FOOTNOTES:

[B] Die Indianer nennen die Insel Imeo meist Morea.

Capitel 3.

#Der Besuch -- Aumama.#

Sadie saß noch lange träumend da, und ihrem regen Geist tauchten bunte

und oft wunderliche Bilder auf, wie sie das Herz sich wohl ausmalt in

müßigen Stunden, sinnend und grübelnd ihre Farben schaut, und sich

vorspricht daß sie leben und sind -- bis sie in Dunst zerfließen,

anderen, bunteren vielleicht, Raum zu geben. Aber die Kleine scheuchte

ihr bald die Wolken von der Stirn -- wenn es wirklich Wolken gewesen,

die ihrem sonst so heiteren Antlitz jenen ernsten Schatten gegeben --

und mit dem Kinde kosend und spielend kehrte das Lächeln auf ihre

Lippen zurück, und sie war bald wieder das heitere frohe Kind des

Waldes, dem Gott in seiner unendlichen Vaterhuld alle Wünsche

erfüllt, alle Tage gesegnet hatte, und das sich nun auch des heiteren

Sonnenlichts freute, in Glück und Dankbarkeit.

»Hat mir das böse arme Mädchen doch selber fast das Herz schwer

gemacht eine ganze Stunde lang,« sagte sie lachend, und das Kind dabei

herzend, -- »hat uns Steine in den klaren See geworfen, meine Sadie,

und das Wasser getrübt, bis an den Rand hinauf. Aber nun wollen wir

auch wieder lachen und singen und fröhlich sein, bis Papa zurückkommt

und sich freut mit mir, an meinem kleinen lieben Töchterchen. Horch,

was ist das? -- hörst Du mein Kindchen, wie das trappelt und trappelt

da draußen? -- das ~buaa a fai tatatu~[C] klappert vorbei und Sadie --

aber was ist das?« unterbrach sie sich rasch und fast erschreckt, als

näher und näher gekommenes Pferdegetrappel plötzlich an ihrer Pforte

hielt, und sie Stimmen vernahm -- »Fremde hier draußen bei uns? -- Was

für ein wildes reges Leben diese fremden Männer doch auf unsere

stillen Inseln gebracht haben,« setzte sie dann langsamer und

kopfschüttelnd hinzu, »und lärmend und lachend sprengen sie Wochentag

wie Sabbath die Straßen entlang, sich nicht mehr um den heiligen Tag

ihres eigenen Gottes kümmernd, als ob das Glockengeläute dem Oro oder

Taua gälte. Auf Atiu war es doch stiller und friedlicher, und wenn wir

dort -- ha, ich glaube wahrhaftig die Leute wollen hier herein.«

»Dieß _muß_ der Ort sein,« sagte jetzt plötzlich eine Frauenstimme

draußen auf der Straße, in Französischer Sprache, die Sadie hatte,

selbst in der kurzen Zeit, vollkommen gut und fließend von René

sprechen lernen -- »wären Sie meinem Rath vorhin gefolgt, ~Monsieur

Belard~, so hätten wir nicht ein paar Miles ins Blaue hinein zu

galoppiren brauchen -- steigen wir ab?«

»Jedenfalls, wenn es den Damen gefällig ist,« erwiederte eine

Männerstimme, »er kann kaum irgend wo anders wohnen.«

Sadie die, ihr Kind auf dem Arm, auf einen kleinen Ausbau getreten

war, von dem aus sie, durch einen dichten Busch des Cap-Jasmins

verdeckt, die Straße vor der Thür gerade überschauen konnte, erkannte

drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferde, die an der Pforte hielten,

jetzt abstiegen und den kleinen Hofraum, der zwischen der blühenden

Akazienhecke und dem Hause lag, betraten.

Die Fremden suchten jedenfalls René, und Auskunft zu geben trat sie

ihnen, das Kind nach dortiger Sitte auf ihrer linken Hüfte reitend,

mit freundlichem Joranna entgegen.

»Ah, da ist ein Mädchen,« rief die eine Dame, die, das lange Reitkleid

emporhaltend, nahe am Hause stehen geblieben war, und sich nach irgend

einem lebenden Wesen, das ihr Rede zu stehen vermochte, schien

umgesehen zu haben, »aber lieber Gott, Lucie, es ist eine Eingeborene,

und mit meinem Tahitisch sieht es noch windig aus -- ich kann noch

weiter Nichts als ~Joranna~ und ~aita~.«

»Ich spreche französisch, meine Damen,« unterbrach sie die junge Frau,

leicht erröthend und die Kleine, die sich ängstlich an sie klammerte,

der fremden Gesichter wegen, mit ein paar freundlichen Worten auf den

Boden niedersetzend.

»Ah, Du sprichst in der That Französisch, Kind?« sagte die andere

Dame, die von der ersten Lucie genannt war, erstaunt -- »und noch dazu

mit vortrefflicher Aussprache; sehr schön, dann kannst Du uns auch

sagen ob Monsieur René Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu

sprechen ist.«

Sadie lächelte, denn sie fühlte recht gut wie sie die Fremden in ihrem

einfachen Gewand für irgend ein Mädchen des Hauses hielten, und sagte

mit einer leisen Neigung des Kopfes, während aber ein höheres Roth

ihre Wangen und Schläfe bis auf den Nacken färbte und das liebe

Antlitz noch reizender machte:

»Monsieur Delavigne wohnt hier allerdings, und Madame, oder Sadie

Delavigne -- «

»Ah, dann ist dieß wohl seine Tochter? -- ein reizendes Kind!«

unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder.

»Und Madame Delavigne?« frug Mad. Brouard.

»Bin ich selber,« flüsterte Sadie mehr als sie sprach.

»Ah -- ~mon Dieu~ -- ~est il possible~? -- ~bless me~!« waren die

ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren, denn so unerwartet kam

ihnen die Entdeckung, daß René eine Eingeborene »zur Frau hielt,«

selbst jeden schuldigen Anstand in diesen Ausrufungen zu vergessen,

und Sadie fühlte das mehr, als sie es verstand, denn das Blut drohte

ihr in diesem Augenblick die Adern der Schläfe zu zersprengen, und sie

bog sich zu dem Kind nieder ihre Verlegenheit -- wenigstens ihr

Erröthen zu verbergen.

Die beiden Französinnen faßten sich aber rasch wieder, und wohl

einsehend, welchen Verstoß gegen jede gute Sitte sie hier, allerdings

nur in der ersten Ueberraschung, gemacht, traten sie auf Sadie zu, und

begrüßten sie, ihr die Hände entgegenstreckend, in fast herzlicher

Weise.

»Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Ueberraschung aufgespart,« rief

die erste Sprecherin, Madame Belard, lachend -- »wir haben natürlich

nicht vermuthen können, daß er schon _so_ heimisch auf den Inseln

geworden wäre. -- So sein Sie uns herzlich gegrüßt, Madame und

versichert dabei, daß wir trotzdem keine Unbekannte in Ihnen

aufsuchten. Ihr Herr Gemahl hat uns schon so viel Liebes und Gutes von

Ihnen erzählt -- nur Ihrer Abstammung erwähnte er nicht,

wahrscheinlich nur uns Ihre Liebenswürdigkeit so viel lebhafter

empfinden zu lassen.«

Sadie athmete leichter auf; die freundlichen Worte, wenn sie ihren

Sinn auch nicht gleich vollkommen faßte, thaten ihr wohl. Sie hatte

sich vor einem ersten Zusammenkommen mit jenen fremden Frauen, von

denen ihr René schon erzählt, und in deren Haus sie einzuführen er

gewünscht hatte, schon lange gefürchtet; deren erstes Betragen hatte

dann ebenfalls nicht dazu gedient sie zu beruhigen, und um so

wohlthuender kam ihr jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfach treues

Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und die Worte nehmend

wie sie ihr geboten wurden sagte sie, den Frauen beide Hände

entgegenstreckend, und ihnen offen und freundlich dabei in's Auge

schauend:

»René wird es recht recht leid thun daß Sie ihn nicht hier gefunden

haben, aber sein Sie mir _herzlich_ willkommen und ruhen Sie sich ein

wenig aus bei mir, von Ihrem Ritt. Ich will die Kleine nur indessen

unter Aufsicht geben, und bin dann rasch wieder bei Ihnen.«

Die Damen wollten erst höfliche Einreden machen, und sprachen von

»stören« und »beunruhigen«, Sadie führte sie aber lächelnd zu dem

freundlichen Sitz am Strand, und bat sie dort niederzusitzen, während

sie rasch mit dem Kind in das Haus eilte.

»Ein reizendes Frauchen,« sagte Monsieur Belard schmunzelnd, als sie

in der Thür verschwunden war, und die Damen einiges zusammen

flüsterten; »Delavigne hat wahrhaftig keinen schlechten Geschmack; und

spricht vortrefflich Französisch -- vortrefflich.«

»Mr. Delavigne hätte uns aber doch auch wohl vorher einen Wink über

seine Familienverhältnisse geben können,« meinte Mrs. Noughton, eine

Amerikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie gesprochen hatte

-- »er würde dadurch beiden Theilen eine Verlegenheit erspart haben.«

»Lieber Gott, Verehrteste,« vertheidigte diesen die lebendige Madame

Belard, »die Verhältnisse auf den Inseln hier sind von den unsrigen so

sehr verschieden, daß man schon wirklich bei Manchem ein Auge

zudrücken muß, und nicht gar so entsetzlich streng sein darf. Es

bestehen übrigens auch wirkliche Verbindungen zwischen Europäern und

Insulanerinnen, und Monsieur Delavigne hat nur von seiner _Frau_

gesprochen.«

»Liebe Kinder, was zerbrecht Ihr Euch darüber den Kopf,« fiel ihnen

hier der andere, ältere Herr, ein Monsieur Brouard und der Gemahl der

viel jüngeren Lucie Brouard, in die Rede, »wenn Ihr in Rom seid müßt

Ihr leben wie die Römer,« sagt ein altes gutes Sprichwort. Madame

Delavigne ist ein reizendes junges Frauchen, und wohl im Stande einen

Mann zu fesseln.«

»Und auf wie lange?« unterbrach ihn, mit einem fast boshaften Lächeln,

Madame Belard.

»Auf wie lange, Madame?« wiederholte mit einem etwas frivolen

Achselzucken der Gefragte -- »ich bin kein Prophet oder Sterndeuter;

aber das sind Familienverhältnisse, und mancher Indianer hätte

vielleicht eben so gut ein Recht dieselbe Frage an uns Europäer zu

richten -- auf wie lange? ~mon Dieu~, wir sollten diesen wichtigen

Punkt überhaupt etwas genauer in unserem Trauungs-Ceremoniell

berücksichtigen; _auf wie lange_? -- wir müssen uns damit begnügen zu

wissen, daß wir _sind_, und eine Frage was wir einst _werden_,

geschieht wohl immer nur in's Blaue hinein.«

»Es ist aber doch nur eine Indianerin,« bemerkte, mit einem

keineswegs zufrieden gestellten Blick, Mrs. Noughton, die aus den

Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ein nicht leicht zu besiegendes

Vorurtheil gegen jede farbige Race, sie mochte einen Namen oder Stamm

haben welchen sie wollte, mitgebracht hatte, und sich immer des

Gedankens nicht erwehren konnte, daß solche Leute am Ende gar

_schwarzes_ Blut in ihren Adern haben könnten, oder mit anderen Worten

in zweiter oder dritter Generation von _Negern_ abstammten, mit denen

natürlich jeder vertrauliche, selbst freundschaftliche Verkehr außer

Frage gewesen wäre -- »und hätte ich das früher gewußt, würde ich ihr

wenigstens nicht zuerst meine Visite gemacht haben.«

»Sie müssen aber bedenken, Mrs. Noughton,« sagte etwas eifrig Madame

Belard dagegen, »daß uns Monsieur Delavigne gar nicht zu sich

eingeladen, also auch keine Schuld hat an dem Besuch. Wir sind aus

freien Stücken hergekommen, und wenn ich auch gestehen muß daß ein

derartiges Verhältniß immer sein Unangenehmes, Störendes hat und uns

bei größeren Gesellschaften vielleicht auch dann und wann in

Verlegenheit bringen könnte, so -- «

»Attention meine Damen,« unterbrach sie hier Mr. Brouard, mit etwas

gedämpfter Stimme, denn Sadie erschien in diesem Augenblick wieder auf

der Schwelle des Hauses, und hinter ihr ein Knabe, der einen großen

Präsentirteller mit Wein und Früchten trug.

»So Mataoti,« rief sie diesem in seiner Sprache zu, »bediene die

Frauen und sei ein flinker Bursch,« sich dann aber zu ihren Gästen

wendend fügte sie herzlich hinzu: »aber Sie haben sich ja noch nicht

einmal gesetzt, in der ganzen langen Zeit -- bitte geben Sie mir Ihre

Hüte und machen Sie es sich bequem, René dürfen Sie doch nicht so bald

zurück erwarten, denn er und Monsieur Lefevre sind der politischen

Verhältnisse wegen nach Papetee gegangen, dort noch Manches vielleicht

mit ihren Freunden zu besprechen.«

»Hahaha, das ist vortrefflich!« lachte Mr. Belard, »und denen zu

entgehen sind wir gerade ausgeritten; es wird förmlich Comödie

gespielt heute in der Residenz, und da die Missionaire Hauptrollen

dabei haben, fürchteten wir die Sache möchte doch am Ende zu

langweilig werden.«

»So essen und trinken Sie nur wenigstens,« bat Sadie, die nicht ohne

Grund fürchtete das Gespräch könnte sich hier auf religiöse Bahn

lenken und das unter jeder Bedingung zu vermeiden wünschte -- »René

würde sich herzlich freuen wenn er hörte, daß es Ihnen bei uns

gefallen hat.«

Die Damen zögerten noch unschlüssig was zu thun -- sie schienen sich

eine vor der andern zu geniren; Sadie bewegte sich aber mit solcher

Leichtigkeit in dem, ihr doch fremden Kreis, und ihre Bitte kam so

frisch und unverstellt aus dem Herzen, daß sie in ihrer Natürlichkeit

jede leere Höflichkeitsformel schon von vornherein unmöglich machte,

und selbst Mrs. Noughton mußte sich zuletzt gestehen, daß diese

Insulanerin ein ungewöhnlich liebenswürdiges Wesen sei, dem man wohl

gewogen sein könne -- wenn sie eben nicht die fatale broncefarbene

Haut gehabt hätte.

Die Frauen hatten sich denn auch bald um den runden, mit einem

reinlichen Tuch bedeckten Tisch gesetzt, Monsieur Belard wurde hinaus

nach den Pferden geschickt, zu sehen ob diese ruhig stünden und

Mataoti von jetzt beordert bei ihnen zu bleiben, und wenige Minuten

später saß die Gesellschaft ganz traulich beisammen, und Madame Belard

und Brouard hatten -- sie wußten gar nicht wie sie dazu gekommen, der

kleinen Insulanerin, die mit ihrem reinen Französisch die Eingeborene

vollkommen vergessen machte, so viel vorzuplaudern und zu erzählen,

als ob sie sich schon seit langen Monaten gekannt, und nicht eben erst

heute, vor Minuten fast, zusammengekommen wären. Die Männer blieben

darin natürlich nicht zurück, besonders Mr. Brouard, der seinen Sitz

neben Sadie genommen, thaute ordentlich auf, und war von einer

Aufmerksamkeit gegen die kleine Insulanerin, daß er seine Nachbarin

zur Linken, Mrs. Noughton, total darüber vernachlässigte, die denn

auch der ganzen Unterhaltung -- der Französischen Sprache ohnedieß nur

oberflächlich mächtig -- mehr beobachtend als theilnehmend, und

ziemlich kalt und ernsthaft folgte.

Eine volle Stunde hatten sie so gesessen und geplaudert, und Früchte

gegessen und Französischen Claret dazu getrunken, und Mataoti war

draußen bei den Pferden schon ganz ungeduldig geworden, als Madame

Brouard, die zuletzt ebenfalls stiller und einsylbiger wurde, und die

Unterhaltung ihrer Freundin und den Herren fast allein überließ,

endlich zum Aufbruch mahnte. Monsieur Brouard wollte noch gar nicht

fort, so vortrefflich hatte er sich amüsirt, und die Damen begannen

jetzt Abschied zu nehmen von ihrer neuen Bekanntschaft.

Sadie sagte ihnen mit einfachen Worten wie es sie freue daß es ihnen

bei ihr gefallen hätte, und wie glücklich es René machen würde, wenn

er höre daß sie hier gewesen und gegessen und getrunken hätten -- »wir

können recht gute Nachbarschaft halten, hier auf Tahiti,« setzte sie

hinzu, und mit freundlichem Händedruck und Joranna, von Madame Belard

und Brouard ebenfalls eingeladen sie wieder zu besuchen, verließ die

kleine Gesellschaft den Garten, bestieg draußen die scharrenden

tanzenden Pferde wieder, und galoppirte wenige Minuten später mit

klappernden Hufen die Straße entlang nach Papetee nieder.

»Sadie!« flüsterte da eine leise Stimme, als der Schall der Hufe auf

der harten Straße noch nicht verklungen war, und die junge Frau, die

noch lauschend stand, und in tiefem Nachdenken den mehr und mehr

verschwimmenden Tönen zu horchen schien, wandte sich rasch, und fast

wie erschreckt dem Rufe zu, der von der Nachbarhecke kam.

»Aumama? -- und warum kommst Du nicht herüber?«

»Ist die Luft rein?« frug eine klare, lachende Stimme.

»Meinst Du die Fremden? -- sie sind fort; aber ich glaubte Du wärest

mit Lefevre nach Papetee gegangen?«

Die junge Frau an der Hecke schüttelte mit dem Kopf und sagte lachend:

»Ich wollte erst, wie aber René mitging blieb ich daheim; denen

schließen sich dann mehr und mehr Männer an und -- das Treiben in

ihrer Gesellschaft gefällt mir nicht; auch mit der Sprache kann ich

nicht so gut fertig werden wie Du. Aber ich komme hinüber -- « und ein

kleines Pförtchen öffnend, das zwischen einer blühenden und Frucht

tragenden Orangenhecke hindurchführte, trat Aumama, Sadiens

freundliche Nachbarin, in den Garten und küßte sie, ihren Arm um sie

schlagend auf die Lippen.

Sie war in die einfache indianische Tracht gekleidet, mit dem langen

losen, bis auf die Knöchel niederfallenden Oberrock, der nur vorn am

Handgelenk zugeknöpft wird, ohne Schuh und Strümpfe, den Kopf mit

einem leichten Panama Männerstrohhut bedeckt, unter dem nur ein paar

große tiefdunkelrothe Blüthen der ~rosa sinensis~ hervorschauten, und

von dem vollen, mit wohlriechendem Oel getränkten rabenschwarzen

Lockenhaar fast wieder versteckt wurden.

Ihre Gestalt war schlank und üppig, aber mit dem, den dortigen

Insulanern eigenen Bau breiter Schultern, auch die sonst kleinen und

zierlichen Füße nach _unseren_ Begriffen von Schönheit ein wenig zu

sehr einwärts gebogen; die Form des Gesichts jedoch dabei voll und

edel und die Augen mit einem eigenen Feuer unter den feingeschnittenen

Brauen hervorglühend. Aumama war überhaupt der vollkommene Typus eines

Tahitischen Weibes, dem trotz den lebendigen Augen selbst das sinnlich

Weiche in den Zügen nicht fehlte, und als die beiden jungen Frauen so

freundlich umschlungen, und von den wehenden Palmen überragt und

beschattet, zwischen den Blüthenbüschen standen, hätte man sich kaum

etwas Lieblicheres denken können auf der Welt.

»Du hast vornehmen Besuch gehabt,« sagte Aumama endlich lächelnd,

nachdem die erste Begrüßung vorüber war.

»Ja,« erwiederte Sadie, leicht erröthend, »und zwar unerwarteten; aber

warum kamst Du nicht herüber?«

Aumama schüttelte, etwas ernsteren Ausdruck in den Zügen mit dem Kopf.

»Nein,« sagte sie, »ich passe nicht zu den Leuten -- wir überhaupt

nicht -- und sie nicht zu uns -- es ist besser wir bleiben aus

einander.«

»Aber Du närrisches Kind,« rief Sadie, »hast Du Dich denn nicht, so

wie ich gerade, mit Einem von ihnen für das ganze Leben verbunden, und

willst Du denn auch von ihm sagen, daß Ihr nicht zu einander paßt?«

Aumama seufzte tief auf, und wandte das Köpfchen leicht zur Seite; sie

war jetzt recht ernst geworden, und der ganze frühere Frohsinn schien

verschwunden.

»Ich _hoffe_ daß wir zu einander passen -- für das ganze Leben;« sagte

sie endlich leise, »es wäre wenigstens _recht_ traurig, wenn wir es je

anders finden sollten. Aber« setzte sie rascher, und wieder in den

leichteren Ton übergehend hinzu, »in unseren Familien ist das auch

etwas anderes; mit dem Mann den wir lieben, stehn wir in einem Rang;

er versteht _uns_, wir verstehen _ihn_ und in unserem Vaterland

schmiegt er sich leichter unseren Sitten an, oder lehrt uns allmählich

die seinen, beider Eigenthümlichkeiten in einander verschmelzend. Mit

den Gesellschaften jedoch ist das etwas anderes, besonders mit fremden

_Frauen_, und glaube mir, Sadie -- ich habe darin Erfahrung. Die

Weißen« fügte sie leiser hinzu, »halten uns für einen untergeordneten

Stamm, weil wir früher zu Götzen gebetet haben vielleicht -- «

»Aber das haben sie auch gethan, ihre Vorväter wenigstens,« unterbrach

sie Sadie rasch, »Vater Osborne hat mir das selbst erzählt.«

»Haben sie?« sagte Aumama erstaunt, »das ist das erste Mal, daß _ich_

davon höre; aber auch vielleicht noch weil wir nicht so klug sind wie

sie, und so geschickt im Lesen und Schreiben. Auch unsere dunkle

Hautfarbe kommt ihnen nicht so schön vor -- den Frauen wenigstens, und

_Eifersucht_ mag oft gleichfalls, und gar nicht selten, die Ursache

sein, daß sie uns zurücksetzen und -- kränken. Ausnahmen mag es dabei

unter uns geben; so glaub' ich, Sadie, daß _Du_ Dich vielleicht wohl

unter ihnen fühlen wirst, weil ich einsehe, daß Du uns eingeborenen

und wild aufgewachsenen Mädchen in vielen vielen Stücken überlegen und

den weißen Frauen _fast_ gleichstehend bist; aber für mich paßt es

nicht -- mir schnürt es die Brust zusammen, wenn ich bei ihnen bin,

und die kalten vornehmen Blicke sehen muß, die sie auf mich werfen,

als ob es blos eine Gnade von ihnen wäre, daß sie mich zwischen sich

dulden. Da ist es mir weit weit wohler bei meinen Kindern am

freundlichen Strand, im Rauschen meiner Bäume, und vor mir die weite,

herrliche See -- ich halte es auch für gar kein Glück für uns, etwa«

setzte sie langsam und wie in recht ernstem Sinnen hinzu, »daß die

weißen Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Das Leben

auf Tahiti ist seitdem ein anderes geworden, und ich selbst fühle mich

nicht so wohl mehr in der neuen Umgebung -- habe mich auch selber

vielleicht geändert, oder -- Andere haben.«

»Aia hat Dich traurig und ernst gemacht,« sagte Sadie, freundlich ihre

Hand ergreifend, »sie war auch hier bei mir, und ich -- «

»Aia!« unterbrach sie rasch und heftig Aumama, aber mit weicherer

Stimme fuhr sie fort, »Aia ist ein armes, armes Mädchen und sie kann

mich nicht böse machen, aber« -- und ihre Augen funkelten in einem

eigenen wilden, fast unheimlichen Feuer -- »nicht ertrüg ich es auch

wie sie, und was sie ertragen hat. Bei jenem weißen Gott, der Oro's

Bilder zertrümmerte und unsere Tempel niederbrach, bei jenen Tempeln

selbst -- « Aumama schwieg, aber die Hand noch, wie zum Schwur

emporgereckt, die Locken, von denen der Strohhut abgefallen war, wild

ihre Stirn umflatternd, das Auge glühend in einem eigenen Licht, stand

sie wohl eine halbe Minute schweigend da, selber ein Bild der

zürnenden Gottheit ihres Landes. Da, wie unwillig mit sich selber,

schüttelte sie plötzlich den Kopf, strich sich die Locken aus der

Stirn und sagte, jeden unmuthigen Gedanken gewaltsam bannend. »Ich bin

ein Kind, Sadie, ein launisches Kind, und seit einigen Wochen komme

ich mir selber manchmal wie umgetauscht vor, so tolle Träume und

Bilder zwing' ich mir ordentlich selbst herauf, mich zu quälen und --

ärgern auch. -- Aber fort fort mit ihnen, fröhlich wollen wir sein und

uns des Lebens freuen, denn der Himmel lacht noch rein und blau über

uns und die Götter, die in früheren Zeiten den Tisch unserer Väter mit

ihren Speisen deckten, haben uns auch jetzt noch ihre Gaben nicht

entzogen.«

»Aumama,« sagte da Sadie, mehr herzlich als vorwurfsvoll, »Du sprichst

noch immer von den _Göttern_, und bist doch lange, lange schon eine

Christin, ja wie ich hoffen will eine gute Christin geworden. Sündige

nicht, denn der Gott der Gnade ist auch ein Gott der Rache und der

Strafe, und Vater Osborne würde es unendlich weh gethan haben, wenn er

Dich hätte je so reden hören.«

»Und nicht um Alles in der Welt hätte ich _ihn_ kränken mögen,« rief

Aumama rasch, »er war der Einzige auch, der mich an Gott gehalten, der

Einzige, der mich die Möglichkeit eines solchen Wesens ahnen und

begreifen ließ, an das uns ja sonst die Uneinigkeit und der Haß der

anderen Priester zwingen mußte zu verzweifeln. Er war ein guter Mann

und die Feranis hatten ihn auch lieb, trotzdem daß er auf andere Weise

zu seinem Gott betete, als sie es thun; aber -- Sadie« -- fuhr sie

langsam und wie zögernd fort, »bist Du dennoch so -- so fest überzeugt

-- daß er recht hatte?«

»Aumama?« rief Sadie erschreckt, und sah staunend die Freundin an.

»Hast Du von dem alten Mann gehört?« sagte aber diese mit leiser

Stimme sich zu ihr überbeugend, und den Blick fragend auf sie

geheftet, »der drüben auf Bola Bola lebt, lange lange Jahre schon, und

der so wunderliche Sachen von dem Gott der Christen erzählt?«

»Von dem Gott der _Christen_? -- ist er denn nicht selbst ein

Christ?«

»Nein,« sagte Aumama rasch -- »nein -- er selber hat es versichert --

er ist von dem Stamm die den Christengott gekreuzigt haben, und soll

behaupten Jener sei gar nicht der Messias gewesen.«

»Das waren die Juden,« rief Sadie überrascht, »aber ich wußte gar

nicht, daß von jenem Stamm noch Leute lebten?«

»Viele, viele sollen noch davon in dem fernen Lande der Weißen sein

und der alte Mann behauptet jener Gekreuzigte sei nicht Gottes Sohn

gewesen, und habe nicht die rechte Lehre gebracht, denn die Christen

unter einander wüßten es nicht einmal und stritten und kämpften

deshalb gegen einander, und hätten schon viele viele Tausend unter

sich erschlagen, zu beweisen wer recht und den rechten Gott und

Erlöser habe.«

»Und wenn der Mann nun nicht die Wahrheit sagt?«

»Nicht die Wahrheit? -- es soll ein alter alter Mann sein, und graue

Haare und grauen Bart haben; und streiten sie sich hier nicht etwa

auch um ihren Gott? -- Wer _hat_ recht? und wie jener Mann von Bola

Bola sagt giebt es in seinem Vaterland unter den Christen noch viele

andere Sekten, die alle einander hassen und gegen einander predigen.

Ist das ihre Religion des Friedens?«

»Aumama, Du sprichst entsetzlich,« sagte Sadie schaudernd, »wer um des

Himmels Willen hat Dein Herz mit solchem Trug erfüllt?«

»Trug?« wiederholte die Indianerin, und ihr Blick haftete fest auf

Sadie -- »gebe Gott daß es Trug wäre und Lüge, aber wer giebt uns

_Wahrheit_?«

»Gott selber,« sagte da Sadie mit jenem kindlichen Vertrauen, das in

dem Schöpfer wirklich seinen Vater sieht, und in reiner,

ungeheuchelter Frömmigkeit am Throne des Höchsten sein Gebet, seinen

Dank niederlegt -- »Gott selber, Aumama; er hat uns die Wahrheit in

das Herz gelegt, und seine Boten schon vor langen Jahren gesandt, sie

uns hier zu lehren. Bete, bete mit voller Inbrunst und das Herz wird

Dir aufgehen, wenn Du Dich zu Gott wendest.«

»Aber Le-fe-ve betet gar nicht,« warf das Mädchen wieder ein, dem

Gedanken folgend daß die Europäer selber, in verschiedene Religionen

getrennt, kein Vertrauen auf den Gott hätten, den sie den Inseln

gebracht -- »er ist ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an

seine Pflicht als Christ will mahnen; thut das René nicht auch?«

»Nein,« rief Sadie schnell, aber doch nicht im Stand eine gewisse

Verlegenheit zu verbergen -- »er lacht mich niemals aus.«

»Aber er betet auch nicht.«

»Gott wird ihn schon erleuchten,« sagte die junge Frau, und barg ihre

Stirn einen Augenblick in den Händen, »ach es ist wahr,« fuhr sie dann

leiser fort, »und hat mir schon manche bittere Stunde, manche

schlaflose Nacht gemacht, wie wenig _er_ an seinen Gott denkt, und wie

viel gerade Gott für ihn doch eigentlich gethan.«

»Und Mr. Osborne? hat er Dir nie an's Herz gelegt ihn deiner Kirche

zuzuführen? -- mir ist das oft und oft zur Pflicht gemacht, aber --

wie bald hab' ich _den_ Versuch aufgegeben.«

»René geht seinen eigenen Weg,« seufzte Sadie, »und Vater Osborne sah

das wohl und fühlte es, aber er hat mir nie ein Wort davon gesagt, ja

er warnte mich sogar vor religiösen Streitigkeiten mit dem Gatten. Auf

Atiu war auch Alles gut, aber hier in Tahiti, wo die Priester selber

einander feindlich gegenüber stehen, und seit Vater Osbornes Tod hat

sich René ganz von jeder Andacht abgewandt.«

»Weißt Du wie Du jetzt aussiehst, Sadie?« rief da Aumama plötzlich,

den Ton wechselnd, und der Freundin Hand ergreifend.

Sadie schaute überrascht empor, Aumama aber fuhr lächelnd fort --

»scheuche die trüben Gedanken fort von der Stirn, sie passen nicht für

uns. Was kümmern uns die Streitigkeiten jener Priester, noch ist die

Banane so süß, die Cocosnuß so saftig als je und der Himmel lacht blau

und heiter auf uns nieder und unser schönes Land. Sieh da kommt deine

Sadie,« unterbrach sie sich plötzlich als das Kind, von einem jungen

vierzehnjährigen Mädchen getragen, in der Thür erschien -- »her zu mir

Herz, her zu mir mein süßes Kind, und Du sollst mir helfen der Mama

Züge wieder aufzuheitern. Und nun sollen auch Scha-lie und Ro-sy

herüber und mit Dir spielen, mein Herz, und froh und munter wollen wir

sein, und tanzen und springen.«

Die Kleine aufgreifend, die ihr schon von Weitem lachend die Aermchen

entgegenstreckte, sprang sie mit ihr, wieder ganz das fröhliche

ausgelassene Kind dieser Inseln, singend und trällernd am Strand

umher, und rief die eigenen Kinder herüber mit ihr zu spielen und zu

tollen. Und selbst Sadie, wenn auch nicht im Stande so rasch die

quälenden Gedanken abzuschütteln vom Herzen, vergaß doch ebenfalls

bald bei dem Lachen und Jauchzen der Kleinen Alles, was sie noch

vorher mit Angst vielleicht und Sorge erfüllte, und das Herz ging ihr

wieder auf voll Lust und Glück in dem einen reinen und seligen Gefühl

der Mutter Lust.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band. · 第 2 / 7 题