FOOTNOTES:

[C] »Das Schwein das Menschen trägt« wie die Insulaner zuerst das

Pferd nannten, für das sie keinen Namen hatten.

Capitel 4.

#Die Missionaire.#

Ueber die See brauste es daher, wild und stürmisch in furchtbar

entsetzlicher Wuth; an den Riffen schäumte und kochte die Brandung in

milchweißem Gischt, und warf ihre Wogen selbst in die sonst stillen

Binnenwasser, weiter und weiter wallend, bis zu dem weißen

Corallensand des Strandes und den freigespühlten Wurzeln der

Cocospalmen, die ihre Wipfel über dem Meere schaukelten und jetzt, wie

entsetzt über die Entweihung, die weiten, armartigen Blätter

emporwarfen und sich zurückbogen vor der anstürmenden Bö. Hei wie der

Sturmvogel so scharf und gellend pfeift wenn er über die aufgewühlte

See streicht, und seine langen elastischen Flügelspitzen auf die

glatte Woge preßt, von der die Windsbraut schon den schäumenden Kamm

geraubt und als Perlen hinausgestreut hat weit weit über das Meer; hei

wie die Brandung da kracht und tobt, und sich bäumt und reckt und mit

den weißen Armen hinüberlangt über den Korallendamm, und doch wieder

und immer wieder zurückgeworfen wird von dem gewaltigen Bollwerk, das

Jahrtausende gebaut. Und der Sturm, der machtlos seine Kraft brechen

sieht an diesem Damm, und seine Wellen, die er sich aufgerüttelt hat,

nicht hinüber bringen kann, so viel er auch hebt und drängt, und die

Schulter stemmt gegen die gewaltigen, wirft sich endlich selbst mit

dem flatternden Bart an das grüne Land, und die Palmen fassend in

tollem Spiel biegt und schaukelt er sie, wie er das Spiel sonst

vielleicht mit Halm oder Blüthe getrieben, im weit und straff

gespannten Bogen nieder, nieder bis ihre Kronen das Laubdach berühren

das sie stützt und hemmt und mit wildem eifrigen Rascheln die

auszweigenden Arme fest fest zusammenstreckt und sich hält und

gegenseitig hilft gegen den wilden ungestümen Feind.

Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen

aufwühlt und gräbt, und die bergwichtigen Massen wie spielend und in

entsetzlicher Schnelle vor sich her jagt; aber frei und ungehindert

rast er dort sich aus, keine Grenze hemmt ihn und selbst das schwanke

Schiff das er trifft auf seiner Bahn wirft er herum, taucht es und

schleudert es empor, reißt und splittert was er daran gerade fassen

und halten kann und -- jagt vorüber, müde solch unwürdigen Spiels.

Anders aber und grauenhaft furchtbarer ist er dort wo die bergige

Küste den Anprall hemmt, und dem Rasenden die Stirn bietet in

kräftigem Trotz.

Nicht nur den neuen Grimm hat der Wüthende da auszulassen an der

starren hartnäckigen Wand, die sich ihm eisern entgegenstellt, nein

auch alte Unbill zu rächen, seit Jahrhunderten her, und seit manchem

furchtbaren Strauß, bei dem er sich wieder und wieder vergebens in die

Schluchten wühlte und bohrte, und die Grundfesten seines Feindes zu

untergraben suchte. Von der See führt er die Wogen heran zum

gemeinsamen Kampf, und sich selber wirft er wild und toll gegen die

Brustwehr von Baum und Gebüsch, das sich ihm zäh und unverdrossen

entgegenlegt; was hilft es ihm daß er die starren hartnäckigen Stämme

faßt und bricht und die schweren Kronen zu Boden schmettert, oder als

Widder braucht, gegen andere anzustürmen -- die elastische Palme biegt

und legt sich der Uebermacht, folgt aber dem Feind auf dem Fuß bei

jedem Zollbreit Weichen, und schüttelt ihm die Federkronen zornig in's

Angesicht. Wild heult und braust sie da auf, die tobende tolle

Windsbraut; bis hoch in die Lüfte hinauf pfeift es und zieht's und

dröhnt's, und wieder und wieder prasselt's an gegen Halde und Hang,

wieder und wieder reißt es und bricht und schmettert und stöhnt, ein

Opfer suchend in unsagbarem Grimm, bis die Kraft auf's Neue erschöpft

ist wie seit Jahrhunderten, und der Orkan jetzt weichend, seine Wuth

mit neuer Hoffnung beschwichtigen muß für den nächsten Tanz, sich

dennoch immer auf's Neue getäuscht zu sehn. Grollend und innerlich

gährend und kochend zieht er sich dann zurück, weit weit über die See,

in der Ferne dröhnt es und braust es noch, wie schwer athmend aus der

Tiefe auf -- bläulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen in

sich selbst zusammenbrechend und weiße weite Flächen, förmliche Thäler

bildend von milchigem Schaum, der zischend zerfließt, neu

aufquellender Woge zum Mantel zu dienen mit dem sie sich schmückt und

tanzt und ihn abwirft, der Schwester zu. Hu, wie das hohl geht da

unten und braust und murmelt -- aber die Sturmmöve zieht jetzt mit

klappendem Flügelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, über das

stillere Wasser, das im wilden Unmuth noch nicht einmal den Strahl der

vorbrechenden Sonne wiedergeben mag, und faden matten Bleiglanz über

seine Fläche deckt.

Auf dem Land aber, dem natürlichen Feind des Orkans, der ihm so starr

die Faust entgegenstreckt, wie die Fluth ihm jeder Zeit willige Hülfe

bietet und mit ihm tobt und rast, entfaltet der siegende Sonnenschein

schon wieder sein Panier, während die grollende See noch gegen die

Riffe pocht, und jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die

blitzend und jubelnd im Lichte funkelt. Noch erzürnt, aber doch schon

wieder den warmen Strahl auf den Wangen fühlend, schütteln die Bäume

ihr Laub, und rauschen und rascheln, Blatt und Zweiglein wieder in die

alte Form zu bringen, aus der sie der ungestüme Störenfried

herausgerissen, und der warme Duft der aus den Thälern steigt wird zum

Nebelschleier, den sich der Berg wie Silberfäden durch die Krone

flicht, und dem das sinkende Tagsgestirn noch seinen schönsten

herrlichsten Farbenschmelz verleiht.

Es war zur Zeit solcher Stürme, die sich besonders im Herbst und

Frühjahr zeigen unter dieser Breite, und der Orkan brauste noch in all

seiner furchtbaren Kraft über die Wasser, und schien die Riffe hinein

drängen zu wollen gegen das Land, solche berghohe Wogen thürmte er

auf, und schleuderte sie von Westen herbei, der Passat Strömung gerad

in die Zähne. Nur der fluthende Regen hatte nachgelassen und der Wind

fegte nur noch das Firmament rein, von widerspenstischen Wolken und

Schwaden, die wieder und wieder, jetzt aber machtlos und zu spät, zum

neuen Kampfe herbei wollten.

In der Hauptstraße von Papetee, auf dem breiten Strand der die erste

Häuser- und Gartenreihe vom Meere trennte, und von den lebenslustigen

Tahitiern besonders Abends zum Sammelplatz benutzt wurde, blieben

jetzt Einzelne stehen und schauten auf das Meer hinaus, denen bald

Andere folgten; die Thüren der nächsten Häuser wurden geöffnet, die

Eigenthümer standen darin mit Telescopen und um diese wogte und preßte

bald das Volk in mächtiger Schaar, bald die Gläser, bald das weite

Meer betrachtend, und dem Wort der Ausschauenden wie einem Orakel

lauschend.

Der Gegenstand aber um den es sich hier handelte war ein Schiff -- ein

großes Schiff das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde

etwa und noch im vollen Sturm, der Königin gemeldet worden, wo es,

weit draußen in Sicht, versucht hatte beizulegen und von den Inseln

abzukommen, der Wind war aber zu heftig gewesen solches Maneuver zu

gestatten. Die Fregatte -- denn daß jenes fremde Segel ein großes

Kriegsschiff sei unterlag schon gar keinem Zweifel mehr -- mußte vor

dem Wind abfallen, und kam jetzt unter dicht gereeftem Vormars- und

Vorstengenstagsegel um die Spitze herum jedenfalls bestimmt nach

Papetee einzulaufen, was aber jetzt, bei dem gewaltigen Seegang und

der schmalen Einfahrt durch die schäumenden Riffe nicht möglich war,

und nur bemüht nun, so wenig Fortgang als möglich zu machen um erst

einmal von den nächsten Riffen frei, wieder aufzubrassen und das

Beruhigen der Wasser abwartend, gegen den Wind anzukreuzen.

Es war eine Fregatte, aber von welchem Land? Diese Frage beschäftigte

jetzt Alle in ängstlicher Spannung, und wie die meisten der

Eingeborenen gerade jetzt, nach ihrer vorhergegangenen Demonstration

das Erscheinen des ihnen nur zu gut bekannten ~Du Petit Thouars~ mit

seinem Fahrzeug fürchteten, so ängstlich waren sie, sich zu früh der

freudigen Hoffnung hinzugeben daß es noch ein Englisches Kriegsschiff

sein könne, ihre erstrebte Unabhängigkeit zu bestätigen.

Die Meinungen über das Aussehen des Schiffes waren dabei getheilt,

während es Einzelne der Europäer nach dem Bau der Masten, denn von den

Segeln war gar Nichts zu erkennen, für einen Franzosen hielten,

behaupteten Andere den Amerikanischen Zuschnitt daran zu erkennen und

nur ein kleiner Theil beharrte auf seinem Ausspruch England sei nicht

zu verkennen und die Englische Flagge würde sich zeigen, so bald die

Fregatte den Eingang passire.

Selbst die gerade in Papetee anwesenden, und gerade heute zu einer

vertraulichen Sitzung berufenen Missionaire standen auf der Verandah

des, in Papetee ansässigen Bruder Dennis versammelt, und blickten mit

etwas ängstlicher Spannung der Entfaltung der Flagge entgegen, die

besonders auf ihre Wirksamkeit einen entschiedenen Einfluß ausüben

mußte.

Noch vor dem Sturm hatte ihre Sitzung begonnen, und während die

Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rüttelte, die Palmen wie

Weidenruthen niederbog, und die reifen Früchte von den Bäumen riß, den

Boden zu streuen mit Orange und Brodfrucht, die saftigen Stiele der

Banane umknickte und duftige Blüthen weit und hoch hinaus in die Berge

führte, lagen die schwarz gekleideten Männer in dem langen luftigen

Gebäude auf den Knieen; und mischten ihre Hymnen und Sänge mit dem

Gebrüll des Orkans, ein Preislied dem Herrn der Stärke und

Barmherzigkeit.

Es waren die Brüder Rowe, Dennis und Nelson, Mc. Kean, Smith und

Brower, zusammengekommen zu vertraulicher Berathung in so schwerer

Zeit, und die eigentlichen Vertreter auch, wenigstens die wichtigsten,

die sich gegenwärtig in der Südsee befanden, der Evangelischen Lehre

nicht mehr nur Bahn zu brechen unter den Heiden, obgleich auch jetzt

noch ganze Gruppen von Inseln ihren Göttern treu geblieben waren und

den neuen Glauben mistrauisch von sich wiesen, sondern sich zu wahren

und schützen gegen den Katholicismus, der ihren Fußtapfen gefolgt war

und die Flügel jetzt ausbreitete, ihr eigenes Licht zu verdunkeln.

Bruder Dennis war unter diesen, und besonders in seinem Charakter als

Missionair, jedenfalls der bedeutenste, und wenn auch nicht einer der

ältesten, doch jedenfalls der eifrigsten Lehrer der Inseln, wo es nur

galt dem einen heiligen Ziel entgegenzustreben, den Heiland zu

verkünden und seiner Wunden Blut zu predigen in der Wüste. Er auch war

Einer der Wenigen, die mit Hintansetzung jedes Gedankens an sich

selbst in die Fremde zogen, die Bibel im Arm, das gehobene Kreuz, ja

das Schwert in der rechten, wenn gereizt seinen Schatz zu

vertheidigen, und rücksichtslos weiter schreitend dabei, welchen

Glauben, welche Familienverhältnisse er unter die Füße trat, wenn er

nur die Seelen der Verdammten rettete, und ihnen das Heil kündete, das

ihnen Gott geboten, und das den Weg um die ganze Erde genommen, zu

ihnen zu gelangen.

Eigennutz, Ehrgeiz war ihm fremd, keine Familienbande fesselten ihn,

nicht Freundschaft, nicht Liebe hatten sein Herz auch nur für eine

Stunde dem einen hohen Zweck seines Lebens abwendig machen können, und

er hielt den Tag für verloren, an dem er nicht wenigstens einen,

seinem Verderben entgegengehenden Sünder wach gerüttelt, und ihm den

Abgrund gezeigt an dem er wandele, oder geduldet und gelitten hatte in

der Verbreitung jenes Glaubens, der ihm Licht und Seligkeit und Luft

und Liebe war.

Von schmächtigem aber nicht schwächlichem Körperbau, zäh bis zum

äußersten und an Entbehrungen und Strapatzen gewohnt, die er eher

aufsuchte als vermied, hatte er schon den größten Theil der Inseln

durchstreift, den feindlichsten Stämmen dort mit »christlicher

Demuth«, wie er's nannte, getrotzt, und ihren Hohen Priestern in den

Bart die Machtlosigkeit und Nichtigkeit ihrer Götzen verkündet. Die

Indianer achten den Muthigen, wo sie ihn auch finden, und muthig

wahrlich mußte der sein, der allein und unbewaffnet in einem

feindlichen Gebiet wahrhaft tollkühn das angriff, was der Gegner am

theuersten hielt, und wofür er sein Leben eingesetzt hätte es zu

bewahren; ja unter den Opferkeulen selbst hatte ihn schon dieser

starre fanatische Trotz gerettet, und ihm die Achtung seiner

bisherigen Feinde, ja oft den späteren Sieg über sie, gesichert.

Hier nun schon den Sieg in Händen, läßt es sich denken, mit welchem

Schmerz und Zorn der »Diener des Herren« _fremde_ Priester eindringen

sah in sein Heiligthum, und den Bau untergraben, an dem seine Kirche

schon Jahrzehende gebaut, und der ein Tempel Zions zu werden versprach

in Pracht und Herrlichkeit. Mit zagender Hoffnung wohl, aber auch mit

Furcht und Mißtrauen sah er deshalb dem Entfalten jener Flagge

entgegen, die ihnen entweder die frohe Hülfe vom Mutterlande brachte,

nach der sie sogar schon einen der Ihrigen, den ehrwürdigen Mr.

Pritchard, zugleich Consul Ihrer Britannischen Majestät abgesandt

hatten, oder neue Schwierigkeiten und Verlegenheiten bereiten konnte,

den gierigen Forderungen Französischer Capitaine gegenüber.

Die Brüder Rowe und Nelson in ihrem so verschiedenartigen Charakter

kennen wir schon.

Zwei Andere, Mc. Kean und Brower waren einfache Leute, Menschen, die

ihre Lebenszeit in der Bibel gegraben, das edle Metall mit dem tauben

Gestein mühsam und unverdrossen heraufgeschafft, ohne im Stande zu

sein es zu schmelzen und zu scheiden, und es nun Bergehoch um sich

aufgeschichtet hatten, eine treffliche Wehr wenigstens, nach Jedem zu

schleudern, der ihnen nahe kommen und ihre Stellung ihnen streitig

machen oder bekritisiren wollte.

Bruder Smith zeigte sich als eine von diesen ganz verschiedene

Persönlichkeit; klein und geschmeidig hatte er sich dem Missionswesen

gewidmet, wie er sich irgend einem andern Stand oder Geschäft gewidmet

haben würde. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, von Schwärmerei

noch weniger. Er betrachtete das ganze innere Sein der Mission auf

eine ächt irdische und praktische Art als ein _Geschäft_, das ihm

durch die Missionsgesellschaft vom lieben Gott übertragen worden, und

auf diesem entlegenen Winkel schien er nun vollkommen bereit alle

solche Pflichten, die ihm vorgeschriebener Weise oblagen, auch

getreulich zu erfüllen, vorausgesetzt jedoch, daß ihm dann der liebe

Gott, neben anderen Kleinigkeiten, auch noch die Bitte des täglichen

Brodes mit seinen verschiedenen Variationen erfülle. Ein

ausgezeichneter Geschäftsmann außerdem, war eine seiner

Hauptbeschäftigungen die, von England zur Unterstützung der Mission

eingegangenen Waaren, die natürlich einen größeren Werth hatten als

Geld selber, gegen Roh-Produkte oder Fabrikate der Indianer, soweit

sie deren herstellten, ja gegen Arbeitskraft selbst und geleistete

Dienste anzubringen, und einen besseren Mann hierzu hätte sich die

Gesellschaft nicht wählen können. Schicklicher wäre es jedenfalls

gewesen hierzu einen besonderen Mann engagirt zu haben, der dann

weiter Nichts mit dem geistlichen Theil des »Geschäfts« hätte zu thun

haben dürfen; das Lehrergeschäft leidet, wo der Lehrer zu gleicher

Zeit neben seinen geistigen Ausgaben seine weltlichen Einnahmen

berechnen muß. Bruder Smith wußte aber Beides auf so geschickte Art zu

vereinigen, und die Waare mit solcher Salbung, die Lehre mit solcher

berechnenden Klugheit auszugeben, daß die Insulaner zuletzt nicht

selten beides Empfangene gar nicht mehr von einander zu unterscheiden

vermochten und in Zweifel waren, für was von den beiden Sachen sie ihr

Cocosnußöl und ihre Perlen und Muschelschalen eigentlich zu Markt

gebracht, und ob sie ein gutes oder schlechtes Geschäft dabei gemacht.

Bruder Smith hatte auch lange nicht das Schroffe, Abstoßende des

finsteren Rowe, ja selbst des schwärmerischen Dennis. Bei dem Gebet

stand besonders der Letztere wie ein zürnender Geist, bereit Gottes

Zorn auf Jeden niederzudonnern, der anders dachte oder sprach als er,

während Bruder Smith mit ruhiger Ueberlegung die praktische Seite des

Christlichen Glaubens nicht allein nicht versäumte, sondern sogar nach

außen drehte. Der Eine gewann, der Zweite erhielt die Heiden dem

Christenthum.

Brower und Mc. Kean waren ein Mittelding der Beiden, mehr an der Form

wie dem Sinne des Ganzen hängend; Smith wand sich zwischen Allen

durch. Mit einem anerkennungswerthen Scharfblick der Charaktere,

zwischen denen er sich befand, war er Schwärmer oder Enthusiast, Mann

der Form oder des einfachen Glaubens, der in dem Glauben gerade den

Formen blindlings folgt, aber diese nur eben vom Glauben abhängig

macht, nicht diesen ihnen unterwirft. Nie jedoch verlor er den Nutzen

irgend einer Stunde aus dem Auge und unermüdlich im Sammeln für seinen

heiligen Zweck, wuchsen ihm die Bedürfnisse aus dem Boden, und wurden

zu Bäumen, die ihre Früchte im reichen vollen Maaß auf ihn zurück und

nieder schüttelten.

Auch er war der gedrohten Oberherrschaft Frankreichs in innerster

Seele abgeneigt, aber nicht ganz allein mit jener geistigen

Ueberzeugung, mit der Bruder Dennis den Untergang der Gerechten vorher

kündete, wenn sie sich durch die Irrlehren verführen ließen vom

rechten Pfade abzuweichen, sondern mehr fast im merkantilischen

Interesse. Die Franzosen hatten nämlich unter dem Schutz ihrer Kanonen

angefangen, eine Quantität der verschiedensten, bis jetzt von ihm mit

Vortheil abgesetzten Waaren, auf die Insel geworfen, deren Preise _er_

früher allein bestimmen konnte, während sich ihm jetzt dadurch eine in

der That nicht unbedeutende Concurrenz eröffnete. Bunt und ordinär

gedruckte Kattune, für die er bis jetzt mit Leichtigkeit einen halben

Dollar per Yard erhalten, verschleuderten leichtsinnig junge Franzosen

um die Hälfte, und das Volk hätte von einem _Heiden_ gekauft, wenn es

die Waare billiger bekommen, wie viel mehr nicht von den »neuen

Christen«. Die Eindringlinge bezahlten außerdem für die Produkte der

Indianer weit mehr, als sie vernünftiger Weise hätten zahlen sollen,

wenn sie sich nicht den Markt für spätere Zeiten verderben wollten. Es

war keine Ordnung in der Sache, und der Kaufmann ging mit dem Christen

Hand in Hand, der Evangelischen Kirche den Sieg zu erflehen über die

»Baalspriester« wie sie gewöhnlich von den Kanzeln genannt wurden.

Doch zurück zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit der am Strand

Stehenden auf das Peinlichste spannte, und immer noch mit den kahlen

Masten gesonnen schien vorbei zu streichen, ohne auch nur einmal die

Farbe seiner Flagge zu zeigen.

»Segne meine Seele!« rief ein dicht am Strand stehender Neger, der

früher einmal von einem Wallfischfänger auf irgend einer Insel

entsprungen war und seinen Weg nach Tahiti gefunden hatte, wo er jetzt

bei den Eingeborenen, theils seiner außerordentlich glänzenden

schwarzen Farbe, theils seiner Wohlbeleibtheit wegen als eine Art

Autorität in Seemännischen Fällen galt -- »segne meine Seele, wenn

ich nicht glaube der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei _der_ See

versucht kann er sich darauf verlassen daß er heute in ~Davys locker~

(Seeausdruck für Unterwelt) zu Nacht speist, denn kein Dampfschiff

könnte sich frei von den Leeriffen halten.«

»Und was für ein Segel glaubst Du daß es ist, Pompey?« frug ihn Tati,

der Häuptling, der unfern von ihm stand und das Fahrzeug mit finsterem

Blick betrachtet hatte.

»Englisch, ~by God~ Massa,« rief der Neger rasch, der den Häuptling

kannte -- »englisch, jeder Zoll von ihr[D] -- und ein Dorn

wahrscheinlich in Massa Gumbo's[E] Augen da drüben, der jetzt zwischen

zwei Feuer kommt, wenn er den Schwarz-Röcken einheizen und Land

pachten will von Königin Pomare, haw, haw, haw. Nun sollte noch ein

Franzmann dazu kommen, dann giebt's Spaß; aber dies Kind ging in die

Berge, Massa, denn wenn sie hier mit den eisernen Bällen an zu spielen

fingen, würd' es Manchem zu warm in seinem Rocke werden.«

»Die ~Reine blanche~ ist's,« lautete aber eine andere Meinung, die

bald wie ein Lauffeuer durch die Menschenmasse lief, denn der

gefürchtete Admiral ~Du Petit Thouars~ war schon lange wieder im Hafen

erwartet worden, und trotz den zuversichtlichen Behauptungen der

Missionaire daß England ihnen jedenfalls Schutz und Hülfe senden

werde, gegen den Römischen Feind, traute man doch den Kanonen des

Letzteren nicht, der die Stadt jetzt schon zwei Mal mit seinen

eisernen Flanken bedroht und sie gezwungen hatte, seine Bedingungen

anzunehmen.

Der Französische Consul hatte gegen die letzte Verhandlung protestirt

und war zornig fortgegangen; welchen Bericht würde er dem

Französischen Admiral machen? -- und die Königin mußte es dann wieder

entgelten, wie schon früher.

»Da -- dort geht die Flagge vom Talbot!« rief da Pompey plötzlich --

»und da die Privatsignale -- er wird den Andern vorm Einlaufen warnen

wollen.«

»Dort kommt was Buntes an Bord draußen!« schrie ein Eingeborener, der

trotz dem noch heftigen Wehen und Schaukeln des Baumes auf eine Palme

geklettert war, einen bessern Ueberblick zu gewinnen -- »gleich wird's

heraus sein!«

»Da kommt die Flagge -- alt England für immer!« jubelte ein junger

Bursch, ein Seecadet des Talbot der auf Urlaub an Land gewesen war,

wie der Sturm begonnen -- »dort weht der ~Union Jack~ und Monsiehr

Crapo hat sich zu früh gefreut wenn er glaubte es käme ein Landsmann.«

»Englische Flagge -- Englische Fregatte!« schrie und wogte es aber

auch jetzt am Land durcheinander, die Missionaire auf der Verandah

drückten einander die Hand, und ein großer Theil der Insulaner jubelte

allerdings dem fremden Schiffe entgegen, Manche aber auch von Tati's

Anhang schauten gar zornig drein, und sahen die Parthei schon wieder

Sieger, die ihnen bis dahin immer störend und hemmend im Weg

gestanden.

Die beiden Englischen Kriegsschiffe hatten indessen rasch

verschiedene, nur ihnen bekannte Signale gewechselt, und die fremde

Fregatte hielt noch fortwährend auf die Mündung des Hafens zu, als ob

sie die Einfahrt, trotz Wind, Wogen und Coralle, erzwingen wolle; wenn

aber auch der wirkliche Sturm nachgelassen hatte, wehte der Westwind

doch noch viel zu stark das Einlaufen in den Hafen, wären selbst die

furchtbaren Brandungswellen nicht gewesen, wagen zu dürfen und die

Fregatte, die auch vielleicht nur diese Stellung angenommen ihre

Signale ordentlich und deutlich auswehen zu lassen, fiel wieder vor

dem Winde ab, braßte ihre Marssegel vierkant und flog, fast vor Top

und Takel nur, aus dem Bereich der gefährlichen Klippen, draußen

vielleicht wieder beizudrehen und das Rückwechseln des Windes in den

gewöhnlichen Passat, der gar nicht lange mehr ausbleiben konnte,

abzuwarten.

So lange die Signale noch dauerten, hatten sich die Eingeborenen

ziemlich ruhig gehalten; nur einige der der Königin und den

Missionairen ergebenen Häuptlinge, besonders Aonui und Potowai waren

hinauf in das Haus gegangen, wo sie die frommen Männer versammelt

sahen, deren Meinung über das Englische Kriegsschiff, das jedenfalls

einzukommen beabsichtigte, zu hören. Die Missionaire hatten nur eine

Stimme darüber; sie hofften daß es ihnen günstig lautende Nachrichten

von England bringen würde, ja daß vielleicht Bruder Pritchard selber

an Bord sei, die Rechte der Insulaner zu bestätigen und mit der

gesandten Macht zu beschützen.

Das war genug, wie ein Lauffeuer zog sich die frohe Botschaft durch

die einzeln am Strand zerstreuten Gruppen: »Das Kriegsschiff ist für

uns gekommen; die Franzosen haben Nichts mehr auf den Inseln zu

befehlen -- der Vertrag den sie abgeschlossen haben, und der nur dahin

berechnet war uns zu ihren Sclaven zu machen und das Götzenthum wieder

einzuführen, ist vernichtet und keine Flagge soll hier mehr wehen als

die Tahitische und Englische!«

Aonui war der Wildeste zwischen ihnen.

»Brüder, der Tag der Vergeltung ist erschienen!« schrie er, auf einen

Haufen dort aufgefahrenen und zum Ausarbeiten von Canoes bestimmten

Holzes springend, von dem aus er die unter ihm Stehenden leicht

übersehen konnte, »die Beretanis kommen -- die uns die Bibel gebracht

haben, bringen uns jetzt auch Kanonen unsere Bibel zu vertheidigen --

die Beretanis sind gut -- wir wollen Nichts weiter -- wir haben die

Bibel und die Feranis können gehen, wir halten sie nicht -- wir wollen

ihnen Freude wünschen -- aber nicht hier, irgend wo anders. -- Wir

haben die Feranis lieb -- sehr lieb -- es sind auch unsere Brüder --

aber nicht so Brüder wie die Beretanis; andere Art. Die Beretanis

haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie wieder nehmen. --

Feranis haben viel Platz wo anders -- wir wollen ihnen Freude

wünschen.«

Das etwa war der Sinn der Rede, die der Häuptling, die einzelnen Sätze

immer auf's Neue wiederholend, seinen Landsleuten vorschrie, denn der

um ihn wogende Tumult dauerte indessen fort und er konnte ihn mit

seiner Stimme nicht beschwichtigen, er mußte ihn selbst übertönen;

aber den Sinn verstanden sie doch, den ungefähren Sinn des Ganzen

wenigstens, und von Mund zu Mund lief der Ruf: »Fort mit den Feranis,

fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern die uns die

neuen Götzen auf die Berge gestellt haben, den alten zum Trotz, und

uns unseren Glauben nehmen wollen und unser Land und die Bibel. Wir

haben die Bibel wir verlangen nicht mehr!«

»Bin nur neugierig« sagte Pompey, der Neger, zu einem zufällig neben

ihm stehenden Seemann, unserm alten Bekannten, dem Iren Jim -- »was

sie heute wieder für Dummheiten anrichten werden, Mister -- seht nur

einmal wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig gegen

einander die Hände und Arme werfen, und streiten -- sie hacken Alle

auf den Einen ein mit den weißen Haaren, der wird wohl der einzige

Vernünftige unter ihnen sein.«

»Und wie so, mein Bursche?« frug Jim O'Flannagan der mit den Augen der

Richtung gefolgt war, die ihm der Neger angab, und den Blick jetzt

forschend auf den allerdings sehr heftig mit einander gesticulirenden

Missionairen weilen ließ -- »es geht ja Alles so hübsch und trefflich

wie es nur gehen kann.«

»Hübsch und trefflich? -- hm, ja, -- Manchem gefällt's so,« sagte der

Neger und betrachtete sich den Fremden etwas genauer, ohne daß Jim

etwa darauf geachtet hätte -- »aber hallo Mister,« setzte er

plötzlich hinzu, »haben wir nicht einander schon einmal da drüben bei

Mütterchen Tot getroffen?« Der Ire lachte.

»Ich bin überall zu finden wo es gute Gesellschaft giebt,« sagte er

mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefährten,

»aber Freund, habt Ihr eine Idee wo die Geschichte hier hinaus will?

-- wie mir scheint wollen die guten Leute alle Franzosen ohne weitere

Säumniß aufpacken, und an Bord der ~Jeanne d'Arc~ schicken?«

»Toll genug wären sie dazu,« brummte der Schwarze, »und das hier wär'

auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie machten; wenn's

Jemand gut mit ihnen meinte, sollt' er's verhindern.«

»Wen geht's denn 'was an?« lachte der Ire, »dafür haben sie auch ihre

Seelsorger ihnen den richtigen Weg zu zeigen -- hallo, kennt Ihr die

Beiden da, die scheinen's eilig zu haben.«

»Das sind die beiden ersten Häuptlinge der Insel, Tati und Utami,«

sagte der Neger schnell, »wenn die ihren Weg hätten, wüßt' ich _wen_

sie vor allen Dingen auf das erste beste Schiff packten und nach

Leewärts schickten.«

»Kann mir's denken,« sagte der Ire trocken, »'s kommt nur darauf an

jetzt, wer zuerst ein Schiff frei hat, Engländer oder Franzose, und

dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hier

behalten will, Katholiken oder Protestanten.«

»Wenn sie den Feranis hier was zu Leid thun, schießt ihnen der

Franzose den ganzen Bettel zusammen -- und ich habe da drüben auch ein

kleines Häuschen stehn,« meinte der Neger.

»Wenn's hinter dem Berge läge könnt' er aber anfangen wann er wollte?«

frug Jim, mit einem Seitenblick auf den Neger, den dieser mit einem

breiten Grinsen, das zwei Reihen prachtvoller Zähne aufdeckte,

beantwortete.

Die Aufmerksamkeit der Beiden wurde aber bald für das Haus in Anspruch

genommen, in dem sich die Missionaire befanden, denn dorthin drängte

das Volk und schien von diesen eine bestimmte Leitung ihres Unmuths,

dem sie selber eigentlich noch nicht recht Ausdruck zu geben wußten,

zu verlangen.

»Nieder mit der Flagge der Feranis!« tönte der Schrei -- »fort mit den

Priestern -- England hat seine Schiffe zu uns geschickt uns zu

beschützen, wir wollen nichts weiter mit den Wi-Wis zu thun haben --

fort mit ihnen -- fort!«

»Das thut kein Gut,« sagte da, in der Sprache der Insel, ein schlanker

Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart, der an dem Iren und Neger

mit den, schon vorher von ihnen bemerkten Häuptlingen rasch

vorbeischritt -- »das thut wahrlich kein gut, und sie werden sich die

Folgen ihres thörichten Handelns später selber zuzuschreiben haben.«

»Die Missionaire treiben's zum Aeußersten in ihrem stolzen Wahn,«

sagte Tati.

»Und ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche wie ihrer

armen Königin das weltliche Regiment rauben,« sagte der erste

Sprecher; »die einzige Rettung die dem Lande noch blieb, war eine

vernünftige Mäßigung, die Missionair wie Franzose zugleich im Zaum

gehalten hätte.«

»Sagt das den Priestern, Consul Mörenhout, und sie zucken die Achseln

und bedauern bei der Sache nichts thun zu können, da sie sich _nie_ in

die Politik dieses Landes mischten.«

»Heuchler!« zischte der Consul zwischen den Zähnen durch und schritt

jetzt, die Häuptlinge verlassend, rasch der Verandah zu, an deren

Treppe er eben den beiden Missionairen Dennis und Rowe begegnete, die,

von Nelson und Smith gefolgt, gerade niederstiegen. Als Mr. Rowe den

Französischen Consul auf sich zukommen sah, blieb er stehen und sagte,

noch ein paar Stufen höher als dieser, mit unendlicher Milde und

Freundlichkeit auf ihn niederblickend:

»Und was führt unseren sehr ehrenwerthen Freund in solcher Aufregung

zu uns?«

»Mr. Rowe,« erwiederte aber der Consul, ohne auf Ton oder Bemerkung

der Frage einzugehen, und rasch die Stufen, selbst an dem Geistlichen

vorbei, hinaufsteigend -- »ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den

übrigen Herren sprechen; aber augenblicklich sprechen« -- setzte er

rasch und ungeduldig hinzu, als er sah wie die geistlichen Herren noch

unschlüssig zögerten. »Es gilt auch jetzt nicht die Privat-Interessen

eines Protestantischen oder Katholischen Priesters,« fuhr er gereizt

und heftig fort, »es gilt die Interessen, das Wohl dieses Landes,

dessen Entscheidung Sie nun einmal -- mit welchem Rechte soll hier

unerörtert bleiben -- in die Hand genommen. Ihnen allein ist es jetzt

überlassen Alles noch friedlich zu Ende zu führen, oder auch einen

Krieg heraufzubeschwören, der die traurigsten furchtbarsten Folgen

haben müßte.«

Die Missionaire blieben erst stehn und drehten dann mit dem

aufgeregten und gereizten Mann um, blieben aber oben auf der Verandah,

wo sich die übrigen bald um Mr. Rowe und den Französischen Consul

sammelten, und der Erstere sagte freundlich:

»Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr; wir Alle

sind Männer des Friedens, denen es wahrlich nicht einfallen wird

muthwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwören. Greift das

Volk zu den Waffen, ein ihm unerträglich werdendes Joch abzuschütteln,

oder selbst erst der Gefahr auszuweichen, seinen Nacken darunter

gebeugt zu bekommen, was können _wir_, einzelne und unbewaffnete

Männer dafür oder dawider thun? ja _dürften_ wir das Volk

zurückhalten, selbst _wenn_ wir könnten, wo wir es auf der einen Seite

von einer Religion bedroht sehen, die unserer schwachen Meinung nach

zu ihrem jetzigen und späteren Verderben führen müßte, während wir es

in Händen haben, sie wenigstens auf ein einstiges Heil vorzubereiten.«

Der Consul schritt rasch und ärgerlich auf der Verandah auf und ab,

erwiederte aber kein Wort -- er fühlte daß ihm bei der ersten Sylbe die

er laut spräche, die Galle überlaufen _müsse_, und wollte jetzt in

diesem, vielleicht für spätere Zeiten höchst wichtigen Augenblick

Alles vermeiden, was ihm später vielleicht als Uebereilung oder Hitze

hätte können zur Last gelegt werden.

»Und weigern Sie sich wirklich?« sagte er endlich nach einer längeren

Pause, und in der That erst, als der Ehrwürdige Mr. Rowe schon wieder

Miene machte die Verandah zu verlassen -- »das blinde, mit allen

Europäischen Verhältnissen unbekannte Volk von einem übereilten

Schritt, wie das Niederreißen der Französischen Flagge zurückzuhalten?

-- bedenken Sie nicht, daß sich dieselben traurigen Scenen der

Französischen Fregatte in Monaten vielleicht schon wiederholen, und

Sie selbst dann in die mißlichste Lage der Welt bringen können?«

Der Ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor, und sagte mit

vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme:

»Weder Ihre Ueberredung Herr Consul, noch Ihre _Drohungen_ können uns

zu einem Schritt bewegen, den wir für unverträglich mit unserem Amte

halten. Nicht die Politik, sondern die Religion dieses Landes brachte

uns an diese Küste, und Frankreich hatte vielleicht einmal die Absicht

den Protestantismus, da es ihm nicht durch die Lehre seiner Priester

gelang, mit Feuer und Schwert auszurotten; aber die Zeit ist Gott sei

Dank vorbei. Der Englische Consul ist, wie Sie wissen schon vor

längerer Zeit nach Großbritannien gegangen, dort den Schutz unserer

Confession, die Erhaltung unserer schwer erworbenen und verdienten

Rechte zu sichern, und Sie sehen da draußen in See in jenem

hellblinkenden Segel die Antwort unserer Nation. ~Monsieur Du Petit

Thouars~ wird sich einen andern Wirkungskreis für seine Heldenthaten

suchen müssen, denn nicht mehr blos mit wehrlosen Indianern und ihren

friedlichen Lehrern und Fürsten hat er es von jetzt an hier zu thun.«

Mörenhout biß sich auf die Lippen, blieb einen Augenblick, wie noch

etwas überdenkend, stehen, und wollte dann, ohne weiteres Wort, die

Treppe wieder niedersteigen, als der alte ehrwürdige Mr. Nelson seinen

Arm ergriff und freundlich sagte:

»Gehen Sie noch nicht, Consul Mörenhout; ein gutes Werk darf nicht so

leicht aufgegeben werden, und ich halte die Absicht dafür, in der Sie

hergekommen.«

»Mr. Nelson spricht als ob dieses sogenannte »gute Werk« in unseren

Händen läge,« sagte Mr. Rowe gereizt.

»Und das ist wahr!« rief aber der alte Mann in edlem Eifer erglühend,

und die Hand ausstreckend gegen die unten tobende Schaar. »Sündlich

wäre es von uns behaupten zu wollen, daß wir die Macht _nicht_ haben

das Volk zum Guten zu leiten und in den Schranken der Mäßigung zu

halten; ebenso wie es, in der jetzt überdieß gereizten Stimmung, einem

leichtsinnigen unglückseligen Schritt entgegen zu treiben. Wir als die

Lehrer des Volkes _dürfen_ nicht entscheiden ob Englische ob

Französische Flagge das Recht habe hier zu wehen -- unser Ziel ist,

die Eingeborenen zu Christen, nicht zu Engländern oder Franzosen zu

machen, und ihren Häuptlingen, von unseren Consuln aber nicht von

unseren Kanzeln unterstützt, bleibt es dann überlassen, sich die

Unabhängigkeit ihres Landes zu wahren.«

»Es giebt Verhältnisse,« fiel ihm hier Bruder Rowe in's Wort, der den

aufsteigenden Grimm nicht länger bemeistern konnte, »bei denen ein

solches Zaudern in der guten Sache, das die Eingeborenen ihrem bösen

Geschick und den Gräueln des Pabstthums überließe, _Verrath_ genannt

werden könnte.«

»Wir haben den fremden Priestern vorgeworfen« entgegnete Nelson ruhig,

»daß sie uns geschimpft und unsere Religion geschmäht haben; machen

wir es besser, wenn wir von Gräueln des Pabstthums reden? Ich bedauere

das Eindringen jener fremden Lehre, die unsere Beichtkinder irre

machen, und Zweifel bei ihnen erwecken muß, aber ich möchte sie nicht

mit dem Schwert bekämpft, möchte das Schwert nicht in unserer eigenen

Mitte geschliffen sehen.«

»Daß Bruder Nelson die neue Lehre nicht mit dem Schwert bekämpft sehen

möchte, hat er allerdings schon bewiesen,« sagte Mr. Rowe.

»In dem was ich gethan, steh' ich vor meinem Gott gerechtfertigt,«

erwiederte Nelson, ohne ein Zeichen von Bitterkeit, »der Menschen

Urtheil muß ich mich unterwerfen.«

»Wehe über Israel!« seufzte da der ehrwürdige Mr. Brower und

schüttelte trauernd mit dem Kopf, »das ist die kalte Gluth, die fremde

Herzen erwärmen will, und nicht einmal im Stande ist, das eigene Feuer

hell und lohend anzufachen. Wehe über die Säumigen, die da zögern und

die Stunden zählen zum Tag, und nicht wirken wollen so lang es noch

Nacht ist; wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts, und wie

Gottes Donner noch mahnend an der Erde Vesten rüttelt, wird er ihnen

ein Zornesruf in den Ohren sein!«

Mr. Mörenhout der das Gespräch, oder vielmehr den Streit der

Geistlichen mit kaum zu zähmender Ungeduld bis jetzt angehört, und

sich gewaltsam hatte zurückhalten müssen, seinem Unwillen nicht Luft

zu machen, dabei aber noch immer hoffte eine vernünftigere Ueberlegung

doch Raum gewinnen zu sehen, mußte nach den letzten Worten des

fanatischen Priesters jeden solchen Glauben schwinden lassen, und nur

noch einen letzten Versuch zu machen sagte er mit gezwungener Ruhe,

der man aber das Gewaltsame wohl anmerken konnte:

»Und so weigern Sie sich denn, meine Herren, den Frieden mit

Frankreich aufrecht zu erhalten? -- weigern sich dem Volk das

Gefährliche, ja das Wahnsinnige solcher Handlung vorzustellen?«

»Weigern, Herr Consul,« unterbrach ihn Rowe entrüstet, »wir haben

Nichts mit der Politik dieses Landes zu thun -- mit jedem derartigen

Antrag muß ich Sie an die Königin selber weisen.«

Mörenhout wollte noch etwas erwiedern -- er öffnete schon den Mund und

that einen Schritt auf den Missionair zu, der sich dem gereizten Blick

des Mannes mißtrauisch aber doch muthig entgegenstellte; dann aber,

wie sich eines Besseren besinnend, drehte er sich scharf auf seinem

Absatz herum, blieb einen Moment, den vorn ausdehnenden Platz mit den

Blicken überfliegend stehen, winkte nach einer Stelle hinüber, wo Tati

und Utami mit dem jetzt zu ihnen gekommenen Paofai standen, und

schritt dann, während sich ihm die drei Häuptlinge anschlossen, rasch

und heftig mit ihnen gesticulirend, am Strand hinauf.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band. · 第 3 / 7 题