Höflichkeit wird Grausen

Der Diener beschloß, das Ende der Vorstellung abzuwarten, um Sturreganz

den Bescheid des Institutsverwalters zu überbringen, da er mit gutem

Grund die Wirkung seiner Botschaft wie der zu berichtenden Wahrnehmung

fürchtete. Er ging in die Theaterbude, und als das Stück beendigt war,

trat er vor seinen Herrn, entschuldigte sein langes Ausbleiben mit

geschickt ersonnenen Vorwänden und erzählte dann, was er gehört und

erfahren. Sturreganz sah ihn unverwandt an. Seine Augen waren sonderbar;

sie glichen zwei leeren Löchern im Kopf und hatten weder Glanz noch

Ausdruck. Er möge ihn begleiten, sagte er zu dem Mann, verließ mit ihm

das Theater durch das Bühnenpförtchen und schlug den Weg nach dem

Institut ein, der ihm wohlbekannt war.

Angelangt, stiegen sie ein paar zertretene Steintreppen empor, und

Sturreganz rüttelte an einem verrosteten Glockenzug. Es schallte aber

keine Glocke. Er pochte ans Tor. Es öffnete niemand, es rührte sich

niemand. Da vernahmen sie Lärm und dumpfe Stimmen von einer andern Seite

des Hauses. Sie lauschten, schlichen an der Mauer entlang, zwängten sich

durch die morsch auseinanderfallenden Bretter eines Zauns, kamen um eine

Ecke und sahen vier Männer vor sich, von denen zwei Windlichter trugen

und zwei andere mit Aufbietung aller Vorsicht den Sarg, der dem Diener

solche Besorgnis eingeflößt, aus einer schmalen Tür schoben. Dies

gewahren und hinzuspringen, war für Sturreganz eins. Die jähe

Verwandlung, die mit ihm vorging und aus dem altmodisch gekleideten,

gravitätisch schreitenden Mann einen Tiger machte, erstaunte seinen

Begleiter dermaßen, daß er den Kopf verlor und sinnlos um Hilfe zu rufen

begann.

»Den Sarg öffnen!« befahl Sturreganz, aber da die Männer regungslos

verharrten, beugte er sich selbst nieder, zerrte mit kraftvoller Faust

den Deckel herunter, der nicht vernietet und nicht angenagelt war, riß

einem der Lampenträger das Windlicht aus der Hand, hielt es gegen die

Leiche im Sarg und trat, wie aus der Raserei erwachend, schweratmend

zurück. Das tote Mädchen, mit einem Kranz von Grashalmen im Haar, sah

sehr schön aus. Einige Menschen hatten sich unterdes zur Tür gedrängt,

das Verwalterehepaar, die Pförtnerin, die taubstumme Magd, der im Haus

anwesende Sekretär des Marchese, zwei oder drei Zöglinge, und unter

ihnen auch der kleine, schmierige, verschlafen aussehende Fingerling,

Beckchen Taube.

Sturreganz hatte den Blick gesenkt, nun hob er ihn wieder, sah die Leute

der Reihe nach an, sah das Mädchen an, das sich an den Pfosten

geschmiegt hatte, leuchtete ihm mit der Lampe ins Gesicht, streckte die

Linke mit gespreizten Fingern gegen sie und sagte leise, unsicher,

gequält, zärtlich nur das Wort: »Beckchen«.

Mochte sein, daß ein Strahl der Erinnerung Sinn und Herz des Kindes

traf; mochte sein, daß der Ton, die Stimme, die Gebärde ihr eine

unüberhörbare Mitteilung zutrug; sie regte sich, ihr Auge regte sich und

antwortete; ihre Lippen regten sich und lächelten; sie schmiegte sich

noch dichter an den Pfosten und wandte doch das Haupt; ihre winzigen,

weißen Zähne, ihre winzigen, braunen Hände, ihre winzigen kotumkrusteten

Füße wirkten jedes für sich und wie losgelöst im flackrigen Licht;

Sturreganz reichte irgendeinem die Lampe, hob das Kind auf den Arm,

flüsterte ihm Verworrenes zu, und Beckchen schaute ernsthaft denkend vor

sich hin. Dem Begriff blieb nichts zu fassen, nur der Ahnung;

verschollener Laut, Wirrwarr von Längstentschwundenem; zum erstenmal

fühlte sie sich an einen Menschenkörper gedrückt, zum erstenmal

aufgehoben und genommen. Vater klang es; rätselhaftes Wort. Sie blickte

zu der taubstummen Magd hinüber und fing auf einmal herzlich zu lachen

an, und dann, in der überquellenden Freude, stieß sie den dünnen,

rufenden Pfiff aus, und keine halbe Minute verfloß, da kamen sie schon

aus ihren Ritzen und Löchern, aus den Gängen und Höhlen, die Mäuse, die

jahrelangen winzigen Freunde, die Gespielen, die Vertrauten. Mit

lockerem Schwenken des Arms winkte sie hinab wie zum Gruß oder zum Dank;

die Tiere schienen zu spüren, daß es Trennung und Abschied galt, es

entstand Aufruhr unter ihnen, und als sich Sturreganz mit dem Kind auf

dem Arm zum Gehen wandte, liefen sie wie unter der Gewalt einer

Zauberbeschwörung in grauen Scharen hinter ihm her.

Der Menschen, die es sahen, der Sargträger, des Gesindes, der

Anstaltsbeamten, der Zöglinge bemächtigte sich abergläubisches

Entsetzen, um so mehr als sie nun erkannten, wer an der Mäuseplage

schuld war. Nach und nach wich die Erstarrung von ihnen; es war

strafwürdiger Frevel geschehen; der Raub des Kindes war Frevel, das

Öffnen des Sarges war noch schwererer Frevel; die Pförtnerin schrie nach

der Polizei, der Verwalter schickte einen Mann auf die Wache, und da er

durch den Brief, den er am Nachmittag erhalten, den Namen des

Eindringlings erriet, setzte er dem Sekretär des Marchese den

Sachverhalt aufgeregt auseinander. Sturreganz' Diener, der halb von

Furcht bezwungen, halb in Sorge wegen der Folgen des Unternehmens

seines Herrn zurückgeblieben war, suchte die Gemüter zu beschwichtigen,

doch versicherte man sich seiner Person, und als der Wachkommandant mit

drei Gendarmen erschien, wurde er sogleich in scharfes Verhör gezogen.

Daß der Übeltäter zu verhaften sei, war nicht zweifelhaft, und nachdem

sie sich über die Natur des Verbrechens hinlänglich informiert hatte,

begab sich die Polizeimacht, den Helfershelfer des Räubers und

Sargfrevlers in ihre Mitte nehmend, zum Stern-Gasthof.

Dort hatte das Erscheinen Sturreganz' mit dem Mäusezug hinter sich

ebensolches Entsetzen hervorgerufen wie vor dem Institut und in der

Gasse der pokulierenden Bürger, aber als dann von allen Seiten Menschen

herbeiströmten und lärmender Stimmentumult entstand, hatten sich die

Tiere ängstlich verlaufen. Es dauerte nicht lange, bis die Polizisten

auf den Plan traten, und unter neugierigem Andrängen, Rufen und Fragen

der Leute brachten sie Sturreganz in das Stadtgefängnis, das nicht weit

entfernt war. Er ließ alles willig mit sich geschehen, nur als man ihm

das Kind wegnehmen wollte, verweigerte er die Herausgabe und zwar in

einer so entschlossenen, furchteinflößenden, ja großartigen Manier, daß

dem Kommandanten Bedenken gegen anzuwendende Brachialgewalt aufstiegen

und er sich darein fügte, ihm das Mädchen vorläufig zu lassen. Kaum

hatte Sturreganz den Gefängnisraum betreten, als Beckchen in seinen

Armen entschlief; er wollte sie nicht auf die Pritsche legen, sondern

behielt sie die ganze Nacht über im Arm, sich kaum getrauend eine

Bewegung zu machen, und als das erste Frühlicht durch das vergitterte

Fenster schien, erquickte er sich an dem sorglos süßen Lächeln auf ihrem

Mund.

Die Kunde, Sturreganz befinde sich in Polizeigewahrsam, durchlief wie

Brandgerücht die Stadt, und einer der ersten, der davon erfuhr, auf

dienstlichem Wege und genügend verläßlich durch die unmittelbare

Zeugenschaft seines Sekretärs bei den nächtlichen Ereignissen, war

Marchese Pescanelli. Er war höchst unangenehm berührt. Die öffentliche

Aufmerksamkeit auf sein Institut gerichtet zu wissen, verursachte ihm

die peinlichsten Empfindungen; sodann war es gerade dieser Komödiant,

den er zur Befestigung seiner gefährdeten Stellung hatte benutzen

wollen. Wenn es gelang, einen solchen genialen Spaßmacher, als welcher

ihm Sturreganz von Kennern geschildert worden, in die Umgebung des

Markgrafen zu bringen, ihm vielleicht eine Art Hofnarrenposten zu

verschaffen, war man vielleicht gerettet, denn es stand zu vermuten, daß

sich die morose Strenge der Lebensauffassung, die sich der Allvermögende

zu eigen gemacht, und die tierische Verstocktheit der Gemüter um ihn

wirksam beeinflussen und verändern ließe. Wo in aller Welt konnte ein

besserer Mittler gefunden werden? Um diesem Ziel näher zu kommen, war es

notwendig, daß sich Sturreganz in einer Paraderolle bei Hof zeige, und

hierzu wieder mußte man der Polizei ihre Beute aus dem Rachen reißen und

die Torheit maskieren, deren sich der Inhaftierte schuldig gemacht; kein

schwieriges Unterfangen in einem Staat, deren Bürger daran gewöhnt

waren, daß berechtigtes Interesse der Justiz ihren Spruch ablistete oder

schnöd durchkreuzte.

Um aber den Hauptteil seines Plans ins Werk zu setzen, bedurfte der

Marchese Lady Cravens Hilfe. Er säumte nicht und ließ sich bei ihr

melden. Sie empfing ihn gnädig. Mit äußerster Geschmeidigkeit brachte er

sein Anliegen vor. Ihn treibe die Sorge um das geistige und leibliche

Wohl des geliebten Herrn; beklagenswert dünke ihn die Abkehr von den

Elementen der Lebensfreude und theatralischen Zerstreuung, die einem

Fürsten so heilsam sei wie die unerschütterliche Pflichttreue für den

Untertan respektabel, ja zur Adoration zwingend. Demnach und in

Anbetracht der schicklichen Gelegenheit gebe er zu erwägen, und so

weiter; das Projekt wurde eröffnet.

Seine Tiraden langweilten die Lady bis zum Gähnen. Was er von Sturreganz

sagte, erregte ihre Teilnahme. Sie hatte von ihm gehört. Sie wünschte

ihn zu sehen. Freilich, was für ein abscheulicher Name; was für ein

häßliches deutsches Gepolter von einem Namen. Der Marchese bemerkte

bescheiden, man habe ihn belehrt, der Name sei die Verballhornung eines

italienischen; in Wahrheit hieße der Mann Storregammato; auch sei er im

Umgang des Französischen vollkommen mächtig, habe er sich sagen lassen,

da er stets bei großen Herren gedient. Lady Craven überlegte und

versprach ihre Unterstützung, doch müsse man vorsichtig verfahren,

meinte sie, der Markgraf liebe es nicht, überrumpelt und vor #faits

accomplis# gestellt zu werden; und nur wenn man des guten Ausgangs

sicher sein dürfe, biete sie die Hand zu der verwegenen Intrige. Man

möge ihr diesen Storregammato bringen.

Erste Folge dieses Gesprächs: Sturreganz' Entlassung aus dem

Polizeigewahrsam.

Zweite Folge: Besuch Pescanellis bei Sturreganz im Gasthof zum Stern.

Der Marchese, Hofkavalier vom Scheitel bis zur Sohle, war gekommen, um

Gunst zu spenden. Er ließ sich lässig auf einen Stuhl fallen, warf Bein

über Bein, zog die Handschuhe von den beringten, schneeweißen Fingern,

schlenkerte sie spielend in der einen Hand, dann in der andern, redete

in einem hohen, singenden, larmoyanten, etwas ermüdeten, etwas

verächtlichen Ton, hüstelte, zog die Lorgnette, setzte sie flüchtig an

die Augen und wurde allgemach über irgendein unbestimmtes Etwas an

seinem Zuhörer und Gegenüber unruhig.

Was war das für ein Mann mit zwei lichtlosen braunen Steinen im Kopf

statt der Augen, einer schiefen Nase und einem Gesicht, das ebensogut

das eines Siebzigjährigen wie eines Vierzigjährigen sein konnte? Und das

schwarze Habit, die feierliche Miene? Doch das alles war es nicht, was

den Marchese stutzig machte, sondern die Höflichkeit des Menschen war

es, undurchdringliche, glatte, gleichmäßige, penetrante und abgefeimte

Höflichkeit, wie ihm nie eine ähnliche untergekommen, bei Untergebenen

nicht, bei Gleichgestellten nicht. Höflich lauschte er, höflich erklärte

er sich mit den Vorschlägen einverstanden, höflich entwickelte er sein

Programm, höflich nannte er sein Honorar; nichts zu tadeln, nichts zu

bemäkeln. Dennoch war sie wie beständiger heimlicher Hohn, diese

Höflichkeit; es war etwas verborgen hinter ihr, wie wenn ein tückischer

Kobold hinter einem schwarzen Vorhang kichert und grinst; sie

durchstrich sich selbst, karikierte sich selbst und war dabei an keiner

Stelle und in keinem Wort nur im geringsten angreifbar. Der Marchese

empfahl sich ziemlich hastig, nachdem die Präsentation bei Lady Craven

für den andern Mittag vereinbart war.

Dritte Folge: Sturreganz, bei Lady Craven durch Pescanelli zur Audienz

eingeführt. Es dauerte diese Audienz über Erwarten lange, denn sie nahm

in ihrem Verlauf eine eigentümliche Form an. Form eines Verhörs, einer

Umzingelung durch hinterhältige Fragen, einer niederträchtigen Hetzjagd,

wobei der Veranstalter, der Umzingler, der Fragensteller Sturreganz war,

der Marchese das mit kaltem Schweiß bedeckte Opfer und Lady Craven die

mehr und mehr erstaunte, mehr und mehr erblassende Zeugin. Nachdem die

zur höfischen Veranstaltung unerläßlichen Vorbesprechungen erledigt

waren, - Lady Craven hatte vom Markgrafen gestern noch auf delikate Art

die Erlaubnis zu einer abendlichen Aufführung im großen Tanzsaal erwirkt

und ihn auf eine sublime Überraschung vorbereitet, - erschöpfte sich

Sturreganz in einer höflichen Danksagung gegen die Lady und fügte hinzu,

einen nicht unerheblichen Teil der Erkenntlichkeit für die erwiesene

Gnade sei er auch dem Herrn Marchese schuldig. Er wandte sich an ihn. Er

erkundigte sich, wie der Herr Marchese die Nacht verbracht habe und ob

es verstattet sei, ihm ein tiefempfundenes Beileid mit dem Trauerfall

auszudrücken, der sich unter seinen Schützlingen ereignet habe.

Pescanelli biß sich auf die Lippen und wünschte das demütig vorgetragene

Mitgefühl zu allen Teufeln. Lady Craven sah ihn neugierig an, aber

Sturreganz hatte schon wieder das Wort ergriffen und beglückwünschte

noch im selben Atem fast den Marchese zu der unendlich segensreichen

Wirksamkeit im Dienste Terpsichores. In seiner Schwärze und mit der

ganzen gefrorenen, unanzweifelbaren, gespensterhaften Höflichkeit, die

dem Marchese von Sekunde zu Sekunde mehr zur Grimasse wurde, aus der er

den Kern, den Sinn, die Absicht nicht herausfand, trat er näher vor

Pescanelli hin und fragte mit dringlicher Wißbegier, ob sich die

exemplarischen Einrichtungen der Anstalt bewährt hätten, deren Ruhm über

Europa verbreitet sei; kehrte sich gegen Lady Craven und bat sie mit

einer tiefen Verbeugung um Nachsicht für sein spezielles Interesse, aber

er handle im Auftrag eines Höheren, der das Unternehmen schon lange mit

verwundertem Auge betrachtete. Der Marchese gewann die Haltung wieder

und glaubte an die Einfalt und die höflichen Argumente des Menschen;

geschmeichelt leckte er seine Lippen, zur Antwort bereit, doch

Sturreganz, in verehrungsvollem Eifer, ließ ihn nicht dazu gelangen, und

nun kam Schauerliches. Ihm leuchte vor allem als nicht genug zu

preisendes Edukationsmittel die klösterliche Zucht ein, sagte

Sturreganz, und seine Höflichkeit verstieg sich zu einem entzückten

Augenaufschlag; die Kunst fordere Enthaltung, und er billige es

durchaus, daß die jungen Pfleglinge der Anstalt hungern müßten, daß sie

in schmierigen und geflickten Fetzen gekleidet gingen, daß sie

ununterbrochene Arbeitsfron zu leisten hätten, daß die Öfen in ihren

Stuben zerfallen, die Kamine verstopft, die Fenster in Scherben

zersplittert seien; daß sie im Winter frören, im Sommer in Gestank und

Unrat versänken, und daß sie in jeder Weise wie zur härtesten Buße

verdammte Strafgefangene gehalten seien; ja, es leuchte ihm über alle

Maßen ein, er habe auch gegen jedermann, der anderer Meinung gewesen,

aufs Nachdrücklichste eine solche Disziplin verfochten; gewiß entspringe

sie der hohen Erkenntnis des Herrn Marchese; oder nicht? O gewiß; dem

außerordentlichen Einblick gewiß in das Wesen der Kunst, die das Ideal

in unerreichbare Fernen rücke, der bewundernswerten und von allen

Koryphäen und Fachautoritäten gutgeheißenen Absicht, die gemeine,

boshafte, schmerzliche Wirklichkeit auf jede mögliche Weise noch

gemeiner, boshafter, schmerzlicher zu gestalten, sogar sie bis auf einen

schlechthin unerträglichen Grad herabzudrücken, um in den verzweifelten

und gequälten Herzen die Flamme der Sehnsucht um so reiner zu entzünden,

den begnadeten Traum, die Ekstasen des Verlangens, die Gewalt der

Leidenschaft, mithin den klaffenden Widerspruch zwischen unterer und

oberer Region gleichsam auf dem Weg einer geistreichen Allopathie

fruchtbar zu machen. Das nenne er eine menschliche Aufgabe an der

tiefsten Wurzel fassen, und ein solches Beginnen in den Augen der

blöden Welt als vorbildlich hinzustellen, sei ihm Pflicht und Bedürfnis.

Nein, der Herr Marchese möge ihm nicht widersprechen, Bescheidenheit sei

hier nicht am Platze; wenn er eine Bitte wagen dürfe, sei es die, ihm

gnädigst nähere Daten zu geben: erstlich, wie man mit dem pädagogischen

Ergebnis im allgemeinen zufrieden sei, und dann, er holte Atem und seine

Stimme flötete förmlich vor Ehrerbietung, indes dem Marchese zumut war,

als würde er langsam geröstet, dann habe ihm sein hoher Gönner sich zu

unterrichten befohlen, wie der Verkauf der mannbar gewordenen und

leiblich wohlgediehenen Zöglinge auf den Geist des Instituts wirke? Dies

erscheine ihm nämlich als der am grandiosesten erdachte Erziehungs- und

Lebenseingriff; seine Durchführung lasse auf antike Charakterkraft

schließen und befinde sich in angenehmem Gegensatz zu der heutzutage

üblichen Empfindsamkeit. Empfindsamkeit sei ein vulgäres Element und ein

fortschrittfeindliches; hier aber sehe er zu seiner Freude die richtige

Anschauung bis zur letzten Konsequenz durchgeführt, daß Tanz und Eros

verschwisterte Genien seien; man könne den nüchternen und plumpen

Deutschen gar kein großmütigeres Geschenk machen, als es der Herr

Marchese damit getan habe.

Eine devote Reverenz beendigte die Rede.

Pescanelli wußte nicht, wohin den Blick wenden. Seine großen fleischigen

Ohren waren rot wie Mohnblüten, seine Lippen kreideweiß. Lady Craven sah

ihn an, sah ihn unablässig an, entgeistert, fröstelnd, stumm. Sturreganz

aber sah die großen, fleischigen Ohren des Marchese an, höflich,

dienstwillig, stumm. Lady Craven mußte das Kopfnicken wiederholen, durch

das er sich als entlassen zu betrachten hatte. Abermalige tiefe Reverenz

vor der Dame, Verbeugung vor dem Marchese, und mit steinern höflichem

Gesicht verließ er rückwärts schreitend den Raum.

»Ein Schwätzer und Schalksnarr,« knirschte der zermalmte Jasager; »man

müßte ihn in den Kerker werfen oder Landes verweisen.« Er lachte

gezwungen.

»Der Mann wird am Sonntag Abend vor uns agieren, Marchese«, sagte Lady

Craven mit kalter Hoheit, wandte sich und ging. In ihrem Boudoir dann

stürzte sie vor einem Sessel in die Knie, brach in einen kindlichen

Tränenstrom aus und schluchzte in ein seidenes Kissen hinein: »So soll

ich also verkommen in einem Land, wo die Scapins und Harlekine noch

unheimlicher sind als die Schurken, die sie entlarven.«

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 45 / 51 题