Übellaunigkeit war die Uranlage der Natur des Markgrafen. Er war der
Sohn eines übellaunigen Vaters, einer übellaunigen Mutter und eines
übellaunigen Landes. Mit dieser Übellaunigkeit verband sich die tiefe
Überzeugung von seiner Unentbehrlichkeit im Gefüge der Welt, und daß er
ausersehen sei, seine sämtlichen Untertanen auf den Gipfel irdischen
Glücks zu führen, ja, daß sich in seiner Person allein schon der ihnen
gemäße Glückszustand inkarniert habe.
Er liebte seine Untertanen, aber er liebte sie übellaunig. Er erfüllte
nach bestem Vermögen seine Regentenpflichten, aber in Übellaune. Er
hatte seine Jugend genossen, aber in Übellaune. Er las mit heißem
Bemühen die Enzyklopädisten und machte sich die Ideen Rousseaus, Grimms
und Diderots zu eigen, aber in Übellaune. Er glaubte an eine hohe
Bestimmung des Menschengeschlechts, aber in Übellaune. Er hielt auf
Leckerbissen, verzehrte sie aber in Übellaune. Er hatte Sinn für Kunst
und schöne Dinge, aber wenn er sie betrachtete, war es in Übellaune.
Wenn er sich manchmal des Morgens von seinem Lager erhob, dachte er: Ei,
heute ist mir wohl, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag. Stand er
dann vertikal auf seinen zwei Beinen, so war die Übellaune da. Verlor er
im Spiel, so verursachte es ihm Übellaune wegen des Verlustes; gewann
er, so verursachte es ihm Übellaune wegen der vergeudeten Zeit. Erlegte
er einen Rehbock, so war er übelgelaunt, weil es kein Hirsch war; warf
eine Zuchtstute prächtige Fohlen, so war er übelgelaunt, weil ein
Stallbursch die Krätze bekam.
Weniger ihm selbst war es in den letzten Jahren gelungen, den
angeborenen Hang zu bemeistern, als vielmehr der Lady Craven. Freilich
hatte sie erst die tragische Heroine, Fräulein Clairon, aus dem Feld
schlagen müssen, was keine leichte Arbeit war, denn die
kothurnbekleidete Französin, von der sie behauptete, daß sie auch mit
ihrer Kammerzofe in Alexandrinern rede und daß ihre Nachthaube sogar die
Würde einer goldpapiernen Krone haben mußte, war hartnäckig und
verliebt. Neben ihr war der Markgraf, der schöne Mann, stark- und
schlankgliedrig, mit feurigen Augen und einer fränkischen Habichtsnase,
so steif und feierlich geworden wie ein Rabe, und er hielt das Lachen
für eine verpönte und unanständige Vernachlässigung der Gesichtsmuskeln.
Lady Craven hatte ihn mit Aufgebot ihres ganzen Witzes und ansteckenden
Kaskadengelächters bekehrt. Aber kann man einen ins Wasser fallenden
Stein davon bekehren, auf den Grund zu sinken? Man kann ihn eine Weile
halten, dann krampft sich der Arm; schließlich folgt er seinem Gesetz.
Die Lady klagte, in Deutschland vergehe einem das Lachen, und sie wolle
den Tag nicht abwarten, wo man sie zwingen werde, zu weinen.
Sie hatte ihr Ziel; es zu verbergen, hatte sie wenig Grund. Sie träumte
von der Markgrafenkrone und der Legitimität, deren sie sich als Lord
Berkeleys Tochter wohl würdig fand. Die Markgräfin war kinderlos; das
ihr anhaftende Körpergebrechen, das sie seit ihrem dreizehnten Jahre
plötzlichen Unfällen aussetzte, hatte sie zur Ehe untauglich gemacht.
Nun war sie krank, hielt sich im entlegensten Zimmer des Schlosses wie
in einer Höhle verkrochen und spielte mit ihren zwei Hofdamen unablässig
das einfältige Kartenspiel Grabüge. Auf ihr Ableben durfte gerechnet
werden; dann erst konnte Lady Cravens Zeit beginnen. Dann wollte sie in
diesem Nebel- und Ginsterland Feste feiern, wie sie nie zuvor gesehen
worden; fort dann mit dem Barackengerümpel um das Schloß, Augenhohn,
worin feiste dumme deutsche Bürger maulwurfhaft hausten, ihr bittres
Bier soffen, ihre Kinder zeugten, ihre Fladen buken und ihre Wäsche
wuschen; Paläste sollten da entstehen und niemand in ihrer Nähe sollte
die verhaßte Sprache reden, die sich höchstens für die Zungen von
Fuhrknechten und Spittelweibern eignete und klang, wie wenn man mit
Stöcken an eine morsche Tür trommelt.
Indessen aber gingen die Jahre hin; der feuchte Flor auf den Wangen
büßte den Schimmer ein; verwünschte zarte Rillen zerstörten das Email
der Stirn; Lippenlächeln starb oft hinter den Zähnen schon, die Königin
von Frankreich kam mit einem zweiten Kind nieder; das Konklave wählte
einen neuen Papst; verkündigte Kometen erschienen am Firmament; Perlen
in den Gehängen wurden krank; Menschen, mit denen man im Hydepark
geritten, starben; Hunde, die man geliebkost, verendeten; Briefe, die
man einst feurig durchflogen, vergilbten: Zeit, Zeit, Zeit; Ungeduld,
Ungeduld, Ungeduld; die Sanduhr lief, kehr sie um; das Pendel schwang,
zieh das Uhrwerk auf; Schäferstunden wurden fade, Spiegel blind.
Goldleisten bräunten, in Schränken pochte der Wurm, die Stadt wurde
immer leichnamähnlicher, das Land immer grauer, und der Herr über all
dem immer übellauniger.
Pflichtschuldiger Besuch bei der Markgräfin; sie spielt Grabüge; sie
lebt, sie lebt: wozu noch? wie lange noch? Man empfängt den preußischen
Ambassadeur; der arme Krüppel hat das Podagra und erzählt Anekdoten, in
denen eine kümmerliche Pointe schwimmt, wie ein einzelnes Fettauge auf
einer Wassersuppe. Freifrau von Hornberg läßt sich zur Visite melden;
sie hat einen Schmerbauch, das Gehirn eines Kolibri und schnattert von
Heidenmissionen und Kaffeekränzchen. Pastor Nebenius bittet kniefällig
um Annahme des Protektorats über den Verein zur Hebung des Glaubens;
Staatsrat Regenauer medisiert geistlos über adlige Affären. Es wimmeln
Heiducken, Fouriere, Kammerlakaien, Hofoffizianten, Schloßverwalter,
Sekretäre, Minister; Worte plätschern, Gesichter glotzen, Hände sind
geschäftig; Dinge, Dinge, Dinge; Zeit, Zeit, Zeit; und der Herr
versunken in das Studium, wie dem Jammer der Menschheit zu steuern sei.
Um der kinnladenerstarrenden Langeweile abendlicher Assembleen zu
entfliehen, schützte sie bisweilen Migräne vor und zog sich in ihre
Gemächer zurück, um sich von ihrer Dame, Frau von la Roche, vorlesen zu
lassen. Doch die erhabensten wie die pikantesten Schriftsteller aller
Nationen halfen ihr über die rasende Ungeduld nicht mehr hinweg. Da
hatte Herr von Künsperg, einer der Jasager vom jüngsten Jahrgang, den
Einfall, aus Chroniken und überlieferten Niederschriften Skandalosa der
beiden markgräflichen Häuser für sie zusammenzustellen und ins
Französische zu übersetzen, und es tauchten kuriose Geschichten auf, die
das farblose Faltentuch der Vergangenheit frech auseinanderrissen und
ein Etwas darboten, das die Mitte hielt zwischen Fastnachtsschwank und
Totentanz.
Es erschien das Scheuersubjekt, das der Markgraf Carl Wilhelm, der Vater
Alexanders, aus dem Schmutzwinkel der Küche auf sein hochfürstliches
Lager gehoben hatte. Darüber schlugen die verschwägerten Häuser Lärm;
der Kaiser sandte an Seine Liebden eine zur Mäßigung mahnende Epistel,
und das Scheuersubjekt mauste die im Tresor verwahrten Kostbarkeiten,
stieß wohledle Damen vor den Kopf, führte den Herrn an der Nase herum,
brachte für ihre Bastardbrut erstaunliche Summen beiseite und wußte sich
schließlich auch noch die Freiherrnkrone zu erschleichen.
Lady Craven kicherte.
Da war die Geschichte mit dem Juden Ischerlein und dem roten Adlerorden
in Brillanten, den der kleine Markgraf dem großen König von England
überschickte, um ihn auszuzeichnen. Als nun lange Zeit verfloß und der
Markgraf vom König keiner Antwort gewürdigt wurde, befahl dieser, die
Sache zu untersuchen, und es ergab sich, daß Ischerlein, der Juwelier,
falsche Diamanten verwendet hatte. Der Markgraf ließ den Juden holen und
sodann den Scharfrichter. Der Jude wurde an einen Stuhl gebunden, und
als er den Henker kommen sah, sprang er auf mitsamt dem Stuhl, rannte
unter dem brüllenden Gelächter des Markgrafen um den langen Tisch herum,
der im Saale stand, immer mit dem angebundenen Stuhl, der Scharfrichter
hinter ihm drein, bis ihm der auf Befehl des Herrn über den Tisch hinweg
den Kopf abhackte.
Die Lady schauderte.
Sie erfuhr von der Markgräfin Sophie, die, so schön sie war, eine noch
schönere Tochter hatte. Eben deren Schönheit erregte ihren Neid und ihre
Eifersucht dermaßen, daß sie einem Junker Wobeser viertausend Dukaten
versprach, wenn es ihm gelänge, die Prinzessin zu entehren. Das junge
Mädchen begegnete ihm aber mit solcher Geringschätzung, daß schon die
Versuche, sich ihr zu nähern, fehlschlugen. Da versteckte er sich mit
Hilfe der Mutter im Schlafzimmer der Tochter; die Dienerschaft war
bestochen, die Markgräfin sperrte die Kammer von außen zu, und so setzte
er sich trotz Bitten, Tränen und wildem Sträuben in den Besitz des
schönen Mädchens. Nachher floh der Unhold; die Prinzessin, halb im
Wahnsinn, gebar Zwillinge, zwei Wesen, schwarz im Gesicht wie Tinte; die
Markgräfin machte die Schande der Tochter öffentlich bekannt, so daß der
Prinz von Culmbach von der Bewerbung um sie sogleich abließ; die
unseligen Kinder endeten durch Mord, und die Prinzessin verweinte ihr
ferneres Leben auf der Plassenburg in Gefängnishaft.
Die Lady sagte leise vor sich hin: »Kri-Kri«, wie ein Vogel, der
hungrig und traurig ist. Sie hatte oft diesen Laut, der aus Verwunderung
und Ekel gemischt war. Träumerisch schaute sie in den Kamin, wo das
Buchenholz verbrannte, dann gebot sie der Dame la Roche, nachzusehen, ob
es noch regne. Ja, es regnete, und über der Stadt lag Ruhe wie schwarzes
Blei. Dann wünschte die Dame la Roche mit Hofknix gute Nacht; dann
knackten die Dielen, und es raschelte in den Mauern, dann kam, wenn die
Stunde noch weiter vorgerückt war, der Markgraf. Man hätte denken
sollen, er sei von der Liebe hergetrieben, und so war es auch im Grunde;
doch warb er nicht, lächelte nicht, redete nicht, sondern wartete
griesgrämig und verdrossen, daß man den Tribut seiner Liebe
entgegennahm.
Die Lady lehnte den kleinen Kopf an seine mächtige Schulter und sagte
leise vor sich hin: »Kri-Kri«.