monarchie zuerst mit dem Kreuz und der Bibel
landeten, die entgegengesetzte Wirkung in dem starren Trotz den die
Pomaren, in ihren Herzen wenigstens, von je der Christlichen Religion
entgegensetzten, bis in späteren Jahren, und auch eigentlich erst
durch Krankheit geknickt und in der Hoffnung mit Hülfe der Weißen die
Zügel seiner Regierung wieder fester in die Hand nehmen zu können, der
zweite Pomare zur christlichen Religion übertrat, sonst aber seine
Sitten, und sehr wahrscheinlich auch im Inneren seinen alten Glauben,
ziemlich beibehielt.
Die Fürsten, die man bis dahin für übernatürliche Wesen gehalten,
wurden _Menschen_, die Götter, die bis dahin die Schicksale der Völker
regiert und die Hand gehalten hatten über Land und See, wurden zu
Stücken Cocosholz, -- der Glaube, die Furcht, ja das Schlimmste von
Allem, die _Liebe_ des Volkes war ein Wahn, ein schöner Traum gewesen,
und daß eben das Volk dann zu Extremen übersprang, läßt sich denken.
Das schlichte Bambushaus, zu dem der Tahitier sonst als dem
Herrschersitz seiner Könige mit scheuer Ehrfurcht aber auch mit Liebe
aufgeblickt, war verschwunden, und an dessen Statt stand ein
Europäisches Gebäude mit Schindeln gedeckt, mit Verandah und Treppe,
mit Thüren und Glasfenstern da, die Wände dicht und der kühlen
Seebrise undurchdringlich, das Dach fremd und unnatürlich in die
schlanken Palmen hineinstarrend -- das Innere dabei wild und
geschmacklos mit bunt und toll durch einander geworfenen Geschenken
verschiedener Schiffe und Länder ausgeschmückt oder eher verstellt,
mit Porcellan und Glas, mit Bronze und Messing, versilberten
Leuchtern, vergoldetem Schmuck, mit Servicen und Geschirren, so
geschmacklos als verwirrt geordnet oder besser gesagt aus dem Weg
gestellt.
Die natürliche Majestät des Ganzen war gewichen und eine gezwungen
gekünstelte jetzt nicht mehr im Stande selbst in den Augen des
Eingeborenen zu imponiren. Die Ehrfurcht deshalb, die er dem
schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt, und die sich selbst
auf die Pandanus-Matte erstreckte die der Fuß berührte, weigerte er
dem kostbaren Teppich und all jenen tausend und tausend
»Kostbarkeiten,« die er staunend anstarrte, an denen er aber kalt, ja
nicht selten mit einem Lächeln auf den Lippen, vorüberging. Er kannte
die Quelle aus der es floß, Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in
Hand und vor dem _neuen Gott_, wie ihnen die fremden Lehrer oft und
oft gesagt, _waren ja alle Menschen gleich_ -- das Bischen Staat dabei
hatten die Fremden mitgebracht, als Geschenke festen Fuß auf den
Inseln zu fassen, es war Nichts darunter, vor dem man hätte Ehrfurcht
haben können.
Und rücksichtslos wie der Menschen Hand an dem Hermelin der Majestät
gerissen, und nach der Krone schon die Faust ausgestreckt, die Aimatas
Stirn umzog, so hatte der Sturm in seiner tobenden Lust auch seinen
Muth an dem geweihten Platz gekühlt und hineingegriffen in das
Heiligthum.
Wo eine Anzahl dichter herrlicher Palmen auf etwas offener Stelle
wachsend, früher das Bambushaus der Königin überschattet, und einander
dabei zugleich Schutz und Schirm bieten konnten gegen die tollen
Windgeister, die zu Zeiten über die Berge rasten, da hatten die
meisten dieser stattlichen Bäume, dem größeren Gebäude Raum zu geben,
weggeschlagen werden müssen, und die einzelnen, zurückgebliebenen,
waren nicht mehr im Stande dem wilden West zu trotzen, wenn er den
rasenden Ansprung nahm gegen sie, die wehenden Blätter ihrer Krone
faßte und die Wipfel niederbog, scharf und gewaltig, bis fast zum
Boden hin. Hei wie sie da oft zurückschnellten, in Grimm und Unmuth,
dem tobenden Sturm gerad' in die Zähne, und die wehende Krone
schüttelnd in zornigem Trotz; vergebens -- wieder und wieder sauste
die Windsbraut heran, faßte die mächtigen Bäume und drückte sie in
ihrem tollen Spiel zur Erde nieder bis sie die herrlichste geknickt
und mit schwerem Fall zu Boden geschmettert, weit und zerstörend
hinein in Banane und Brodfruchtgarten. Und dann, wie ein unartig Kind,
das sein Spielzeug zerbrochen und bei dem Fall schon die Strafe
fürchtet, brauste der Sturm und tobte dahin, über die mächtigen
Waldeswipfel, daß sein Rauschen und Donnern weit hinein drang in
Berges Schlucht und Hang; aber am Boden lag die Palme zerknickt und
todt, der starre aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel
deutend, und der Wipfel selbst ein traurig Bild zertrümmerter,
königlicher Kraft -- so viel sprechender hier, an der Schwelle der
Pomaren.
Und wie der Sturm schwieg, wogte und drängte draußen das Volk in
wilderem unaufhaltsamerem Schwarm, zum ersten Mal wieder eine Macht
fühlend, die ihm bis jetzt genommen, zum ersten Mal wieder von denen
aufgefordert _selbstständig_ zu handeln, die bis jetzt mit ängstlicher
Sorgfalt jeden ihrer Schritte überwacht, und die Bibel drohend
entgegengehalten jedem freieren, kraftbewußten Wort.
Das Volk _sprach_, und der Palast lag _verödet_; die Thüren standen
offen, oder schlugen im Zug hin und wieder, die im Inneren
angebrachten Europäischen Vorhänge und Gardinen flatterten und wehten
unordentlich aus, und die ~Eïnanas~ Pomares, die dienstthuenden
Hoffräulein der Fürstin selber hatten sich in Furcht und Neugierde
theils mit hinaus an den Strand gedrängt, das fremde Schiff und das
erregte Volk zu sehen, theils standen sie mit flatternden Locken und
Gewändern über die Verandah zerstreut, ihrer Pflichten nicht weiter
achtend, sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen mitzutheilen.
Pomare war in ihrem Gemach allein und die Königin stand, an ein
Fenster gelehnt, die linke Hand auf eine geöffnete Bibel, die neben
ihr auf einem kleinen Tischchen lag, die Stirn sinnend in die rechte
Hand gestützt, regungslos und schaute in tiefem Brüten hinaus über die
zerschüttelten Baumwipfel, die ihre Zweige noch nicht wieder
zurechtgefunden aus dem kaum vorübergebrausten Sturm, und wie
ängstlich die weiten grünen Arme ineinander rankten, einem noch immer
mißtrauisch befürchteten neuen Anprall zu begegnen.
Es war eine schlanke edle Gestalt, mit nicht gerade schönen aber doch
wohlthuenden Zügen, und besonders feurigem lebendigem Auge, dessen
Brauen sich nur jetzt, in Sinnen und Unmuth vielleicht, fester und
härter zusammengezogen wie es sich sonst mit den voll und freundlich
geschnittenen Lippen vertrug. Sie ging ganz in die Landestracht
gekleidet, nur daß kostbarere Stoffe ihre Gestalt umschlossen, -- der
~pareu~ war von feinem gelb und roth gestreiften und mit kleinen
Silberblumen durchzogenem Gewebe, und der obere, erst nach der
Bekanntschaft mit den Europäern angenommene weite und vorn bis zum
Gürtel offene Rock, der nur am Handgelenk durch zwei Perlmutterknöpfe
zusammengehalten wurde, war von schwerer blaßrother Seide, um die
Hüften durch eine goldene emaillirte Spange zusammengehalten. Die
Haare trug sie in natürlichen Locken, durch die aber, vielleicht ein
wenig kokett auf die Krone anspielend, ein schmaler goldener Reif
gezogen war, vortrefflich gegen die rabenschwarze Fülle der Locken
abstechend, die ihre Stirn umspielten. An den Fingern blitzten zwei
etwas starke, goldene Ringe, der den Eingeborenen überhaupt liebste
und ehrenvollste Schmuck; ihre Füße aber waren nackt.
Viele Minuten lang blieb sie in der beschriebenen Stellung, starr und
regungslos und nur manchmal war es, als ob sie ungeduldig hinaushorche
nach dem dumpf selbst bis zu ihr herüberwogenden Lärm, indeß die
Finger der linken Hand bewußtlos in dem heiligen Buche blätterten.
»Sie kommen, Pomare, sie kommen,« rief da plötzlich Eines der Mädchen,
den Kopf eben nur zur Thür hereinsteckend und dann wieder, gerad so
rasch verschwindend.
»~Aramai~, ~Eina~!« rief aber die Königin, sich zornig nach der Thür
herumdrehend, in der jetzt, etwas beschämt, das junge schöne Mädchen
wieder erschien und schüchtern stehen blieb -- »ist das jetzt Sitte
hier bei mir geworden, daß Ihr draußen herumlauft, Ihr Tollen, und
eben zu mir hereinstürmt und mir Euere Botschaft unter das Dach ruft,
als ob ich herübergeweht wäre von den Inseln zu windwärts? -- wer
kommt? ~waihine~ und wo sind Deine Gefährtinnen?«
»Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem weißen bösen Ferani,« sagte das
Mädchen etwas ängstlich -- »und noch viele viele andere Tanatas.«
»Und die Eïnanas?«
»Stehen draußen und sehen hinaus.«
»Was will Tati von _mir_?« frug die Königin finster, mehr mit sich
selbst redend als zu dem Mädchen gewandt.
»Böse Ferani ist bei Mitonares gewesen,« sagte da das Mädchen leise
und schnell -- »hat sich gezankt mit Mitonares und kommt jetzt zornig
und bös zu Pomare.«
Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lippen, daß die Eïnana den
Ferani fürchtete, aber die Botschaft selber beunruhigte sie doch. Der
Französische Consul verkehrte nie mit den Protestantischen
Geistlichen, die ihn, wie er recht gut wußte, haßten und verabscheuten
-- was hatte er dort zu thun, wenn nicht jene etwas gegen ihn, gegen
seine Nation unternommen, und warum wußte _sie_ noch Nichts davon?
»Die Mitonares haben das Englische Schiff gesehen und glauben sich nun
Herren dieses Landes,« murmelte sie leise vor sich hin -- »aber noch
nicht -- noch nicht -- und das Alles sagt die Bibel, Alles, Alles was
sie wollen.«
Lautes Sprechen auf der Verandah drang von dort herein, und die
Eïnanas, die bis jetzt draußen herum gestanden, schlichen leise in's
Zimmer, während Eine von ihnen die Ankunft des »Ferani ~Me-re-hu~« mit
Tati dem Häuptling meldete. Noch ehe aber Pomare nur die Erlaubniß
seiner Einführung geben konnte, wurde die Thür wieder, mehr
aufgerissen als geöffnet, und der Consul betrat rasch von Tati langsam
und wie scheu gefolgt, das Gemach.
»Habt Ihr die Sitte verlernt, Consul Me-re-hu!« rief ihm aber Pomare
gereizt entgegen, noch ehe er den Mund öffnen konnte zu seiner
Vertheidigung, »daß Ihr zu einer Frau -- daß Ihr zu Pomaren in das
Haus dringt, als ob Ihr daheim wäret in Eurer eigenen Hütte? -- noch
haben Euere Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen, und
Euere Soldaten mein Volk erschlagen, oder Euere Priester es bethört --
geht fort von hier, Ihr seid ein unruhiger böser Mann -- und was will
Tati von seiner Königin, daß er mit dem Fremden über ihre Schwelle
bricht, wie ein Dieb bei Nacht?«
»Nicht meinetwegen komme ich, kommt Tati hier zu Dir, Pomare!«
unterbrach sie hier Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu
vertheidigen -- »Deinet-, Deines Reiches wegen sind wir hier, das
Deine tollen Priester im Begriff sind zu verderben.«
»Consul Me-re-hu!« rief Pomare entrüstet.
»Ja Pomare!« fuhr aber der Franzose in zornigem Eifer fort, »und
wiederholen muß ich's Dir, daß Deine Priester in diesem Augenblick
selbst daran arbeiten den Bruch unheilbar zu machen, den sie zwischen
diesem Land und Frankreich reißen. Auf die Bibel gestützt, der sie in
blindem Eifer, nicht rechts nicht links sehend, anhängen, predigen und
schreien sie daß sie dieser folgen, während es im Grund nur ihre
eigene starrköpfige Meinung ist, der sie das Banner vorantragen.
Gottes Zorn wollen sie dabei in ihrer Macht haben, während in ihrem
eigenen Lager Unfriede, Streit und Feindschaft, Neid und Habsucht
herrschen.«
»Und seid Ihr nur hier hergekommen meine Prediger und Gottes Wort zu
lästern, Consul?« frug die Königin kalt.
»Hierher gekommen Dich zu _bitten_ ihren Uebermuth zu steuern!« rief
Mörenhout, »Dich zu _warnen_ ihrem Einfluß, der der Französischen
Nation ein durchaus feindlicher ist, gerade jetzt, wo sie in
kurzsichtigem Triumph den Sieg in Händen zu haben glauben, nicht zu
viel Raum zu geben.«
»Warnen,« wiederholte Pomare verächtlich, und drehte dem Consul halb
den Rücken -- »und was sagt Tati? hat der erste Häuptling Tahitis dem
Fremden das Wort überlassen?« fuhr sie aber rascher fort als sie
diesen mit verschränkten Armen und finsterem Blick still zur Seite
stehen sah.
»So lang er das rechte spricht, warum nicht?« sagte der Häuptling
ernst -- »es ist dasselbe um das ich Pomare bitten wollte -- er hat es
Dir kund gethan.«
»Und was _wollt_ Ihr von mir?« rief die Königin, jetzt wirklich
beunruhigt durch das ernste Aussehen der Männer, »was ist geschehen,
was haben die Mi-to-na-res gethan?«
»Die Mi-to-na-res thun nie etwas,« sagte der Consul, aber jetzt weit
ruhiger als vorher, »sie stecken sich nur hinter die Masse, reizen mit
ihren Reden das Volk auf, und sind dann unschuldig wie die Kinder,
wenn der Saame aufgeht, den sie erst selbst gepflanzt.«
Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung und Tati, der wohl sah
daß der Consul, in seinem Zorn über die Missionaire gar nicht zum
Hauptpunkt kam, fiel da ein:
»Sie sind unklug genug das Volk dazu zu treiben, daß es die
Französische Flagge niederreißt.«
»Und welches Recht hat sie, hier zu wehen?« frug Pomare rasch.
»Dem mit Dir selbst geschlossenen Vertrage nach!« rief der Consul.
Tati biß sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken:
»Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.«
»Von keinem anderen?« frug der Consul erstaunt, und drehte sich rasch
nach dem Häuptling um -- »habt Ihr nicht selber mit den Vertrag
unterschrieben, der ihm es sichert?«
»Eben weil Ihr die Stärkeren seid habt Ihr das Recht,« sagte der
Häuptling finster, »denn der Vertrag war in anderem Sinne, als Ihr ihn
auszubeuten wünscht, und wäret Ihr ein kleines Reich wie wir, würde
die Frage gar nicht sein um ja und nein, die Kriegskeule möchte dann
entscheiden welches Landes Flagge in der Brise flattern dürfte. So
aber, und weil mir ahnt _was_ Ihr begehrt, nicht etwa weil ich ein
Freund des Königs der Feranis bin, komme ich hierher und verlange von
Dir, Pomare, das Volk zurückzuhalten, daß es nicht muthwillig wieder
fremden Schiffen die willkommene Gelegenheit bietet die Hand nach
diesem Reiche auszustrecken. Die Priester tanzen um ihr Heiligthum und
sehen in die Flamme -- bis sie eben nichts weiter sehen und für alles
Andere, was außer ihnen vorgeht, blind sind; was kümmert sie Pomare
oder Tahiti, wenn sie Leute finden die in ihrem großen Buch lesen und
ihnen Früchte und Cocosöl bringen. Kaufleute von dem Lande der Feranis
sind gekommen und sie haben Nichts gesagt -- Priester kommen jetzt von
dort, und sie schreien daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel
ausrotten würde; warum? weil die anderen Priester auch Ferkel haben
wollen zum Backen, und Brodfrucht zum Rösten -- weil sie auch _Worte_
eintauschen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.«
»Aber wie kann ich's hindern?« sagte Pomare unschlüssig -- »Ihr wilden
Männer selber habt mich in ihre Hände gegeben, mit Euerem Zorn und
Ehrgeiz, und ich _will_ mich dem Ferani nicht beugen.«
»Und wer sagt daß Du es sollst?« rief Tati schnell -- »aber eben so
wenig der Flagge der Beretanier.«
»Die frommen Männer künden das Wort Gottes, nicht Beretaniens,«
entgegnete Pomare.
»Ei beim Donner, laß sie das denen sagen die es glauben!« trotzte der
Häuptling -- »ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie
vor, ihn zu verstecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den
Göttern oder den Priestern unterthan? und wäre der neue Gott so wenig
mächtig, daß wir vor seinen Dienern nur allein die Furcht und
Ehrfurcht haben sollten?«
Die Königin wollte reden, aber das Wort gebrach ihr in dem Augenblick,
dem zu erwiedern, und der Häuptling fuhr mit ruhiger, ja fast bewegter
Stimme fort:
»Ich weiß daß sie alle Deine guten Eigenschaften, aber auch all Deine
Schwächen in das Feld gerufen haben, ihnen zu dienen; Dein gutes Herz
gewann Dich ihrem Gott, Dein Stolz, das Erbtheil Deines Stammes
unterstützte sie in dem Kampf mit Deinen Feinden. -- Sieh mich nicht
so an, Pomare, ich gehörte nie dazu, und wenn auch das Blut meiner
Väter, der alten und rechtmäßigen Fürsten dieser Inseln in meinen
Adern rollt, und mich Deinem _Stamm_ gegenüberstellte, hab ich Dich
selber stets geachtet und -- verehrt; aber weh, tief im Herzen weh thut
es mir den Häuptlingsstab aus unserer Faust gerissen zu sehen, nicht
eine andere würdige Hand zu schmücken, sondern einer Schaar Fremder
zum Stock zu dienen, mit dem sie ihre Heerde zusammentreiben. Mit Zorn
und Schmerz füllt mich der Gedanke jene finsteren Priester in unserem
schönen Lande herrschen zu sehen, weil wir selber nicht einmal den
Muth hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.«
»Aber ihre Religion ist die des Friedens,« sagte Pomare.
»Und ihre Worte, ihre Lehre die des Kriegs!« rief der Häuptling mit
wieder zusammengezogenen Brauen -- »was auch stehen sie zwischen uns,
wer gab ihnen das Recht zu entscheiden und zu richten in diesem Land?
-- die Bibel? -- wir haben sie jetzt selber, nicht _ihr_ Verdienst ist
es _daß_ sie hier hergekommen, wenn sie selber überhaupt Wahrheit ist,
denn die Priester beweisen aus ihr, daß sie Gott selbst gesandt. So
nimm die Zügel wieder in die Hand, Pomare, wähle die, so es gut und
redlich mit dem Lande meinen, die aber auch an dieser Küste geboren
sind, zu seinen Richtern, und hier mein Wort, meine Hand, daß Tati nie
ein Korn von Eifersucht mehr in seinem Herzen nähren und Dir treu und
ehrlich zur Seite stehen wird mit besten Kräften.«
»Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit Dir,« bestätigte hier der
Franzose des Häuptlings Worte, die Königin aber, die schon halb
unschlüssig gestanden, und den Blick, wie im inneren Kampf an den
Boden geheftet hielt, sah plötzlich zu dem Fremden auf und sagte
finster:
»Dein Rath, Me-re-hu, hat noch nie diesem Lande gut gethan; Du
sprichst nicht mit Tati, indem Du für ihn sprichst.«
»Ich verstehe Euere Wortspiele nicht,« sagte der Consul unwillig, den
die Zurückweisung der Indianerin verdrossen -- »aber ich weiß daß es
Tati gut mit Dir meint, und daß ich selber in diesem Augenblick
weniger im Interesse Frankreichs als dem Deinigen spreche -- willst Du
Nichts wissen davon, so thue meinetwegen was Du nicht lassen kannst,
schreib Dir dann aber auch selber die Folgen zu.«
»Ich habe bei dem was ich je beschloß noch nie die Folgen gefürchtet,«
sagte Pomare ruhig -- »aber was wollt Ihr daß ich thue, was ich
verhindern soll? -- Ihr sprecht Beide wild auf mich ein und macht mich
irre, anstatt mich aufzuklären.«
»Verhindern sollst Du,« rief der Consul da, »daß Deine Leute, in
Deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreißen und die Deinige dafür
wehen lassen.«
»Und wessen Flagge hat das meiste Recht dazu?« frug Pomare, dem
Französischen Consul fest in's Auge sehend.
»Das meiste Recht die Deine, allerdings,« fiel aber hier Tati ein, ehe
Mörenhout etwas darauf erwiedern konnte, »aber nicht die meiste
Gewalt, Pomare, und nicht muthwillig sollst Du Dir einen Feind
schaffen, wo Du Dir keinen Freund dafür gewinnst, Dir beizustehen.«
»Habt Ihr das Englische Schiff gesehen?« frug Pomare rasch und mit
triumphirendem Lächeln -- »habt Ihr gesehen, wie es hier einlaufen
wollte und nur durch den Westwind und die Brandung daran verhindert
wurde? -- wißt Ihr was es bringt?«
»Nein, so wenig wie die Mitonares,« sagte Tati unwirsch, »die
Schwarzröcke behaupten freilich es brächte mit seinen Kanonen Frieden
für diese Inseln, aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als die
unseren, und sie können nicht sehen was im Bauch des Schiffes liegt,
ob Frieden, ob Krieg, oder wahrscheinlicher noch volle
Gleichgültigkeit wie wir es treiben hier auf den Inseln. Was wissen
die Capitaine solcher Schiffe von der Politik unseres oder ihres
Landes, wenn sie nicht ganz besonders abgeschickt werden? so wenig wie
unsere Fischercanoes wissen, was Pomare denkt oder thut.«
»Aber wenn die Mitonares nun doch recht hätten?« sagte Pomare, mit
einem halb triumphirenden Seitenblick auf den Französischen Consul.
»Du zögerst hier mit solchen Vermuthungen,« rief aber dieser jetzt
ungeduldig, »bis draußen _geschehen_ ist, was wir hier verhindern
wollen; hörst Du den Lärm, das Toben Deiner frommen christlichen
Unterthanen? -- wenn die französischen Kugeln hier herüberschmettern,
wirst Du zu spät bereuen unsere Bitten nicht erhört zu haben.«
»Nennt Ihr das bitten, wenn Ihr mit Kanonen droht?« rief unwillig
Pomare.
»Und weisest Du uns ab?« frug Tati leise.
»Nein Tati, nein,« sagte Pomare schnell, sich zu ihm wendend und seine
Hand ergreifend, »gehe Du nicht fort im Unmuth von hier, denn ich
fühle wie schwer es _Dir_ geworden zu mir zu kommen. Ach wenn wir
selber unter einander einig wären, wenn nicht Neid, Haß und Eifersucht
uns entzweite, wir könnten ein festes Reich bilden, selbst gegen den
stärksten Feind. Unsere Berge sind hoch, unsere Schluchten steil, und
daß unsere jungen Leute kämpfen können haben sie in früheren
Schlachten bewiesen; aber wie die Religion unsere Familien entzweite,
und den Bruder gegen den Bruder in den Kampf rief, so hat ein
Mißverständniß jetzt vielleicht auch die Stämme selber einander
entfremdet, und Pomare wird nimmer die Hand zurückstoßen, die sich ihr
_freundlich_ entgegenstreckt -- nur der Drohung kann ich nicht
weichen, vielleicht _weil_ ich eine Frau bin, und mache Du mir denn
Vorschläge, wie wir am Besten einig und friedlich zusammen stehen,
ohne aber auch dem Ferani einen Rang zu gönnen der ihm nicht gebührt,
den ich nicht von ihm gefordert habe -- unser _Beschützer_ zu sein.«
»Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name sein mag,« sagte Tati
ernst, »weiß daß ich dem Ferani nicht seiner selbst wegen die Hand
geboten, die stolzen Mitonares trieben mich dazu; aber willst Du mit
Deinem Volk Hand in Hand gehen, so laß jetzt kein eigenmächtig tolles
Handeln den Fremden beleidigen, bis wir uns friedlich mit ihm
verstanden. Was unsere Eifersucht hier gefehlt, kann jetzt noch die
Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis,
wieder ausgleichen, wir haben beider Gierde gleich zu fürchten.«
»Die Beretanis haben uns noch nie gedroht,« sagte Pomare.
»Ich will nicht urtheilen über sie -- ich kenne sie nicht,« sagte der
Häuptling finster, »aber je mächtiger sie sind, desto mehr entfernt
haben wir uns von ihnen zu halten -- der Hai theilt keine Beute mit
dem Delphin.«
»Ich habe nicht befohlen der Fremden Flagge niederzureißen,« sagte
Pomare nach kurzem Sinnen -- »sprich mit den Mitonares, Tati, sie
werden es nicht dulden.«
»Die Mitonares,« sagte der Häuptling höhnisch, »und zu ihnen schickst
Du mich, Dein Reich zu regieren, vielleicht bei ihnen anzufragen, was
sie für gut finden zu thun, ob Pomare herrschen soll oder ein Priester
auf Tahiti? eher möge die Zunge hier verdorren.«
Wilder tobender Lärm und lautes Jauchzen scholl in diesem Augenblick
zu ihnen herein, und ein Läufer der Königin, der oben über Papetee
postirt gewesen, den Lauf des fremden Schiffes zu bewachen, kam,
unterwegs schon die frohe Nachricht verbreitend, jetzt zurück, Pomaren
zu melden daß das fremde Kriegsschiff, von den Riffen frei, gewendet
habe, und nun Segel setze den Hafen, so wie der Westwind nachlasse, zu
erreichen. Zugleich aber wurden auch draußen Stimmen laut und der
ehrwürdige Mr. Rowe, von dem Bruder Brower gefolgt, öffnete, ohne
vorher eine Meldung für nöthig zu halten, rasch die Thür, auf deren
Schwelle er jedoch überrascht stehen blieb als er die beiden, seinen
Interessen so feindlichen Männer hier erblickte.
»Pomare mag der freudigen Botschaft verzeihen,« sagte rasch gefaßt und
mit einem freundlich demüthigen Ausdruck in den Zügen, trotzdem aber
auch mit einem rasch vorübergehenden, aber doch scharfen und etwas
boshaften Seitenblick auf den Consul Frankreichs, der ehrwürdige Mr.
Rowe, indem er nach den vorn hinausführenden und jetzt verhangenen
Fenstern zeigte, »da draußen wogt und drängt ein fröhliches,
glückliches Volk, ein Volk dem heute sein bedrängter Glaube
wiedergegeben.«
»Was giebts, was ist es?« frug die Königin schnell.
»Einzelne wollen auf dem Englischen Kriegsschiff das wieder gewendet
hat und hier her zu steht,« fiel Bruder Brower in die Rede, »neben der
Englischen die Tahitische Flagge erkannt haben.«
Der Königin Augen glänzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick
flog rasch von Tati auf den Consul Frankreichs hinüber, der aber nur
den Missionair scharf beobachtete und aus dessen Zügen die Wahrheit
oder versteckte List herauszulesen suchte -- es war ihm
unwahrscheinlich daß ein Englisches Kriegsschiff, noch Meilen weit vom
Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben
der eigenen Flagge hissen sollte, -- und was dann war der Zweck einer
solchen _Erfindung_?
»_Einzelne_?« wiederholte er fragend, das Wort scharf betont, »und
darüber erheben die Kanakas draußen einen solchen Lärm, daß _Einzelne_
irgend ein Privatsignal des Kriegsschiffes für die Tahitische Flagge
genommen haben?«
»Das Volk begrüßt den Freund und Beschützer seines Glaubens,«
erwiederte der Geistliche, halb abgewendet von dem Consul, dem
eigentlich die Erwiederung galt -- »es weiß sich jetzt frei von jeder
Angst und Besorgniß, und hat keinen Feind weiter zu fürchten.«
»Gott schütze es vor seinen _Freunden_!« sagte Mörenhout finster.
»Wir können gehen, Me-re-hu!« sagte Tati, der indessen an die
verhangenen Fenster getreten war, und den Vorhang zurückgeschoben
hatte, während er nach außen deutete, »da seht.«
Alle wandten sich dorthin, wo am Strand ein bunter Zug von Männern und
Mädchen, hie und da mit englischen Matrosen gemischt, niederwogte,
voran dem Zuge aber sprang ein halbnackter Bursche, jubelnd und
jauchzend die zerrissene Französische Flagge tragend, die er um den
Kopf schwenkte und mit wilden Gesticulationen, denen das
Beifallsgetobe der Menge nicht fehlte, eine ihrer gewöhnlichen Hymnen,
die natürlich zu Volksmelodieen geworden waren, sang, und sich nur
dazu seine eigenen Worte extemporirte.
»Ich glaube fast daß die Leute Herrn Mörenhout suchen,« sagte der
ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nichts weniger als ehrwürdigen
Lächeln, »ihm die Reste seines Reiches zuzustellen.«
»Alles Blut das dieser Handlung folgt komme über Sie und Ihre
Genossen!« rief aber der Consul mit zornblitzenden Augen, und verließ
rasch das Gemach.
Tati zögerte noch, er sah nach der Königin hinüber, aber Pomare hielt,
in Schaam und Unmuth, den Blick an den Boden geheftet, und sah nicht
zu ihm auf: da seufzte der Häuptling tief tief auf, und verließ, ohne
den Priester auch nur eines Blickes zu würdigen, langsam das Haus. Der
Prediger aber faltete die Hände, und die Augen zur Decke erhebend
begann er, ohne die Gegenwart Pomares weiter zu beachten, mit lauter
und brünstiger Stimme ein Dankgebet, des Inhalts, daß Gott die
Götzenbilder nun zerstöret hätte mit mächtiger Hand, den Feind
ausgetrieben, der seinen Namen verleugnet, und Hülfe gesandt habe
seinem Volke in der Noth, es zu erlösen von der Gefahr und frei und
glücklich zu machen in Seinem Glauben.
Pomare unterbrach ihn mit keiner Sylbe, und während sich die mit den
Missionairen hereingekommenen Eïnanas leise und geräuschlos der Thür
zuschoben und durch dieselbe verschwanden, den lärmenden Zug draußen
mit anzusehen, der ihnen interessanter war, als das Gebet des
finsteren Mannes, stand Pomare still und regungslos und nur ihr Blick
hob sich endlich langsam und scheu zu dem Antlitz des fanatischen
trotzigen Priesters, der hier Demuth gegen Gott heuchelte, dessen
eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten.
»Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureißen?« sagte sie
endlich mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme, als der
Betende schwieg und die Blicke nur noch wie in Verzückung an der Decke
haften ließ.
»Der Herr,« antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme,
ohne den Blick zu der Fragenden niederzusenken -- »Deine Feinde sind
geworfen, Pomare, denn der Herr ist mit Dir!«
Pomare biß sich auf die Lippen, sie rang mit sich dem Priester
gegenüber als Königin aufzutreten, den Fremden fühlen zu lassen daß er
mit der Fürstin dieses Landes spräche, in deren Zimmer er sich
gedrängt und deren Reich er nicht der Bibel, nein sich selber und
seinen Genossen unterworfen hatte; aber die alte Scheu vor dem
Uebernatürlichen, als dessen Vertreter sie die finsteren Fremden sah,
war auch selbst jetzt zu stark, und sich abwendend sagte sie nur mit
zitternder, tief erregter Stimme:
»Gott gebe es; aber ich fürchte Ihr habt nicht gut gethan. Mein Volk
ist entzweit, mein Reich bedroht, und was bin ich selber schon, wenn
erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel
streiten? -- Nein, nein,« rief sie rasch, als der Geistliche schon die
Hand zu neuer Rede hob, »sprich mir nicht jetzt wieder all Deine schon
so oft gehörten Klagen und Drohungen -- sage mir jetzt nicht die
Verse Deines Buchs, das Du bis auf den letzten Buchstaben auswendig
kannst; ich begreife Dich doch nicht und mein Herz ist jetzt recht
voll und schwer -- ich fürchte mir ist heute ein großes Leid
geschehen, und hättest Du mich mit Tati versöhnen lassen, es wäre
besser für Tahiti gewesen. Geh jetzt, da draußen seh' ich Deine Brüder
-- ich glaube sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht
sprechen, die Zeit muß entscheiden ob Ihr bös gethan habt oder übel,
aber mir ist recht traurig zu Sinn. -- Geh' jetzt, sag' ich,« rief sie
entschiedener, als der geistliche Herr sich noch immer nicht abweisen
lassen wollte, und ihr Fuß stampfte zornig den Boden -- das Blut der
Pomaren gewann die Oberhand.
»So möge Dich der Herr erleuchten,« sagte der fromme Mann, »möge Dir
seinen Frieden geben und Seine Sanftmuth und Dich erkennen lassen was
er an Dir gethan in Seiner Liebe und Herrlichkeit -- Amen.« Und mit
gefalteten Händen und vorwärts geneigtem Haupt verließ er langsam das
Gemach. Pomare aber schloß die Thür, stützte die Stirn in ihren Arm
und weinte bitterlich.
* * * * *
Draußen indessen hatte ein wilderes Spiel stattgefunden, als selbst
Mörenhout vermuthet; von den Missionairen war nämlich der ehrwürdige
Bruder Smith mit nach der über Papetee ausstreckenden Landzunge
gegangen, dort die Bewegungen des fremden Kriegsschiffes rascher und
deutlicher übersehen zu können. Mit einem guten Glas bewaffnet
erkannte er denn auch bald daß das Schiff plötzlich wieder beidrehte
und trotz des noch hohen Seegangs, und nur erst einmal von den Klippen
frei, wieder Segel auf Segel setzte, nicht einen Fußbreit mehr
aufzugeben, als es gezwungen war. Jedenfalls schien es nach Papetee
bestimmt, dem es auch wieder zuhielt, und neben der noch wehenden
Flagge stiegen jetzt mehre Signale auf, von denen eines allerdings der
Tahitischen Flagge glich, auf die Entfernung hier aber kaum genau
bestimmt werden konnte.
Die Missionaire sind von je her nicht ihrer nautischen Kenntnisse
wegen berühmt gewesen, wie sie denn auch, um das Kap der guten
Hoffnung die Inseln erreichend, den Tag nicht zählten den sie auf dem
180sten Grad von Greenwich aus gen Osten segelnd, gewannen, und den
Insulanern den Sonnabend für den Sabbath brachten, wodurch später eine
heillose Confusion entstand. Ob nun Bruder Smith auch hier die
Tahitische Flagge wirklich zu erkennen glaubte, oder ob er seine
sonstigen Absichten dabei hatte den ihn umstehenden Insulanern eine,
wie er sich wohl denken konnte, freudige Nachricht mitzutheilen, kurz
von ihm zuerst ging das Gerücht aus, das Englische Kriegsschiff das
wieder auf den Hafen zu halte, zeige die Tahitischen Farben, und das
genügte natürlich, dem jauchzenden Volk die frohe Kunde zu bringen daß
die Schiffe der Beretanier ihnen beistehen würden gegen den jetzt
gebrochenen Uebermuth der Wi-Wis -- wie sie nun wieder trotzig und
lachend genannt wurden.
Von Mund zu Mund lief die Mähr, und wie das mit allen derartigen
Gerüchten ist, wurde bald übertrieben in's Unmögliche. Nicht mehr blos
ihre Flagge, ihre Religion zu schützen gegen die Uebergriffe der
Papisten, nein auch frühere Unbilden sollte sie rächen. Die Wi-Wis
mußten jetzt das Geld wieder herausgeben, daß sie erpreßt, und Pomare
bekam von den Beretanis, als Schadenersatz, das Französische
Kriegsschiff, die ~Jeanne d'Arc~ geschenkt, die gerade im Hafen vor
Anker lag. Wie Kinder lachten und schwatzten die Insulaner
durcheinander, träumten sich ihre Lieblingsbilder herauf, am hellen
Tag und bauten sich Schlösser so bunt und farbenreich in die Luft, daß
sie die Zukunft darüber vergaßen und Vergangenheit und, überhaupt nur
gewohnt den Augenblick zu benutzen, dem nach auch handelten.
Während ein Theil anfing eine alte Tahitische Hymne nach dem Takte
eines weit älteren Englischen Liedes »~old hundred~« abzusingen,
sprang eine andere Gruppe, in ihrer Herzensfreude selbst die Gefahr
nicht achtend von den Missionairen dabei überrascht zu werden, zu
ihrem Nationaltanz an, und der Klang der Trommel mischte sich mit dem
frommen Lied der Singenden in wunderlicher, eigenthümlicher Weise.
Anders aber und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren
Theil von Papetee; etwa zweihundert Schritt von da entfernt, wo die
Französische Flagge, vor dem Hause des Consul Mörenhout, zwischen
einer kleinen Gruppe hochstämmiger Cocospalmen und über ein Dickicht
dunkelgrüner Brodfruchtbäume auswehte, hatten sich Einzelne der
Missionaire, unter ihnen Dennis und Brower, gesammelt, und sprachen
auf dem offenen Platz in lautem Gebet ihren Jubel aus über den Sieg
der Bibel gegen das Pabstthum. Viele der angesehensten Häuptlinge
standen in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane, wie der noch
immer halb wilde und trotzige Fanue, und wenn Einzelne auch gern in
ihren Jubel mit einstimmten, fraß es Andere wieder am Herzen _daß_
eben fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten, und nicht
mit Unrecht sahen sie die Priester als die gerade an, die fremden
Einfluß herbeigezogen hatten ihre Privatangelegenheiten zu regeln,
ihre Gesetze zu bestimmen, und mit einem Wort, ihr Land zu regieren.
»Auf's Neue!« rief da der ehrwürdige Bruder Dennis in seinem glühenden
Eifer für das Wohl seiner Kirche, »auf's Neue hat der Herr der
Heerschaaren seine Hand ausgestreckt über die Häupter der Gläubigen,
und er wird die zum zweiten Mal in diesen Bergen aufgerichteten Götzen
zu Boden schleudern, wie er sie das erste Mal seine Macht und
Allgewalt hat fühlen lassen. _Noch_ weht da drüben die dreifarbige
Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben in der
scharfen Brise, aber wie der stürmische West in kurzen Stunden dem
stillen herrschenden Passat weichen wird und muß, so wird auch jenes
Schiff da, dessen weiße Segel unserer gastlichen Küste jetzt
entgegenblähen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen
Macht zu gehorchen als der Bibel, einer andern Gewalt unterthan zu
sein, als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld.«
»Wenn denn das Wehen jener Flagge Euch so entsetzlich härmt,« rief da
Fanue, der jetzt bis dicht hinan zu dem Betenden getreten war und mit
untergeschlagenen Armen und fest auf einander gebissenen Zähnen den
Gesticulationen des frommen begeisterten Redners zugeschaut hatte,
»ei zum Wetter, warum faßt Ihr sie nicht und werft sie zu Boden?«
»Das ist _unsere_ Pflicht!« rief aber da, dazwischentretend, der den
Missionairen ganz ergebene Aonui -- »nur eine Pflicht der Dankbarkeit
war es, an die uns die Rede des würdigen Mannes mahnt, England nicht
durch das stolze Wehen jener Flagge länger beschimpft zu sehen.«
»England?« rief Fanue laut und trotzig, den Häuptling mit zürnendem
Staunen betrachtend.
»Ja England!« wiederholte aber dieser, unbekümmert um den Zorn seines
Landsmannes, »England, das uns zu Menschen gemacht, das unsere Seelen
ewiger Qual entriß, und uns die _Bibel_ sandte, die heilige Schrift,
das Buch Gottes, Freunde, das Wort von Seinem eigenen Mund diktirt.
Wir haben _Alles_ damit erlangt was wir brauchen, und in uns selber
zurückgezogen, kann die feindliche Macht unsere Körper tödten, aber
unsere Seelen sind unsterblich, und liegen außer ihrem Bereich.
Deshalb aber schon wäre es schlecht, wäre es undankbar von uns, das
Land, was uns so reich, so glorreich beschenkt, auf unserem Grund und
Boden, vor unserer Thüre beleidigt zu sehen, und im Vertrauen auf
Jehovas Schutz bin ich bereit, die stolze Flagge, die über Baals
Götzendienste weht in den Staub zu werfen.«
»Halt Aonui!« fiel ihm hier, seinen Arm ergreifend, der schon dem
Worte die That wollte folgen lassen, der bedächtigere Teraitane in die
Rede, »das wäre voreilig und -- unvorsichtig gehandelt. Ich schütze
den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selber schützen kann,
weshalb jetzt? -- England hat seinen Vertreter hier -- eine eigene
Flagge und zwei große Schiffe, und wenn es sich beleidigt glaubt, mag
es selbst die fremde Flagge niederwerfen.«
»Und seine eigene dafür aufpflanzen, nicht wahr?« rief rasch Fanue.
»Die Englische Flagge ist noch stets eine Flagge der Liebe und des
Friedens gewesen,« fiel hier freundlich, den Streit der Insulaner zu
beschwichtigen, der ruhigere Missionair Brower in die Rede.
»Aber dieß ist Tahitischer Grund und Boden,« zürnte Fanue, »was würde
die Königin der Beretanis sagen, wenn wir hinüberkommen wollten in ihr
Land, und Pomares Flagge aufpflanzen, auf ihren Wällen? -- Sie würde
sagen: was wollen die fremden Männer hier in _meinem_ Land? schickt
sie fort denn ich habe selber eine Flagge.«
»England hat uns die Bibel gebracht,« sagte aber auch Potowai, ein
anderer Häuptling, der hinzutrat, »und wenn ich je ein anderes Land
als über uns stehend anerkennen werde, so kann und soll das immer nur
England sein.«
»Aber Brüder, liebe Brüder,« rief da Dennis in frommer Begeisterung,
»wohin verirren wir uns? -- und glaubt Ihr daß wir, Euere Lehrer, etwas
anderes wollen können als Euer Wohl? -- Handelt es sich denn hier
darum, der Englischen Flagge Euch unterthan zu machen, oder Euere
eigene von Schmach und Knechtschaft zu retten? -- wollen wir Euch denn
England unterwerfen, und nicht vielmehr Euch frei machen, im Geist und
in der Wahrheit, und keinen Zwang dulden, weder auf Euerer Seele, noch
auf Eueren Körpern, als den, den Euch Gottes Liebe selber auferlegt,
»denn mein Joch ist leicht,« sagt der Herr. Mit der Einführung aber
der fremden Baalsdiener, mit ihren Rauchpfannen und ihrem
Bilderdienst, der sich nicht halten konnte hier auf den Inseln,
zwischen den frommen Bewohnern, die ihren Gott erst einmal erkannt,
ist jene feindliche Flagge aufgerichtet, und nur erst wieder mit ihrer
Wegnahme können wir, Euere Lehrer, je wieder hoffen Eueren Geist all
jenen feindlichen Eindrücken fern zu halten, der sich jetzt in so
gewaltiger Kraft geltend macht.«
»Nun dann werft sie selber nieder!« brummte Fanue trotzig -- »weshalb
uns dazu brauchen wollen?«
»Das ist kein Amt der Diener Gottes!« sagte da Bruder Brower schnell
-- »wir haben es stets vermieden uns in die politischen Verhältnisse
dieses Reiches einzumischen, und werden jetzt nicht -- «
»Das _lügst_ Du stolzer Priester,« schrie ihm aber da der Häuptling
entgegen, mit glühenden Augen den trotzig emporfahrenden Missionair
messend, während seine Freunde auf einer, die dem Geistlichen
anhängenden Eingeborenen auf der anderen Seite dazwischen traten,
Frieden zu halten unter den beiden Streitenden.
Der beleidigte Missionair wollte im Anfang, und vielleicht auch mit
gereizter Rede etwas darauf erwiedern, Dennis aber ergriff seinen Arm
und flüsterte ihm leise einige Worte zu, und selbst wohl das
Unschickliche heftiger Worte einsehend, sagte er gleich darauf ruhig
und mit milder Stimme:
»Herr vergieb ihm, denn er weiß nicht was er thut!«
Eben diese Ruhe aber reizte den alten greisen Häuptling, und Aonui und
Potowai, die ihn zu besänftigen suchten, von sich werfend, rief er
laut und trotzig:
»Rolle nur Deine Augen, und wirf Dich in den Staub vor Deinem Gott;
mache das Volk dabei glauben daß Du vom Geist erleuchtet, und Dein
Mund ein Orakel seines Willens sei -- spiele Dein Spiel, wie es Dich
freut, aber wolle nicht _Männer_ kirren mit falschem Trug. Dein Gott
hat gedonnert und geblitzt, wie es _unsere_ Götter thaten vor ihm,
aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die ~feis~ in den
Bergen, und die Du seine Feinde nennst, blieben unberührt -- sollen
_wir_ unser Blut daran setzen, wo er selber seine Waffen nur im
Scherze braucht? -- _wenn_ wir die Streitaxt aufgreifen, die begraben
sein müßte für immer, wenigstens zwischen _Euch_, wäre Euere ganze
Religion nicht eine Lüge, so geschieht es für unser _Land_, nicht für
Eueren Glauben, und Gottes Zorn, ich mag über dem weder die Flagge
Beretanis noch der Feranis wehen sehen! Ihr aber« -- sich jetzt zu
seinen Landsleuten wendend, von denen Einige im stummen Entsetzen und
mit emporgehobenen Händen standen, zürnte er laut -- »ruft mich, wenn
Ihr mich braucht, nur nicht zum Singen und Beten, sondern wenn es
gilt, das Vaterland wieder rein zu fegen, von Allem was fremd und
feindlich ist, und Fanue ist Euer Mann; aber hierher taugt er
_nicht_!« und mit den Worten, den Tapamantel fester um sich ziehend,
verließ er rasch und zornigen Schrittes den Trupp.
»Ein wilder Geist, ein unbändiger Geist, den der Herr erleuchten, und
auf ihn das Licht Seiner Gnade recht bald ausgießen möge,« sagte
Brower mit einem frommen Blick nach oben, »ich will recht warm und
brünstig für ihn beten.«
»So Dich Dein Auge ärgert, reiß es aus!« zürnte aber Dennis, mit dem
linken Arm die Bibel, die er damit hielt, fester an sich ziehend, die
Rechte dorthin gestreckt, wo der zornige Indianer eben verschwunden
war, und die Zurückgebliebenen noch standen ihm nachzuschauen, »und
wie der dürre Feigenbaum aus dem Boden gehoben, und in's Feuer
geworfen werden muß, so sollen die Glieder dieser Kirche gerichtet
werden, die abtrünnig und dürr am Stamm stehen.«
»Und glaubt Ihr, Brüder, daß wir Anderen eben so denken wie Fanue?«
schrie Aonui jetzt in wilder Begeisterung -- »glaubt Ihr, daß _wir_
nicht sterben könnten für den Glauben, für den Jesus Christus vor uns
gestorben ist? -- Jene Flagge da weht feindlich auf uns herüber,
feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort erkennen, und an
_uns_ ist es, nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns
störend hier in den Weg tritt. Wer nicht mit mir ist, der ist wider
mich! sagt Christus -- Aonui fürchtet keinen Gegner, so lange er für
den Herrn streitet. So wer die Bibel liebt, der folge mir!« und mit
den zuletzt wild gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die ihm
willig Raum gab, und sich ihm auch zum großen Theil anschloß, und
eilte raschen Schrittes dem Hause des Französischen Consuls zu, in
dessen Garten, auf einer dort aufgerichteten Stange die dreifarbige
Fahne lustig in der scharfen Brise flatterte und schlug.
Der Consul war nicht im Haus, aber zwei Männer hatten kurz vorher den
Platz von einer anderen Seite betreten, Mr. Mörenhout aufzusuchen --
René Delavigne und der Häuptling Paofai, und standen noch an der
verschlossenen Thür unweit des Flaggenstocks, als sie den
herantosenden Lärm der Masse hörten.
»Hallo Paofai,« sagte René zu dem Häuptling, »der Specktakel kommt
näher, und es sollte mich am Ende gar nicht wundern, wenn sie unserem
Freund Mörenhout einen, vielleicht nichts weniger als
freundschaftlichen Besuch abstatten wollten.«
»Sie sind zu Allem fähig,« sagte der Häuptling verächtlich; »ihre
Bibel tragen sie voraus, wie wir Oro früher in die Schlacht trugen,
und dann rennen sie blind und toll hinterdrein, und singen und beten
und treiben, wer weiß was sonst noch für Unsinn -- wenn Tahiti nicht
mein Vaterland wäre, ich setzte mich noch heute in mein Canoe, und
ließ mich nach leewärts treiben soweit es dem Wind gefiele -- bin es
fast müde hier das Spielwerk bald der Missionaire, bald der Franzosen
oder Engländer zu sein.«
»Sie kommen wahrhaftig hierher zu!« rief René jetzt, der die Worte
seines Gefährten wenig beachtet und nur dem rasch näher kommenden Lärm
gelauscht hatte; »was _können_ sie wollen?«
»Alles was toll und unklug ist,« sagte Paofai achselzuckend -- »sie
werden das Haus stürmen wollen und die Flagge niederreißen.«
»Die Französische Flagge?« rief René, mit rasch aufblitzendem Zorn,
»das sollen sie beim Teufel lassen, so lange _ich's_ hindern kann.«
»Wirst's eben nicht lange hindern können, Freund,« lachte der
Insulaner -- »aber -- gern leid' ich's auch nicht.«
»Nieder mit der Flagge! nieder mit den drei Farben!« tobte jetzt der
Haufen heran, »sie gehört auch mit zu den Götzenbildern und muß
fallen!«
»Das wird Ernst,« rief René, »herbei Paofai!« und ohne weiter
abzuwarten ob ihm der Häuptling folge, warf er sich mit dem ihm
eigenen tollkühnen Muth allein und unbewaffnet dem jetzt gegen den
Flaggenstock anstürmenden Haufen entgegen. Paofai zögerte dabei noch
einen Augenblick -- er sah das Hoffnungslose einer Vertheidigung,
solcher Uebermacht gegenüber, und wenn er auch mit zu der Parthei
seiner Landsleute gehörte, von der ein Theil jenen Vertrag mit den
Franzosen unterschrieben, betrachtete er die Feranis eben nur als
Mittel zum Zweck, seinen eigenen Rang wieder auf den Inseln zu
erlangen, den er durch die Macht der Pomaren theilweis verloren, und
nicht etwa dem Fremden Rechte einzuräumen, die seinem Stolz gerad'
entgegenliefen. Das edle Gefühl aber, das noch in seiner Brust
schlummerte, trieb ihn auch, dem Einzelnen gegen die Masse
beizustehen, und langsamer zwar, als ihm der junge Franzose
vorangegangen, und dabei lachend mit dem Kopf schüttelnd, als ob er
wisse daß er jetzt einen unüberlegten Streich begehe, folgte er dem
Fremden zur Fahnenstange, wo er eben zeitig genug ankam Zeuge zu sein
wie René, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den voranstürmenden Aonui
aufgriff und mit solcher Kraft gegen den ihm nächst Folgenden warf,
das Beide zurücktaumelten, und die Bibel des frommen Häuptlings Hand
entfiel.
»Zurück!« donnerte des jungen Mannes Stimme zu gleicher Zeit -- »das
hier ist fremdes Eigenthum, und keinem von Euch ist das Recht gegeben
es anzutasten!«
»Nieder mit dem Wi-Wi!« schrieen dagegen von hinten vor Andere,
während sich Aonui, der hier keineswegs Widerstand zu finden
erwartet, erschreckt vom Boden aufraffte, und seinem Gegner in's Auge
sah. Er hatte gar nicht daran gedacht mit irgend einem Menschen hier
in Berührung kommen zu können, und nur durch fanatischen Eifer dahin
getrieben eine Holzstange umzuwerfen, und ein Stück Zeug
herunterzuholen, wußte er noch gar nicht, ob er seinen eigenen Leib in
eine vielleicht thörichte Gefahr dabei bringen solle oder nicht. -- Wo
kam der Wi-Wi auf einmal her?
Aber auch Paofai trat jetzt hinzu, und die Nächsten mit dem Arm
langsam von der Stange zurückschiebend, sagte er mit seiner weichen
melodischen und zugleich so klangvollen Stimme:
»Wißt Ihr was Ihr thun wollt, Ihr Männer von Tahiti? -- Ihr wollt eine
Nation beleidigen, mit der Ihr in diesem Augenblick auf
freundschaftlichem Fuße steht; Ihr wollt Euch einen Feind machen, der
mit seinen eisernen Kugeln Euere Hütten und Palmen und Brodfruchtbäume
niederwerfen und Euch verderben kann. Seid Ihr von einem bösen Geist
besessen daß Ihr so tobt?«
»Er hat meine Bibel niedergeworfen!« rief in diesem Augenblick Aonui
mit zornfunkelnden Augen, erst jetzt das Entsetzliche bemerkend --
»der Wi-Wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen.«
»Nieder mit dem Wi-Wi, nieder mit der Flagge!« schrie und brüllte da
die Schaar wild durcheinander -- »sie haben die Bibel geschändet --
nieder mit den Feranis und ihren Götzen -- wir wollen keinen Vertrag,
wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!«
»Auch gut,« brummte René vor sich hin, und ein Stück Holz aufgreifend
das dort zufällig lag, schlug er den Ersten der Hand an das Seil legen
wollte die Flagge niederzuziehen, ohne weiter einen Ruf zu thun, damit
zu Boden. Andere aber drängten nach und obgleich er, ohne Rücksicht
auf sich selbst zu nehmen, blind und wild um sich herschlug, fand er
sich doch bald von der Masse überwältigt, zu Boden geworfen, und aus
dem Weg geschleppt, während Paofai selber, der sonst so geachtete und
gefürchtete Häuptling, kaum glimpflicher behandelt wurde.
»Fort mit Dir Paofai!« schrie eine Stimme aus der Menge, und Hände
streckten sich drohend nach ihm aus -- »Du bist ein Freund der Wi-Wis
-- Du bist auch Einer von denen die uns an sie verrathen wollen -- fort
mit Dir. Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Hause von
Me-re-hu, dem Feinde Tahitis -- fort mit Dir!«
»Aonui -- _Du_ haftest mir für die Sicherheit dieser Flagge!« rief da
Paofai, den Arm des Häuptlings ergreifend, als er fühlte wie er
ebenfalls durch den andrängenden Schwarm unwiderstehlich zurückgepreßt
wurde und dem Volk den Platz räumen mußte -- »von Dir wird sie
Frankreich wieder fordern.«
»Frankreich soll zu Grase gehen,« brummte da eine Stimme in breitem
Irisch, dicht neben dem Häuptling, und die Flaggenlinie fassend zog
unser alter Bekannter, Jim, die wehende Flagge unter dem Jubelruf und
Jauchzen der Masse, von denen gleich zehn hinzusprangen ihm zu helfen,
nieder, und im Triumph wurde die erbeutete jetzt durch die Stadt
getragen.
Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der ~Jeanne d'Arc~
abstieß, an Land ruderte, die Ursache zu erfahren, und dort drohte die
Corvette würde die Stadt beschießen, wenn die Flagge nicht
augenblicklich wieder gehißt und mit der üblichen Ehrensalve von
Tahitischer Seite begrüßt werde. Der Capitain des Talbot aber, dem die
Drohung hinterbracht wurde, erklärte, in dem Augenblick wo der erste
Schuß aus dem Französischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel,
seinerseits sein Feuer auf die Corvette zu eröffnen, und der Jubel
Papetees bei dieser Erklärung überstieg alle Grenzen.
Die Missionaire sagten gleich, während der Talbot zum Gefecht
trommelte, und Alles an Deck klar machte, Kirche an, die Indianer
tanzten, ein kleiner Theil ausgenommen, dem diese Wendung der Dinge
nicht behagte, und die Prophezeihungen der Missionaire, was Englands
Beistand betraf, schienen allerdings Wahrheit werden zu wollen; Pomare
stand nicht mehr allein, eine arme verlassene Frau, und die
Geistlichen selber, als die jedenfalls indirekte, ja vielleicht sogar
direkte Ursache dieser so zeitgemäßen Hülfe, stiegen bei dem Volk, das
sich dem Mächtigen am liebsten unterwirft, bedeutend an Achtung.
Die angeborene Gutmüthigkeit der Insulaner ließ sie aber auch ihren
Sieg nicht weiter treiben, und René wie Paofai blieben, nur erst aus
dem Weg geschafft, vollkommen unbelästigt. Am anderen Morgen jedoch,
mit dem wieder eingetroffenen Passatwind lief, unter dem Donner der
Tahitischen, etwas mittelmäßigen Geschützstücke, und den
Begrüßungsschüssen des Talbot, die Englische Fregatte der Vindictive
ein, und der Jubel erreichte hier seinen höchsten Grad, als die
freudige Botschaft von Mund zu Mund lief, der erwartete Geistliche
Pi-ri-ta-ti (Pritchard) sei wieder mit zurückgekehrt, der ja nur
deshalb nach England gegangen war, der Königin der Beretanis ihren
Streit mit den Feranis vorzulegen und Hülfe von dort zu bringen. Und
hatte er das nicht jetzt gethan?
Mit einem wahren Triumphgeschrei wurde er empfangen, und unter dem
Jauchzen und Jubeln, ja unter den Segensrufen Tausender an Land
geführt, so daß der Ehrwürdige Mann dadurch wirklich in nicht geringe
Verlegenheit gerieth. Weder er noch das Kriegsschiff brachte nämlich
direkt ausgesprochene Hülfe von England, sondern nur, als Geschenk,
einen Wagen für die Königin Pomare, und Zeug zu einer rothen Uniform
für ihren Gemahl, den jetzt eine Zeitlang auf Imeo gewesenen jungen
Häuptling.
Graf Aberdeen hatte sich damit begnügt dem jungen Staat seine
freundlichen Gesinnungen zu bekunden, und die Häuptlinge erschraken
allerdings als ihnen dieß endlich begreiflich gemacht wurde. Pomare
schloß sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein, denn eine neue
Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun allerdings nicht
unmöglich, und ihre Sicherheit ihnen keineswegs gewährleistet worden.
Was aber kümmerte das das Volk, die fröhlichen, gutmüthigen Kinder
dieser Inseln? Für den Augenblick waren sie jeder weiteren
Unannehmlichkeit überhoben, für den Augenblick lagen die Englischen
Kriegsschiffe drohend und ihnen Schutz gewährend in ihrer Bai, und
ihre Königin konnte in dem wunderlichsten Ding spatzieren fahren, das
ihre kühnste Phantasie sich je gedacht -- das Uebrige brachte die Zeit
-- weshalb sich vorher grämen? und die Predigten ihrer Geistlichen
bestärkten sie bald in der frohen Hoffnung daß kein Franzose es je
wieder wagen würde ihre Rechte anzutasten, ihre Religion ihnen zu
nehmen, oder sie mit seinen Kanonen zu zwingen seinem Willen Folge zu
leisten; was wollten sie mehr.