Unterm Mond

In der Tat war schon nach Verlauf jener Woche eine bemerkenswerte

Wandlung geschehen.

Gesittete Bürger standen bei hellichtem Tag mit verblasenem Schmunzeln

vor ihrer Haustür. Sehr würdige Männer, von denen Gravität durchaus

unzertrennlich war, bohrten unversehens das Kinn in ihre Vatermörder und

gluckerten wahnsinnsartig vor sich hin. Eingefleischte Hagestolze

gebärdeten sich auffallend munter. Bärbeißige Familienväter begannen

mitten in der Mahlzeit loszuprusten, wenn ihnen die Erinnerung ein

Sturreganzsches Wort, eine seiner unwiderstehlichen Maulverrenkungen

auffrischte. Zanksüchtige Weiber zeigten sich zahm beim bloßen

Zurückdenken etwa an das zwerchfellerschütternde Gespräch, das er mit

einer als böse Sieben verkleideten, blöd glotzenden Marionette geführt.

Philosophisch gestimmte Geister wankten in ernsthaften Überzeugungen,

und unverbesserliche Schwarzseher sahen sich ohne Groll um die Geltung

bewährter Maximen betrogen. Die Nörgler hörten auf zu nörgeln,

Neidhämmel hatten ein umgängliches Wesen, Übelredner hielten die Zunge

im Zaum, schlechter Geschäftsgang war für eine Weile vergessen, Streit

vergessen, Widrigkeit vergessen, und wen der alte Jammer wieder zu

zwicken drohte, der holte sich bei Sturreganz die heilende Mixtur.

Der Sonntagabend, an dem Sturreganz das alte Possenspiel »Der

unsterbliche Esel« aufführte, er hatte sich hierzu mehrere Komödianten

von auswärts verschrieben, da den markgräflichen die Mitwirkung nicht

verstattet wurde, trieb die Woge zuhöchst empor. Während der Szene, wo

er als gefoppter Hahnrei den Liebhabern seines Weibes die Leviten liest

und jedem einzelnen ein endloses Sündenregister vorhält, fielen Menschen

im Zuschauerraum vor Lachen buchstäblich von den Bänken herunter,

wälzten sich auf dem Boden und schlugen mit Armen und Beinen um sich.

Wohlerzogene Frauen stießen wahre Tierschreie aus, Matronen glucksten

und schluchzten, vertrocknete alte Männer wieherten und wischten sich

die Tränen von den Backen, Füße trampelten, Hände erhoben sich gegen die

Bühne, um den Mitleidlosen zu beschwören, daß man nicht weiter könne,

daß man nur noch jappte; es war ein Gebell, Gekreisch, Gewimmer,

Gestöhn, Gebrüll, Geseufz und Gekeuch wie in einer Folterkammer, und als

der Vorhang fiel und die Leute das Theater verließen, sahen sie zunächst

entkräftet und schlottrig aus, obgleich ihnen im Innern wohl und

glückselig zumute war.

Hunderte hatten gewartet, die in die vollgepfropfte Bude nicht hatten

kommen können, und hatten, wie es nun schon üblich geworden war, ihr

Labsal beim Anhören des Lachorkans gefunden. Sie zogen mit den andern

heimwärts und ließen sich erzählen, schwelgten in deren Nachgenuß,

schmiedeten Pläne, wie morgen ein Platz zu gewinnen war.

Den Tag über hatte die Sonne warm geschienen, und der Abend war südlich

mild. An Schlaf war nicht zu denken. Sie blieben vor den Haustüren

stehen, Schlüssel wurden ins Schloß gesteckt und wieder herausgezogen,

niemand wollte das tagbeschließende Wort sagen, niemand hatte Lust, in

die muffigen Stuben zu kriechen, sie gingen weiter, wählten die

Hauptgasse zur nächtlichen Promenade, und diese war alsbald so bevölkert

wie an Marktvormittagen.

Fenster oben und Fenster unten wurden geöffnet. Die Frau Hofsekretärin

beugte sich so weit über das Sims, daß ihr prächtig entwickelter Busen

keine Heimlichkeit mehr blieb. Die Frau Landrätin hatte eben, Hemd über

dem Kopf, die verborgenen Partien ihres Körpers nach Flöhen abgesucht;

als sie das Gemurmel und Gekicher vernahm, kleidete sie sich wieder an.

Rufe schallten straßauf, straßunter, Fragen, Begrüßungen, zerstückelte

Berichte; ja, da hättet ihr dabei sein sollen; freilich, das war mal

eine sonderliche Sache, so was hat keiner noch erlebt. Junge Burschen

erhoben sich auf die Zehen und lugten abenteuersüchtig durch einen

Rolladenspalt. Der Herr Rentamtmann winkte aus einem Erker dem Herrn

Regimentszahlmeister; der Oberjäger Fritsch warf aus dem dritten Stock

eine Nürnberger Zeitung auf die Gasse, worin lang und breit über

Sturreganz geschrieben war, und daß er im vorigen Jahr am Rhein das

ganze Volk in Taumel versetzt habe. Man riß einander das Blatt aus den

Händen; schließlich erwischte es ein Student, stieg unter einer

Öllaterne auf einen Prellstein und las es mit schallender Stimme

salbungsvoll vor. Sturreganz; das bloße Wort behexte. Eine junge Magd

wollte durch ein erdgeschössiges Fenster ins Freie kommen; sie verlor

beim Herausklettern den Halt, fiel mit dem Kopf voran aufs Pflaster und

machte aus ihren gehüteten Schätzen ein öffentliches Schauspiel. Im

lüsternen Schatten standen Magister Brunnenwasser und Jungfer Hesekiel;

geschwind und lustig entflohen andere durch verschwiegene Türen. Der

Mond kam über die Dächer und wunderte sich.

Dann geschah es, daß die Metzgerin Frühwald und der Sattlermeister

Simson Arlacher aus ihrem Haus einen langen Tisch mitten auf die Gasse

trugen. Kinder und Gesinde brachten Stühle, Leuchter, Krüge und Pokale;

die Krüge füllten sie mit Bier, die Pokale mit Wein. Vorübergehende

wurden aufgefordert, Platz zu nehmen, und hierzu bedurfte es vieler

Bitten nicht. Das Beispiel fand fröhliche Nachahmung. Eine Viertelstunde

später stand die ganze Gassenzeile entlang Tisch an Tisch, Leuchter an

Leuchter, und in den Leuchtern wurden zur höheren Festlichkeit die

Kerzen angezündet, trotzdem der Mond recht hell schien. Aber das gab

gute Wirkung; die Straße mit den barocken Häuserfassaden war wie ein

großer Saal. Und es stand Krug an Krug, Pokal an Pokal; und Männer und

Frauen, Jünglinge und Mädchen, Meister und Gesellen, Kaufherren,

Handwerker, Beamte, einer saß neben dem andern in langer Doppelzeile.

Aufgeschlossen waren die Gesichter, in den Mienen mit einem Willen zum

andern, einem Hinstreben zum andern, mit Lippen, die lächelten, lachten,

Ungesagtes zu sagen begehrten. Vom Tisch bei der Schranne sprang ein

Lied auf; ein zweites folgte; der Zunftvorsteher Sittig hatte sein

schönstes Silber aus dem Haus gebracht und wies es mit Kennerstolz;

einer ließ Taler klingend über den Tisch rollen, als hätte er keine

Ursache mehr, seinen Reichtum zu verbergen; einer erzählte von

Wanderfahrten; einer umarmte sein Weib und schmatzte die Kreischende

ab; einer rief: von heut ab soll es anders werden mit unserm Leben!

Große Körbe mit Äpfeln wurden herumgeboten; ein zwölfjähriger Junge

leerte vom zweiten Stock einen Sack Nüsse auf die Gasse, daß das

Geknatter eine Weile alles übertönte; eine Laute spielte da, eine Flöte

oder Mundharmonika dort; Verabredungen wurden getroffen, Erinnerungen

ausgetauscht, gebrochene Freundschaften erneuert, alte Feindseligkeit

vergessen; das waren dieselben Bürger nicht mehr, die mürrisch und

polizeifromm die Tore schlossen, eh der Wächter den ersten Rundgang

antrat; das war dieselbe Stadt nicht mehr, die zu schlafen pflegte in

der Nacht, bei Sternen- und bei Regenhimmel.

Waren sie sich selber schon Wunder genug, so sollten sie doch noch

unerwartet Wunderbares erleben. Wer seine Gleise verläßt, dem lohnen es

die Augen. Unter der Zipfelmütze waren ihnen nicht einmal Träume solcher

Art gekommen.

Es trat aus dem engen Adlergäßchen plötzlich ein Mann, der ein sieben-

oder achtjähriges Kind auf den Armen trug. Dieser Mann war völlig

schwarz gekleidet; Strümpfe, Pantalons, Rock, Halsbinde, der

ungewöhnliche kegelförmige Hut, alles schwarz. Er schien nur Augen zu

haben für das Kind, das er trug; er sah nichts von dem nächtlichen Fest

der Gasse, nicht die tafelnden Bürger, nicht ihre Lichter, nicht ihre

Neugier; das Kind lag mit dem Köpfchen an seiner Schulter und

streichelte bisweilen mit furchtsamem Lächeln seine Wange, fast nur, als

wolle es sich überzeugen, daß das wirklich ein lebendiger Mensch sei,

der es auf den Armen hielt, und so zärtlich hielt, so sorgsam, so sanft,

so stark; bisweilen aber beugte es sich vor und zur Seite und blickte

auf das Pflaster hinunter; und siehe, was war das? Ein Bild, seltsam

und unglaubhaft, gruselig und erstaunlich: Mäuse liefen da; ein ganzer

Zug von Mäusen; unzählbar; Hunderte und aber Hunderte, liefen hinter dem

Schwarzgekleideten her, umraschelten seine Füße, und das Mädchen lachte

still zu ihnen hinab. Als die Frauen dies gewahrten, stießen sie

Schreckensschreie aus; die Männer erhoben sich von den Stühlen und

Bänken und starrten dumm-entsetzt; Kinder beugten sich über die Tische,

deuteten aufgeregt, ein paar Hunde schlugen an, und während dessen ging

der Mann vorbei, die Straße hinauf, verloren in den Anblick des Kindes,

und die Hunderte und aber Hunderte von Mäusen, dichtaneinandergedrängt,

lautlos, zauberisch, wie mit Fäden an seine Füße gebunden, folgten ihm

und verschwanden mit ihm, als er an der oberen Ecke zum Schloßplatz

einbog.

Auf die Vermutung, daß der Mann Sturreganz sein könne, geriet keiner. Er

zeigte sich nie; tagsüber hielt er sich in seinem Gasthofzimmer auf und

ließ niemand vor sich. Auch Zudringliche von Stand, die sich ein Recht

auf persönliche Bekanntschaft anmaßten, wurden abgewiesen. Man erzählte

sich, daß er eines Morgens den Sanitätsrat Merklein aufgesucht und ihn

um ärztlichen Rat gefragt habe, was gegen das quälende Gemütsleiden zu

tun sei, an dem er seit Jahr und Tag laboriere. Der Sanitätsrat, der

einen fremden Kaufherrn oder Gelehrten vor sich zu haben glaubte, sagte,

er könne ihm ein vortreffliches Mittel empfehlen, er möge doch eine

Vorstellung von Sturreganz besuchen, davor halte die hartnäckigste

Verdüsterung nicht stand. Da habe der Patient schwermütig geantwortet:

so ist mir nicht zu helfen, denn Sturreganz bin ich selber.

Sie wußten nicht, wie er aussah, und seine Leibhaftigkeit außerhalb der

Bude, in der er ihnen seine Kunst zum besten gab, hatte bereits etwas

Sagenhaftes. In dieser Nacht erfuhren es noch viele, die ihre Wißbegier

und die Erregung über den Mäusegang nicht unterdrücken konnten. Während

die älteren, abgekühlt und ein wenig durchschauert von dem Gesehenen,

die Gegenstände der improvisierten Lustbarkeit hinwegräumten und sich in

die Häuser zurückzogen, über die auf der einen Seite ein samtiger

Schattenmantel, auf der andern ein gelbfließendes Gewebe von Mondlicht

fiel, machte sich eine jugendliche Schar auf, um dem Manne nachzueilen.

Sie sahen, daß er am Tor des Gasthofs zum Stern läutete, daß aber der

Knecht, der ihm öffnete, zurückprallte und das Tor wieder zuschlug, als

er die Mäuseflut gewahrte, daß er zum zweiten Mal und ungestümer

läutete, daß dann der Wirt kam, ihm den Einlaß gleichfalls verweigerte,

daß die Stadtwache sich einmengte, und als sie an Ort und Stelle waren,

liefen schon von allen Seiten Leute herzu.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 42 / 51 题