Du kommst in diese Stadt; du fährst durch das mittlere Tor ein und
siehst, daß es eine freundlich gebaute Stadt ist; jedenfalls will sie
dich nicht unfreundlich begrüßen. Die Straßen sind unregelmäßig
gewunden, von ungleicher Breite; die Häuser, viele mit geschnitzten
Balkenköpfen und gotischen Jahreszahlen, bilden eine Reihe von Zwergen
und Riesen; auf den Plätzen stehen Bauernwagen, ohne Pferde und
Fuhrmann; die Steige sind von Kindern belagert; aus allen Fenstern sehen
dich Menschen an; vor den Haustüren stehen schwatzende, rauchende,
gaffende Leute, du blickst tief in halbfinstere Stuben; die Seifensieder
haben ihre Talglichte, die Weißgerber ihre Felle auf langen Stangen
straßenwärts zum Trocknen aufgehängt; der Böttcher und der Grobschmied
arbeiten vor der Türe; das Vieh wird ein- und ausgetrieben; Schweine
grunzen, Hühner gackern, Tauben gurren, Katzen blinzeln verschlafen,
Säuglinge schreien.
Es weiß der Pfragner, wann der Bäcker seine Stiefeln sohlen läßt; es
weiß die Frau Apothekerin, was die Frau Stadtphysikus zu Mittag kocht;
es weiß die Jungfer Rettich, um wieviel Uhr der Magister Brunnenwasser
vorüberpromenieren wird, um einen Blick der Jungfer Hesekiel zu
erhaschen; es weiß der Kannenwirt, daß es bei Oberbaurats knapp zugeht;
es weiß der Altgesell beim Strumpfwirker am Rathaus, daß sich die
Schreinerseheleute, die hinterm Zollamt wohnen, beständig in den Haaren
liegen. Jeder weiß von jedem alles. Sie können nichts voreinander
verbergen. Kein Wort, kein Gedanke, kein Atemzug bleibt geheim. Jeder
ist eines jeden Spion. Es ist ein nahes, dichtes, verwickeltes Gewebe
von Leben, eins gegen das andere gerissen, eins vom andern bestimmt und
gefärbt; Mauer-an-Mauer-, Schwelle-an-Schwelle-sein. Es ist eine kahle,
dumpfe, niedrige, deutsche Welt, in der der Einsamste noch den Nachbar
über sich, neben sich, unter sich hat. Der Nachbar belauert das eheliche
und das jungfräuliche Bett, er wacht über die Ehre des Hauses, er dringt
in die Träume, auf ihm beruht der Kredit, das Geschäft, die öffentliche
Meinung, die Sicherheit der Person und des Besitzes. Der Nachbar
erscheint zur Taufe, zur Hochzeit und zum Begräbnis; er schreit Alarm
bei Diebsgefahr und hetzt, wenn der gute Name zerzaust wird. Er zählt,
wieviel Flaschen Wein im Keller sind, wieviel Säcke Mehl auf dem
Speicher, wieviel Ellen Leinwand im Spind, wieviel Silberlöffel in der
Truhe. Ohne den Nachbar kann keiner leben, keiner hassen, keiner krank
sein, keiner genesen. Der Nachbar ist der Freund, der Feind, der
Wohltäter, der Verleumder, der Kunde, der Konkurrent, der Warner, der
Rater, die Zuflucht, die Drohung, der Dämon, der Teufel und der einzige
Trost.
Sie hatten niemals Grund gehabt, ihrem Dasein Loblieder zu singen in
Ansbach; seit Jahrhunderten nicht. Eisern lag die Faust der Fürsten auf
ihnen, seit Menschen denken konnten. Ihr Tag war Mühsal, ihre Nacht
Alpdruck gewesen. Durch die langen Geschlechterketten preßte der Herr
von Gottes Gnaden dem Ärmsten noch den letzten Heller aus der Tasche und
den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leibe. Und all der Schweiß des
Landes verwandelte sich in den Marställen in Gäule, in den Hof- und
Kammerkanzleien in Pfründen, Sinekuren und Sporteln, in den Schlössern
in vergoldete Sessel und auf den Hälsen der Gunstdamen in
Edelsteinketten.
Aber so schwer die Halfter auch zu tragen war, sie hatten doch Augen-
und Ohrenweide dafür gehabt. Sie hatten vor dem Schloßtor stehen und zu
strahlend erleuchteten Fenstern hinaufblicken dürfen. Sie hatten
sechsspännige Karossen mit betreßten Lakaien und bunten Wappen offenen
Maules bestaunen dürfen. Es war, von der Hofküche her, Duft von
niegeschmeckten Speisen durch die Gassen gezogen, an dem sich mancher
Hungerleider wonnevoll erlabte, und er dachte sich: es ist trotzdem eine
schöne Welt, in der so was zu riechen ist. Es hatte Schaugepränge
gegeben, Auffahrten, Paraden, Kavalkaden, Feuerwerke, Tombolas,
feierliche Kirchgänge, und sie hatten Spalier bilden dürfen. Es war
etwas zu gaffen, zu bereden, zu erwarten gewesen. Sie hatten das Gefühl
gehabt, daß die Herrschaften wenigstens in Glück und Reichtum schwammen
dafür, daß sie schwitzten und sich plagten.
Aber seit ihnen der Markgraf Alexander nicht nur die Wege zum Wohlstand
verrammelte, nicht nur, schlimmer als seine Vorfahren, sie mit Hilfe von
Steuern und Zöllen um die Früchte ihres Fleißes betrog und bestahl,
nicht nur ihre Söhne, Brüder und Gatten als Kanonenfutter außer Landes
verschacherte, sondern auch noch dazu das farbige Licht hatte auslöschen
lassen, das über ihrem Elend leuchtete, versank das Gemeinwesen nach und
nach in eine graue Flut von bitterer, stummer, nüchterner
Hoffnungslosigkeit. War jenes Licht auch der Scheiterhaufen gewesen,
auf dem ihr Hab und Gut verbrannte, das Feuer hatte doch ergötzlichen
Schein geworfen, es hatte einen irgendwie warm gemacht, und wenn die
Kinder neugierig wurden und etwas von der Welt zu schauen begehrten,
konnte man sie hinführen, auf den Arm heben und sagen: seht, wie fein es
brennt.
Demgegenüber spielte, was ihnen selbst an Vergnüglichkeiten entzogen
wurde, die geringere Rolle. Für ihre Vergnügungen hätten sie ja zahlen
gemußt, diese aber waren umsonst. Der Herr samt der Obrigkeit hatten gut
verbieten: wer sollte vom Distelstrauch Himbeeren naschen? Sie hatten
Lust und Lustbarkeit schon vorher verlernt, der Erlässe hätte es kaum
bedurft. Nun, um so besser, wenn die Versuchung fehlt, sagten sie in
ihrer fränkischen Geduld und Selbsthärte, hockten hinterm Ofen und
schoben die Finger zwischen die Knie.
Nach vier Jahren glich die Stadt einem abgestandenen Haufen Betrübnis.
Wie das Sumpfwasser inmitten einer Landschaft sumpfige Dünste aushaucht,
so entströmte der fürstlichen Person im Schlosse, dem Mittelpunkt des
gemeinen und öffentlichen Wesens, Übellaunigkeit. Übellaunigkeit drang
in die Stuben, Übellaunigkeit regierte das Verhältnis zwischen
Eheleuten, Geschwistern, Verwandten, Fremden; der Herr war mürrisch
gegen den Knecht, der Knecht gegen den Herrn, die Frau gegen alles
Gesinde, das Gesinde gegen die Frau, die Eltern gegen die Kinder, die
Kinder gegen die Eltern, der Amtmann gegen die Beklagten, der
Gefängniswärter gegen die Häftlinge, der Wirt gegen die Gäste, der
Kaufmann gegen die Käufer, der Meister gegen den Lehrling, der Postillon
gegen die Passagiere, die Polizei gegen die Bürger, die Bürger gegen die
Bauern, sämtliche Menschen gegeneinander, gegen den Himmel und gegen
das Schicksal. Sie klagten nicht, sie seufzten nicht, sie fluchten
nicht, sie maulten nicht, sie murrten. Sie konnten sich auf nichts
freuen, sie konnten über nichts lachen, sie standen mürrisch auf und
legten sich mürrisch zu Bett. Mürrisch verrichteten sie ihre Geschäfte,
mürrisch zündeten sie ihre Lichter an, mürrisch saßen sie bei Tisch,
mürrisch betrachteten sie das Wetter, mürrisch zeugten sie ihre
Nachkommenschaft. Mürrisch und in der Stille gingen die Verbrecher ihre
heimlichen Pfade, mürrisch predigte der Pastor von der Kanzel, und
mürrisch wurde schließlich sogar das berühmte Schalksgesicht des Mondes
über dieser Stadt von Mürrischen.
So lagen die Dinge, als Sturreganz kam.