_Roman aus der Südsee_
von
#Friedrich Gerstäcker.#
Zweite unveränderte Auflage.
Zweiter Band.
Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
#Leipzig,#
_Hermann Costenoble._
1857.
#Inhalt des zweiten Bandes.#
Seite
Cap. 1. Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten 1
" 2. Sadie und René 31
" 3. Der Besuch -- Aumama 67
" 4. Die Missionaire 90
" 5. Die Königin Pomare 121
" 6. Ein Ball in Papetee 167
" 7. Unterwegs 235
" 8. Mütterchen Tot's Hotel 254
Capitel 1.
#Die Mädchen von Tahiti und die alten Bekannten.#
Das Gebet war aus, das laute feierliche Amen schwoll durch die Wipfel
der Palmen nach See zu, sich draußen mit der Brandung Rollen zu
mischen. Mit dem Amen aber schien es auch, als ob der Zauber gebrochen
wäre, der den leichten fröhlichen Sinn der Insulaner bis dahin so
merkwürdig und außergewöhnlich fest im Zaum gehalten, und wie denn
auch der Eingeborne nie so recht tief den Ernst einer feierlichen
Stunde fühlt, sprang er im Nu zurück in sein alltäglich Leben.
»Hierher Maïre, hierher und fort mit uns« klang der fröhliche Laut --
»komm hinunter zum Guiavenbach; tief versteckt da in Busch und Laub
tanzen wir. Heute sehens die Mitonares nicht, denn großes Essen ist
immer wenn sie eine Zeitlang gebetet.«
»Aber die anderen schwatzen« sagte Maïre unschlüssig zur Schwester
aufsehend, »und nachher arme Maïre; Vater Au-e hat mir so schon die
Hölle versprochen, und er schickte mich g'rad hinein, fänd er mich.«
»Bah -- bah -- bah« lachte die Andere und schüttelte mit dem Kopf --
»da, hier und hier« -- auf Mund und Herz zeigend -- »das ist fromm, das
hat Religion und das ist genug -- _Alles_ andere aber ist frei, Maïre;
und rasch nun Mädchen, denn wir versäumen den Spaß.« -- Und wie ein
paar aufgescheuchte Rehe flohen die beiden, von vielen Anderen jetzt
gefolgt, erst seitwärts in den Orangenhain, um dann hinter den Gärten
weg nicht dem Blick mancher »Kirchgänger« ausgesetzt zu sein, die
Aergerniß nehmen und die Fröhlichen verrathen könnten. -- Und wie das
klang und sang und summte und schwirrte unter den Bäumen und Palmen --
fröhliches Leben herrschte in den duftenden Schatten von Orange und
Guiava und der Klang der Flöte mischte sich in lachende
Mädchenstimmen, die sich neckten und jagten auf dem Plan, die Predigt
nachäfften und die Reden des heutigen Tages und dann wieder plötzlich
einfielen in die oft sehr graziösen aber noch öfter fast
unanständiger Stellungen ihrer Tänze ~Upepehe~, ~oris~ und ~mamua~.
Dort drüben der breite, halboffene Platz vor dem lang-ovalen
Vogelkäfig ähnlichen Bambusgebäude scheint der Mittelpunkt zu sein des
ganzen Viertels; hier wenigstens herrscht das regste ungebundenste
Leben, und die dunklen blumendurchflochtenen Locken, ja oft die glatt
geschorenen, aber mit bunten Kränzen fast bedeckten Köpfe der
eingebornen Mädchen mischen sich bunt und geschäftig durch die
bänderflatternden Strohhüte der Seeleute, an deren meisten die breite
schwarze Seide mit goldenen Buchstaben den Namen ihres Schiffes trug,
und sie als Leute von einem Kriegsschiff bekundete, hätte das nicht
schon außerdem der breite weiße Hemdkragen mit dem schmalen blauen
Streifen darum gethan.
»Hallo Georg, das ist ein Hauptplatz hier für einen »Geh zu Ufer Tag,«
rief da ein alter, wettergebräunter Seemann einem jungen Burschen zu,
der Eines der Mädchen mit seinem linken Arm umschlungen und eine
halbgeleerte Flasche in der rechten Hand hielt, und das Mädchen
lachend zwingen wollte zu trinken -- »nütz deine Zeit mein Junge, wer
weiß wie bald uns wieder so wohl wird.«
»Wettermädchen das!« rief aber der junge Bursch, »sie ist wie
Quecksilber unter den Händen, man kann sie nicht festhalten -- wirst
Du trinken?«
»~Aita, aita~!« schrie aber die trotzige Schöne, und wehrte ihn
entschlossen ab; »pfui über das Gift, das Ihr in Euch hinein schüttet,
bis Ihr wie das Vieh daliegt und die stieren Augen nicht mehr
schließen könnt -- fort mit dem Zeug!« und ihm die Flasche aus der
Hand reißend, schleuderte sie dieselbe, ehe er's hindern konnte, mit
keckem Wurf weit ab von sich in ein Dickicht von jungen
Brodfruchtbäumen und Bananen.
»Den Teufel, Mädchen!« schrie der Matrose, der von den letzten Worten
des braunen Kindes keine Sylbe verstanden hatte und jetzt überrascht
seiner Flasche nachwollte, »der Stoff ist theuer hier in Papetee und
nicht einmal so leicht zu bekommen.«
»Hahahaha« lachte aber die Dirne und hielt ihn fest -- »hol sie wenn
Du kannst, hol sie.«
»Halt ihn, halt ihn,« lachten Andere und sprangen hinzu, sich der
Beute zu bemächtigen und den auslaufenden Brandy zu retten, aber zu
spät, und fluchend hoben sie die leere Flasche gegen das Licht.
»~Damn it~!« schrie der Eine, der sie erbeutet hatte, und der zuerst
die traurige Entdeckung machte -- »auch nicht ein Tropfen übrig
geblieben!« und als ob er nicht einmal seinen eigenen Augen bei einer
so wichtigen Sache traue, hob er die leere Flasche dennoch an die
Lippen, den Zug zu prüfen, schleuderte sie dann aber mit einem
richtigen Kernfluch so hart er konnte gegen den nächsten
Brodfruchtbaum, daß sie in Scherben schmetternd umherspritzte. Das
aber sollte ihm übel bekommen.
»~Tam you~,« schrie da eine alte, wohlbeleibte Insulanerin, die ein
brennend rothes Stück Kattun um die Hüften und ein anderes um die
Schultern trug und schon lange genug mit Matrosen verkehrt haben
mochte, ihren Lieblingsausruf oder Fluch zu verstehen -- »~tam you~,
Ihr schmutzigen Weißen -- weil _Ihr_ zehnfache Haut unter den Füßen
tragt, werft Ihr das Glas umher, daß es wie Dorn und Muschelbruch in
unsere Sohlen schneidet -- ~tam you~, sag' ich noch einmal, und der
Tag sei verflucht, der Euch zuerst an diese Küste brachte!«
Die Alte blieb aber hierbei nicht ununterstützt, denn von allen Seiten
kamen die Mädchen herbei, schimpften und schmähten in ihrer Sprache
und begannen dabei die gefährlichen Glasscherben, die ihnen schon
manche böse Wunde geschnitten, vom Boden aufzusuchen. Vergebens riefen
sie die Matrosen zurück und fügten sich endlich, da Bitten wie
Drohungen nutzlos blieben, lachend dem Unvermeidlichen, selber der
muntern, lebendigen Schaar zu helfen und beizustehn und das Uebel so
viel wie möglich zu heben -- all die drohenden Spitzen nämlich
aufzusuchen oder zu entfernen, und kein Blatt blieb dabei ungewandt,
unter dem sich noch hätte die tückische Spitze bergen können.
»Hurrah, meine Jungen! wer von Euch hat sein Prisengeld da im Laub
verloren? -- halbpart wenn ich's finde,« schrie in diesem Augenblick
eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schaar
hinein, und Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, zu sehen wer
der Neuangekommene sei, und ob nicht vielleicht ein alter Bekannter
und Schiffskamerad hier zwischen ihnen auftauche.
»Hallo Kamerad,« brummte aber der, als er ein völlig fremdes Gesicht
vor sich sah, das ihm jedoch trotzdem ganz freundlich entgegennickte,
und dessen Eigenthümer sich so bequem und ohne weitere Einladung zu
ihnen in's Gras warf, als ob er zu ihrem »Volke« gehörte -- »~where do
you hail from~?«[A]
Der Sprecher war der Bootsmann der »~Jeanne d'Arc~,« der draußen in
der Bai vor ihrem Anker ritt und dessen Mannschaft heute Feiertag
bekommen hatte, der großen Volksversammlung wegen. Er schien sich auch
hier gewissermaßen als eine Art Obrigkeit zu betrachten zwischen den
übrigen Matrosen, und überdieß rechtfertigte das ganze Aeußere des
Neuangekommenen, unseres alten Bekannten Jim des Iren, allerdings eine
solche Frage, denn dem alten Matrosen überkam es, ihm gegenüber, fast
unwillkürlich, als ob er es mit keinem rechten Seemann zu thun habe,
und gleichwohl ließ doch auch wieder das Einzelne seines Anzugs nichts
erkennen, was einen solchen Verdacht rechtfertigen mochte. Die blaue
Jacke wie die weißleinene Hose hatte den richtigen Schnitt, der mit
Wachsleinwand überzogene Strohhut saß ihm hinten auf dem krausen Haar
und ein paar breite Streifen schwarzseiden Band fielen ihm nach
richtiger Art vorn über das linke Auge nieder und doch lag ein gewisses
Etwas in dem ganzen Betragen des Fremden, das den alten Burschen, der
sich manch langes, langes Jahr auf der See und aller Länder Schiffe
herumgeschlagen, wie eine Art Instinkt überkam, er hätte hier keinen
geborenen Seemann vor sich, und der Bursche segele am Ende gar unter
falscher Flagge.
Der wirkliche Matrose -- nicht der, der die See einmal zeitweilig zu
seinem Beruf wählt, ein paar Reisen macht vielleicht, und dann wieder
Jahre lang am festen Lande bleibt -- hat auch etwas in seinem ganzen
Wesen, das unmöglich ist sich anzueignen, wenn es eben nicht natürlich
aus dem ganzen System unsers Körpers herauskommt und mit ihm eins
bildet. Die Hauptsache hierbei ist der fast schlenkernde und doch auch
wieder feste und elastische Gang von der steten Bewegung des Schiffes
her, der er natürlich fortwährend begegnen muß, und die ihn dann auch
zwingt, die Beine etwas weiter, wenn auch fast unmerklich, aus
einander zu setzen, als das auf dem festen Lande nöthig wäre; die Arme
hängen dabei, wie durch ihr eigenes Gewicht gezogen, grad am Körper
nieder, ohne ihn aber, weder rechts noch links in drei Zoll zu
berühren, und die halboffene harte Hand sieht gerade so aus, als ob
sie jeden Augenblick an Segel oder Tau zufassen wolle. Der Landmann
kann alles Andere nachahmen, dieses Tragen des Körpers wird ihm nie
gelingen, und nur eine jahrelange Uebung ist im Stande, ihn
zuzurichten, oder, wie die Matrosen sagen, ihn »~ship shape~« zu
machen.
»Nun Sirrah!« rief der Irländer endlich lachend, nachdem er den
forschenden Blick des Bootsmanns, wenn auch nicht ohne ein leichtes
kaum erkennbares Erröthen, eine ganze Weile ertragen hatte, -- »Ihr
werdet mich nun wohl kennen wenn Ihr mich wiederseht; -- wie gefall
ich Euch?«
»Ganz und gar nicht, Kamerad,« sagte der aber trocken, und während er
sein Primchen Kautabak im Munde aus einer Backe in die andere
wechselte, »ganz und gar nicht, wenn Du die Wahrheit hören willst.«
»Hahaha,« lachte aber der Ire, ohne sich im mindesten darüber
beleidigt zu fühlen, »verdamme mich wenn das nicht ehrlich von der
Leber weggesprochen ist; leid thut mir's nur bei der Sache, daß ich
das nämliche -- nicht von Euch auch sagen kann.«
»Dann werd' ich mein Möglichstes thun, das für mich so unglückliche
Vorurtheil bei Euch zu zerstören,« antwortete der Seemann ruhig.
»Donnerwetter Ihr seid grob!« rief aber der Ire, der nun einmal
entschlossen schien jetzt Nichts übel zu nehmen, obgleich der ganze
kräftige Bau seines Körpers wie ein ziemlich entschlossener Zug um den
Mund, wohl glauben ließ daß er sonst eben eine wirkliche Beleidigung
nicht so leicht einstecken würde, »aber das schadet Nichts, Kamerad,
wir werden schon noch näher mit einander bekannt werden und ich bin
wie der Wein -- ich gewinne durchs Liegen. Und nun Ihr da, Ihr
Mädchen,« wandte er sich zu diesen in ihrer eigenen Sprache, »laßt das
verdammte Suchen sein und kommt her -- morgen wird sichs schon finden
was ihr verloren habt -- beim Auskehren vielleicht -- und wo ist
Amiomio heute? hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer
fort und kommt niemals wieder.«
»~Naha-hio~!« riefen da einige der Mädchen, die sich auf den Anruf
umgedreht, erstaunt und untereinander aus -- »~O-fa-na-ga~ wieder
hier? -- und wo hat Dich Oro's Zorn so lange umhergetrieben?«
»~O-fa-na-ga~« spottete ihnen aber der Ire nach, »bei Jäsus, meine
Herzchen, Ihr habt den Namen noch immer nicht aussprechen lernen und
übersetzt meiner Mutter Sohn auf eine merkwürdige Weise ins
Tahitische. Was würde ~ould father O'Flannagan~ sagen, wenn sie ihn so
zu Tische gerufen hätten -- ha, meine ~namataruas~, Ihr beiden
unzertrennlichen Sterne, seid Ihr auch hier? und wo ist ~ipo Anoënoë~,
mein schlankes Mädchen von Bola-Bola, die tollste in Eurer tollen
Schaar?«
»~Anoënoë~ ist fromm geworden« lachte eines der Mädchen, die er
~namataruas~ nach einem Zwillingsgestirn jener Zone genannt -- »sie
lacht nicht mehr und trägt keine Blumen mehr im Haar und hinter den
Ohren.«
»Hahahaha« lachte der Ire, »~Anoënoë~ fromm geworden das ist gut, das
ist vortrefflich, das ist -- hahahaha -- das ist beim Teufel zum
Todtschießen komisch!«
Der Bootsmann -- eine schlanke, kräftige, ja selbst edle Gestalt, mit
ächt französischen Zügen, krausem dunkelen Barte und dunkelen Augen,
jeder Zoll ein Seemann, der englischen Sprache übrigens vollkommen
mächtig, hatte den Begrüßungen des Fremden mit den Mädchen und Frauen
des Platzes, die er alle kannte und bei Namen nannte, schweigend und
etwas erstaunt mit zugesehen, aber weiter kein Wort hineingeredet und
schien nur etwas ungeduldig und mit untergeschlagenen Armen das Ende
dieser Erkennungsscene zu erwarten. Er trug, trotz dem warmen Wetter,
seine blautuchene dicht mit kleinen blanken Knöpfen besetzte Jacke,
mit weißen Strümpfen und sauber gewichsten Schuhen und schneereinen
segeltuchenen selbstgemachten weiten Hosen, die nur dicht über den
Hüften fest anschlossen und auflagen; das weiße Hemd hielt ein
schwarzseidenes Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zusammen, und
der leichte feine Panama Strohhut saß ihm fest und trotzig mehr nach
vorn in der Stirn, als ihn sonst Matrosen gewöhnlich zu tragen
pflegen.
Endlich mochte ihm aber die Zeit doch zu lang währen und er unterbrach
die weiteren freundschaftlichen Erkundigungen des Fremden mit einem
nicht eben da einstimmenden:
»~I say stranger~! -- Ihr scheint früher schon einmal auf
Korallenboden geankert zu haben -- Euerer Physionomie verdankt Ihr die
Vertraulichkeit doch nicht.«
»Der Geschmack ist verschieden, Kamerad!« lachte der Ire dagegen, »und
Einer liebt Bier, der Andere Milchsuppe; aber Ihr habt Recht, ich bin
hier zu Hause, und wenn ich auch nicht gerade hier wohne, führt mich
meine Straße oft genug vorbei -- was Wunder da, daß ich Nachbars
Töchter kenne.«
»Ei so laßt Euer In-ge-le-se-Schwatzen doch nun endlich einmal!« rief
da eines der Mädchen, zwischen die beiden Männer springend und des
Iren Arm ergreifend -- »Her zu mir ~O-fa-na-ga~ -- und dreh deine
Taschen um, denn Du hast doch den Boden hier nicht wieder betreten,
ohne deiner Maïre Schmuck und Ringe mitgebracht zu haben; wo ist der
Ring von ~perú~, den Du mir so lange versprochen?«
»Maïre!« rief der Ire erstaunt sie betrachtend -- »_das_ ist Maïre? was
zum Wetter ist denn mit Dir vorgegangen Mädchen, ich kenne Dich ja gar
nicht mehr, wo sind deine Locken?«
»Die hat der Mitonare abgeschnitten,« sagte die Schöne, halb beschämt,
halb unzufrieden.
»Der Mitonare -- und was zum Henker hat der Mitonare in deinen Haaren
zu suchen, Sirrah?«
»Sie sollte fromm werden und keine tollen Streiche mehr treiben,«
lachte Ate-Ate, ihr das Kinn emporhebend und zum Lichte drehend.
»Unsinn!« rief aber das Mädchen, -- »das ist blos oben, ~O-fa-na-ga~
-- kehr Dich nicht daran -- wo ist der Ring? her damit!«
»Und mir auch -- mir auch!« riefen Andere, auf ihn eindrängend, »mir
hat er Ohrgehänge versprochen -- und mir bunte Federn aus dem Osten --
und mir Kattun zu einem neuen Kleid!«
»Zurück Mädchen, zurück!« rief aber der Ire lachend, der sich nur mit
Mühe der auf ihn Einstürmenden erwehren konnte -- »Ihr hattet recht,
Kamerad, die Physionomie thuts bei den Dirnen hier allerdings nicht
allein, und sie reißen Einem -- Wettermädchen Ihr, wollt Ihr Ruhe
geben -- die Lumpen vom Leibe; würden sich auch verdammt wenig
Gewissen daraus machen, einen armen Teufel von Matrosen gleich bei
seinem ersten Ansprung an Land rein auszuplündern und nachher allein
sitzen zu lassen und auszulachen. Die braune Haut versteht sich so gut
darauf wie die weiße.«
»Von welchem Schiff seid Ihr, Kamerad?« frug jetzt der Bootsmann, »Ihr
segelt wohl unter eigener Flagge?«
Der Ire lächelte leise vor sich hin, schüttelte aber mit dem Kopf und
erwiederte schmunzelnd:
»Dießmal habt Ihr vorbeigeschossen, so schmeichelhaft die Anspielung
auch sein mochte; alt England für immer, ich möchte keine anderen
Farben an meiner Gaffel wehen haben, -- selbst nicht die rothe;«
setzte er mit einem halb spöttischen, halb verschmitzten Seitenblick
auf den Bootsmann hinzu -- »Um Euch übrigens zu beruhigen kann ich Euch
sagen daß ich Harpunier an Bord des Englischen Wallfischfängers, der
~Kitty Clover~ bin, die hier zu ihrer Erholung in Papetee liegt, und
auch da wohl noch eine Weile zu ihrer Erholung liegen bleiben wird,
wenn ihr die sehr verehrte Französische Regierung nichts in den Weg zu
legen für nöthig findet und den Aufenthalt noch länger gestattet.«
Der Bootsmann unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch auf die ironische
Anspielung daß seine Corvette, die früher den Insulanern imponirt,
gegenwärtig, durch die ihr überlegenen Engländer im Schach gehalten,
Nichts mehr zu sagen und zu befehlen hatte, aber er besann sich eines
Besseren und die Lippen nur zusammenpressend sagte er finster:
»Ihr thätet wohl Euch mit der Französischen Regierung auf gutem Fuß zu
halten -- die guten Leute in Papetee wissen heute noch gar nicht was
für Farben _morgen_ Mode sein könnten.«
»Jedenfalls die schwarze,« schmunzelte der Ire, sich die Hände
reibend -- »jedenfalls die schwarze. Jetzt bestimmen die Missionaire
die Moden und das sind liebe, liebe Menschen; haben uns Matrosen auch
so gern, als ob wir ihre Brüder wären -- was wir ja doch auch
eigentlich sind. Es klingt ordentlich erbaulich »Bruder Jim oder
Bruder O'Flannagan.«
»Daß sie uns nicht grün sind kann ich ihnen nicht verdenken,« brummte
der Bootsmann, »sie haben alle Ursache dazu, denn unsere beiden
Interessen laufen einander gerade schnurstracks entgegen. Also Ihr
gehört zu dem schmutzigen Wallfischfänger da draußen -- habt Ihr
Fische bekommen?«
»Ja Mister.«
»Und welchen Port seid Ihr zuletzt angelaufen?«
»Genirt's Euch, wenn Ihr's _nicht_ wißt?« frug der Ire spöttisch.
»Geht zum Teufel!« brummte der Franzose zwischen den Zähnen durch --
ärgerlich sich mit dem Burschen so weit eingelassen zu haben und
wandte ihm den Rücken.
»Rrrrrrrrrr!« dröhnte in diesem Augenblick ein rascher Wirbel so dicht
vor ihren Ohren, daß sich der Bootsmann überrascht danach umsah;
lachende Mädchengesichter schauten ihm aber entgegen, wohin er
blickte, und Eine von diesen hatte eine richtige französische Trommel
umgehängt, und schlug darauf jetzt mit fertiger Hand den Takt ihres
Inseltanzes.
»Alle Wetter, Ate-Ate!« rief der vorgebliche Harpunier des ~Kitty
Clover~, und suchte das Mädchen zu fassen, das aber rasch zur Seite
sprang und ihn mit den Trommelschlägeln abwehrte -- »Du bist ja wohl
gar gut französisch geworden, Mädchen, und dienst gegen deine früheren
Geliebten -- ein eigenthümliches Mittel sich an den Treulosen zu
rächen!«
»Zurück ~O-fa-na-ga~, zurück!« rief aber diese -- »ich will die Zahl
der Falschen nicht vermehren, und es wäre schon jetzt Wahnsinn gegen
sie in den Kampf zu ziehen -- sie sind wie die Guiaven im Wald, und
drücken alles Andere zu Boden -- zurück weißer Mann! -- Aber lasse das
Schwatzen hier, wir wollen tanzen, und Ihr stört uns nur mit Euerem
Zungen klappernden Volk. Da ~A-da~!« wie sie den Bootsmann der ~Jeanne
d'Arc~ nach seinem nicht auszusprechenden Schiffe nannte -- »da stell
Dich her, und nun paß auf, wir wollen den Tanz versuchen den Du uns
gelehrt und sieh ob wir's können.« Und zurückspringend begann sie mit
ziemlicher Genauigkeit ~Lord Howe's hornpipe~, den allbekannten
Matrosentanz auf der Trommel zu schlagen, indeß sie die Melodie dazu
mit klarer, ja glockenreiner Stimme sang, und die Mädchen flogen
herbei zum Tanz. _Den_ Klängen konnten aber auch die Matrosen nicht
widerstehen, und gegen sie antanzend stampften sie nach den raschen
Takten den Rasen und schwenkten und warfen die Hüte in jubelnder Lust.
Aber die Europäer ermüden bald; so schattig der Brodfruchtbaum auch
seine breitfingerigen Blätter und über ihm die Palme ihre Krone
streckt -- die Luft ist zu heiß für solche Lust, und keuchend warfen
sie sich auf den Boden nieder, indeß sie die eingeborenen Mädchen
lachend umsprangen und mit Blumen und Bananenschaalen warfen.
Aber lauter und wilder tönt die Trommel, in deren Schlagen Ate-Ate
Eine der Eingeborenen abgelößt und zu der sich noch eine zweite
gefunden hat; der Takt wechselt, lachende Männer und Mädchenstimmen
fallen ein in jubelndem Chor, und die erhitzten Tänzerinnen haben
schon Hut und Schultertuch abgestreift der wogenden Brust und
brennenden Stirn Luft und Kühlung zu geben. Dicht geschaart drängen
die Zuschauer herbei aus der Nachbarschaft, und hochgeschürzte
halbnackte Mädchen werfen sich immer aufs Neue hinein in den wilden
Reigen. Hei wie sie fliegen herüber und hinüber in toller Lust, mit
Armen und Knieen einfallend in den wüthenden Takt, schneller und
schneller, mit funkelnden Augen und wogender Brust, wieder und wieder,
auf und ab vor der Trommel und dem Jauchzen der bewundernden Schaar,
bis sie erschöpft zusammenbrechen, und andere -- wildere ihren Platz
ausfüllen auf dem zerstampften mißhandelten Rasen.
Bunt sind die Tänzer, bunter aber fast die Zuschauer die sie jetzt
umstehn, und die sich, durch den Ton des Instruments gelockt,
eingefunden haben. Neben dem noch bis an die Zähne tättowirten alten
Indianer, der mit grimmer Lust und leuchtenden Augen schon in seinem
Geist die alte Zeit wieder aufleben sieht mit ihren Festen und Tänzen
-- die schöne fröhliche Zeit, ehe die schwarzgekleideten Männer mit
den finstern Gesichtern kamen und ihren sonnigen Boden betraten, steht
die würdige Matrone, der jetzt Blume und Blüthe im Haar schon ein
Gräuel und dem Herrn mißfällig dünkt, und sieht mit Seufzen und oft
und oft zum Himmel geschlagenen Blick, das Entsetzliche wieder vor
ihren Augen geschehen, dem folgend ihre Priester Pestilenz und Krieg
und die Racheblitze ihres Gottes prophezeiht. Aber sie _sieht_ doch
den Tanz, sie steht und zögert, und während sie seufzt und stöhnt,
taucht die Erinnerung in ihr auf, an frühere Zeit, wo sie selber im
wilden Sprung die Reihen der Mädchen geführt, die Fröhlichste unter
den Fröhlichen, bei denselben entsetzlichen Klängen, -- wo sie mit
fliegender Brust und funkelndem Auge die Tapa von Schultern und
Hüfte, die Blumen aus den flatternden Locken riß, den Tänzer damit zu
werfen und -- Jehovah stehe ihr bei, sie faltet erschrocken die Hände
und flieht den Platz, denn unter dem bunten wehenden Kattun zuckt' es
und zittert' es ihr in den Knieen und Füßen, und der Teufel war stark,
und lockte sie zu dem Entsetzlichen.
Mitten hinein aber zwischen die Reihen und Gruppen der außen Stehenden
drängen jetzt wieder lachend und schwatzend und mit den Tänzerinnen
scherzend Französische Seeleute und Marinesoldaten, ihren Arm um die
nächste geschlungen, und den Takt des Tanzes mit Gesang oder
stampfendem Fuß unterstützend, und im Taumel von Lust und Freude
treibt sich die sorglose Schaar hier mitten zwischen dem Volk umher,
indeß die Mündungen seiner Kanonen schon auf die armen Bambushütten
gerichtet liegen und ein Zufall den blutigen Kampf entzünden kann.
Aber was kümmerts die jungen Burschen; _der_ Tag ist noch der ihre, im
duftenden Wald, die wilde reizende Mädchenschaar an ihrer Seite, was
sorgen sie da um den nächsten. -- Und wenn _jetzt_, in diesem
Augenblick die Alarmtrommel tönte? -- So unmöglich ist das nicht, denn
der Bootsmann horchte einmal schon rasch und erschrocken auf -- aber
bah, es ist die neue Aufforderung zum Wiederbeginnen der Lust, und
toller und rasender als je werfen sich die Unermüdlichen hinein in den
Tanz.
Der Bootsmann oder ~contremaître~ der ~Jeanne d'Arc~ und Jim der Ire
hatten sich zurückgezogen vom Tanz und der Franzose stand allein, an
den Stamm eines Brodfruchtbaums gelehnt und schaute mit verschränkten
Armen dem wilden Spiele zu.
Jim war in seiner Nähe und eben im Begriff auf ihn zuzugehen, aufs
Neue ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als er sich am Arme gezupft
fühlte und rasch umschauend einen fremden Matrosen bemerkte, der ihm
vorsichtig winkte ihm zu folgen, und dann langsam, und scheinbar
absichtslos einem kleinen Guiavendickicht zuschlenderte, das hier den
nicht weit von da vorbeiströmenden Bach begrenzte. Jim schaute sich
vorsichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet würde, blieb wohl
noch eine Viertelstunde ruhig und regungslos in seiner Stellung, dem
Tanze zuschauend, und folgte dann, die Hände in den Taschen und mit
den ihm nächsten Mädchen lachend und scherzend, dem Vorangegangenen.
Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hörte er einen leisen Pfiff,
antwortete ebenso vorsichtig und befand sich wenige Minuten später dem
fremden Seemann gegenüber, der ihn ohne weiteres am Arm nahm und noch
tiefer in den Wald von Mape und Lichtnußbäumen und Guiaven
hineinführte.
»Alle Wetter Kamerad,« sagte endlich Jim stehen bleibend und seinen
schweigsamen Führer betrachtend, »was zum Henker schleppt Ihr mich
denn hier in den dicksten Busch, wo man sich die Augen in den Zacken
ausrennen kann. Was wollt Ihr von mir und wer seid Ihr selber?«
»Wer ich bin, Dick Mulligan« sagte aber der Andere, »kann Dir ziemlich
egal sein, wenn nur -- «
»Dick Mulligan« wiederholte Jim und so sehr er sich auch Mühe gab
seine Bewegung zu verbergen, war es doch leicht zu sehn, wie er über
den Namen erschrak, »wen zum Teufel nennt Ihr Dick Mulligan?«
»Pst Dick, nicht so laut,« sagte aber der Andere vorsichtig, »Du
brauchst Dich nicht zu geniren, wir Beide kennen einander, denn so
hab' ich mich doch Gott straf mich nicht verändert, daß Du nicht unter
der, vielleicht ein Bischen braun gewordenen Haut deinen alten
Gefährten Jack herausfinden solltest.«
»Jack, bei Allem was da schwimmt!« rief Jim, »aber Mensch wo kommst Du
her, und in _die_ Jacke; Matrose an Bord eines _französischen_
Kriegsschiffs« --
»Das wäre eine langweilige Geschichte, Dir das Alles
auseinanderzusetzen, genug daß ich da bin und vielleicht Dir zum
Glück,« entgegnete aber der Andere -- »Mensch Du hast Dich nicht im
Geringsten verändert, siehst noch aus wie vor fünf Jahren und läufst
hier so unbekümmert und gottvergnügt mit dem Bart und den Haaren in
der Welt herum, als ob Du nicht den Strick um den Hals trügst, und
jeden Augenblick gefaßt und vor Gericht geschleppt werden könntest --
und wer Dich einmal gesehen, vergißt Dich im ganzen Leben nicht
wieder.«
»Laß die alte Geschichte,« knurrte aber der Ire -- »kein Mensch hier
hat eine Ahnung davon als wir Beide -- weshalb das Aufheben!«
»Kein Mensch, so?« -- sagte Jack, »und weißt Du, wer auf der ~Jeanne
d'Arc~ drüben zweiter Lieutenant ist?«
»Wie soll ich's wissen,« erwiederte Jim unruhig, »Du kannst Dir denken
daß ich mit den Offizieren irgend einer Majestät so wenig wie möglich
in Berührung komme -- wer wird's sein?«
»Niemand Anderes als derselbe junge Bursch, der uns damals, in der
Pomatu Gruppe unsern schon sicher geglaubten Fang, den kleinen
Perlencutter abjagte und Dich dabei erwischte. Du entkamst ihm nachher
noch, aber er hat Dich doch beinah acht Tage festgehabt und kennt Dich
genau, ich habe ihn wenigstens die Geschichte selber zweimal an Bord
erzählen hören und er schwört darauf daß er Dich hängen sehn will,
wenn er Dir jemals im Leben wieder begegnet.«
»Unsinn, was kann er mir thun,« brummte aber Jim (denn wir wollen den
Namen beibehalten), »wir wurden eben von unserer Beute vertrieben,
aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.«
»Sie haben die beiden Leichen in dem Pandanusdickicht gefunden,« sagte
Jack leise.
»Den Teufel,« knirschte Jim zwischen den Zähnen durch -- »das wäre
allerdings fatal -- aber er hat keine Zeugen.«
»Mehr wie er braucht,« entgegnete Jack -- »drei von den Jungen die uns
damals den Spaß verdarben, sind auf der ~Jeanne d'Arc~ -- und Du
kannst Dir denken wie mir zwischen dem Gesindel zu Muthe sein muß --
ein Glück daß sie keine Ahnung haben wie nahe wir schon einmal mit
einander in Geschäftsverbindung gestanden haben.«
»Aber wie zum Henker bist Du auf das Französische Kriegsschiff
gekommen?« frug Jim nochmals erstaunt und vielleicht selbst
mißtrauisch.
»Lieber Gott,« lachte Jack achselzuckend, »wie man bald das bald das
einmal in der Welt versucht, ehrlich durchzukommen. -- Ich machte in
Marseille, an Bord eines Dampfers eine Speculation in silbernen
Löffeln -- «
»Pfui!« sagte Jim.
»Pfui?« wiederholte Jack beleidigt -- »das ist mir nun einmal
angeboren, daß ich nicht müßig gehen kann; doch um kurz zu sein
entstand da ein Mißverständniß dem ich, als der Schwächere zum Opfer
fiel. Sie steckten mich erst ein und schickten mich dann, zu meiner
weiteren Ausbildung auf ein Kriegsschiff.«
»Und jetzt?«
»Und jetzt? -- bin ich an Bord und sehe mich nach einer passenden
Gelegenheit um meine Situation zu verbessern.«
»Warum desertirst Du nicht?« frug ihn Jim.
»Das ist eine böse Sache,« sagte Jack kopfschüttelnd, »das kann gut,
aber auch schlecht gehen -- ja wenns hier einmal zum Ausbruch käme,
ließ ich mir's gefallen; jetzt wird aber Alles ausgeliefert was sich
fremd am Ufer blicken läßt. Du aber kannst mir am Ende dazu helfen.«
»_Ich_ Dir? -- wie mir's jetzt scheint habe ich alle Hände voll zu
thun meine eigene Haut in Sicherheit zu bringen -- ist unser alter
Bekannter an Land?«
»Gewiß, und stöbert hier gerade in der Nachbarschaft herum, ich habe
Dich deshalb abgerufen daß Du ihm nicht etwa in die Hände läufst -- «
»Nur meinethalben?« frug Jim den Gefährten mit einem etwas
zweifelhaften Blick.
»_Nur_ deinethalben? -- nein« sagte der aufrichtige Jack -- »ich sehe
nicht ein warum ich das Kind nicht beim rechten Namen nennen soll; mir
war es selber nicht ganz einerlei, die alte Geschichte wieder
aufgewärmt zu sehn, noch dazu da ich ein unfreiwilliger Zeuge des
Ganzen hätte sein müssen. Aber wirklich Jim, wie ich da erst von
unserem Bootsmann gehört habe, der sich gerade nicht in Dich scheint
verliebt zu haben, gehörst Du zu dem Wallfischfänger, der unten in der
Bai liegt -- sind die Leute an Bord gut?«
Jim zögerte einen Augenblick mit der Antwort und schielte seitwärts
nach seinem frühern Kameraden hinüber.
»Du überlegst ob ich Dir da nicht etwa im Wege wäre?« sagte dieser
lachend.
»Nein, nein,« erwiederte der Ire rasch und vielleicht etwas beschämt
seine Gedanken so schnell errathen und ausgesprochen zu sehn -- »ich
wußte nur nicht gleich was Du damit meintest -- ja, der Capitain ist
gut genug -- Mac Rally, Du mußt ihn ja noch von früher her kennen.«
»Mac Rally, Mac Rally? -- nein, unter dem Namen nicht; wie hieß er
sonst -- Du kannst mir trauen alter Junge,« setzte er lachend hinzu,
als er sah das Jim mit der Antwort zögerte -- »mir liegt _Alles_
daran sicher vom Bord der Franzosen zu kommen und wenn ich selbst -- «
»Aber warum schwimmst Du nicht zu dem Engländer hinüber, der nähme
Dich mit Vergnügen auf,« sagte Jim.
»Weil ich dafür meine _sehr_ guten Gründe habe,« brummte Jack
verdrießlich; »ich fühle eine gerade so große Abneigung gegen
englische Offiziere wie Du, und -- habe vielleicht eben so viel
Ursache -- also Mac Rally -- «
»Erinnerst Du Dich noch auf Bill Kooney?« frug Jim.
Jack pfiff leise vor sich hin und lachte verschmitzt.
»Bill Kooney,« sagte er dann nach einer kurzen Pause -- »Bill Kooney
-- aber wie zum Teufel ist der zu dem Wallfischfänger gekommen?«
»Das ist eine naive Frage,« sagte Jim, »aber mein Junge, wenn dem so
ist daß der Gesell -- wie heißt er doch gleich dein Lieutenant?«
»Bertrand.«
»Daß also der ~Monsieur~ hier herumschwimmt, da ist's für mich Zeit
aus dem Cours zu gehn -- bis ich ihm vielleicht einmal richtig hinein
kommen kann; ich muß so an Bord.«
»Aber wo treffen wir uns wieder? ich möchte vorher genau wissen wann
Ihr segelt und Bill Kooney doch auch gern einmal sehn, mit ihm meinen
Plan zu bereden.«
»Ich gehöre gar nicht mehr an Bord,« sagte Jim -- »daß ich Harpunier
wäre hab' ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.«
»Du gehörst nicht mehr an Bord?« frug Jack erstaunt -- »den Teufel
auch, da hast Du wohl dein »Geschäftsbüreau« jetzt an Land?«
»Zu Zeiten,« sagte Jim ausweichend.
»Und gehn die Geschäfte gut? -- na hab' keine Angst,« setzte er aber
rasch hinzu, als er sah daß den neugefundenen Kameraden die Frage
etwas in Verlegenheit zu setzen schien, wenigstens nicht gleich und
unbedingt von ihm beantwortet wurde -- »ich komme Dir dabei nicht in's
Gehege, bleibe aber, aufrichtig gesagt auch lieber einmal eine
Zeitlang auf festem Grund und Boden und in der angenehmen Gesellschaft
hier, mich von den überstandenen Strapatzen erst ein wenig auszuruhn.
Donnerwetter, man lebt doch nur einmal auf der Welt, und wozu sich in
einem fort schinden und placken, wie ein Hund!«
»Ich weiß gerade nicht ob es Dir hier gefallen würde,« sagte Jim.
»Daß laß meine Sorge sein,« lachte der Matrose, »wenn ich nur erst
glücklich aufgehoben wäre, eine Desertion in meinen Verhältnissen ist
nur zu verdammt gefährlich, denn _kriegten_ sie mich wieder, möcht'
ich in jeder anderen, nur nicht in meiner eigenen Haut stecken. Ich
könnte Dir vielleicht hier auch in Manchem von Nutzen sein.«
»Das bezweifle ich nicht im Mindesten,« entgegnete Jim ruhig, »aber
überleg's Dir wohl; wird eine große Belohnung auf den Einfang gesetzt,
so ist keinem von den Indianischen Schuften zu trauen. Am besten wär's
doch wohl Du sprächst einmal mit Mac Rally.«
»Hm -- ja -- vielleicht -- nun ich werde ja sehen,« sagte Jack wie
überlegend sich das Kinn streichend und dabei verstohlen auf Jim
hinüber schauend. -- »Und wenn man Dich einmal hier am Ufer finden
wollte, wo bist Du da am besten zu erfragen?«
»Kennst Du einen Platz hier auf der Insel, den sie »Mütterchen Tot's
Hotel« nennen?«
»Nein -- ich bin noch nie funfzig Schritt vom Strand fortgewesen.«
»Du wirst ihn erfragen können -- jeder Matrose kennt ihn.«
»Wohnst Du dort?«
»Nein, aber es ist der einzige Platz, den ich regelmäßig besuche.«
»Gut, werd' ihn mir merken, und nun ~good bye~, Dick, unser Bootsmann
könnte mich sonst vermissen.«
»Nenne mich nur nicht _Dick_,« warf der Ire ein, »der Name war mir
unbehaglich, und ich möchte nicht gern immer wieder an jene
unglückselige Zeit erinnert werden.«
»Hast Du Gewissensbisse?« lachte Jack.
»Bah Gewissensbisse -- Unsinn -- aber keine Lust eine Raanocke zu
zieren, alter vergessener Geschichten wegen.«
»Gut, gut; also Du, Jim, wenn Dir das sicherer klingt, könntest Dich
unter der Zeit doch immer einmal nach einem Quartier oder
Schlupfwinkel für mich umsehen -- wenn's auch nur für den Nothfall
wäre; je weiter im Inneren, desto lieber ist mir's. So gute Nacht und
-- hab gut Acht auf deinen Hals!« -- Und leise vor sich hinlachend
verließ er den Freund und ging zurück, wo er die Trommeln der
Insulaner noch hören konnte, die unermüdlich neue und frische Tänzer
herbeilockte.
»Hm,« sagte Jim leise und nachdenkend vor sich hin, als der alte
Kamerad aus früheren Tagen in den Büschen verschwunden war, und seine
Schritte weiter und weiter im dürren Laub verklangen -- »schön Dank für
die Warnung; ich weiß aber eben noch nicht, ob mir mein Hals in
_Deiner_ Gesellschaft sicher oder unsicher ist, mein alter Bursche,
und fataler Weise ist der Versuch gerade so gefährlich. Nun,
jedenfalls bin ich auf meiner Huth und vor Dir ziemlich sicher daß Du
nicht selber aus der Schule schwatzest; Vielleicht kommt mir aber der
französische Grünschnabel einmal gelegentlich unter die Finger und
dann können wir ja unsere Rechnungen mitsammen ausgleichen. Jetzt
übrigens, so lange es noch Tag ist, werde ich _nicht_ an Bord
zurückgehn, sondern meine Geschäfte hier am Land besorgen; ich traue
den Insulanern nur nicht viel zu; sie sind zu gleichgültig bei Allem
was sie nicht unmittelbar in die Höhe schüttelt, und müßten sich sehr
geändert haben, wenn sie überhaupt noch einmal zu einem entscheidenden
Schlag zu bringen wären -- sei der nun hingerichtet, wohin er wolle.
-- Hm -- ist mir aber auch wieder ungemein lieb erfahren zu haben daß
der Gesell in einer französischen Uniform steckt und hier herumläuft
-- werde doch zusehn daß _er mir_ zuerst vorgestellt wird, und nicht
ich _ihm_.« -- Und mit einem vorsichtigen Blick umher, denn Jack's
Warnung hatte seine Wirkung keineswegs verfehlt, schlug er sich, mit
der Gegend in der er sich hier befand vollkommen gut bekannt,
seitwärts in das Dickicht, die Stadt auf einem anderen Pfade zu
erreichen und verschwand bald darauf in den dichten, hinter ihm sich
wieder schließenden Guiavenbüschen.
Fußnoten:
[A] Ein Schiffsausdruck »wo kommt Ihr her -- von woher seid Ihr
gesegelt?«
Capitel 2.
#Sadie und René.#
Ah -- die Brust hebt sich ordentlich frei, wie wir dem wilden wüsten
Treiben von Haß und Sünde, Leichtsinn und roher Sinnlichkeit den
Rücken kehren, dem Wald, dem unentweihten Walde zuzustreben. Noch
haben wir aber nicht all die bunten wilden Gruppen hinter uns, die
zerstreut bei all den verschiedenen Hütten, in all den kleinen Hainen
ihre Orgien feiern. Horch, von da drüben herüber lauter und munterer
Trommelschlag unter den Palmen vor -- lachende Männer und
Mädchenstimmen und jubelnder Chor; und von _dort_? tönt der scharfe
Klang einer kleinen, in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen
Glocke, und der monotone Sang frommer Hymnen in Tahitischer Sprache,
von den Ehrwürdigen Männern selbst an einem Wochentag gesungen, weil
heute die Inseln ja dem rechten, dem »allein selig machenden
Protestantischen Glauben« gerettet wurden.
Dahinein aber kreischt der laute fröhliche Sang halbtrunkener
Matrosen, die am Strand nieder neuen Vergnügungen zuziehen. Hier eine
Frauengestalt in wehdurchschauerter Angst niedergeworfen vor dem
zürnenden Gott, den Blick angstvoll nach oben gerichtet, als ob sie
fürchte daß der rächende Strahl den Zornesworten folgen müsse, die der
weiße fromme Mann eben niedergedonnert hatte von dem einfach hölzernen
Kanzelstand, auf die Häupter der kleinen »auserwählten Schaar« -- dort
ein wildes braunes halbnacktes Mädchen, den Arm leichtfertig um die
Schulter eines französischen Soldaten gelegt, der mit ihr plaudert und
koßt, während sie den lachenden Blick frei und ruhig zu dem blauen
freundlichen Himmel emporhebt, und dabei mit halbem Ohr vielleicht den
fernen wohlbekannten Glockentönen lauscht.
Widersprüche wohin das Auge fällt, und nur die Natur selber ist sich
treu geblieben in dem tollen wilden Gewirr -- nur die Natur allein,
die Gottes Größe und Güte predigt in jeder Zeit, und ihre Gaben
liebend ausstreut über die Kinder des Allmächtigen, gleichviel
welcher _Sekte_ sie angehören, welchen Namen die Lippe flüstert, wenn
das Herz, in stiller Anbetung versunken, emporstaunt zu seinen
Wundern, und gleichgültig dabei, ob sie ihre Stirnen nach Westen oder
Osten zum Gebet neigen -- beten sie doch _Alle_ zu _Ihm_.
So, je weiter wir das wirre tolle Treiben Papetee's hinter uns lassen,
verschwimmen die Dissonnancen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen
Donner der ewigen Brandung, und dem leisen flüsternden Rauschen der
Blätter und Palmenkronen, und dort draußen, weit draußen am
wunderschönen Strand, wohinaus kaum der donnernde Schall des
Geschützes drang, das den Aufgang und Niedergang der Sonne kündete,
hatte René seine Hütte gebaut. Ein wohl nicht großes aber doch
geräumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht- und Blüthenbäumen
hineingeschmiegt, diente ihm mit seiner kleinen Familie, wie dem alten
ehrwürdigen Mr. Osborne, von dem sie sich nicht hätten trennen mögen,
zum Aufenthalt; ja wurde ihm zur Heimath, und selbst Sadie fühlte sich
hier wieder wohl und glücklich, so heimisch so freundlich war der
kleine liebe Platz -- so lieb fast wie Atiu -- nur daß ihm die
Erinnerungen fehlten.
-- _Nur daß ihm die Erinnerungen fehlten_ -- es ist ein kleines,
unbedeutendes Wort; die Erinnerung, und sie umfaßt doch, wenn wir
erst einmal wirklich ins Leben traten, Alles fast, was das Herz je
theuer gehalten und lieb, und dessen Klängen es mit freudigem Klopfen,
o wie gern doch, lauscht. Was anderes giebt unserer Heimath jenen
unendlichen Reiz, der uns nicht weilen läßt im fremden Land und uns
zurückzieht mit festen, kaum zerreißbaren Banden? -- was anderes
zaubert uns mit einem Schlag alle die lieben, nie vergessenen, aber
wohl so oft und heiß ersehnten Bilder wieder herauf, die unserem Leben
damals Licht und Farbe, unserem Blut die Wärme, unserer Brust die
heitere Ruhe gaben? Verleih einem Platz diese Erinnerungen, und laß es
dann die ärmlichste dürftigste Hütte in einer Wildniß sein, und jede
Stütze ist uns theuer die noch den morschen Bau zusammenhält. Wir
kennen da jeden Baum, jeden Stein und an jedes, das noch so
unbedeutendste, an den schmalen Pfad der hinausführt zu dem stillen,
Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpförtchen, an den Apfelbaum
neben der Thür, an die Steinbank oder den murmelnden Bach, oder den
moosbewachsenen Eimer des Brunnens, selbst an die lieben Sterne die
nur _so_, wie alte liebe Bekannte über _der_ Hütte standen, knüpft
sich eine Liebe, eine selige Erinnerung, und je älter wir dabei
werden, je weiter uns das Schicksal und je länger es uns
fortgetrieben aus dem Heiligthum, desto theurern Platz wahrt es sich
in unserm Herzen.
Und _ohne_ diese Erinnerungen? ja die Welt ist schön, und überall
gründet der unstete Mensch seinen Heerd, überall deckt Gottes
unendliche Güte den Boden für ihn mit Speise und Trank, und das
Geschlecht treibt und gedeiht -- aber es treibt und gedeiht auch nur
eben, und wie in der Fremde beginnt es seine Hütte zu bauen, wie in
der Fremde siedelt es sich an und -- denkt zurück an frühere
glücklichere Zeiten, liebere Plätze -- an die Stelle wo seine Wiege
gestanden.
Aber Sadie und René _waren_ glücklich -- über ihnen wölbten, wie auf
Atiu wehende Cocospalmen ihre Häupter und schüttelten den Thau nieder
auf die duftenden Blüthen der Orangen, die ihren Fuß umwuchsen; vor
ihnen aus breiteten sich die Corallendurchzogenen Binnenwasser der
Riffe, klar und silberrein wie an der Schwesterinsel, und Abends
ruderte der junge Mann das Canoe hinaus, und vor ihm saß dann die
glückliche Mutter mit dem Kind am Herzen, dem Liebesblick seines Auges
in unendlicher Seligkeit begegnend; -- es waren das so frohe, so
glückliche Stunden.
Oh daß sie schwinden müssen, daß Alles nur auf Erden eine Spanne Zeit
umfaßt, und während uns die Sonne fröhlich scheint, daß da schon
düstre Wolkenschleier unterm Horizonte lagern müssen, die langsam aber
sicher höher steigen. Es giebt kein ungetrübtes Glück auf dieser Welt,
es kann's nicht geben, denn das Bewußtsein schon, wie nah der Wechsel
unserm Leben liegt, wie oft an einer Faser nur das Alles hängt, was
uns in diesem Augenblick entzückt, wirft einen trüben Schein selbst
auf die frohste Stunde, und das, was uns gerade im Unglück stärkt, was
den Blick vertrauend, hoffend dem Lichte zukehrt, wie trüb und traurig
uns auch im Herzen sei, und wie die Verzweiflung an ihm nagt und
zehrt, die Gewißheit irgend des einstigen Wechsels solcher
Leidenszeit, die klopft dann ebenfalls als Mahner an des Glückes Thor,
mit leisem Finger, aber still und unverdrossen fort.
Nicht bei René; er war ein Kind im Glück und nahm das Alles mit so
frohem leichten Herzen an, wie Kinder Spielzeug nehmen, lachen und
springen damit und nicht d'ran denken daß es zerbrechen kann, sich
nicht d'rum kümmern. Nach langer schwerer Zeit, wo er viel dulden
mußte und ertragen, erschien das Alles hier ihm wie gehörig, wie
gerechter Lohn nur für Bestandenes; Sorge hatte er nie gekannt, der
Augenblick war ihm des Lebens Trieb gewesen, dem er folgte, dem
Augenblick gehörte er auch an, und wie er ebenso im Unglück wenig nur
gehofft, sich stets vom Schicksal ausersehn gedacht und kecken
trotzigen Muthes darin gerade Freude fand ihm zu begegnen, es zu
überwinden, so dachte er auch im Glück nicht oft hinaus wie's einst
wohl werden solle, wenn der Tod vielleicht hier oder da die Stützen
wegriß, oder and'res Leid mit kalter starrer Hand eingreifen könne in
sein junges Glück. Er lebte, liebte, das war ihm genug.
Nicht so Sadie; auf jener stillen Insel still herangewachsen, hatte
sie kaum von einem höheren Lebensziel gewußt; der Schwestern sorglose
Freuden sorglos theilend, war ihr auch nie ein anderer Gedanke
gekommen, hatte sie nie einen andern Fall für möglich gehalten, als
mit der Palme am Strand zu blühen, zu gedeihen und unter ihrem
Schatten einst in leichter Erde, leicht und hoffend einem neuen,
besseren Leben entgegen zu träumen. Da kam René -- mit ihm erschloß
sich eine neue Welt für sie, mit ihm gewann sie etwas was sie nie
geahnt -- ein _geistiges_ Leben, neben ihrer Palmenwelt, und Alles das
was ihr die Brust von da mit solcher Seligkeit erfüllte, fand in dem
einem Herzen nur Ursprung und Ziel -- und wenn das eine Herz ihr
wieder schwand dann -- nein, sie dachte den Gedanken nie aus, und wenn
er aufsteigen wollte in ihr, floh sie vor sich selbst, und das Gefühl
gewann erst wirklich festen Grund in ihr, bekam erst Farbe und
Gestalt, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog -- das erste
schwere herbe Leid der jungen Brust.
Der alte ehrwürdige Mr. Osborne, ein Missionair im wahren Sinn des
Worts, der Gottes Liebe voll und wahr im Herzen trug, und Tausenden
schon damit Trost gebracht, fand gerade da, wo er Achtung und
Anerkennung hätte fordern dürfen, mit seinem treuen ehrlichen Herzen,
kalten dürren Grund, und wenn nicht offenen Kampf, weit Schlimmeres --
heimlicher Bosheit Pfeil, der oft weit tödtlicher trifft als Blei und
Stahl. Herüber und hinüber geschickt auf der Insel, wo er kaum des
einen Stammes Herzen sich gewonnen, und wohlthätigen Einfluß auf sie
auszuüben begann, gekränkt und angefeindet, geärgert und betrübt,
erkrankte er endlich, und ehe René sowohl wie Sadie sich auf den
schmerzlichen Verlust der ihnen drohte, vorbereiten konnten, ja ehe
selbst nur die Befürchtung solcher Gefahr in ihnen aufgestiegen war,
machte ein Nervenschlag seinem Leben ein sanftes und nur zu rasches
Ende.
Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrübtes Glück, und
Sadie besonders hatte viel, unendlich viel durch ihn verloren. Auch
René schmerzte der Verlust des alten wackern Mannes, der ihm ein
zweiter Vater geworden, und ja auch eigentlich viel mit seinetwegen
ertragen und geduldet.
Viele Monate vergingen denn auch, ehe sich Beide von dem Verlust
erholen, an die Trennung von ihm gewöhnen konnten, und selbst dann
noch wollte das Gefühl der Leere nicht ganz weichen -- es fehlte ihnen
ein Theil ihrer selbst, und der Alles lindernden Zeit mußte es
vorbehalten bleiben sie vollständig dafür zu trösten.
Dieser Todesfall war aber auch für René zum Trieb geworden, sich
irgend nach einer Thätigkeit umzuschauen, nach der auch, besonders
jetzt allein auf sich selbst angewiesen und in der lebendigeren
Ansiedlung mit neuen Bedürfnissen erwachsend, sein lebenskräftiger
Geist sich sehnte und drängte. Eine solche Beschäftigung wurde ihm
aber auch zuletzt zur Nothwendigkeit, wenn er nicht untergehen sollte
in dem müßigen, dem Insulaner wohl zusagenden, dem gebildeten Europäer
aber auf die Länge der Zeit nicht genügenden Leben.
Kurz vor Mr. Osbornes Tode war ein Theil des Capitals, das René in
Frankreich stehen hatte, für ihn auf Tahiti eingetroffen, und er
beschloß jetzt dasselbe in kaufmännischen Speculationen anzulegen, und
sich außerdem mit dem Handel und Betrieb dieser Inseln bekannt zu
machen. Er bedurfte dessen allerdings nicht seine Lage zu verbessern
oder seine Existenz zu sichern, denn wenig genügte hier seinem
einfachen Leben, aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn irgend
einem gestellten Ziel entgegen führte, und das zog ihn dann nicht
allein nicht von seinem häuslichen Leben ab, sondern mußte diesem
sogar einen noch höheren Reiz verleihen.
Seine kleine freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile
unterhalb Papetee, dicht am Meeresstrand, von hohen Wi- und Mapebäumen
umgeben, und die freie Aussicht nach dem reizenden Imeo hinüber
gewährend. Dort, schon mit mancher Europäischen Bequemlichkeit
ausgestattet, hatte er sich sein Nest gebaut, und zog ihn auch über
Tag dann und wann theils die Anknüpfung seiner Geschäfte, theils das
rege politische Treiben dieser lebendigen Zeit für Tahiti, nach der
Stadt, so fand ihn der Abend doch stets mit raschen Schritten
heimwärts, in die Arme seines trauten Weibes eilend, und schmiegte
sich dann das liebe holde Kind, dem die Mutterwürde einen fast noch
höheren Reiz verliehen, kosend an seine Seite, dann segnete er wohl
oft, in der Fülle seines Glücks, das Schiff, das ihn an diese
gastliche Küste geführt, und mehr noch den Entschluß Freiheit und
Leben daran gesetzt zu haben den Boden zu betreten, zu dem es ihn,
wie mit einer höheren inneren Stimme unaufhaltsam getrieben.
Wie es dabei oft jungen Leuten geht, denen das Schicksal, und wie
häufig ihnen zum Heil, in ihrer ersten Liebe, bei ihren ersten
ehrgeizigen Plänen, den schon zum Genuß gehobenen Becher von den
Lippen reißt, und die dann plötzlich ihre Rechnung mit der Welt
abgeschlossen, ihre Ansprüche an das Leben und sein Glück vernichtet
glauben und gar nicht einsehen wollen, daß ihnen die Welt erst jetzt
so voll und weit die Arme öffnet, fand er Alles, Alles gerade in dem
Augenblick erfüllt, wo er sich schon an Abgrunds Rande wähnte, und den
Schritt für unvermeidlich, für unabwendbar hielt, der ihn
zerschmettert in die Tiefe senden mußte.
Und wenn er dann wieder im Anfang, von einem Extrem zum andern
überspringend, jeder Gefahr entrissen, mit jedem Wunsch erfüllt, in
einem förmlichen Taumel von Wonne und Seligkeit der neu gefundenen
Rettungsbahn, die ihn nun durch blumige Auen führte, wie im Traume
folgte, verlor sich doch endlich dieses Gefühl, das ihn auch wirklich
sein Glück nur halb empfinden ließ, und mit dem vollen Bewußtsein
dessen was er sich hier, in dieser wunderherrlichen Welt gewonnen,
kehrte auch unendliche Ruhe und Seligkeit ein in sein Herz -- eine
Ruhe die sein Weib unsagbar glücklich machte und ihrer Brust letzte,
durch die anderen Protestantischen Geistlichen wachgerufenen Zweifel
und Befürchtungen beschwichtigte und widerlegte, daß sich der unstete
Geist des jungen Mannes so leicht und vollständig dem doch ganz neuen
ungewohnten, und gewissermaßen abgeschlossenen Leben dieser Inseln
fügen werde.
Wie aber der Wirkungskreis ein weiterer war, den er hier fand, so
zeigte sich auch bald das Leben ein ganz anderes, als in dem stillen,
abgeschlossenen Atiu. Tahiti, und auf ihm Papetee schien der
Mittelpunkt des Handels und Verkehrs für die südlich vom Aequator
gelegenen Inselgruppen werden zu wollen, und gerade in letzter Zeit
hatten sich mehre Amerikanische wie Französische Familien hier
niedergelassen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen dieses
kleinen Inselstaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten
Aufschwung zu geben versprachen. René dessen liebenswürdiges Benehmen
ihm leicht die Herzen derer gewann, mit denen er in Berührung kam,
trat bald darauf mit einem der Amerikaner sowohl wie den Franzosen in
Geschäftsverbindung, und fand sich auf das Herzlichste bei ihnen
eingeführt. Den Frauen besonders lag daran einen geselligen Verkehr
auf diesem abgelegenen Punkt zu eröffnen und zu erhalten, und sie
hörten kaum daß René verheirathet sei, als sie auch fest entschlossen
waren ihn aufzusuchen und mehr an sich und ihr Haus zu fesseln.
René, der recht wohl fühlte daß er sich mit der stärkeren Bevölkerung
der Insel, wenn sich besonders noch mehr Europäer herüber zogen, einem
mehr geselligen Leben nicht ganz würde verschließen können, ja
verschließen mochte, hatte schon seit einiger Zeit angefangen Sadie
darauf vorzubereiten, und zum ersten Mal störte ihn hierin ihre
ungezwungene Tracht, die dem Klima wie der freien Bewegung des Körpers
doch so angemessen war. In den Kreisen in denen er sich aber in einem
mehr geselligen Leben bewegen mußte, wäre dieselbe jedenfalls, wenn
nicht geradezu ein Hinderniß, doch oft ein Stein des Anstoßes
geworden. Allerdings fürchtete er im Anfang diesen Punkt bei Sadie zu
berühren -- es konnte sie kränken wenn sie glauben möchte sie gefiele
ihm weniger jetzt in dem bunten flatternden Tuch, als früher in der
ersten Liebe Zeit; aber Sadie war viel zu vernünftig nicht einzusehen,
wie sie mit dem Gatten in einen anderen Wirkungskreis getreten wäre
und sich dem anzuschmiegen hätte. Die liebe kleine Frau schüttelte
wohl anfangs darüber lächelnd den Kopf, aber die neuen Kleider standen
ihr vortrefflich, und mit dem, ihren Landsleuten eigenen Scharfblick
fügte sie sich so leicht nicht allein in die Tracht, sondern auch in
das ganze Neue und Fremde, das dieselbe mit sich brachte, als ob sie
von Kindheit an darin aufgezogen gewesen wäre, und nicht erst hätte
Alles abwerfen müssen was uns durch Gewohnheit und Sitte aus unserer
Jugend noch fast zur andern Natur geworden, und mit unserm inneren
Selbst verwachsen ist.
Störend allein griffen manchmal, wenn auch selten, die kirchlichen und
dadurch wieder politischen Verhältnisse der Inseln in das Leben der
Glücklichen ein, denen sich René selber am liebsten ganz entzogen
hätte, wenn ihn eben die Geistlichen in Frieden gelassen. Die
Protestantischen Missionaire _hielten es aber für ihre Pflicht_ (ein
entsetzliches Wort solcher Herren) die junge, im rechten Glauben
erzogene und unglücklicherweise in die Hände eines Ungläubigen
gerathene junge Frau, unaufhörlich vor dem Abgrund zu warnen an dem
sie stehe, und ihr alle die Schrecknisse vor zu halten die sie
erwarteten, wenn sie dem von ihrem Gatten betretenen Pfade folge. Auch
das Kind mußte ja dem rechten Glauben erhalten werden, und so
bereitwillig sich René, um nur Ruhe von Außen und Frieden im Hause zu
haben, allen verlangten Ceremonien fügte, die für unumgänglich nöthig
gehalten wurden dem kleinen unschuldigen Erdenbürger eine einstige
Seligkeit zu sichern, so mußte er doch zuletzt entschieden gegen
einen Theil dieser Menschen auftreten, die in seinem Haus anfingen wie
in einem Taubenschlag aus und ein zu fliegen, und auf dem besten Weg
waren der armen Frau den Kopf zu verdrehen, und sie melancholisch und
unglücklich zu machen.
Von den Geistlichen war nur Einer, mit dem er sich gewissermaßen
befreundete, und zwar eigenthümlicher Weise gerade Einer der
eifrigsten und entschiedensten der ganzen Gesellschaft. Bruder Nelson
lebte und webte nur in seiner Mission und behandelte seinen Beruf mit
einer Aufopferung, die ihn stets zuletzt an sich denken ließ, und
Belohnung nur wieder allein in dem Erfolg suchte und fand, den er dem
alleinigen Gott, seiner Meinung und Ueberzeugung nach, errang. Ruhig
und fest arbeitete er aber auch ohne Uebertreibung, ohne jenen
_blinden_ Eifer an der Besserung und Bekehrung seiner Mitmenschen, und
gehörte vor allen Dingen nicht zu jener tollen Schaar die mit dem
Wahlspruch »ein Tröpfchen _Glaube_ sei besser wie ein ganzes Meer voll
_Wissen_« das Volk nur für ihre Worte und Formeln fanatisiren wollen,
und Sinn und Verstand dabei, mit einem verklärten Blick nach oben,
unter die Füße treten.
René unterhielt sich gern und oft mit ihm, selbst über religiöse
Punkte und noch mehr und gewaltigern Stoff zur Unterhaltung, aber
auch zugleich dabei zu einer neuen Besorgniß, die seinen Eifer ihr zu
begegnen nur noch mehr anstachelte, erhielt der ehrwürdige Mr. Nelson
in einem neuen Gast des Hauses, der anfangs nur selten kam, sich aber
bald dort wohler fühlte und häufiger da gesehen wurde als den übrigen
Missionairen, die schon das Schlimmste fürchteten, lieb sein mochte.
Es war dies Einer der Katholischen Priester, denen natürlich daran
gelegen sein mußte vor allen Dingen unter ihren Landsleuten festen Fuß
zu fassen, von denen aus sie ihre Lehre verbreiten und den Ketzern den
schon fast sicher geglaubten Sieg entreißen konnten. Vater Conet hatte
den jungen Franzosen und Landsmann aufgesucht, und trotzdem daß er von
diesem, der nicht mit Unrecht dadurch den religiösen Kampf über seine
eigene Schwelle zu ziehen fürchtete, im Anfang etwas kalt empfangen
und aufgenommen wurde, sich so liebenswürdig betragen, und sich so
fern auch selbst von jedem Schein eines Bekehrungsversuches gehalten,
daß René bald in ihm nur den lieben, ihm herzlich willkommenen
Landsmann sah. Selbst Bruder Nelson, der mit ihm einige Male da
zusammentraf und es zuletzt unmöglich fand im Gespräch das was ihnen
beiden so nahe lag, die Religion ganz zu vermeiden, lernte ihn mit
jedem Tage mehr als einen durchaus gebildeten, anständigen Mann
kennen, daß er nicht allein Nichts mehr gegen seine Besuche des Hauses
einzuwenden hatte, sondern sie im Gegentheil anfing gern zu sehn und
absichtlich ein und dieselbe Stunde mit dem katholischen Priester
wählte, ihn dort zu treffen.
Unter den übrigen Geistlichen hatte aber, nichtsdestoweniger daß
Bruder Nelson das Haus besuchte, der überhaupt lange nicht als
entschieden und orthodox genug unter ihnen galt, mehr und mehr der
Verdacht Wurzel geschlagen, daß der katholische Priester wirklich die
heimliche Absicht habe, die junge Frau schon aus den Armen der
rechtgläubigen Kirche herauszureißen und der seinigen zuzuführen, und
der Ehrwürdige Bruder Dennis, der fanatischeste unter den Fanatikern,
fühlte sich vor allen anderen dazu berufen, für die junge Christin wie
ihr Kind als Kämpfer aufzutreten.
Mehrmals trafen sich hierauf die beiden Geistlichen, Bruder Dennis und
Conet in René's Wohnung, selbst während dessen Abwesenheit; Bruder
Conet fand aber bald welch ein anderer Geist diesen Mann beherrsche
wie den ehrwürdigen Nelson, und vermied sorgfältig auch nur die
mindeste Begegnung mit ihm auf geistlichen Gebiet unter dem, ihm
befreundeten Dach. Artig aber entschieden wieß er den wieder und
wieder gebotenen Kampf zurück. René erfuhr das auch, und gewann ihn
dadurch um so lieber; vergebens bat er aber den frommen Mr. Dennis
dagegen, von solchen Versuchen bei ihm abzustehn, da erstens nicht
einmal die geringste Gefahr irgend eines Glaubenswechsels für Sadie
vorhanden sei, ja die Frau sogar viel schwärmerischere Ideen bekam,
als ihm schon lieb war, und er auch nicht gern sein häusliches Glück
dem Zwiespalt opfern wollte, der die ganze Nation zu verschlingen
drohte. Der fromme Geistliche hatte höhere Pflichten als gegen die
Menschen und ihr häusliches Glück -- er hatte Pflichten gegen _Gott_
und denen mußte er folgen, gleichviel wohinaus sein Weg ihn führte.
Der Allmächtige hatte ihn und seine Brüder jenem glorreichen Beruf
erwählt, Sein Wort, Seine Lehre, den Heiland der Welt und den Heiligen
Geist den Heiden dieser Seeen zu bringen und jubelnd in dem Gefühl --
jubelnd in der Seligkeit der Ueberbringer so froher Botschaft für die
Verlorenen zu sein, schritt er vorwärts, das Kreuz in der gehobenen
Rechten. Wohl lauerte der Feind jetzt mit einem trügerischen Schatten
desselben Kreuzes die schon fast Geretteten von der richtigen Bahn
wieder abzulenken; schon streckte er die gierige Teufelsfaust aus, und
Gefahr drohte der kleinen Schaar der Rechtgläubigen von _allen_
Seiten; aber fest und unerschrocken wandelten sie, die von Gott
Beauftragten, ihre Bahn. Ihr Loos war ein schweres, ihr Ausgang ein
zweifelhafter, aber sie zögerten nicht in dem begonnenen guten Werk,
und Gott, der die Herzen der Menschen sah und ihre innersten Thaten,
würde sie einst richten, ob sie recht gehandelt hätten vor Seinem
Angesicht.
Bruder Nelson fühlte und achtete den Grund, der den französischen
Priester bewog mit dem fanatischen Geistlichen keinen religiösen Kampf
zu beginnen, was nur in offener Feindseligkeit enden konnte, ja diesen
Weg schon mehremal, selbst ohne Entgegnung, durch des frommen Mannes
Heftigkeit zu nehmen gedroht hatte. Er machte auch seinem Collegen
darüber mehrmals freundliche Vorstellungen, die dieser aber nur heftig
erwiederte, und in René's Wohnung war es solcher Art schon mehrmals
zwischen den beiden befreundeten Geistlichen selbst, was der Katholik
stets vermieden hatte, zu, wenn nicht feindlichen, doch sehr lebhaften
und jedenfalls für die Zuhörer unangenehmen Auftritten gekommen.
René hätte sich Sorgen machen können, des aufsteigenden Wetters wegen,
aber sein leichter fröhlicher Sinn ließ das auch leicht an sich
vorübergehn, und zog's ihm auch manchmal die Stirne kraus, ein Blick
auf sein trautes Weib, glättete sie rasch wieder, und ein Lächeln
ihres Mundes trieb ihm wie fröhlicher Sonnenschein durch's Herz.
Die ehrwürdigen Herren Nelson und Dennis hatten denn auch, nur wenige
Tage nach der Versammlung, wieder einmal in René's Wohnung eine sehr
ernste Debatte gehabt, in der der letztere, wie gewöhnlich, Sieger
geblieben, das heißt das letzte Wort behalten, und Sadie war zum
ersten Mal traurig geworden daß René über Beide lachte, und überhaupt
die Sache, die doch auch _seinen_ Gott betraf, so entsetzlich leicht
nehmen wollte. Die Geistlichen hatten lange das Haus verlassen, der,
schon vorher beschriebenen Versammlung beizuwohnen, und René und Sadie
saßen jetzt, Hand in Hand, die junge Frau das wirklich sorgenschwere
Haupt an des Gatten Schulter gelehnt, vor ihrem Haus, während die
kleine Sadie in dem Schooß der Mutter lachte und strampelte, und des
Himmels Blau in ihren klaren großen Augen wiederspiegelte.
»Und bist Du noch bös auf mich, Sadie?« flüsterte René nach einer
langen langen Pause, in der er seine Lippen an ihre Stirn gepreßt
gehalten.
»_Bös_, auf _Dich_, René?« sagte die Frau, und schüttelte wehmüthig
lächelnd mit dem Kopf -- »ich glaube nicht daß ich bös auf Dich werden
könnte. -- Das ist auch ein gar trauriges schmerzliches Wort; nur ein
wenig -- nur ein ganz klein wenig weh hast Du mir gethan -- aber es
gereut mich schon daß ich Dir Vorwürfe darüber gemacht. Du hattest es
sicher nicht so gemeint, wie ich thörichtes Kind es aufgenommen; --
ich muß Dir auch gestehen -- «
»Und was, meine Sadie?«
»Schilt mich eine Thörin,« sagte Sadie, »ich hab' es verdient, aber --
mir war es immer als ob Du auf Seiten der fremden Priester ständest,
wie Du lachtest, und das, das gerade gab mir einen ordentlichen Stich
durch das Herz, und das -- das glaub' ich auch, war, was mir
eigentlich weh dabei gethan.«
»Das sollte es wahrlich nicht, Du treues Herz,« sagte René gutmüthig,
»aber komisch ist es doch wahrlich manchmal, daß Menschen, sonst ganz
vernünftige mit ihren fünf Sinnen begabte Menschen wie unser Freund
Dennis zum Beispiel, in mir unbegreiflicher Verblendung nicht allein
behaupten können, nein auch fest davon überzeugt sind, daß nur sie
allein den »schmalen dornenvollen Pfad« gefunden haben und wandeln,
der direkt zu Gottes Seligkeit führt.«
»Und wenn sie recht hätten?«
»Liebes Herz!«
»Nein René, nein!« sagte Sadie rasch, sich fester an ihn schmiegend,
»ich will nicht streiten mit Dir über den Weg des Heils, aber Du mußt
auch nachsichtig mit mir sein, denn _wenn_ ich mich ängstige und
sorge ist es ja doch nur Deines, des Kindes wegen.«
»Sieh nun, Sadie,« sagte René nach einer kleinen Pause, in der er sie
fest in seinen Arm geschlossen, »Ihr zürnt den fremden Priestern
meiner, oder vielmehr der Römisch katholischen Religion, daß sie den
Streit und Unfrieden auf Euere Insel gebracht hätten, und zum Theil
hast Du recht; aber wäre es möglich gewesen die katholische Religion
ganz fern von diesen Gruppen zu halten, wo mehr und mehr Fremde sich
ansiedelten, deren Religion allein doch kein Grund sein konnte sie
zurückzuweisen? ja hatten die Protestantischen Missionaire vor Gott
ein Recht _ihr_ Sektenthum allein als das wahre und richtige
hinzustellen?«
»Vor Gott und den Menschen, _ja_!« sagte rasch und eifrig Sadie, »denn
ihr Leben haben sie daran gesetzt diesen Inseln die wahre Religion zu
bringen, und würden sie das gethan haben, wenn sie gerade ihre
Religion nicht für die wahre, allein wahre hielten, ja wenn sie nicht
_fest überzeugt_ gewesen wären daß sie es sei? -- Welchen bessern
Beweis konnten jene Männer geben, als daß sie Gut und Blut für ihren
Glauben einsetzten?«
»_Gut_ und _Blut_,« sagte René achselzuckend, »das klingt wie viel
und ist wenig, dasselbe thut der gewöhnlichste Matrose auf jeder Reise
-- wir wollen Alle leben. Aber wir haben darüber schon gesprochen
meine Sadie, und gerathen da auf ein gefährliches, viel viel lieber zu
vermeidendes Feld. Der _Einzelne_ kann mir auch lieb und werth sein,
ohne daß ich gerade das Princip des Ganzen anerkenne, wie Du ja selber
auch den würdigen Vater Conet seines achtungswerthen Betragens, wie
seiner gesellschaftlichen Tugenden wegen lieb gewonnen hast, während
Du doch sonst gewiß in jeder Hinsicht seine Gegnerin bist.«
»Ich begreife das überhaupt nicht,« sagte Sadie leise -- »er ist auch
gar nicht wie ein katholischer Priester -- «
»Weil Du Dir diese Klasse Menschen eben gedacht hast wie sie Dir von
Bruder Rowe und Consorten geschildert wurde. Bei vielen trifft deren
Bild, ich habe Nichts dagegen, aber nicht bei Allen, nicht bei der
Mehrzahl, und -- wir sollen nie von einem Menschen das Schlechteste
denken, Sadie. Doch guter Gott, wohin verirren wir uns? -- ist das ein
Gespräch für Mann und Weib mit _dieser_ Welt um uns her, und dem
herzigen süßen Wesen da zwischen uns, daß Dich zupft und ruft und die
Mutter schon lange ablenken will von den düsteren Gedanken, die ihr
so nutzlos die Seele umlagern und -- so nutzlos hineingepflanzt sind
in den reinen treuen Boden? Wetter noch einmal Sadie, Bruder Dennis
ist mir ein lieber seelensguter Mann, ein Mann den ich achte und
verehre, weil ich fühle wie eben Alles bei ihm feste innige
Ueberzeugung ist, was er spricht -- selbst wenn er Unsinn -- nein mein
Lieb, ich meine es ja nicht so schlimm, er soll mir Dir nur nicht
solche Grillen und Gedanken in's Herz pressen, und zwingt er Dir noch
einmal die Thräne in's Auge, dann -- dann -- «
»Und dann?« frug Sadie, und unter Thränen vor schaute ihr Blick
lächelnd zu ihm empor -- »und dann?«
»Wettermädchen, Du machst mit mir doch was Du willst!« rief René, sie
an sich ziehend und küssend -- »ich verlange ja auch Nichts mehr auf
der weiten Gottes Welt, als daß sie uns unsern Frieden lassen,
ungestört und heilig, wie wir ihn -- «
»Hahahahaha,« klang in diesem Augenblick eine silberreine Stimme zu
ihnen herüber, und als sie überrascht aufschauten, sprang eines der
eingeborenen Mädchen, das sie hier auf Tahiti kennen gelernt, und
trotz ihres wilden Wesens, in dem ein treues Herz verborgen lag, lieb
gewonnen, über die niedere Umzäunung, die den Nachbargarten von ihnen
trennte, und kam auf sie zu.
Es war ein junges Ding von siebzehn Jahren vielleicht, und ganz in die
dünne luftige Tracht jener Mädchen gekleidet, mit kurzem ~pareu~ oder
Lendentuch, und leichtem Kattun-Ueberwurf über die Schultern, gerade
wie René Sadien zum ersten Mal gesehen. -- Aber die dunklen, mit
wohlriechendem Oel reich getränkten Locken schmückte ein künstlich
geflochtener Kranz von rothen Blüthen, mit den schneeigen Fasern der
Arrowroot durchwebt, und der Blick mit dem sie das junge Paar begrüßte
ruhte keck, ja fast höhnisch auf der liebenden Gruppe.
Aia war schön, schön wie die Palme ihrer Wälder, die lichtbronzene
Haut in ihrer Färbung eher eine Zierde zu nennen, und die Gestalt voll
und üppig, und doch schlank und elastisch; aber die weiche
schwärmerische Gluth fehlte ihr, die den Zügen ihrer Landsmänninnen
einen so eigenthümlichen Reiz verleiht, und auch das Mädchenhafte,
ohne die der Schmelz abgestreift ist von jeder weiblichen Schönheit.
Keck und zuversichtlich blitzte ihr Auge umher, den begegnenden Blick
ertragend und besiegend, und ein eigenes bitteres, fast verächtliches
Lächeln, das ihre Lippen dabei umspielte, diente nicht dazu dessen
Ausdruck zu mildern.
»Joranna Sadie -- Joranna René,« lachte sie, mit verschränkten Armen
vor der Gruppe stehen bleibend und sie betrachtend -- »Joranna Ihr
Beiden -- hahahaha -- sitzt Ihr nicht da, als ob Dir René erst vor kaum
einer Stunde seine tollen Liebeslügen in's Ohr geflüstert, und Ihr nun
alle Beide die Ueberzeugung hättet, Ihr könntet nicht leben ohne
einander? -- bah, bah, wie lange wird's noch dauern? -- Aber wundern
soll's mich doch, und hätt' ich früher daran gedacht, Sadie, hättest
Du mir auch von dem Pulver geben müssen, das Du ihm in die Cocosmilch
geschüttet -- vielleicht löge mir jener falsche Wi-wi jetzt auch noch
vor, daß ich die Schönste sei auf den weiten Inseln, und er sterben
müsse, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahahahaha, s'ist
wahrhaftig zum toll werden wenn man an solche Zeit zurückdenkt, und
sich das Alles dann immer und immer wieder vor den eigenen Augen
erneuen sieht; ja und immer und immer wieder Thörinnen findet, denen
der Hochmuthsteufel tief genug im Herzen steckt sich allein für
unverlaßbar zu halten. -- Aber Joranna; Ihr seid unverbesserlich, und
wenn er erst fort ist, Sadie, will ich Dich auslachen, wie Du es
verdienst.«
Sie warf die Locken von den Schläfen zurück, und wollte nach dem
Strand hinunter eilen, als René's Entgegnung sie zurückhielt.
»Du hast unrecht, Aia,« rief er ihr nach, »doppelt Unrecht, hier
gerade in beiden Nachbarhäusern. Sieh Lefevre an und Aumama, länger
noch als wir sind sie verheirathet mitsammen, haben zwei liebe Kinder
und denken gar nicht daran sich zu trennen.«
»Denken nicht daran sich zu trennen?« rief Aia, die bei den ersten
Lauten schon stehen geblieben war, und den Kopf mit einem spöttischen,
fast feindlichen Lächeln dem Redner zugewandt hatte -- »denken nicht
daran sich zu trennen? ja Du hast recht -- wer weiß ob _Du_ nicht noch
früher dein Canoe wieder aus den Riffen steuerst als er -- aber
Le-fe-ve hat sich schon blind gesehen in ein paar andere Augen.
Schüttle nicht mit dem Kopf, Wi-wi wenn Du mir nicht widersprechen
kannst; reiß ihm das Kleid auf und lege dein Ohr an sein Herz -- für
wen schlägt's? -- bah -- so viel für Euch!« und sie schlug trotzig mit
der flachen Hand ihre Lende.
»Aia -- komm her zu mir und setze Dich zu mir,« sagte Sadie jetzt mit
leiser, bittender Stimme. »Sei nicht so bös und ärgerlich, wir haben
Dich lieb hier, und Du meinst es doch nicht so arg, wie Du es
sprichst.«
»Mein ich nicht?« sagte das Mädchen noch immer halb trotzig und
abgewandt, aber doch schon mit viel leiserer, milderer Stimme, als die
sanften, bittenden Laute ihr Ohr trafen -- »mein ich nicht? und woher
weißt Du's, Sadie? -- ich hasse Euch Alle miteinander, und wohl, oh
entsetzlich wohl soll mir's thun, wenn Ihr Alle -- Alle so unglücklich
werdet -- so -- wie -- « sie wandte rasch den Kopf ab von Sadie, aber
es war nur ein Moment --
»Aia!« rief Sadie, so bittend, so herzlich -- Aia stand zögernd, Trotz
und Zorn und Schaam hielten noch die Oberhand in ihrem Herzen, aber
nicht im Stand sich zu verstellen, gewann das bessere Gefühl, mit dem
einmal aufgerüttelten Schmerz die Oberhand, und mit wenigen Schritten
an ihrer Seite, kauerte sie neben ihr nieder, barg das Antlitz an
ihrem Schooß und flüsterte leise unter ausbrechenden Thränen:
»Du bist gut, Sadie, gut wie -- wie -- ich habe keinen Vergleich mehr,
denn unsere Götter haben sie uns auch genommen und die ihrigen sind
falsch -- falsch wie sie selber. Aber ich bin viel zu schlecht für
Dich, viel zu schlecht; Aia darf Dir nicht mehr in's Auge sehen -- und
doch hatten Deine Lippen noch nie einen Vorwurf für sie.«
»Armes Mädchen,« sagte die junge Frau leise und theilnehmend, und
suchte ihr Haupt zu sich aufzuheben, aber die Weinende wehrte sie ab,
und schlang den Arm nur fester um ihren Leib, sich ihre Stellung zu
wahren.
René hatte sie mitleidig eine Zeitlang betrachtet, dann legte er seine
Hand auf ihre Schulter und sagte leise:
»Bleibe bei uns, Aia, gehe nicht wieder nach Papetee, sondern bleibe
bei Sadie. Wir haben Brodfrucht und Fisch für Dich, und eine Matte
darauf zu schlafen, und Dein Kleid soll nicht schlechter sein, als Du
es bis jetzt getragen -- Sadie braucht eine Hülfe« fuhr er freundlich
fort, als er sah wie diese den Kopf der vor ihr Knieenden streichelte,
und sie liebkosend an sich zog, »und Du wirst recht, recht willkommen
sein, hier im Haus.«
»René hat recht,« unterstützte die Bitte sein Weib, »geh nicht wieder
nach Papetee -- deine Mutter ist todt und dein Vater weit auf den
Inseln zu Leewärts drüben; meide die Stadt, die Dir nur Unheil bringt
und Fluch und Leid, und bleibe bei mir. Es wird Dich nicht gereuen und
Du wirst wieder froh und glücklich werden unter uns.«
»Und die Mi-to-na-res?« sagte das Mädchen leise.
»Werden die Reuige gern und liebend in ihren Schutz und Schirm nehmen
und ihr die Sünden vergeben, wie Gott einst gnädig auf uns
niederschauen möge,« sagte Sadie rasch und freudig, denn in der Frage
schon lag eine Zusage ihrer Bitte. Aia lag noch lange an der Gespielin
Schooß und ihre Thränen schienen rascher zu fließen, als eine laute
Männerstimme fröhlichen Gruß durch die Hecke blühender Akazien rief,
die den Garten von der Straße trennte.
»Ah Lefevre,« antwortete René, »wie geht es Euch, Nachbar, und kommt
Ihr nicht herüber?«
»Gleich, gleich,« lautete die Antwort, und sie hörten wie der junge
Franzose draußen noch mit Jemanden sprach und ihm Aufträge gab.
Aber auch Aia hatte sich rasch und wie erschreckt emporgerichtet, und
die Locken aus der Stirn, die Thränen aus dem Auge werfend wandte sie
sich, als ob sie den Platz fliehen wollte; Sadie aber ergriff rasch
ihre Hand und sagte leise und bittend:
»Gehe nicht fort von hier, Aia, bleibe bei uns.«
»Nein nein,« rief aber das Mädchen und Sadie konnte sehen welchen
Seelenkampf es ihr kostete die Bitte auszuschlagen, den stillen
Frieden ihrer Wohnung zu verschmähn und allein und freundlos in dem
_wilden_ Leben fortzustürmen, »nein ich kann -- ich darf nicht bei Dir
bleiben -- ich verdiene es nicht -- ich bin bös und schlecht geworden,
und deines Gottes Fluch würde mich von der Schwelle treiben, auf der
jetzt noch Dein Glück und Frieden weilt -- aber« setzte sie wilder
hinzu, und ihr Auge blitzte in unheimlicher Gluth nach René hinüber,
»wenn sie Dich _Alle_ verlassen haben, und Du allein und freundlos in
der Welt stehst -- wie ich jetzt -- dann wird Aia an deiner Seite
sein, und Dir für das freundliche Wort danken, das Du heute zu ihr
gesprochen. Dann wollen wir lachen und tanzen und _zusammen_ in's
Leben stürmen, aber nicht mehr klagen und weinen. -- Den ~faï~ über die
Thränen -- sie waschen den Schaum von der Seele des Menschen, daß man
hinunter sehen kann bis auf den Grund -- und der Fischer lacht doch
nur, der darüber hinfährt.«
»Du hast vielleicht Ursache Einem von uns zu zürnen, Aia,« sagte aber
René, der wohl sah welchen schmerzlichen, ja peinlichen Eindruck die
Worte auf seiner Sadie Seele machten, »und schmähst jetzt ungerecht
das ganze Geschlecht. Du wirst uns in späteren Jahren Abbitte thun.«
»Werd' ich -- ha? und Le-fe-ve auch, wie?« -- lachte das Mädchen zornig
und deutete mit dem ausgestreckten Arm nach dem, eben den Garten
betretenden Franzosen.
»Hallo Aia!« rief ihr dieser zu, »summt die wilde Hummel auch wieder
ihr Lied auf unserer Flur? -- ha, Du hast Thränen im Auge Mädchen? --
geh, Du bist ein schwarzer Vogel und prophezeihst nur Unheil.«
»Es bedarf keines Propheten,« sagte aber das Mädchen zürnend, indem
sie sich abwandte und das Schultertuch fester um sich zog -- »Jeder
von uns kann leicht vorhersagen daß die Sonne morgen früh wieder über
die Berge kommt, wenn sie am Abend hinter Morea[B] in die See
gesunken. -- Fort mit Euch, Ihr habt süße Worte auf der Zunge, und
Gift, tödtliches Gift im Herzen -- fort, Aia kennt Euch -- fort!« --
und ohne Gruß noch Blick zurückzuwerfen, schritt sie den schmalen Pfad
hinab, der nach dem unteren Pförtchen führte und war bald in der
sogenannten ~broomroad~, dem gebahnten Weg nach Papetee, verschwunden.
Sadie sah ihr seufzend nach und auch René konnte sich eines
unheimlichen Gefühls nicht ganz erwehren.
»Joranna René, -- ~ah bon jour Madame~,« rief aber Lefevre der wohl
den peinlichen Eindruck zu verwischen wünschte, den die Worte des
wunderlichen Mädchens unverkennbar besonders auf Sadie gemacht, »hat
Ihnen Aia den schönen Abend verderben wollen? -- es ist ein albernes
Ding, und darf _mir_ gar nicht mehr über die Schwelle, denn Aumama
weint jedes Mal, wenn sie nur den Fuß unter das Dach gesetzt.«
»Sie ist arm und unglücklich,« sagte Sadie.
»Ach -- sie verstellt sich,« entgegnete mürrisch Lefevre -- »und trägt
wahrscheinlich selber mit die größte Schuld ihres Leid's. Wir armen
Teufel sollen's dann immer allein verbrochen haben, nicht wahr René?
-- Doch, was ich gleich sagen wollte; gehen Sie mit nach Papetee? --
die ehrwürdigen Protestantischen Herren haben da wieder eine
Zusammenkunft, heut Nachmittag, und wie das Gerücht geht beabsichtigen
sie den Beschluß ernster Maßregeln, jeden Französischen Einfluß, und
mit ihm vielleicht auch gleich wieder die Französischen Priester, die
ihnen ein Dorn im Auge sind, von sich abzuschütteln.«
»Die Missionaire« -- sagte René rasch, fuhr aber gleich darauf
langsamer fort, »sind wackere und brave, aber kurzsichtige Männer, sie
glauben das Heft jetzt in Händen zu haben und spielen so lange damit
bis es ihnen unter den Fingern wegschlüpft -- sie sollten sich nicht
in die Politik mischen.«
»Was sagt Mr. Nelson dazu?« frug Lefevre.
»Er hält die Ankunft der Katholiken auch für ein Unglück für die
Inseln, ist aber mit den Gewaltsmaßregeln unzufrieden die man dagegen
ergreifen will; doch was kann der Einzelne gegen die ganze Schaar
ausrichten.«
»Und gehen Sie mit nach Papetee?«
»Was sollen wir dort? -- herbe Reden hören, die uns vielleicht ärgern
und zu Gegenreden treiben? -- ich habe keine Freude an der Sache, und
sehe das Leid und Elend schon vor Augen das daraus entspringen wird
und muß.«
»Aber wir mögen vielleicht noch Manches mildern was geschehen könnte.
Mörenhout ist ein vernünftiger Mann, und wird nicht zu weit gehn.«
»Was kann Mörenhout _thun_?« sagte René achselzuckend -- »so wie die
Missionaire unter dem Schutz eines Englischen Kriegsschiffes stehn,
und so lange das im Hafen liegt, daß sie sich sicher fühlen, haben sie
das Wort, und wir kennen sie doch dahin gut genug, zu wissen, wie sie
das gebrauchen. -- Aber ich gehe mit, wir haben dann wenigstens unsere
Pflicht gethan, und uns selber nichts vorzuwerfen. Ich komme bald
wieder zurück, Sadie,« sagte er sich niederbeugend und ihre Stirn
küssend.
»Bleibe nicht so gar lange aus heut',« bat die junge Frau ihn, leise
flüsternd, und die Kleine noch auf dem Knie haltend, die erst die
Aermchen um den von ihr Abschied nehmenden Vater geschlungen, sah sie
den Männern lange und schweigend nach.
Aber Aia's Worte hatten doch trübe und schmerzliche Gedanken in ihrer
Seele wach gerufen. Nicht für das eigene Glück fürchtete sie dabei; so
keck und leicht René auch immer in das Leben stürmte, so treu war er
sich geblieben, was _sie_ betraf, von erster Stunde an wo er sie
gesehen, und das Kind, das er mit unendlicher Zärtlichkeit liebte,
schlang die Bande des Herzens ja noch fester um sie. Aber das wilde
Leben der Insel selber; die ihr feindlich dünkende Religion, die
weiter und weiter um sich zu greifen drohte, und viel, so entsetzlich
viel von dem verwarf, was ihr bis dahin der Seele Heiligstes gegolten;
der Unfrieden dabei zwischen den eigenen Lehrern, die Vorwürfe, die
von den Missionairen ihrem alten Vater o so ungerecht gemacht wurden,
der Römischen Kirche mehr als mit seiner Stellung verträglich zugethan
zu sein, wie er denn auch selbst das einzige Wesen das ihm näher
stand, einem Katholiken zur Frau gegeben; ja selbst René's
Gleichgültigkeit gegen einen Kampf, der doch die heiligsten Interessen
ihrer einstigen Seligkeit betraf, das Alles zog ihr in trüben
ängstigenden Bildern an der Seele vorüber. -- Und dabei hatte ja die
arme Aia recht mit so vielen Anderen; wohin sie dachte schrak sie vor
dem wilden Treiben zurück, das lockere Bande schlang um Europäer und
Insulanerinnen, und sie losließ, wie es dem Augenblick gefiel. Ob das
Herz darüber brach, oder die Verlassene in Schmerz und Trotz
Entschädigung, Vergessen suchte in wilder lasterhafter Lust; die Welle
des flüchtigen Tages schlug über ihr zusammen, und die nächste Sonne
hatte vergessen was sie gestern beschien in Lieb und Treue.
»Mein schönes Atiu,« seufzte sie da leise vor sich hin -- »Du lieber,
lieber Platz an dem freundlichen Strand -- Deine Palmen so grün, Deine
Früchte so süß -- Atiu. Und der alte kleine Mi-to-na-re da am Haus,
der so oft hier herüberdenkt an seine kleine Pu-de-ni-a, die jetzt --
aber nein, nein, nein, René fühlt sich wohl hier und glücklich in der,
seine Thätigkeit fordernden Welt, und einst kommt denn doch wohl die
Zeit, wo er sich wieder zurücksehnt nach jenem stillen Ort unseres
ersten, seligsten Glücks -- nach Atiu. -- Und die Zeit _wird_ wieder
kommen,« setzte sie nach einer kleinen Pause zuversichtlich hinzu,
»noch hab' ich nicht für immer Abschied genommen von all den
liebgewonnenen Stellen, von den guten Menschen -- ich weiß nur nicht
ob ich mich so recht herzlich darauf freuen soll -- oder davor
fürchten. Ach es ist ein recht recht böses Ding um das arme
Menschenherz!«