Unter den markgräflichen Komödianten war ein gewisser Ludwig Taube,
ehedem jugendlicher Liebhaber, mit den Jahren für das Fach unbrauchbar
geworden und nach Aussage der Kenner wie des Direktors wegen mangelnden
oder versiegten Talentes in keinem andern zu verwenden. So wurde er im
kernigsten Alter, er war Mitte der dreißig, außer Tätigkeit und Wirkung
gesetzt, und daß man ihn nicht entließ, hatte er nur einem mit
Vergeßlichkeit gemischten Mitleid zu verdanken. Er wurde übersehen, weil
er sich so wenig wie möglich bemerklich machte, und man zahlte ihm die
bettelhafte Gage weiter, damit er, ohnehin in kümmerlichsten Umständen
lebend, mit den Seinen nicht völlig im Elend verkomme. Ein paarmal hatte
er um Verwendung in komischen Rollen gebeten, für die er seiner Meinung
nach »ein besonderes Faible und expressives Penchant« hege, wie es in
der betreffenden Bittschrift hieß; aber mit dieser überheblichen
Forderung war er schroff abgewiesen worden, da das komische Fach »zur
Zufriedenheit des hohen Adels und günstigen Publici« vertreten sei. Die
Kollegen lachten ihn aus, und der bestallte Komiker ging seitdem nie
ohne verachtungsvollen Blick an ihm vorüber. »Was so ein Hungerleider
unverschämt ist«, sagte er, der auch nicht an Lukulls Tisch gemästet
war.
Taube lebte mit einem Frauenzimmer im gemeinsamen Haushalt, das älter
als er und in glücklichen Zeiten Koloratursängerin am herzoglichen Hof
zu Stuttgart gewesen sein sollte. Das war lange her; nun war sie
häßlich, verrunzelt, vom Leben gebrochen und getraute sich nur des
Abends aus ihrem Loch von Behausung, da sie bloß erbärmliche Fetzen zum
Anziehen besaß. Sie hatten einander nicht geheiratet, um die Kosten der
Eheschließung zu ersparen; da sie zum Komödiantenpack gehörten, wurde
dessen nicht groß geachtet, aber trotzdem der Pfarrer ihren Bund nicht
gesegnet hatte und trotz ihrer von Tag zu Tag wachsenden Armut herrschte
das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und weder Nachbarn noch die
Bekannten wußten zu sagen, daß sie je Zank und Streit gehabt hätten.
Drei Kinder waren ihnen gestorben; das vierte, drei Jahre alt, war ein
Mädchen und hieß Rebekka, gerufen Beckchen. Das Kind war der Stolz und
die Freude von beiden, wenn sie auch um seine Zukunft große Sorge
hatten, und die demnächst wieder zu erwartende Vergrößerung der Familie
die Gedanken darüber nicht heiterer machte.
Da geschah es, daß Ludwig Taube eines Morgens vor der Probe infolge
eines Fehltritts vom Schnürboden herabstürzte, sich die Schulter
verrenkte und das Nasenbein zerbrach. Man brachte ihn ins Krankenhaus,
und dort zeigte es sich, daß auch sein Geist gelitten haben mußte, denn
er redete allerlei ungereimtes Zeug, halb prahlerisch, halb aufsässig,
und verlangte einmal um Mitternacht, man solle ihm auf der Stelle
#potage à la Richelieu# bringen und gehackten Rinderbraten mit
Weinbrühe. Als er notdürftig geheilt war, holte ihn sein Weib ab, führte
den düster vor sich hin Starrenden nach Hause und kochte ihm eine
Kartoffelsuppe. Vier Tage lag er stumm und bleich auf dem Strohsack, der
Jammer sah ihm aus den Augen, denn daß man ihn nun als halben Krüppel
auf die Straße setzen werde, war mit Sicherheit zu erwarten. Bitter
sagte er zu seiner kleinen Tochter, die darüber verwundert die
zartgebogenen Brauen rundete: »Beckchen, es ist am gescheitesten, wir
schnüren dir dein Ränzel und du marschierst ins Paradies; mit deinem
gegenwärtigen Sündenregister wird dies noch glücken, später ists
unweigerlich die Hölle.« Florine, seine traurige Gesponsin, verwies ihm
die Worte, aber auch sie horchte immerfort ängstlich nach der Tür und
glaubte den Amtsboten mit dem Entlassungsdekret bereits unterwegs. Auch
war die schwere Stunde ihres Leibes nah.
In der nächsten Nacht klopfte es am Tor; alsbald traten drei Männer in
die Stube und forderten Ludwig Taube auf, ihnen zu folgen. Erklärungen
waren überflüssig. Was solcher Besuch zu bedeuten hatte, wußte jedes
Kind. Florine brach in Geschrei aus. Beckchen stand mit offenem Mund,
und die braunen Augen glänzten erschrocken. Taube sagte: »Ich gehe
nicht; wollt ihr mich haben, so müßt ihr mich mit Gewalt nehmen.« Das
setzte die Leute nicht in Verlegenheit; des schwächlichen Männchens war
leicht Herr zu werden. Sie holten Stricke heraus und banden ihm die
Hände. Ludwig Taube lachte schallend. »Ich wollte eine Rinderbrust
haben, und ihr verhelft mir vielleicht zu einer fetten Büffelkeule; auch
gut; gesotten oder gebraten, Fleisch ist Fleisch.« Florine lehnte an der
Mauer und breitete die Arme aus wie eine Gekreuzigte; Beckchen fing an
zu weinen. »Ruhig, Beckchen,« herrschte sie Taube an, »spar dir die
Tränen auf den fünften Akt, jetzt ist noch nicht mal der zweite. Geh in
den Oberstock und sag der Madam Heberlein, daß sie die Hebamme ruft,
deine Mutter will dir heut nacht noch Gesellschaft geben. Also, ihr
Leute, auf in die Ferne«, wandte er sich gegen die Häscher, und die
führten ihn am Strick durchs Zimmer wie einen Hammel. Er lachte
abermals, warf Florine eine Kußhand zu und rief: #»Addio, cara mia,# auf
ein seliges Sterben.« Die Häscher grüßten und sagten: »Das ist
wenigstens mal ein Lustiger.«
Er wurde in das Schrannenhaus verbracht, wo sich noch viele befanden,
hundert oder mehr, und warten mußten, bis die festgesetzte Zahl der
jeweilig zu Verschickenden erreicht war. Das dauerte immerhin noch drei
Wochen, und in dieser Zeit erfuhr er, daß Florine am fünften Tag ihres
Kindbetts gestorben sei und das Neugeborene gleich danach. »Man sollte
nicht glauben, was so ein hundsarmer Teufel für ein guter Prophet sein
kann, wenns ihm an den Kragen geht«, sagte er mit verbissenen Zähnen,
blieb bis zum Abend in eine Ecke gekauert und erkundigte sich dann bei
seinen Gefährten, ob sie nicht ihre Groschen zu einem solennen
Leichenschmaus zusammenlegen wollen. Da er zu wissen begehrte, was mit
Beckchen geschehen sei, denn das Schicksal des über alle Maßen von ihm
geliebten Kindes beunruhigte ihn im Innersten seines Gemüts, überredete
er einen Sergeanten mit guten Worten dazu, daß er Nachricht einziehe,
und der teilte ihm dann auch mit, das Mädchen sei im Pescanellischen
Aufzuchtsinstitut untergebracht worden. Da wurde er weiß wie eine
Kalkwand, und nach langem Schweigen, während dessen ihm der kühle
Schweiß auf die Stirn getreten war, sagte er, es sei doch wunderbar, daß
man hierzulande schon den Säuglingen das Menuett und den #Pas de deux#
beibringe; wo einem von früh auf die Grazie in die Knochen gehämmert
würde, könne es nicht schief gehen. »Ich habe ihr gut geraten mit dem
Paradies«, fügte er salbungsvoll wie ein Pfaffe hinzu.
Es war nämlich offenes Geheimnis, daß die Pescanellischen Zöglinge einer
höchst grausamen Behandlung ausgesetzt waren. Von Zeit zu Zeit
verbreitete sich immer wieder das Gerücht, daß so ein Wesen elend
verdorben und gestorben und in aller Stille verscharrt worden sei.
Der Transport, mit dem Ludwig Taube gehen sollte, war eben der, dem der
Markgraf sein Geleit verheißen hatte. Vierhundertsechzig Leute; in barem
Geld ausgedrückt an zweimalhundertfünfzigtausend Gulden; das war schon
der Mühe wert, das Roß zu besteigen und zwanzig Meilen weit zu reiten.
Bereits beim Abmarsch von der Schranne fielen Widersetzlichkeiten vor.
Da wurde eine große Anzahl wie die Schlachttiere geknebelt und auf
Leiterwagen gepackt. Der Markgraf war mit seiner Pracht- und
Leibkompagnie nach Stefft vorausgeritten. Als der lange Zug der Rekruten
und Fuhrwerke angekommen war, postierte er sich mit der gespannten
Büchse und in seine Wildschur gehüllt an der Schiffstreppe und sah mit
strengen Blicken zu, wie die kostbare aber schmutzige und häßliche
Menschenfracht verladen wurde. Als die meisten schon sicher verstaut
waren, entriß sich einer von den letzten, die aufs Deck geschleppt
wurden, blitzschnell den Armen der Wächter und Soldaten, rannte mit
geballten Fäusten und furchteinflößenden Mienen geradeswegs auf den
Markgrafen zu, brüllte dumpf, mehr gegen den Himmel empor als gegen den
entsetzt zurückweichenden Fürsten, kehrte sich mit gräßlichem
Kopfschütteln plötzlich ab, da er sich ohne Zweifel darüber klar wurde,
daß die geheiligte Person vor ihm stand, eilte ans Schiffsgeländer und
sprang, ehe es jemand hindern konnte, mit einem Aufschrei in den Strom.
Das Wasser war jedoch an jener Stelle weder tief noch reißend, und so
war es ein paar Schifferknechten, die ihm schleunigst nachsprangen, ein
Leichtes, ihn wieder aus den Fluten zu ziehen.
Der Markgraf war Zeuge, wie sie den triefenden Körper an Bord brachten.
Er sah das fahle, hohle, todähnliche Gesicht mit dem zerbrochenen
Nasenbein und erkundigte sich, wer der Mensch sei. Er hieße Taube, wurde
geantwortet, und sei Komödiant im Dienste Seiner Gnaden gewesen, ehe ihn
das Los getroffen, für die Glorie Englands ins Feld zu ziehen.
Eigentlich hätte der Mensch für das #crimen majestatis# erschossen
werden müssen, doch im Hinblick auf den damit unvermeidlichen Entgang
des Heuergeldes wurde er zu Prügelstrafe und dreitägigem Liegen im Block
verdammt, nachdem er sich von seinem verzweifelten Bad erholt haben
würde.
Der Markgraf sah auch die andern Gesichter, die scheuen, bösen,
kranken, müden, vorwurfsvollen, wuterfüllten, stumpfen. Er hing die
Flinte mit dem Riemen über die Schulter, stieg schweigend über die
Treppe ans Ufer zurück, bestieg sein Roß und ritt mit düsterer Stirne
heimwärts. Er hatte das bittere Gefühl eines Mannes, dessen redliche
Absichten verkannt werden und der Undank erntet, wo er nur das Glück der
andern im Auge hat.
Als er am nächsten Abend durch das Tor in seine Hauptstadt einritt, warf
sich ein Haufe flehender Weiber vor die Beine seines Pferdes hin. Die
Gardehusaren mußten sie erst mit Gewalt auseinandertreiben, so dicht
lagen sie auf dem Weg in ihrem Unrat und so frech waren sie
entschlossen, sich Gehör zu verschaffen. Da brach die Bitterkeit des
Markgrafen in helle Entrüstung aus, und er rief, wenn man so mit ihm
umgehe und sein herzliches Wohlmeinen derart für nichts achte, so wolle
er sich um dieses liederliche und mißratene Volk in Zukunft überhaupt
nicht mehr kümmern. »Sie werden bald an sich gewahren,« fügte er
grollend hinzu, »daß ich meine Hand von ihnen abziehe.«
Hierzu konnte er sich nicht entschließen, aber was sich daraus weiter
ergab, war auch nicht erfreulich.