Zwist

Der Tag des Spektakels ließ sich insofern unerfreulich an, als er unter

dem Zeichen markgräflicher Vapeurs stand. Die Vapeurs des Fürsten waren

gefürchtet, da sie seine Mißlaune zu Wutausbrüchen steigerten.

Sturreganz hatte also von vornherein ein schwer verrückbares Hindernis

zu besiegen. Gegen fünf Uhr noch schickte der Markgraf Botschaft, er

könne an der Veranstaltung nicht teilnehmen, wodurch alles in Frage

gestellt war und sich unter den Hofleuten Bestürzung und Ratlosigkeit

verbreitete.

Lady Craven, entschlossen ihn umzustimmen, hatte eine heftige

Auseinandersetzung mit ihm. Sie merkte gleich, daß Pescanelli im Trüben

gefischt und die Vorstellung zu hintertreiben versucht hatte, denn der

Markgraf sagte, es gehe gegen Würde und Anstand, daß er sich einen

Spaßmacher anhören solle, habe er sich doch derartige leichtfertige

Eskapaden hoch und teuer verschworen. Die Lady ärgerte sich, daß ihr

die Überraschung durch den Schleicher Pescanelli verdorben war, und sie

ärgerte sich über die Sprache ihres Geliebten. Den Marchese zu

vernichten, sparte sie sich auf; seine Stunde sollte bald schlagen; sie

war die Frau nicht, die schmutzige Betrüger in ihrer Nähe duldete.

Wichtiger war jetzt, daß sie sich die Zügel nicht aus der Hand winden

ließ und nicht der Anmaßung eines aufgequollenen Despoten unterlag.

Erhobenen Hauptes stand sie vor ihm und fragte, was er fürchte? Etwa daß

der Frost in seinen Adern taue? daß sich in seine weltfeindlichen

Gedanken ein Strahl des Lichts mische? daß die vergebliche Grübelei über

die menschlichen Mißstände aufhöre, ihm eine schlechte Verdauung zu

machen? Wolle er die deutsche Gründlichkeit so weit treiben wie die

alberne Person im Märchen, die im Keller greint, weil ein Balken von der

Decke fallen und sie erschlagen könnte? Dann ziehe sie es vor, ihre

Koffer zu packen und gastlichere Himmelsstriche aufzusuchen, wo mit dem

traurigen Überrest von Jugend noch etwas anzufangen sei.

Der Markgraf blickte erschrocken und finster vor sich hin.

»Lieber mit einem Tamburin durch die Straßen ziehen, als noch länger in

einem Palast die Leibeigene eines Henkers aller harmlosen Freuden sein!«

rief sie aus. »Lieber einem generösen Verschwender und Avanturier zum

Opfer fallen, als auf Lebenszeit verurteilt sein, vor den Falten auf der

Stirn eines Hypochonders zu zittern, der mit seinem Golde spart, mit

seiner Liebe spart, mit sich selber spart, und mit dem Genius der

Menschheit, von dem ich nur so viel weiß, daß er mich langweilt und mir

Kopfschmerz verursacht, wenn ich seinen Namen höre, am Zahlbrett sitzt

und ihm glaubt vorrechnen zu müssen, wieviel er von diesen teuren Sachen

verausgaben darf, ohne in Schulden zu geraten. Lassen Sie die Lorbeern

Ihres Vetters von Württemberg nicht schlafen, der mit dem

philosophischen Bauern Kleinjogg Arm in Arm im Schinznacher Bade

spazieren ging? Genug der Krämerwirtschaft. Genug der Seelenpharmazie.

Liegt Ihnen das Tugendkloster, in dem Sie in verhängnisvollem Wahn zu

leben sich einbilden, mehr am Herzen als das Glück Ihrer Mätresse, so

berufen Sie einen Herrnhuter Heiligen und geben Sie Lady Craven den

Abschied.«

Der Markgraf blickte immer erschrockener und immer finsterer.

Lady Craven näherte sich ihm, schmiegte den Kopf an seinen Arm und sah

lächelnd zu ihm empor. »Nachtgedanken,« flüsterte sie, »Nadelstiche aus

bösen Träumen. Lassen Sie uns die Dinge in Ruhe erwägen. Sie haben

Untertanen verkauft, das war vielleicht der Rat eines Nichtswürdigen,

wir werden über ihn noch sprechen. Weshalb gehen Sie nicht einen Schritt

weiter: verkaufen Sie doch das ganze Land, wie es steht und läuft. Das

ist der Rat einer Freundin. Die Markgräfin, so versichert der Leibarzt,

hat nur noch ein halbes Jahr zu leben, dann ist es Zeit, diesen

Mühlstein vom Halse zu streifen. Bieten Sie es feil. Überlassen Sie es

dem, der die meisten Dukaten bietet. Es wird ein hitziger Wettbewerb,

glauben Sie mir. Der Vorteil liegt auf der Hand. Sie tauschen ein

glückseliges Alter für ein betrübtes ein, und ich, ich würde mein

jubelndstes Lied in die Luft schmettern.«

Lachend schritt sie zum Spinett, das in diesem Raum stand, schob einige

dort zur Schau liegende frivole Stiche beiseite, öffnete den Deckel und

begann mit wenig geschulter, aber wohllautender Stimme zu singen: #»Le

Roi, dimanche, dit à Laverdy, le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en,

lundi!«#

Der Markgraf verharrte unbeweglich, mit großen Augen. Welch ein

Einfall, welch eine Zumutung: das Land verkaufen; die von Gott

verliehene Krone zum Gegenstand eines Schachers machen! Wie kühn, wie

verderbt, wie unsinnig. Und doch, wie plausibel im Grunde. Ledig werden

der Gewissensbürde, ledig der Verantwortung, ledig der Belästigung,

ledig der peinigenden Bilder von dem Treiben der unbekannten,

feindlichen, wachsamen, eifersüchtigen, häßlichen Menge da unten, Volk

geheißen. Wie verwegen, wie frevelhaft, wie strafwürdig; und doch, wie

verführerisch im Grunde!

Das Wort war in gelockerten Boden gefallen, die Lady wußte es. Es würde

keimen, es würde Frucht tragen, der Tag der Erlösung kam; und sie sang:

#»Le Roi, dimanche, dit à Laverdy: Va-t-en lundi!«#

Daß er bei der theatralischen Vorführung nicht fehlen werde, versprach

der Markgraf ausdrücklich. Der Kammerherr vom Dienst teilte ihm den

Titel des Stückes mit. Es hieß: Baron Gemperlein auf Reisen.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 46 / 51 题