Fingerling

Daß Beckchen Taube mit drei Jahren in das Pescanellische Institut kam,

ist schon bekannt. Madam Heberlein hatte sie eines Tages

kurzentschlossen hingeführt, weil sich niemand ihrer annehmen wollte.

Bankert und Komödiantenkind: beides war zu viel.

Der Verwalter schüttelte den Kopf. In so frühem Alter hatte man noch

keine im Haus gehabt. So zart und gebrechlich überdies, die verdarb

einem ja, wenn man sie anfaßte. Mochte sie immerhin versprechen, eine

niedliche Person zu werden, darüber verhandeln ließ sich erst in ein

paar Jahren. Dann müsse das arme Balg auf der Gasse krepieren oder auf

den Schindanger geschafft werden, erklärte Madam Heberlein, da es ja ein

Waisenasyl oder sonstige Versorgung in der Stadt nicht gebe; sie selber

sei mit sechsen gesegnet und habe Not, die Mäuler zu füttern. Möge sie

tun, was ihr beliebe, war die Antwort; das Institut sei seit neuestem

ohnehin auf schmale Bezüge gesetzt und könne bei fortdauernder Kalamität

leicht aufgelöst werden.

Selbst Eingeweihte munkelten mehr als sie wußten, daß der Name

Tanzschule längst nur noch das unverfängliche Aushängeschild war; die

eigentlichen Ziele wurden mit Umsicht und Vorsicht vor den Augen der

Welt verschleiert. Es hatte sich ergeben, daß der Marchese sich das

Beispiel seines Herrn insofern zunutze gemacht hatte, als er den von ihm

erkannten Wert von Menschenware nach seiner Weise in klingende Münze

umsetzte. Er hatte den Ehrgeiz nicht mehr, die heranwachsenden und zum

Liebesdienst tauglichen Rekrutinnen für unbestimmte Zeit und ungewissen

Zweck aufzusparen, sondern verlegte sich darauf, sie bei günstiger

Gelegenheit zu verschachern. Allerdings konnte der Handel nicht so in

großem Maßstab betrieben werden wie der des Markgrafen, war auch nicht

gleicherweise geschützt durch die Machtvollkommenheit des unumschränkten

und unverletzlichen Gebieters; somit waren die einzuschlagenden Wege

dunkle Wege. Aber war am gehegten Spalier eine Frucht reif geworden und

gelang es, sie am richtigen Ort in die richtigen Hände zu spielen, so

war der Profit beträchtlich und die verschwiegenen Helfer wurden gut

bezahlt. Was wollt ihr, Fleisch ist Fleisch; ob es Gott wohlgefälliger

war, wenn man es dazu zwang und dressierte, unter Kartätschenhagel eine

Festung zu stürmen oder den Großmogul und den Khan in der Walachei zu

vergnügen, konnte erörtert werden, Gewissensbisse verursachte es nicht.

Was die Früchte und das Reifwerden betraf, war die gärtnerische Obsorge

gering. In der Hauptsache verließ man sich auf die gütige Mutter Natur,

die damals bei den Menschen einen gewaltigen Stein im Brett hatte. Die

sich verheißend entwickelten, wurden betreut und nach Kräften geschont.

Doch man lebte nicht in Toskana, sondern unter einem rauhen Himmel ohne

aphrodisische Gaben. Solche, bei denen nur auf kärglichen Ertrag zu

rechnen war, mußten nähen, sticken, flicken, scheuern, Körbe flechten,

Glasperlen fädeln und Flachs verspinnen. Zweimal zwei Stunden

wöchentlich kam Maître Herbois, der Tanzlehrer, und wendete redliche

Mühe auf, damit das Firmenschild nicht ganz zur Lüge werde. Auch hier

waren die Talente spärlich; das markgräfliche Ballettkorps hatte bis

jetzt keine nennenswerte Bereicherung erfahren. Der Marchese sagte, die

Frauen in diesem Land kämen mit Mammutfüßen auf die Welt.

Es fügte sich, daß Madame Heberlein, als sie das Haus verlassen wollte,

ein Gespräch mit der Pförtnerin anknüpfte und dieser ihr Leid klagte,

oder des Kindes Leid, das sie an der Hand nach sich zog. Zuweilen fällt

ein Strahl des Erbarmens in die verfinstertsten Seelen; die Pförtnerin

musterte Beckchen mit günstigen Augen; die rosigen Wangen und der offene

Blick des Kindes gefielen ihr; sie sagte, wenn ihr der Verwalter die

Kostzulage bewillige und ihr Mann nichts dawider habe, wolle sie das

Wurm bei sich behalten. Der Verwalter erklärte sich nach langem Bitten

bereit, der Mann maulte und gab sich schließlich zufrieden, und Beckchen

hatte eine Zuflucht. Die Pförtnerin war ein verlottertes Frauenzimmer

und lebte mit dem Trunkenbold von Mann in kinderloser Ehe. Die

gutmütige, vielleicht auch nach einem so jungen Wesen sehnsüchtige

Regung, die sie bestimmt hatte, Beckchen aufzunehmen, verflüchtigte sich

bald, und das Kind ward nichts weiter als ein Stück Hausrat, das man von

einem Winkel in den andern schiebt und vergißt.

Es schlief in einem dunklen Verschlag zwischen Treppe und Keller. Es war

immer schmutzig, immer hungrig und immer allein. Manchmal putzte es sich

am Brunnentrog das Gesicht, manchmal schlich es in die Küche und las

einen Brocken auf oder kratzte eine Schüssel aus, aber Gesellschaft war

nicht zu finden; das Haus unterlag strenger Absperrung; der

Altersunterschied auch gegen die jüngsten Pensionärinnen war zu

erheblich, auch stand Beckchen in der Rangordnung der Geschöpfe tiefer

noch als selbst die letzte.

Beckchen lernte schwer sprechen, dafür lernte es, sich in verlassene

Ecken zu schmiegen und sich vor den groben Gliedmaßen und plumpen

Schritten der Erwachsenen eidechsenflink in Sicherheit zu bringen.

Eidechse, das war das Gleichnis für ihr Sein, ihre Gestalt und ihr Tun.

Wie die Eidechse hatte sie ihre Schlupflöcher und Verstecke. Der

gelenkigste Knabe hätte dorthin nicht dringen können, wo sie mit ihrem

winzigen Körper mühelos sich barg. Zwischen Balken und Brettern, so

dicht sie standen, war immer noch Raum für sie; in einem zerfallenen

Regenfaß, in einer Mauerbresche, hinter einem Schrank, in der schmalsten

Dachluke und unterm Herd, wo Holz geschichtet war. Sie vermochte sich in

einer Weise unscheinbar zu machen, daß die Leute, ohne sie zu gewahren,

vorbeigingen, wenn sie auf dem Treppenabsatz oder neben der Torschwelle

kauerte, und richtete einer das Wort an sie oder wollte sie anrühren, so

war sie entschlüpft, eh er es recht wußte.

Der Trunkenbold starb, die Pförtnerin verzog ins Schwäbische, eine neue

kam, und nun kümmerte sich überhaupt keine Seele mehr um Beckchen. Die

Küchenmagd stellte ihr eine Schüssel mit Brotsuppe aufs Anricht, und

Stücke Brot trug sie in der Tasche herum und knabberte daran, wenn sie

der Hunger überkam. Fiel ihr das Kleidchen in Fetzen vom Leibe, so war

es wieder die taubstumme Magd, die einen andern Fetzen beschaffte,

zusammengestückelten Abfall und Wegwurf, der dann ein paar Monate die

Blöße verhüllte und vor der schlimmsten Kälte schützte. Die stumme Magd

war der einzige Mensch, mit dem Beckchen redete, und aus der Bemühung

heraus fand sie die Worte und gewann neue Worte, sonst hörte sie nur,

was aus Türen und Fenstern drang, was an Schall und Schrei durch die

Gasse lief, was hinter den Wänden murmelte, klagte und schalt.

Aber sie liebte es, zu sprechen. Da niemand mit ihr plauderte, plauderte

sie mit sich selbst. Auf der obersten Stiege, wo Spinnweben das Geländer

überzogen, war sie schon weit von Menschen fort und hielt ihre

Selbstgespräche, in denen es sich um Gelüste handelte, Gelüste nach

gutem Essen und schönen Kleidern und nach einem Bett, wie sie es bei der

Verwalterin gesehen. Erwägung, wie es wäre, wenn das und das geschähe,

das Haus umstürzte, die Sonne verlöschte, Spinnen fliegen und Steine

gehen könnten, dumpfe Vorstellungen von Wandlung der Dinge, Zauberei in

den Dingen. Vater und Mutter hatte sie vergessen; von dieser war nur

Erinnerung an ein weißes Gesicht im Sarg verblieben; von jenem etwas

unendlich Fernes und Gestaltloses in einer Region, wo es keine Namen

mehr gab.

Das mit den Mäusen begann, als sie fünf Jahre alt war. Da lag sie einmal

krank in ihrem Verschlag, der ein wenig Licht von der Seite erhielt und

am Abend sogar durch ein Öllämpchen neben der Stiege. Aber auch in der

Dunkelheit konnten ihre Augen alles sehen; die Nadel in der Dielenritze

hätten sie entdeckt. Es geschah, daß eine Maus an ihr Lager kam, hin und

her trippelte, stehenblieb, sie mit den schwarzen Perlchen von Augen

beguckte, den Schwanz ringelte, sich auf das Hinterteil setzte und im

ganzen sich merkwürdig vernünftig betrug. Nach einer Weile erschien eine

zweite, und wieder nach einer Weile eine dritte. Beckchen freute sich

der lebendigen Kreaturen, doch hütete sie sich, die Freude durch heftige

Bewegung zu zeigen; beim vorsichtigsten Laut aus ihrem Munde flüchteten

sie schon. Aber dann kehrten sie zurück; Beckchen streute ihnen

Brotkrumen hin; das flößte Vertrauen ein; es kam eine vierte, eine

fünfte, und die erste wurde nun so kühn, daß sie den Teller erklomm, der

noch von Mittag dastand, und den Suppenrest aufleckte.

Von da ab stellte sich Beziehung her und wurde dauernd und fortwirkend,

als sei eine magische Kraft in dem Kind, als bekräftige sich dadurch

ihre Entfernung von den Menschen. Wenn sie sich niederlegte, schlüpften

die Mäuse aus den Spalten, zuerst sechs, acht, zehn, dann ein Dutzend

und mehr. Sie wußte einen dünnen, gedehnten, pfeifenden Ton, auf den sie

hörten, der sie sicher und zutraulich machte. Sobald sie das Kribbeln,

Trippeln und Rascheln vernahm, lächelte sie, und wenn die glitzernden

Augen ringsum auftauchten und wie zwergenhafte Irrlichter hin und her

huschten, legte sie sich platt auf den Bauch und sah stille zu. Kam der

Schlaf, so schloß sie ruhig die Augen, und wenn sie erwachte, brauchte

sie nur zu pfeifen, und schon zwängten sie sich aus den Löchern.

Allmählich wurde es so, daß an allen einsamen Orten, wo sie sich

niederließ, Mäuse um sie waren. Es ist nicht nur die Möglichkeit,

sondern auch die Tatsache solcher Verhältnisse verbürgt, so selten sie

auch in Erscheinung treten. Die Sage weist darauf hin, und unter den

vielfachen Kräften, die in Menschenseelen versenkt sind, ist diese die

geheimnisvollste bei weitem nicht. Es gab im Odenwald eine Pächterin,

die die Vögel in der Luft zu sich rufen konnte, und alles Getier, das

sich im Forst verborgen hält, auch das scheueste, Rehe, Füchse, Marder

und Wiesel, und es wird von einem Jüngling im Elsaß erzählt, daß er eine

unerklärliche Anziehung auf Fische übte, die ihm in unabsehbaren Scharen

folgten, wenn er über den Rhein schwamm. Da ist ein Ruf im Blut und

schlummernde Erinnerung an das Eins-sein aller Urnatur, die gebietet: du

sollst nicht wissen, du sollst nicht vergleichen und du sollst dich

nicht sondern. Beckchen gewahrte mit Lust, daß ihre Anhängerzahl sich

von Monat zu Monat vermehrte. Abgesandte aus dem Innern der Erde, Wesen,

mit denen sie Zwiesprache halten konnte und über die sie Macht gewann.

Die Menschen, unter denen sie fast unbemerkt und ungesehen lebte,

erlangten keine Kenntnis von all dem, sonst wäre ihres Bleibens im Hause

wohl nicht länger gewesen; jeder nahende Schritt, jede Stimme, jedes

verdächtige Geräusch verscheuchte die Tiere, und wenn sich dann jemand

von den Riesen zeigte, sah er das Kind, die kleine schmutzstarrende

Kreatur mit den beständig rosigen Wangen, in einer Ecke kauern, im Hof,

im Flur, in einem ausgeräumten Saal und eigen vor sich hinlächeln,

benommen, heimlich, listig lächeln. Hätte sie ihren Pfiff ertönen

lassen, so wären die Mäuse trotzdem gekommen, das wußte sie, sie hatte

es einmal erprobt, als sie eines Nachmittags in der Dämmerung von

einigen Pensionärinnen im Tanzsaal überrascht worden war. Die großen

Mädchen umstanden verwundert das winzige schmutzige Geschöpf mit dem

feinen zarten Gesicht, den leuchtenden schwarzen Augen und entzückend

feingebogenen Brauen. Da hatte Beckchen nicht zu widerstehen vermocht

und hatte den kaum hörbaren Pfiff ausgestoßen, und die Mäuse waren

hervorgekrochen, zwanzig, dreißig auf einmal; aber kaum waren jene der

ersten ansichtig geworden, als sie laut kreischend davonliefen.

Der Zwischenfall war in Vergessenheit geraten, und es kam niemand

darauf, in Beckchen die Urheberin zu suchen, als die Mäuse nach und nach

erschreckend überhand nahmen und zur richtigen Plage wurden. Man streute

Gift, stellte Fallen, brachte Katzen ins Haus, räucherte und schwefelte

die Löcher aus, vermörtelte die Ritzen; alles umsonst. Keine Kammer war

mehr sicher, die Vorräte wurden angenagt, das Holz der Schränke

durchgebissen, Betten, Kleider, Schuhe zeigten Spuren der Verheerung,

und der Zöglinge bemächtigte sich solche Angst, daß manche schlaflos

wurden, ein verstörtes Wesen hatten und mit Fluchtgedanken umgingen.

Auch den Aufsichtsbeamten, dem Verwalter, dem Maître Herbois und

gelegentlichen Besuchern war es bänglich, wenn sie in der Dunkelheit und

später sogar bei hellichtem Tag auf die wimmelnden Nager geradezu mit

Füßen traten, und die Panik erreichte den Höhepunkt, als eines Nachts

einer der hoffnungsvollsten Pfleglinge, eine fünfzehnjährige Brünette

namens Margarete Kern in Krämpfe verfiel, weil ihr die Mäuse im Schlaf

über Gesicht und Brust gelaufen waren. Die Krämpfe wiederholten sich

Nacht für Nacht, wuchsen an Heftigkeit und führten schließlich den Tod

des Mädchens herbei.

Dies geschah in der Zeit, als Sturreganz schon in der Stadt war. Der

Marchese kehrte eben von einer Reise zurück; er war außer sich, als ihm

Bericht erstattet wurde und befahl strengste Untersuchung und tätige

Abhilfe. Es wurde vorgeschlagen, ein anderes Asyl für das Institut

ausfindig zu machen, denn die Mädchen weigerten sich, im Dunkeln zu

bleiben, wollten nicht mehr zu Bett, wurden bleich, schreckhaft und

aufgeregt. Der Leichnam der jungen Margarete lag noch im Haus; das

Gerücht von dem Vorfall hatte sich verbreitet und gab zu schlimmem

Gerede Anlaß. Pescanelli mußte auf der Hut sein, er hatte nicht mehr

viel aufs Spiel zu setzen, die markgräfliche Gunst hatte während der

letzten Jahre, wo die Trübsal am Hof zu höheren Ehren kam als Munterkeit

und Witz, bedenklich abgenommen; die unbedeutendste Ursache konnte der

lukrativen Herrlichkeit ein Ende bereiten, darum galt es, das

unangenehme Geschehnis um jeden Preis zu vertuschen, und der Verwalter

erhielt den Befehl, daß die Tote in der Nacht und unter Vermeidung

jeglichen Aufsehens begraben werde. Trotzdem drangen unbestimmte

Nachrichten ins Schloß; es schien, daß dem Markgrafen auch sonst

allerlei Abträgliches über das Institut zu Ohren gekommen war;

Pescanelli, wie die meisten Abenteurer dieser Art, Feigling durch und

durch, und um das, was er erschlichen und erstohlen hatte, beständig

zitternd, grübelte darüber nach, wie er das drohende Unwetter von sich

abwenden konnte, und als er von Sturreganz und dem beispiellosen Tumult

hörte, den der zugereiste Komödiant unter der Bürgerschaft verursachte,

war sein Plan so gut wie fertig.

Indessen erhielt der Verwalter des Instituts am Nachmittag vor dem

Begräbnis der Margarete Kern eine seltsame Botschaft oder Aufforderung.

Von einem Diener, der aus dem Stern-Gasthof kam, wurde ihm ein Schreiben

übergeben, in dem er trocken und kategorisch ersucht wurde, ein Kind

namens Beckchen Taube, acht Jahre alt, seit seinem dritten Lebensjahr

im Institut ohne eingeholte Zustimmung des Vaters untergebracht, zur

selben Stunde auszuliefern. Der Brief war unterschrieben: Sturreganz im

Auftrag und in Vertretung des Vaters. Beigelegt war eine mit Ludwig

Taube unterzeichnete Vollmacht des Vaters.

Der Verwalter sagte, es täte ihm leid, eine Beckchen Taube befinde sich

nicht in der Anstalt; man möge dies melden. Der Bote erklärte darauf, er

dürfe unverrichteter Dinge nicht zurückkehren, sein Herr habe ihm

bedeutet, wenn er von der Komödie nach Hause komme, müsse er das Kind

vorfinden, sonst geschehe Unheil. Nun geriet der Verwalter in Zorn,

wiederholte seine Erklärung und fügte hinzu, selbst wenn die Genannte im

Hause wäre, sei er keineswegs befugt, sie freizulassen, und ohne höhere

Bewilligung enthalte er sich auch jeder weiteren Auskunft. Der

Wortwechsel fand im Flur statt, als der Sarg mit der toten Margarete

Kern über die Stiege heruntergeschafft wurde. Weinende Mädchen folgten,

das Gesicht mit den Händen bedeckend, und eine beugte sich laut

schluchzend über das Geländer. Da erschrak der Abgesandte von Sturreganz

und dachte in seinem Sinn, es müsse einen schwerwiegenden und

furchtbaren Grund haben, daß die amtliche Person sogar die Anwesenheit

des Kindes Beckchen Taube leugne, und es könne nicht anders sein, als

daß der Sarg die Erklärung dafür biete. Die Verlegenheit und das

Erbleichen des Verwalters, dem dieser Zeuge des Sargtransports höchst

unerwünscht war, schienen den Argwohn zu bestätigen, aber viel Muße zu

schauen und zu fragen hatte er nicht mehr, da ihn der ärgerliche

Majordom ohne Umstände vor die Türe schob und hinter ihm den Schlüssel

zudrehte.

Der Verwalter hatte nicht gelogen. Er wußte nichts von Beckchen Taube,

und niemand im Haus kannte den Namen. Beckchen führte den Namen längst

nicht mehr, unter dem sie einst jene Pförtnerin aufgenommen hatte; der

Name war vergessen worden, und von Beckchen zu allererst. Seit der

Trennung von den Eltern hatte sie ihn nicht mehr gehört, und die Leute

im Haus, wenn sie von ihr redeten oder sie riefen, nannten sie

Fingerling. Irgend jemand hatte eines Tages den Namen für sie erfunden,

vielleicht ihrer winzigen Gestalt wegen, und wenn man von ihr verlangte,

daß sie Wasser tragen oder Scheite schichten oder Feuer zünden oder

Asche auf den Kehrichthaufen werfen sollte, was häufig vorkam, hieß es:

Fingerling, tu das, Fingerling, tu jenes.

So blieb ihr der Name Fingerling und löschte jeden andern Namen aus.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 43 / 51 题