Der Markgraf dekretierte: Geht es den Leuten schlecht, so mögen sie sich
demgemäß halten. Leiden alle Mangel, so soll niemand überflüssig Geld
ausgeben. Es ist verboten, Schulden zu machen. Den Weibern ist verboten,
Schmuck zu tragen, sowie bunte oder auffallende Gewänder. Die
Bürgermadams und Jungfern haben sich der größten Sittsamkeit zu
befleißigen. Kein Frauenzimmer darf mit einem Mannsbild im Konkubinat
leben. Außereheliche Verhältnisse werden scharf geahndet. Sämtliche
Bierhäuser und öffentliche Lokale werden nach Anbruch der Dunkelheit
geschlossen. Es sollen keine Musikbanden aufspielen, keine
Schmausereien stattfinden, keine solennen Kindtaufen und Hochzeiten,
keine Illuminationen, keine gemeinen Belustigungen, und private nur mit
ausdrücklicher Bewilligung der Polizei. Es soll niemand auf der Straße
Schabernack treiben; es sollen die Kinder zu einem ernsthaften Benehmen
verhalten werden; es sollen keine Fahnen ausgehängt werden. Sichtbarer
Müßiggang ist verboten. Es soll jeder Mensch zu jeder Frist eingedenk
sein, daß Armut im Lande herrscht, wie ja glaubwürdig und allerwegen
versichert wird, daß die Geschäfte stocken, daß die Handwerker keinen
Verdienst haben und in den Gemütern die Unzufriedenheit nistet. Daher
hat niemand die Befugnis, durch herausfordernden oder unterschiedenen
Wandel neue Unzufriedenheit zu säen.
Die Folge dieser wohldurchdachten Beschlüsse war, daß der Markgraf sich
mit seiner Person und seinem Hofhalt zur Beispielgebung verbunden hielt.
Es unterblieben die Jagdfeste, die Tanzunterhaltungen, die Gartenfeste,
die Karnevalsaufzüge, die prunkvollen Diners und Abendessen. Die
Empfangsäle wurden gesperrt, die venetianischen Kristallüster in graue
Tücher gehüllt, Sessel und Sofas mit ebensolchen Bahrtüchern versehen.
Dem Theater war verstattet, einmal in der Woche ein Trauerspiel, einmal
eine #Opera seria# aufzuführen. Die Toiletten der Damen unterlagen
strenger Vorschrift. Den Herren wurde dunkle Kleidung befohlen.
In den Korridoren und Antichambres hörte man nur noch Wispern und
Raunen. Die Beamten und Lakaien gingen auf Zehen. Kein Mensch lächelte
mehr, und zu lachen hätte als eine ganz unfaßliche Vermessenheit
gegolten. Je sauertöpfischer sich einer gab, je bessere Aussicht auf
Gnaden hatte er. Das Schloß machte bei Tag den Eindruck eines Klosters,
bei Nacht den eines Mausoleums. Sogar die Pferde ließen die Köpfe
hängen, und die Hunde schlichen mit eingezogenem Schwanz.
Und wer da hoffte, daß es bald wieder anders werden würde, daß es nur
eine vorübergehende Grille des Markgrafen sei und er eines Tages zu
seinen früheren Gewohnheiten zurückkehren würde, der täuschte sich. Hier
brachen alle Einflüsse, auch die von sonst geschätzten Personen, auch
die der Liebe, und man stieß auf unempfindliche Hartnäckigkeit.
Und wer da glaubte, daß die freud- und festlosen Jahre, die nun kamen,
eine Verminderung des Budgets bewirkten, der täuschte sich gleichfalls.
Das Geld floß in ebensoviele Taschen, nur auf heimlicheren und dunkleren
Wegen; es waren ebensoviele Mäuler zu stopfen, ebensoviele Ämtersitzer
zu befriedigen, und ebensoviele Köche verdarben den Brei. Dies erregte
sowohl Erstaunen als auch Unwillen beim Markgrafen, wenn er Nachfrage
hielt. Aber Nachfrage hielt er selten, denn er spürte, daß das der
einzige Punkt war, wo seine Macht ein Ende hatte und die Kreaturen
stärker waren als er. Er begnügte sich mit den Verordnungen; er begnügte
sich mit der Wahrnehmung, daß das Volk draußen stille wurde, so still
wie ein Kalb mit gebundenen Füßen; er las Akten, gab Unterschriften,
ging auf die Jagd, hatte die Stirne voller Falten, äußerte seine Wünsche
nur durch Brummen, sein Mißfallen durch Brummen, sein Einverständnis
durch Brummen, seinen Hunger durch Brummen, seine Sattheit durch
Brummen.
Die Markgräfin spielte Grabüge, Sommer und Winter; die Leibhusaren
bezogen die Schloßwache, Sommer und Winter; die Jasager hatten schweren
Stand, denn es war nicht mehr viel da, wozu sie Ja sagen konnten; die
Lady Craven biß Löcher in ihre Spitzentaschentücher, rieb mit ihren
winzigen Füßchen die Teppiche wund, hatte Hitze, hatte Frost, hatte Wut,
hatte böse Träume, hatte Fluchtgedanken und machte von Zeit zu Zeit mit
ersticktem Lachen oder Weinen ihr Kri-Kri, wie ein kleiner Vogel, der
krank und hungrig ist.