Eingeladen waren alle gräflichen und freiherrlichen Familien der
Residenz; die Hofkavaliere und hohen Beamten mit ihren Damen; die
Gesandten und die Fremden von Distinktion, die in der Stadt anwesend
waren, und einige auserwählte Einzelne, darunter der Dichter Uz.
Um sieben Uhr begann die Wagenauffahrt. Der Anfang der Vorstellung war
für acht Uhr bestimmt. Der große Saal war strahlend hell erleuchtet, und
das auf dem Platz angesammelte Volk hatte die endliche Befriedigung:
Kerzenglanz, galonierte Läufer, karmesinbrüstige Lakaien, Fanfarenton;
man hatte es lange entbehrt, die Seele schmolz.
Über die Estrade fiel ein kostbarer Vorhang aus golddurchwirktem Damast.
Von solchen, die zum ersten Male da waren, wurde das schöne
Deckengemälde von Carlino bewundert, allegorische Gestaltungen der
Musik, der Architektur, der Malerei und ein Bacchantenfest in den vier
Eckfeldern, in der Mitte die lebensgetreue Figur des Markgrafen, Venus
und Amor auf dem Schoß.
Um acht mit dem Glockenschlag erschien der Markgraf, ernst, umwölkt,
majestätisch, die Begrüßung der Gäste gemessen erwidernd. Er führte Lady
Craven; hinter dem Paar trotteten Herr von Seckendorf, Herr von
Schlemmerbach, Herr von Teufstetten und Marchese Pescanelli. Als die
hohen Herrschaften Platz genommen hatten, entstand feierliche Stille und
der Vorhang schlug auseinander.
Baron Gemperlein, von einem überlangen, überdürren Menschen gespielt,
war ein saurer Herr, gichtbrüchig, asthmatisch, kurzsichtig,
argwöhnisch, schwarzgallig, der auf Reisen zu gehen beschließt, erstens
um die ihm verhaßten Gesichter seiner erbgierigen Verwandten nicht mehr
sehen zu müssen, zweitens um in den Abwechslungen der großen Welt
Heilung für seine Stockblütigkeit zu finden. Den Hauptteil seiner
Reiseausstattung bilden Mixturen, Salben, Tränkchen, Latwerge, Pflaster,
Klistierspritzen, medizinische Folianten, Brillen, Wärmflaschen, und als
Diener nimmt er den Balthasar Schnack auf, welche Rolle Sturreganz
spielte; einen flinken, vifen, verschlagenen, lügnerischen, alle
Sprachen durcheinanderwelschenden, naschhaften, neugierigen, frechen
Burschen, der es allmählich so weit bringt, daß Baron Gemperlein in
heulende Verzweiflung gerät, sich seiner nicht mehr erwehren kann und
ihn kniefällig und um Gottes willen anfleht, ihn seinem Schicksal zu
überlassen.
Dem Inhalt nach harmloser Schwank, wurde dieses Stück durch das Spiel
von Sturreganz zu etwas höchst Ungewöhnlichem. Katarakt von Witz;
#presto furioso# der Narrheit; Hexensabbat von Irrtümern, komischen
Mißverständnissen, unerwarteten Wendungen, bizarren Verwicklungen; das
wuchs und schwoll an von Replik zu Replik, von Szene zu Szene und war
voller Extempores, impertinenter Anspielungen, voller Bewegung, Laune,
Schwung, Grazie und Geist. Seine Gestalt erst: der Leinenkittel mit
Riesenknöpfen und unter dem Bauch geschnallten Gürtel; die beredten
Hände, die unablässigen Zuckungen des Gesichts, das Verrenken der
Glieder, die diabolische Geschwindigkeit der Zunge, das geschäftige Hin-
und Herrennen, das diebische Augenblinzeln, die unverschämte
Verschmitztheit, die verstellte Unschuld, die kupplerische List, all
dies war vollkommen unwiderstehlich und von ursprünglichster Natur.
Die vornehme Zuhörerschaft ließ sich anfangs an beifälligem Lächeln
genügen. Sodann begannen Damen zu kichern. Als er im ersten
Nachtquartier mit sämtlichen Medikamenten beladen an das Bett des Herrn
keucht, ihm alles auf einmal applizieren will und dabei in schwindelndem
Tempo Sprüche zur Weltweisheit von sich gibt, vergaß das Auditorium
seine Würde und die Rücksicht auf den Fürsten und platzte los. Von da an
war kein Halten mehr. Bei der Szene, wo er, um Gemperleins Sinne
aufzuheitern, ihm die drei erlesensten Schönheiten der Stadt vorführt,
triste Schlampen in Wirklichkeit, mit ungeheurer Suada ihre Vorzüge
preist und im stillen seine eigenen Glossen dazu macht, gebärdeten sich
die Wohledlen und Unnahbaren um nichts anders als das geringe Publikum
in der Bretterbude. Es warf sie nieder. Es schwemmte die Erinnerung an
ihren Stand, ihre Orden, ihre Bürden einfach weg. Genau wie beim
geringen Volk blähten sich die Hälse, schluckerte es in den Kehlen,
schütterten die Wänste, schlotterten die Kinnladen, tränten die Augen.
Genau so bäumten sie sich, wieherten, brüllten, kreischten, tobten sie,
aber was sie ermutigte und jede Scheu brach, war alsbald die wunderbare
Wahrnehmung, daß auch der Markgraf nicht vom Sturm verschont blieb. Was
man seit Jahren nicht erlebt: er lachte. Sein Mund war offen, seine
Zähne blitzten, die erlauchte Gestalt bebte. Umsonst hatte er versucht,
zu widerstreben, die Stirn zu runzeln, sich auf Zeichen gnädiger
Akklamation zu beschränken; der Dämon da oben war stärker, die Schranken
brachen nieder, ohnmächtig gab er sich preis, die Erhabenheit preis und
platzte los, immer heftiger, immer wehrloser, und griff mit den Händen
um sich, da ihn das Lachen zu ersticken drohte.
Als das Stück mit einem grotesken Sprung Balthasar Schnacks zum Fenster
hinaus endigte, wand sich die ganze Gesellschaft wie ausgeblutet von
ihren Krämpfen, und das Chaos schriller, gellender, dumpfer, würgender
Lach- und Stöhnlaute beschwichtigte sich kaum. Der Markgraf erhob sich
schwankend von seinem Sitz: er war blaurot im Gesicht, klatschte matt in
die Hände und stammelte: »Er soll sich eine Gnade ausbitten; sogleich;
der Mann soll sich eine Gnade ausbitten.« Lady Craven, das Taschentuch
vor den Mund gepreßt und die Augen trocknend, denn sie hatte geweint,
auch sie, und atmete wie eine Läuferin, warf Herrn von Schlemmerbach
einen Blick zu, der stürzte hinter die Bühne, man wartete einen
Augenblick, plötzlich teilte sich der Vorhang wieder, Balthasar Schnack
steckte den Kopf durch, verbeugte sich grinsend, ohne daß man den
Körper sah, vor dem Markgrafen und der Lady, dienerte nach allen Seiten,
kletterte ein Stück am Vorhang empor, hüllte sich in ihn und ließ wieder
nur den Kopf sehen, zappelte mit den Beinen wie ein Affe, verzog das
Gesicht zu einem frenetisch-gaminhaften Ausdruck und rief mitten in den
Saal hinein, schlickernd, lachend, mit infernalischer Frechheit: »Wenn
Ihrer Gnaden Großmut mir eine Gnade erweisen will, so schenken Sie mir
die Ohren des Herrn Marchese! Die abgeschnittenen Ohren des Herrn
Marchese, damit sich mein Hauskater daran erlabe. Nicht auf einer
goldenen Schale wie das Haupt des Johannes, eine zinnerne genügt, eine
irdene genügt. Aber die Ohren des Herrn Marchese für meinen Kater!
Untertänigsten Dank im voraus! #Les oreilles du marchese Pescanelli!
Milles mercis!# Geruhsame Nacht!«
Es war unerhört, grausig-lustig, monströs-komisch. Ein Tuscheln ging
durch die Reihen. Viele standen erstarrt. Viele blickten in die
Richtung, wo sich der Marchese befand. Er lehnte bleich an einer Mauer.
Noch ein Grinsen von Sturreganz, ein Dienern, ein Hanswurstgelächter,
und er verschwand.
In derselben Nacht noch wurde Pescanelli nach Wilsburg, der
ansbachischen Bastille, verbracht.