Ein Gespräch als Ausklang

Es fügte sich, daß in der Kutsche der Extrapost, mit welcher drei Tage

später Sturreganz und Beckchen gegen Crailsheim zu fuhren, auch der

Dichter und Justizrat Uz saß, den eine Dienstreise an die

württembergische Grenze führte. Sie waren die einzigen Fahrgäste; Uz,

des Zusammentreffens froh, hatte sich kurz nach dem Verlassen der

Poststation Sturreganz vorgestellt, Sturreganz hatte dies mit der

gleichen Höflichkeit erwidert, aber die Unterhaltung kam nur langsam in

Fluß; der Schauspieler, schwarz gekleidet wie immer, brütete zumeist

finster vor sich hin, und nur wenn er sich an das Kind wandte, das er in

einem Winkel des Wagens auf Kissen gebettet hatte und von Zeit zu Zeit

befragte oder mit einer seltsam schüchternen Liebkosung anrührte,

belebte sich seine steinerne Miene, und den bitter geschlossenen Mund

verschönte ein zärtlich-zartes Lächeln. Beckchen trug schöne neue Schuhe

und Strümpfe und einen Mantel aus dunkelblauem Samt und Knöpfen aus

Perlmutter, in dem ihre winzige Gestalt noch winziger wirkte. Unter dem

Häubchen sah das sauber gewaschene, rosige Gesicht blumenhaft verträumt

hervor, und die herrlich schwarzen Augen unter den langhin geschwungenen

Brauen schienen sich nicht sattsehen zu können an der Welt und dem

beglückend Neuen, das Tag um Tag ihnen schenkte.

Es war um die fünfte Nachmittagsstunde; der Himmel, nur zum Teil

bewölkt, war in der westlichen Tiefe gerötet, gegen den Zenit mäßigten

sich die Farben vom schweren Scharlach bis zum grünlichen Blau, und Grün

und Blau und Gelb und Purpur spiegelten sich in langgestreckten Weihern,

die von keinem Fältchen gekräuselt waren. Das fränkische Land lag in

ausruhendem Frieden; kaum ein Luftzug wehte über die sanften Hügel; die

Wiesen gilbten herbstlich, die Kronen der Tannenwälder umzogen den

Horizont mit einem schwarzen Band.

Es müsse doch ein beseligendes Gefühl sein, unterbrach der Justizrat ein

lastend langes Schweigen, wenn man durch die begnadete Kunst des Wortes

Menschen so aus allen Schanzen und Befestigungen reißen könne; es sei

mit nichts sonst zu vergleichen als mit dem Triumph des Eroberers, ja,

des Sklavenbefreiers, gehoben noch durch die Genugtuung, daß es der

Geist sei, der solches bewirkte und nicht das Schwert. Denn die tiefen

und wichtigen Verwandlungen, die moralischen Revolutionen führe nur der

Geist herbei.

Sturreganz warf einen halb verwunderten, halb mitleidigen Blick in das

treuherzig-gütige Gesicht seines Gegenüber. Dann sagte er widerstrebend,

nicht dem Mann widerstrebend, sondern der eigenen Rede: »Es hat nichts

damit auf sich.«

»Wie, es hat nichts damit auf sich? Wie verstehen Sie das?« fragte Uz

erstaunt.

»Es ist zu nichts nütze, meine ich. Es ist Blendwerk. Es gibt auf der

Welt zwei bis drei Dutzend Personen, angenehme Schwärmer, die sich

einbilden, Kunst sei etwas wie ein Arkanum, ein geheimnisvolles Elixier,

und man könne den Beelzebub aus jedem Leibe jagen, wenn man es

verabreichte. Sonderbare Illusion. Sie nehmens an, sie nehmens hin, sie

klatschen Beifall und winden in günstiger Laune dem Liebling einen

Kranz; der Beelzebub bleibt drinnen. Kinderei, was anderes zu glauben.«

»Das ist eine furchtbare Skepsis,« sagte Uz traurig; »gerade von Ihnen

muß ich solche Worte hören, der sich auf einen weithin sichtbaren Gipfel

gestellt hat, wo die tragische Muse und die heitere sich die Hände

reichen. Ich bekenne offen, daß mich bei Ihren Darbietungen, so oft ich

das Glück hatte, Zuschauer sein zu dürfen, die Erschütterung über das

uns Menschen beschiedene Los ebenso heftig überfiel, wie ich die

göttliche Gelöstheit empfand, die erhabene Freiheit, die eine

unmittelbare Ausstrahlung Ihres humoristischen Genies ist. Hier ist der

Punkt, wo sich ganz Unsagbares in der Seele ereignet. Die Tiefe wird

lichter, die Höhe mysteriöser. Die Furien vermählen sich mit den

unbegreiflichen Wesen, die wir im Äther ahnen. Alles wird Sphäre, alles

wird Fülle; Satz und Gegensatz finden sich wie Mond und Sonne,

unerreichbar fern eins vom andern, und doch jedes zum andern bestimmt,

jedes ans andere genietet. Ich habe manches von den Gesetzen des

Schicksals begriffen oder doch in mir als Erkenntnis keimen gefühlt, das

mir verborgen war, ehe ich Sie sah. Und ich bin wohl nicht der einzige.

Daher sage ich: ein Mann, dem diese Zaubermacht verliehen ist, muß

wissen, was es mit ihr für eine Bewandtnis hat und was ihm die

Menschheit schuldet. Wüßte er es nicht, so wäre auch in mir selbst

Gefühl und Ahnung Lüge.«

Ein kränkliches Lächeln bewegte Sturreganz' Lippen. »Sie äußern sich mit

sehr viel Freundlichkeit,« sagte er, »und was meine Person betrifft,

kann ich Ihnen nur erwidern: es kostet zu viel. Es kostet Blut, es

kostet Leben, es kostet Herz, es kostet alles, die irdische Seligkeit

und die himmlische dazu. Was aber die Menschheit betrifft, wie Sie das

Ding zu nennen belieben, so glaube ich nicht an sie, so ist sie mir

nichts, so gibt sie mir nichts, und jeder Tag überzeugt mich aufs neue

davon, daß es eher möglich wäre, den Kaukasus auf meinen Schultern an

den Rhein zu tragen als durch das, was ich bin und tue, nur einen

einzigen Schurken von der allergeringsten seiner Schurkereien

abzuhalten. Was ists also? Wozu die Lobpreisung? Kann ich einem Mörder

den Dolch aus der Faust schmeicheln? das Gift der Verleumder entgiften?

die Augen der Habgierigen sanft machen? den Sinn der Blutdürstigen

fromm? die Dummköpfe mit Vernunft begaben? den Verrätern Treue

einimpfen? den Hungernden Brot verschaffen? den vom Unrecht

Vergewaltigten ihr Recht? Und wenn die Welt ins Elend und Verderben

rollt, kann ich in ihre Achsen greifen? Was ists also? groß? Was hat es

denn auf sich mit eurer berühmten Kunst? Eine Fata morgana mehr in der

Wüste unsrer Verzweiflung; ein Irrwisch mehr im Sumpf unsrer

Weglosigkeit.«

»Aber Sie können es nicht hindern, daß wir Sie lieben und verehren, wir

zwei bis drei Dutzend wenigstens«, sagte Uz halb erschreckt, halb

begütigend. Sturreganz schüttelte unwillig den Kopf.

Der Abend dämmerte schon. Nach einer Weile suchte Uz das Gespräch durch

die schüchterne Frage wieder in Gang zu bringen, ob Sturreganz an eine

Entwicklung der deutschen Komödie über die etwa von Stranitzky-Bernardon

geschaffenen Typen und Figuren hinaus zu einem höheren Stil glaube, an

eine Form ebenbürtig der von Goldoni oder Molière. Es scheine ihm leider

so zu liegen, daß man als Deutscher dieser Hoffnung zu entsagen habe. Es

sei kein gültiges Element da, auch kein tragendes, und wo immer eine

Gestalt keimen wolle, verliere sie sich zu früh an eine Idee. Ruhelos

werde der Deutsche zwischen Himmel und Erde auf- und niedergerissen,

ruhelos auch zwischen Osten und Westen. Es wolle sich kein Wesen bilden,

alles Geschaffene verkrieche sich, aller Kern faule in der Schale, und

der Bruder werde am Bruder zuschanden. Er seufzte.

Sturreganz hatte sinnend zugehört, dann sagte er mit schwerer Stimme:

»Deutsch ... das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist es, sehr, sehr

weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden wirren Traum

läge. Es hat keine Grenzen, und es hat keinen Leib. Es ist wie Wasser

in der Finsternis, rinnt und rinnt, und keiner weiß wohin, spricht und

spricht, und keiner weiß was.«

Er beugte sich zu dem Kind nieder, dem die Augen müde zugefallen waren,

und flüsterte mit einem Ausdruck mütterlicher Liebe, der den greisen

Dichter ergriff: #»Dormi, mia bella, dormi!«#

Da war es schon Nacht.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 48 / 51 题