Eines Tages erschien auf der Stadtpolizei ein Mann, fremdländisch von
Wesen und seltsam gekleidet. Er trug lange Schnabelschuhe,
schwarzseidene Strümpfe, schwarzsamtene Pluderhosen, schwarzes Jabot mit
schwarzen Knöpfen, schwarze Halsbinde und eine schwarze Kopfbedeckung in
Form eines Zuckerhutes mit steifem flachen Rand. Dieser Mann, obwohl er
sich nur als wandernder Schauspieler legitimierte, flößte durch eine
Sicherheit und Würde der Haltung, wie sie nur weitgereiste Leute zu
haben pflegen, einen gewissen Respekt ein, und da er dringliche
Empfehlungen der Erzbischöfe von Köln und Trier sowie des Herzogs von
Nassau vorwies, konnte sein Ansinnen nicht gut abschlägig beschieden
werden, zumal er sich bereit erklärte, jede geforderte Gebühr zu
entrichten und eine Kaution von fünfzig Talern zu erlegen. Er schien
sich auch sonst in nichts weniger als ärmlichen Umständen zu befinden,
da er im ersten Gasthof der Stadt Quartier genommen hatte und mit zwei
Dienern reiste, die zugleich sein Hilfspersonal waren.
Das Ersuchen ging dahin, daß man ihm erlaube, während des Jahrmarkts in
einem fliegenden Theater, das er zu dem Behuf erbauen wollte,
Vorstellungen zu geben. Auf die Frage, von welcher Art die Vorstellungen
seien, entgegnete er: von komischer Art, doch sagte er dies wie einer,
den tiefer Kummer bedrückt, in solchem Grabeston und mit solcher
Leichenbittermiene, daß der Polizeigewaltige, der noch nicht zu den ganz
Abgestorbenen gehörte, sich eines säuerlichen Grinsens nicht erwehren
konnte und zu der Überlegung gelangte, das Wagnis könne allzugroß nicht
sein; leichtfertige oder im Sinn der Verordnungen sonstwie unstatthafte
Wirkungen seien von dem Melancholikus nicht zu gewärtigen. Auch hatte,
seit die strengen Vorschriften ergangen waren und jedem Bewerber
Schwierigkeiten gemacht wurden, der Zuzug von Gauklern, Zauberkünstlern,
Quacksalbern, Schlangentötern und ähnlichem Volk zum herbstlichen
Jahrmarkt fast völlig aufgehört; deshalb glaubte man diesmal milder
verfahren zu dürfen und gewährte die erbetene Bewilligung.
Drei Tage später schon erhob sich in der Budengasse hinter dem
Hofgarten, etwas zurückgerückt gegen die Stände der Käser, Lebküchner,
Heringsbrater und übrigen Händler eine gefällig aussehende Bretterbude,
die etwa zweihundert Menschen fassen mochte, an deren Giebel auf roter
Leinwand mit riesigen schwarzen Lettern das Wort Sturreganz prangte.
Die Leute gingen vorbei, sahen hinauf, kehrten um, blieben stehen,
murmelten das Wort vor sich hin, wiegten die Köpfe und fragten einander:
was ist das, Sturreganz? ists ein Ding oder ists ein Mensch? Ihre
verdrossene und apathische Neugier erhielt einige Aufklärung durch den
Zettel, der alsbald an einem Pfosten aufgehängt wurde und auf dem einige
mißtrauisch Herzudrängende folgendes lasen: »Einem hochlöblichen
hiesigen Publico sowie einem hohen Adel diene zur geneigten Kenntnis,
daß der weitberühmte bis über die Grenzen des bekannten Erdkreises
hinaus geschätzte Sturreganz, Liebling mächtiger Potentaten, Leib- und
Kammerartist Seiner Hoheit des Herzogs von Nassau und des Grafen von
Bentheim, Freund der Götter und Schrecken der finstern Geister, sich
heute abend um sechs Uhr zum erstenmal die Ehre geben wird, in seiner
unerreichten Darstellung als Teufel Asmodei aufzutreten und sich dero
Gunst und Augenmerk zu rekommandieren. Zahlreiches und pünktliches
Erscheinen ist erwünscht. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei
Groschen, dritter Platz ein Groschen.«
Man rümpfte ungläubig und abschätzig die Nase, hielt es für Prahlerei
und Unfug und ging weiter. Gegen sechs Uhr abends, als noch die Lichter
in den Verkaufsbuden brannten, eine lange Zeile von Kerzen in farbigen
Papierhüllen oder bunten Glasgehäusen, trieben sich ein paar Menschen
vor dem Brettertheater herum, unentschlossen, argwöhnisch, die Münzen in
den Lederbörsen zählend und abermals zählend und zwischen den Fingern
reibend, vorsichtig um sich schauend, schamhaft den Schatten suchend,
und schließlich waren es im ganzen vielleicht dreißig oder
fünfunddreißig Personen, die sich der Kassa näherten, ihre Groschen
hinlegten und hinter dem scharlachroten Vorhang verschwanden. Das war
alles; dann blieb der Platz vor dem Theater verödet.
Es geschah jedoch, daß etwa um halb sieben Uhr der Dichter Uz
vorüberging, der beim Justizkollegium angestellt war und um diese Zeit
sich auf dem Nachhauseweg befand. Er war ein würdiger Greis und als Poet
eine Zierde der Stadt, die sich freilich keinen Pfifferling um ihn
scherte. In angestrengtes Sinnen verloren, denn er dachte gerade über
ein verwickelt gereimtes Madrigal nach, wollte er eben die Gasse vor der
Theaterbude überqueren, als seine Aufmerksamkeit durch eine Reihe von
wunderlichen Geräuschen abgelenkt wurde. Zuerst klang es wie das
Gemecker vieler Ziegen; von dem unterschieden sich dann brüllende und
quietschende Töne; dann kam eine Salve, als ob Kieselsteine auf ein
Schindeldach regneten. Staunenswürdig; es war Gelächter! Es war hohes,
sonores, dumpfes, breites, keuchendes, schmetterndes, von Sekunde zu
Sekunde anwachsendes herzhaftes Gelächter! Mitten in der Stadt Ansbach,
abends um drei viertel sieben: Gelächter. Gelächter vieler Menschen.
Unerhört. Der Gedanke blieb im Hirn stecken. Das lyrische Gleichnis
zerfiel. Das Madrigal zerstob seifenblasenhaft.
Gelächter!
Man sah es geradezu vor Augen, wie sie sich bogen da drinnen; wie die
Hälse sich blähten gleich Blasebälgen; wie die Mäuler zu Schlünden
wurden mit bleckenden Zähnen. Es war etwas Außerordentliches, etwas
völlig Neues, seit Jahren Unbekanntes, und es mußte ergründet werden.
Der Dichter, zögernd noch immer, trat an den Kassaverschlag, in dem ein
betrübter Jüngling kauerte, entrichtete, nicht leichten Herzens, den
Einlaßgroschen, und der rote Vorhang entzog seine hagere Figur dem Nebel
des Oktoberabends.
Als dieser Elegiker und sorgenbeschwerte Mann eine Stunde danach mit
den andern drei Dutzend Menschen das Theater verließ, war er vor Lachen
in Schweiß gebadet gleich den andern. Es gluckste noch nachschütternd in
seiner Kehle. Er rang nach Atem. Die Seiten schmerzten, der Magen
kollerte, der Gaumen war wund.
Niemals hatte er dergleichen erlebt, es nie für möglich gehalten. Die
Frage entstand: Wer war Sturreganz? Ohne Zweifel ein Phänomen; ein
Unikum; ein Weltwunder. Man mußte Uz sein und sich so viel gegrämt haben
im Leben, so viel Bitterkeit gefressen, so viel Ungerechtigkeit und
Schläge des Geschicks erlitten haben, um das zu begreifen.
Wer war Sturreganz? Wo kam er her? Wer hatte je von ihm vernommen?
Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, suchte Uz am selben Abend noch
Bekannte auf, Imhofs und den Sanitätsrat Merklein. Er redete,
berichtete, war aufgeregt, befeuert, außer sich, verstieg sich zu einem
Enthusiasmus der Ausdrucksweise, der in befremdendem Gegensatz zu seiner
gewöhnlichen kargen Gemessenheit stand. Er zitierte Worte; er ahmte, so
gut er es vermochte, Bewegungen nach, schilderte die Mimik, die Haltung,
die Gangart, die Stimme des überwältigenden Komödianten, nannte ihn
volksmäßig und erhaben, mysteriös und für ein Kind verständlich, und
erzeugte schließlich in allen, die ihn anhörten, eine unbezwingliche
Neugier und Ungeduld, den Mann ebenfalls zu sehen.
Jeder einzelne unter den Theaterbesuchern dieses Abends verbreitete die
Kunde auf seine Weise. Jeder einzelne, bis zum Handlungsreisenden und
Diurnisten herab, gebärdete sich auf seine Weise toll. Die Folge war,
daß sich am nächsten Abend lange vor Beginn der Vorstellung eine
beträchtliche Menge vor der unscheinbaren Bude angesammelt hatte und der
betrübte Jüngling alle Hände voll zu tun bekam. Nachdem die Leute
eingelassen waren und der rote Vorhang sich herabgesenkt hatte, blieben
noch etwelche außen stehen, die zwei oder drei Groschen doch nicht
dransetzen wollten oder hofften, sie könnten auch so, wenn sie nur die
Ohren recht spitzten, etwas zu hören kriegen. Ihnen gesellten sich dann
die Budenbesitzer zu, neidisch über die guten Einnahmen des Fremdlings,
ferner eine Anzahl Gassenjungen, Herumstreicher, Mägde aus den
benachbarten Häusern; die buntmaskierten Kerzen beleuchteten ihre
lauschenden Mienen, und alle die bösen und ärmlichen oder mißgünstigen
oder vermagerten Gesichter, blaß und unfroh eins neben dem andern,
verwandelten sich schon bei dem ersten Lachsturm, der aus der Bude
schallte, recht sonderbar; es war, wie wenn man Weizen unter eine
Hühnerschar wirft, wobei sie sämtlich die Köpfe zusammenstecken und
picken. So pickten auch die das Lachen auf, wie gefräßige Hühner. Sie
vernahmen nichts als das immerfort anschwellende Gelächter; erst wie
Gewehrgeknatter, dann wie Trommelgewirbel; dann eine Kanonade; dann
Stille; abermals eine Kanonade; jauchzendes Weibergequietsch;
Händeklatschen; wütenderes Händeklatschen; Johlen; ein unnennbares
Gebrüll plötzlich; es schien, als müßten sie sich den Bauch halten, als
fürchteten sie zu platzen. Und die Zaungäste spitzten die Lippen,
feixten, stellten sich, obschon es ja zwecklos war, auf die Zehen; ein
paar lachten sogar laut mit. Es strömten beständig neue herzu, sie
schlichen näher, beugten sich vor, knipsten mit den Fingern und schlugen
einander auf die Schulter, wenn wieder das Donnergepolter der beglückten
Kehlen drinnen losging; endlich löste sich bald der, bald der aus den
Reihen, schob seine Münze auf das Kassabrett und beeilte sich, hinter
den Vorhang zu kommen.
Am dritten Abend wurde bereits um die Plätze gerauft. Drei
Polizeimänner, berufen die Ordnung zu wahren, sahen ihre Machtlosigkeit
ein. Man schickte um die Schloßwache. Die Leute stießen und drängten
sich dermaßen, daß der Beginn der Vorstellung um eine halbe Stunde
verschoben werden mußte. Auch Notabilitäten hatten sich schon
aufgemacht, um Sturreganz zu sehen. Für sie waren besondere Plätze
reserviert, sowie eine besondere Eingangspforte. Sie erschienen und sie
mußten zugeben, daß die Fama weder gelogen noch übertrieben hatte. Es
gab keinen Einwand vor diesem Allesniederwerfenden, keine zimperlichen
Bedenken, sie wurden gepackt und in den kochenden Krater des Gelächters
gerissen. Sie sprachen von nichts anderm als von ihm, sie kicherten in
ihren vier Wänden noch, sie verkündeten das Ungewöhnliche unter ihren
Freunden, aus den Gütern der Umgegend fuhren Familien in die Stadt, um
Sturreganz zu sehen und mußten oft tagelang warten, bis sie Zutritt
fanden.
Denn der Andrang steigerte sich mit jeder Vorstellung. Es gab Leute, die
keine einzige versäumen wollten und sich schon früh morgens vor dem
Theaterchen postierten. Sie ließen die Arbeit liegen, sie kümmerten sich
nicht um ihre Angelegenheiten, und sie hätten die Hälfte ihrer
Ersparnisse geopfert, wenn sie nicht anders als um diesen Preis zu
Sturreganz hätten gelangen können. Schneider, Barbiere, Goldschläger,
Maurer, Amtsschreiber, Köche, Küchenjungen, Viehhüter, Hökerinnen,
Krämerinnen, Ladenmamsells waren darin eines Sinnes mit Lehrern,
Richtern, Doktoren, Gymnasiasten, Fräuleins und Edeldamen. Es ereigneten
sich Szenen, wo einer Hauptmannsgattin beim Streit um den Einlaß der
Chignon vom Kopf gezerrt wurde oder einer ehrbaren Jungfer der Rock vom
Leibe. Die Obrigkeit streckte die Waffen, da durch ihr Einschreiten
immer die eine oder andere hochgestellte oder beamtete Person
kompromittiert wurde. Sie ließ Sturreganz weiter spielen, auch als nach
einer Woche der Jahrmarkt zu Ende und die Frist abgelaufen war, und zwar
ebenfalls auf die Fürsprache hochgestellter und beamteter Personen.
Was soll daraus werden? fragten vorsorgliche Lenker des Gemeinwesens. Es
bestand Gefahr, daß die ganze Stadt auf diese Weise zum Narrenhaus
wurde.