Sturreganz hatte es nicht wagen wollen, das Kind früher anzufordern, als
bis der Ruf gewichtig wurde durch Leistung und Ansehen. Er hatte es
vermieden, sich an die Behörde zu wenden, weil er ihre Schliche, ihre
Faulheit und ihre Abhängigkeit kannte. Er war von Anfang an auf Kampf
gefaßt gewesen, denn er hatte von der Mißhandlung und Verhöhnung alles
Rechtes eingefleischte Erfahrung. Fest stand für ihn, daß er das Ziel zu
erreichen habe, das allein ihn in diese Stadt geführt, das allein ihm
vorgeschwebt in all den Jahren der Wanderschaft.
Dahinter lag viel an Schicksal. Flucht und Not und Verfolgung; Leibesnot
und Geistesnot; Verfinsterung aller Dinge; Verlust alles Glaubens an
Menschen und Menschheit, an Zukunft und göttliche Gerechtigkeit. An dem
Tage, wo es ihm gelungen war, vor der Einschiffung im holländischen
Hafen einer Sklaverei zu entrinnen, die im bloßen Gedanken schon seine
Brust zu einem Sammelpunkt von Haß, Gram, Abscheu, Trotz und
Verzweiflung machte, denn niemand hatte einen höheren, stolzeren,
leidenschaftlicheren Begriff von Freiheit als er, an dem Tag hatte er
nicht nur seinen Namen verwandelt, sondern auch sein Inneres. Das
Weiche, Empfindliche, Empfängliche, Schwärmende, Sinnende, auch im
Selbstspott noch Glänzende, das Zarte, Gläubige, Schwankende,
Seelenhafte war abgetan, und der Mensch innen hatte einen eisernen
Panzer gegen den Menschen außen, so wie der Mensch außen wieder gegen
die Welt. Taube wußte nichts von Sturreganz, Sturreganz wußte nichts von
Taube oder nahm ihn nicht an; der eine lebte da, der andere lebte dort,
der eine zimmerte das neue Leben, der andere tilgte das alte in sich
aus.
Bis auf eine ferne Gestalt. Bis auf ein Kind, das großerstaunte Augen
hatte, fein- und langgeschwungene Brauen und die Figur einer
porzellanenen Puppe. Im Hinblick auf dieses allen beiden zugehörige
Wesen schlossen Taube und Sturreganz einen Bund und bauten einen
Mittlerweg, wo sie sich trafen und verständigten. Sie nannten es in
ihren Beschlüssen und düstern Träumen das Menschlein, oder die Gefangene
von Ansbach, oder das markgräfliche Unterpfand. Es durfte nie vergessen
werden, nicht einen Augenblick; mahnte Taube nicht, so mahnte
Sturreganz; es war wie ein kostbares Juwel, das zur Einlösung bereit
lag, und für das man Kapital zusammenscharren mußte, es war der Anreiz,
die Lockung zu Taten, der ununterbrochene Trieb zur Entfaltung. Es war
das, worin sich alle sonst verschwendete, verworfene, verirrte,
entschmückte, beleidigte Liebe vereinigt hatte. Insiegel des Wirkens und
des Geschehens. Taube gab die Richtung an; Sturreganz ging den Weg;
Taube stand am Kompaß, Sturreganz führte das Steuer; Taube war der
heimliche, feurige, ungeduldige Regent, Sturreganz der stumme, harte,
arbeitsame Verrichter. Vierzehn Monate lag Sturreganz nach seiner Flucht
in der Hütte eines Nordseefischers krank; länger als zwei Jahre rang er
in den Ländern der rheinischen Fürsten um Brot, um Dienst, um Stellung
und Ruf; da bewährte sich Taubes glühender Geist dem Verdunkelten und
Erbitterten gegenüber, seine Gabe der Erfindung und Überredung, sein
schlauer, tiefer Wille. Und in der Frage, die einzig von Wichtigkeit
war, faßte Sturreganz unbedingtes Vertrauen zu ihm. In allem andern
erwies er sich unzugänglich und von dürrem Eigensinn, fand sogar die
Doppelheit der Existenz nicht selten lästig.
Es gibt ein Etwas im Gefühl eines Vaters, das ins Ewige deutet und bei
dem es um Schöpfung und den Schicksalsweg der Geschlechter geht. Es
beschließt die Verantwortung in sich und die Rechtfertigung; Bestätigung
vor dem nie schweigenden Frager nach dem Warum allen Tuns;
Verschwisterungsangst, Wurzelangst, Gipfelangst, Hinlangen nach dem in
jedem armen Ich vergrabenen Stück Unsterblichkeit.
Und es gibt ein Gebot des Bluts im Vater, namentlich der Tochter
gegenüber, das ist erdhafter. Da sucht er die Gestalt seiner Frühlings-
und Spätlingsträume wieder, die nie gefundene; da will er herrschen
durch die Liebe und lieben durch die Macht. Da ist Besitz,
unumschränkter und durch die Natur verbriefter, da besitzt er einen
Menschen und in ihm sich selbst, den, der wird, an ihm, der vergeht, und
der in einem geheiligten Kreis seine Sinne aufhören macht, zu dürsten.
Das weist die Richtung, in der jeder von den beiden ging, Sturreganz
und Taube.